Editorial bwp@50

EDITORIAL zu Ausgabe 50:
Nachhaltigkeit in der Berufsbildung – kritisch-konstruktive Bilanzierung

Der Diskurs um Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung hat in den vergangenen 25 Jahren eine bemerkenswerte Dynamik entfaltet. Angefangen mit einzelnen Explorationen Ende der neunziger Jahre, folgten bildungspolitisch strukturell aufgesetzte Innovationsprogramme. Diese Auseinandersetzung bereicherte nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs zu einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) als eigenem Diskursstrang neben der in der Allgemeinbildung geführten Diskussion um eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Vielmehr wurden durch die strukturelle Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung in den letzten Jahrzehnten auch didaktische, pädagogische und organisationale Innovationen auf praktischer Ebene entwickelt, die sich aktuell in einem breiten Transfer niederschlagen. Neben diesen grundsätzlichen Erfolgen offenbart die Diskussion jedoch auch Grenzen, Ambivalenzen und blinde Flecken. Dazu zählen beispielsweise die ausgeprägte Förderung von Projekten mit einem starken Umsetzungsfokus bei wenig ausgeprägter Grundlagenforschung, die Diskrepanz zwischen Kompetenzrhetorik und systemischer Verankerung, die ungleiche Elaboration zu verschiedenen Berufen sowie die Spannung zwischen politischen Strategien und schulischer sowie betrieblicher Realität. Auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Dimensionen einer BBNE ist nach wie vor unterbelichtet. Zu nennen sind hier beispielsweise die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Nachhaltigkeit und Demokratie in der beruflichen Bildung sowie Fragen zu sozialer Gerechtigkeit, globalen Perspektiven oder dem Verhältnis von Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

Der Zeitpunkt für eine kritische Bilanzierung dieser Entwicklungen sowie der Grenzen, Ambivalenzen und blinden Flecken ist daher gut gewählt. Genau damit setzt sich die Ausgabe bwp@ 50 auseinander. Es geht darum, Erreichtes sichtbar zu machen, systematische Lücken und bestehende Herausforderungen zu identifizieren sowie Potenziale für die Weiterentwicklung von Wissenschaft, Politik und Praxis von Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung zu eröffnen. Damit kann ein fundierter Überblick über die Potenziale für die Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsdiskurses in der beruflichen Bildung in Deutschland und auch darüber hinaus gegeben werden.

Die Beiträge sind in folgende vier Teile gegliedert:  

Teil 1: Bilanzierung von (inter)nationalen Programmen

In den vergangenen Jahren sind viele Programme und Rahmenvereinbarungen entstanden, darunter die UN-Agenda 2030, der nationale Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie Bund-Länder-Vereinbarungen. Die Beiträge in dieser Rubrik ziehen Bilanz zu diesen Entwicklungen und zeichnen ein teilweise kritisches Gesamtbild der BBNE. Zugleich formulieren sie Impulse für eine Weiterentwicklung der BBNE-Aktivitäten. Ergänzend wird auch der wissenschaftliche Diskurs zur BBNE selbst bilanziert.

Der Diskussionsbeitrag von Julia Kastrup (FH Münster) und Werner Kuhlmeier (ehemals Universität Hamburg) zieht eine Bilanz der Entwicklung der BBNE in den vergangenen zehn Jahren auf Grundlage des Nationalen Aktionsplans Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dabei werden zentrale Grenzen, Lücken und bestehende Handlungsbedarfe herausgearbeitet sowie Impulse für die zukünftige Ausgestaltung der BBNE gegeben.

Der Forschungsbeitrag von Thilo J. Ketschau (Universität Kiel) und Christian Steib (KIT) rekonstruiert zentrale Diskurslinien der BBNE und zeigt deren bislang vorherrschend funktionalistische Ausrichtung. Auf Grundlage der kritisch-emanzipatorischen Bildungstheorie Herwig Blankertz’ wird argumentiert, dass BBNE über eine bloße Anpassung an arbeitsmarktbezogene Nachhaltigkeitsanforderungen hinausgehen muss. Stattdessen wird sie als normativ-politisches Transformationsprojekt gefasst, das auf Mündigkeit, Kritikfähigkeit, demokratische Teilhabe und soziale Gerechtigkeit zielt.

Julia Hufnagl (Universität Lüneburg), Karina Kiepe (Universität Paderborn) und Harald Hantke (Universität Lüneburg) nehmen den wissenschaftlichen Diskurs zur BBNE selbst in den Blick. In einer explorativen Mapping-Studie ordnen sie 57 Beiträge, die zwischen 2001 und 2026 in bwp@ erschienen sind, nach Forschungsmodus, Wissensform und Transformationsanspruch ein. Die Ergebnisse zeigen eine Dominanz gestaltungsorientierter, häufig drittmittelfinanzierter Forschung mit einem überwiegend technisch-instrumentellen Transformationsverständnis. Zudem besteht ein Desiderat in Richtung einer stärkeren theoretischen und normativen Fundierung der BBNE.

Die Autoren Stephan Stomporowski und Adrian Schmitz (Universität Bonn) werfen in ihrem Diskussionsbeitrag „Irrwege der Nachhaltigkeit: Eine kritisch-konstruktive Bilanzierung aus ökologischer Perspektive“ einen kritischen Blick auf die bisherige berufsbezogene Nachhaltigkeitsdebatte. Häufig gehe der Diskurs von einer gleichwertigen Behandlung ökologischer, ökonomischer und sozialer Dimensionen aus. Sie werfen jedoch die Frage auf, wie diese Komplexität der Themenfelder überhaupt pädagogisch eingelöst werden kann und ob dies nicht zu didaktischen Überforderungen führt.

Die Autorinnen Ann-Katrin Voit (Hochschule Essen) und Mouna Thiele (Hochschule Düsseldorf) untersuchen die Bedeutung der sozialen Dimension im Diskurs der BBNE. Auf Grundlage theoretischer Konzepte wie Just Transition und dem Capability Approach wird analysiert, inwieweit soziale Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung verankert ist. Die Ergebnisse zeigen, dass diese bislang meist nur indirekt und wenig systematisch berücksichtigt wird und häufig als nachgeordnete normative Ergänzung erscheint, wodurch deutliche theoretische und konzeptionelle Defizite sichtbar werden.

In dem Beitrag von Marcus Eckelt (Universität Konstanz) und Rita Meyer (Universität Hannover) wird die mit der Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen in Costa Rica verbundene Erwartung reflektiert, dort mit deutscher Unterstützung einen Beitrag zu einer sozial und ökonomisch nachhaltigen Bildungsarchitektur zu leisten. Mit Blick auf die Förderung und Kooperation internationaler Projekte werden hier die Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsaufenthalten in Costa Rica kritisch und konstruktiv diskutiert.

Teil 2: Bilanzierung von Institutionen und Förderprojekten

Diese Rubrik bündelt sechs Beiträge, die der Frage nachgehen, welchen Beitrag zentrale Einrichtungen, Forschungsarbeiten und Förderprogramme zur Entwicklung, Erprobung und Verbreitung nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung leisten und wie Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe in den Lernorten der Berufsbildung sowie in Arbeits- und Geschäftsprozessen verankert werden kann.

Der Beitrag „Soziale Nachhaltigkeit als strategische Herausforderung“ von Jana Wienberg, Sarah Styles und Hannah Zoller (University of Labour, Frankfurt am Main) analysiert die strategische Verankerung sozialer Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung und verdeutlicht deren Bedeutung als Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit beruflicher Bildung und organisationaler Transformation. Dabei zeigt sich insbesondere, dass soziale Nachhaltigkeit gegenüber ökonomischen Aspekten bislang nachrangig behandelt wird und daraus spezifische Kompetenzbedarfe resultieren.

Der Beitrag von Nadja Hemming, Per Kropp, Sebastian Schuhmann, Franziska Hein-Pensel und Stefan Theuer (Kompetenzzentrum KMI Leipzig und IAB) stellt die Veranstaltungsreihe „Future Skills – Betriebliche Weiterbildung im Mitteldeutschen Revier“ vor, im Rahmen derer untersucht wurde, wie der Wissenstransfer zwischen Akteur:innen der Weiterbildungslandschaft verbessert und regionale Netzwerke nachhaltig gestärkt werden können.

Welche Rolle spielen kooperative Netzwerke bei der Implementierung nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung? Dieser Frage gehen Julian Breitenstein (Hochschule Osnabrück) und Kristina Trampe (Universität Osnabrück) am Beispiel des Verbundprojekts NAWiGaLa „Qualifizierung für nachhaltiges Ausbilden und Wirtschaften im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau“ nach. Netzwerkakteure wie Verbände, Kammern und Fachschulen übernehmen dabei ergänzende Funktionen für Reichweite, Vertrauensbildung und institutionelle Verankerung. Zugleich zeigt sich, dass Netzwerke allein keine nachhaltige Transformation gewährleisten, sondern strukturelle Veränderungen in Curricula, Prüfungen und Weiterbildung erforderlich sind.

Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit in der Berufsvorbereitung? Dieser Frage gehen Katharina Hartwich und Dietmar Heisler (Universität Paderborn) nach. Ihr Beitrag zeichnet die strukturellen und konzeptionellen Entwicklungen der BvB-Maßnahmen sowie die zunehmende Etablierung des Nachhaltigkeitsdiskurses in der beruflichen Bildung seit den 1970er Jahren nach.

Kerstin Duemmler (Haute école fédérale en formation professionnelle HEFP, Renens), Lona Widmer (Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung, Zollikofen) und Agathe Delanoe (HEFP) gehen in einer qualitativen Studie mit Auszubildenden im Beruf Heizungsinstallateur:in in der Schweiz der Frage nach, inwiefern sich angehende Fachkräfte als Akteur:innen der Energiewende verstehen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich trotz vorhandener nachhaltiger Handlungsmöglichkeiten nur ein kleiner Teil der Befragten als aktive Treiber der Energiewende begreift.

Welche Rolle spielt die duale Berufsausbildung in der Unternehmensberichterstattung? Dieser Frage gehen Hoang Long Nguyen und Kathrin Krüger (SRH Fernhochschule) in ihrem Beitrag nach. Auf Grundlage einer Analyse von Nachhaltigkeitsberichten der DAX-40-Unternehmen zeigen sie, dass über das Engagement in der dualen Berufsausbildung bislang nur in begrenztem Umfang berichtet wird.

Teil 3: Bilanzierung von Konzepten, Curricula und Lehr-Lern-Arrangements

Im dritten Teil der Ausgabe rücken die Umsetzungserfahrungen nachhaltigkeitsbezogener Ansätze in beruflichen Schulen und Betrieben, in der Lehrkräftebildung sowie in Curricula in den Fokus. Dabei werden Fragen der Didaktik ebenso aufgegriffen wie Unterschiede zwischen beruflichen Domänen. Nicht zuletzt wird die Praxis beruflicher Bildung im Kontext aktueller gesellschaftspolitischer Herausforderungen diskutiert.

Der Beitrag von Wilhelm Trampe und Kristina Trampe (Universität Osnabrück) entwickelt Konturen einer kritisch-transformativen Didaktik der BBNE. Ausgehend von einer Kritik vorherrschender, vor allem funktional ausgerichteter Nachhaltigkeitsverständnisse werden zentrale didaktische Ansätze der BBNE sowie zugrunde liegende Transformationskonzepte reflektiert. Darauf aufbauend werden didaktische Orientierungen herausgearbeitet, die Berufsbildung als Raum für Reflexion, demokratische Aushandlung und aktive Mitgestaltung sozial-ökologischer Transformationsprozesse verstehen.

Alexander Koller (Universität Erlangen-Nürnberg) und Yoke-Lee Roth (TU Dortmund) geben einen systematischen Überblick über den Forschungsstand zur Didaktik der BBNE im berufsbezogenen Unterricht. Auf Grundlage eines Literaturreviews nach PRISMA-Standard werden zentrale didaktische Konzepte, Strukturmuster, Spannungsfelder und Forschungslücken identifiziert und entlang des Berliner Didaktik-Modells eingeordnet. Die Ergebnisse bündeln den aktuellen Diskurs, systematisieren bestehende Ansätze und zeigen Perspektiven für die theoretische Weiterentwicklung sowie die Gestaltung nachhaltigkeitsorientierter Lehr-Lern-Arrangements auf.

Der Beitrag von Antje Goller und Jana Markert (TU Dresden) analysiert die curriculare Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der beruflichen Lehrkräftebildung der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft. Auf Grundlage einer deutschlandweiten curricularen Analyse wird untersucht, in welchem Umfang Nachhaltigkeitsbezüge in Studienstrukturen integriert sind. Die Ergebnisse zeigen eine insgesamt heterogene Implementierung, die bislang überwiegend auf Modulebene erfolgt und nur begrenzt in Studien- und Prüfungsordnungen verankert ist.

Christian Schmidt (Universität Siegen) untersucht die Verankerung von Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen und Lehrplänen ausgewählter dualer Ausbildungsberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft. Auf Grundlage im Fachdiskurs entwickelter Kompetenzprofile und curricularer Anforderungen analysiert er, in welchem Umfang und mit welchen Schwerpunkten Nachhaltigkeitsaspekte in den Ordnungsmitteln berücksichtigt werden. Die Analyse zielt darauf ab, den Stand der curricularen Umsetzung systematisch einzuordnen und bestehende Entwicklungslinien sichtbar zu machen.

Der Beitrag von Alicia Janica Moss, Alina Hank, Heye Saathoff und Andreas Slopinski (Universität Oldenburg) zieht eine Bilanz der Verankerung von Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung der Transport- und Logistikbranche. Untersucht wird, inwiefern Nachhaltigkeit in den Ordnungsmitteln relevanter Berufe verankert ist und welche Berührungspunkte Auszubildende in ihrer Ausbildung wahrnehmen. Methodisch basiert die Analyse auf einer qualitativen Inhaltsanalyse der Ordnungsmittel sowie leitfadengestützten Interviews mit Auszubildenden, deren Ergebnisse zusammengeführt werden.

Dietrich Wagner (PH St. Gallen), Claudio Sidler und Désirée Makris (Universität St. Gallen) gehen von der Beobachtung aus, dass BNE in den Schweizer Lehrplänen der Volksschule, des Gymnasiums und der Berufsfachschule mit sehr ähnlichen Zielformulierungen verankert ist. Mit dem Konzept der Stufenspezifität entwickeln sie eine analytische Kategorie, mit der sich gemeinsame BNE-Kompetenzziele entlang von Bildungsauftrag, Inhaltsbereichen und Lehr-Lern-Prozessen stufengerecht differenzieren lassen.

Uwe Krakau, Lisa Brück und Julia Ziobrowski (btg - Berufskolleg für Technik und Gestaltung der Stadt Gelsenkirchen) stellen ein Simulationsspiel als Lehr-Lern-Arrangement zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener Handlungskompetenzen im Berufskolleg vor. Am Beispiel des Berufskollegs für Technik und Gestaltung Gelsenkirchen wird die Entwicklung, didaktische Konzeption und Erprobung im Rahmen eines internationalen Projekts beschrieben. Der Beitrag versteht sich als Good-Practice-Beispiel und bilanziert die Potenziale sowie Erfahrungen bei der Umsetzung von BBNE in der schulischen Praxis.

Der Beitrag von Julia Hufnagl, Julia Haslinger und Silvia Annen (Universität Bamberg) zeigt den Einsatz von Design Thinking als didaktischen Ansatz zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen in der Hochschullehre. Auf Grundlage einer Tagebuchstudie wird analysiert, wie Studierende den Lernprozess, ihre Kompetenzentwicklung sowie die Umsetzbarkeit der Methode einschätzen. Die Ergebnisse zeigen das Potenzial von Design Thinking für die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit und verweisen zugleich auf spezifische Anforderungen bei der Implementierung in der hochschulischen Professionalisierung beruflichen Bildungspersonals.

In seinem Beitrag reflektiert Alexander Koller (Universität Erlangen-Nürnberg) die Verankerung von BBNE in der universitären Lehrkräftebildung am Beispiel eines Masterseminars der Wirtschaftspädagogik, in dem Studierende gemeinsam mit schulischen und betrieblichen Partnern nachhaltigkeitsorientierte Lernsituationen entwickeln, erproben und reflektieren. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Konzept grundsätzlich zur Verankerung von BBNE in der ersten Phase der Lehrkräftebildung eignet. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Erfolg nicht allein von der Intensität der Kooperation abhängt, sondern ebenso von Merkmalen professioneller Lerngemeinschaften.

Reimar Toepell (Heinrich-Hertz-Schule Karlsruhe) und Eike Zimpelmann (KIT Karlsruhe) berichten über den ersten Durchlauf einer neuen Seminarkonzeption der Fachdidaktik Elektro- und Informationstechnik, in der Studierende arbeitsprozessorientierte Lernsituationen mit – unter anderem nachhaltigkeitsorientierten – Gestaltungspotenzialen entwickeln und erproben. Grundlage ist das COMET-Kompetenzstrukturmodell, das ganzheitliche Gestaltungskompetenz als Teil beruflicher Kompetenz fasst. Die Erfahrungen zeigen, dass Studierende selbst über entsprechende berufliche Kompetenz verfügen müssen, um gestaltungsorientierte Lehre umzusetzen.

Teil 4: Bilanzierung von Umsetzungserfahrungen

Der vierte Teil der Ausgabe widmet sich der Bilanzierung von Umsetzungserfahrungen der BBNE. Im Zentrum stehen Beiträge zu Gelingensbedingungen, Hemmnissen und strukturellen Herausforderungen ebenso wie praxisorientierte Ansätze zur systematischen Verankerung von Nachhaltigkeit. Die Beiträge verdeutlichen, dass BBNE bislang häufig vom Engagement Einzelner getragen wird und institutionelle sowie ressourcenbezogene Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle für eine nachhaltige Implementierung spielen. Zudem werden die betriebliche Perspektive sowie die Frage aufgegriffen, wie Innovationen aus befristeten Projekten über die Förderlaufzeit hinaus verstetigt werden können. 

Der Beitrag von Andreas Zopff und Mario Reich (Universität Magdeburg) untersucht die Umsetzung nachhaltiger Schulentwicklung im Sinne eines Whole School Approach vor dem Hintergrund des Hamburger Masterplans BNE 2030. Auf Grundlage einer qualitativen Längsschnittstudie an fünf Fällen wird analysiert, wie entsprechende Anforderungen in der schulischen Praxis verstanden und umgesetzt werden. Die Ergebnisse zeigen zentrale Gelingensbedingungen, Unterstützungsbedarfe sowie strukturelle Herausforderungen und verdeutlichen, dass BNE als integraler Bestandteil zukunftsfähiger Schulentwicklung zu begreifen ist.

Ausgehend vom Hamburger Masterplan BNE 2030 werden Maßnahmen zur Verankerung nachhaltiger Entwicklung als leitendes Bildungsziel in der beruflichen Bildung von Thomas Vollmer, Werner Kuhlmeier (ehem. Universität Hamburg) Rainer Pillmann-Wesche (LiA3 Hamburg), Sören Schütt-Sayed und Wilko Reichwein (TU Hamburg) untersucht und weiterentwickelt. Auf Grundlage einer Bestandsaufnahme an beruflichen Schulen sowie einer mehrjährigen wissenschaftlichen Begleitung von Modellversuchen werden Unterstützungs- und Fortbildungsbedarfe identifiziert. Darauf aufbauend wurde ein praxisorientierter „BBNE-Werkzeugkasten“ für Lehrkräfte entwickelt, erprobt und evaluiert.

Ariane Baderschneider und Philip Zerweck (Forschungsinstitut Betriebliche Bildung Nürnberg) zeichnen anhand von fünf Leitfragen nach, wie sich das Verständnis von Nachhaltigkeit im unternehmerischen Kontext vom „grünen Add-On“ hin zu einem Grundprinzip unternehmerischen Handelns wandelt und welche Konsequenzen sich daraus für die BBNE ergeben. Grundlage sind die Erfahrungen aus dem Umsetzungsprojekt BBNE-EcoNet „Nachhaltig im Beruf. Netzwerk für die deutsche Wirtschaft“. Der Beitrag reflektiert dabei die Erfahrungen, zieht aus dem Umsetzungsprojekt Rückschlüsse auf die Theorie und benennt Konsequenzen für die Praxis.

Der Beitrag von Marilisa Ohlwein (Universität Hannover) untersucht die Integration von BBNE in Ausbildungsberufe des Bauwesens. Auf Grundlage qualitativer Expert:inneninterviews mit Lehrkräften wird analysiert, welche Gelingensbedingungen, Hemmnisse und Umsetzungsbedarfe bestehen. Die Ergebnisse zeigen, dass BBNE bislang häufig auf individuellem Engagement basiert und nur begrenzt strukturell verankert ist, wodurch insbesondere institutionelle Rahmenbedingungen, Ressourcenfragen sowie Qualifizierungs- und Vernetzungsbedarfe als zentrale Handlungsfelder hervortreten.

Der Beitrag von Constanze Dorn und Hasan Gencel (Berufliche Schule 2 Nürnberg) thematisiert die Implementierung von BBNE als umfassende Schulentwicklungsaufgabe beruflicher Schulen. Im Fokus stehen dabei Anforderungen an eine systematische, prozessuale und institutionell verankerte Umsetzung sowie die Bedeutung ganzheitlicher Schulentwicklungskonzepte, die strukturelle, didaktische und personale Dimensionen berücksichtigen. Anhand ausgewählter Praxisbeispiele werden erfolgversprechende Ansätze vorgestellt und reflektiert.

Wie lassen sich Innovationen aus zeitlich befristeten Modell- und Förderprojekten verstetigen? Dieser Frage geht Juliana Schlicht (PH Freiburg) am Beispiel der Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“ nach. Auf Grundlage von explorativen Interviews mit zentralen Transferakteur:innen wird untersucht, wie sich der Übergang von der Projektphase in eine Transfer- und Verstetigungsphase gestaltet. Die Ergebnisse zeigen, dass Transfer weniger als lineare Implementierung, sondern als als kontextabhängiger Transformationsprozess zu verstehen ist.

Die vorliegende Ausgabe von bwp@ zeigt, dass die BBNE zwar breit im Diskurs verankert ist und durch zahlreiche Initiativen getragen wird, ihre konkrete Umsetzung und Integration jedoch weiterhin mit vielfältigen Herausforderungen verbunden sind. Zugleich wird deutlich, dass in Teilen des Diskurses weiterer Bedarf an theoretischer Fundierung, konzeptioneller Schärfung sowie grundlegender Forschung besteht.

Wir bedanken uns bei allen, die Beiträge eingereicht haben bzw. bei den Autor:innen der 28 Bei­­träge, die nun online gegangen sind. Mit dem Update im Oktober 2026 sind sieben weitere Beiträge hinzugekommen – wir wünschen eine anregende Lektüre.

Lars Windelband, Karl Wilbers, Julia Kastrup & Harald Hantke
(im Juni 2026, aktualisiert im Oktober 2026)

Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung – ein bilanzierender Rückblick auf ausgewählte bildungspolitische Aktivitäten in den letzten zehn Jahre

1 Einleitung

Seit Ende der 1980er- bzw. Anfang der 1990er‑Jahre ist eine klare Kontinuität in den Bemühungen erkennbar, das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung sowohl in der Allgemeinbildung als auch in der beruflichen Bildung zu verankern. Ein früher Meilenstein war die Agenda 21, die auf der UN‑Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurde. In Kapitel 36 wird der Bildung – und darin explizit auch der beruflichen Bildung – eine zentrale Rolle für die Umsetzung nachhaltiger Entwicklung zugeschrieben. Mit der UN‑Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) wurden neben der Schule auch Hochschule, Kindergarten, außerschulische Bildung und die berufliche Bildung ausdrücklich als Handlungsfelder benannt. Ziel war es das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in alle Bildungsbereiche zu integrieren (UNESCO, 2005, S. 14).

In der beruflichen Bildung sind in diesem Zeitraum zahlreiche Aktivitäten und Projekte entstanden. So wurden über 200 Dekade‑Projekte im Bereich der beruflichen Bildung ausgezeichnet; zudem wurden im Rahmen von Aktionsprogrammen und Modellversuchen wissenschaftliche und praxisorientierte Vorhaben umgesetzt und Ergebnisse in die Aus‑ und Weiterbildung integriert. Gleichwohl blieb die Verankerung häufig projektförmig. Verschiedene Akteure betonen daher die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit künftig strukturell über Ordnungsmittel, Prüfungen, Curricula und andere Systemelemente zu verankern, um BBNE verlässlich und flächendeckend umzusetzen (Deutsche UNESCO-Kommission [DUK] 2013, 2014). Vor diesem Hintergrund beschloss die UNESCO‑Weltkonferenz im November 2014, die Aktivitäten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung von 2015 bis 2019 im Rahmen eines Weltaktionsprogramms fortzuführen (UNESCO 2013). Das Weltaktionsprogramm knüpfte an die Erträge der UN‑Dekade an und zielte darauf ab, Aktivitäten auf allen Ebenen und in allen Bildungsbereichen anzustoßen und zu intensivieren, um den Prozess hin zu nachhaltiger Entwicklung zu beschleunigen. Die UNESCO‑Roadmap zum Weltaktionsprogramm formulierte hierfür einen konkreten Fahrplan.

In Deutschland koordinierte die Deutsche UNESCO‑Kommission – gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) – die Umsetzung der UN‑Dekade und des Weltaktionsprogramms. Dadurch entstanden Plattformen für internationale Kooperation, nationale Koordination und die Einbindung relevanter Stakeholder aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Gerade in der beruflichen Bildung führten diese Prozesse dazu, dass die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) zunehmend als integraler Bestandteil und als Schlüsselfaktor für nachhaltige Entwicklung anerkannt wird. Zugleich wurden Impulse für die strukturelle Verankerung in Ordnungsmitteln gesetzt. Nach fünf Jahren UNESCO‑Weltaktionsprogramm BNE (2015–2019) startete die UNESCO 2020 das Nachfolgeprogramm „Education for Sustainable Development: Towards achieving the SDGs“ (ESD for 2030). Dieses Programm führt den Ansatz des Weltaktionsprogramms fort, verstärkt aber die Ausrichtung an den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Agenda 2030. Damit wird die Berufsbildung erneut in die Verantwortung genommen, Lernende zu befähigen, Arbeits- und Lebenswelten im Sinne nachhaltiger Entwicklung aktiv mitzugestalten und den notwendigen Transformationsprozess von Wirtschaft und Gesellschaft mitzutragen.

In diesem Kontext gewann auch der Nationale Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung (NAP) besondere Bedeutung. Der NAP wurde 2017 von der „Nationalen Plattform Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung herausgegeben. Er bezieht sich direkt auf das Ziel 4.7 der 2015 von den Vereinten Nationen im Rahmen der Agenda 2030 verabschiedeten SDGs. Dieses Ziel fordert, „bis 2030 sicher(zu)stellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben“ (DUK, 2017, S. 8). Damit ist auch für die Zielperspektive des NAP das Jahr 2030 maßgeblich. Der NAP konkretisiert die internationalen Zielsetzungen für den deutschen Kontext und formuliert Handlungsempfehlungen, um BBNE strukturell im deutschen Berufsbildungssystem zu verankern (NAP BNE, 2017, S. 8).

Vor dem Hintergrund dieser (berufsbildungs)politischen Einordnung der BBNE bietet sich für einen bilanzierenden Rückblick auf die Aktivitäten der BBNE in den letzten zehn Jahren dieser NAP als Referenzpunkt mit seinen Zielen und Maßnahmen an, die für die berufliche Bildung ausgegeben wurde. Ziel dieses Beitrages ist eine bilanzierende Zusammenschau vor allem der unterschiedlichen berufsbildungspolitischen und -praktischen Ansätze im Kontext einer BBNE. Der Fokus dieses Beitrags richtet sich dabei ausschließlich auf solche Aktivitäten, die nach 2017 ergriffen wurden und jetzt, knapp fünf Jahre vor Ende der Agenda 2030, umgesetzt worden sind. Im Zentrum stehen Entwicklungen auf Bundesebene; Umsetzungen auf Ebene der Bundesländer und Kommunen können im begrenzten Rahmen dieses Beitrags nicht systematisch berücksichtigt werden – auch wenn sich gerade „vor Ort“ entscheidet, wie Bildungsprozesse konkret gestaltet und gelebt werden.

Bei den in der folgenden Bilanzierung berücksichtigten Aktivitäten handelt es sich vornehmlich um Maßnahmen, die entweder direkt von berufsbildungspolitischen Institutionen auf Bundesebene – zum Beispiel Bundesministerien, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Kultusministerkonferenz – vollzogen und publiziert wurden oder um Ergebnisse, die im Rahmen von bundesweiten Förderprogrammen zur BBNE entstanden sind. Da die Autorin / der Autor in der wissenschaftlichen Begleitung an verschiedenen Förderprogrammen beteiligt war, beruhen einige der vorgestellten Maßnahmen auf eigener (subjektiver) Anschauung.

Der Fokus des Beitrags richtet sich ausschließlich auf die im NAP benannten Ziele und Maßnahmen. Daher bleiben einige wichtige Impulse zu weiteren Aspekten der BBNE, wie zum Beispiel zum Transfer von Ergebnissen der Modellprojekte (Schlömer et al. 2023), zur Relevanz berufs- und wirtschaftspädagogischer Forschung für die BBNE (Schlicht et al. 2025) oder zur Verknüpfung von BBNE mit politischer Bildung (Hemkes et al. 2022) in diesem Beitrag unberücksichtigt. Der Beitrag erhebt daher keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit. Bereits eine umfassende Sichtung der relevanten Literatur wäre selbst im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts kaum zu leisten. Ziel ist es daher, an ausgewählten Beispielen zu verdeutlichen, was in den vergangenen Jahren unternommen wurde, um die im NAP formulierten Ziele und Maßnahmen in Bezug auf die BBNE zu erreichen. Dabei enthält jede Auswahl an Beispielen einen subjektiven Fokus und stellt bereits eine Bewertung dessen dar, was als relevant angesehen wird. Vor diesem Hintergrund ist der Beitrag als Anstoß zur weiteren Diskussion zu verstehen und nicht als Ergebnis eines systematischen Monitorings nach strengen wissenschaftlichen Gütekriterien. Ebenso wenig wird im Folgenden der theoretische Diskurs zur BBNE nachgezeichnet oder eine Wirkungsanalyse der Maßnahmen vorgenommen. Auch hierfür wäre ein deutlich umfangreicherer Forschungsansatz erforderlich.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird ein Überblick über den Aufbau und die für die berufliche Bildung wesentlichen Inhalte des NAP gegeben. Anschließend werden – entsprechend der Struktur des NAP – fünf Handlungsfelder daraufhin geprüft, inwieweit eine politische und praktische Umsetzung der jeweils ausgewiesenen Ziele und Maßnahmen stattgefunden hat. Abschließend werden die Ergebnisse der Bestandsaufnahme zusammenfassend reflektiert und weiterer Handlungsbedarf aufgezeigt.

2 Der „Nationale Aktionsplan BNE 2030“ als Bezugspunkt für eine Bilanzierung der BBNE

Am 20. Juni 2017 hat die Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung den NAP als deutschen Beitrag des UNESCO-Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Die Nationale Plattform BNE wurde vom damaligen BMBF als oberstes Lenkungsgremium für die deutsche Umsetzung des Weltaktionsprogramms eingerichtet.

Die im NAP dargelegten Ziele und Handlungsempfehlungen sind das Ergebnis eines umfangreichen Konsultationsprozesses. Vertreter und Vertreterinnen aus über 350 Organisationen aus Zivilgesellschaft, Politik, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft haben gemeinsam daran gearbeitet. Im Rahmen einer Onlinekonsultation im Frühjahr 2017 konnten darüber hinaus alle interessierten Bürgerinnen und Bürger die Ziele und Maßnahmen diskutieren und neue Vorschläge einbringen. Dabei wurden über 700 Maßnahmenvorschläge und knapp 8000 Bewertungen eingereicht, die von den Expert:innen in den sechs Fachforen, den zentralen, beratenden Gremien, diskutiert wurden und so Eingang in den NAP fanden (NAP BNE, 2017, S. 8).

Die Ziele und Maßnahmen im NAP sind gemäß der Organisationsstruktur der Nationalen Plattform nach Bildungsbereichen getrennt: Frühkindliche Bildung, Schule, Berufliche Bildung, Hochschule, Non-formales und Informelles Lernen sowie zusätzlich noch Kommunen.

Abbildung 1: Die Organisationsstruktur der Nationalen Plattform und ihrer Unterorganisationen (Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend [BMBFSFJ], o. D.a)Abbildung 1: Die Organisationsstruktur der Nationalen Plattform und ihrer Unterorganisationen (Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend [BMBFSFJ], o. D.a)

Das Forum Berufliche Bildung zeichnet sich für die Ausführungen im NAP für diesen Bildungsbereich verantwortlich. Es hat zurzeit 28 Mitglieder aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft sowie Vertreter:innen des Jugendforums „youpaN“ (BMBFSFJ, o. D.b). Das Forum Berufliche Bildung arbeitet – wie auch alle anderen Foren – eng mit einem Partnernetzwerk zusammen. Das Partnernetzwerk Berufliche Bildung ist eine Plattform zum Austausch und Wissenstransfer mit dem Ziel, die Umsetzung des UNESCO-Programms „BNE 2030“ für den Bereich der beruflichen Bildung zu unterstützen. Es ist ebenfalls ein Gremium der Nationalen Plattform BNE und hat zurzeit ca. 150 Mitglieder aus betrieblicher Praxis, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft und Politik (BMBFSFJ, o. D.c).

Die Ausführungen zum Bereich Berufliche Bildung sind in fünf Handlungsfelder gegliedert, zu denen jeweils ein Ziel und eine unterschiedliche Anzahl an Maßnahmen benannt werden (NAP BNE, 2017):

Handlungsfeld 1: Bestandsaufnahme auf allen Ebenen
Handlungsfeld 2: Potenziale der beruflichen BNE
Handlungsfeld 3: Betriebe und berufliche Schulen als nachhaltige Lernorte etablieren
Handlungsfeld 4: Kompetenzanforderungen zur Nachhaltigkeit
Handlungsfeld 5: Curriculare und didaktische Umsetzung von beruflicher BNE

Die im Rahmen der fünf Handlungsfelder benannten Ziele und Maßnahmen sind nicht das Ergebnis einer wissenschaftlich-systematischen Exploration, sondern eher ein Spiegelbild der Interessen unterschiedlicher Akteure, die sich in einem konsensualen Prozess darauf verständigt haben. Der NAP folgt damit dem in der beruflichen Bildung als Strukturmerkmal verankertem Konsensprinzip, das einerseits zu Kompromissen zwingt, andererseits aber auch ein besonderes Potenzial beinhaltet, dass – nach einer erfolgten Verständigung – alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten (Bundesregierung, 2005).

Bereits im Jahr 2019 – knapp zweieinhalb Jahre nach der Verabschiedung - hat es eine erste Zwischenbilanz zum NAP gegeben. Die Grundlage bildeten Selbstberichte der Foren ergänzt durch die Ergebnisse eines Monitorings, das regelmäßig durch das an der Freien Universität Berlin angesiedelte Institut Futur durchgeführt wird. Die Grundlage der Monitoring-Berichte bilden Dokumentenanalysen (z. B. von Lehrplänen und Ausbildungsordnungen), qualitative Studien (z. B. Befragung von Expert:innen) und quantitative Erhebungen (z. B. Fragebogenaktionen), die Auskunft über den Stand der BNE in Deutschland geben sollen. Der Blick richtet sich dabei auf den Input, die Prozesse und den Outcome der Bildung für nachhaltige Entwicklung in den unterschiedlichen Bildungsbereichen. Der letzte Bericht zur beruflichen Bildung wurde 2022 publiziert (Holst, 2022), aber auch andere Berichte, z. B. zur Aus- und Fortbildung von Lehrenden (Brock & Holst, 2022) oder Ergebnisse aus der Befragung von Jugendlichen (Grund & Brock, 2022) enthalten für die berufliche Bildung relevante Daten. Ein expliziter Bezug auf alle im NAP für die berufliche Bildung benannten Maßnahmen findet bislang nicht statt. Deshalb wird im Folgenden die Erreichung der Ziele und die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen entlang der fünf Handlungsfelder geprüft. Die Struktur und Benennung der Handlungsfelder und Maßnahmen zeigt, dass die Zuordnungen nicht immer ganz trennscharf sind und es Maßnahmen gibt, die ähnlich in verschiedenen Handlungsfeldern benannt werden. Auch sind die aufgeführten Maßnahmen von unterschiedlicher Tragweite, wobei insgesamt festzustellen ist, dass es sich um ein durchaus ambitioniertes Vorhaben handelt, alle Maßnahmen bis 2030 tatsächlich umzusetzen.

3 Bilanzierung der Umsetzung der im NAP für die berufliche Bildung vereinbarten Ziele und Maßnahmen

3.1 Bilanzierung zu Handlungsfeld I: Bestandsaufnahme auf allen Ebenen

Auch wenn die Handlungsfelder in ihrer Struktur keine chronologisch zu bearbeitende Reihenfolge abbilden, steht die in Handlungsfeld I vorgesehene „Bestandsaufnahme auf allen Ebenen“ als Erhebung des Status Quo am Beginn aller weiteren Aktivitäten. Das Ziel und die Maßnahmen dieses Handlungsfelds (siehe Tabelle 1) zeigen, dass die hier anvisierte Bestandsaufnahme keine einmalig und abschließend zu bearbeitende Aufgabe sein kann, denn es wird kein Fix-Datum der Erhebung benannt und die Erarbeitung guter Praxisbeispiele, die Erstellung von Lernmaterialien oder die Durchführung von Studien sind ein kontinuierlicher Prozess, der sich immer wieder neu darstellt.

Tabelle 1: Ziel und Maßnahmen im Handlungsfeld I „Bestandsaufnahme auf allen Ebenen“ (NAP BNE, 2017, S. 41–42)

Ziel

Maßnahmen

Bestandsaufnahme zur Klärung von Handlungsbedarf erstellen.

Sichtung und Sammlung von

• Beispielen guter Praxis aus Projekten und Modellversuchen

• Inhalten der Ordnungsmittel sowie Ansatzpunkten für die Ordnungsarbeit

• Lehr-/Lernmaterialien für die berufliche Erstausbildung

• Materialien zur Fortbildung des Ausbildungspersonals sowie wissenschaftliche Studien.

Außerdem soll im Konsens aller relevanten Akteur:innen eine Definition von BBNE erarbeitet werden.

Eine zentrale Stelle zur Sammlung von guten Praxisbeispielen besteht zurzeit (noch) nicht. Allerdings werden die im Rahmen von Modellversuchen geförderten Projekte einschließlich der darin erarbeiteten Materialien für die Ausbildungspraxis und ggf. auch für die Fortbildung von Ausbilder:innen auf einschlägigen Portalen, wie dem des BIBB umfänglich dokumentiert: https://www.bibb.de/de/709.php. Auch im BNE-Portal der Nationalen Plattform werden explizit für den Bereich der beruflichen Bildung aktuell 181 Lehr-/Lernmaterialien vor- und für die Nutzung bereitgestellt: https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/bildungsbereiche/berufliche-bildung/berufliche-bildung.html.

Dass es sich bei den Materialien tatsächlich um „gute“ Praxisbeispiele handelt, setzt voraus, dass es hierfür definierte Standards und Qualitätskriterien gibt. Ein solcher Kriterienkatalog spezifisch für die berufliche Bildung liegt derzeit nicht vor und kann als Desiderat der wissenschaftlichen Arbeit im Feld der BBNE gelten. Allerdings können aus den Publikationen zur Auswertung der Modellversuche indirekt Kriterien abgeleitet werden und es kann geprüft werden, inwieweit Kriterienkataloge aus dem allgemeinbildenden Bereich (Draeger et al., o. D., Kater-Wettstädt, 2023) und der non-formalen Bildung (Wittlich & Brühne, 2020) hierfür Orientierungspunkte liefern können. Auch können die Kriterien für die Auszeichnung von BNE-Projekten durch die Nationale Plattform bildungsgangübergreifende Anhaltspunkte für Qualitätskriterien geben (DUK, o. D.). Spezifische Kriterien für digitale Lernmaterialien hat eine Arbeitsgruppe der Nationalen Plattform erstellt. Die „Leitlinien und Gütekriterien digitaler Materialien für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ beruhen auf der Auswertung bestehender Gütekriterienkataloge und führen Qualitätsmerkmale in Bezug auf Inhalt, Methodik und die formale Gestaltung digitaler Medien auf (Nationale Plattform BNE 2022).

Die Analyse der Ordnungsmittel und die Entwicklung von unterstützenden Materialien für die Ordnungsarbeit können als besonders relevant für eine strukturelle Verankerung von BBNE im Berufsbildungssystem angesehen werden. Dementsprechend werden diesbezüglich auch ähnlich lautende Maßnahmen in den Handlungsfeldern IV und V vorgeschlagen. Im Rahmen des Nationalen Monitorings BNE wurde im Rahmen einer Dokumentenanalyse in 2021/2022 festgestellt, dass in Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen die Begriffe „Nachhaltigkeit“ und „nachhaltige Entwicklung“ erkennbar häufiger aufgeführt werden als in vorausgegangenen Studien (Holst, 2022, S. 12–16). Bei allen nach 2021 neugeordneten Ausbildungsberufen ist – wenig verwunderlich – durchgängig ein Nachhaltigkeitsbezug verankert, durch die 2021 in Kraft getretene Neuordnung der Standardberufsbildposition (SBP) „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“. In der Studie wird folgende Empfehlung ausgesprochen: „Insbesondere für Berufe mit weniger offensichtlichen Bezügen zu Nachhaltigkeit wird empfohlen, eine Vertiefung vorzunehmen, bei der über die SBP hinaus eruiert wird, was Nachhaltigkeit konkret für die spezifischen beruflichen Handlungsfelder bedeutet“ (Holst, 2022, S. 12). Außerdem wird empfohlen, Inhalte der BBNE zukünftig stärker in Prüfungsordnungen zu verankern, da diese eine erheblich normierende Wirkung auf die Ausbildungsinhalte haben.

Eine systematische Analyse der Ordnungsmittel war auch Gegenstand des Projekts „Indikatoren Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (iBBNE)“. Ziel dieses von 2019 – 2021 durchgeführten Projektes war es, Indikatoren und Verfahren zu ihrer Erhebung zu ermitteln, anhand derer der Stand und Ausprägungsgrad von BBNE für die nationale und internationale Bildungsberichterstattung regelmäßig ermittelt werden kann. Hierzu erfolgte – neben anderen Verfahren zur Datenerhebung – eine automatisierte Inhaltsanalyse von Ordnungsmitteln (Pabst et al., 2024, S. 22–23). In der Bewertung kommt die Projektgruppe zu dem Ergebnis: „Das Verfahren bietet eine Grundlage für ein umfassendes und kontinuierliches Monitoring des Inputs und der Verankerung von (B)BNE, erlaubt einen kosteneffizienten Zugang zur Messung (über Web Scraping) und eine standardisierte und objektive Auswertung (über reguläre Begriffe bzw. Begriffskombinationen) …“ (Pabst et al., S. 27). Neben den Möglichkeiten zur statistischen Erfassung von BBNE scheint jedoch für die Indikatorik ein strategisches Moment mindestens ebenso wichtig zu sein: Allein die Tatsache, dass der Stand der BBNE regelmäßig erhoben wird, sollte dazu führen, dass sich die darauf bezogenen Aktivitäten verstärken werden.

Eine systematische Auswertung wissenschaftlicher Studien erfolgt nicht in einer zentralen Forschungseinheit, sondern ist wohl eher Gegenstand des von vielen Beteiligten geführten wissenschaftlichen Diskurses zur BBNE. Ein sichtbarer Ausdruck des Diskurses sind zum Beispiel die Workshops zur BBNE, die zumindest in den letzten zehn Jahren regelmäßig auf den „Hochschultagen Berufliche Bildung“ durchgeführt wurden oder auch die Sessions auf den Tagungen der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, auf denen regelmäßig Forschungsergebnisse zur BBNE vorgestellt und diskutiert wurden.

Darüber hinaus werden auch im Rahmen des BNE-Monitorings regelmäßig die entsprechenden Publikationen gesichtet und ausgewertet. Eine Zusammenstellung von Publikationen erfolgte ebenfalls im Rahmen der Auswahlbibliografie des BIBB „Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung“. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung aus dem VET Repository mit Stand November 2024 (Langenkamp & Linten, 2024).

Eine Verständigung auf eine gemeinsame Definition zur BBNE ist nicht explizit erfolgt, was auch dem Umstand geschuldet sein könnte, dass kein Akteur über die „Definitionsmacht“ verfügt, um unumstößlich zu bestimmen, was unter BBNE zu verstehen ist. Allerdings gibt es häufig zitierte Definitionen, die wenig umstritten sind, wie zum Beispiel die Definition, die schon 2014 im Rahmen eines Strategiepapiers der UNESCO-Kommission verwendet wurde: „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung ist als lebensbegleitender Prozess und zentrales Element einer Bildung zu verstehen, die den Einzelnen befähigt, sich mit aktuellen und künftigen Herausforderungen in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen individuell und sozial verantwortlich auseinanderzusetzen“ (DUK, 2014, S. 5).

Zusammenfassend kann für das Handlungsfeld I festgestellt werden, dass eine Bestandsaufnahme zur BBNE in Bezug auf Praxisbeispiele, Ordnungsmittel und Materialien weitgehend stattgefunden hat, aber ein nicht endender Prozess ist, der aktuell an verschiedenen Stellen fortgeführt wird. Die Veröffentlichung von Praxisbeispielen und Ausbildungsmaterialien ist wichtig im Hinblick auf Transparenz und die Unterstützung der Ausbildungspraxis. Für die Sicherung der Qualität von Praxisbeispielen wäre eine Aufstellung von Qualitätsstandards hilfreich, die den Erstellern von didaktischen Materialien eine Orientierung für ihre Arbeit bietet.

3.2 Bilanzierung zu Handlungsfeld II: Potenziale der beruflichen Bildung

Auch das Handlungsfeld II „Potenziale der beruflichen Bildung“ (siehe Tabelle 2) ist offensichtlich am Beginn des BNE-Prozesses angesiedelt, da es bereits bis zum Ende des letzten BNE-Weltaktionsprogramms von 2015 bis 2019 abschließend bearbeitet sein sollte.

Tabelle 2: Ziel und Maßnahmen von Handlungsfeld II „Potenziale der beruflichen Bildung“ (NAP BNE, 2017, S. 42–44)

Ziel

Maßnahmen

Potenziale der BBNE lokalisieren und durch ausgewählte Akteure nutzbar machen

Potentiale der BBNE werden nutzbar gemacht durch

• eine zentrale Plattform sowie die Vernetzung vorhandener Plattformen

• Fort- und Weiterbildungsangebote sowie weitere Unterstützungsangebote für Bildungspersonal

• Erfassung/Sichtbarmachung unterstützender Akteur:innen aus dem non-formalen Bereich

• nationale Treffen betrieblicher, schulischer und außerschulischer Akteur:innen

• regionale Berufsbildungsausschüsse und lokale Initiativen

• eine bundesweite Aktionswoche „BBNE“ und einen Tag der offenen Tür an berufsbildenden Schulen

• berufsbezogene Nachhaltigkeitsprojekte in Betrieben

• die Überprüfung/Verankerung von BBNE in Berufsbildpositionen

• die Aufnahme von BBNE als Qualitätskriterium in QM-Systeme berufsbildender Schulen

• die Integration nachhaltigkeitsrelevanter Aspekte in Maßnahmen der Berufsorientierung

• Empfehlungen zur Förderung der BBNE in Kooperation von Betrieb und Schule durch den BIBB-Hauptausschuss

Ein Großteil der hier aufgeführten Maßnahmen unterliegt allerdings besonderer Herausforderungen aufgrund der Komplexität des dualen Berufsbildungssystems und der damit verbundenen unterschiedlichen Zuständigkeiten. Da die Verantwortlichkeit für den Lernort Berufsschule aufgrund der Kulturhoheit bei den Bundesländern liegt und der Lernort Betrieb im Verantwortungsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft – beziehungsweise je nach beruflicher Fachrichtung bei den entsprechenden Fachministerien – ist z. B. die Etablierung einer gemeinsamen BBNE-Plattform für die Aktivitäten beider Lernorte oder eine „bundesweite Aktionswoche „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung von berufsbildenden Schulen, Betrieben und außerschulischen Bildungseinrichtungen“ kaum oder nur im Rahmen eines sehr breiten Abstimmungsprozesses möglich. Dementsprechend sind diese Maßnahmen auch (noch) nicht alle in der benannten Weise umgesetzt worden.

Zurzeit sind Dokumente und Bildungsmaterialien zur BBNE auf unterschiedlichen Plattformen mit wechselseitigen Verlinkungen platziert. Eine klarere Struktur, die das Auffinden der entsprechenden Angebote erleichtert, wäre allerdings für die Bildungspraxis hilfreich und eine noch anzugehende Aufgabe. Dabei ist zu bedenken, dass die einmalige Einrichtung einer zentralen Plattform nur ein Anfang sein kann, denn entscheidend sind eine konstante Pflege und ständige Aktualisierung der Plattform. Dies ist eine dauerhafte und nicht zu unterschätzende Aufgabe.

Die Herausforderungen im Hinblick auf eine Abstimmung zwischen verschiedenen Lernorten und Bildungsbereichen gelten prinzipiell auch für den Einbezug außerschulischer und non-formaler Bildungseinrichtungen. Allerdings sind Vertreter:innen dieses Bildungsbereichs sowohl im Fachforum und vor allem im BBNE-Partnernetzwerk vertreten. So hat beispielsweise das Partnernetzwerk in seiner jüngsten Sitzung Arbeitsgruppen eingerichtet, die konzeptionelle Vorschläge zur Einbindung außerschulischer und non-formaler Bildungsanbieter im Rahmen der BBNE entwickeln werden.

Ein Zusammentreffen der Akteur:innen aus Berufsschule, Betrieb und außerschulischen Einrichtungen auf nationaler Ebene findet nicht explizit für die berufliche Bildung statt, sondern im Rahmen der BNE-Jahreskonferenz der Nationalen Plattform. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Formate zum Austausch von (B)BNE-Akteur:innen auf regionaler Ebene, wie z. B. die „BNE-Aktionswochen“, wobei allein für den Zeitraum von März bis Mai 2026 über 450 Veranstaltungen gelistet sind, darunter auch eine Reihe von Angeboten spezifisch für die berufliche Bildung (https://www.bne-portal.de/kalender).

Maßnahmen zur Fort- und Weiterbildung des Berufsbildungspersonals sind seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der Arbeit im Feld der BBNE. In allen zurückliegenden vom BIBB begleiteten Förderprogrammen zur BBNE stand die Fort- und Weiterbildung von Ausbilder:innen im Mittelpunkt der Arbeit von Modellversuchen. Die Ausbildung von Berufsbildungspersonal als „Multiplikator:innen“ gilt seit langem als Schlüssel zur strukturellen Verankerung von BBNE (Müller et al., 2023; Kastrup & Kuhlmeier, 2023). Das bislang umfangreichste Förderprogramm ist das aktuell noch laufende Programm „Nachhaltigkeit im Beruf (NIB)“, in dem 54 Institutionen aus Berufsbildungspraxis und -wissenschaft in 21 Modellprojekte zusammen arbeiten mit dem Ziel Umsetzungsprojekte zur Stärkung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen des Ausbildungspersonals auf den Weg zu bringen, u. a. durch Weiterentwicklung entsprechender Qualifizierungsangebote oder die Qualifizierung von Weiterbildungspersonal. Im Rahmen von Transformationsprojekten sollen zudem innovative Lösungen für die Qualifizierungspraxis entwickelt und erprobt werden, um Betriebe bei der nachhaltigen Transformation zu unterstützen. Schließlich soll eine Vernetzungsstelle beim BIBB den Transfer der Ergebnisse initiieren und die Vernetzung mit Berufsbildungsakteuren unterstützen (BMBFSFJ, 2025a, S. 27):

Vielfältige Qualifizierungsangebote zu verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten und in diversen Online-Fortbildungsformaten gibt es beispielsweise auch auf der Plattform „leando“ in der „Community Nachhaltigkeit in der Berufsbildung“ (https://leando.de/community/nachhaltigkeit-der-berufsbildung).

Auch für die Durchführung von berufsbezogenen Nachhaltigkeitsprojekten in den Betrieben gibt es zahlreiche Beispiele, vor allem im Rahmen der BIBB-Förderprogramme (https://www.bibb.de/de/33716.php), aber auch darüber hinaus in verschiedenen Branchenvereinigungen oder auf regionaler Ebene. So fördert zum Beispiel ein Programm der „Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz“ bundesweit und über die Industrie- und Handelskammern organisiert die Ausbildung von „Energie-Scouts“ im Rahmen der betrieblichen Berufsausbildung (vgl. z. B. IHK Karlsruhe, 2018). Als bemerkenswertes Beispiel für eine berufsspezifische Initiative kann die „Fachstelle Bildung für nachhaltige Entwicklung in Kommunen (FABINEK)“ gelten, die u. a. Projekte zur Ausbildung in Berufen der kommunalen Verwaltung durchführt (https://www.bne-fachstelle.de/de).

Auch für die Integration von BBNE in Bildungsangebote der Berufsorientierung gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele. Hier sind vor allem das Förderprogramm „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung befördern. Über grüne Schlüsselkompetenzen zu klima- und ressourcenschonendem Handeln im Beruf (BBNE)“ des ehemaligen Bundesumweltministeriums (BMU) zu nennen (Lenz et al., 2023). Im Rahmen dieses Programms wurden vor allem Projekte gefördert, die innovative methodische Ansätze in der Berufsorientierung, wie z. B. die Durchführung von BBNE-Workcamps mit Jugendlichen erprobt haben. Ein weiteres Beispiel für BBNE in der Berufsorientierung sind die Projekte des Wissenschaftsladen Bonn (WILA), in denen konzeptionell die Möglichkeiten untersucht wurden, Jugendliche für eine berufliche Tätigkeit im Umwelt- und Klimaschutz zu gewinnen (https://wilabonn.de/themen/113-berufsorientierung.html). Konkrete Bildungsmaterialien für die Berufsorientierung unter BBNE-Aspekten finden sich darüber hinaus im Portal des „Netzwerkes Grüne Arbeitswelt“ (https://gruene-arbeitswelt.de/).

Die letzte der im Handlungsfeld genannten Maßnahmen, eine Empfehlung des BIBB-Hauptausschusses zur Förderung der BBNE in Kooperation mit Betrieb und Schule steht noch aus. Es kann hier allerdings auf ein aktuelles Strategiepapier des Forums Berufsbildung verwiesen werden: „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung durch Lernortkooperationen zwischen Betrieb und Schule stärken“ (BMBFSFJ, 2025b). Darin werden Empfehlungen gegeben, wie die Lernortkooperation zum Beispiel durch lernortübergreifende Projekte oder gemeinsame Fortbildungen für Lehrkräfte und Ausbildungspersonal zur Unterstützung der BBNE beitragen kann.

Auch für das Handlungsfeld II kann zusammenfassend resümiert werden, dass die hier aufgeführten Maßnahmen im Wesentlichen und in vielfältiger Weise umgesetzt worden sind, wobei die unterschiedlichen rechtlichen Zuständigkeiten für die Lernorte Berufsschule, Betrieb und außerschulische Bildungsträger ein bundesweit einheitliches, lernortübergreifendes Vorgehen kaum oder nur mit sehr großem Aufwand zulassen. Das Auffinden von wesentlichen Dokumenten und Materialien zur BBNE könnte durch die Schaffung einer zentralen Plattform erleichtert werden. Dabei sollte geprüft werden, inwieweit die kontinuierliche Pflege und Erweiterung einer solchen Plattform KI-unterstützt erfolgen kann. Ebenso sind die vielfältigen Aktivitäten zur Aus- und Fortbildung von Berufsbildungspersonal noch systematisch auszuwerten, um diese auf Grundlage der bisher gewonnenen Erfahrungen strukturell in den Curricula der Anbieter zu verankern.

3.3 Bilanzierung zu Handlungsfeld III: Betriebe und berufliche Schulen als nachhaltige Lernorte etablieren

Die im Handlungsfeld III aufgeführten Maßnahmen lassen sich vereinfacht in zwei Themenbereiche gliedern: Zum einen geht es im Sinne des „Whole Institution Approach“ darum, die Lernorte als Institutionen systematisch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu gestalten und zu organisieren. Zum anderen geht es darum, Fach- und Führungskräfte gezielt als Multiplikator:innen für BBNE weiter zu qualifizieren und hierfür geeignete Konzepte zu erarbeiten. In diesem Handlungsfeld steht also insbesondere die Organisations- und Personalentwicklung in den berufsbildenden Institutionen unter Aspekten der BBNE im Zentrum (siehe Tabelle 3).

Tabelle 3: Handlungsfeld III: Betriebe und berufliche Schulen als nachhaltige Lernorte etablieren (NAP BNE, 2017. S. 44–47)

Ziel

Maßnahmen

Potentiale in ausgewählten Betrieben/beruflichen Schulen weiterentwickeln unter Berücksichtigung sich ändernder Umfeldbedingungen der Arbeitswelt.

Konzepte vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse und politischer Entscheidungen reflektieren und mit der Frage der Gestaltung des jeweiligen Lernumfeldes verbinden.

Für die Entwicklung, Umsetzung und Verbreitung von Indikatoren für nachhaltige Lernorte werden

• Indikatoren so entwickelt, dass sie mit anerkannten Berichtssystemen kompatibel sind

• QM-Ansätze an schulischen und betrieblichen Lernorten weiterentwickelt

• Leitfäden für gesamtorganisationale Entwicklung und Nachhaltigkeitsberichterstattung (weiter)entwickelt

• ggf. verschiedene Indikatorenmodelle zusammengeführt

• Leuchttürme nachhaltiger Lernorte gesammelt und mit Leitfäden auf einer Plattform veröffentlicht

• Workshop-Reihen zur Vernetzung nachhaltiger Lernorte und Akteur:innen durchgeführt

• Netzwerkbildung und -management strukturell unterstützt

• Qualifizierungskonzepte für Führungskräfte entwickelt, erprobt und verstetigt

• Führungskräfte und Multiplikator:innen im QM für nachhaltige Schul- und Lernortentwicklung qualifiziert

• Aktivitäten zur Implementierung der Qualifizierungskonzepte durchgeführt

• Umsetzungskonzepte zur Verankerung der Qualifizierungsinhalte in den Organisationen entwickelt

• zusätzliche Deputatsstunden für berufliche Schulen durch Länder und Schulträger bereitgestellt

• BNE-Koordinator:innen bzw. -Teams bei Lehrplanarbeit, Projekten und Schulentwicklung unterstützt

• Fort- und Weiterbildungsformate zur Verzahnung formaler und non-formaler Bildung entwickelt

• Möglichkeiten regionaler Coaching Center für schulische/schulnahe Lernorte und zur Entwicklung geeigneter Schulungskonzepte für Coaching-Personal geprüft

Die Identifizierung von Indikatoren und Leitfäden für einen „nachhaltigen Lernort“ wird dabei als eine wesentliche Aufgabe benannt. Im Rahmen des BIBB-Förderprogramms „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung 2015 – 2019“ wurden in der Förderlinie II „Nachhaltige Lernorte gestalten“ sechs Modellversuche durchgeführt, die solche Indikatoren erarbeitet und Konzepte entwickelt haben, wie der Betrieb als nachhaltiger Lernort gestaltet und für Auszubildende erlebbar gemacht werden kann. Dabei wurde auf die Anschlussfähigkeit der Indikatorensysteme an vorhandene Konzepte wie den „Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK)“ oder Qualitätsmanagementsysteme für Bildungseinrichtungen geachtet. Die Ergebnisse sind in vielfältiger Weise publiziert und diskutiert worden (Melzig & Weber, 2020; Feichtenbeiner et al., 2020; Melzig et al., 2021; Hantsch & Weber, 2023).

Abbildung 2: Ansatzpunkte zur Gestaltung nachhaltiger Lernorte (Quelle: BIBB, o. D.; Autoren: Rolf Feichtenbeiner, Robert Hantsch, Heiko Weber)Abbildung 2: Ansatzpunkte zur Gestaltung nachhaltiger Lernorte (Quelle: BIBB, o. D.; Autoren: Rolf Feichtenbeiner, Robert Hantsch, Heiko Weber)

Auch für die Gestaltung der Berufsschule als nachhaltiger Lernort im Sinne des „Whole Institution Approach“ wurden Konzepte und unterstützende Materialien entwickelt. Hier ist insbesondere die Arbeit von Holst und Hantke (2025) hervorzuheben, die eine von Greenpeace herausgegebene Handreichung zur systematischen Weiterentwicklung berufsbildender Schulen im Sinne der Nachhaltigkeit verfasst haben, die mit zahlreichen Begleitmaterialien unterlegt ist.

Abbildung 3: Whole Institution Approach. Nachhaltigkeit in der Bildungseinrichtung (Quelle: Holst & Hantke, 2025, S. 17).Abbildung 3: Whole Institution Approach. Nachhaltigkeit in der Bildungseinrichtung (Quelle: Holst & Hantke, 2025, S. 17).

Eine weitere von Greenpeace herausgegebene Handreichung zum „Whole Institution Approach“ richtet sich speziell an Schulleitungen, ist allerdings nicht berufsschulspezifisch, sondern schulformübergreifend angelegt (Fischer et al., 2025).

Die weiteren Maßnahmen im Handlungsfeld III, die sich auf die Förderung von BBNE an Berufsschulen beziehen, sind nicht bundesweit dokumentiert. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass mittlerweile viele Berufsschulen Funktionsstellen für „Nachhaltigkeitsbeauftragte“ eingerichtet haben; zum Teil auch ausgestattet mit Deputatsstunden. Über die Einrichtung „regionaler Coachingcenter“ zur Unterstützung der Organisationsentwicklung an Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben sowie zu Schulungskonzepten für Coaching-Personal liegen bislang keine Informationen vor.

Eine Sammlung von Leuchttürmen für nachhaltige Lernorte auf einer zentralen Plattform ist spezifisch für die Berufsbildung bislang noch nicht umgesetzt. Allerdings finden sich auf der „Akteurskarte“ im BNE-Portal der Deutschen UNESCO-Kommission, die bundesweit BNE-Akteur:innen auflistet, auch aktuell 122 „Leuchttürme“ aus dem Bereich der beruflichen Bildung (https://bne.unesco.de/).

Eine bundesweite Initiative zur Qualifizierung von Führungskräften zur nachhaltigen Gestaltung von (Ausbildungs-)Betrieben wurde vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag von 2018 – 2021 unter dem Titel „Nachhaltig. Erfolgreich. Führen.“ durchgeführt (https://www.dihk-bildungs-gmbh.de/weiterbildung/innovationen/nachhaltig-erfolgreich-fuehren). Darüber hinaus stellen Vorreiter-Unternehmen in einer eigens für diese Initiative begründeten Podcast-Reihe ihre Aktivitäten zur Nachhaltigkeit dar. Auch im Bereich des Handwerks gibt es zahlreiche Aktivitäten und unterstützende Materialien zu betrieblichen Nachhaltigkeitsstrategien, zum Beispiel in Form von Checklisten oder eines „Nachhaltigkeits-Navigators“ (https://www.zdh.de/themen-und-positionen/nachhaltigkeit/#c25751). Diese Aktivitäten sind jedoch nicht explizit auf die Berufsbildung, sondern auf die Unternehmensentwicklung insgesamt gerichtet.

Ein zusammenfassender Blick auf das Handlungsfeld III zeigt, dass die Maßnahmen zur Organisations- und Personalentwicklung einen Schwerpunkt der Aktivitäten zur BBNE bildeten und hierzu wesentliche konzeptionelle Grundlagen gelegt worden sind. Die Umsetzung der Konzepte, wie zum Beispiel die Schaffung eines nachhaltigen Lernorts Berufsschule erfordert Ressourcen, monetär aber auch in Form von Entlastungen der Akteure vor Ort. Die teilweise komplexe Aufteilung der Verantwortlichkeiten für Berufsschulen in Bezug auf Gebäude und Personal zwischen Kommunen, Bundesländern und dem Bund erschweren häufig die Entscheidungs- und Lösungswege. Bereits 2021 hat die Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ einen „Pakt für berufsbildende Schulen“ vorgeschlagen, der dafür sorgen soll, dass die Sanierung und Ausstattung von Berufsschulen langfristig auskömmlich finanziert werden (Deutscher Bundestag 2021, S. 208–209). Ein solcher Pakt könnte auch zur Förderung eines nachhaltigen Lernorts Berufsschule beitragen. 

3.4 Bilanzierung zu Handlungsfeld IV: Kompetenzanforderungen zur Nachhaltigkeit

Die Maßnahmen in diesem Handlungsfeld beziehen sich vor allem darauf, Verfahren zur systematischen Analyse von Arbeits- und Geschäftsprozessen zu entwickeln, mit denen Kompetenzen zu einem nachhaltigen beruflichen Handeln bestimmt werden können (siehe Tabelle 4). Insbesondere soll dadurch die Ordnungsarbeit bei der Identifizierung von BBNE-Kompetenzen unterstützt werden.

Tabelle 4: Ziel und Maßnahmen in Handlungsfeld IV „Kompetenzanforderungen zur Nachhaltigkeit“ (NAP BNE, 2017, S. 47–48)

Ziel

Maßnahmen

Lernende in berufsbezogenen Lern- und Arbeitsprozessen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit befähigen mit einem Fokus auf einer Kompetenz zum selbstständigen Gestalten und Problemlösen in beruflichen, gesellschaftlichen und individuellen Kontexten.

Im Rahmen des Prozesses zur Bestimmung BBNE-spezifischer Kompetenzen werden

• ein Kategorienraster zur Bewertung domänenspezifischer und -übergreifender Kompetenzziele erarbeitet

• Andockpunkte aus Kompetenzzielen nachhaltigen und globalen Lernens der Sek I für die berufliche Aus- und Weiterbildung identifiziert

• ein Verfahren zur Analyse domänenspezifischer Arbeits- und Geschäftsprozesse hinsichtlich Nachhaltigkeit entwickelt

• domänenspezifische, nachhaltigkeitsrelevante Kompetenzen für alle Ausbildungsberufe bestimmt

• Kompetenzmodelle der beruflichen Bildung bzgl. nachhaltigkeitsbezogener Gestaltungskompetenz überprüft und weiterentwickelt

• Modellversuche zum Umgang mit Dilemmata und Konflikten zwischen ökonomischen, sozialen, ökologischen und globalen Aspekten wissenschaftlich begleitet durchgeführt

Die Entwicklung von Verfahren zur systematischen Identifizierung von BBNE-Kompetenzzielen war auch ein Schwerpunkt der BIBB-Förderprogramme zur BBNE. Ein Ergebnis war u. a. eine Matrix, mit deren Hilfe, nachhaltigkeitsspezifische Ziele zur Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz entlang von Arbeits- und Geschäftsprozessen bestimmt und beschrieben werden konnten. Dies wurde am Beispiel von kaufmännischen Berufen und von Berufen der Lebensmittelproduktion entwickelt (Casper et al.,2021, S. 179–199; Strotmann et al., 2023). Eine Erprobung der Matrix im Rahmen der Ordnungsarbeit erfolgte beispielsweise in den Neuordnungsverfahren zu den Berufen „Brauer/in und Mälzer/in“ (Strotmann et al., 2020) sowie „Hauswirtschafter/in“ (Bretschneider et al., 2020). 

Im Rahmen des BIBB-Vorhabens „Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen – ein systematisierter Ansatz für die Ordnungsarbeit (NAsA)“ wurden schließlich von 2023 – 2025 konkrete Materialien zur Unterstützung der Ordnungsarbeit entwickelt (Bretschneider & Schirner, 2025a-d). Das „Nachschlagewerk Nachhaltigkeit“ ist Ergebnis einer systematischen Analyse bestehender Ausbildungsordnungen und listet die bereits vorhandenen Kompetenzbeschreibungen mit einem Nachhaltigkeitsbezug auf. In einem „Kompetenzbaukasten“ werden auf dieser Grundlage thematisch geclusterte Formulierungshilfen für die Arbeit an den Ordnungsmitteln bereitgestellt. Schließlich beinhaltet ein „Werkzeugkasten Nachhaltigkeit“ eine Sammlung von didaktischen Materialien und methodischen Ansätzen für die praktische Arbeit von Ausbildern und Ausbilderinnen sowie Auszubildenden.

Abbildung 4: Thematische Grundstruktur zur Analyse von Arbeits- und Geschäftsprozessen unter Nachhaltigkeitsaspekten (Quelle: Bretschneider & Schirner, 2025a, S. 19)Abbildung 4: Thematische Grundstruktur zur Analyse von Arbeits- und Geschäftsprozessen unter Nachhaltigkeitsaspekten (Quelle: Bretschneider & Schirner, 2025a, S. 19)

Die vorgeschlagene Maßnahme Andockpunkte aus den Kompetenzzielen des nachhaltigen und globalen Lernens der Sekundarstufe I für die berufliche Aus- und Fortbildung zu identifizieren, ist bislang nicht systematisch bearbeitet worden. Indem die Berufsbildung sich zunehmend in Bezug auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung profiliert hat, scheinen die Bezugnahmen auf Konzepte der Allgemeinbildung eher zu schwinden. So gibt es zum Beispiel in der neuen Auflage des „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung“ nicht mehr wie in den vorausgegangenen Auflagen einen Abschnitt zur Berufsbildung (Kultusministerkonferenz [KMK] & Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [BMZ], 2025). Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch Beispiele für eine Kooperation der BBNE mit allgemeinbildenden Fächern, wie zum Beispiel der politischen Bildung (Hemkes et al., 2022).

Eine recht spezifische Maßnahme im Handlungsfeld IV richtete sich auf wissenschaftlich begleitete Modellversuche zum konstruktiven Umgang mit Dilemmata, Konflikten und Widersprüchen zwischen ökonomischen, sozialen, ökologischen und globalen Aspekten (NAP BNE, 2017, S. 48). Der Umgang mit Widersprüchen zwischen den Nachhaltigkeitsdimensionen wird als eine Zielsetzung der BBNE häufig benannt und sogar als „DNA der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ benannt (Fischer et al., 2021, S. 93). Die Erprobung eines entsprechenden Lernmoduls fand beispielsweise im Rahmen des Modellversuchs „Pro-DEENLA“ statt. Für den Ausbildungsberuf „Kaufmann/Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung“ wurden drei Lernaufgaben mit folgender Zielsetzung entwickelt und erprobt: „Die Lernaufgaben thematisieren dabei die Existenz von Widersprüchen in der täglichen Lebens- und Arbeitswelt sowie den möglichen Umgang mit diesen Widersprüchen. … Sie beschäftigen sich außerdem mit Handlungsalternativen in Dilemma-Situationen und reflektieren die Bedeutung von Widersprüchen für ihre tägliche Entscheidungsfindung im Berufsalltag“ (Fischer et al., o. D.).

Auch zum Handlungsfeld IV lässt sich zusammenfassen, dass es vielfältige Aktivitäten vor allem im Rahmen von geförderten Modellversuchsprogrammen oder BIBB-internen Projekten gegeben hat, die Verfahren zur systematischen Erfassung von nachhaltigkeitsbezogenen Kompetenzanforderungen und der darauf gerichteten Analyse von Arbeits- und Geschäftsprozessen entwickelt haben. Diese Aktivitäten beziehen sich in der Regel auf alle oder eine große Gesamtheit von Ausbildungsberufen. Eine berufs- oder berufsfeldspezifische Konkretisierung in allen Neuordnungsverfahren sind ein logischer nächster Schritt. Darüber hinaus wäre es notwendig BBNE-Aktivitäten auch auf weitere berufliche Bildungsgänge außerhalb des dualen Systems auszuweiten, wie z. B. auf die vollzeitschulischen Bildungsgänge an berufsbildenden Schulen.

3.5 Handlungsfeld V: Curriculare und didaktische Umsetzung von beruflicher BNE

Die Maßnahmen in diesem Handlungsfeld sind nach drei Aspekten gebündelt a) Maßnahmen zur curricularen Umsetzung b) Maßnahmen zur didaktischen Umsetzung (Erarbeitung) und c) Maßnahmen zur didaktischen Umsetzung (Verbreitung) (siehe Tabelle 5).

Tabelle 5: Ziel und Maßnahmen zum Handlungsfeld V „Curriculare und didaktische Umsetzung von beruflicher BNE“ (NAP BNE, 2017, S. 49)

Ziel

Maßnahmen

Modelle/Konzepte zur curricularen und didaktisch-methodischen Umsetzung von BBNE durch die Sozialpartner, Ministerien und das BIBB entwickeln.

Schulische und betriebliche Akteur:innen in die Lage versetzen, konkrete Lernangebote zu BBNE im Aus- und Weiterbildungskontext gestalten.

Für die strukturelle Verankerung nachhaltigkeitsorientierter Kompetenzziele und deren didaktische Umsetzung werden

• BBNE in Antragsgesprächen zu Ausbildungsordnungen ergänzend berücksichtigt

• BBNE im Ordnungsverfahren im Hinblick auf berufsspezifische Anforderungen diskutiert und ggf. verankert

• die Standardberufsbildposition „Umweltschutz“ überarbeitet und aktualisiert

• im Rahmen der Evaluation der AEVO ihr Überarbeitungsbedarf und der der Vorbereitungskurse geprüft

• vorhandene Materialien für Aus- und Fortbildung sowie für Ausbildungspersonal gemäß BBNE-Definition überarbeitet und ergänzt

• für Berufsschullehrkräfte ein Kriterienkatalog zur Gestaltung von Lehr-Lern-Situationen zu BBNE erstellt

• vorhandene und neue Materialien über etablierte, praxisnahe Kanäle verbreitet und bestehende Angebote (z. B. foraus.de, „Ausbildung gestalten“) erweitert

• weitere Verbreitungsmöglichkeiten für Anbieter non-formaler Bildungsangebote erschlossen

Mit den Maßnahmen zur curricularen Umsetzung werden vor allem die Akteur:innen der Ordnungsarbeit adressiert. Inwieweit bereits regelhaft und formalisiert in Antragsgesprächen zu Ausbildungsverordnungen BBNE berücksichtigt wird, ist nicht bekannt. Allerdings wird in der Beschreibung des Ablaufs von Neuordnungsverfahrens darauf hingewiesen, dass Veränderungen in der beruflichen Praxis der Ausgangspunkt für diese Verfahren sind. In dem Zusammenhang heißt es: „Als Beispiele relevanter Veränderungen in der jüngeren Vergangenheit sind häufig die Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu nennen“ (BIBB, 2023a, S. 19). Und da auch der „Katalog der Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten“ Gegenstand des Antragsgespräches ist, werden voraussichtlich auch nachhaltigkeitsrelevante Aspekte bereits im Rahmen dieses Vorverfahrens zur Neuordnung angesprochen.

Für die daran anschließende Berücksichtigung der BBNE in den Ordnungsverfahren gibt es allerdings zahlreiche Beispiele. So werden die zum 1. 8. 2026 in Kraft tretenden Neuordnungen für die Bauberufe explizit mit den Anforderungen an Nachhaltigkeit begründet: „Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Digitalisierung wurden bei der Neuordnung konsequent berücksichtigt. So wurde das bisherige Thema Wärmedämmung zu umfassenden Energieeffizienzmaßnahmen weiterentwickelt. Das Bauen im Bestand ist erstmals als durchgängiger Ausbildungsinhalt über alle drei Ausbildungsjahre verankert. Nachhaltigkeitsaspekte finden sich zudem in Planung, Baustelleneinrichtung, Materialwahl, Maschineneinsatz und Qualitätssicherung wieder“ (BIBB, 2026a). Als Begründung für eine Neuordnung wird auch für andere Berufe häufig der Nachhaltigkeitsgedanke angeführt.

Die Maßnahme Die Standardberufsbildposition Umweltschutz wird überarbeitet und aktualisiert wurde 2021 umgesetzt und hat für das Ziel einer strukturellen Verankerung von BBNE einen besonderen Stellenwert, da die neue Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ einen verbindlichen Mindeststandard für die Ausbildung in allen neugeordneten Berufen setzt - und für alle noch nicht neugeordneten Berufen schon jetzt zur Umsetzung empfohlen wird (BIBB, 2021a, S. 5). Diese sind ab 2021 für alle staatlich anerkannten dualen Berufsausbildungen verbindlich. Darunter sind übergeordnete Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten zu den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit aufgeführt:

  1. „Möglichkeiten zur Vermeidung betriebsbedingter Belastungen für Umwelt und Gesellschaft im eigenen Aufgabenbereich erkennen und zu deren Weiterentwicklung beitragen
  2. bei Arbeitsprozessen und im Hinblick auf Produkte, Waren oder Dienstleistungen, Materialien und Energie unter wirtschaftlichen, umweltverträglichen und sozialen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit nutzen
  3. für den Ausbildungsbetrieb geltende Regelungen des Umweltschutzes einhalten
  4. Abfälle vermeiden sowie Stoffe und Materialien einer umweltschonenden Wiederverwertung oder Entsorgung zuführen
  5. Vorschläge für nachhaltiges Handeln für den eigenen Arbeitsbereich entwickeln
  6. unter Einhaltung betrieblicher Regelungen im Sinne einer ökonomischen, ökologischen und sozial nachhaltigen Entwicklung zusammenarbeiten und adressatengerecht kommunizieren“ (BIBB, 2021a, S. 12–13).

Die besondere Bedeutung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ für den BBNE-Prozess wird vielfach betont und u. a. wie folgt begründet: „Die bildungspolitische Wirksamkeit der Standardberufsbildpositionen wird durch einen breiten Konsens aller genannten Stakeholder getragen. Dabei geht von der berufsübergreifenden Verankerung von Nachhaltigkeit für alle Berufe des dualen Systems eine nicht zu unterschätzende Signalwirkung aus. Verbindliche Mindestanforderungen weisen auf einen sich vollzogenen und weiterentwickelnden Bedeutungszuwachs hin und geben in Bezug auf die inhaltliche Ausgestaltung nachhaltigkeitsbezogener Aspekte Orientierung. Erfreulich ist dabei, dass ein deutlicher Schwerpunkt auf Eigenverantwortung, Kreativität und Reflexionsfähigkeit gelegt wird, ganz im Sinne einer zukunftsorientierten Bildung, die Gestaltungsorientierung und die Fähigkeit zum lebensbegleitenden Lernen fördert“ (Hackel & Bretschneider, 2023, S. 233). Gleichzeitig gilt aber auch, dass die Verankerung von Nachhaltigkeit in den Ordnungsmitteln nur ein erster Schritt in Richtung BBNE ist und dass es nun darauf ankommt, dass die verordneten Inhalte in der Ausbildungspraxis mit Leben gefüllt werden müssen (Hackel & Bretschneider, 2023, S. 233).

Schließlich wird eine Evaluation der Ausbildereignungsverordnung (AEVO) im Hinblick auf Modernisierungsbedarf als eine Maßnahme zur curricularen Verankerung von BBNE benannt. Diese Evaluation hat im Rahmen einer Kurzstudie 2020/21 stattgefunden. Es sollte dabei geprüft werden, ob „die Ausbildereignungs-Verordnung (AEVO vom 21.01.2009) und die Empfehlung des BIBB-Hauptausschusses zum Rahmenplan für die Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder (HA-Empfehlung 135 vom 25.06.2009) die aktuellen Herausforderungen an das Ausbildungspersonal (Digitalisierung, Nachhaltigkeit, demografische Entwicklung, Heterogenität) und die betriebliche Ausbildungspraxis ausreichend abbilden oder ob gegebenenfalls Änderungs- oder weiterführender Evaluationsbedarf besteht“ (BIBB, 2021b). Auf der Basis von Online-Expert:innen-Befragungen und einer erweiterten Projektbeiratssitzung mit Expertinnen und Experten aus Politik, Praxis und Wissenschaft wird als Ergebnis der Studie empfohlen, „die Verordnungen AEVO/AMVO aufgrund ihrer gestaltungsoffenen Formulierung in der aktuellen Fassung derzeit beizubehalten und durch Weiterbildungsangebote und Auffrischungskurse zu ergänzen... und es „wird auf der Ebene der Umsetzung die Aktualisierung des Rahmenplans empfohlen“ (BIBB, 2021b, S. 2–3). Diese Aktualisierung ist im Juni 2023 erfolgt. In einer Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung zum Rahmenplan der Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) wurde eine Reihe nachhaltigkeitsspezifischer Ergänzungen in das Curriculum der AEVO eingefügt (BIBB 2023b).

Ein zweiter Block an Maßnahmen im Handlungsfeld V bezieht sich auf die didaktische Umsetzung. Hier sollen vorhandene Materialien zur Aus- und Fortbildungspraxis sowie für die Ausbildung der Ausbilder:innen überarbeitet werden und es soll für Berufsschullehrkräfte ein Kriterienkatalog für die Gestaltung von Lehr-/Lernsituationen in Bezug auf BBNE erstellt werden. Dabei ist nicht ganz klar benannt, an wen die Maßnahmen adressiert sind. Die Lehrmittelhersteller reagieren in der Regel recht schnell und flexibel auf Veränderungen in den Ausbildungsordnungen und Lehrplanvorgaben. Dieser Prozess sollte sich daher wie gewohnt „naturwüchsig“ vollziehen. Für BBNE-spezifische Ergänzungen der Inhaltskataloge zur Ausbildereignungsprüfung gibt es einige konkrete Vorschläge (Kastrup et al., 2022), ebenso wie für einen Kriterienkatalog für Berufsschullehrkräfte zur Gestaltung von Lehr- und Lernsituationen in Bezug auf BBNE (siehe Beitrag von Vollmer et al. in dieser Ausgabe). Eine verbindliche Verankerung von nachhaltigkeitsspezifischen Inhalten in der AEVO oder von Kriterien für einen BBNE-orientierten Berufsschulunterricht steht jedoch noch aus.

Im dritten und letzten Block an Maßnahmen im Handlungsfeld V geht es um die Verbreitung didaktischer Materialien, die auf „nachgefragten Kommunikationskanälen“ stattfinden soll und auch für „Anbieter von non-formalen Bildungsangeboten geöffnet“ sein soll. Hier kann auf die bereits o. a. BBNE-Portale des BIBB und das BNE-Portal der Nationalen Plattform sowie das Portal für das Ausbildungspersonal „leando“ verwiesen werden, auf denen umfangreiches didaktisches Material für die Aus- und Fortbildung zu finden ist. Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch die BIBB-Reihe „Ausbildung gestalten“ anzuführen, in denen Umsetzungshilfen und Zusatzmaterialien zu neuen und modernisierten Ausbildungsberufen für Ausbilder:innen und Berufsschullehrkräfte bereitgestellt werden (https://www.bibb.de/de/654.php). In aller Regel enthalten diese Publikationen seit einigen Jahren immer auch einen – meist gleichlautenden – Abschnitt mit Hinweisen für eine „Nachhaltige Entwicklung in der Berufsausbildung“ (siehe z. B. BIBB, 2026b, S. 63–64). 

Auch im Handlungsfeld V ist der überwiegende Teil der angeführten Maßnahmen umgesetzt worden. Insbesondere die Neufassung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ eröffnet viele Möglichkeiten, BBNE didaktisch und curricular in der Ausbildungspraxis und auch in Prüfungen zu verankern. Die Entwicklung und Erprobung von didaktischen Konzepten sowie deren Vermittlung an Lehrkräfte ist eine ureigene Aufgabe der universitären Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Hier besteht – vorsichtig formuliert – noch ein großes Potenzial, diese Aufgabe durchgängig in allen Hochschulen im Rahmen der ersten Phase der Ausbildung von Berufsschullehrkräften anzugehen und BBNE-bezogene didaktische Konzepte im Hochschulcurriculum zu verankern.

4 Fazit

Eine Bilanzierung der im Kontext des NAP BNE für den Bereich der beruflichen Bildung geplanten und umgesetzten Maßnahmen kann nur ausschnitt- und beispielhaft vorgenommen werden – zu groß ist der Umfang an Initiativen und Aktivitäten zur BBNE in den vergangenen zehn Jahren. Es zeigt sich jedoch schon bei einer überblicksartigen Betrachtung, dass nahezu alle und vor allem die zentralen Maßnahmen tatsächlich systematisch umgesetzt wurden. Vor allem das BIBB hat im Rahmen der Ordnungsarbeit und der Modellversuchsforschung hierzu entscheidende Beiträge geleistet. Diese wurden – durch „Commitments“ im NAP und flankierende Maßnahmen – aktiv unterstützt durch verschiedene Bundesministerien sowie die Sozialparteien. Die Arbeiten des BIBB zur Nachhaltigkeit werden dementsprechend auch in der jüngsten Evaluation des BIBB durch den Wissenschaftsrat hervorgehoben: „Besonders positiv hervorzuheben sind die wissenschaftsbasierte Arbeit des BIBB im Rahmen der Entwicklung und Überarbeitung von Ausbildungsordnungen, seine digitalen Informationsportale und anwendungsorientierten Trainings … sowie seine sehr guten Transferpublikationen zu den Themen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Integration“ (Wissenschaftsrat, 2025, S. 15).

„Nachhaltigkeit“ ist kein ein für alle Mal erreichbarer Zustand, sondern verstanden als Leitbild eine dauerhafte Aufgabe, ähnlich der Orientierung am „Stand der Technik“. Dementsprechend müssen auch die Maßnahmen und die Bildungsinhalte immer wieder neu angepasst werden. Dass dieses auch passiert, zeigt sich zum Beispiel in veränderten Prioritäten, die sich in der Ausrichtung von Förderprogrammen niederschlagen. Die Fokussierung auf den Transfer von Projektergebnissen zur BBNE oder der berufs- und branchenübergreifende Fokus auf die Kreislaufwirtschaft im aktuellen Förderprogramm zur BBNE zeigen die Notwendigkeit und auch die Bereitschaft, aktuelle Entwicklungen im Bereich der BBNE aufzugreifen.

Der NAP stellte mit seiner auf mehrere Jahre angelegten Programmatik zu einer Bildungsinnovation ein gewagtes Vorhaben dar, da sich naturgemäß im Laufe der Zeit immer neue Aspekte und notwendige Neuorientierungen ergeben. So waren bei der Entstehung des NAP die Nutzung künstlicher Intelligenz oder die steigende Relevanz von Demokratiebildung noch kaum ein Thema. Es hat sich aber gezeigt, dass der BBNE-Prozess flexibel genug ist, um einerseits neue Facetten zur BBNE aufzugreifen und andererseits weniger relevante Aspekte nicht mehr prioritär zu verfolgen.

Der Horizont für die Umsetzung und Ziele des NAP ist das Jahr 2030. Es bleibt also noch etwas Zeit, um noch ausstehende Arbeiten zu erledigen. Eine zentrale Aufgabe besteht u.E. darin, die Aus- und Fortbildung von Berufsbildungspersonal im Hinblick auf BBNE zu forcieren. Ausbilder:innen und Berufsschullehrer:innen haben eine Schlüsselposition für eine wirksame Nachhaltigkeitsbildung. Sowohl die strukturelle Verankerung von BBNE in den Curricula der Hochschulen für die Ausbildung von Berufsschullehrkräften als auch in den Curricula der Ausbildung von Ausbilderinnen und Ausbildern sind daher wesentliche Aufgaben der nächsten Jahre.

Ein weiterer Schlüssel ist die konsequente Entwicklung nachhaltiger Lernorte in der beruflichen Bildung. Eine nachhaltige Lernumgebung kann als „dritter Pädagoge“ die Wirksamkeit von BBNE unterstützen. Hier sind vor allem Kommunen, Bundesländer und der Bund gefordert, in einer konzertierten Aktion die dafür notwendigen Ressourcen bereitzustellen. 

Schließlich sollte der NAP dahingehend weiterentwickelt werden, dass BBNE stärker mit anderen aktuellen Diskursen, wie zum Beispiel Demokratiebildung oder Global Citizenship Education verknüpft wird. Nachhaltige Entwicklung als „große Transformation“ zielt auf tiefgreifende Veränderungsprozesse in der Wirtschaft und Gesellschaft, die nur in einem gemeinsamen Handeln lokal und global vollzogen werden können. Damit wird zwangsläufig eine Perspektive auf die politische Bildung eröffnet, in deren Rahmen auch Machtverhältnisse und Wege zur demokratischen Mitgestaltung aufgezeigt werden. Durch die Einbettung beruflicher Bildung in den gesellschaftlichen Implikationszusammenhang der nachhaltigen Entwicklung ist berufliche Bildung immer auch politische Bildung.

Insgesamt ist unser Resümee, dass es sich bewährt hat, einen Aktionsplan mit konkret formulierten Maßnahmen und einer verbindlichen Selbstverpflichtung der relevanten Akteur:innen aufzustellen. Der NAP erfüllte die Funktion einer „Roadmap“ für die strukturelle Verankerung von BBNE und lieferte damit auch Kriterien für eine Bilanzierung dieses Prozesses. Dass dieser Prozess bei weitem noch nicht abgeschlossen ist und es noch ein weiter Weg zu einer wirklich nachhaltigen Berufsbildungs- und Arbeitswelt ist, ist eine Binsenwahrheit. Aber zumindest liegen schon zahlreiche gute Praxisbeispiele und auch konzeptionelle Ansätze für diesen Weg vor.

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Die kritisch-emanzipatorische Bildungstheorie als normative Referenz einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung

1 Einleitung

In der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) dominieren bislang funktionale Zugänge: So wird Nachhaltigkeit regelmäßig als Set zu vermittelnder Kompetenzen, als Antwort auf ökologische oder soziale Krisen oder als Beitrag zur Entwicklung und Sicherung von Fachkräften für eine umwelt- und sozialverträgliche Ökonomie verstanden (vgl. Ketschau & Steib, 2022, S. 186–190; Scheunpflug & Costa, 2025, S. 6–9). Ein solcher Zugang birgt jedoch die Gefahr, Berufsbildung in den Dienst jener ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen zu stellen, welche die ökologischen und sozialen Krisen überhaupt erst ausgelöst haben – und weniger als Bezugspunkt für die kritische Transformation dieser Strukturen (vgl. Kehren, 2016, S. 76; Kehren & Winkler, 2019, S. 380–383). Damit bleibt zugleich ausgeblendet, dass nachhaltige Entwicklung – sowie (Berufs)Bildung für nachhaltige Entwicklung – auch und vor allem ein gesellschaftskritisches und -transformatives Anliegen ist. Die Idee einer solchen „nachhaltigen Berufsbildung“ kann nur dann bildungstheoretisch tragfähig entfaltet werden, wenn die der Berufsbildung immanente Dialektik von Funktionalität und Normativität explizit reflektiert und zugunsten einer idealtypischen Vision einer nachhaltigen Gesellschaft aufgelöst wird (vgl. Ketschau & Steib, 2022, S. 190–191; 2023, S. 304–305).

Gleichzeitig existieren innerhalb des BBNE-Diskurses bereits einzelne kritisch-reflexive und gesellschaftskritische Perspektiven, die die funktionale Verengung nachhaltigkeitsbezogener Berufsbildung problematisieren (u. a. Kehren, 2016; Kehren & Winkler, 2019; Ketschau & Steib, 2022; 2023; Stomporowski, 2023). Diese Arbeiten verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit nicht allein als Kompetenzanforderung oder Modernisierungsstrategie verstanden werden kann. Eine systematische bildungstheoretische Bündelung und Fundierung dieser Perspektiven ist bislang nur in Ansätzen erfolgt.

Vor diesem Hintergrund wird im geplanten Beitrag argumentiert, dass die BBNE eine bildungstheoretische Fundierung benötigt, die ihre normativen Voraussetzungen nicht nur benennt, sondern systematisch begründet. Als besonders anschlussfähig hierfür kann sich die kritisch-emanzipatorische Bildungstheorie Herwig Blankertz’ erweisen. In seinem Werk (Blankertz, 1982; 1986; 2025) wird (Berufs)Bildung als ein Ort der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft verstanden, an dem Selbstbestimmung, Verantwortung, sowie die Analyse, Reflexion und Kritik gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse und deren sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen miteinander verschränkt werden. Eine solche Berufsbildung soll demnach Subjekte befähigen, widersprüchliche Arbeits- und Lebensverhältnisse zu erkennen, gesellschaftliche Ungleichheiten zu hinterfragen und an der Demokratisierung von Arbeit und Gesellschaft mitzuwirken (vgl. Ketschau, 2023, S. 3–6). Damit bietet Blankertz’ Theorie einen anspruchsvollen normativen Horizont, der über funktionalistische Interpretationen hinausreicht und nachhaltige Entwicklung als kritisches gesellschaftliches Projekt konturiert.

Der vorliegende Beitrag nimmt diese Perspektive auf und arbeitet systematisch heraus, wie sich aus Blankertz’ Ansatz normative Prämissen für eine kritisch-emanzipatorisch fundierte BBNE ableiten lassen. Ausgangspunkt bildet eine Rekonstruktion zentraler Stränge des bestehenden BBNE-Diskurses, in der dessen oft implizite normativen Annahmen und funktionalistischen Engführungen sichtbar gemacht werden. Darauf aufbauend wird die Bildungstheorie Blankertz’ als Referenzrahmen entfaltet: deren Begriff von Bildung, die Bedeutung des Berufs als vermittelnde Kategorie zwischen Individuum und Gesellschaft, das Leitmotiv der Mündigkeit und Emanzipation, der Stellenwert reflektierter und kritischer Urteilsfähigkeit sowie der Anspruch demokratischer Teilhabe. Abschließend werden aus dieser Theorie normative Grundannahmen für die BBNE entwickelt, etwa die Orientierung an Mündigkeit und Emanzipation statt an beruflicher Anpassungsfähigkeit, die Betonung von Gerechtigkeit und der Bedeutung demokratischer Teilhabe als Bedingungen nachhaltiger Berufsbildung.

2 Rekonstruktion zentraler Stränge des BBNE-Diskurses

Die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung hat sich in Deutschland im Anschluss an die internationalen bildungspolitischen Impulse der 1990er-Jahre, insbesondere im Kontext der Agenda 21 der Vereinten Nationen (United Nations – UN, 1992, S. 329–332), seit den 2000er-Jahren innerhalb der Berufs- und Wirtschaftspädagogik zu einem autonomen und komplexen Diskursfeld entwickelt. Als Vorläufer der BBNE gilt die berufliche Umweltbildung der 1980er und 1990er Jahre (vgl. Rebmann & Schlömer, 2020, S. 326), deren Ziel es war, ökologisch verträgliches berufliches Handeln zu befördern (vgl. Okun & Schulz, 2000, S. 37). Die Berufsbildung wird im Sinne der BBNE als ein zentrales gesellschaftliches Gestaltungsfeld verstanden, in dem nicht nur auf wirtschaftliche Anforderungen reagiert, sondern auch im Hinblick auf die Bewältigung und Verhinderung sozialer und ökologischer Krisen agiert werden soll (vgl. Fischer, 2003, S. 58–62). So wird in zahlreichen wissenschaftlichen Programmen und Arbeiten argumentiert, dass die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung eine große Bedeutung für die nachhaltige Transformation unserer Lebens- und Arbeitsweise besitzt (vgl. Slopinski et al., 2020, S. 1–3), „deren stringente Implementierung in Forschung und Praxis der Berufs- und Wirtschaftspädagogik jedoch nach wie vor aussteht“ (Rebmann & Schlömer, 2020, S. 327).

Ungeachtet dieser großen Zunahme an Bedeutung muss jedoch festgestellt werden, dass der BBNE-Diskurs in erheblichem Maße durch bestimmte implizite Deutungsmuster (und das nicht allein aus der Berufs- und Wirtschaftspädagogik heraus) verengt wird, die Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung primär vor dem Hintergrund funktionaler Anforderungen der Wirtschaft und Gesellschaft interpretieren (vgl. Ketschau & Steib, 2022, S. 190). Nachhaltigkeit erscheint in vielen Beiträgen weniger als normatives und globales gesellschaftliches Ziel, sondern vielmehr als eine spezifische Herausforderung für wirtschaftliche Innovation, nachhaltigen Wohlstand, Wirtschaftspolitik und Kompetenzentwicklung (vgl. Ketschau & Steib, 2022, S. 186–190; Scheunpflug & Costa, 2025, S. 6–9). Auch diese Hinweise sind zweifellos nicht unberechtigt, da soziale und ökologische Transformationen tatsächlich mit tiefgreifenden Veränderungen von Produktionsprozessen, Lieferketten und beruflichen Tätigkeiten verbunden sind. Gleichwohl bleibt in vielen Ansätzen weitgehend unreflektiert, dass nachhaltige Entwicklung nicht nur eine funktionale Anpassung an veränderte Umstände darstellt, sondern zugleich ein normativ aufgeladenes Konzept ist, welches fundamentale Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Teilhabe und globaler Verantwortung aufwirft. Eine systematische Rekonstruktion des BBNE-Diskurses zeigt, dass mehrere Diskursstränge existieren, die jeweils unterschiedliche Aspekte nachhaltiger Entwicklung betonen, zugleich jedoch durch eine grundlegende Tendenz zu einer funktionalistischen Verengung des Nachhaltigkeits-Verständnisses und -Diskurses geprägt sind.

Ein besonders bedeutender Diskursstrang interpretiert Nachhaltigkeit im Kontext beruflicher Bildung im Hinblick auf Kompetenzorientierung und -entwicklung. Diese Perspektive knüpft an die seit den 1990er Jahren dominierenden kompetenzorientierten Ansätze beruflicher Bildung an, in denen berufliche Bildung als Prozess der Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz verstanden wird, die Fach-/Sach-, Selbst- und Sozialkompetenzen miteinander verbindet (vgl. Roth, 1971, S. 180; Klieme & Hartig, 2007, S. 22–23). Aufgrund des Konzeptes der beruflichen Handlungskompetenz wird für die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) – wie die Machbarkeitsstudie von Mertineit et al. (2001) darlegt – ein eigenständiges Kompetenzkonzept, wie es im Konzept der Gestaltungskompetenz nach de Haan und Harenberg (1999) sowie de Haan (2002; 2008) für die Bildung für nachhaltige Entwicklung entwickelt wurde, nicht benötigt. Während frühe Ansätze eng an berufliche Kontexte und betriebliche Realitäten gebunden bleiben und arbeitsprozessorientierte, realitätsnahe Berufsbildungskonzepte priorisiert (u. a. Fischer, 2003), rezipieren spätere Ansätze der Berufsbildungsforschung (u. a. Feldkamp et al., 2014; Berding et al., 2017; Strotmann et al., 2023) zwar Elemente der BNE – einschließlich der Gestaltungskompetenz –, übernehmen diese jedoch nicht als eigenständigen Referenzrahmen, sondern integrieren sie funktional in das Paradigma beruflicher Handlungskompetenz. Vielmehr bleibt die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz die Zielgröße, innerhalb derer Nachhaltigkeit als additive oder integrative Erweiterung bestehender Kompetenzen gefasst wird. Nachhaltigkeit erscheint in diesem Zusammenhang etwa in Form nachhaltigkeitsbezogener Entscheidungs- und Gestaltungsfähigkeit oder sozial, ökologisch und ökonomisch verantwortlichen Handelns, die an konkrete berufliche Tätigkeitsfelder und Handlungssituationen gebunden sind. Diese funktionale Interpretation von Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiger Entwicklung spiegelt sich auch in ihrer strukturellen Verankerung in den beruflichen Ordnungsmitteln wider, etwa durch die zum 01.08.2021 erfolgte Aufnahme von Nachhaltigkeit in die Standardberufsbildpositionen (vgl. BIBB, 2021, S. 6).

Obwohl dieser kompetenzorientierte Zugang eine hohe didaktische Anschlussfähigkeit besitzt, zeigt sich bei näherer Betrachtung eine charakteristische Engführung: (Berufs)Bildung (für nachhaltige Entwicklung) wird in diesem Sinne implizit als Instrument verstanden, mit dessen Hilfe Arbeitskräfte an veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen angepasst werden sollen. Der normative Gehalt des Nachhaltigkeitsbegriffs tritt demgegenüber in den Hintergrund. Nachhaltigkeit wird in diesem Sinne weniger als kritischer Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung thematisiert, sondern vielmehr als Kompetenzanforderung, die sich aus ökonomischen Transformationsprozessen ergibt.

Eng damit verbunden ist ein zweiter Diskursstrang, welcher Nachhaltigkeit vor allem als Möglichkeit ökologischer Modernisierung interpretiert, welche durch technologische Innovationen, effiziente Ressourceneinsätze und nachhaltige Geschäftsmodelle realisiert werden soll. Diese Sichtweise knüpft an sozialwissenschaftliche Theorien der ökologischen Modernisierung an, in denen Umweltprobleme als durch technologische Innovation und institutionelle Reformen lösbar interpretiert werden (vgl. Huber, 2004; Jänicke, 2008). Berufsbildung erhält in diesem Kontext die Aufgabe, die erforderlichen Kompetenzen für eine nachhaltige Produktions- und Konsumtionsweise bereitzustellen. Initiativen und Programme zur Förderung einer so verstandenen Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung konzentrieren sich daher häufig auf die Integration innovativer Technologien und/oder die Entwicklung ressourcenschonender und -effizienter Arbeitsprozesse und -strukturen in berufliche Aus- und Weiterbildungsgänge. Auch internationale Organisationen wie die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO, 2017), die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD, 2018) sowie das European Centre for the Development of Vocational Training (CEDEFOP, 2021) betonen in diesem Zusammenhang die Bedeutung beruflicher Kompetenzen für nachhaltiges Wirtschaften.

Auch dieser Diskursstrang trägt zweifellos wichtige Aspekte zur Gestaltung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung bei, jedoch ist ihm zugleich eine systemstabilisierende Logik immanent. Nachhaltigkeit erscheint hier primär als Modernisierungsmöglichkeit innerhalb bestehender ökonomischer Prozesse und Strukturen. So bleiben ungleiche Machtverhältnisse, Lebenschancen und Armutsrisiken, globale Ungleichheiten oder strukturelle Ursachen sozialer und ökologischer Krisen häufig unthematisiert und unreflektiert. Damit wird Nachhaltigkeit tendenziell auf eine technisch geprägte Perspektive verengt, in der gesellschaftliche Konflikte primär als technokratische Probleme erscheinen.

Ein dritter Strang des Diskurses interpretiert Nachhaltigkeit im Kontext wirtschafts- und beschäftigungspolitischer Strategien. In dieser Perspektive wird nachhaltige Entwicklung eng mit der Entstehung neuer Wirtschaftszeige und der Notwendigkeit neuer Kompetenzprofile verbunden. Organisationen wie die International Labour Organization (ILO, 2019) argumentieren, dass die ökologische Transformation der Wirtschaft neue Beschäftigungsmöglichkeiten schafft, zugleich aber auch neue Kompetenzanforderungen hervorbringt. Der Begriff der „Green Skills“ bezeichnet in diesem Zusammenhang jene Kompetenzprofile, die für eine nachhaltige Wirtschaft notwendig sind. Berufsbildung wird hier als zentraler Faktor zur Sicherung der erforderlichen Fachkräftebasis einer nachhaltigen Wirtschaftsweise interpretiert.

Diese Perspektive weist eine hohe politische Relevanz auf, da sie Nachhaltigkeit mit Fragen der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik verknüpft. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit auch hier vor allem als ökonomische Entwicklungsstrategie interpretiert. Die normative Frage nach den gesellschaftlichen Zielen nachhaltiger Entwicklung tritt gegenüber wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Argumentationen in den Hintergrund.

Neben diesen funktional geprägten Diskurssträngen existieren jedoch auch kritische Perspektiven, die darauf hinweisen, dass Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung nicht auf ökonomische oder technologische Anpassungsstrategien reduziert werden darf. Diese Perspektiven markieren wichtige Ansatzpunkte für eine kritisch-emanzipatorische Betrachtung der BBNE, verbleiben jedoch bislang häufig auf der Ebene einzelner Problematisierungen oder theoretischer Annäherungen. Besonders deutlich wird diese Kritik bei Kehren (2016, S. 76), die darauf hinweist, dass Initiativen und Programme der Bildung für nachhaltige Entwicklung oftmals Gefahr laufen, bestehende gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zu stabilisieren, anstatt diese kritisch zu reflektieren. Auch neuere Arbeiten aus der Berufsbildungsforschung betonen, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs wesentlich durch eine funktionalistische Engführung geprägt ist, in welcher die (Berufs)Bildung primär als Instrument gesellschaftlicher Systemerhaltung erscheint (vgl. Ketschau & Steib, 2022; 2023). Damit wird zugleich deutlich, dass innerhalb des BBNE-Diskurses bereits wichtige kritisch-reflexive und gesellschaftskritische Perspektiven existieren, deren bildungstheoretische Systematisierung bislang jedoch nur begrenzt erfolgt ist.

Diese Analyse macht deutlich, dass der gegenwärtige BBNE-Diskurs zwar wichtige Impulse für die Integration nachhaltigkeitsbezogener Themen in die Berufsbildung geliefert hat, zugleich jedoch eine systematische Reflexion seiner normativen Grundlagen bislang nur begrenzt erfolgt ist (vgl. Fischer, 2003, S. 46; Stomporowski, 2023, S. 3). Nachhaltigkeit wird häufig als konsensfähiges Leitprinzip vorausgesetzt, ohne die gesellschaftlichen Zielvorstellungen kritisch zu diskutieren, die mit diesem Begriff verbunden sind. Gerade aus bildungstheoretischer Perspektive ist diese Entwicklung problematisch, da Bildung traditionell nicht nur als Instrument gesellschaftlicher Funktionssysteme verstanden wird, sondern auch als Ort kritischer Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse.

Wenn im Folgenden von einer bildungstheoretischen Fundierung der BBNE gesprochen wird, ist damit nicht allein die Ergänzung bestehender Kompetenzmodelle um normative Zielsetzungen gemeint. Bildungstheoretisch ist eine Perspektive vielmehr dann, wenn sie berufliche Bildung in ihrem Verhältnis zu Arbeit, Beruf, Gesellschaft, Mündigkeit und Transformation reflektiert und dabei auch ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen, Machtverhältnisse und normativen Zielhorizonte zum Gegenstand macht. In kritisch-emanzipatorischer Zuspitzung bedeutet dies, Berufsbildung nicht primär als Anpassung an bestehende oder veränderte Arbeitsmarktanforderungen zu verstehen, sondern als Befähigung zur Kritik vermeidbarer Fremdbestimmung, zur Reflexion von Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnissen und zur Mitgestaltung veränderbarer gesellschaftlicher Verhältnisse. Der Begriff markiert damit keinen exklusiven Bewertungsmaßstab gegenüber anderen BBNE-Ansätzen, sondern die theoretische Perspektive, aus der im Folgenden die normativen Prämissen einer BBNE rekonstruiert werden (vgl. Kaiser & Ketschau, 2019, S. 13–15; Ketschau & Steib, 2023).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welcher bildungstheoretische Ansatz geeignet scheint, die normative Dimension nachhaltiger Entwicklung stärker in den Diskurs der Berufs- und Wirtschaftspädagogik zu integrieren. Ein Ansatz, der besonders anschlussfähig scheint, findet sich in der kritisch-emanzipatorischen Bildungstheorie von Herwig Blankertz, in welcher die Berufsbildung nicht lediglich als funktionales Qualifikationssystem, sondern als Ort der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft verstanden wird.

3 Arbeit und Beruf als gesellschaftlich umkämpfte und veränderbare Verhältnisse

Für die Erarbeitung berufsbildungstheoretischer Annahmen im Kontext nachhaltiger Entwicklung bieten sich unterschiedliche Zugänge an. Die folgende Argumentation wählt den Zugang über die Kategorien Arbeit und Beruf, da beide im Zentrum der blankertzschen Berufsbildungstheorie stehen. Zunächst sind grundsätzlich deren Verhältnis und Auslegung zu klären. Sind die relevanten Aspekte dieses Zusammenhangs offengelegt, werden sie anhand der blankertzschen Annahmen zur Berufsbildung interpretiert. Auf dieser Grundlage lassen sich schließlich BBNE-bezogene Thesen zur Berufsbildung ableiten.

3.1 Historische, soziale und machtförmige Konstruktionen von Arbeit und Beruf

In modernen Arbeitsgesellschaften sind Beruf und Arbeit weder natürliche noch wertneutrale Kategorien (vgl. Marx, 2018; Polanyi, 2024). Sie können gefasst werden als historische Konstruktionen, die sich in der Form ihrer Institutionalisierung beständig entwickelt hat. Diese Entwicklung vollzog und vollzieht sich im Rahmen sozialer und politischer Bedingungen, die Arbeit als Ort sozialer Ungleichheiten und ökologischer Wirkungen für die weiteren Betrachtungen interessant machen (vgl. Bourdieu, 1983; Beck, 1986). Mit der Annahme der Gestaltbarkeit von Arbeit und Beruf ergibt sich die Frage nach der Wirkung von in sie projizierten Machtverhältnissen (vgl. Foucault, 1977; Honneth, 1994). Zugleich wird damit die Notwendigkeit deutlich, erstens zu klären, wie Arbeit als umkämpfter gesellschaftlicher Gestaltungsraum in diesen Dimensionen permanent ausgehandelt wird, und zweitens, wie dies bildungstheoretisch gefasst werden kann (vgl. Blankertz, 1982; Kuhlmeier & Vollmer, 2018).

Historisch wandelte sich Arbeit vom Beitrag zur stammesförmigen Selbstversorgung zu einer Tätigkeit, die mit den komplexer werdenden Wirtschaften und Gesellschaften selbst zunehmend an Komplexität gewann (vgl. Durkheim, 1992; Polanyi, 2024). Mit fortschreitenden Technologien und spezifischeren Bedürfnissen konnten Einzelne nicht mehr allein für ihr Wohlergehen oder das des unmittelbaren Familienverbunds sorgen, sondern waren zunehmend auf die Leistungen anderer in einer arbeitsteilig organisierten Wirtschaft angewiesen (vgl. Durkheim, 1992). Arbeit veränderte sich damit nicht von einer ursprünglich individuellen zu einer sozialen Tätigkeit, sondern von einer in unmittelbare soziale Zusammenhänge eingebetteten Praxis zu einer gesellschaftlich vermittelten Form arbeitsteiliger Kooperation (vgl. Polanyi, 2024). Arbeitsbezogene Handlungen mussten zunehmend spezialisiert werden. Mit der wachsenden Zahl solcher spezialisierter Tätigkeiten entstand zugleich ein steigender Bedarf an Koordination und Abstimmung. Als besonderes Problem der Koordination ergibt sich das der Zuteilung, wenn sich nunmehr nur ein begrenzter Bedarf an bestimmten Arbeitshandlungen ergibt und der Bedarf an einigen deutlich höher ist, als an anderen (vgl. Durkheim, 1992). Die Herausbildung von Berufen ist dann die Konsequenz aus dem Bedarf nach spezialisierter Arbeit und den damit verbundenen Problemen, da diese letztlich die Arbeit in eine hochgradig koordinierbare Form bringen. Mit der zunehmenden Komplexität der Arbeit nahmen Formalisierung und Institutionalisierung von Berufen zu – bis hin zur Herausbildung differenzierter Ausbildungsberufe und entsprechender schulischer Infrastruktur. Die Weitergabe des für einen Beruf erforderlichen Wissens wurde schließlich selbst so komplex, dass auch hierfür spezialisierte Tätigkeiten und Berufe entstanden (vgl. Blankertz, 1982; Weber, 2002).

Im hohen Grad der Institutionalisierung von Berufen und Berufsbiografien bindet sich Arbeit an soziale Zuordnung (vgl. Weber, 2002). Nicht jede Arbeitshandlung wird gleichermaßen anerkannt und ist mit dem gleichen sozialen Prestige oder der gleichen materiellen Gegenleistung verbunden. Anerkennung und Profitabilität unterschiedlicher Arbeiten werden, nach unterschiedlichen Regeln, gesellschaftlich bestimmt und machen sie zu einem zentralen Ort, an dem soziale Ungleichheiten entstehen und reproduziert oder aber abgebaut werden können (vgl. Bourdieu, 1982; Honneth, 1994). Das verschärft sich durch den Umstand, dass weder Individuen noch gesellschaftliche Gruppen absolut frei in der Wahl ihrer Arbeitstätigkeiten sind, weder zu Beginn noch im weiteren Verlauf ihrer Berufsbiografie. Genauso wie die soziale entfaltet Arbeit eine ökologische Wirkung. In einer kapitalistischen Wirtschaftsweise liegen konstitutiv Prozesse der Ausbeutung von Menschen, in der Entkoppelung des Lohns von Unternehmensgewinnen und Umwelt, als Ausbeutung natürlicher Ressourcen (vgl. Marx, 2018). Arbeitsprozesse können entweder ökologische Kosten verursachen oder zu deren Verringerung beitragen. Dies betrifft einerseits den Wertschöpfungsprozess selbst, andererseits die Produkte der Arbeit. Die umweltschonende Ressourcennutzung ist hier sowohl Frage verfügbarer Technologien, aber auch eine der Werthaltung zur Natur, die wiederum gesellschaftlich verhandelt und transportiert wird (vgl. Polanyi, 2024). Zum Machtfaktor wird Arbeit, wo über ihre Verteilung, ihre Organisation und auch die Verteilung ihrer Wertschöpfung entschieden wird. Je nachdem, ob diese Entscheidungen demokratisch legitimiert oder, basierend auf Besitzverhältnissen, autokratisch erfolgen, ist Arbeit ein Spiegel tatsächlicher gesellschaftlicher Machtverhältnisse (vgl. Foucault, 1977; Honneth, 1994).

Der Beruf, historisch geformt als kulturalisierte und institutionalisierte Arbeit, ist die zentrale Vermittlungsinstanz der deutschen Berufsbildungstradition. Zwischen individueller Lebensführung und gesellschaftlicher sowie wirtschaftlicher Struktur schafft er einerseits notwendige Bindungen und wird zugleich zu ihrem Konfliktfeld (vgl. Beck et al., 1980; Blankertz, 1982; Honneth, 1994). Ökonomische Interessen, gefasst in Kategorien wie Produktivität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit, müssen zwischen dem ausgehandelt werden, was individuell angestrebt wird und sich häufig im Streben nach Autonomie, Anerkennung und Sicherheit ausdrückt, und dem politisch Artikulierten, das als gesellschaftlicher Anspruch gerechtfertigt wird (vgl. Honneth, 1994; Polanyi, 2024). Ökonomische Kategorien stehen dabei häufig ebenso im Widerspruch zu ökologischen Belangen (vgl. Beck, 1986). So können etwa Ressourcenschonung oder Emissionsminimierung nicht immer durch zusätzliche Wertschöpfung aufgefangen werden. Auch zu sozialen Zielen entstehen Spannungen, wenn Ansprüche nach Gerechtigkeit und Teilhabe sich nicht gleichberechtigt zu Leistungsanforderungen in Berufsbildern wiederfinden (vgl. Fraser, 2003). Die daraus resultierende Umkämpftheit dessen, was Beruf und Arbeit ausmachen, zeigt sich in zahlreichen gesellschaftlichen Konflikten und Entwicklungen: in den wiederkehrenden Auseinandersetzungen um Arbeitsbedingungen, Löhne und Arbeitszeiten, die permanent zwischen Anbietenden und Nachfragenden von Arbeitskraft in unterschiedlichen Machtpositionen ausgetragen werden; in Fragen der Digitalisierung und Automatisierung; in der Verlagerung globaler Produktionsketten; sowie in durch Klimapolitik gesteuerten Transformationsprozessen.

BBNE kann diese Entwicklungen produktiv aufnehmen, wenn sie nicht nur pragmatisch anerkennt, dass Beruf und Arbeit gestaltet werden können, sondern auch, dass die Frage, in welche Richtung sie gestaltet werden sollen, eine zutiefst normative ist (vgl. Habermas, 1992; Holfelder & Schehl, 2022). Diese Frage lässt sich nicht deterministisch aus den Anforderungen von Unternehmen oder wirtschaftlichen Systemlogiken ableiten, sondern muss gesellschaftlich ausgehandelt werden. Berufsbildung wird damit selbst zu einem Ort dieser Auseinandersetzung, und Arbeit ist einer der zentralen gesellschaftlichen Räume, in denen sich entscheidet, welche Zukunftsentwürfe von Wirtschaft und Gesellschaft Wirklichkeit werden (vgl. Blankertz, 1982; Ketschau, 2018, S. 89–90). BBNE ist folglich notwendig ein Projekt gesellschaftlicher Transformation und nicht lediglich ein Instrument der Kompetenzvermittlung (vgl. Fehse et al., 2022). Unter dem Blick kritischer Bildungstheorie ließe sich sogar zuspitzen: Wenn Arbeit und Beruf historisch gewachsene, gesellschaftlich strukturierte und machtförmig organisierte Verhältnisse sind, dann kann Berufsbildung nicht neutral positioniert werden, weil diese Neutralität nicht existiert. Sie ist notwendigerweise in die Reproduktion oder Transformation des Bestehenden involviert.

3.2 Der Beruf als vermittelnde Kategorie bei Herwig Blankertz

Der Beruf bildet in modernen Arbeitsgesellschaften eine zentrale Form der Organisation menschlicher Arbeit. Zugleich ist er keine naturwüchsige Kategorie. Vielmehr stellt der Beruf selbst eine historische Errungenschaft dar, die erst mit der zunehmenden Differenzierung gesellschaftlicher Arbeit entstanden ist (vgl. Blankertz, 1982; Kutscha, 2011). In früheren Epochen war Arbeit vielfach noch unmittelbar in familiäre, ständische oder gemeinschaftliche Lebensformen eingebettet und nicht in der Weise formalisiert, wie es für moderne Berufssysteme charakteristisch ist. Mit der zunehmenden arbeitsteiligen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft entwickelten sich hingegen stabile Tätigkeitsprofile, Qualifikationsanforderungen und institutionalisierte Ausbildungswege, die schließlich in der Ausbildung klar definierter Berufe mündeten (vgl. Weber, 2002). Der Beruf ist damit Ausdruck der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit und zugleich deren historisch wandelbare Form. Diese Perspektive bildet auch den Ausgangspunkt der berufsbildungstheoretischen Überlegungen Herwig Blankertz’. Für ihn ist der Beruf keine statische Kategorie, sondern eine gesellschaftlich vermittelte Form menschlicher Arbeit, die sich im Kontext ökonomischer, technologischer und sozialer Entwicklungen fortwährend verändert (vgl. Blankertz, 1982; 1986; Kutscha, 2011, S. 70; Ketschau, 2018, S. 96–97).

Vor diesem Hintergrund nimmt der Beruf in der Tradition der deutschen Berufsbildung eine besondere Stellung ein, weil er eine zentrale Vermittlungsfunktion zwischen Individuum und Gesellschaft erfüllt (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011, S. 76; Ketschau, 2018). Für das Individuum stellt er zunächst eine Form der Lebensführung dar: Über den Beruf wird der materielle Lebensunterhalt gesichert, die eigene Biografie strukturiert und gesellschaftliche Anerkennung vermittelt (vgl. Beck et al., 1980; Honneth, 1994). Zugleich kann berufliche Tätigkeit eine Quelle persönlicher Sinnstiftung sein, insofern sie Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, der Verantwortungsübernahme und der sozialen Teilhabe eröffnet (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011). In modernen Gesellschaften hat der Beruf damit das Potenzial, weit mehr als eine bloße Erwerbstätigkeit zu sein; er bildet einen zentralen Bezugspunkt individueller Identität und sozialer Integration (vgl. Beck et al., 1980; Bourdieu, 1983). Gleichzeitig erfüllt der Beruf eine grundlegende gesellschaftliche Funktion. In arbeitsteilig organisierten Industrie- und Wissensgesellschaften ermöglicht er die institutionelle Organisation spezialisierter Tätigkeiten und damit die Koordination komplexer Produktions- und Dienstleistungsprozesse (vgl. Durkheim, 1992; Weber, 2002). Über berufliche Qualifikationen, Ausbildungsgänge und Berufsordnungen wird geregelt, welche Tätigkeiten von welchen Personen ausgeübt werden können. Der Beruf fungiert in diesem Sinne als Strukturprinzip der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und trägt wesentlich zur materiellen und sozialen Reproduktion moderner Gesellschaften bei (vgl. Bourdieu, 1983; Durkheim, 1992). Die Vermittlungsleistung des Berufs besteht darin, dass er individuelle Lebensinteressen mit gesellschaftlichen Funktionsanforderungen verbindet (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011). Diese Verbindung ist jedoch nicht als harmonische Übereinstimmung zu verstehen. Individuelle Erwartungen an Einkommen, Anerkennung oder Sinnhaftigkeit beruflicher Tätigkeit stehen häufig in einem Spannungsverhältnis zu gesellschaftlichen Bedarfen, wirtschaftlichen Strukturbedingungen oder institutionellen Zugangsvoraussetzungen (vgl. Bourdieu, 1983; Honneth, 1994). Der Beruf löst diese Widersprüche daher nicht auf. Vielmehr stellt er eine institutionelle Form dar, in der sie organisiert und bearbeitbar gemacht werden. Moderne Arbeitsgesellschaften funktionieren gerade deshalb, weil diese Spannungen in beruflichen Strukturen so reguliert werden, dass sie für Individuen und gesellschaftliche Institutionen in einem bestimmten Maß aushaltbar bleiben (vgl. Polanyi, 2024). Vor diesem Hintergrund gewinnt Berufsbildung eine besondere Bedeutung. Sie dient nicht allein der Qualifizierung für bestimmte Tätigkeiten, sondern bildet den Ort, an dem Individuen in diese Vermittlungsstruktur eingeführt werden (vgl. Blankertz, 1986). Zugleich eröffnet sie die Möglichkeit, die gesellschaftlichen Bedingungen beruflicher Arbeit zu verstehen, zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen (vgl. Ketschau, 2018, S. 100). Genau an diesem Punkt setzt die kritisch-emanzipatorische Bildungstheorie Herwig Blankertz’ an, die den Beruf nicht nur als Vermittlungsinstanz beschreibt, sondern als zentralen Ort ihrer Reflexion und möglichen Transformation begreift (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011).

Um sich nicht den technologischen und ökonomischen Bedingungen des Beruflichen zu ergeben, muss Berufsbildung nach Blankertz die kritische Betrachtung gesellschaftlicher Gegebenheiten und Veränderungen in sich aufnehmen (vgl. Blankertz, 1986). Sie ist daher nicht Anpassung an gegebene Verhältnisse, sondern Bildung zur Kritik dieser Verhältnisse (vgl. Kutscha, 2011, S. 78–79). Jugendlichen muss es ermöglicht werden, die Bedingungen ihrer beruflichen Tätigkeit zu reflektieren, zu problematisieren und zu beeinflussen (vgl. Blankertz, 1986; Ketschau, 2018, S. 92). Gerade hierin liegt zugleich die Anschlussfähigkeit der blankertzschen Berufsbildungstheorie an bestehende kritisch-reflexive Perspektiven innerhalb des BBNE-Diskurses. Während bisherige Arbeiten insbesondere die funktionalistische Reduktion nachhaltiger Berufsbildung problematisieren (vgl. Kehren, 2016; Ketschau & Steib, 2022; Stomporowski, 2023), eröffnet Blankertz’ Theorie die Möglichkeit, diese Perspektiven systematisch bildungstheoretisch zu fundieren und in einen gemeinsamen normativen Horizont einzuordnen.

Blankertz arbeitet in seinen Schriften klar heraus, dass Beruflichkeit damit nicht in technischer Qualifikation aufgeht, dass berufliche Bildung vielmehr ein Projekt der Mündigkeit und damit ein Ort der gesellschaftlichen Selbstaufklärung ist (vgl. Blankertz 1982; 1986; 2025). Diese Setzungen untermauern die These, die eingangs sowie in früheren Arbeiten bereits formuliert wurde: Berufsbildung für Nachhaltige Entwicklung kann nicht funktionalistisch gedacht werden, weil Arbeit und Beruf selbst Teil der gesellschaftlichen Krisenproduktion sind (vgl. Kehren, 2016, S. 76; Ketschau & Steib, 2023, S. 297). Vielmehr müssen die ihnen zugrundeliegenden Ideale und Normative betrachtet werden, um Notwendigkeiten und Potential für die Transformation beider Begriffe offen zu legen (vgl. Ketschau, 2018).

Nachhaltige Entwicklung erscheint in dieser Perspektive nicht als externes Ziel beruflicher Bildung, sondern als Ausdruck der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit selbst (vgl. Blankertz, 1982; 1986). Es stellt genau das zur Diskussion, macht das Nachhaltigkeitsprinzip also, als Berufspädagogik sui generis, zu einer Frage der gesellschaftlichen Gestaltbarkeit von Arbeit und Beruf (vgl. Blankertz, 2025; Ketschau & Steib, 2023).

Vor diesem Hintergrund erweist sich Blankertz’ Verständnis von Berufsbildung, das von der Notwendigkeit einer aktiv zu gestaltenden und veränderbaren Gesellschaft ausgeht, als besonders anschlussfähig für die BBNE (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011). Auch sie steht vor der Herausforderung, berufliche Bildung nicht als Anpassung an bestehende Verhältnisse zu denken, sondern als Beitrag zu deren Transformation (vgl. Blankertz, 1986; Ketschau & Steib, 2022, S. 190–191). Blankertz’ Theorie fungiert damit als bildungstheoretische Linse, durch die sich die normativen und gesellschaftlichen Implikationen nachhaltiger Berufsbildung systematisch erschließen lassen.

3.3 Konsequenzen für die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung

Aus dem Verhältnis von Beruf, Arbeit und Gesellschaft sowie der blankertzschen Interpretation ergeben sich Anforderungen an die Ausrichtung der BBNE: Nachhaltige Entwicklung stellt die Organisation von Arbeit selbst zur Disposition. Wenn Arbeit und Beruf nicht als naturwüchsige Strukturen, sondern als gesellschaftlich gestaltbare Formen verstanden werden (vgl. Blankertz, 1982; Kutscha, 2011), ergibt sich daraus ein Bildungsauftrag. Berufsbildung kann Nachhaltigkeit dann nicht allein als Anpassungsanforderung behandeln, sondern muss Lernende dazu befähigen, die gesellschaftlichen Bedingungen von Arbeit zu analysieren, zu kritisieren und mitzugestalten (vgl. Blankertz, 1986). Diese Anforderungen lassen sich im Folgenden systematisieren.

Die folgenden Thesen differenzieren zwischen den gesellschaftlichen Bedingungen nachhaltiger Entwicklung und den daraus resultierenden Anforderungen an die Berufsbildung. Während die erste These die strukturellen Widersprüche von Arbeit, Beruf und Nachhaltigkeit beschreiben, formulieren die anschließenden Thesen die daraus abgeleiteten Konsequenzen für die BBNE, die das Fundament eines emanzipatorischen Bildungsverständnisses an die BBNE bilden können.

Das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung ist durch Widersprüche gekennzeichnet, die pädagogisch ausgehalten und adressiert werden können (vgl. Kuhlmeier & Vollmer, 2018; Ketschau & Steib, 2023). Damit muss BBNE anerkennen, dass ökologische, ökonomische und soziale Anforderungen oft im Konflikt stehen. Technisch-rationale Lösungen, die jenseits jeder Widersprüchlichkeit stünden, indem sie ohne Verzicht oder Machtverschiebung umsetzbar wären, zeichnen sich nicht ab. Vielmehr muss BBNE den politischen Aushandlungsprozess der nachhaltigen Entwicklung mittragen (vgl. Fehse et al., 2022).

Beruf und Arbeit sind gestaltbar und deshalb zu gestalten. BBNE muss Lernende befähigen, berufliche Tätigkeit als historisch geformt, sozial bedingt, machtbezogen und veränderbar zu verstehen. Im Kontext nachhaltiger Entwicklung bedeutet dies, dass Nachhaltigkeit nicht durch Anpassung an „Green Jobs“ entsteht, sondern durch die Transformation von Arbeit selbst, die gesellschaftskritisch reflektiert wird.

Damit wird die Analyse gesellschaftlicher Macht- und Interessenkonstellationen zum Bildungsinhalt (vgl. Foucault, 1977; Honneth, 1994). Im Sinne nachhaltiger Entwicklung müssen Lernende dazu befähigt werden, zu erkennen, wer die Deutungshoheit über nachhaltige Arbeit ausübt, wer von dieser Deutung profitiert oder nicht, und welche Interessen in Konflikt zueinander stehen.

Kritikfähigkeit wird zur Kernkompetenz nachhaltiger Beruflichkeit (vgl. Blankertz, 1986). Technisches Können und Handlungskompetenzen können dann nicht mehr alleiniger Primat beruflicher Bildung sein. Jugendliche müssen befähigt werden, die eigenen Fähigkeiten, betriebliche Routinen und wirtschaftliche Produktionslogiken nicht vornehmlich im Lichte der (Selbst)Optimierung zu hinterfragen. Sie bedürfen dazu auch der Fähigkeit, betriebliche und gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten zu erkennen.

BBNE muss Räume öffnen, in denen alternative Formen von Arbeit denkbar werden (vgl. Freire, 1970; Lempert, 1974; Wright, 2010). Hierzu zählen insbesondere die Demokratisierung von Betrieben, solidarische und suffiziente Wirtschaftsformen, ökologische und soziale Umbaupfade und Möglichkeiten der Arbeitszeitverkürzung, anders verteilter Arbeit oder neuer Arbeitsorganisationen.

Nachhaltige Entwicklung ist ein politisches Projekt (vgl. Brand & Wissen, 2017). Da bestehende Formen von Arbeit selbst zur Entstehung ökologischer und sozialer Krisen beitragen (vgl. Beck, 1986), kann berufliche Bildung ihre politische Dimension nicht ausblenden. BBNE muss diese Politisierung nicht vermeiden, sondern reflektiert aufnehmen. Eine vermeintlich „apolitische“ Berufsbildung reproduziert dagegen bestehende Verhältnisse und läuft damit Gefahr, diese funktional zu stabilisieren.

Auszubildende werden damit, in letzter Konsequenz, als Gestalter:innen verstanden, nicht als Objekte politischer Programme. Sie sollen nicht zu ausführenden Kräften nachhaltiger Wirtschaftspolitik gebildet werden, sondern zu zukünftigen Mitdenker:innen, Kritiker:innen und Gestalter:innen nachhaltiger Arbeit und Beruflichkeit.

4 Normative Prämissen einer kritisch-emanzipatorischen Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung

Die bisherigen Überlegungen machen deutlich, dass BBNE nicht ohne normative Setzungen auskommt, denn letztlich ist jede Form von Bildung notwendig mit normativen Setzungen verbunden, da sie die Entscheidung darüber trägt, wie Individuen ihre Rolle in gesellschaftlichen Arbeits- und Lebenszusammenhängen verstehen und gestalten sollen (vgl. Blankertz, 1986; Klafki, 2007). In Konsequenz dessen werden im Folgenden zentrale Leitziele formuliert, die den normativen Horizont einer kritisch-emanzipatorischen BBNE markieren. Daran anschließend wird reflektiert, wie diese Normativität begründet und verantwortet werden kann.

Vorrang von Mündigkeit vor Anpassung: BBNE orientiert sich primär an der Bildung mündiger Subjekte, nicht an deren arbeitsmarktbezogener Verwertbarkeit. Zu Mündigkeit gehört die Fähigkeit und der Wille, gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Verhältnisse kritisch zu reflektieren. Eine mündigkeitsorientierte BBNE fragt dann nicht in erster Linie: „Welche Kompetenzen brauchen nachhaltigkeitsorientierte Arbeitsmärkte?“; sondern sie fragt vor allem: „Wie können Lernende befähigt werden, gesellschaftliche Verhältnisse infrage zu stellen und mitzugestalten?“

Beruf als gesellschaftlich-vermittelnde und veränderbare Kategorie: In Anlehnung an Blankertz versteht BBNE Beruf als Ort der Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft, nicht als statische Funktion. Berufliche Bildung muss dann Lernende befähigen, die historischen, politischen und sozialen Bedingungen ihrer beruflichen Handlungsfelder und die gesellschaftlichen Bedingungen von Arbeit, insbesondere von Lohnarbeit, zu erkennen. Fügt sich Nachhaltigkeit in diese Berufsauslegung ein, wird sie nicht als feststehende Anforderung des Arbeitsmarkts begriffen, sondern als Aufgabe, berufliche Praxis kritikbasiert zu transformieren.

Orientierung am Abbau sozialer Ungerechtigkeit: Die sozialstrukturellen Ursachen nicht-nachhaltiger Entwicklung müssen explizit adressiert werden. Nachhaltigkeit als bildungstheoretischer Referenzpunkt ist damit nicht primär ökologisch-technisch auszulegen, sondern sozialpolitisch. BBNE erhält den Zweck, Strukturen sozialer Ungleichheit sichtbar zu machen und Beiträge zu ihrer Überwindung zu leisten – etwa durch Demokratisierung von Arbeit, faire Verteilung von Risiken und Rechten und Stärkung benachteiligter Gruppen.

Demokratische Teilhabe als Bildungs- und Gesellschaftsziel: Die Verwirklichung des Nachhaltigkeitsprinzips in den gesellschaftlichen Strukturen setzt demokratische Mitbestimmung voraus. Auch BBNE muss daher Lernende befähigen, demokratische Entscheidungsprozesse zu verstehen, zu hinterfragen und mitzugestalten. Das Nachhaltigkeitsprinzip ist dabei keine feststehende Ideologie, sondern ein offenes Ideal, das im demokratischen Diskurs errungen werden muss.

Nachhaltigkeit als Transformation statt Optimierung der bestehenden Ordnung: Nachhaltige Entwicklung wird nicht verstanden als ökologische Modernisierung des Status quo, sondern als sozial-ökologische Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Reproduktion bestehender Wirtschaftsformen kann damit nicht Prämisse der BBNE sein, vielmehr muss sie auch als Medium der Kritik gesellschaftlichen Fortschritts angelegt werden. Als Instrument einer ökologisch modernisierten Ökonomie würde ihr progressives Potenzial dagegen im Wesentlichen aufgegeben.

Die bisher formulierten Leitziele beruhen notwendigerweise auf normativen Annahmen über Bildung, Gesellschaft und Nachhaltigkeit. Diese gilt es im Folgenden nicht nur offenzulegen, sondern auch in ihrer Begründung und Reichweite zu reflektieren.

Normativität offenlegen und verantworten: BBNE benötigt ein transparentes Bildungs- und Gesellschaftsideal. Anstatt verdeckter Normsetzungen muss BBNE offenlegen, auf welchen Wertannahmen sie beruht und wie weit ihr progressiver Horizont reicht. Eine kritisch-emanzipatorische BBNE begründet ihre Normativität aus demokratischen Prinzipien, Aufklärung und sozialer Gerechtigkeit – nicht aus Marktlogiken oder technokratischen Programmatiken (vgl. Habermas, 1992).

Bildung als reflexives System – nicht als Mittel der Verhaltenssteuerung: Bildung dient nicht dazu, gewünschte nachhaltige Verhaltensweisen zu „implementieren“. Sie ermöglicht Subjekten, sich selbst und ihre Umwelten zu verstehen, zu reflektieren und autonom zu handeln (vgl. Biesta, 2010). Folglich muss sich BBNE von instrumentellen Bildungslogiken abgrenzen, die Lernende als Objekte politischer Steuerung behandeln und ihnen damit das Menschliche ihrer Subjektivität aberkennen.

Reflexiver Umgang mit den Widersprüchen von Nachhaltigkeit und moderner Arbeit: BBNE verlangt einen reflexiven Umgang mit Nachhaltigkeit und beruflicher Realität. Nachhaltigkeit darf daher nicht als unverhandelbare politische Vorgabe behandelt werden, sondern muss selbst Gegenstand kritischer Auseinandersetzung bleiben. Zugleich ist berufliche Praxis durch strukturelle Ambivalenzen geprägt – etwa zwischen Selbstverwirklichung und ökonomischem Zwang, zwischen ökologischen Anforderungen und betrieblichen Interessen. Eine emanzipatorische BBNE zielt daher nicht auf die Auflösung dieser Widersprüche, sondern auf ihre reflexive Bearbeitung. Nachhaltigkeit wird damit nicht als eindeutiges Handlungsprogramm vermittelt, sondern als offenes gesellschaftliches Projekt, dessen Gestalt im demokratischen und beruflichen Handeln immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

5 Schlussteil

Die vorliegenden Überlegungen haben gezeigt, dass Beruf und Arbeit in modernen Gesellschaften weder als naturgegebene noch als wertneutrale Kategorien verstanden werden können. Vielmehr handelt es sich um historisch gewachsene, gesellschaftlich strukturierte und machtförmig organisierte Verhältnisse, die sowohl soziale Ungleichheiten als auch ökologische Wirkungen hervorbringen und reproduzieren (vgl. Bourdieu, 1983; Beck, 1986; Marx, 2018; Polanyi, 2024). In dieser Perspektive erweist sich Arbeit als ein zentraler gesellschaftlicher Gestaltungsraum, in dem Interessen, Normen und Machtverhältnisse kontinuierlich ausgehandelt werden (vgl. Foucault, 1977; Honneth, 1994).

Auf dieser Grundlage konnte mit Rückgriff auf die berufsbildungstheoretischen Überlegungen von Blankertz herausgearbeitet werden, dass der Beruf als Vermittlungsinstanz zwischen Individuum und Gesellschaft eine zentrale Rolle für die Analyse und Gestaltung dieser Verhältnisse einnimmt. Berufsbildung erscheint damit nicht als bloße Qualifizierung für bestehende Arbeitsanforderungen, sondern als Ort, an dem gesellschaftliche Bedingungen von Arbeit reflexiv zugänglich und potenziell veränderbar werden (vgl. Blankertz, 1986; Kutscha, 2011). In diesem Sinne ist sie notwendigerweise in die Spannung zwischen Reproduktion und Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse eingebunden.

Die daraus entwickelten Thesen zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung verdeutlichen, dass BBNE nicht auf die Vermittlung von Kompetenzen für eine vermeintlich bereits definierte „nachhaltige Arbeitswelt“ reduziert werden kann. Vielmehr ist sie als ein Projekt zu begreifen, das Lernende dazu befähigt, die gesellschaftlichen Bedingungen von Arbeit kritisch zu analysieren, ihre Widersprüche auszuhalten und an ihrer Gestaltung mitzuwirken. Nachhaltigkeit wird damit nicht als externer Maßstab beruflicher Bildung verstanden, sondern als Ausdruck und Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse über die Organisation von Arbeit selbst.

Zugleich wird deutlich, dass innerhalb des BBNE-Diskurses bereits wichtige kritisch-reflexive und gesellschaftskritische Perspektiven existieren, die die funktionalistische Engführung nachhaltigkeitsbezogener Berufsbildung problematisieren. Der vorliegende Beitrag versucht, diese Perspektiven durch Rückgriff auf Blankertz’ kritisch-emanzipatorische Berufsbildungstheorie bildungstheoretisch zu systematisieren und in einen gemeinsamen normativen Zusammenhang zu stellen.

Die im Anschluss formulierten normativen Prämissen machen deutlich, dass eine kritisch-emanzipatorische BBNE auf einem Bildungsverständnis beruht, das Mündigkeit, demokratische Teilhabe und soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt (vgl. Blankertz, 1986; Habermas, 1992; Klafki, 2007). Bildung wird dabei nicht als Instrument der Verhaltenssteuerung konzipiert, sondern als reflexiver Prozess, der Subjekte dazu befähigt, sich zu den gesellschaftlichen Bedingungen ihres Handelns in ein kritisches Verhältnis zu setzen (vgl. Biesta, 2010).

Vor diesem Hintergrund lässt sich die leitende Perspektive der Arbeit zuspitzen: Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung ist weder neutral noch rein funktional, sondern notwendig normativ und politisch. Sie steht vor der Aufgabe, nicht nur zur Anpassung an bestehende Verhältnisse zu befähigen, sondern zur reflexiven und verantwortlichen Mitgestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. In diesem Spannungsfeld wird deutlich, dass Bildung immer auch eine Frage der Subjektwerdung ist – sowohl in Bezug auf die eigene Innenperspektive als auch auf die gesellschaftliche Außenwelt. In diesem Sinne gilt: Mündigkeit ist Menschwerdung nach innen, Emanzipation ist Menschwerdung nach außen.

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Nachhaltigkeit in der Berufsbildungsforschung: Eine explorative Mapping-Studie am Beispiel der Zeitschrift bwp@

1 Einleitung

Welche Rolle Wissenschaft im Allgemeinen und die Disziplin der Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) im Besonderen im Kontext der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung einnehmen kann, wird kontrovers diskutiert (u. a. Kiepe & Schlömer, 2025) und nicht zuletzt im bildungspolitischen Programm der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) aufgegriffen. Seit mehr als 25 Jahren verfolgt die BBNE das Ziel, „[d]ie Berufsbildung […] als Schlüsselfaktor für die nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“ (BIBB, 2026, o. S.) zu stärken. Seit Ende der 1990er Jahre wurden vier größere Modellversuchsprogramme zur BBNE sowie ein Transferprogramm durchgeführt (u. a. Haan et al., 2021; Weber & Wester, 2021). Die adressierten Themenfelder umfassen unter anderem die Kompetenzentwicklung Auszubildender, die Professionalisierung von Ausbildungspersonal, die curricular-ordnungsrechtliche Verankerung der BBNE sowie die Entwicklung der Lernorte (Kiepe & Schlömer, 2025, S. 312). Die Entwicklung und Erprobung von Bildungsinterventionen – etwa in Form von Qualifizierungskonzepten – eröffnete eine Vielzahl von Möglichkeitsräumen für die Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung im Kontext der Berufsbildung (überblicksartig Melzig et al., 2021). Kritisch anzumerken ist allerdings auch, dass es trotz der umfangreichen Förderprogramme bis heute nicht gelungen ist, BBNE umfassend auf allen Ebenen der Berufsbildung zu verankern (u. a. Rebmann & Schlömer, 2020). Diese den Modellversuchen immanente Transferproblematik (überblicksartig Schlömer et al., 2024) wird durch den Umstand begleitet und verstärkt, dass bisher vor allem kleinere Studien sowie Qualifikationsarbeiten die zentrale Evidenzbasis für eine Implementierung von BBNE bilden (Kiepe & Schlömer, 2025; Slopinski et al., 2020). Es braucht schließlich jedoch breiter und tiefer gesicherte Wissensbestände, die die spezifischen Herausforderungen und Bedingungen der BBNE systematisch in den Blick nehmen, damit sich die BBNE zu einem etablierten Feld innerhalb der Berufsbildungsforschung entwickeln kann.

Um beurteilen zu können, wie die drittmittelgetriebene (z. B. Modellversuche) und drittmittelunabhängige Forschung zur BBNE im Verhältnis zueinanderstehen, ist eine systematische Kartierung des Status-Quo der aktuellen Forschungsaktivitäten und -ansätze notwendig. Die Ansprüche an BBNE sind eng verbunden mit gesellschaftlichen Erwartungen und politischen Zielen, was Aushandlungsprozesse zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik erforderlich macht. Gleichzeitig ist die Wissensproduktion strukturell verflochten mit Transformationszielen – Forschung agiert im Feld der BBNE nicht nur beschreibend, sondern auch gestaltend. Dies schafft Spannungen zwischen Analyse, Kritik und Geltungsanspruch. Eine systematische Kartierung macht die Vielfalt möglicher Zugriffsweisen sichtbar und ermöglicht eine fundiertere, reflektierte Weiterentwicklung der BBNE-Forschung. So wird deutlich, welche Zugänge das Feld bereits prägen und wo Leerstellen bestehen, an denen forschungsstrategisch angeknüpft werden kann.

Das zentrale Anliegen des vorliegenden Beitrags besteht deshalb darin, den Forschungsstand zu Nachhaltigkeit in der Berufsbildung mittels einer Mapping-Studie zu kartieren. Im Gegensatz zu einem systematischen Literaturreview zielt die vorliegende Mapping-Studie nicht auf die Beantwortung einer spezifischen Fragestellung ab. Vielmehr besteht ihr Anliegen darin, Trends, Themen und Lücken im aktuellen Wissensstand des Forschungsfeldes zu identifizieren (Grant & Booth, 2009; Newman & Gough, 2020). Als Basis der Analyse dienen alle bis Mai 2026 in der Zeitschrift bwp@ publizierten Beiträge zum Themenfeld der BBNE. Die Schwerpunktsetzung liegt darin begründet, dass die bwp@ als eine der führenden deutschsprachigen Zeitschriften im Bereich der BWP einen wichtigen Ausschnitt des deutschsprachigen Diskurses um Nachhaltigkeit in der Berufsbildung abbildet. Das Ziel des Beitrags ist dabei nicht, den Forschungsstand abschließend zu kartieren, sondern datenbasiert eine Heuristik zu entwickeln, auf deren Basis weiterführende Untersuchungen im Bereich der BBNE gezielt angeschlossen und erste Tendenzen zur Diskussion gestellt werden können.

Der Beitrag gliedert sich in vier Abschnitte. In Abschnitt 2 werden die in den Nachhaltigkeitswissenschaften etablierte Unterscheidung von Forschungsmodi inkl. entsprechender Wissensformen (WBGU, 2011) sowie der normativen Transformationsansprüche (Schneidewind, 2018) als theoretische Bezugspunkte eingeführt. In Abschnitt 3 wird das methodische Vorgehen der Mapping-Studie dargestellt und begründet. Abschnitt 4 präsentiert schließlich die Ergebnisse und diskutiert diese entlang der in Abschnitt 2 eingeführten Analyseebenen.

2 Forschungsmodi, Wissensformen und Transformationsansprüche in den Nachhaltigkeitswissenschaften: Eine Heuristik zur Kartierung des BBNE-Diskurses

Will man den Forschungsstand zur BBNE kartieren, stellt sich zunächst die Frage, anhand welcher Kriterien sich die Beiträge des Feldes unterscheiden lassen. Eine zentrale Differenzierungsebene betrifft den Forschungsmodus – also den Beitrag wissenschaftlicher Arbeiten zur Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu Nachhaltigkeit. Dieser lässt sich anhand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in zwei Modi differenzieren (WBGU, 2011, S. 374).

Der erste Modus – die Modus-1-Forschung – stellt eine theoriebildende, empirisch-analytische Form der Transformationsforschung dar. Sie gilt als klassische Form der Wissensproduktion, die vor allem innerhalb klar abgegrenzter wissenschaftlicher Disziplinen organisiert ist (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 48). Die Forschungsfragen werden dabei aus dem Wissenschaftssystem heraus formuliert, etwa angestoßen durch theoretische oder methodische Auseinandersetzungen innerhalb einzelner Disziplinen. Im Vordergrund steht der Erkenntnisfortschritt, der institutionell in Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen verankert ist. Die Güte dieses Forschungstyps wird vor allem anhand disziplininterner Kriterien bewertet, die unter anderem in Publikationsorganen und Peer-Review-Verfahren Ausdruck finden (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 48–49). Eine gesellschaftliche Wirkung ist zwar möglich, jedoch nicht der Ausgangspunkt der Forschung. Insgesamt ist die Modus-1-Forschung damit von der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung weitestgehend entkoppelt und „der Wahrung der wissenschaftlichen Distanz zu politisch-gesellschaftlichen Ansprüchen verpflichte[t]“ (Kiepe & Schlömer, 2025, S. 311)

Demgegenüber steht als zweiter Modus die transformative Forschung (Modus-2/3-Forschung). Sie steht „in indirektem Bezug zur Transformation, indem […] [sie] Umbauprozesse durch spezifische Innovationen in den relevanten Sektoren befördert“ (WBGU, 2011, S. 374), und ist typischerweise inter- und transdisziplinär ausgerichtet. Im Fokus stehen „die Entwicklung von Lösungen sowie technischen und sozialen Innovationen“, einschließlich ihrer Verbreitungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft sowie der Stakeholderbeteiligung (WBGU, 2011, S. 374). Wissenschaftler:innen und gesellschaftliche Akteure interagieren in diesem Forschungsverständnis gestaltungsbezogen, kooperativ und dialogisch und können darüber anwendungsorientiert sozial robustes Wissen produzieren. Dabei handelt es sich per definitionem also um gestaltungsorientierte Forschung, deren Produkte mit hoher Wahrscheinlichkeit Anwendung finden (Nowotny, 2003).

Innerhalb dieses sozial robusten Wissens können drei Formen unterschieden werden: Systemwissen stellt die Analyse des Status Quo dar. Es schafft Transparenz über relevante Einflussfaktoren und legt Wechselwirkungen, Pfadabhängigkeiten und systemische Rückkopplungen offen, um Ursachen und Wirkmechanismen von Problemlagen differenziert erfassen zu können. Zielwissen macht zugrundeliegende Wertannahmen, Zielkonflikte und Priorisierungen explizit, umfasst Wissen über Notwendigkeiten des Wandels sowie erwünschte Ziele und dient als Orientierungsrahmen für Entscheidungen in Transformationsprozessen (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 41). Transformationswissen schließlich bezeichnet „Wissen über technische, soziale, rechtliche, kulturelle und andere Mittel zur Veränderung von bestehenden Handlungsweisen in erwünschte Richtungen” (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 41; siehe zu den Wissensformen auch Pohl et al., 2008; Wuppertal Institut, 2026) und verbindet Ausgangszustand und Ziele durch Veränderungspfade, experimentelle Ansätze, Lernprozesse und Diffusionsstrategien. Wenngleich die drei Wissensformen ursprünglich im Kontext der Modus-2/3-Forschung verortet sind, lassen sie sich heuristisch auch auf Beiträge der Modus-1-Forschung anwenden, da sie als analytische Kategorien nicht an einen bestimmten Forschungsmodus gebunden sind, sondern die Frage adressieren, welche Form von Wissen ein Beitrag jeweils generiert.

Neben der Differenzierung nach Forschungstypen und Wissensformen lässt sich eine weitere analytische Ebene einführen, die stärker auf den normativen Gehalt und damit den Transformationsanspruch von Forschung zielt. So kann in Anlehnung an Schneidewind (2018) gefragt werden, inwieweit die im BBNE-Diskurs verhandelten Ansätze nachhaltige Entwicklung als kulturelle Revolution begreifen oder ob sie primär auf technische bzw. instrumentelle Problemlösungen ausgerichtet sind. Während erstere Ansätze nachhaltige Entwicklung als tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel verstehen, der eine fundamentale Transformation von Deutungsmustern, Berufsleitbildern und institutionellen Logiken einschließt, operieren letztere vornehmlich durch Technologieentwicklungen im Rahmen des bestehenden Wachstums- und Fortschrittsparadigmas, ohne eine derartige kulturelle Transformation anzustreben (Schneidewind, 2018).

Die Verschränkung der drei Differenzierungsebenen – Forschungsmodus, Wissensform und Transformationsanspruch – bildet die heuristische Grundlage der vorliegenden Mapping-Studie (siehe Tabelle 1). Sie erlaubt es, Beiträge des BBNE-Diskurses danach zu verorten, ob sie eher erkenntnisgetrieben oder gestaltungsorientiert ausgerichtet sind, welche Form von Wissen sie generieren und welcher Transformationsanspruch ihnen zugrunde liegt. So kann auf der Meta-Ebene reflektiert werden, welche Forschungstypen das Feld der BBNE prägen. Gleichzeitig wird ein Bezug zu den Diskursen der Nachhaltigkeitswissenschaften hergestellt. Damit wird schließlich sichtbar, wo im Feld der BBNE Schwerpunkte liegen und wo systematische Leerstellen bestehen.

Tabelle 1: Vier-Felder-Matrix zur Verortung von Beiträgen im BBNE-Diskurs (nach Schneidewind, 2018; WBGU, 2011; Wittmayer & Hölscher, 2017)

Transformationsanspruch →

Forschungsmodus ↓

Kulturelle Revolution

Nachhaltige Entwicklung als tiefgreifen­der gesellschaftlicher Wandel bzw. kultu­relle Revolution; fundamentale Transfor­ma­tion z. B. von Deutungsmustern, Be­rufs­leitbildern und institutionellen Logi­ken.

Technisch-instrumentelle Problemlösung

Fokus auf technische bzw. instrumentelle Problemlösungen; Technologieentwicklung im Rahmen des be­stehenden Wachstums- und Fort­schritts­paradigmas.

Modus-1-Forschung

Theoriebildende, empirisch-analytische Trans­for­mationsforschung; disziplinär organisierte Wissensproduktion; Forschungsfragen aus dem Wissenschaftssystem; Erkenntnisfortschritt im Vordergrund; wissenschaftliche Distanz zu politisch-gesellschaftlichen Ansprüchen; weit­gehend von der Gestaltung entkoppelt.

Generiertes Wissen:

Systemwissen: Wissen über den Ursprung, die Entwicklung und Interpretation von Problemen.

Zielwissen: Wissen über Notwendigkeiten des Wandels, erwünschte Ziele und bessere Handlungs­weisen.

Transformationswissen: Wissen über technische, soziale, rechtliche, kulturelle und andere Mittel zur Veränderung von bestehenden Handlungsweisen in erwünschte Richtungen.

   

Modus-2/3-Forschung

Transformative Forschung; inter- und trans­disziplinär; Entwicklung von Lösungen sowie technischen und sozialen Innovationen ein­schließlich ihrer Verbreitung; gestaltungs­bezo­gene, kooperative und dialogische Interaktion mit gesellschaftlichen Akteuren; Ziel: sozial robustes Wissen.

Generiertes Wissen:

Systemwissen: Wissen über den Ursprung, die Entwicklung und Interpretation von Problemen.

Zielwissen: Wissen über Notwendigkeiten des Wandels, erwünschte Ziele und bessere Hand­lungs­weisen.

Transformationswissen: Wissen über technische, soziale, rechtliche, kulturelle und andere Mittel zur Veränderung von bestehenden Handlungsweisen in erwünschte Richtungen.

   

3 Zum Vorgehen der Mapping-Studie

3.1 Thema, Zeitschrift und Untersuchungszeitraum

Um den Forschungsstand zu kartieren, wird ein Mapping-Review als spezifische Art eines Literaturreviews durchgeführt (Grant & Booth, 2009; Newman & Gough, 2020). Während systematische Reviews eine besonders starke Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen bilden, ist für das Mapping-Review der Anspruch charakteristisch, die Forschungslage zu einem Themenfeld möglichst umfassend abzubilden, um ein Verständnis dafür zu gewinnen, in welchem Umfang zu einem bestimmten Thema bereits geforscht wurde und wo noch Forschungslücken bestehen (Grant & Booth, 2009; Newman & Gough, 2020). Das Ergebnis des Mapping-Reviews kann als Ausgangsbasis für vertiefende Analysen – beispielsweise in Form systematischer Reviews – dienen. Das Vorgehen der vorliegenden Studie ist weitgehend an die Weiterentwicklung des Mapping-Reviews durch Bradbury-Jones et al. (2017) angelehnt und demnach in dreierlei Hinsicht fokussiert: (1) auf ein bestimmtes Thema (Nachhaltigkeit), (2) auf ein bestimmtes Publikationsorgan (bwp@) und (3) auf einen definierten Zeitraum (2001–2026). Im Folgenden werden die drei gewählten Fokusse begründet.

Zu (1): Das Thema Nachhaltigkeit wird in der BWP überwiegend in der BBNE verhandelt. Die BBNE ist seit über 20 Jahren zunehmend Gegenstand von Modellversuchsforschung und Entwicklungsforschung, hat sich aber noch nicht zu einem zentralen Arbeitsfeld der Berufsbildungsforschung entwickelt (u. a. Rebmann & Schlömer, 2020). Angesichts der strukturellen Verflechtung von Wissensproduktion und Transformationsansprüchen sowie der Vielfalt an Forschungsansätzen ist eine systematische Kartierung des Diskursfeldes notwendig, um Muster, Lücken und die Beziehung zwischen drittmittelfinanzierter und drittmittelunabhängiger Forschung sichtbar zu machen. Ein Mapping-Review ermöglicht daher eine fundierte, reflektierte Orientierung für zukünftige Forschungsstrategien im Feld.

Zu (2): Die Mapping-Studie soll einen Überblick über den BBNE-Diskurs auf Basis eines exemplarischen Zugangs über das Online-Fachjournal Berufs- und Wirtschaftspädagogik online (bwp@) verschaffen. Die Datengrundlage sind auf Nachhaltigkeit bezogene publizierte Beiträge in der Zeitschrift. Die Eingrenzung auf eine deutschsprachige Zeitschrift verhindert, dass Befunde aus strukturell nicht vergleichbaren Berufsbildungssystemen zusammengeführt werden. Die Zeitschrift eignet sich aus zwei weiteren Gründen als Korpus: Erstens haben Zeitschriften für die Publikationskultur der BWP eine dominante und zunehmende Bedeutung, wobei fünf Zeitschriften den Diskurs dominieren. Die bwp@ rangiert dabei auf Platz drei (Jahn et al., 2024, S. 261). In systematischen Analysen des internationalen Diskurses um Nachhaltigkeit in der Berufsbildung finden die Beiträge der bwp@trotz ihrer wichtigen Rolle für die deutschsprachige BWP allerdings keine Berücksichtigung, da sie in relevanten Datenbanken (z. B. Scopus) nicht gelistet sind. Da in dieser Zeitschrift jedoch ein relevanter Anteil des (nationalen) disziplinären Outputs sichtbar wird, ist ihre Analyse ein methodisch naheliegender Zugriff, um den Diskurs der BWP systematisch zu kartieren und einen in der Disziplin besonders sichtbaren und zugleich anschlussfähigen Ausschnitt des Publikationsgeschehens abzubilden. Zweitens verfolgt die Zeitschrift ein breites Anliegen: Es reicht von der Veröffentlichung von Beiträgen aus Theorie und Praxis zu aktuellen Schwerpunktthemen über den Austausch zwischen Forschenden, Lehrenden, Praktizierenden und Studierenden bis hin zur dauerhaften Transparenz des Forschungs- und Diskussionsstandes der BWP. Entsprechend adressiert die Zeitschrift einen breiten Kreis von Leser:innen im Open-Access-Format.

Zu (3): Mit Blick auf den Untersuchungszeitraum (2001–2026) ist erstens festzuhalten, dass er den gesamten Zeitraum seit Bestehen der untersuchten Zeitschrift abdeckt. Zweitens ist der Zeitraum auch deshalb geeignet, weil der BBNE-Diskurs insbesondere seit Beginn der 2000er Jahre verstärkt geführt wird (Rebmann & Schlömer, 2020). Folglich ist zu erwarten, dass sich im Korpus sowohl grundlegende Positionierungen als auch Weiterentwicklungen und Ausdifferenzierungen des BBNE-Diskurses nachvollziehen lassen.

3.2 Auswertungsvorgehen

Der Mapping-Studie liegt ein mehrstufiges Auswertungsvorgehen zugrunde. In einem ersten Schritt wurden die Titel und Abstracts aller Beiträge der bwp@ einem Screening unterzogen. Als Such- und Auswahlkriterien dienten die Begriffe „Nachhaltigkeit“, „nachhaltige Entwicklung“, „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, „Modellversuche“, „Klimawandel“ und „Transformation“, jeweils einschließlich gegebenenfalls einschlägiger Komposita und Abkürzungen. Beiträge wurden nicht aufgenommen, wenn die Schlagwörter zwar erwähnt wurden, es im Kern aber um ein anderes Thema (z. B. Intrapreneurship Education, Digitalisierung oder allgemein die zukünftige Entwicklung von Berufen) ging. Es wurden nur Beiträge inkludiert, die Nachhaltigkeit im Sinne intra- und intergenerationaler Gerechtigkeit adressieren, nicht im Sinne von Langfristigkeit. Auf dieser Basis wurden 59 Beiträge als relevant identifiziert und in einem zweiten Schritt in MAXQDA 24 importiert. In diesem Zusammenhang wurden zwei Beiträge, die sich als Interviews herausstellten, entfernt, sodass schließlich 57 Beiträge die Datengrundlage bilden.

In einem dritten Schritt wurden diese 57 Beiträge inhaltsanalytisch ausgewertet (Mayring & Fenzl, 2019). Grundlage der Kodierung war ein Kategoriensystem, das in Form eines Kodierleitfadens (siehe Tabelle 2) operationalisiert und in MAXQDA 24 überführt wurde. Die Kategorien sowie ihre jeweiligen Subkategorien wurden primär deduktiv aus den in Kapitel 2 dargestellten Heuristiken der Nachhaltigkeitswissenschaften abgeleitet. Zunächst wurde der Kodierleitfaden auf eine Teilstichprobe von rund 30 % des Materials angewendet (Probekodierung), um zu prüfen, ob die Kategorien trennscharf, hinreichend definiert und am Material anwendbar sind. Auf Grundlage der Probekodierung wurden dann einzelne Definitionen und Kodierregeln präzisiert. Anschließend wurde das gesamte Korpus entlang des geprüften Kategoriensystems vollständig und unabhängig von zwei bis drei Personen kodiert (HK3 wurde beispielsweise aufgrund ihrer Komplexität dreimal codiert, HK4 hingegen nur zweimal). Abweichende Kodierungen wurden im Zuge einer kommunikativen Validierung konsensuell aufgelöst. Jeder Beitrag wurde innerhalb jeder Hauptkategorie exklusiv genau einer Subkategorie zugeordnet. Dadurch erhielt jeder der 57 analysierten Beiträge ein eindeutiges Merkmalsprofil aus vier Ausprägungen, das eine kategorienübergreifende Vergleichbarkeit sicherstellt und es erlaubt, im weiteren Analyseverlauf systematisch nach Mustern, Häufungen und Leerstellen im BBNE-Diskurs zu suchen.

Tabelle 2: Hauptkategorien und Subkategorien der Auswertung (abgeleitet aus Schneidewind, 2018; WBGU, 2011; Wittmayer & Hölscher, 2017)

Haupt-kategorie

Code / Ausprägung

Definition

Kodierregel

HK1

Forschungsmodus

K1

Modus-1-Forschung

Theoriebildende und empirisch-analytische Forschung mit disziplinärer Verankerung. Forschungsfragen entstehen aus dem Wissenschaftssystem heraus; im Vordergrund steht der Erkenntnisfortschritt.

Kodieren, sofern im Zentrum des Beitrags wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt steht.

K2

Modus-2/3-Forschung (transformative Forschung)

Forschung mit Gestaltungsanspruch, inter- und transdisziplinär ausge­richtet. Zielt auf Lösungen, Innova­tionen und deren Verbreitung. Wissenschaft und Praxis interagie­ren kooperativ und dialogisch.

Kodieren, sofern im Zentrum des Beitrags ein praxisbezogener Gestaltungsanspruch steht.

HK2

Wissensform

Wa

Systemwissen

Wissen über den Status quo: Ursprung, Entwicklung und Interpretation von Problemen. Beschreibt, wie ein Sachverhalt strukturiert ist und welche Mechanismen ihn prägen.

Kodieren, sofern im Zentrum des Beitrags Wissen über den Ursprung, die Entwicklung und Interpretation von Problemen generiert oder systematisch dargelegt wird.

Wb

Zielwissen

Wissen über Notwendigkeiten des Wandels, erwünschte Ziele und Handlungsorientierungen. Macht Wertannahmen, Zielkonflikte und Priorisierungen explizit.

Kodieren, sofern im Zentrum des Beitrags

Wissen über Notwendigkeiten des Wandels, erwünschte Ziele und bessere Handlungs­weisen generiert oder systematisiert wird.

Wc

Transformationswissen

Wissen über Mittel und Wege der Veränderung. Verbindet Ausgangszustand und Ziele durch konkrete Pfade, Methoden, Lern- oder Diffusionsstrategien.

Kodieren, sofern im Zentrum des Beitrags Wissen über technische, soziale, rechtliche, kulturelle und andere Mittel zur Veränderung von bestehenden Handlungsweisen in erwünschte Richtungen generiert oder systematisiert wird.

HK 3

Transformationsanspruch

Ta

Transformation als kulturelle Revolution

Nachhaltige Entwicklung wird als tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Wandel verstanden. Im Mittelpunkt stehen Veränderungen von Deutungsmustern, Werten, Praktiken und institutionellen Logiken. Transformation wird dabei als grundlegende Neuorientierung gesellschaftlicher Ordnungsvor­stellungen verstanden.

Kodieren, sofern Beitrag im Kern auf tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel; kulturelle Revolution bzw. fundamentale Transformation abzielt.

Tb

Transformation als technische bzw. instrumentelle Problemlösungen

Nachhaltige Entwicklung wird primär als technisch, organisatorisch oder instrumentell lösbares Problem verstanden. Im Mittelpunkt stehen Effizienzsteigerungen, Technolo­gien oder Managementansätze inner­halb bestehender gesellschaft­licher und ökonomischer Strukturen.

Kodieren, sofern Beitrag im Kern auf Technologieentwicklung im Rahmen des bestehenden Wachstums- und Fortschrittsparadigmas; technische bzw. instrumentelle Problemlösungen abzielt.

HK 4

Drittmittelbezug

Da

Beitrag aus Drittmittelprojekt

Der Beitrag basiert ganz oder teil­weise auf Forschungsergebnis­sen, Daten, Analysen oder Erfahrun­gen, die im Rahmen eines extern finan­zierten Drittmittelprojekts ent­standen sind.

Kodieren, sofern der Beitrag im Rahmen von Drittmittelprojekten entstanden ist.

Db

Beitrag aus anderen Kontexten

Der Beitrag basiert auf theoreti­schen Überlegungen, konzeptionel­ler Arbeit oder empirischen Arbei­ten, die nicht Teil eines extern finanzierten Drittmittelprojekts sind.

Kodieren, sofern der Beitrag keinen direkten oder indirekten Drittmittelbezug erkennen lässt.

4 Ergebnisdarstellung und Diskussion der Ergebnisse

4.1 Übersicht über die Beiträge

Tabelle 3 gibt einen Überblick über das Veröffentlichungsjahr, die Autorenschaft und den Drittmittelbezug der Beiträge. Es lässt sich zunächst festhalten, dass die insgesamt 57 gefundenen Beiträge über den Untersuchungszeitraum hinweg zeitlich deutlich ungleich verteilt sind. In den ersten sieben Jahren (2001–2007) finden sich keine Veröffentlichungen. Das Publikationsgeschehen setzt erst im Jahr 2008 mit vier Beiträgen ein und verläuft auch in den Folgejahren zunächst diskontinuierlich und auf niedrigem Niveau: 2009 erscheinen keine Beiträge, 2010 zwei Beiträge, 2011 ein Beitrag und 2012 erscheinen erneut keine Beiträge. Ein erstes auffälliges Hoch bildet das Jahr 2013 mit elf Beiträgen – also rund einem Fünftel des Gesamtkorpus –, dem allerdings 2014 wieder ein Jahr ohne Publikationen folgt. Zehn der elf Beiträge aus dem Jahr 2013 stammen dabei aus der Spezialausgabe 6 anlässlich der Hochschultage Berufliche Bildung mit dem Rahmenthema „Arbeit der Zukunft – Zukunft der Arbeit. Berufliche Bildung, Qualifikation und Fachkräftebedarf im Zeichen des demographischen Wandels”. Zwischen 2015 und 2019 stabilisiert sich das Publikationsaufkommen auf einem niedrigen bis mittleren Niveau (zwischen einem Beitrag und sechs Beiträgen pro Jahr), bevor es im Jahr 2020 mit acht Beiträgen erneut ansteigt. Im Jahr 2020 stammen sechs der acht Beiträge aus der Spezialausgabe 17 mit dem Thema „Zukunftsdiskurse – berufs- und wirtschaftspädagogische Reflexionen eines Modells für eine nachhaltige Wirtschafts- und Sozialordnung”. Die Jahre 2021 und 2022 bleiben ohne Veröffentlichungen und ab 2023 zeichnet sich dann eine Verstetigung auf mittlerem Niveau ab (2023: 5 Beiträge, 2024: 4 Beiträge, 2025: 5 Beiträge und 2026: 2 Beiträge).

Hinsichtlich der Autorenschaft überwiegen Autorenkollektive mit 32 Beiträgen (56 %) gegenüber Einzelautorenschaften mit 25 Beiträgen (44 %). Das Verhältnis ist damit moderat ausgeprägt, weist aber auf eine leichte Tendenz zu kooperativen Arbeits- und Publikationsformen hin, wie sie besonders für projekt- oder verbundförmig verankerte Forschungszusammenhänge typisch sind. Ein ähnlich ausgeglichenes Bild zeigt sich beim Drittmittelbezug: 27 Beiträge (47 %) sind erkennbar in Drittmittelprojekten verortet, während 30 Beiträge (53 %) aus anderen Kontexten stammen. Knapp die Hälfte des Korpus speist sich damit erkennbar aus drittmittelgeförderten Projektzusammenhängen.

Tabelle 3: Übersicht zur ersten Sichtung der Beiträge

Merkmal

Anzahl der betroffenen Beiträge

Jahr der Veröffentlichung

2001 (0), 2002 (0), 2003 (0), 2004 (0), 2005 (0), 2006 (0), 2007 (0), 2008 (4), 2009 (0), 2010 (2), 2011 (1), 2012 (0), 2013 (11), 2014 (0), 2015 (1), 2016 (2); 2017 (6), 2018 (2), 2019 (1), 2020 (8), 2021 (0), 2022 (0), 2023 (5), 2024 (4), 2025 (7), 2026 (3)

Autorenschaft

Autorenkollektiv (32), Einzelautorenschaft (25)

Drittmittelbezug

Beiträge aus Drittmittelprojekten (27), Beiträge aus anderen Kontexten (30)

Tabelle 4 stellt die Ergebnisse zum Forschungsmodus und zum Transformationsanspruch übersichtlich dar. Die Beiträge wurden jeweils auf Basis ihrer Kategorisierung mittels der qualitativen Inhaltsanalyse einem der vier Felder der Matrix zugeordnet. Der Drittmittelbezug der Beiträge und die Art des generierten Wissens sind jeweils farblich gekennzeichnet. Während insgesamt 24 Beiträge (42 %) der Modus-1-Forschung zuzuordnen sind, lassen sich 33 Beiträge (58 %) der Modus-2/3-Forschung zuordnen. Insgesamt wird Transformationswissen (Wissen über technische, soziale, rechtliche, kulturelle und andere Mittel zur Veränderung von bestehenden Handlungsweisen in erwünschte Richtungen) mit 29 Beiträgen (51 %) am häufigsten angestrebt, gefolgt von Systemwissen (Wissen über den Ursprung, die Entwicklung und Interpretation von Problemen) in 16 Beiträgen (28 %) und Zielwissen (Wissen über Notwendigkeiten des Wandels, erwünschte Ziele und bessere Handlungsweisen) in zwölf Beiträgen (21 %). In Bezug auf den Transformationsanspruch lassen sich 36 Beiträge (63 %) der technisch-instrumentellen Problemlösung zuordnen, während 21 Beiträge (37 %) eine kulturelle Revolution anstreben. Die Ergebnisse werden im nächsten Unterabschnitt interpretiert und diskutiert.

Tabelle 4: Zuordnung der Beiträge

Tabelle 4: Zuordnung der Beiträge

Anmerkungen. Die Beiträge sind laufend nummeriert. Systemwissen: rot; Zielwissen: grün; Transformationswissen: blau; Drittmittelbezug: schwarze Schriftfarbe; kein Drittmittelbezug: weiße Schriftfarbe.

4.2 Diskussion der Ergebnisse

Die Mapping-Studie ermöglicht es, den Diskursstand zur BBNE anhand des Beispiels aller bis Mai 2026 in der bwp@ zu Nachhaltigkeit publizierten Beiträge zu kartieren. Anhand der Ergebnisse der Kartierung (siehe Tabelle 4) lassen sich drei Eigenschaften des Diskurses identifizieren, die wir im Folgenden zur Diskussion stellen.

(1) Technisch-instrumenteller Mainstream und Förderlogik in der Modus-2/3-Forschung

Von den insgesamt 57 Beiträgen sind mehr als die Hälfte der Modus-2/3-Forschung zuzuordnen. Das Feld ist damit mehrheitlich gestaltungsorientiert ausgerichtet. Innerhalb der Modus-2/3-Forschung weisen dreiviertel der Beiträge einen technisch-instrumentellen Transformationsanspruch auf, während lediglich ein Viertel einen kulturell-revolutionären Transformationsanspruch verfolgt. Insgesamt weisen 25 Beiträge die Kombination aus Modus-2/3-Forschung mit dem Anspruch einer technisch-instrumentellen Transformation auf (44 % aller Beiträge). Der BBNE-Diskurs ist also stark auf die Gestaltung der Transformation durch die Entwicklung von Innovationen und deren Verbreitung ausgerichtet, operiert dabei jedoch innerhalb bestehender gesellschaftlicher und ökonomischer Strukturen, ohne eine grundlegende kulturelle Revolution von Deutungsmustern, Berufsleitbildern oder institutionellen Logiken anzustreben. Dies deutet auf einen pragmatisch-anwendungsorientierten Mainstream hin, der nachhaltige Entwicklung im Berufsbildungskontext vorrangig als ein durch technische Innovationen und instrumentelle Lösungen bearbeitbares Feld begreift. Schneidewinds (2018) Befund, dass nachhaltige Entwicklung häufig im Rahmen des bestehenden Wachstums- und Fortschrittsparadigmas verhandelt wird, scheint sich damit im BBNE-Diskurs am Beispiel der bwp@ zu bestätigen.

Dieser Befund spiegelt sich auch in den Finanzierungsstrukturen des Feldes wider. Von den 57 Beiträgen weisen 27 Beiträge (47 %) einen Drittmittelbezug auf, davon entfallen 19 Beiträge – also 70 % aller drittmittelfinanzierten Beiträge – auf die Modus-2/3-Forschung. Drittmittelförderung und gestaltungsorientierte Forschung gehen im BBNE-Diskurs damit deutlich häufiger miteinander einher als Drittmittelförderung und theoriebildende, empirisch-analytische Modus-1-Forschung. Dies ist insofern plausibel, als Drittmittelgeber der untersuchten Beiträge (v. a. das BMBF bzw. BMBFSFJ) typischerweise in den nachhaltigkeitsbezogenen Förderlinien (z. B. BBNE-Modellversuchsförderlinien 2015–2022) anwendungsbezogene, praxisrelevante Forschung fördern. Der BBNE-Diskurs ist damit stark durch bildungspolitisch initiierte Innovationsprogramme geprägt.

Transformative Forschung mit kulturell-revolutionärem Forschungsanspruch ist insgesamt in der Minderheit. Beiträge, die Modus-2/3-Forschung mit einem kulturell-revolutionärem Anspruch verbinden, machen mit 14 % die kleinste Gruppe im Feld aus. Dies markiert eine substanzielle Leerstelle im BBNE-Diskurs: Forschung, die zugleich gestaltungsorientiert arbeitet und eine grundlegende Veränderung von Deutungsmustern, Praktiken und institutionellen Logiken anstrebt, ist vergleichsweise selten. Dies könnte auf strukturelle Hürden hinweisen – etwa auf Schwierigkeiten, einen tiefgreifenden Kulturwandel in drittmittelfinanzierten Projektkontexten zu operationalisieren und anzustreben. Ein möglicher Erklärungsansatz für diesen Zusammenhang ist die veränderte Logik der BBNE-Modellversuchsförderung. Verfügten Modellversuche ‚alten Typs‘ noch über eine dezentrale wissenschaftliche Begleitforschung, die Entwicklungs- und Gestaltungsarbeit mit theoriebildender Forschung rückkoppelte, ist mit der Neuausrichtung der Modellversuchspolitik des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) ab etwa 2010 eine zentralisierte externe Begleitung getreten, die vorrangig eine „abfragende und distanziert beobachtende Funktion“ (Hemkes & Schemme, 2015, S. 5) einnimmt. In den aktuellen BBNE-Förderlinien spielt Forschung entsprechend „keine zentrale Rolle“ mehr (Kiepe & Schlömer, 2025, S. 312). Der Schwerpunkt hat sich vielmehr von wissensgenerierender Begleitforschung hin zu einer Transfer- und Implementationslogik verschoben. Es liegt nahe, dass eine solche Förderarchitektur eine technisch-instrumentelle Problembearbeitung strukturell begünstigt. Dies geht allerdings zulasten einer weitgehend von der Gestaltung nachhaltiger Entwicklung entkoppelten disziplinär organisierten Wissensproduktion, die aus dem Wissenschaftssystem heraus entwickelte Forschungsfragen bearbeitet, den Erkenntnisfortschritt im Vordergrund hat und dabei eine wissenschaftliche Distanz zu politisch-gesellschaftlichen Ansprüchen wahrt.

  • Normative Pluralität in der Modus-1-Forschung

Innerhalb der Modus-1-Forschung verteilen sich die Beiträge nahezu gleichmäßig auf den kulturell-revolutionären (13 Beiträge) und den technisch-instrumentellen Pol (11 Beiträge). Damit zeigt sich in der erkenntnisgetriebenen, disziplinär verankerten BBNE-Forschung ein deutlich anderes Bild als in der Modus-2/3-Forschung: Während letztere klar vom technisch-instrumentellen Anspruch dominiert wird, lässt die Grundlagenforschung keine einheitliche normative Grundorientierung erkennen. Dieser Befund verweist auf eine normative Pluralität im theoriebildenden, empirisch-analytischen Kern der BBNE. Dies ist insofern bemerkenswert, als theoretische Grundlagenforschung typischerweise jene Orientierungsrahmen bereitstellt, an denen sich gestaltungsorientierte Forschung orientiert. Der WBGU (2011, S. 374) betont in diesem Zusammenhang, dass Transformationsforschung (Modus 1) und transformative Forschung (Modus 2/3) sich „gegenseitig befruchten“ sollten – eine produktive Wechselbeziehung, die jedoch eine gemeinsame normative Basis voraussetzt. Diese Basis bedarf in der BBNE scheinbar noch eines Aushandlungsprozesses oder befindet sich noch im Prozess der Aushandlung. Offen bleibt jedoch die Frage, ob eine gemeinsam konsolidierte normative Basis der gestaltungsorientierten Praxisforschung schließlich eine kohärentere Orientierung geben kann.

  • Wissensformen folgen dem Forschungstypus – erwartbare Muster und Leerstellen

Knapp die Hälfte der Beiträge generieren Transformationswissen, gefolgt von einer Generierung von Systemwissen in 28 % und Zielwissen in 21 % der Beiträge. Die Verteilung der Wissensformen folgt dabei zunächst einem erwartbaren Muster, das sich aus der unterschiedlichen Erkenntnislogik der beiden Forschungstypen ergibt. Modus-1-Forschung ist theorie- und disziplinorientiert: Sie fragt nach Ursachen, Entstehungsbedingungen und Zusammenhängen – und produziert damit erwartungsgemäß vor allem Systemwissen (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 41). Zugleich schafft ihre wissenschaftliche Distanz zu gesellschaftlichen Gestaltungsansprüchen Raum dafür, normative Zielvorstellungen explizit zu thematisieren. Modus-2/3-Forschung hingegen ist per definitionem gestaltungsorientiert: Sie entwickelt Lösungen, erprobt Interventionen und arbeitet kooperativ mit gesellschaftlichen Akteuren (WBGU, 2011, S. 374). Zwei Drittel der Beiträge, die der Modus-2/3-Forschung zuzuordnen sind, generieren Transformationswissen – also Wissen darüber, wie technische und soziale Veränderungen konkret realisiert werden können (Wittmayer & Hölscher, 2017, S. 41). Dass im Modus-2/3 vor allem Transformationswissen entsteht, ist der Logik dieses Forschungstyps inhärent.

Analytisch bedeutsamer ist ein Befund, der sich jenseits dieses erwartbaren Musters zeigt: Das Verhältnis der Wissensarten. So stellt Transformationswissen mit 29 Beiträgen die dominante Wissensform dar und Zielwissen bleibt mit lediglich 12 Beiträgen deutlich dahinter zurück. Der Diskurs produziert damit umfangreiches Wissen darüber, wie nachhaltigkeitsbezogene Veränderungen gestaltet, implementiert und transferiert werden können. Die Fragen, wozu Transformation angestrebt wird und welche normativen Zielvorstellungen ihr zugrundeliegen, wird im untersuchten Feld dagegen insgesamt selten explizit zum Forschungsgegenstand gemacht. Woran das liegt, lässt sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht abschließend klären. Plausibel erscheint jedoch, dass strukturelle Bedingungen des Feldes eine Rolle spielen: Eine Förderlogik, die – wie Diskussionspunkt (1) nahelegt – mehr transfer- und implementierungsorientierte Forschung als Grundlagenforschung hervorbringt, schafft weniger Anreize, normative Grundsatzfragen explizit zu bearbeiten. Hinzu kommt, dass die Modus-1-Forschung, die aufgrund ihres Fokus auf Erkenntnisfortschritt und wissenschaftliche Distanz Ziel- und Systemwissen strukturell am ehesten hervorbringen könnte, im Feld vergleichsweise schwach vertreten ist. Das Defizit an Ziel- und Systemwissen erscheint vor diesem Hintergrund weniger als individuelle Forschungsentscheidung denn als mögliches Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen. Diese Interpretation bedarf jedoch einer weiteren Prüfung.

Fasst man die Befunde zusammen, ergibt sich ein Gesamtbild eines insgesamt gestaltungsorientierten Feldes, dessen normative Grundlagen nur begrenzt expliziert werden. Zwar ist Nachhaltigkeit in nahezu allen Beiträgen als positive Orientierungsgröße präsent, die zugrundeliegenden Zielvorstellungen, Nachhaltigkeitsverständnisse und möglichen Zielkonflikte werden in der bwp@ bislang jedoch vergleichsweise selten selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion. Insgesamt verfolgen die meisten Beiträge einen technisch-instrumentellen Transformationsanspruch im Modus transformativer Forschung. Dies legt nahe, dass der Gestaltungsanspruch überwiegend innerhalb bestehender struktureller Logiken operiert. Der BBNE-Diskurs ist damit zwar anwendungsorientiert und praxisbezogen, aber in seiner Breite kaum auf jene tiefgreifende gesellschaftliche Transformation ausgerichtet, die auf Basis von Erkenntnissen der Nachhaltigkeitswissenschaften (z. B. Schneidwind, 2018) – und nicht zuletzt auch im Kontext der BBNE selbst – als notwendig erachtet wird. Dies stellt keine Kritik an einzelnen Arbeiten dar, verweist aber auf eine feldstrukturelle Tendenz. Der vorliegende Diskussionsbeitrag regt dazu an, diese Tendenz im Diskurs explizit zu machen und weiter zu diskutieren.

5 Limitationen, Desiderate und Fazit

Die vorliegende Mapping-Studie liefert einen systematischen, methodisch kontrollierten Überblick über einen selektiven Ausschnitt des BBNE-Diskurses im deutschsprachigen Raum. Die Ergebnisse sind nicht als repräsentative Abbildung des gesamten Forschungsfeldes zu verstehen, sondern als eine explorative Analyse mit einer begrenzten Datenbasis. Obwohl die bwp@ als ein zentraler Diskursraum der BWP gilt und einen bedeutsamen Anteil des fachlichen Outputs abbildet, ist die Fokussierung auf die Zeitschrift eine zentrale methodische Einschränkung. Die Zeitschrift verfolgt ein themenbasiertes Publikationskonzept, das durch Schwerpunktthemen und Sonderausgaben geprägt ist. Die Themenwahl erfolgt intern und ist nicht transparent dokumentiert. Dies führt dazu, dass die Publikationshäufigkeit in bestimmten Jahren nicht allein durch eine wachsende Forschungsaktivität, sondern durch die thematische Ausrichtung der Zeitschrift bedingt sein kann. Die Peaks in den Jahren 2013 und 2020 sind daher in Teilen eine Folge redaktioneller Schwerpunktsetzungen oder anlassbezogener Sonderformate. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die bwp@ nur einen Ausschnitt des gesamten BBNE-Outputs erfasst. Viele Ergebnisse aus Modellversuchen, Transferprojekten und praktischen Entwicklungen werden nicht in wissenschaftlichen Zeitschriften, sondern beispielsweise in Berichten, Praxisleitfäden oder Fortbildungsunterlagen veröffentlicht. Diese „graue Literatur” bleibt in der Studie unberücksichtigt, was zu einer systematischen Unterrepräsentation von Praxispublikationen und damit einer möglichen Verzerrung der Wissensformen führen könnte. Die aufgezeigte Dominanz gestaltungsorientierter Beiträge könnte somit im breiteren Diskurs sogar noch größer sein. Daneben ist zu beachten, dass durch die Fokussierung auf die bwp@ auch Publikationen aus dem internationalen Raum ebenfalls nicht berücksichtigt wurden, sodass sich die Interpretationen der Studie nur auf die nationale Forschungskultur beziehen.

Darüber hinaus ist die Kategorisierung von Forschungstypen und Transformationsansprüchen, obwohl heuristisch sinnvoll, mit einem Definitionsproblem verbunden. Die Unterscheidung zwischen einem kulturell-revolutionärem und einem technisch-instrumentellen Transformationsanspruch ist in der Forschungspraxis oftmals nicht klar voneinander abgrenzbar. Viele Beiträge kombinieren Elemente beider Ansätze: So kann eine technische Innovation (z. B. ein digitales Lernmodul) gleichzeitig eine kritische Reflexion über Berufsleitbilder oder ökologische Verantwortung beinhalten. Die exklusive Zuordnung zu einer Kategorie kann daher zu einer Reduktion komplexer Forschungspraxis führen und die Differenzierung in der Analyse überbewerten. Ein Desiderat besteht daher darin, weitere Kontextinformationen einzubeziehen oder implizite Normen zu analysieren. Auch die Zuordnung zum Drittmittelbezug ist mit Problemen verbunden, da ein solcher in der bwp@ nicht explizit auszuweisen ist. Einige Beiträge verweisen auf Projekte, ohne explizit auf die Finanzierung einzugehen, andere Beiträge nutzen Daten aus Projekten, ohne dies zu dokumentieren. Es ist daher möglich, dass der Drittmittelanteil unterschätzt wurde.

Die identifizierten Limitationen verdeutlichen, dass die Ergebnisse als Ausgangspunkt für weiterführende, methodisch differenziertere und international vergleichende systematische Analysen dienen können. Ein Desiderat besteht daher in einer Ausweitung der Datengrundlage. Da seit 1990 vor allem fünf Zeitschriften den Diskurs der BWP dominieren (wovon eine die bwp@ ist), wäre ein Desiderat, das entwickelte Analyseraster auf die weiteren vier Zeitschriften (berufsbildung: Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog; Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik; Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis; vgl. Jahn et al., 2024) anzuwenden. Das Raster kann aber auch für eine umfassende Untersuchung mehrerer Datenbanken verwendet werden. Eine Integration von „grauer Literatur” in zukünftigen Reviews würde zudem die Wissensproduktion im Bereich der BBNE umfassenderer abbilden. Daneben könnte die heuristische Kategorisierung in zukünftigen Studien durch eine kontextuelle Interpretation ergänzt werden. Dies könnte durch die Einbeziehung von Meta-Interviews, Rezensionen oder die Analyse von Autorenschaftsstrukturen geschehen. Eine mehrstufige Analyse, die quantitative und qualitative Daten kombiniert, würde die Komplexität des Diskurses besser erfassen. Aus dem festgestellten Defizit an explizitem Zielwissen ergibt sich zudem die Notwendigkeit, qualitative Studien durchzuführen, die die normativen Grundlagen von BBNE-Beiträgen in Interviews mit Autor:innen, Projektverantwortlichen oder Praktiker:innen erforschen. Dies würde die unsichtbaren Wertvorstellungen und Deutungsmuster sichtbar machen, die den Beiträgen implizit zugrunde liegen.

Trotz dieser Limitationen leistet die vorliegende Studie einen wertvollen Beitrag zur Kartierung des BBNE-Diskurses und macht sichtbar, dass das Feld überwiegend gestaltungsorientiert ausgerichtet sowie normativ schwach fundiert ist. Zuletzt lassen sich aus den Ergebnissen Entwicklungsmöglichkeiten für den BBNE-Diskurs insgesamt – jenseits weiterer systematischer Literatursichtungen – formulieren. Zukünftige BBNE-Forschung ist insbesondere im Bereich der Modus-1-Forschung notwendig, um Theorien zu entwickeln, die die Gestaltung von berufsbezogenen Nachhaltigkeitstransformationen fundieren. Denn ohne Grundlagenforschung fehlen gesicherte Wissensbestände, die die spezifischen Herausforderungen und Bedingungen der BBNE systematisch in den Blick nehmen. Dabei geht es nicht um streng replizierbares, kontextunabhängiges Wissen, denn sozialwissenschaftliche Erkenntnisse sind stets zeitlich und räumlich situiert und verändern sich mit den Verhältnissen, auf die sie sich beziehen. Dies betrifft auch Nachhaltigkeit als regulative Idee, die stets einer kontextbezogenen Anpassung bedarf und mit Aushandlungsprozessen verbunden ist. Obwohl einheitliche normative Ziele gestaltungsorientierte Forschung erleichtern, ist eine Pluralität im Diskurs um Nachhaltigkeit also auch notwendig, um diese Aushandlungsprozesse abzubilden. Es scheint daher auch nicht erstrebenswert, Modus-1-Forschung lediglich mit kulturell-revolutionärem Transformationsanspruch anzustreben. Denn eine nachhaltige Entwicklung braucht neue Technologien und konkrete Lösungsansätze. Sie geht aber über technische Lösungen hinaus und erfordert schließlich eine neue globale Mensch-Natur-Beziehung, die Konsumorientierung durch Lebensqualität, Suffizienz und den Erhalt der planetaren Grenzen für zukünftige Generationen ersetzt (Schneidewind, 2018). Eine Auseinandersetzung mit einem grundlegenden Wandel von Werten, Normen und Denkmustern ist somit gleichermaßen im BBNE-Diskurs erforderlich wie eine Auseinandersetzung mit technischen Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung. Eine Kombination aus theoriebildender, empirisch-analytischer Transformationsforschung mit gestaltungsorientierter, transformativer Forschung scheint daher zielführend, um beiden Ansprüchen gerecht zu werden.

Vor diesem Hintergrund soll die vorliegende Mapping-Studie eine Diskussion zu den Forschungsmodi, Wissensformen und Transformationsansprüchen der BBNE anregen. Dies ist insbesondere deshalb notwendig, weil die Positionierung der Erziehungswissenschaft gegenüber den von der Bildungspolitik vorgegebenen Konzepten, Zielsetzungen und Vereinbarungen im Kontext nachhaltiger Entwicklung derzeit ungeklärt ist (Kminek et al., 2024) – wie nicht zuletzt an der Neugründung der Arbeitsgruppe (Nicht-)Nachhaltigkeit und Planetare Zukünfte der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft deutlich wird. Sich gegenüber stehen hier insbesondere die Unterstützung des Mainstreams der Bildung für nachhaltige Entwicklung durch politiknahe Forschungsprojekte und die Einnahme distanziert-kritischer Perspektiven. Die vorliegende Studie legt nahe, dass in der BBNE insbesondere die erste Position vertreten ist. Dieses explorative Ergebnis der Mapping-Studie sollte erstens für weitere Elaborationen und zweitens für Schlüsse zur Zukunft der BBNE-Forschung verwendet werden.

Literatur

Bradbury-Jones, C., Breckenridge, J., Clark, M. T., Herber, O. R., Wagstaff, C. & Taylor, J. (2017). The state of qualitative research in health and social science literature: a focused mapping review and synthesis. International Journal of Social Research Methodology, 20(6), 627–645. https://doi.org/10.1080/13645579.2016.1270583

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). (2026). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) – Nachhaltig im Beruf handeln. https://www.bibb.de/de/709.php

de Haan, G., Holst, J. & Singer-Brodowski, M. (2021). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE). Genese, Entwicklungsstand und mögliche Transformationspfade. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 50(3), 10–14. https://www.bwp-zeitschrift.de/dienst/publikationen/de/17293  

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Irrwege der Nachhaltigkeit: Eine kritisch-konstruktive Bilanzierung aus ökologischer Perspektive

1 Die politische Perspektive der Nachhaltigkeit

Sowohl in der gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdiskussion als auch im Bereich der BBnE wird i.d.R. postuliert, dass die Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales als gleichgewichtige Handlungsbereiche zu betrachten wären (z.B. Grunwald & Kopfmüller, 2022, S. 88; Kettschau, 2011, S. 2–4; Kuhlmeier & Vollmer, 2014, S. 3–4; Nguyen & Krüger, 2025, S. 2; Pufé, 2017, S. 112; Reichwein, 2011, S. 1–2; von Hauff, 2021, S. 17). In dieser Hinsicht wird das „Drei-Säulen-Modell“[1] angeführt, um auf dieser Bildfläche sinnstiftende Motive miteinander zu verdichten. Dies ist bemerkenswert, weil sich eine solche Sichtweise in den Ergebnissen zahlreicher politischer Nachhaltigkeitsbeschlüsse gar nicht finden lässt, was im Folgenden exemplarisch ausgeführt werden soll.

Das erste wichtige politische Dokument des 21. Jahrhunderts ist sicherlich der Bericht The Limits to Growth, der im Jahr 1972 vom Club of Rome veröffentlicht wurde. Meadows et al. stellen heraus, dass für einen weiteren Fortbestand des menschlichen Wirtschaftssystems ein intaktes Ökosystem unabdingbar sei (Meadows et al., 1972, S. 23):

„If the present growth trends in world population, industrialization, pollution, food production, and resource depletion continue unchanged, the limits to growth on this planet will be reached sometime within the next one hundred years. The most probable result will be a rather sudden and uncontrollable decline in both population and industrial capacity.“

Auch wenn ökologische, ökonomische und soziale Aspekte thematisiert werden, ist keine Gleichrangigkeit oder Gleichwertigkeit zu entnehmen. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund der unveränderbaren Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit wird ein grundlegender Wandel vom quantitativen Wirtschaftswachstum hin zu einer an den ökologischen Belastungsgrenzen orientierten Wirtschaftsweise gefordert, um innerhalb dieser physisch vorgegebenen ökologischen Grenzen auch zukünftig die Voraussetzungen für ökonomische und soziale Bestrebungen erhalten zu können.[2]

Ein weiterer Meilenstein war der Bericht Our Common Future, den die „Brundtland-Kommission“ 1987 veröffentlicht hat. Im Zentrum steht die Forderung nach intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit, was einen ethischen Begriff adressiert (World Commission on Environment and Development, 1987, S. 37):

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“.

Mit der grundsätzlich anthropozentrischen Haltung wird sich zwar an eine dauerhafte Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse orientiert, doch nur innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt: „[…] not absolute limits but limitations imposed by the present state of technology and social organization on environmental resources and by the ability of the biosphere to absorb the effects of human activities“ (World Commission on Environment and Development, 1987, S. 15). Statt einer vermeintlichen Gleichrangigkeit stellt die Kommission heraus, dass die zugrunde liegenden Dimensionen in einem untrennbaren, jedoch ökologisch eingebetteten Wirkungszusammenhang stünden, innerhalb dessen soziale und ökonomische Entwicklung nur im Rahmen einer ökologischen Tragfähigkeit möglich werde (World Commission on Environment and Development, 1987, S. 7):

„But the ‚environment‘ is where we all live; and ‚development‘ is what we all do in attempting to improve our lot within that abode. The two are inseparable. […]. What is needed now is a new era of economic growth – growth that is forceful and at the same time socially and environmentally sustainable“.

Wirtschaftswachstum wird von der Brundtland-Kommission zwar als zentraler Motor einer nachhaltigen Entwicklung betrachtet, der aber ökologische Voraussetzungen und Zielkoordinaten einzuhalten habe.[3]

In der weiteren Historie beachtenswerter politischer Beschlüsse folgt die Agenda 21, welche 1992 in Rio de Janeiro von 178 Staaten verabschiedet wurde. Inhaltlich werden zunächst soziale und ökonomische Entwicklungsfragen thematisiert, insbesondere im Kontext bestehender globaler Ungleichheiten. Im weiteren Verlauf wird jedoch betont, dass diese Fragen unter der Prämisse ökologischer Belastungsgrenzen stünden, weshalb auch der Agenda 21 keine gleichwertige Einordnung ihrer Handlungsdimensionen zu entnehmen ist (United Nations, 1992, S. 64):

„Prevailing systems for decision-making […] tend to separate economic, social and environmental factors […]. This influences the actions of all groups in society […] and has important implications for the efficiency and sustainability of development. An adjustment or even a fundamental reshaping of decision-making […], may be necessary if environment and development is to be put at the centre of economic and political decision-making, in effect achieving a full integration of these factors“.

Der Umwelt wird als Lebensgrundlage des Menschen eine besondere Bedeutung beigemessen, da eine nachhaltige Entwicklung nur innerhalb der gegebenen ökologischen Grenzen erfolgen könne: „Land […] also includes natural resources: the soils, minerals, water and biota that the land comprises. […]. Land is a finite resource (United Nations, 1992, S. 85).

Im Zuge des UN-Nachhaltigkeitsgipfels wurde im Jahr 2015 die Agenda 2030 mit 17 Sustainable Development Goals (SDGs) als Nachfolgeprojekt der Agenda 21 verabschiedet. Von einem Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit ist aber noch immer keine Rede, obgleich die Handlungsdimensionen selbst ausgeführt werden (United Nations, 2015, S. 1):

„The 17 Sustainable Development Goals and 169 targets which we are announcing today demonstrate the scale and ambition of this new universal Agenda. […]. They are integrated and indivisible and balance the three dimensions of sustainable development: the economic, social and environmental.“

Im Kern führt die Agenda 2030 die politisch-mehrschichtige Perspektive der Agenda 21 fort, indem die großen globalen Probleme weiterhin Aufmerksamkeit entlang ihrer jeweils spezifischen Handlungshintergründe erhalten. Deshalb liegt der Bezeichnung in a balanced and integrated manner (United Nations, 2015, S. 35) auch kein idiomatisches Integrationsmodell zugrunde, sondern ein allgemeines Verständnis globaler Vernetzungen. So stellen Armut und Hunger Handlungsnotwendigkeiten dar, während die ökologischen Bedingungen Handlungsvoraussetzungen beinhalten (United Nations, 2015, S. 2):

„Planet: We are determined to protect the planet from degradation, including through sustainable consumption and production, sustainably managing its natural resources and taking urgent action on climate change, so that it can support the needs of the present and future generations“.

Im Unterschied zur Agenda 21 und zur Agenda 2030 zielt das Pariser Klimaabkommen auf ein völkerrechtlich verbindliches ökologisches Ziel zur Erreichung von Treibhausgasneutralität. Es verpflichtet die Vertragsstaaten, geeignete Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen sowie zur Anpassung an den Klimawandel zu ergreifen. Dabei soll die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 °C begrenzt werden, was als zentrale Voraussetzung für die Sicherung sozialer und ökonomischer Belange gilt und zugleich „als Ausdruck der Gerechtigkeit“ bewertet wird, insofern es deren Erhalt und Entwicklung fördert (Europäische Union, 2016, S. 5).

Die hier skizzierten Auszüge belegen in knapper und nicht erschöpfender Form, dass die politische Lesart den Nachhaltigkeitsgedanken nicht i. S. gleichrangiger oder gleichwertiger Handlungsdimensionen entfaltet, sondern die allgemeinen globalen Probleme in ihrer jeweiligen Besonderheit heraushebt. Davon abgesehen wird die ökologische Demarkationslinie als Voraussetzung für nachhaltige Entwicklungsfähigkeit benannt, weshalb das Einrücken eines wie auch immer justierten und auszubalancierenden Drei-Säulen-Modells gegenstandslos ist.

Doch die Sichtweise vieler Veröffentlichungen zur BBnE überrascht noch in anderer Hinsicht. Denn als Legitimationsquelle für das Drei-Säulen-Modell wird v.a. der Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ herangezogen, welcher 1998 dem Deutschen Bundestag vorgelegt wurde (Ott, 2009, S. 25; Wittau, 2022, S. 286; Eisele, 2024, S. 16). Auch wenn im Bericht die drei Dimensionen genannt werden, so erfolgt nicht deren Vereinheitlichung – im Gegenteil (Deutscher Bundestag, 1998, S. 18):

„Die neue Politik muß anerkennen, daß wirtschaftliche Entwicklung und damit auch soziale Wohlfahrt nur in dem Maße möglich sind, in dem die Natur als Lebensgrundlage nicht gefährdet wird. […]. Aufgrund der komplexen Zusammenhänge zwischen den drei Dimensionen bzw. Sichtweisen von Ökologie, Ökonomie und Sozialem müssen sie integrativ behandelt werden. Dabei geht es – bildhaft gesprochen – nicht um die Zusammenführung dreier nebeneinanderstehender Säulen, sondern um die Entwicklung einer dreidimensionalen Perspektive aus der Erfahrungswirklichkeit. Die Diskussion tendiert dahin, Nachhaltigkeitspolitik als Gesellschaftspolitik zu interpretieren, die im Prinzip und auf lange Sicht alle genannten Dimensionen gleichberechtigt und gleichwertig behandelt.“

Nicht die ausgewogene Zusammenführung dreier Säulen wird angedacht, sondern die Einnahme einer mehrdimensionalen Perspektive. Vor diesem Hintergrund werden die unterschiedlichen Dimensionen als Aufgabengebiete verstanden, denen jeweils spezifische Ziele zugewiesen werden können. Davon abgesehen begründe ein intaktes Ökosystem die grundlegende Voraussetzung für eine generelle Entwicklungsfähigkeit, weshalb davor gewarnt wird, dass weitere ökologische Belastungen dem „Ziel der nachhaltig zukunftsverträglichen Nutzung“ entgegenstünden (Deutscher Bundestag, 1998, S. 25–26):

„Die Vernachlässigung sozialer und ökologischer Belange ist eine mögliche unerwünschte Nebenwirkung der Vorteile, die mit einem freien Wettbewerb einhergehen. Auch hier sind Korrekturen durch entsprechende Interventionen des Staates notwendige Bedingung für die Erhaltung der Verhältnisse für alles Wirtschaften. Was auf den ersten Blick wie eine Einschränkung ökonomischer Freiheiten anmutet, ist auf lange Sicht die nachhaltige Sicherung freier Marktprozesse. Insofern ist auch aus ‚puristisch‘ ökonomischer Sicht die ökologische und soziale Marktwirtschaft eine Notwendigkeit, um moderne Marktwirtschaften überlebensfähig zu machen.“

Alles in allem lässt sich aus den politischen Beschlüssen keine Gleichrangigkeit der Handlungsdimensionen herauslesen, weshalb es nicht verwundert, dass das Drei-Säulen-Modell immer wieder in der Kritik steht, da es die Nachhaltigkeitsambitionen zu einer leeren Kompromisshaftigkeit reduziere und als Idee hinter den Ergebnissen des Brundtland-Berichts zurückfalle (Winter, 2007, S. 258). Ähnlich sieht es der Umweltethiker Konrad Ott, der das Drei-Säulen-Modell als den „[…] große[n] Weichspüler der Nachhaltigkeitsidee“ bezeichnet (Ott, 2009, S. 26). Selbst der ‚Rat von Sachverständigen für Umweltfragen‘ kam 2002 in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass das Drei-Säulen-Modell eher zu einem dreispaltigen Wunschzettel verkomme, da jede beteiligte Akteursgruppe ihr jeweiliges Anliegen nach Belieben eintragen könne. Der Sachverständigenrat spricht dem Modell seine Orientierungsfunktion ab, da „[u]nter Umsetzungsaspekten […] sein entscheidendes Problem […] die Hyperkomplexität [ist], die das arbeitsteilige politische System überfordert“ (Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, 2002, S. 68).

2 Die ökologische Perspektive der Nachhaltigkeit

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels kann dem kritisierten Nachhaltigkeitsparadigma nicht gefolgt werden. Zwar ist unbestritten, dass gesellschaftliche Problemlagen auf globaler Ebene zunehmend miteinander verflochten sind, doch wird ein ungebremster Klimawandel die bestehenden sozialen und ökonomischen Problemlagen noch verschärfen, weshalb ökologische Belange zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Studienlage ist hier nicht nur eindeutig, sondern mittlerweile auch beängstigend. So seien bereits sieben der neun planetaren Grenzen[4] überschritten, deren fortschreitende Überschreitung die Stabilität der Ökosysteme nachhaltig bedrohe (Rockström et al. 2009, S. 472):

„Although Earth’s complex systems sometimes respond smoothly to changing pressures, it seems that this will prove to be the exception rather than the rule. Many subsystems of Earth react in a nonlinear, often abrupt, way, and are particularly sensitive around threshold levels of certain key variables.“

Auch wenn die Ökosysteme der Erde eine gewisse Resilienz aufweisen, ist diese Fähigkeit nicht unbegrenzt, da beim Überschreiten kritischer Schwellenwerte nichtlineare und abrupte Systemveränderungen auftreten können. Solche Kipppunkte sind für bestimmte Teilerdsysteme mit einem Übergang in einen qualitativ anderen Systemzustand verbunden, der als weitgehend irreversibel gilt.[5]

Nach Angaben dieser Studien befinden sich bereits mehrere der neun planetaren Grenzen im Hochrisikobereich (z.B. Strahlungsantrieb, genetische Vielfalt, funktionale Integrität der Biosphäre, Phosphor- und Stickstoffkreislauf), wobei das eigentlich Dramatische ihre kontinuierliche Zunahme ist (Rockström et al., 2009, S. 472; Richardson et al., 2023, S. 1; Sakschewski et al., 2025, S. 11). Bei einer Fortsetzung des gegenwärtigen Trends sind weitere Verschlechterungen zu befürchten (van Vuuren et al., 2025, S. 910), weshalb McKay et al. die Einhaltung der Klimaschutzabkommen fordern (McKay et al., 2022, S. 1):

„Current global warming of ~1.1°C above preindustrial temperatures already lies within the lower end of some tipping point uncertainty ranges. Several tipping points may be triggered in the Paris Agreement range of 1.5 to <2°C global warming, with many more likely at the 2 to 3°C of warming expected on current policy trajectories. This strengthens the evidence base for urgent action to mitigate climate change and to develop improved tipping point risk assessment, early warning capability, and adaptation strategies.“

Solche Befunde unterstreichen mit Nachdruck die Notwendigkeit eines sofortigen und konsequenten ökologischen Handelns, zumal der Klimawandel mit beispielloser Geschwindigkeit voranschreitet (Zhou et al., 2023, S. 1; Forster et al., 2025, S. 2642–2643; Ripple et al., 2025, S. 1016–1017). Die Appelle sind eindringlich und können nicht im Nachhinein überhört worden sein (Ripple et al., 2025, S. 1016):

„We are hurtling toward climate chaos. The planet’s vital signs are flashing red. The consequences of human-driven alterations of the climate are no longer future threats but are here now. This unfolding emergency stems from failed foresight, political inaction, unsustainable economic systems, and misinformation. Almost every corner of the biosphere is reeling from intensifying heat, storms, floods, droughts, or fires. The window to prevent the worst outcomes is rapidly closing.“

Etwas optimistischer, aber in der Sache identisch lesen sich die Berichte des IPCC, in denen zu einem zeitnahen Handeln aufgefordert wird (IPCC, 2023a, S. 27):

„Tiefgreifende, schnelle und anhaltende Minderungsmaßnahmen und eine beschleunigte Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen in diesem Jahrzehnt würden die projizierten Verluste und Schäden für Menschen und Ökosysteme verringern […] und viele positive Nebeneffekte bringen, insbesondere für die Luftqualität und die Gesundheit […]. Verzögerte Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels und Anpassung daran würden eine Infrastruktur mit hohen Emissionen festschreiben, die Risiken von verlorenen Vermögenswerten und Kostensteigerungen erhöhen, die Machbarkeit verringern sowie Verluste und Schäden vergrößern.“

Damit soll an dieser Stelle der Blick auf einige wenige Ergebnisse der Klima- und Umweltforschung enden, zumal in der Bewertung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der Studienlage kaum Unterschiede vorliegen. Was hingegen lebhaft und oft ohne Ergebnis diskutiert wird, setzt bei der Inanspruchnahme von politischen Handlungsoptionen und politischer Verantwortung an. Auch wenn bezüglich staatlicher Emissionen verlässliche Angaben vorliegen, liegt es auf der Hand, dass sich die einzelnen Länder auch angesichts fehlender internationaler Gerichtsbarkeit kaum zu einseitigen Eingeständnissen zwingen lassen. Dennoch besitzen die großen Industrienationen eine besondere ökologische Verpflichtung, weshalb es vielen ihrer politischen Akteure sicherlich entgegenkommt, wenn mit der Nachhaltigkeitsidee Abwägungsprozesse einhergehen. Da nutzt es dann auch wenig, wenn in makroökonomischen Modellanalysen nachgezeichnet wird, dass extreme Wetterereignisse das BIP negativ beeinflussten, während Klimaschutzmaßnahmen gesamtwirtschaftlich positive Effekte entfalten (Lutz et al., 2025, S. 1).

3 Die berufs- und wirtschaftspädagogische Perspektive

Unbestritten stellt die BBnE innerhalb der Berufs- und Wirtschaftspädagogik seit vielen Jahren ein zentrales Forschungsfeld dar, was sich nicht zuletzt in der hohen und mittlerweile kaum noch überschaubaren Anzahl an Publikationen und Forschungsaktivitäten widerspiegelt. Diese insgesamt sehr erfreuliche Entwicklung ist insbesondere auf die seit den frühen 2000er-Jahren intensivierte Förderung von Modellversuchen zurückzuführen, in deren Folge die traditionelle berufliche Umweltbildung angesichts eines deutlich erweiterten Referenzrahmens an Bedeutung verlor. Die BBnE positioniert sich daher als eigenständiger Ansatz, indem sie die zunehmende Komplexität vielfältiger globaler Problemstellungen in den Vordergrund rückt, weshalb mit guten Gründen von einem Paradigmenwechsel innerhalb der Berufs- und Wirtschaftspädagogik gesprochen werden kann.

Der Anspruch der Modellversuche war von Beginn an eindeutig, indem die Praxisorientierung zum zentralen Strukturanspruch erklärt wurde, was Rückbezüge auf theoretische Arbeiten der beruflichen Umweltbildung erheblich verkomplizierte (Drees, 2000, S. 35). Davon berichtet auch die erste bundesweite Fachtagung zur „Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung“, auf der Einigkeit hinsichtlich einer stärker praxisorientierten Ausrichtung bestand (BMBF, 2003, S. 11; s. auch Kutt, 2000, S. 11). Die Richtschnur für die Modellversuche war damit geklärt: konzeptuelle Offenheit auf der Grundlage vermeintlich gleichgewichtiger Handlungsdimensionen sowie Praxisorientierung im Sinne einer „gelebten Wirklichkeit in den Arbeitsprozessen“ (Kremer, 2007, S. 4; auch: Mohorič, 2014; Melzig, 2024, S. 12).

Einen vorläufigen Höhepunkt bildet die Einführung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“, die es ohne die Bemühungen der BBnE und ohne die Förderung von Modellversuchen wohl nicht gegeben hätte.

Wenn hier nun von Irrwegen die Rede ist, so geschieht dies keinesfalls aus Geringschätzung, sondern vor dem Hintergrund eines kritischen Rückblicks, in dem das weitgehende Fehlen theoretischer Tiefenschärfe und der Anschluss an vermeintliche Öffnungsmomente dem praxisorientierten Anspruch letztlich selbst zuwiderlaufen. Der Grund liegt in der Wucht, mit der die Idee der Nachhaltigkeit die Arbeitswelt tatsächlich konfrontiert. Denn was bedeutet es konkret, wenn in diesem Zusammenhang vom Transformationswandel gesprochen wird? Genau genommen geht es darum, die bestehende betriebliche Alltagswirklichkeit und damit die beruflichen Handlungsroutinen zu verändern, wodurch die Legitimität von lange etablierten Arbeits- und Geschäftsprozessen infrage gestellt wird. Solche Sinnwelten zeichnen sich jedoch gerade durch hohe Stabilität und Widerstandsfähigkeit aus, weshalb Veränderungen neue, einsichtige Legitimationen erfordern, deren Ursprung letztlich ethischer Natur sein muss, da es um Brüche in den gelebten Werten und Normen geht (vgl. Berger & Luckmann, 1996, S. 103; Schreyögg & Geiger, 2016, S. 364).

Ist dem so, erscheint es aber wenig überzeugend, allen Handlungsdimensionen gleichermaßen gerecht werden zu wollen. Zu berücksichtigen ist, dass Ökologisches, Soziales und Ökonomisches von unterschiedlichen Wertbezügen geprägt sind, weshalb ihre pädagogische Verflechtung eine außerordentlich anspruchsvolle, womöglich kaum vollständig einlösbare Herausforderung darstellt. Es bedarf daher einer klaren Prioritätensetzung, deren normative Grundlage in der Dringlichkeit der ökologischen Gestaltungsherausforderung zu sehen ist.

Aus diesem Grund ist eine ökologische Standortbestimmung erforderlich, von der aus der notwendige Bruch mit bestehenden Arbeits- und Geschäftsprozessen auf eindeutige ethische Begründungslinien zurückgeführt werden kann. Letztlich geht es darum, neuen Handlungsoptionen Legitimität zu verleihen – Auszubildende also nicht mit der Frage allein zu lassen, welchen Sinn es hat und weshalb es richtig sei, auf bewährte Praxisformen zu verzichten. Neben vertieften fachlichen Kenntnissen bedarf es hierfür insbesondere moralischer Urteilsfähigkeit, da neue sinnstiftende Bezüge nicht ohne normative Begründungen auskommen. Es genügt nicht, wenn Nachhaltigkeit oder Klimawandel lediglich begrifflich präsent sind, zumal gerade ihnen häufig der Vorwurf moralischer Überheblichkeit anhaftet. Vor diesem Hintergrund fällt die Suche nach expliziten ethischen Motiven innerhalb der BBnE bislang eher ernüchternd aus.

Ethische Desiderate innerhalb der BBnE

Die große Mehrzahl an Veröffentlichungen zur BBnE besitzt einen deutlichen praxisorientierten Charakter. Um dieser einseitigen Ausrichtung gewissermaßen Substanz zu verleihen, ist es hin und wieder üblich, über Querverweise oder weiterführende Quellenangaben dem eigenen Dafürhalten Legitimation zu geben. Dabei verschiebt sich allerdings ihr Ort in den nichtsichtbaren Raum, weshalb nicht ohne Hintergrundkenntnisse Einordnungen getroffen werden können. Ein typisches Beispiel ist die Quellenangabe zur ‚Pädagogischen Anthropologie‘ von Heinrich Roth, in deren Fußnote Nachhaltigkeitskompetenzen ihre theoretische Begründung erhalten sollen (Casper et al., 2021, S. 183; Strotmann et al., 2023, S. 160, 163). Was hingegen ausbleibt, ist die sinnstiftende Einbindung des Konzepts zur moralischen Handlungsfähigkeit, in deren Konsequenz dann Roths Ausführungen zu den Einsichten in erwünschte Wert- und Normenbezüge stehen müssten. Doch weil nicht die pädagogische Anthropologie, sondern i.d.R. nur der Kompetenzbegriff herausgehoben wird, verblassen die praxisnahen Skizzierungen zur beruflichen Nachhaltigkeit unterhalb der von Roth adressierten ethischen Denkbewegung (Roth, 1976, S. 382–383, 421).

Ebenfalls auffällig ist der inflationäre Gebrauch der Begriffe Gerechtigkeit und Verantwortung. Was mit diesen Begriffen konkret gemeint ist, bleibt allerdings schleierhaft, weil von gerechtigkeitstheoretischen und verantwortungsethischen Bezügen keine Rede ist. Insofern bleiben Hinweise, dass Gerechtigkeit als übergeordnetes Ziel den Nachhaltigkeitsgedanken freisetze (Nagel, 2023, S. 46), inhaltlich leer.

Ebenso verbreitet ist die Forderung nach Komplexitätsreduktion, was das Ansprechen moralischer Rechtfertigungsnormen praktisch ausklammert. Dies betrifft insbesondere Lernmaterialien, in denen die Nachhaltigkeitsidee für Auszubildende oft unbesprochen bleibt, da sie aufgrund ihrer als zu anspruchsvoll, komplex und vielschichtig wahrgenommenen Struktur als schwer vermittelbar gelte. Stattdessen rückt das „Anwenden-Können“ anhand eindeutiger Operatoren mit Bezug zu beruflichen Arbeits- und Geschäftsprozessen in den Mittelpunkt (Schütt-Sayed et al., 2021; Kähler et al., 2023, S. 21; Mourabit et al., 2023, S. 56). Ein Beispiel dafür ist der 2024 erschienene „Werkzeugkasten für einen nachhaltigkeitsorientierten Berufsschulunterricht“ (Kuhlmeier et al., 2024), in welchem Lehrkräfte aufgefordert werden, Nachhaltigkeit in beruflichen Lernsituationen zu identifizieren, ohne aber zu klären, nach welchen normativen Kriterien diese Suchbewegung erfolgen soll. Weiterführende Hinweise zu den ethischen Begründungshorizonten fehlen, weshalb Leitsätze wie „Heute nicht auf Kosten von morgen und hier nicht zulasten von anderswo leben und arbeiten“ keinerlei normative Verbindlichkeit besitzen und Auszubildende mit ihren aufbrechenden Wertekonflikten alleine lassen.

Hinzu kommt, dass in vielen didaktischen Nachhaltigkeitskonzepten dafür plädiert wird, auf die Behandlung von „Megaproblemen“ wegen ihres vermeintlichen Überforderungscharakters zu verzichten (Kuhlmeier et al., 2024, S. 23). Doch es sind nicht nur Komplexitätsbefürchtungen, sondern auch die Sorge um die emotionale Stabilität von Auszubildenden – schließlich führten solche Problemhorizonte hinüber in Katastrophenszenarien, welche eine demotivierende Wirkung hätten (Kähler et al., 2023, S. 21; Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 146; Kastrup & Kuhlmeier, 2022, S. 93). Um dem zu entkommen, müsse es darum gehen, „dass nachhaltiges Handeln im Kleinen und Konkreten beginnen solle, also bei den Arbeitsprozessen des beruflichen Alltags“, die weitaus weniger heikel seien als die angeblichen Untiefen weitläufiger Megaprobleme (Schütt-Sayed et al., 2021, S. 205). Doch trotz gegenläufiger Haltung werden solche induktiven Lernszenarien in der einen oder anderen Form wieder in die Realität weitreichender Horizonte zurückgeholt, indem das didaktische Fenster oft in Richtung globaler Auswirkungen in der Gegenwart und Zukunft aufgeschlagen wird (z. B. Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 146; Poetzsch-Hefter & Vollmer, 2018, S. 162). Weil aber der Moralität kein Raum gegeben wird, verstärkt sich die Gefahr, dass sich Auszubildende von ihren mitgebrachten Wertvorstellungen entweder gar nicht erst lösen oder ihre zur Schau gestellte „machtlose“ Position angesichts betrieblicher und globaler Realitäten in das politisch gefährliche Blickfeld einer „Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen“-Haltung überführen.

Ein weiterer Gesichtspunkt ethischer Unterbestimmtheit entfaltet sich im vielzitierten Begriff der ‚regulativen Idee‘. Denn diese wird in der Regel nicht weiter ausgeführt, sondern als wuchtiger Platzhalter mit philosophischem Anstrich verwendet. Dabei fällt auf, dass die Idee nachhaltiger Entwicklung wie selbstverständlich auf das Podium einer ‚regulativen Idee‘ gehoben wird, um im selben Atemzug festzustellen, dass diese bloß „als normative Orientierung“ diene, zumal sie „kaum deduktiv für Lehr-Lern-Arrangements operationalisiert werden“ könne (Kuhlmeier & Voller, 2018, S. 146; auch: Schütt-Sayed & Vollmer, 2017, S. 87). Würde aber tatsächlich auf Immanuel Kants Begriff der regulativen Prinzipien abgestellt und eine Differenzierung zwischen dem pflichtgemäßen Handeln und dem Handeln aus Pflicht erfolgen, dann würde die Spur tatsächlich zu moralischen Werten führen, von denen so bewusst Abstand genommen wird. Mehr noch: Ein solcher ethischer Aufschluss differenziert zwecksetzende Beweggründe, welche nach Kant zwischen der Achtung vor den inneren Prinzipien des allgemeinen Sittengesetzes und dem geheimen „Antrieb der Selbstliebe unter der bloßen Vorspiegelung jener Idee“ unterscheiden (Kant, 1786/2007, S. 34–35). Was also sind die Motive, wenn es um die Realisierung nachhaltigen Handelns geht? Sich dagegen nur der begrifflichen Hülse anzunehmen, führt in die argumentatorische Leere, was Tür und Tor für willkürlich-ethische Einordnungen öffnet.

Diese knappen Beispiele verdeutlichen, dass tiefergehende ethische Fragestellungen in der Regel ausgeklammert bleiben und damit die Rechtfertigung nachhaltigkeitsorientierter Absichten an das Subjekt zurückgekoppelt wird. Dass dies nicht sein muss, zeigt sich in anderen Publikationen, auch wenn ihre Anzahl weitaus geringer ausfällt.

Ethische Bezüge innerhalb der BBnE

Andreas Fischer: Visualisierte Diskursethik

Als einer der bekanntesten Vertreter der BBnE vertritt der leider 2019 verstorbene Andreas Fischer einen diskursethischen Standpunkt. Schon früh plädierte er Ende der 1990er-Jahre und Anfang der 2000er-Jahre für einen interdisziplinären Dialog, weil sich im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte die Grenzlinien der Arbeitswelt erweitert hätten.[6] Zudem müssten die empirischen Grundlagen erarbeitet werden, da, so sein ernüchterndes Resümee 2013, der Diskurs weitgehend unreflektiert normativ geprägt sei (Fischer, 2013, S. 4). Als drängendste Aufgabe sieht Fischer eine Umkehrung der beruflichen Werte an, wonach nicht das ökonomische Verwertungsinteresse der beruflichen Bildung voranzustellen sei, sondern eine nachhaltigkeitsorientierte konstruktive Perspektive, in der die Anforderungen einer globalisierten Arbeitswelt besser gefasst werden könnten als durch einen nur wirtschaftlich ausgerichteten Blickwinkel. Insofern sei Nachhaltigkeit auch im ökonomischen Sinne nicht als Sand im Getriebe, sondern als Öl im Prozess zu begreifen (Fischer, 2005, S. 78). Möglich werde dieser Weg „von der Peripherie ins Zentrum der beruflichen Bildung“ allerdings nur, wenn „der Diskurs über eine Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung bildungstheoretisch geführt“ werde (Fischer, 2005, S. 78). Doch diese paradigmatische Debatte stehe nicht im Raum, was zwangsläufig eine Marginalisierung der Nachhaltigkeitsidee befürchten lasse. Das eigentliche Wagnis, so gesteht Fischer später ein, sei das Unterfangen, Nachhaltigkeit als Modernisierungsszenario des Kapitalismus zu verstehen, in dem ihre konstruktiven Elemente den ökonomischen Nutzen auf veränderte Füße stellten. Dafür beruft sich Fischer auf das anthropologische Verständnis von Bernd Flessner, nach welchem der Mensch als Teil der Biosphäre anzusehen sei, dessen Handeln stets Auswirkungen auf das komplexe System der Natur nehme – was die Vorherrschaft des Menschen über die Natur faktisch relativiere (Fischer, 2009, S. 5). Ziel müsse es sein, über die Konzeption von Lehr-Lern-Arrangements neue Wertbezüge auszudifferenzieren und damit auch Räume für die Interessen Dritter zu öffnen. Gemeinsam mit Harald Handke und Jens-Jochen Roth erweitert Andreas Fischer seine Perspektive, indem er nicht nur einen konstruktiven Umgang mit den aufbrechenden Nachhaltigkeitswidersprüchen sucht, sondern entlang eines interaktionistischen Modells mit diskursethischen Zügen eine systematische Visualisierung aller am beruflichen Prozess beteiligten Akteure hervorzurufen versucht (Fischer et al., 2021, S. 100–101).[7] Hier zeigen sich deutliche Spuren eines (wirtschafts-)ethischen Denkens, das sukzessive Erweiterungsmöglichkeiten der Entscheidungsprämissen von kurzfristigen Effizienzrationalitäten hinüber zu einer langfristigen Nachhaltigkeitsrationalität beinhaltet (Fischer et al., 2021, S. 94). Was Fischer insgesamt auszeichnet, ist der konstruktive Blick auf das vom Nachhaltigkeitsgedanken offengelegte „Spannungsverhältnis zwischen Arbeit, Kapital und Umwelt“ (Fischer, 2005, S. 82), dessen tiefergehende ethische Ansprüche er allerdings nur im Kontext kleinerer Arbeiten besprochen hat. Die von ihm bereits Ende der 1990er-Jahre aufgezeigte theoretische Lücke blieb bestehen.

Karin Rebmann: Epistemische Kognitionen

Eine andere Sichtweise vertritt Karin Rebmann[8], die gemeinsam mit Andreas Slopinski das empirisch nachweisbare Auseinanderfallen von Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeitswissen und Nachhaltigkeitshandeln beleuchtet (Rebmann & Slopinski, 2018). Sie nennt dies Diskrepanztheorem, das aufgrund einer lückenhaften didaktischen Erarbeitungsfolie wirksam werde, da nur einzelne, unverbundene Facetten die Herangehensweise zur BBnE kennzeichneten und ein vollständiges, lerntheoretisch ausbuchstabiertes und empirisch valides Lernkonzept nicht erkennbar sei. Rebmann konkretisiert in ihrem Vorgehen keine ethischen Paradigmen, sondern entwirft ein kognitionstheoretisches Rahmenkonzept, das „die Ebenen der Kognition und der epistemischen Kognition miteinander“ verbinden solle (Rebmann & Slopinski, 2018, S. 76). Für die Frage der Werte und Normen konstatiert Rebmann, dass deren Einflussnahme auf zielgerichtetes Verhalten nur schwach korreliere, weshalb es „eines mehrdimensionalen und ganzheitlichen Rahmenmodells“ bedürfe, in welchem z. B. auch die soziale Umwelt als reale Interaktionsfläche miteinzubeziehen sei und an dessen Ende das Erkennen von Wirklichkeit stehe – Bezüge zur Wissenssoziologie von Ernst von Glaserfeld werden angedeutet (Rebmann & Slopinski, 2018, S. 77).

Rebmann erweitert nun die Ebene der Kognition, indem sie den Beitrag epistemischer Überzeugungen adressiert, denen aufgrund ihrer Fähigkeit, über subjektive Vorstellungen Auskunft geben zu können, eine handlungsleitende Funktion zufalle. Erst hier könne von transformativen Lernprozessen gesprochen werden, weil auch das soziale Umfeld als systemische Komponente miteinbezogen werde, was die Sinnhaftigkeit des nachhaltigkeitsorientierten Lernprozesses im Kontext vorhandener Kommunikationsmuster berücksichtige. Dies könne durchaus Brüche hervorbringen, weil die Absichten nicht in jedem Fall mit den (betrieblichen) Wirklichkeiten harmonisierten, weshalb nach alternativen betrieblichen Lernwegen, welche „keine grundsätzliche Umstrukturierung der Ablauforganisation notwendig“ machten, im Kontext eines epistemischen Klimas gesucht werden müsse (Rebmann & Slopinski, 2018, S. 83–84).

Unscharf bleibt, wie eine Stimulierung und Kodierung der Bedeutungssteigerung epistemischer Überzeugungen tatsächlich zustande kommen soll. Allein die Repräsentation von Wissen als motivationaler Faktor erscheint argumentativ dünn, weil die insinuierte Verlagerung von Moralität ohne ethische Reflexionskategorien wohl kaum an die dahinterliegenden Werte reicht. Denn Nachhaltigkeit ist und bleibt ein ethisches Konzept, das moralische Werte adressiert, welche überhaupt erst einmal in Überzeugungen überführt werden müssen, bevor Lernprozesse ihre Handlungswirksamkeit situieren. Stattdessen führt Rebmann an anderer Stelle die Bedeutung von Innovationskompetenz aus, zumal sich Nachhaltigkeitseffekte nicht allein über Wissen in die betrieblichen Handlungsabläufe integrieren ließen. Hinzu komme daher Handlungskompetenz, deren besonderes Feld im Bereich von Innovationen vor allem die Fachkompetenz und die Personalkompetenz seien (Rebmann et al., 2018, S. 54–55). Am Ende ist es Aufgabe der Berufsschule, so Rebmann, „eine gemeinsame Reflexions- und Bewertungsbasis“ auf der „Metaebene nachhaltigen Wirtschaftens“ zu adressieren, um die normativen Nachhaltigkeitsaspekte auf der Ebene betrieblicher Erfahrungen fassen zu können (Rebmann et al., 2020, S. 15). Dies allerdings in der Absicht, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu bauen, damit eine nachhaltige Wirtschaftsordnung überhaupt gelingen könne.

Gerhard Minnameier: Wachstumsethik

Völlig anders argumentiert Gerhard Minnameier, der zwar nicht zu den einflussnehmenden Protagonisten des beruflichen Nachhaltigkeitsdiskurses gehört, aber in zwei Beiträgen eine recht befremdliche, gleichwohl ethisch ausbuchstabierte Sichtweise vertritt (Minnameier, 2022; 2025). Befremdlich, weil er nicht nur einen Frontalangriff gegen die gesamte Nachhaltigkeitscommunity führt, sondern Teilen ihrer Vertreter sogar die Schuld am Klimawandel gibt. Seine Argumentationslinie ist im Grunde simpel, zumal er allein wirtschaftliches Wachstum im Zusammenhang mit freien Marktbewegungen als Voraussetzung zur Realisierung nachhaltigkeitsorientierter Ziele sieht. Grundsätzlich räumt er ein, dass das Thema Nachhaltigkeit eine bedeutsame gesellschaftspolitische Angelegenheit sei, die die Menschheit insgesamt betreffe und daher auch für die Berufsbildung von Relevanz wäre. Gemeinsam mit Georg Hans Neuweg argumentiert er, dass der „politisch-gesellschaftliche Diskurs, in den die Individuen eintreten können müssen, […] offenkundig intellektuell wie moralisch weitere Horizonte als das Alltagsgeschäft auf den Märkten“ erfordere, insbesondere wenn es um das Erleben und Durchdringen von Dilemmatasituationen gehe, zu denen auch der Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Handeln von Unternehmen zählten (Minnameier & Neuweg, 2019, S. 637). Doch anders als z. B. Fischer verdichtet Minnameier die aufbrechenden Konfliktzonen im Einklang mit den kapitalistischen Mechanismen der freien Marktwirtschaft, in deren Zusammenhang er auch die Grundfesten unserer Demokratie verortet. Es komme darauf an, vom ideologisch getriebenen Denken in den Kategorien von „Entweder-Oder“ (Win-Lose) abzurücken, um die Marktkräfte als solche zu stärken und die in den Unternehmen durchaus vorhandenen Nachhaltigkeitspotenziale gewinnorientiert zu maximieren (Win-Win). Sein zentraler Begriff Wachstum kulminiert zum ethischen Prinzipienbegriff – zum Ausweis ökonomischer Vernunft (Minnameier, 2025, S. 28). Jede Abweichung vom Pfad dieser vermeintlichen Erkenntnis gehe mit einem „Rückfall auf ein Wohlstandsniveau vorindustrieller Zeit“ einher, zu dem die Nachhaltigkeitsbemühungen beitrügen, „da die kritische Reflexion der aktuellen BNE von wirtschafts- und speziell kapitalismusfeindlichen Ansätzen dominiert“ würde (Minnameier, 2025, S. 31). Stattdessen führt Minnameier das Modell der Ordonomik an, welches auf eine Ausweitung wachstumsorientierter Unternehmensverantwortung setzt und Aspekte der Selbstverpflichtung betont (vgl. Minnameier, 2022, S. 99; Pies, 2016, S. 35). Die Bemühungen des „Mainstream“ der Nachhaltigkeitsakteure seien hingegen von großer Ignoranz gegenüber wirtschaftlichen Notwendigkeiten geprägt, was „Kaufleute systematisch in eine […] unausweichliche Zwickmühle [führe]: Sie sollten dann nämlich sehenden Auges ökonomischen Opportunitäten zuwiderhandeln, um dadurch Nachhaltigkeitszielen gerecht zu werden“ (Minnameier, 2022, S. 93).

Seine häufig zynisch geprägte Perspektive reduziert den beruflichen Nachhaltigkeitsdiskurs auf wenige Schlagworte und verallgemeinert die damit verbundenen Debatten in einer Weise, die sowohl unzureichend als auch entbehrlich erscheint. Zugleich bleibt er eine Antwort auf die zentrale Frage schuldig, wie sich wirtschaftliches Wachstum ohne einen umfassenden Schutz natürlicher Ressourcen realisieren lassen soll und inwiefern unter diesen Voraussetzungen überhaupt tragfähige Werteverschiebungen entstehen können.

Ulrike Greb & Carolin Wicke: Ethische Dilemmata im Strukturgitter

Auf der didaktischen Ebene heben sich zwei Konzepte ab, deren ethische Bezüge in Strukturgittern zum Ausdruck kommen. In Anlehnung an Herwig Blankertz und Günter Kutscha (Blankertz, 1974; Kutscha, 1975) sind Ulrike Greb für die Bereiche Gesundheit und Hauswirtschaft (Greb, 2008; 2009; Greb & Herold, 2011) sowie Carolin Wicke für die kaufmännische Bildung (Wicke, 2018) dem Thema Nachhaltigkeit nachgegangen. Mit dem Strukturgitteransatz wird das Ziel verfolgt, keinem der involvierten Inhaltsbereiche Vorrang einzuräumen, sondern die jeweiligen moralischen Implikationen in eine reflexiv-heuristische Denkbewegung zu überführen. Damit wird ein streng diskursethischer Ansatz verfolgt, den Greb auf die technischen, praktischen, emanzipativen Erkenntnisinteressen von Jürgen Habermas führt und diese an gesellschaftliche Dilemmatasituationen bindet. So vermeidet sie Idealisierungen, indem z. B. ökonomisches Wachstum lediglich als globales Phänomen in Erscheinung tritt, dessen spezifisch-ethische Implikationen über die nachhaltigkeitsorientierten Gesichtspunkte von Gerechtigkeit, Partizipation und Verantwortung aufgebrochen werden (Greb, 2008, S. 6, 14, 17, 19). Ziel ist die bildsame Selbstvergewisserung und eine Abkehr von moralischer Indoktrination.

Ähnlich verfährt Carolin Wicke, die 2018 ihr kaufmännisches Strukturgitter allerdings eng am Konzept des homo sustinens (Siebenhüner, 2001) ausrichtet und postwachstumsökonomisch argumentiert. In diesem Zusammenhang fordert sie dazu auf, „den bildungstheoretischen Diskurs in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik“ wieder aufzunehmen, um das fachdisziplinäre Selbstbild entlang gesellschaftlicher Probleme neu auszudiskutieren (Wicke, 2018, S. 119). Im Unterschied zu Greb bindet Wicke berufliche Kompetenzdimensionen ein (Orientierungsfähigkeit, Problem- und Entscheidungsfähigkeit, Kritik- und Differenzierungsfähigkeit) und führt diese auf die Systemdimensionen Güter, Geld und Informationen zurück (Wicke, 2018, S. 119, 122; auch: Wicke et al., 2018). Deren nachhaltigkeitsorientierte Referenzpunkte stellen den Diskursrahmen dar, innerhalb dessen z. B. Reichtum und Armut als Gütemerkmale verhandelt werden. Ohne die erkenntnisleitenden Bezugskategorien, wie sie bei Greb dargelegt werden, bleibt allerdings unscharf, woraus sich die Wertdimensionen bei Wicke erschließen.

Heiko Spitzeck & Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik

Ein wiederum wirtschaftsethisch ausbuchstabiertes Konzept legen 2006 Heiko Spitzeck und Peter Ulrich mit ihrer „Diskurspädagogik“ zum Thema ‚Nachhaltiges Wirtschaften aus Sicht der integrativen Wirtschaftsethik‘ vor (Spitzeck & Ulrich, 2006). Ihre Perspektive wird aber nicht bloß ethisch begründet, sondern soll der Moral insgesamt einen vorrangigen pädagogischen Standort einräumen. Sie stellen fest, dass karitative, instrumentalistische und korrektive Wirtschaftsethiken wenig zielführend seien, da der darin ausgewiesene rational-ökonomische Nutzengedanke nicht mit Nachhaltigkeit kompatibel sei (dazu auch: Ulrich, 1997, S. 113–114). Demgegenüber stelle die integrative Wirtschaftsethik die Dinge vom Kopf auf die Füße, weil „die Rationalität ökonomischer Nutzen-/Kosten-Argumente […] damit immer schon im Hinblick auf die Verfolgung von Erfolgszielen beurteilt [wird], deren Legitimität zuvor schon geklärt ist. Nachhaltigkeit ist so verstanden ein ethisch integriertes wirtschaftliches Erfolgsdenken, das vor den legitimen Ansprüchen späterer Generationen keinen Reflexionsabbruch vollzieht“ (Spitzeck & Ulrich, 2006, S. 119). Mit ihrer Diskurspädagogik wird ein Lernen an moralischen Dilemmata skizziert, dessen Ziel darin besteht, eine rein ökonomische Problemlösungsperspektive infrage zu stellen. Es geht um das Sichtbarmachen von Legitimationshintergründen, die innerhalb ökonomischer Entscheidungsräume ihre Wirksamkeit entfalten sollen. Ziel ist „die Erhöhung der moralischen Sensibilität, die Einsicht in die Möglichkeit eines vernünftigen Umgangs mit Wert- und Interessenkonflikten, die entsprechende Schärfung der Kritik- und Argumentationsfähigkeit sowie die Förderung der Bereitschaft zu konkretem moralischen Handeln“ (Spitzeck & Ulrich, 2006, S. 122). Das wirtschaftsethische Modell, das im Wesentlichen auf Peter Ulrich zurückgeht (Ulrich, 1997; 2001), stellt sicherlich einen Gegenentwurf zu Minnameier dar, indem vor allem die vom Nachhaltigkeitsgedanken provozierten Widersprüche und Konflikte nicht ausgedünnt, sondern als Bestandteil pädagogischen Dafürhaltens aufgehoben bleiben.

Weitere Publikationen mit ethischen Begründungslinien finden sich v.a. noch in kürzeren Aufsätzen, wie z. B. bei Wilhelm Trampe, der aus einer ökozentrischen Perspektive ein „starkes“ Nachhaltigkeitskonzept zur transformativen beruflichen Bildung entfaltet (Trampe, 2024).[9] Davon abgesehen sind noch Publikationen aus der Allgemeinbildung einzubeziehen, deren Darstellungsfolien zwar nicht in die berufliche Bildung hineinreichen, aber deren Beiträge in Schriftreihen der Berufs- und Wirtschaftspädagogik erschienen sind.

Peter Euler & Yvonne Kehren: Bildungstheoretische Implikationen

Als Vertreter der „Kritischen Erziehungswissenschaft“ hinterlegt Peter Euler den Gegenstand der Nachhaltigkeit ideologie- und herrschaftskritisch. Sein kapitalismuskritisches Moment sucht vor allem nach den ökonomischen Treibern nicht nachhaltiger Entwicklungen, wobei dem wachstumsorientierten Kapitalismus eine organisierte Unvernunft in Bezug auf sein globales Ausmaß an nachhaltigkeitszerstörenden Implikationen zugewiesen wird (Euler, 2022, S. 78, 80). Ähnlich verfährt Yvonne Kehren, die sich in ihrer kritisch-materialistischen Sichtweise methodisch entlang einer immanenten Widerspruchsanalyse verortet, um so den „Mechanismen, die der Verwirklichung allgemeiner Rechte und der Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe entgegenstehen“, auf die Spur zu kommen (Kehren, 2017, S. 66). Euler und Kehren verweben den Nachhaltigkeitsgedanken insoweit ethisch, indem sie „den humanen Gehalt der Bildung, und zwar für alle Menschen auf diesem Globus“, in Erinnerung rufen und über die Sachanalyse nicht nachhaltiger Zustände ihre Perspektive auf gesellschaftliche Problemfelder ausweiten (Kehren, 2017, S. 83). Hinzu kommt ein Kritikbegriff, der dem Nachhaltigkeitsdiskurs abhandengekommen sei, was den Blick für „neue Beurteilungskriterien“ versperre (Kehren, 2016, S. 202).

Klaus Beck: Moralentwicklung

Abschließend soll noch auf Klaus Beck eingegangen werden, der im Rahmen der beruflichen Umweltbildung kognitionspsychologische Aspekte der Moralentwicklung herausgehoben hat, was durchaus für den Nachhaltigkeitsgedanken von Interesse ist (Beck, 2002).

Beck stellt zunächst fest, dass die Aneignung tiefergehenden Wissens zu den unbeabsichtigten und unbedachten Nebenfolgen eigenen und fremden Handelns eine zentrale Voraussetzung der Umweltbildung darstelle: „Wer nämlich weiß, welche direkten und indirekten Konsequenzen an das eigene und auch das fremde Handeln geknüpft sind, ist aus dem Paradies unschuldig-naiver Spontaneität vertrieben“ (Beck, 2002, S. 68–69). Entscheidend seien aber nicht nur Sachkenntnisse, sondern auch bewusstes Wissen über moralische Prinzipien, wie sie in Gerechtigkeitskonzepten ausgewiesen würden. So sei es ein entscheidender Unterschied, ob Moralität gewusst werde, also kognitiv in Handlungssituationen verfügbar sei, oder nur träge vorliege und damit auf die Handlungsentscheidung keinen „reflexiven“ Einfluss ausüben könne. Dabei helfe die kantische Prinzipienethik nicht weiter, weil die Besonderheit situativer beruflicher Handlungskontexte einem universalethischen Anspruch nicht genüge. Zwar erscheine es plausibel, dass ökologische Aspekte unter universalen Ansätzen gefasst würden, aber „die Realität des moralischen Denkens der Menschen [könne] ‚bestenfalls‘ in Ausnahmefällen sich dem universalistischen Ansatz“ fügen (Beck, 2002, S. 72). Entscheidend sei daher die Frage, auf welche Weise der Appell moralischen Handelns auch tatsächlich Wirkung entfalte und nicht zur Leerformel erodiere (Beck, 2002, S. 73).

Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass im Rahmen der BBnE zwar erfreulich viele Publikationen den Gedanken der Nachhaltigkeit lebendig halten, aber nur wenige Arbeiten tiefergehende ethische Reflexionen kontextualisieren. Doch auch die wenigen theoretischen Publikationen müssen kritisch dahingehend befragt werden, warum z. B. die vielfältigen Aushandlungen zur Klimaethik vollkommen ausgeklammert bleiben. Hinzu tritt das bemerkenswert pauschale Positivurteil über das konzeptuelle Öffnungsmoment der Nachhaltigkeitsidee, in dem sich nicht nur konkurrierende ethische Prinzipien verbergen, sondern dessen involvierte Wissensbezüge ein sehr tiefes Verständnis der dahinterliegenden Sachverhalte erforderlich machen.

4 Die kritisch-ökologische Perspektive

Wenn im Folgenden von der kritisch-ökologischen Perspektive die Rede ist, ist zunächst einzuräumen, dass deren bildungstheoretische Verortung sowie weiterführende Begründungslinien aus Platzgründen nicht entfaltet werden können. Vielmehr beschränkt sich die Darstellung auf einen kursorischen Überblick klimaethischer Aspekte, deren unterschiedliche Argumentationsweisen nicht nur der kritisch-ökologischen Nachhaltigkeitsperspektive ein theoretisches Fundament verleihen, sondern ebenso geeignet sind, die berufliche Nachhaltigkeitsdebatte konzeptionell zu stützen.

Die hier vorgestellte ökologische Sichtweise folgt den Ergebnissen und Forderungen der Klimaforschung und soll bewusst den Nachhaltigkeitsgedanken auf ein ‚schmaleres‘ Fundament stellen, was wiederum die Einnahme eines ethischen Blickwinkels deutlich erleichtert. Damit wird Anton Leist gefolgt, der den Begriff Nachhaltigkeit in ökologische Gerechtigkeit übersetzt, um den nicht enden wollenden Diskurs über vermeintliche Zielbestimmungen aufzubrechen (Leist, 2007). Letztlich gehe es nach Leist um eine gerechte Verteilung von kritischen Gütern, deren Ziel es ist, „ökologische Deprivation von einzelnen Bürgern und ökologische Zerstörung zu verhindern“ (Leist, 2007, S. 6). Und wenn am Ende das Recht auf Leben als unteilbares Menschenrecht fungiert, besteht in jedem Fall eine institutionelle Pflicht zur Umgestaltung der herrschenden Ordnung – eine Pflicht, die zur unbedingten Aufgabe auch und gerade der Berufsschule wird (vgl. Menke & Pollmann, 2007, S. 30–31; 109).

Was nun den Reiz der ökologischen Gerechtigkeit nach Leist ausmacht, ist die Bezugnahme auf die Begriffe Gerechtigkeit und Ökologie. Denn diese besitzen klare fachdisziplinäre Bezüge und verweisen im Unterschied zur Vielstimmigkeit des Nachhaltigkeitsgedankens auf einen dahinterliegenden Wissenschaftsdiskurs mit eindeutigen Argumentationslinien und fachdisziplinären Positionen.[10] Davon abgesehen steht außer Frage, dass mit dem weiteren Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur die ökologischen Folgewirkungen zunehmen und erhebliche Gerechtigkeitsdefizite aufbrechen werden. Nicht ohne Grund spricht der IPCC von einer neuen geologischen Epoche, dem Anthropozän, in welchem das Schicksal der Menschheit davon abhängt, inwieweit der Anstieg der globalen Temperatur ausgebremst werden kann (IPCC, 2019, S. 51–54).[11]

Das dahinterliegende Problem betrifft die Sonderstellung des Menschen in der Natur – seine Freiheit. Denn nur ihr ist es zu verdanken, dass es dem Menschen gelungen ist, sich von der Naturabhängigkeit lossagen zu können. Doch als freies Wesen, dessen Instinktgebundenheit abhandengekommen ist, ist er allen Naturgewalten schutzlos ausgeliefert, weshalb der Mensch seine ungebundenen Fähigkeiten nutzt, um in Freiheit leben zu können.

Die Entwicklungsgeschichte des Menschen lässt sich insofern als Prozess fortschreitender Naturdistanzierung interpretieren, dessen teleologischer Bezugspunkt wiederum in der Idee der Freiheit liegt. Darin ist jedoch ein inhärentes Spannungsverhältnis angelegt: Der Anspruch auf vollständige Unabhängigkeit bleibt prinzipiell uneinlösbar, da die faktische Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen fortbesteht. Gleichwohl hat dies den Menschen nicht daran gehindert, seine wachsenden Natureinsichten sowie seine technischen Fähigkeiten zur fortschreitenden Naturbeherrschung einzusetzen – ein Prozess, der immer weiter Formen der Naturentfremdung hinterlegt. Diese Dynamik erreicht inzwischen einen Punkt, an dem die funktionalen Systembedingungen der Natur selbst nachhaltig beeinträchtigt werden, wodurch die auf Autonomie gerichteten Bestrebungen an strukturelle Grenzen stoßen. Daher muss dem Ökologischen ein grundsätzliches Primat eingeräumt werden, weil es um Fragen manifesten ökologischen Handelns geht.[12]

Es ist daher wenig nachvollziehbar, wenn Nachhaltigkeitskonzepte praktisch ohne ethische Klärung daherkommen und damit die Frage unbeantwortet bleibt, auf welcher moralischen Grundlage Entscheidungen eigentlich getroffen werden sollen. Schließlich wird den beruflichen Handlungsabläufen ihre sinnstiftende Legitimation entzogen, was in jedem Fall zur Frage veränderter moralischer Begründungszusammenhänge führt. Doch damit betritt der Nachhaltigkeitsdiskurs unweigerlich zwei sehr komplexe Wissenschaftsgebiete mit sehr unterschiedlichen Argumentationslinien: Theorien der beruflichen Bildung und Theorien der Klimaethik. Wird nun vom Standort der Berufs- und Wirtschaftspädagogik aus gefragt, so befindet man sich zunächst im Aufgabengebiet der (beruflichen) Bildungstheorie, in welchem die Frage der Legitimation erzieherischen Handelns verhandelt wird. Aus diesem Grund sind v. a. gesellschaftliche Umbruchphasen Ausgangspunkt für den (berufs-)bildungstheoretischen Diskurs, weil der Verlust tradierter und das Anbahnen neuer Legitimationsfiguren einen maßgeblichen Einfluss auf die Sinnstiftung pädagogischer Ideenbildung haben.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich trotz Klimakrise und eines vielbeschworenen Transformationswandels keinerlei Entwicklung in Richtung eines betont ökologisch ausbuchstabierten Bildungsdiskurses bzw. einer entsprechenden Bildungstheorie zeigt. Stattdessen wächst die Anzahl unterbestimmter Nachhaltigkeitskonzepte, ohne dass ihnen ein ethischer Bezugsrahmen, geschweige denn ein ökologischer Bildungsbegriff, eigen wäre. Hier besteht also Klärungsbedarf, weshalb die Spurensuche den weiten Weg ins Feld der Klimaethik nehmen muss, von dem nun in kurzen Zügen die Rede sein soll.

Klimaethische Positionen

Ein erster vorsichtiger Blick schafft immerhin dahingehend Klarheit, dass in dieser Perspektive dem ethischen Moment eine grundsätzliche Bedeutung zugestanden wird. So stellt Stephen M. Gardiner fest, dass „wir bei der Erörterung der Frage, warum der Klimawandel ein Problem darstellt, nicht sehr weit kommen, ohne ethische Überlegungen anstellen zu müssen“ (Gardiner, 2025, S. 42). Dies führt weiter in ein recht komplexes Feld, zumal neben der Klimaethik auch die Umwelt-, Natur- und Nachhaltigkeitsethik[13] existieren, in denen aus unterschiedlicher Handlungsperspektive und mit verschiedenen Ethikansätzen sehr lebhaft diskutiert wird. In jedem Fall geht es um eine Bewertung der ökologischen Folgeverantwortung, wie sie aus dem Verhältnis ‚Mensch-Natur‘ hervorgeht. Dies ließe sich auf die Trias ‚Mensch-Natur-Arbeit‘ erweitern, was angesichts des Einflusses beruflichen Handelns auf den Klimawandel nur selbstverständlich wäre. Zwar bricht diese Perspektive unweigerlich mit dem innerbetrieblichen Radius, in dem die Arbeits- und Geschäftsprozesse ihren Ort haben, doch findet der bildungsbezogene Kerngedanke von Humanität erst im Einholen der real existierenden globalen Arbeitswirklichkeit mitsamt ihren ökologischen Folgewirkungen seine neue Kontur. Alles andere führt zu einem Bildungsdenken, das – wie Theodor Litt in Bezug auf die neue Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts bereits zutreffend feststellt – „in der Quarantäne eines künstlich ausgegrenzten Schutzparks“ mündet (Litt, 1959, S. 90).

Nun hilft es jedoch wenig, wenn der ethische Faden nur partiell aufgenommen und lediglich mit Stichworten – wie dem oft zitierten „neuen Imperativ“ [14] von Hans Jonas – angereichert wird, zumal sich allein in definitorischer Hinsicht keinerlei argumentative Kraft entfalten kann. Stattdessen besteht die Gefahr der Halbbildung (Adorno, 1972) und des Verlustes innerer Wachsamkeit (Litt, 1959, S. 146), weil Verkürzungen notwendigerweise Begründungszusammenhänge ausklammern und damit der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Realität nicht gerecht werden (Horkheimer, 1981, S. 164). Für die Substanz der Nachhaltigkeitsbildung bedarf es also eines hinreichenden ethischen Begründungszusammenhangs, damit dem neuen Wissen Gültigkeitskriterien zukommen. Alles andere führt am Weg einer kritisch-ökologischen Mündigkeit, wie sie hier anvisiert wird, vorbei.

Zu klären ist, welcher grundsätzliche Wert dem Umstand des menschengemachten Klimawandels folgt. Dieser findet sich nach Ansicht vieler Klimaethiker[15] im Begriff der Natur, deren Wert – genau wie die menschliche Freiheit – einem Selbstzweckprinzip folgt, weil in und mit ihr die Voraussetzung für Humanität angelegt wird (vgl. Ott, 2021, S. 101–104). Daraus folgt eine Norm zur Umsetzung ökologischer Gerechtigkeit (Leist, 2007, S. 5), was der beruflichen Nachhaltigkeitsidee ihren ersten ethischen Grundsatz ausbuchstabiert. Zu prüfen wäre nun, wie sich die verschiedenen klimaethischen Positionen dazu verhalten und ob sich weitere oder andere Wertebegriffe finden. Dazu einige wenige Beispiele, die nicht mehr als Anregungen sind.

Walter Sinnott-Armstrong: Keine klimaethischen Pflichten

Mit seinem 2005 veröffentlichten Beitrag zu moralischen Pflichten in Anbetracht der Erderwärmung hat Walter Sinnott-Armstrong für großes Unwohlbehagen innerhalb der klimaethischen Community gesorgt. Er argumentiert, dass es kein moralisches Prinzip gebe, aus dem sich eine individuelle Nachhaltigkeitspflicht ableiten lasse. Am Beispiel eines Autofahrers überprüft Sinnott-Armstrong, ob einigen der bekanntesten Ethikprinzipien eine gültige Pflicht zu entnehmen sei, die der intuitiven Irritation, etwas Falsches zu tun, moralische Gewissheit verschaffen könne. Selbst kontrafaktische Prinzipien wie das allgemeine Handlungsprinzip, nach dem Handlungen nicht ausgeführt werden sollten, wenn es schlechter wäre, wenn alle eine solche Handlung ausführten, greifen seiner Einschätzung nach zu kurz. Denn dann wäre es auch moralisch falsch, keine Kinder bekommen zu wollen, weshalb diesem Handlungsprinzip keine verpflichtende Norm entnommen werden könne. Umgekehrt führe die Schwäche solcher Prinzipien jedoch nicht zur Rechtfertigung nicht-nachhaltigen Verhaltens. Sie zeige „einzig und allein, dass wir nicht wissen, ob es moralisch falsch ist“, weshalb es allemal besser sei, „jene zu würdigen, die Kraftstoff sparen“ (Sinnott-Armstrong, 2025, S. 286–287).[16]

Seine Kritik an der „Sollens-Ethik“ führt Sinnott-Armstrong am Argument universaler Handlungsprinzipien aus, die dem Einzelnen vorschrieben, er verstoße gegen moralische Pflichten, welche jedoch nicht verallgemeinerbar seien. Stattdessen sei es zielführender, sich im Sinne guter Praxis zu verhalten und „unsere realen moralischen Verpflichtungen [auszuüben], die Regierungen dazu zu bringen, ihren Aufgaben nachzukommen, die Katastrophe weitreichender globaler Erwärmung zu verhindern“ (Sinnott-Armstrong, 2025, S. 288).[17]

Die Sichtweise von Sinnott-Armstrong wurde zwar vielfach kritisiert, trifft aber das weit verbreitete Gefühl individueller Ohnmacht und moralischer Überlastung. Weitgehend unausgesprochen, aber fundamental ist für Sinnott-Armstrong die menschliche Freiheit, deren Wert er zur absoluten individuellen Norm erhebt. Dies widerstrebt sicherlich vielen Klimaethikern, kann jedoch eine zentrale Demarkationslinie ins Zentrum rücken. Danach droht klimaethische Moralität an der individuellen moralischen Schuld für überkomplexe Umweltphänomene zu scheitern, wohingegen freiwillige Verantwortungsbereitschaft im Sinne guten Verhaltens sowie politische Mündigkeit verantwortungsethisch weiterführten. Dem lässt sich entgegenhalten, dass nicht klar ist, woraus dann überhaupt individuelles Engagement entstehen könne. Immerhin justiert diese Position die ökologische Perspektive dahingehend, dass sich aus individueller Schuld wohl nur wenig konstruktive Motivation schöpfen lässt. Anschlüsse an Gerhard Minnameier wären denkbar.

Konrad Ott: Selbstwert und Schutzgut

Völlig anders argumentiert Konrad Ott, der trotz scharfer Kritik am Nachhaltigkeitsbegriff seine Umweltethik als strengen Nachhaltigkeitsansatz interpretiert (Ott & Döring, 2008; Ott, 2021, S. 166).[18] Die „Constant Natural Capital Rule“, wonach bestimmte Naturkapitalien über die Zeit hinweg konstant gehalten werden müssen, stellt den Kern dieses Ansatzes dar. Dass überhaupt ethische Überlegungen anzulegen seien, begründet Ott mit der Einbeziehung nachfolgender Generationen, was die ökonomischen Modellberechnungen nicht leisten könnten. Sein Ansatz verbindet deontologische Gedanken mit Aspekten der (transformativen) Diskursethik.

Ethisch argumentiert er zunächst kantisch, indem er festhält, dass sich moralische Pflichten darin begründen, Wesen um ihrer selbst willen zu respektieren, womit die Kategorie des „Selbstwertes“ an Bedeutung gewinnt (Ott, 2021, S. 101). Diese sei nun vom Begriff der Würde zu unterscheiden, da Würde nur Menschen (als freien Wesen) zugestanden werden könne. Doch wem Selbstwert zufalle, müsse ethisch erst begründet werden, zumal es innerhalb der Bereichsethiken sehr unterschiedliche Positionen gebe (Personen, Tieren, Mikroorganismen oder sogar Steinen?). Überdehne man das Feld der moral community, so Ott, würde dies das Konfliktpotenzial erheblich ausweiten, weshalb eine zweite moralische Kategorie notwendig sei, die er im Begriff des „Schutzgutes“ findet. Mit diesem mache der Mensch deutlich, was er als schutzwürdig einstuft, weshalb „Naturwesen, denen Selbstwert abgesprochen wird, […] keineswegs schutzlos“ seien (Ott, 2021, S. 102).

Damit führt jedoch kein Weg am Gedanken der Gratifikation von Schutzgütern vorbei, zumal einige „offenkundig nicht zur Gänze substituierbar“ seien (Atmosphäre, Süßwasser usw.), was eine Bestandsgarantie im Sinne von primary values erforderlich mache (Ott, 2021, S. 177). Seinen „strengen“ Nachhaltigkeitsansatz bewertet Ott als freiheitliches und gerechtes Konzept, weil der Schutz von Naturgütern am Ende allen mehr Wahlmöglichkeiten lasse. Eine solche Umweltethik führe allerdings unweigerlich auf politische Implikationen, da die Rechte an Schutzgütern in einer Gesellschaft uneinheitlich verteilt sind. Notwendig sei daher eine demokratieorientierte Erziehung auf Grundlage ethischen Lernens, welche Humanität ins Zentrum einer ‚transformativen Diskursivität‘ stelle (Ott, 2021, S. 216).

Die Umweltethik von Ott wird ist sehr umfassend entfaltet und findet ihre zentralen ethischen Kategorien in den Begriffen Würde, Selbstwert, Schutzgut und Rechte. Den Wertebegriff interpretiert Ott vor allem kantisch, allerdings nicht a priori, sondern a posteriori, damit sich der anthropogene Selbstzweck auch auf Naturwesen übertragen lasse (Ott, 2021, S. 129). Dies führt auf eine starke Nachhaltigkeitsprämisse[19], wonach sich Pflichten gegenüber der Bestandswahrung schutzwürdiger Naturgüter ergeben – eine Argumentation, die eine moralische Selbstverpflichtung im Sinne ökologisch-normativer Ansprüche geltend macht. Bezüge zu Wilhelm Trampe sind erkennbar.

Tilo Wesche, Bernward Gesang, Dale Jamieson: Die Natur als Rechtssubjekt

Wiederum anders argumentieren utilitaristische Naturethiker wie etwa Tilo Wesche (Wesche, 2023) oder Bernward Gesang (Gesang, 2025). In der utilitaristischen Sichtweise, so Wesche, trage die Natur kein wertebasiertes Recht, das es zu schützen gelte. Vielmehr müsse die Natur als gemeinschaftliches Eigentum ausgewiesen werden, woraus sich aus eigentumstheoretischer Perspektive Pflichten hinsichtlich ihrer Nutzung ergäben. Anderenfalls sei die Natur den Eingriffen der Menschen schutzlos ausgeliefert, was Nachhaltigkeitsforderungen unwirksame werden lasse: „Werden Eigentumsrechte aber erst einmal als unbedingte Grundfreiheiten begriffen, dann lassen sie sich nachträglich nur schwer durch Nachhaltigkeitsappelle beschränken. Ökologische Forderungen kommen hier gewissermaßen zu spät“ (Wesche, 2023, S. 250).

Aufgelöst werde diese Normenkollision, indem „Eigentumsrechte in Bezug auf Naturgüter nur dann gelten, wenn sie durch Nachhaltigkeitspflichten begrenzt werden“, was Unternehmen zur nachhaltigen Nutzung verpflichte (Wesche, 2023, S. 252). Vor diesem Hintergrund attestiert Wesche vielen Nachhaltigkeitsprotagonisten eine argumentative Schwäche, solange nicht eingestanden werde, dass es institutionalisierte Naturrechte geben müsse. Denn „ohne die Rechtssubjektivität der Natur bleibt ökologische Nachhaltigkeit ein Lippenbekenntnis“ (Wesche, 2023, S. 247).

Wesche verortet sein Konzept zunächst innerhalb kapitalistisch geprägter Wertvorstellungen, räumt jedoch ein, dass nachhaltiges Handeln maßgeblich davon abhänge, Naturgüter als fremdes Eigentum zu begreifen. Zugleich betont er die Grenzen einer solchen Perspektive, weil sich die Natur nicht vollständig diesem Denkschema unterordnen lasse, zumal auch Ökosystemleistungen gewissermaßen eigene „Rechte“ beanspruchen könnten, die sich aus der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung ihrer Funktionen ergeben (Wesche, 2023, S. 253). Deshalb müssten Treuhänderpflichten eingefordert werden, was eine robuste Nachhaltigkeitsidee erforderlich mache, die sich auch gegen die Interessen von Großkonzernen richten müsse. Denn diese würden sich im Streit um Ressourcen wahrscheinlich nicht am Glück aller orientierten, was dem grundsätzlichen utilitaristischen Denken widerstrebe.[20]

Anders kontextualisiert Dale Jamieson „seinen“ Utilitarismus, indem er zwar beipflichtet, dass aus ethischen Gründen Klimaschutz erforderlich sei („das Beste verwirklichen“), doch müsse dieser Grundsatz an grüne Tugenden der „Bewahrung, Rehabilitation und Erschaffung“ gebunden werden (Jamieson, 2025, S. 346–347). Denn der Mensch richte sein Handeln vor allem an Tugenden der moralischen Alltagspflichten und weniger an Prinzipien aus (vgl. auch: Pieper, 2007, S. 42–43), weshalb der Utilitarismus mit situativer Tugendethik aufzuladen sei. Darin liegt ein deontologisches Motiv, indem Prinzipien eingewoben werden, die aber nicht universalen Axiomen folgen, sondern Alltagstugenden entnommen werden (z. B. die Liebe zur Natur als Tugend der Bewahrung oder das Ansinnen zur Mäßigung als Tugend der Rehabilitation).

Solche utilitaristischen Positionen können das Fundament der BBnE durchaus in unterschiedliche Richtungen ethisch bereichern, sofern man z. B. dem Gedanken gemeinschaftlichen Natureigentums zustimmt, das dazu verpflichtet, die Nutzung der Natur als Pflicht zur nachhaltigen Bestandswahrung im Sinne eines naturbezogenen Eigentumsrechts anzuerkennen.

Julian Nida-Rümelin, Hans Jonas: Folgeverantwortung

Zuletzt folgen zwei unterschiedlich Perspektiven auf den Begriff der Folgeverantwortung.

Nach Julian Nida-Rümelin könne ein Mensch nicht vollständig für die Folgen seines Handelns verantwortlich gemacht werden, da man nicht die Zufälle kontrollieren, könne, welche „dazu führen, dass die eine und nicht die andere Handlungsfolge realisiert wird“ (Nida-Rümelin, 2011, S. 111). Eine solche Position argumentiert rationalitätstheoretisch, weshalb Nida-Rümelin einen tatsächliche Folgeverantwortung auf den überschaubaren Raum handlungswirksamer Einflüsse zurückbindet – ein Raum, in welchem das Subjekt agiert und die Folgen seines Handelns auch abschätzen kann (Nida-Rümelin, 2011, S. 25). Andererseits mache aber das kantische Prinzip zurecht darauf aufmerksam, dass niemandem seine Eigenständigkeit (Prinzip: Freiheit) strittig gemacht werden dürfe, weshalb solche negative Handlungsfolgen aus „Respekt vor der Autonomie“ prinzipiell verwerflich seien (Nida-Rümelin, 2011, S. 117). Daher müsse Personen, denen geschadet werde (egal an welchem Ort) ein Vetorecht zugestanden werden, was der Handlungsfreiheit in ihrer Absolutheit ihre Grenze setze. 

Diese Lesart steht konträr zu Vertretern des Konsequentialismus, wie etwa Max Weber, aber vor allem Hans Jonas. Letzterer betont die Moderne, in welcher das traditionelle Konzept von Ethik in Bezug auf die eigene Vervollkommnung brüchig geworden sei. Denn Empfindsamkeit spüre der Mensch nur gegenüber denjenigen Handlungsfolgen, die ihn unmittelbar beträfen, wohingegen alle unsere Mittel „gegenüber den entfernten Perspektiven“ versagten (Jonas, 1979, S. 57)[21]. Doch im technischen Zeitalter seien solche Entfernungen Makulatur, weil die Zunahme an Macht mit einer unermesslichen Zerstörungskraft einhergehe. Entsprechend trage der Mensch durchaus Verantwortung an den Folgen seines auch entfernten Tuns, was ein völlig neues Ethikverständnis des Bewahrens erforderlich mache: „Aus der Gefährdung geboren, dringt sie notwendig zuallererst auf eine Ethik der Erhaltung, der Bewahrung, der Verhütung und nicht des Fortschritts und der Vervollkommnung“ (Jonas, 1979, S. 249). Damit werde der traditionellen Ethik „eine neue, nie zuvor erträumte Dimension der Verantwortung“ aufgezwungen (Jonas, 1979, S. 26).

In der Kontrastierung beider Perspektiven liegt sicherlich eine Vielzahl weiterer ethischer Einsichten, welche nochmals andere Argumente für eine substanzielle Aufwertung der beruflichen Nachhaltigkeitsidee liefern. Im Diskurs steht gewiss die Frage nach der Verantwortung, die Unternehmen für die Folgen ihres Tuns tragen, wenn ihr Handeln die Bestandsfähigkeit ökologischer Erdsysteme negativ beeinträchtigt und damit Gerechtigkeitsprobleme verursacht. Anschlüsse an die Strukturgitter von Greb und Wicke sind denkbar.

Gerechtigkeitstheorien

Viele Aspekte der Klimaethik erschließen sich ohne philosophische Hintergrundkenntnisse oftmals nicht. Um diesem Anspruch folgen zu können, führt der Weg ethischer Anreicherungen beruflicher Nachhaltigkeit unweigerlich ins Feld der Gerechtigkeitstheorien, die wiederum weitere, z.T. rechtstheoretische, aber auch soziologische und politische Aufgüsse enthalten. Denn allein mit der Apostrophierung des Gerechtigkeitsbegriffs, wie es vielen BBnE Konzepten eigen ist, stellt sich kein moralisches Gewissen ein. Das Gegenteil kann der Fall sein. Unterbegründete Normansprüche können als moralische Zumutung empfunden werden, deren pädagogischer Aneignungsversuch Auszubildende durchaus und mit guten Gründen in ein defensives Lernverhalten drängen (Holzkamp, 1995, S. 191). Daher sind gerechtigkeitstheoretische Aufgüsse nicht zu scheuen, insbesondere dann nicht, wenn mit der Nachhaltigkeitsidee der Gedanke der Generationengerechtigkeit herausgestellt wird. Dazu nur zwei kleine Anmerkungen:

  • Zum einen ist wohl sicherlich das Gedankenexperiment von John Rawls bereicherend, dessen Schleier des Nichtwissens auf den Klimawandel zu projizieren wäre. Wenn also Auszubildende eine für sie gerechte Gesellschaft entwerfen sollen, in der ihr berufliches Handeln mit Blick auf den Klimawandel eine Rolle spielt, sie selbst aber ohne Kenntnis bleiben, welche Rolle (Person) sie innerhalb dieser Wirklichkeit einnehmen werden – wie würden sie dann wohl ihre Arbeitswelt gestalten wollen ( Rawls, 2024, S. 159–171)?
  • Zum anderen ließe sich die jüngst entworfene Gerechtigkeitstheorie von Tamara Jugov nennen, die Rawls’ Gedanken danach befragt, „wer die höherstufige Autorität zu Eingriffen besitzt und wie robust Personen vor der Macht Dritter geschützt sind“ (Jugov, 2024, S. 336). Wer hat also das Sagen im Betrieb und wie lassen sich hier überhaupt Veränderungen erwirken?[22]

Das Feld der klimaethischen und gerechtigkeitstheoretischen Positionen ist sicherlich sehr weit und kann hier nur angedeutet werden. Doch gerade ihre verschiedenen Positionen erlauben der BBnE unterschiedliche Anschlüsse, weshalb mit einem neu aufgetragenem theoretischen Fundament nicht nur dem Einholen neuer beruflicher Handlungsräume sinnstiftende Legitimation verliehen wird, sondern auch das Projekt der beruflichen Nachhaltigkeit an substanzieller Diskursfähigkeit gewinnt.

5 Das Zeitfenster schließt sich

Dass der Klimawandel die Ökosysteme nicht kippt und der Mensch alles daran setzen muss, dies zu verhindern, ist die allererste Forderung an die berufliche Erziehung.

Eine solche Forderung in Anlehnung an Adornos ‚Erziehung nach Auschwitz‘ wäre nur konsequent, folgt man den Erkenntnisse der Klima- und Umweltforschung: „Das Zeitfenster, in dem eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle gesichert werden kann, schließt sich rapide“ (IPCC, 2023b, S. 26).

Eine kritisch-konstruktive Bilanzierung der BBnE fällt vor diesem Hintergrund daher eher ernüchternd aus. Kritisch wären z.B. folgende Aspekte anzumerken:

  1. Obgleich der Schwerpunkt der BBnE von Beginn an auf der praktischen Umsetzung liegt, mangelt es an Durchsetzungskraft. Diese Feststellung ist keineswegs als Geringschätzung ihrer Leistungen zu verstehen: Angesichts einer kontinuierlichen Publikationstätigkeit ist es vielmehr gelungen, das Leitbild der Nachhaltigkeit in die Standardberufsbildposition zu integrieren. Gleichwohl führt das Fehlen eines explizit ausgewiesenen ethischen Fundaments – unabhängig von der jeweiligen inhaltlichen Ausrichtung – zu einer vergleichsweise schwachen Positionierung gegenüber der etablierten beruflichen Handlungspraxis. So können keine Nachhaltigkeitsplausibilitäten ethische Begründungen ersetzen, zumal eine solche Praxis mit moralisierender Übergriffigkeit einhergeht.
  2. Kritisch ist damit auch die Förderpolitik der Modellversuche zu bewerten, zumal theoretischen Arbeiten bislang zu wenig Platz eingeräumt wurde.
  3. Die Mehrheit der BBnE-Konzepte folgt einer vermeintlichen Lesart von Nachhaltigkeit, welche diese mit gleichwertigen bzw. gleichrangigen Handlungsdimensionen verbindet. Damit werden aber unterschiedliche Werte adressiert, was strategische Empfehlungen schwierig macht.
  4. Viele Arbeiten zur BBnE folgen in ihrem Handlungsradius konsequenterweise der Lernfeldidee und versuchen, Nachhaltigkeit innerhalb der Grenzen betrieblicher Arbeits- und Geschäftsprozesse zu kontextualisieren. Damit werden aber die Voraussetzungen und Handlungsfolgen nicht-nachhaltigen Verhaltens ausgeklammert und der Blick für Gerechtigkeitskonflikte und Verantwortungsmomente entschärft.[23]

In konstruktiver Hinsicht wäre zunächst das Kernproblem zu benennen, vor dem die BBnE steht: Legitimation. Denn die Transformation der Arbeitswelt verändert das Sinngefüge der bestehenden Handlungsroutinen, denen bislang moralische Gültigkeit zugesprochen wurde, weshalb dem Neuen eine Rechtfertigungsanforderung zufällt. Dazu stellen Peter L. Berger und Thomas Luckmann fest (Berger & Luckmann, 1997, S. 100):

„Legitimation ‚erklärt‘ die institutionale Ordnung dadurch, dass sie ihrem objektiven Sinn kognitive Gültigkeit zuschreibt. Sie rechtfertigt die institutionale Ordnung dadurch, dass sie ihren pragmatischen Imperativen die Würde des Normativen verleiht. Dass Legitimation sowohl eine kognitive als auch eine normative Seite hat, darf nicht außer acht gelassen werden. Sie ist […] keineswegs einfach eine Frage der ‚Werte‘, sondern impliziert immer auch ‚Wissen‘.“

Vor diesem Hintergrund sind folgende Maßstäbe anzulegen:

  • Aufklärung im Zeitalter des Klimawandels: Wissen ist trotz oder gerade wegen der Digitalisierung (Fake-News) über nicht-nachhaltiges Handeln von zentraler Bedeutung (vgl. Kaiser & Fuhrer, 2000). Ohne ausreichender Kenntnisse befindet sich der Mensch in Unmündigkeit, so bereits Immanuel Kant, weshalb die berufliche Bildung ihren am konkreten Arbeitsprozess orientierten Handlungsradius erweitern muss, um einen umfassenden Begriff von Verantwortung und Verpflichtung einholen zu können. Es geht um „tiefes Verstehen“ (Bürger & Henzel, 2011; auch: Holzkamp, 1995, S. 222; Beck, 2002, S. 68), um der Vielzahl an (ökologischen) Handlungsfolgen überhaupt auf die Spur kommen zu können, was wiederum dem Verständnis und damit auch der menschlichen Neugier positiv zugetragen ist (Gruschka, 2019, S. 195).[24] In berufs- und wirtschaftspädagogischer Hinsicht bedeutet es aber auch, wissenstheoretische Begründungen einzuholen, um z.B. nicht hinter den Paradigmen der kritisch-theoretischen, kritisch-rationalistischen oder auch systemtheoretischen Streitkultur zurückzufallen.[25]
  • Ethik im Zeitalter des Klimawandels: Mit dem Klimawandel erreicht die Menschheit einen völlig neuen Zustand an Moralität, zumal das historische Selbstbild des Menschen als Beherrscher der Natur zur existenziellen Gefährdung angewachsen ist. Welche Werte diesbezüglich brüchig geworden sind, welche aufrecht zu erhalten und zu verteidigen sind und welche ihre Gültigkeit verloren haben, darüber ist im Rahmen der BBnE zu diskutieren. Anderenfalls fehlt es der handlungspraktischen Ebene an Gültigkeit, weshalb (klima-) ethische (bzw. verantwortungsethische) und gerechtigkeitstheoretische Argumente das Fundament der BBnE bilden. Dies ist nicht gleichzusetzen mit Pessimismus, sondern soll die produktiven Kräfte betrieblicher Innovationsprozesse unterstützen, indem ihnen Legitimation zugesprochen wird.
  • Beziehung im Zeitalter des Klimawandels: Nachhaltigkeit kontextualisiert in vielerlei Hinsicht Überschreitungen. Dies betrifft die lokale Handlungsebene, die Frage der Generationen u.v.m. In diesem Zusammenhang gewinnt der „Fremde“ an Bedeutung, der mittelbar an den Prozessen der beruflichen Arbeit beteiligt ist, was z. B. die Produktion von Materialien, Lebensmitteln u. ä. in anderen Ländern betrifft. Deren Schicksal einzuholen und als Teil des BBnE-Konzeptes zu betrachten, gelingt aber nur bedingt über die Aneignung von Wissen und Moralität, weil der Gedanke der Emotionalität ausgeklammert bleibt. Denn Gefühle färben unsere wertenden Urteile, weshalb ihre pädagogische Vernachlässigung bei Auszubildenden durchaus Belanglosigkeit hervorrufen kann (Damasio, 2011, S. 197–198). Daher muss BBnE Beziehungsfragen Raum geben, damit Aspekte von Empathie oder Mitgefühl Handlungswirksamkeit hervorrufen kann (Stomporowski, 2023, S. 13–14).
  • Kooperation im Zeitalter des Klimawandels: Bislang ist die BBnE v.a. Ergebnis der Modellversuche, auch wenn sich hierüber weitere Aktivitäten gezeigt haben. Dennoch fehlt eine davon unabhängige Plattform, wie sie z.B. über die AG Nachhaltigkeit der DGfE jüngst installiert wurde. Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik täte gut daran, sich ähnlich aufzustellen, um die vielfältigen Aktivitäten zu einer strategischen Partnerschaft zu bündeln.

Wenn hier nun für eine kritisch-ökologische Mündigkeit plädiert wird, dann deshalb, weil sich die Menschheit in einer historischen Zäsur befindet, was den Gedanken der Nachhaltigkeit primär auf den Klimawandel konzentriert, damit die „Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ realisiert werden kann (Jonas, 1979, S. 36).

Es ist daher nicht ganz verkehrt, wenn Georg Kerschensteiner dem Beruf eine sittliche Verantwortung als notwendige Verpflichtung zuweist, weil sich mit ihm Werte innerhalb der Gesellschaft verstetigten, aus denen sich wiederum Kultur entwickle. Deshalb müsse der Berufstätige „selbst zu Trägern solcher Werte“ werden (Kerschensteiner, 1923, S. 55), die Kerschensteiner noch an den Idealen Kants festmachte. Sein Motiv ging jedoch dahin, dass er in den universalen Werten wie Sittlichkeit oder Wahrheit einen tieferliegenden Wertsinn zu erkennen meinte, der als eine Art ethisches Ordnungsprinzip das berufliche Handeln der Menschen positiv beeinflusse und so zur Vervollkommnung einer sittlich freien Persönlichkeit beitrage (Kerschensteiner, 1928, S. 83, 91). Diese gewiss sterile Figur mag man zustimmen oder nicht; richtig ist jedoch, dass berufliche Bildung Anteil an der Entwicklung von Kultur nimmt und es nicht unwichtig ist, wie sich die Berufsschule in Zeiten des Klimawandels dazu verhält und welche Werte die Berufsarbeit durchdringen. Auch wenn alles nur zu einem veränderten Meinungsklima führen sollte, wie es Dieter Birnbacher in seiner Klimaethik selbstkritisch ausdrückt (Birnbacher, 2022, S. 166), ist es kaum bestreitbar, dass ein gewandeltes Meinungsklima zwingende Voraussetzung für das Gelingen von Transformation – auch und gerade im Interesse der Unternehmen – ist. Dem wäre noch hinzuzufügen, dass es wohl richtig ist, wenn Simon Caney von „Pflichten der Begünstigten“ spricht (Caney, 2025, S. 376).

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[1] Der Begriff „Drei-Dimensionen-Modell“ wird in der Nachhaltigkeitsdebatte häufig als Sammelbezeichnung für unterschiedliche konzeptionelle Darstellungen verwendet, die auf eine Zusammenführung ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte (und z.T. weiterer Dimensionen, wie Kulturelles oder Politisches) beruhen, auch wenn diese nicht ausdrücklich als „Säulen“ bezeichnet werden (von Hauff, 2021, S. 171). In dieser Hinsicht ist hier vom „Drei-Säulen-Modell“ nur im exemplarischen Sinne die Rede.

[2] Wenn von einer „[…] condition of ecological and economic stability […]“ die Rede ist (Meadows et al., 1972, S. 24), dann nicht i.S. normativer Gleichstellung. Vielmehr bilden die ökologischen Grenzen den maßgeblichen Rahmen, innerhalb dessen ökonomische und soziale Interessen realisierbar werden, was auch in der zweiten und dritten Neuauflage betont wird (Meadows et al., 1992; Meadows et al., 2004). In der zweiten Auflage (Beyond the Limits) kommen die Verfasser angesichts der bereits überschrittenen Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit zu dem Ergebnis, dass die Menschheit in einen nicht nachhaltigen Bereich vorgedrungen sei, weshalb eine explizite Anpassung ökonomischer und sozialer Aktivitäten gefordert wird – insbesondere im Hinblick auf das Konsumniveau und Bevölkerungswachstum (Meadows et al., 1992, S. xv–xvi). In der dritten Auflage (Limits to Growth – The 30-Year Update) werden zwar positive Entwicklungen angemerkt, wie z.B. umweltfreundliche Technologien, doch zeigen sich die Verfasser besorgt, zumal der steigende Wohlstand einen größeren ökologischen Fußabdruck hinterlasse (Meadows et al., 2004, S. xiii–xiv).

[3] Es ist zu beachten, dass es sich um politische Beschlüsse handelt, die naturgemäß Kompromissdokumente ausweisen. Daher weisen sie einen geringen Grad an Kontextualisierung auf und eröffnen diverse Interpretationsspielräume (von Hauff, 2021, S. 11–12).

[4] Während Meadows et al. (1972) mithilfe einer Computersimulation die Begrenztheit der ökologischen Tragfähigkeit der Erde und die Gefahr eines Überschreitens dieser Grenzen aufzeigten, wurden mit dem Konzept der planetaren Grenzen (Rockström et al., 2009; Sakschewski et al., 2025, S. 11; van Vuuren et al., 2025, S. 910) zentrale Belastungsgrenzen des Erdsystems erstmals naturwissenschaftlich quantifiziert und ein sicherer Handlungsraum für die Menschheit definiert.

[5] Selbst bei einer Reduktion der anthropogenen Einflüsse ist in solchen Fällen keine zeitnahe Rückkehr in den ursprünglichen Systemzustand zu erwarten. Der Zusammenhang zwischen Kipppunkten und planetaren Grenzen besteht im Übrigen darin, dass planetare Grenzen so festgelegt werden können, dass sie in einem vorsorglichen Abstand zu potenziellen Kipppunkten liegen, um deren Überschreitung zu vermeiden (Lenton et al., 2008, S. 1786; Rockström et al., 2009, S. 472–475; McKay et al., 2022, S. 1–2; Sakschewski et al., 2025, S. 43–44).

[6] Klaus Dieter Mertineit, der gemeinsam mit Andreas Fischer viele Jahre an einer Weiterentwicklung der beruflichen Nachhaltigkeitsbildung gearbeitet hat, weist ihm eine zentrale Bedeutung im Übergang von der beruflichen Umweltbildung zur BBnE zu. Einen Beitrag habe nicht zuletzt auch dessen Habilitationsschrift Wege zu einer nachhaltigen beruflichen Bildung (Fischer, 1998) geleistet, in der Fischer zahlreiche Unzulänglichkeiten innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte skizziert habe, die sich vor allem auf die geringe theoretische Ausformulierung eines weitgehend politisch initiierten Programms beziehen (Mertineit, 2001). Tatsächlich hat Fischer mit seiner Publikation zentrale theoretische Bausteine ausformuliert, die in der Nachfolgezeit aufgegriffen und im Rahmen der Modellversuche zur BBnE (an denen er selbst teilhatte) weitergeführt worden sind. Dazu gehören etwa seine Ausführungen zum Retinitätsgedanken, dessen Bedeutung er damit begründet, dass der Sachverständigenrat für Umweltfragen ihn als „die entscheidende umweltethische Bestimmungsgröße“ ausgewiesen hat (Fischer, 1998, S. 54).

[7] Unklar bleiben hier allerdings machttheoretische Aspekte, die bereits bei Jürgen Habermas und seinem Konzept des herrschaftsfreien Dialogs bemängelt wurden.

[8] An dieser Stelle wird vor allem auf Karin Rebmann Bezug genommen, die gemeinsam mit Walter Tenfelde bereits Ende der 1990er-Jahre zum Thema Umweltschutz in der kaufmännischen Bildung publiziert hat und ähnlich wie Andreas Fischer den Prozess der BBnE quasi von Beginn an mitbegleitete. Dabei sieht sie es als erforderlich an, „Umweltschutz im Unternehmen in die ökonomische Sprache der Preise und Kosten zu übersetzen“, damit sich der Ort der Kommunikation ins Zentrum der Unternehmen verlagere (Rebmann et al., 2003, S. 29).

[9] Davon abgesehen finden sich in vielen Beiträgen zur BBnE Hinweise auf ethische Aspekte, die allerdings nicht näher ausgeführt werden. Dies betrifft v.a. den Begriff Werte, mit welchen moralische Implikationen angedeutet werden, indem Gesichtspunkte, wie z.B. Gerechtigkeit oder Verantwortung ausgedrückt werden, ohne hier aber nähere Angaben zu deren Bedeutung oder Einordnung zu machen (z.B. Schütt-Sayed et al., 2021, S. 204f; Reißland et al. 2021, S. 303f; Kettschau, 2014, S. 119; Reichwein, 2015, S. 211, 236).

[10]   Diesem Verständnis folgt das Konzept ‚Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit‘ von de Haan et al., in dem von „Bildung für nachhaltige und gerechte Entwicklung“ gesprochen wird (de Haan et al., 2008).

[11]   Mittlerweile erweist sich die 1,5°C Zielmarke als unrealistisch (Nature, 2025).

[12]   Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass soziales oder wirtschaftliches Handeln nebensächlich sei. Es bedeutet nur so viel, dass notwendige Priorisierungen bestehen. Hier wären noch die Ausführungen von Andreas Fischer zu berücksichtigen, der bereits 1998 im Diskurs über die Sustainability-Debatte einräumt, dass wenn „menschliches Handeln in seinen Auswirkungen auf die belebte Natur verantwortbar sein [solle], müssen komplexe Zusammenhänge ökologischer Systeme sowie ihre dynamischen Entwicklungsgesetze beachtet werden“ (Fischer, 1998, S. 53).

[13]   Auch die Tierethik wäre hinzuzufügen, wenn es z.B. um Fragen des Tierwohls und den Auswirkungen der Intensivtierhaltung auf den Klimawandel geht.

[14]   „Handle so, daß die Wirkung deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“; oder negativ ausgedrückt: „Handle so, daß die Wirkung deiner Handlungen nicht zerstörerische sind für die künftige Möglichkeiten solchen Lebens“ (Jonas, 1979, S. 36).

[15]   Im Folgenden wird der Begriff Klimaethik synonym zu vergleichbaren Positionen wie der Umwelt-, Nachhaltigkeits- oder Naturethik verwendet.

[17]   Seine Argumentation ist zugegebenermaßen dünn, da er nur wenige Argumente den unterschiedlichen Prinzipien zuordnet. Hinzu kommt, dass Sinnott-Armstrong fortlaufend auf individuelles Handeln rekurriert, wodurch kollektives Verhalten ausgeklammert bleibt, was er damit begründet, dass „sich individuelle moralische Verpflichtungen nicht immer aus kollektiven moralischen Verpflichtungen“ ergäben (Sinnott-Armstrong, 2025, S. 259).

[18]   Er begründet dies damit, dass sich dieser dazu eigne, „aus einer eher bescheidenen Interpretation des Argumentationsraums der Umweltethik eine normativ gehaltvolle Plattform zu gewinnen, die eine konzeptionelle Brücke zwischen Umweltethik und -politik bilden kann“ (Ott, 2021, S. 166).

[19]   An dieser Stelle muss betont werden, dass vereinfachende Darstellungen von starker, schwacher und pragmatischer Nachhaltigkeit i.d.R. zu kurz greifen und den jeweiligen ethischen Ansätzen nicht gerecht werden. Dies trifft v.a. auf die Darstellung von Michael von Hauff zu, der in beängstigender Form das ethische Konstrukt hinter bestimmten Nachhaltigkeitsansätzen unzulässig auf Schlagworte reduziert (vgl. von Hauff, 2021, S. 65–66).

[20]   Dem Utilitarismus liegt das Glücksprinzip zugrunde, das „als die Quelle verstanden [werde], aus der alle anderen moralischen Werte“ gewonnen wird (Gesang, 2025, S. 75). Allerdings ist damit nicht das Glück einzelner gemeint, sondern immer das Glück aller.

[21]   Vgl. auch Stomporowski, 2023, S. 13–14

[22]   Dies wiederum führt zur Klimaethik von Dieter Birnbacher, der nach der Haupt- und Mitverantwortung in Zuständen unterschiedlicher Machtverhältnisse fragt. Eine nochmals andere, aber zugegeben spannende Spur, welche die individuelle Verantwortung an der Überlappung von Intentionen festmacht – also „wenn sich die Individuen an gemeinsamen kollektiven Zwecken orientieren“ (Birnbacher, 2022, S. 164).

[23]   Mit einer solchen Perspektiverweiterung meint zwar Klaus Beck ein Loyalitätskonflikt der Auszubildenden zu ihren Ausbildungsbetrieben zu entdecken (Beck, 2019, S. 5), was aber hieße, den Berufsschulen ihre Aufgabe nicht am Bildungsauftrag zu hinterlegen, sondern an den Wirklichkeiten und Bedarfen der Betriebe.

[24]   Dem ließe sich aus wissenssoziologischer Sicht hinzufügen, dass Wissen in der Funktion anbahnender Sinnstiftung und ausprägender (Berufs-)Identitätsbildung steht (Knoblauch, 2014, S. 353).

[25]   Beispiele für eine produktive Auseinandersetzung finden sich eher in der berufs- und wirtschaftspädagogischen Vergangenheit, wie z.B. in der Sonderausgabe der ZBW aus dem Jahr 1980, in welcher bildungstheoretische, systemtheoretische, handlungstheoretische u.a. Denktraditionen über das fachdisziplinäre Grundverständnis der Berufs- und Wirtschaftspädagogik lebhaft diskutierten (ZBW 1980).

Zwischen Green Skills und Good Work: Soziale Gerechtigkeit als blinder Fleck der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung

1 Einleitung: Nachhaltigkeit als Leitbegriff beruflicher Bildung

Nachhaltigkeit hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem zentralen Bezugspunkt bildungspolitischer Reformdiskurse entwickelt. Im Kontext der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) wird Nachhaltigkeit zunehmend als Querschnittsaufgabe verstanden, die ökologische Transformation, wirtschaftliche Innovationsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden soll (Loy, 2018, S. 69). Internationale Programme wie die UN-Agenda 2030 oder die UNESCO-Initiativen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung betonen dabei die Schlüsselrolle von Bildungssystemen bei der Gestaltung nachhaltiger Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen (UNESCO, 2017, S. 23).

In der wissenschaftlichen Diskussion wird Nachhaltigkeit häufig über das Drei-Säulen-Modell aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Dimension beschrieben (Elkington, 1997, S. 69; Purvis et al., 2019, S. 683). Während ökologische Nachhaltigkeit mittlerweile relativ klar operationalisiert wird, z. B. über Emissionsziele oder Ressourceneffizienz, bleibt die soziale Dimension des Nachhaltigkeitsbegriffs deutlich diffuser. Für sie existieren bislang keine allgemein akzeptierenten Erfassungsgrößen, was vor allem auf der begrifflichen Offenheit zurückzuführen ist. Gerade diese Unschärfe hat erhebliche Auswirkungen für bildungspolitische Programme. In vielen Initiativen zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung liegt der Schwerpunkt auf der Vermittlung sogenannter Green Skills, also technischer und organisatorischer Kompetenzen für eine klimafreundliche Wirtschaft (CEDEFOP, 2012, S. 17–18). Fragen sozialer Teilhabe, Arbeitsqualität oder demokratischer Mitgestaltung werden hingegen deutlich seltener systematisch adressiert (Wolff & Ehrström, 2020, S. 1). Ein erheblicher Teil der Sustainable Development Goals adressiert soziale Fragen wie Bildung, Gesundheit, Gleichstellung, menschenwürdige Arbeit, Armutsbekämpfung und Ungleichheit. Dies unterstreicht, dass soziale Nachhaltigkeit nicht als nachrangige Ergänzung ökologischer Nachhaltigkeit verstanden werden sollte.

Dies verweist auf ein grundlegendes Problem des Nachhaltigkeitsdiskurses. Wenn soziale Nachhaltigkeit primär als normative Ergänzung erscheint, entsteht die Gefahr einer symbolischen Integration sozialer Ziele (Utting, 2008, S. 967; Fooks et al., 2013, S. 290; Berliner & Prakash, 2015, S. 115).

Vor diesem Hintergrund verfolgt der Beitrag zwei Ziele. Erstens wird die soziale Dimension von Nachhaltigkeit theoretisch präzisiert. Zweitens wird im Rahmen einer qualitativen, konzeptionell-synthetisierenden Literaturauswertung untersucht, in welchem Maße soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs tatsächlich berücksichtigt wird.

Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: In welchem Maße wird soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs konzeptionell integriert, und welche systematischen Defizite lassen sich identifizieren?

2 Soziale Nachhaltigkeit zwischen Normativität und begrifflicher Unschärfe

Obwohl soziale Nachhaltigkeit seit den 1990er-Jahren Bestandteil des Nachhaltigkeitsdiskurses ist, bleibt ihre konzeptionelle Bestimmung bis heute umstritten.

Anders als ökologische Nachhaltigkeit, die häufig anhand quantifizierbarer Indikatoren operationalisiert wird, umfasst soziale Nachhaltigkeit ein breites Spektrum normativer Ziele. Dillard und Kollegen stellten fest, dass soziale Nachhaltigkeit häufig lediglich als Gerechtigkeit verstanden wird, ohne zu klären, was dafür notwendig wäre oder ob Gerechtigkeit allein ausreicht (Dillard et al., 2009, S. 3).

Littig und Griessler definieren soziale Nachhaltigkeit als jene gesellschaftlichen Bedingungen, die langfristig soziale Integration, Lebensqualität und Gerechtigkeit ermöglichen (Littig & Griessler, 2005, S. 72). In ähnlicher Weise argumentieren Dempsey et al., dass soziale Nachhaltigkeit Aspekte wie soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Kohäsion und demokratische Teilhabe umfasst (Dempsey et al., 2011, S. 292).

Ein noch breiteres Spektrum von sozialer Nachhaltigkeit zeigen Wolff und Ehrström auf. Sie beschreiben es als Wohlbefinden der Menschen, Gerechtigkeit, demokratische Regierungen, aktive Zivilgesellschaft, ergänzt um kulturelle Vielfalt, Geschlechtergerechtigkeit, individuelle Fähigkeiten und Lebensqualität. Eine sozial nachhaltige Gesellschaft ist demnach eine gerechte und inklusive Gesellschaft, in der alle Menschen ein würdiges Leben in Freiheit führen können, sowie strukturelle Hindernisse für Gesundheit, politische Teilhabe oder Bildung abgebaut werden (Wolff & Ehrström, 2020, S. 3).

Soziale Nachhaltigkeit ist also ein schwer zu definierendes und unscharfes Konzept. Zusätzlich wird die begriffliche Abgrenzung erschwert, dass verschiedene Disziplinen unterschiedliche Definitionen verwenden (Boyer et al., 2016, S. 1). Auch methodisch bestehen Unterschiede: Während ökologische Themen oft quantitativ und positivistisch untersucht werden, werden soziale Fragen eher qualitativ und konstruktivistisch analysiert. (Wolff & Ehrström, 2020, S. 3)

Boström weist darauf hin, dass soziale Nachhaltigkeit häufig als „missing pillar“ des Nachhaltigkeitsdiskurses erscheint, dessen konkrete Bedeutung in politischen Programmen selten präzisiert wird (Boström, 2012, S. 5). Vallance, Perkins und Dixon argumentieren deshalb, dass soziale Nachhaltigkeit weniger ein klar umrissenes Konzept als vielmehr ein Sammelbegriff für unterschiedliche normative Zielsetzungen darstellt (Vallance et al., 2011, S. 343).

Diese begriffliche Offenheit hat ambivalente Folgen. Einerseits ermöglicht sie eine breite politische Anschlussfähigkeit. Andererseits eröffnet sie Spielräume für symbolische Politik. In der Governance-Forschung wird daher darauf hingewiesen, dass Organisationen soziale Nachhaltigkeit teilweise als Legitimationsressource nutzen, ohne substanzielle Veränderungen umzusetzen (Banerjee, 2007, S. 65; Blowfield & Frynas, 2005, S. 503).

In diesem Zusammenhang wird der Begriff Bluewashing verwendet. Er bezeichnet eine strategische Form der Imagepflege von Unternehmen oder Organisationen, bei der sie sich öffentlich mit sozialen oder menschenrechtlichen Normen der UN verbinden, ohne diese Prinzipien tatsächlich in ihrem Handeln umzusetzen. Analog zum bekannten Konzept des Greenwashing beschreibt Bluewashing Situationen, in denen Organisationen soziale Verantwortung rhetorisch betonen, ohne entsprechende strukturelle Maßnahmen umzusetzen (Berliner & Prakash, 2015, S. 116).

Gerade im Kontext der BBNE stellt sich daher die Frage, ob soziale Nachhaltigkeit tatsächlich ein integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsagenda ist, oder ob sie häufig nur eine normative Ergänzung ökologischer Programme darstellt. Verstärkt wird das Problem, da die konkrete Erfassung der Umsetzung von BBNE noch fehlt. Zwar sind erste Indikatorensets entwickelt worden, um den Umsetzungsstand zu erfassen und gegebenenfalls Veränderungen anstoßen zu können (Hilse et al., 2022, S. 31–35). Ein umfassendes Monitoring über alle Akteure hinweg und über die praktische Verwirklichung der BBNE fehlt jedoch.

Die nachfolgende Abbildung verdichtet diese Überlegungen zu einer analytischen Heuristik. Sie zeigt, dass soziale Nachhaltigkeit im Kontext der BBNE auf mehreren Ebenen symbolisch verkürzt werden kann: auf der Ebene programmatischer Leitbilder, wenn soziale Ziele zwar genannt, aber nicht konkretisiert werden; auf der Ebene curricularer Umsetzung, wenn soziale Fragen hinter ökologisch-technischen Kompetenzanforderungen zurücktreten; und auf der Ebene institutioneller Praxis, wenn Teilhabe, Arbeitsqualität und soziale Sicherheit nicht systematisch überprüft werden. Bluewashing wird in diesem Beitrag daher nicht als empirisch nachgewiesene Täuschungsabsicht einzelner Akteure verstanden, sondern als analytischer Hinweis auf die Gefahr einer rhetorischen Integration sozialer Nachhaltigkeit ohne ausreichende konzeptionelle, curriculare und institutionelle Verankerung.

Abbildung 1: Bluewashing in der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (eigene Darstellung)Abbildung 1: Bluewashing in der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (eigene Darstellung)

Für die weitere Analyse dient Abbildung 1 als Bezugsrahmen. Sie macht deutlich, dass soziale Nachhaltigkeit nicht bereits dann als integriert gelten kann, wenn sie in programmatischen Dokumenten erwähnt wird. Entscheidend ist vielmehr, ob sie begrifflich bestimmt, theoretisch begründet, curricular operationalisiert und empirisch überprüft wird. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für die nachfolgende Literaturauswertung.

3 Theoretischer Rahmen: Capability Approach und Just Transition

Zur theoretischen Fundierung des Beitrags werden zwei Perspektiven kombiniert: der Capability Approach sowie das Konzept der Just Transition.

Der von Amartya Sen entwickelte Capability Approach versteht Entwicklung nicht primär als wirtschaftliches Wachstum, sondern als Erweiterung individueller Handlungsmöglichkeiten (Sen, 1999). Bildung spielt in diesem Ansatz eine zentrale Rolle, da sie Menschen befähigt, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten. Martha Nussbaum konkretisiert diesen Ansatz durch eine Liste zentraler Fähigkeiten, die für ein würdiges Leben notwendig sind, darunter politische Teilhabe, soziale Beziehungen und Kontrolle über die eigene Arbeitsumgebung (Nussbaum, 2009, S. 211–215). Übertragen auf die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet dies, dass Bildung nicht nur technische Kompetenzen vermitteln sollte, sondern auch Fähigkeiten zur demokratischen Mitgestaltung von Arbeitsprozessen.

Ergänzend dazu hat sich im Kontext ökologischer Transformationsprozesse das Konzept der Just Transition etabliert. Es entstand ursprünglich in gewerkschaftlichen Debatten über den Strukturwandel in energieintensiven Industrien und betont, dass ökologische Transformationen sozial gerecht gestaltet werden müssen (Newell & Mulvaney, 2013, S. 133).

Die Internationale Arbeitsorganisation definiert eine Just Transition als politischen Ansatz, der ökologische Nachhaltigkeit mit menschenwürdiger Arbeit, sozialem Schutz und sozialem Dialog verbindet (ILO, 2015, S. 4–6). Damit verschiebt sich der Fokus von rein technologischen Lösungen hin zu institutionellen Fragen der Arbeitsorganisation und sozialer Sicherheit.

Die beiden Ansätze können wichtige theoretische und praktische Bausteine zur Stärkung sozialer Nachhaltigkeit leisten, da beide Ansätze den Menschen, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe in den Mittelpunkt von Transformationsprozessen stellen. Während der Capability Approach eine normative Grundlage für soziale Nachhaltigkeit liefert, indem er menschliche Entwicklung und Teilhabe in den Mittelpunkt stellt, übersetzt Just Transition diese Prinzipien in konkrete politische Strategien für einen sozial gerechten Strukturwandel. Gemeinsam können beide Ansätze dazu beitragen, ökologische Transformation mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden. Für die BBNE ergibt sich daraus eine zentrale Implikation: Nachhaltige Transformation erfordert nicht nur technische Kompetenzen, sondern auch Bildungsprozesse, die soziale Teilhabe und demokratische Mitgestaltung ermöglichen.

4 Methodik: Systematisierte Literaturauswahl und konzeptionell-synthetisierende Auswertung

4.1 Forschungsdesign und Literaturauswahl in Anlehnung an das PRISMA-Schema

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine qualitative, konzeptionell-synthetisierende Literaturauswertung mit systematisierter Literaturauswahl durchgeführt.Die Auswahl der Literatur erfolgte nach drei Kriterien:

  • Thematische Relevanz für soziale Nachhaltigkeit oder Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung
  • Konzeptioneller Beitrag zur theoretischen Fundierung des Nachhaltigkeitsdiskurses
  • Wissenschaftliche Rezeption (häufig zitierte Beiträge)

Die Literaturauswahl erfolgte nach einem vereinfachten, an den PRISMA-Leitlinien orientierten Verfahren zur transparenten Dokumentation von Such- und Auswahlprozessen in Literaturstudien (Moher et al., 2009, S. 264). Ziel war es, zentrale wissenschaftliche Beiträge im internationalen Kontext zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit sowie zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung systematisch zu identifizieren.

Die Recherche wurde in den Datenbanken Google Scholar, Scopus und Web of Science sowie mit Elicit.com (AI Research Assistant) durchgeführt. Ergänzend wurden einschlägige Monographien sowie politikrelevante Berichte internationaler Organisationen berücksichtigt. Als Suchbegriffe wurden Kombinationen der folgenden Keywords verwendet: social sustainability, vocational education sustainability, green skills vocational education sowie just transition education.

Insgesamt konnten im ersten Schritt 264 potenziell relevante Veröffentlichungen identifiziert werden. Nach der Entfernung von 56 Duplikaten verblieben 208 Beiträge, deren Titel und Abstracts im Rahmen eines ersten Screenings auf thematische Relevanz geprüft wurden. In diesem Schritt wurden Arbeiten ausgeschlossen, die keinen Bezug zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung oder zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit aufwiesen.

Im anschließenden Volltextscreening wurden weitere 168 Beiträge ausgeschlossen, insbesondere wenn sie sich mit technologischen Aspekten, vor allem ökologischer Nachhaltigkeit befassten oder keinen konzeptionellen Beitrag zur Fragestellung des Artikels leisteten.

Die finale Stichprobe umfasste 40 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Die Auswertung der Literatur erfolgte nicht im Sinne einer quantitativen Meta-Analyse und auch nicht als qualitative Inhaltsanalyse mit formalem Codierschema. Vielmehr handelt es sich um eine qualitative, konzeptionell-synthetisierende Literaturauswertung. Ziel war es, zentrale Begriffsverwendungen, theoretische Bezugnahmen und wiederkehrende Argumentationslinien im BBNE-Diskurs herauszuarbeiten. Die ausgewählten Beiträge wurden entlang theoriegeleiteter Leitfragen gelesen: Wie wird soziale Nachhaltigkeit verstanden? Welche theoretischen Konzepte werden zu ihrer Begründung herangezogen? In welcher Weise werden soziale Aspekte wie Teilhabe, Chancengleichheit, Arbeitsqualität oder demokratische Mitgestaltung im BBNE-Diskurs aufgegriffen? Welche Leerstellen benennen die Beiträge hinsichtlich Umsetzung, Operationalisierung und empirischer Forschung?

Diese Leitfragen dienten nicht als starres Kategoriensystem, sondern als heuristischer Rahmen zur Ordnung der Literaturbefunde. Die Auswertung folgt damit einem interpretativen Vorgehen, das auf die Rekonstruktion zentraler Diskurslinien und konzeptioneller Leerstellen zielt. Die Literaturmatrix verdichtet die einbezogenen Beiträge entsprechend ihrer theoretischen und thematischen Relevanz für die Forschungsfrage.

4.2 Literaturmatrix

Die tabellarische Literaturmatrix ist nach Erscheinungsjahr sortiert und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient der Darstellung zentraler konzeptioneller Ansätze der analysierten Literatur. Die Matrix ist damit nicht als Codiertabelle zu verstehen, sondern als verdichtende Übersicht über zentrale Beiträge, die für die konzeptionelle Argumentation des Beitrags besonders relevant sind.

Tabelle 1: Literaturmatrix zur sozialen Nachhaltigkeit

Autor

Fokus

zentrale Aussage

Relevanz

Elkington 1997

Triple Bottom Line

ökologisch–sozial–ökonomisch

Grundlagen

Sen 1999

Capability Approach

Entwicklung als Frei­heit

Theorie

Blowfield & Frynas 2005

CSR

symbolische Nachhal­tigkeitspolitik

Kritik

Littig & Griessler 2005

soziale Nachhaltigkeit

Lebensqualität und so­ziale Integration

Definition

Banerjee 2007

CSR Kritik

Nachhaltigkeit als Machtinstrument

Kritik

Walker & Unterhalter 2007

Bildungsgerechtigkeit

Bildung erweitert Handlungsspielräume

Bildung

Utting 2008

Bluewashing

CSR-Legitimation

Kritik

Colantonio 2009

soziale Nachhaltigkeit

Verbindung von For­schung und Politik

Indikatoren

Nussbaum 2009

Capabilities

Bildung als Voraussetzung von Teilhabe

Theorie

Gillen et al. 2010

Soziale Nachhaltigkeit

Bildung um sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken

Politik

Brockmann et al. 2011

Berufsbildung Europa

Qualifikationen und Arbeitsmarkt

Kontext

Dempsey et al. 2011

soziale Dimension

soziale Gerechtigkeit als Kern

Indikatoren

Standing 2011

Prekariat

prekäre Arbeit in Trans­formationsprozessen

Arbeit

Sterling 2011

transformative Bildung

Bildung als Transformationsprozess

Bildung

Vallance et al. 2011

Typologie

normative vs. praktische Nachhaltigkeit

Konzept

Boström 2012

Kritik Nachhaltigkeit

soziale Dimension unterentwickelt

Theorie

CEDEFOP 2012

Green Skills

ökologische Kompetenzen im Fokus

BBNE

Murphy 2012

Nachhaltigkeit

soziale Dimension als normative Basis

Theorie

Fooks et al. 2013

CSR Grenzen

symbolische Nach­haltigkeitsstrategien

Kritik

Newell & Mulvaney 2013

Just Transition

sozial gerechter Strukturwandel

Transformation

Pavlova 2013

Nachhaltige Berufsbildung

Integration in Curricula

Bildung

ILO 2015

Just Transition

menschenwürdige Arbeit

Arbeit

McGrath & Powell (2016)

Just Transition

Nachhaltigkeitsdimen­sionen sind untrennbar

Konzept

Healy & Barry 2017

Energie-Gerechtigkeit

soziale Dimension der Energiewende

Transformation

UNESCO 2017

BNE Strategie

Bildung als Schlüssel zur Nachhaltigkeit

Politik

Loy 2018

BBNE Programme

Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe

Politik

Cedefop 2019

Just transition

Arbeitsmarktauswirkung von grüner Transformation

Transformation

Purvis et al. 2019

Nachhaltigkeitsmodell

historische Entwicklung der drei Säulen

Konzept

Bray et al.,

2022

Just transition

soziale Dimension des Klimaschutzes

Transformation

Joncas

et al., 2022

Soziale Gerechtigkeit und Bildungschancen

Ausbildungsstrategien zur sozialen Integration und Gerechtigkeit

Erfolgsindika­toren

Monikha &

Umbara et al.,

2023

Soziale Nachhaltigkeit

Bildung ist zentral um Nachhaltigkeitsherausforderungen zu begegnen

Kritische Aspekte von Nachhaltig­keits­bildung

Persson

Thunqvist et al., 2023

soziale Gerechtigkeit und menschenzentrierte Perspektive

Bildung als Mittel zur Transformation

Bildung

Spours & Grainger 2023

Just Transition

Wie kann soziale Nach­haltigkeit erfolgreich verankert werden

Konzept

Baum et al. 2024

Nachhaltigkeit

Betriebliche Umsetzung

Bildung

Balleta et al, 2025

Capabilities-based soziale Gerechtigkeit

Fokus auf soziale Nachhaltigkeit richten

Theorie

Glavič et

al., 2025

CSR

Curriculumsentwicklung

Konzept

Howse

et al., 2025

Just transition

Zentrale Aspekte der Nachhaltigkeitsbildung

Kritische Aspekte von Nachhaltig­keitsbildung und Just Transition

Konstantinović et al. 2025

Just transition

Maßnahmen zur erfolg­reichen Umsetzung

Konzept

Moso-Díez et al. 2025

Inklusive Nachhaltigkeit

Wissenschaft und Praxis enger verzahnen

Theorie

Deif et

al., 2026

Soziale Nachhaltigkeit, empowerment

Aufzeigen notwendiger Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeitsbildung

Bildung

Quelle: Eigene Darstellung

5 Analyse der Literatur: Soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs

Die Auswertung der Literatur zeigt zunächst, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs zwar regelmäßig aufgegriffen wird, jedoch häufig nur indirekt, implizit oder fragmentiert behandelt wird. Während einzelne Studien eine weitreichende Integration sozialer Nachhaltigkeit in Bildungs- und Transformationsprozesse diskutieren, thematisiert die Mehrzahl der Beiträge soziale Nachhaltigkeit eher partiell oder über angrenzende Begriffe wie Chancengleichheit, Inklusion, Teilhabe oder menschenwürdige Arbeit. Hervorzuheben ist, dass viele Studien keine explizite Definition sozialer Nachhaltigkeit entwickeln, sondern ein implizites Verständnis über operative Dimensionen vermitteln.

Konzeptionell wird soziale Nachhaltigkeit durch mehrere Ansätze behandelt, darunter Just Transition, Bildung für nachhaltige Entwicklung, der Capability Approach sowie Gerechtigkeitstheorien.Das Just-Transition-Konzept erweist sich als ein zentrales konzeptionelles Modell, das soziale Nachhaltigkeit ausdrücklich mit ökologischen Zielen verbindet. Spours & Grainger (2023) verstehen Just Transition als die Verbindung der Transformation hin zu Netto-Null-Emissionen mit Klimagerechtigkeit, indem historische Ungerechtigkeiten im Zusammenhang mit dem Klimawandel adressiert und gleichzeitig alltägliche Lebensweisen verändert werden. Dieser Ansatz basiert auf einem sozialökologischen Modell, das lokale Zusammenarbeit, zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf mittlerer Ebene sowie nachhaltige Lebensweisen betont. Ähnlich entwickeln Konstantinović et al. soziale Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Just Transition und heben dabei insbesondere Fairness, Inklusivität, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenrechte hervor. Systematische Lücken zeigen sich in mehreren Bereichen: Fehlende oder unklare konzeptionelle Definitionen, mangelnde theoretische Fundierung und unzureichende praktische Umsetzung. Diese Lücken zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen: auf der Mikroebene individueller Lern- und Beteiligungschancen, auf der Mesoebene institutioneller Umsetzung sowie auf der Makroebene bildungspolitischer und arbeitsmarktbezogener Rahmenbedingungen.

Studien beschreiben das Feld daher als „multidimensional and complex field of analysis, often addressed in fragmented ways rather than through comprehensive perspectives” (Moso-Díez, 2025, S. 339).

Aus der Literaturauswertung ergibt sich als wiederkehrender Befund eine mangelnde konzeptionelle Klarheit darüber, was soziale Nachhaltigkeit im Kontext der BBNE genau umfasst. Die eigene Einordnung dieses Beitrags lautet, dass gerade diese begriffliche Offenheit eine systematische curriculare und empirische Operationalisierung erschwert. Ein zweiter zentraler Mangel liegt im Fehlen geeigneter theoretischer Rahmenwerke. McGrath betont die Notwendigkeit, „über neoliberale Orthodoxien hinauszugehen“ (McGrath, 2023, S. 128), und argumentiert, dass die vorherrschenden Modelle der beruflichen Bildung nicht immer zu nachhaltigen Praktiken beitragen. Spours & Grainger (2023) weisen auf theoretische Grenzen innerhalb der Just-Transition-Ansätze hin, weil dies die Veränderungen von Arbeitsbeziehungen nur unvollständig berücksichtigen. Vielmehr sind umfassendere Konzepte erforderlich, die soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeitsökonomie stärker integrieren. In ähnlicher Weise fordert McGrath (2023) mehr Forschung zu Standards menschenwürdiger Arbeit. In mehreren Beiträgen wird ein Mangel an ganzheitlichen Analyseansätzen sichtbar. Aus Sicht dieses Beitrags erklärt dies, weshalb soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs häufig nicht als eigenständige analytische Dimension erscheint, sondern in breitere Nachhaltigkeits- oder Gerechtigkeitsdiskurse eingebettet bleibt.Hinsichtlich der begrifflichen Abgrenzungen stehen im Zentrum der Analysen vor allem die Kriterien „Soziale Gerechtigkeit“ und „Chancengleichheit“, ebenso werden als Dimension von sozialer Nachhaltigkeit in den Studien „Inklusion“ und „Zugänglichkeit“ definiert. Die Studien betrachten dabei soziale Gleichheit als den Abbau struktureller Benachteiligungen sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile technologischer Veränderungen. Mit Blick auf Inklusion und Zugänglichkeit werden vor allem die Integration von Jugendlichen mit besonderen Unterstützungsbedarfen, die Bildung von Sozialkapital, basisdemokratische Beteiligung sowie die Teilhabe systematisch benachteiligter Gruppen hervorgehoben.. Dagegen findet kulturelle Vielfalt nur geringe Beachtung. Dies verwundert auch nicht, da kulturelle Nachhaltigkeit z. T. als vierte Säule definiert wird (Bonde & Fuhrmann, 2021, S. 19).

Typische Beispiele für Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung finden sich in unzureichender Lehrkräftequalifizierung, da Lehrpersonen nicht adäquat darauf vorbereitet sind, Nachhaltigkeitskompetenzen zu vermitteln, sowie eine nicht flächendeckende praktische Umsetzung, die häufig auf individuellen Initiativen oder Projekten statt auf ganzheitlicher Umsetzung beruht. Hinzu kommen begrenzte empirische Forschungen, die überwiegend deskriptiv angelegt ist (Moso-Diez, 2025, S. 345). Weitere Hindernisse können aus bildungspolitischen Rahmenbedingungen entstehen oder durch wirtschaftliche Prioritäten, die pädagogische Ansätze verengen. Der Erfolg der Integration hängt wie so oft stark vom institutionellen Kontext ab. Programme mit expliziten Nachhaltigkeitsmandaten erreichen tendenziell eine umfassendere Integration als ohne ihre Verankerung. Zudem zeigt sich, dass soziale Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung meist weniger Aufmerksamkeit erhält als ökologische Nachhaltigkeit.

Seit 2021 sind in Deutschland die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in den Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen gleichrangig aufgenommen, jedoch konzentrieren sich auch hier in der Berufsbildung viele Programme auf technische Kompetenzen zur Förderung einer ressourceneffizienten Wirtschaft (Holst, 2022, S. 6).

Diese Fokussierung spiegelt sich auch jenseits des deutschen Kontexts insbesondere im Konzept der Green Skills wider, das Kompetenzen zur Umsetzung ökologischer Innovationen beschreibt (CEDEFOP, 2012, S. 18). Während diese Perspektive wichtige Beiträge zur ökologischen Transformation leisten kann, bleibt die soziale Dimension häufig unterbelichtet. So kritisieren McGrath & Powell (2016), dass das Konzept der „Green Skills“ in politischen Strategien nicht umfassend genug gefasst ist. Sie plädieren für einen stärker ganzheitlichen Ansatz, der zur Überwindung von Armut, sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit beiträgt und gleichzeitig gesunde Arbeitsbedingungen, Teilhabe sowie Empowerment fördert. Auch Baum et al. kommen anhand von quantitativen Betriebsdaten und qualitativen Interviews zu dem Ergebnis, dass in betrieblichen Prozessen die soziale Nachhaltigkeit größtenteils unbeachtet bleibt (Baum et al., 2024, S. 576). Mehrere Studien weisen darauf hin, dass nachhaltige Transformationen nicht nur technologische Innovationen, sondern auch Veränderungen in Arbeitsorganisationen, Qualifikationsstrukturen und institutionellen Arrangements erfordern (Brockmann et al., 2011, S. 4).

Unzureichende empirische Forschung stellt eine dritte Lücke dar. So sind bestehende Studien entweder nicht repräsentativ oder konzentrierten sich ausschließlich auf ökologische Nachhaltigkeit. Konstantinović et al. (2025) stellen fest, dass im Bereich der Bildung für eine Just Transition bislang nur wenige Forschungsarbeiten vorliegen. Auch weitere Studien weisen auf Forschungslücken hin. Gillen et al. (2010) deuten Forschungslücken aus der Perspektive der Beschäftigten an. McGrath (2023) argumentiert, dass gegenwärtige Methoden möglicherweise nicht geeignet sind, Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit angemessen zu messen.

Zusammenfassend lässt sich aus der Literaturauswertung festhalten, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs zwar präsent ist, jedoch häufig implizit, uneinheitlich oder additiv behandelt wird. Einschränkend ist jedoch zu berücksichtigen, dass einzelne Beiträge zu einer anderen Gewichtung gelangen. So betonen Moso-Díez et al. eine Fragmentierung der Analysegegenstände über die drei Nachhaltigkeitsdimensionen hinweg und vertreten die Auffassung, dass soziale und wirtschaftliche Aspekte teilweise stärker hervortreten als ökologische Aspekte (Moso-Díez et al., 2025, S. 339). Die weiterführende Interpretation dieses Beitrags lautet dennoch, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs häufig nicht als eigenständige analytische Dimension ausgearbeitet wird, sondern als normative Ergänzung ökologischer Transformationsprogramme erscheint.

6 Diskussion: Perspektiven einer sozial integrierten Berufsbildung

Während das vorherige Kapitel die Befunde der Literaturauswertung entlang zentraler Diskurslinien zusammengeführt hat, nimmt die Diskussion nun eine eigene theoretische Einordnung dieser Befunde vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Konsequenzen sich aus der fragmentierten Behandlung sozialer Nachhaltigkeit für die Weiterentwicklung der BBNE ergeben.

Die Ergebnisse der Literaturanalyse machen strukturelle Asymmetrien im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung sichtbar. Während ökologische Aspekte der Transformation, insbesondere im Zusammenhang mit Klimaschutz, Energieeffizienz und Ressourcenschonung, intensiv diskutiert werden, bleibt die soziale Dimension der Nachhaltigkeit in vielen Beiträgen vergleichsweise unterentwickelt. Diese Schwerpunktsetzung erscheint jedoch keineswegs zufällig, sondern reflektiert eine breitere Dynamik innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses. In vielen politischen und wissenschaftlichen Debatten wird ökologische Modernisierung eng mit technologischen Innovationen und wirtschaftlichen Transformationsstrategien verknüpft. Fragen sozialer Gerechtigkeit treten in diesem Zusammenhang häufig in den Hintergrund und erscheinen eher als nachrangige Ergänzung ökologischer Transformationsprozesse.

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist diese Entwicklung problematisch. Nachhaltige Transformationen beschränken sich nicht auf technologische Innovationen, sondern beinhalten tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Strukturwandel wirkt sich unmittelbar auf Arbeitsmärkte, Qualifikationsanforderungen und institutionelle Arrangements aus. Werden diese sozialen Dimensionen in Bildungsprogrammen nicht ausreichend berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit primär als technokratisches Projekt wahrgenommen wird, dessen gesellschaftliche Folgen nur unzureichend reflektiert werden.

Die Analyse weist darüber hinaus auf eine Leerstelle im Diskurs hin: Einschränkungen bei Bewertung und Evaluation werden in den betrachteten Studien nur selten explizit thematisiert. Dieses Defizit erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Wirkungen nachhaltigkeitsbezogener Bildungsprogramme.

Die Analyse legt nahe, dass ein zentraler Grund für diese Entwicklung in der konzeptionellen Unschärfe sozialer Nachhaltigkeit liegt. Während ökologische Nachhaltigkeit vergleichsweise klar operationalisiert werden kann, etwa über messbare Indikatoren wie Emissionsreduktionen oder Ressourceneffizienz, bleibt die soziale Dimension häufig normativ und abstrakt. Es besteht keine allgemein akzeptierte Definition darüber, welche Aspekte soziale Nachhaltigkeit abschließend umfasst. Begriffe wie soziale Gerechtigkeit oder gesellschaftliche Teilhabe bleiben, ohne präzise konzeptionelle Abgrenzung inhaltsleer und sind nur schwer empirisch erfassbar. Zudem sind strukturelle Hindernisse für Gesundheit, politische Partizipation oder Bildung stark kontextabhängig und lassen sich nicht universell bestimmen. Die Konkretisierung sozialer Nachhaltigkeit setzt daher einen breiten gesellschaftlichen Diskurs voraus, der auf vielen politischen und institutionellen Ebenen geführt werden muss. Diese begriffliche Offenheit erleichtert zwar politische Konsensbildung, erschwert jedoch zugleich die systematische Integration sozialer Ziele in konkrete Programme der Berufsbildung.

Bei der praktischen Umsetzung zeigt sich die Herausforderung, erfolgreiche Modellprojekte in die Breite des Berufsbildungssystems zu übertragen. Eine nachhaltige Verankerung erfordert mehrere strukturelle Voraussetzungen. Zunächst müssen entsprechende Inhalte systematisch in die Curricula der beruflichen Bildung integriert werden. Dies kann gegebenenfalls eine Priorisierung oder Reduktion anderer Inhalte erforderlich machen, um ausreichend zeitliche Ressourcen zu schaffen. Darüber hinaus ist die Qualifizierung der Lehrenden eine zentrale Voraussetzung für eine wirksame Umsetzung. Ebenso spielt die Einbindung der Unternehmen eine entscheidende Rolle, da sie die Inhalte im Rahmen der betrieblichen Ausbildung aufgreifen, praktisch anwenden und durch konkrete Anforderungen der Arbeitswelt ergänzen müssen.

Für die Weiterentwicklung der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung ergeben sich daraus mehrere zentrale Implikationen. Erstens sollte Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung stärker als sozialer Transformationsprozess verstanden werden. Neben technischen Kompetenzen benötigen zukünftige Fachkräfte auch Fähigkeiten zur Reflexion der gesellschaftlichen Auswirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen. Zweitens erscheint eine engere Verbindung zwischen Berufsbildungsforschung und arbeitsmarktpolitischen Debatten erforderlich. Konzepte wie die Just Transition verdeutlichen, dass ökologische Transformationsprozesse langfristig nur dann gesellschaftliche Akzeptanz finden, wenn sie sozial gerecht gestaltet werden.

Drittens bietet der Capability Approach eine wichtige theoretische Grundlage für eine stärker sozial integrierte Perspektive auf Berufsbildung. Wenn Bildung als Erweiterung individueller Handlungsmöglichkeiten verstanden wird, rückt die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe stärker in den Mittelpunkt. Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung kann in diesem Verständnis dazu beitragen, individuelle Fähigkeiten zu entwickeln, die es Menschen ermöglichen, aktiv an sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen teilzunehmen.

Schließlich erfordert eine soziale Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung auch institutionelle Veränderungen. Eine stärkere Einbindung von Sozialpartnern und zivilgesellschaftlichen Akteuren könnte dazu beitragen, Fragen der Arbeitsqualität und sozialen Sicherheit stärker in Bildungsprogramme zu integrieren. Auf diese Weise ließe sich die bisher dominante technologische Perspektive um eine umfassendere sozialwissenschaftliche Dimension erweitern und der Nachhaltigkeitsdiskurs in der Berufsbildung strukturell ausbalancieren.

7 Fazit

Die Literaturauswertung zeigt, dass soziale Nachhaltigkeit in programmatischen und wissenschaftlichen Beiträgen zur BBNE regelmäßig erwähnt wird, ihre konkrete Bedeutung für die Gestaltung beruflicher Bildung jedoch vielfach unklar bleibt. Die zentrale Schlussfolgerung dieses Beitrags lautet daher, dass soziale Nachhaltigkeit stärker als eigenständige Dimension der BBNE konzeptualisiert werden muss.Damit lässt sich die Forschungsfrage des Beitrags wie folgt beantworten: Soziale Nachhaltigkeit ist im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zwar präsent, sie wird jedoch überwiegend indirekt und unsystematisch berücksichtigt. Soziale Nachhaltigkeit erscheint damit häufig eher als ergänzende normative Kategorie, denn als eigenständige analytische Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung Diese Befunde weisen auf ein grundlegendes Spannungsfeld innerhalb aktueller Nachhaltigkeitsdiskurse hin. Wenn Nachhaltigkeit primär als technologische Modernisierung verstanden wird, besteht die Gefahr, dass ökologische Innovationen im Zentrum stehen, während soziale Transformationsprozesse weniger systematisch reflektiert werden. Für die Gestaltung beruflicher Bildung ist dies insofern problematisch, als ökologische Transformationen der Wirtschaft immer auch Veränderungen von Arbeitsbedingungen, Qualifikationsanforderungen und betrieblichen Machtverhältnissen mit sich bringen. Eine nachhaltige Transformation der Arbeitswelt ist daher nicht allein eine technologische, sondern zugleich eine soziale und institutionelle Herausforderung.

Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, soziale Nachhaltigkeit stärker als eigenständige Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zu konzeptualisieren. Ansätze wie der Capability Approach oder das Konzept der Just Transition bieten hierfür wichtige theoretische Anknüpfungspunkte. Beide Perspektiven ermöglichen es, Fragen von Arbeitsqualität, sozialer Sicherheit und demokratischer Mitbestimmung stärker in die Debatte um Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung einzubeziehen. Letztlich sind gesellschaftliche Entwicklung und nachhaltige Entwicklung untrennbar miteinander verbunden.

Für die berufspädagogische Forschung ergeben sich daraus mehrere Anschlussfragen. Erstens stellt sich die Frage, wie soziale Nachhaltigkeit systematisch in die praktische Umsetzung der Curricula der Berufsbildung integriert werden kann. Zweitens bedarf es weiterer empirischer Untersuchungen, die analysieren, in welchem Umfang soziale Aspekte nachhaltiger Transformation bereits in der beruflichen Praxis berücksichtigt werden. Drittens erscheint es sinnvoll, die Rolle von Berufsbildungseinrichtungen als Akteure sozial-ökologischer Transformation stärker in den Blick zu nehmen.

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Duale Ausbildung unter Palmen? Reflexionen auf Praxistransfer und Forschung in der internationalen Berufsbildungskooperation am Beispiel von Costa Rica

1 Einordnung, Zielsetzung und Vorgehen

„Costa Rica steht an einem sehr vielversprechenden Punkt. Die duale Berufsbildung hat sich trotz der Herausforderungen etabliert und sie entwickelt sich schrittweise zu einem festen Bestandteil des Bildungssystems.“ (GOVET, 2025b, online o. S.) Diese Einschätzung von GOVET legt nahe, dass die duale Berufsausbildung in Costa Rica funktioniert – auch dank der Kooperation mit Deutschland. GOVET wurde 2013 als zentrale Anlaufstelle für internationale Berufsbildungskooperationen gegründet und ist am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) angesiedelt. Seit 2013 begleitet GOVET 16 bilaterale Berufsbildungskooperationen Deutschlands weltweit. Costa Rica ist mit etwa 5,3 Millionen Einwohner:innen der kleinste außereuropäische Kooperationspartner und mit Mexiko das einzige lateinamerikanische Land, mit dem Deutschland in dieser Initiative kooperiert.[1]

Vor dem Hintergrund von jeweils zwei mehrwöchigen explorativen Forschungsaufenthalten der Autor:innen in Costa Rica (im März 2024 und im März/April 2025) wird in diesem Beitrag reflektiert, welche berufsbildungspolitischen Erwartungen mit der dualen Ausbildung in Costa Rica verbunden sind und inwieweit die nachhaltige Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen gelingt. Zudem wird danach gefragt, welchen Einfluss die deutsch-costa-ricanische Berufsbildungskooperation auf den Diskurs und den Prozess der Etablierung dualer Ausbildung hat und welche tatsächliche Bedeutung die dualen Ausbildungsoptionen für junge Menschen in Costa Rica innerhalb des gesamten Bildungssystems haben.

Ausgehend von einem weiten Verständnis wird Nachhaltigkeit in diesem Beitrag als gesellschaftliche sustainability im Kontext der sozio-ökonomischen Transformation konzipiert (BIBB, 2024, 381 ff). Nachhaltigkeit muss also im Sinne einer sozial-ökologisch-ökonomischen Entwicklung erst noch erreicht werden. Vor diesem Hintergrund werden alle Transferaktivitäten Deutschlands in Richtung des globalen Südens explizit mit den UN Sustainable Development Goals (SDGs) begründet, denn sie sollen immer auch einer nachhaltigen Entwicklung dienen. Ausgehend von den Zielen der Agenda 2030 wird dabei der beruflichen Bildung das Potenzial zugesprochen, soziale Gerechtigkeit in einer globalen Perspektive zu befördern (BMZ, 2023).

Hinsichtlich eines Transfers dualer Ausbildung von Deutschland nach Costa Rica geht es in der sozialen Dimension um die Verringerung von Armut, die Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit und die Steigerung sozialer Teilhabe. In der ökologischen Dimension muss dies in Übereinstimmung mit Naturschutz und der Reduktion von Ressourcenverbrauch erfolgen. In der ökonomischen Dimension geht es um die Sicherung des Fachkräftebedarfes für Unternehmen und Wirtschaftswachstum.

Die Maßnahmen, die im Rahmen der internationalen Berufsbildungskooperation im Feld der Berufsbildung in Costa Rica initiiert werden, zielen explizit auf die Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen und orientieren sich damit an dem deutschen Modell der Organisation von Arbeit und Ausbildung im Konzept der Beruflichkeit. Dies legt die Annahme nahe, dass der duale Modus als ein spezifischer Bedingungsrahmen eine günstige Ausgangssituation für die Realisierung von SDGs bildet: Im Konzept des dualen Systems werden spezifische Strukturmerkmale der Organisation von Arbeit institutionalisiert, d. h. gesetzlich fixiert, auf der Basis von Verordnungen geregelt und auf Dauer gestellt. Dies geschieht im gesellschaftlichen Konsens der beteiligten Akteure (Meyer, 2023b).

Insgesamt fällt jedoch die Bilanz der Programme und Projekte, die im Rahmen der internationalen Berufsbildungskooperation mit dem Ziel nachhaltiger Effekte im Sinne einer sozial-ökologisch-ökonomischen Entwicklung angestoßen werden, eher negativ aus. Die Maßnahmen führen meist nicht zu langfristigen Veränderungen, was dazu beiträgt, dass auch der erhoffte Beitrag zu den SDGs nicht erreicht werden kann – die Gründe dafür werden in der Berufsbildungsforschung seit langem diskutiert (Euler, 2023).

Der Zugang zum Forschungsfeld während der zwei Feldaufenthalte erfolgte mit der Zielsetzung, explorativ und möglichst vorurteilsfrei die Berufsbildung in Costa Rica vor Ort kennenzulernen. Es ging darum, mit möglichst vielen verschiedenen Stakeholdern in den Austausch zu kommen und sich damit einer „Forschungspraxis im Modus des Sprechens-Mit“ (Eckelt, 2024a, S. 385) anzunähern – statt eines Modus des Sprechens über. Methodologisch geht es darum, mit diesem Zugang eine offene Forschungshaltung als Teil der internationalen Berufsbildungsforschung zu erproben (Wolff, 2017). Anstelle einer vergleichenden und bewertenden Analyse zielte dieses Vorgehen auf ein berufspädagogisches Verstehen sozialer und institutioneller Felder und der ihnen jeweils zugrunde liegenden kulturellen Muster (Meyer & Elsholz, 2009; Wittel, 2012). Eine solche interessierte Forschungshaltung folgt dem methodologischen Konzept des Verstehens, wie es Pierre Bourdieu (2002) als Kritik an einer empiristischen Forschungshaltung ausformuliert hat. Dabei geht es darum, in der Forschung gezielt die soziale Position der Beforschten einerseits und den eigenen Standpunkt als forschende Person andererseits einzubeziehen sowie ggf. eigene Vorannahmen und scheinbare Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen (Beaufaÿs, 2014; Bourdieu, 2002).

2 Rahmenbedingungen der Berufsbildung in Costa Rica

Costa Rica ist ein relativ reiches Land in Zentralamerika und wurde als erstes Land der Region im Jahr 2021 in die OECD aufgenommen. Es gibt grundsätzlich ein breites kostenloses Bildungssystem, allerdings wächst in den letzten Jahrzehnten die Bedeutung privater Bildungseinrichtungen in allen Bildungssektoren. Einrichtungen der Berufsbildung entstanden zunächst vereinzelt in einer Protophase vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach dem Ende des Bürgerkriegs 1949 erfolgte in einer Phase staatlicher Industrialisierungspolitik die Gründung des Bildungsministeriums MEP (Ministerio de Educación Pública) sowie unter dessen Zuständigkeit nach und nach der Aufbau beruflicher Schulen im ganzen Land. Ebenfalls in dieser Phase wurde 1965 das nationale Ausbildungszentrum INA (Instituto Nacional de Aprentizaje) gegründet. Seit der neoliberalen Wende in den 1980er Jahren wuchs der Einfluss von Unternehmensorganisationen auf die Bildungspolitik. Der Bedeutungszuwachs privater Bildungsinstitutionen zeigt sich beispielhaft daran, dass im Jahr 2019 mit CANAEP (Cámera Nacional de Educación Privada) eine eigene Interessensorganisation privater Bildungsunternehmen gegründet wurde (Láscarez Smith, 2023, S. 41–53).

2.1 Struktur des Berufsbildungssystems in Costa Rica

In Costa Rica gilt seit 2011 eine Schulpflicht bis zum Ende der zweijährigen Sekundarstufe II (OECD, 2017, S. 16). In der Sekundarstufe II gibt es neben allgemeinbildenden auch technisch-berufliche Schulen. Die Schüler:innen, die nach dem Sek-I-Abschluss auf ein technisch-berufliches Colegio Técnico Profesional wechseln, wählen eine Fachrichtung, wobei diese Schulen neben technisch-gewerblichen Fachrichtungen auch beispielsweise kaufmännisch-administrative Tätigkeiten, Gastronomie oder Tourismus anbieten. Colegios Técnicos Profesionales bieten die Möglichkeit, neben einer allgemeinbildenden Hochschulzugangsberechtigung auch einen Berufsabschluss zu erwerben. Aufgrund dieser Doppelqualifikation dauert dieser schulische Bildungsgang ein Jahr länger als die allgemeinbildende Schule in der Sekundarstufe II. Dieser berufliche Zweig der schulischen Bildung in Costa Rica ist insofern kein alternativer „Plan B“ für leistungsschwächere Schüler:innen sondern gleichwertig zum allgemeinbildenden Zweig, zumal auch hier die Zugangsberechtigung zur Universität erworben werden kann.

Im Hochschulsektor können berufsqualifizierende Abschlüsse nicht nur über klassische Studiengänge, sondern auch an sogenannten Parauniversidades erworben werden, die – ähnlich den US-amerikanischen Community Colleges – eine einfacher zugängliche Alternative zum universitären Hochschulstudium darstellen. Daneben fungiert das INA als landesweit aktiver Bildungsanbieter in der Aus- und Weiterbildung in öffentlicher Trägerschaft.[2] Das INA kooperiert mit vielen Unternehmen, wodurch Praktikumsplätze für die Lernenden sichergestellt werden. INA bietet zudem Zertifikatslehrgänge an, die sich im Wesentlichen an konkreten Nachfragen der Unternehmen orientieren (z. B. Koch/Köchin, Reinigung, Security).

Eine Besonderheit der vom INA angebotenen Bildungsgänge ist – zumindest aus Sicht der deutschen Berufsbildungsforschung –, dass diese in Costa Rica als non-formal bezeichnet werden, obwohl sie eine klare curriculare Struktur aufweisen und mit einem geschützten Zertifikat abgeschlossen werden. Die Einordnung als non-formal beruht darauf, dass diese Bildungsgänge außerhalb der schulischen bzw. hochschulischen Bildungssektoren angesiedelt sind und nicht unter die rechtliche Zuständigkeit des MEP fallen. Faktisch schafft das INA jedoch einen berufsqualifizierenden Bildungsweg für diejenigen Schulabsolventen, die nach dem Ende der Sekundarstufe I nicht in ein allgemeinbildendes oder beruflich-technisches Colegio wechseln und entsprechend später auch keine Studienberechtigung erwerben. Die Bildungsgänge des INA richten sich dabei nicht exklusiv an junge Schulabsolvent:innen, sondern stehen auch älteren Personen offen, die bereits einer Erwerbsarbeit nachgehen (Camacho-Calvo et al., 2019; Eckelt & Láscarez Smith, 2025).

Die tatsächlichen Bildungswege vieler junger Menschen in Costa Rica weichen von dem offiziell vorgesehenen schulischen Weg bis zum Ende der Sekundarstufe II ab. Zwar gibt es keine kontinuierliche transparente Bildungsberichterstattung in Costa Rica, bei der bildungsbereichs- und sektorübergreifend die Bildungswege der jungen Menschen nachgezeichnet werden, ein OECD-Bericht legt jedoch nahe, dass ein großer Teil der jungen Menschen de facto schon früh aus dem schulisch-akademischen Bildungsweg ausscheidet. Mit 28 % befinden sich mehr als ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen offiziell weder in Schule, Hochschule, Ausbildung noch Beschäftigung (NEET-Quote). Von den 25- bis 34-Jährigen haben 38 %, und damit deutlich mehr als jede dritte Person, keinen Abschluss der Sekundarstufe II erreicht (OECD, 2024). Diese Zahlen verweisen auf die hohe Bedeutung informeller Beschäftigung und damit verbunden auch auf einen hohen Stellenwert des informellen beruflichen Lernens in Costa Rica.

2.2 Etablierung dualer Ausbildungsstrukturen

Mit Blick auf die Funktion der Berufsbildung, eine Verbindung zwischen Bildungswesen und Arbeitsmarkt herzustellen, ist neben der starken schulisch-akademischen Ausrichtung des Bildungswesens zu beachten, dass es in Costa Rica keine Tradition standardisierter, zertifizierter Berufsbilder gibt. Hierin unterscheiden sich Costa Rica und Deutschland aufgrund unterschiedlicher historischer, bildungspolitischer Prozesse der Herausbildung der Berufsbildung deutlich. Costa Rica ist in seiner Entwicklung dem etatistischen bzw. liberalen Pfad gefolgt (Greinert, 1999).

Trotzdem galt das deutsche duale Ausbildungsmodell in den letzten 50 Jahren immer wieder als Referenz in der bildungspolitischen Debatte Costa Ricas. Bereits seit den 1970er Jahren gab es auch praktisch umgesetzte Formen dualisierter Berufsbildung, angestoßen durch eine Kooperation zwischen der deutschen Berufsschule Osterholz-Scharmbek und dem Colegio Vocacional Monseñor Sanabria in Costa Rica. Im Rahmen dieser Kooperation ging es nicht um eine Übernahme des deutschen dualen Ausbildungsmodells, sondern darum, einen dualen Modus innerhalb des weiterhin dominant als Vollzeitschule organisierten Colegio zu implementieren (Mittmann, 1998).

Nach einem teils heftig umstrittenen politischen Prozess, wurde 2019 ein neues Berufsbildungsgesetz erlassen. Damit wurde ein früheres Gesetz zur dualen Ausbildung von 1971 ersetzt, das kaum zur Anwendung kam. Kritisiert wurde beispielsweise seitens der Gewerkschaft APSE, dass unter dem Deckmantel der dualen Ausbildung in Wirklichkeit ein Projekt zur Ausbeutung junger Arbeiternehmer:innen verfolgt würde (Láscarez Smith, 2023, S. 131; siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Kritische Karikatur zur gesetzlichen Einführung der dualen Ausbildung in Costa Rica von einer Gewerkschaft. In Anlehnung an ¿Qué es el proyecto de Educación Dual?, von APSE, 2019, APSE (https://apse.cr/2019/03/educacion-dual/)Abbildung 1: Kritische Karikatur zur gesetzlichen Einführung der dualen Ausbildung in Costa Rica von einer Gewerkschaft. In Anlehnung an ¿Qué es el proyecto de Educación Dual?, von APSE, 2019, APSE (https://apse.cr/2019/03/educacion-dual/)

Das neue Gesetz reguliert die duale Ausbildungsmodalität deutlich weniger und ermöglicht den Unternehmen mehr Flexibilität. Teilnehmende an dualen Bildungsangeboten sollen laut diesem Gesetz eine Art Stipendium vom INA erhalten. Eine verpflichtende Bezahlung durch Unternehmen ist nicht vorgesehen (Láscarez Smith & Schmees, 2021). Das INA finanziert sich durch eine Abgabe in Höhe von 1,5 % der Personalkosten, die Unternehmen abführen müssen. Insofern wird eine indirekte, kollektive Vergütung der ‚Auszubildenden‘ – ähnlich einer Ausbildungsplatzumlage im deutschen Verständnis – angestrebt. Die Verantwortung von Einzelunternehmen für die duale Ausbildungsoption bleibt dabei gering, da die Unternehmen lediglich als Praxispartner für die Schulen fungieren und eine Verbindung zur Arbeitswelt ermöglichen, allerdings ohne Verantwortung für die Lernprozesse bzw. die -ergebnisse zu übernehmen. Die Haltung der Unternehmen im Kontext der Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen fasst Láscarez Smith (2023) prägnant zusammen: „companies wanted a dual apprenticeship law, but did not want to train students.” (Láscarez Smith, 2023, S. 157).

2.3 Zwischenbilanz I: Umsetzung dualer Ausbildungsstrukturen

Das GOVET-Zitat am Beginn der Einleitung, in dem verkündet wird, dass die duale Ausbildung etabliert wurde und sich schrittweise zu einem festen Bestandteil des Bildungssystems entwickelt, bezieht sich auf das neue Gesetz von 2019. Ende des Jahres 2024 befanden sich laut GOVET 143 Personen in einem dualisierten Bildungsgang des INA und 55 Schüler:innen in dualisierten Bildungsgängen an Colegios Técnicos Profesionales (GOVET, 2025b).

Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Lernenden an diesen Institutionen wird deutlich, dass duale Ausbildungsoptionen weiterhin den Status von vereinzelten Pilotprojekten aufweisen: So befanden sich 2023 über 50.000 Schüler:innen in der 10., 11. oder 12. Klasse eines Colegio Técnico Profesional und knapp 19.000 Personen nahmen 2023 an Kursen des INA (Programas de Capacitación y Formación Profesional) teil, wovon etwa 2/3 mit einem berufsqualifizierenden Abschluss auf einem von vier Niveaus abzielen. Der curricular vorgesehene zeitliche Umfang reicht von 400–700 Stunden beim Técnico 1 bis zu 2.840 Stunden beim Técnico 4 (INA – Instituto Nacional de Aprendizaje, 2023, S. 69–75; Ministerio de Educación Pública de Costa Rica, 2025, S. 54).[3] Es kann konstatiert werden, dass trotz langjähriger Zusammenarbeit im Feld der Berufsbildung, die im Folgenden skizziert wird, nur ansatzweise ein Aufbau dualer Ausbildungsstrukturen realisiert werden konnte.

3 Berufsbildungskooperation zwischen Deutschland und Costa Rica

Die internationale Berufsbildungszusammenarbeit Deutschlands wurde als Reaktion auf die 2007/08 ausgebrochene Weltfinanzkrise zu Beginn der 2010er Jahre neu ausgerichtet. Die im internationalen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland führte zu einem verstärkten Interesse anderer Länder, sich bei Reformen der Berufsbildung an Deutschland zu orientieren. Gleichzeitig vertrat die deutsche Bundesregierung mit neuem Selbstbewusstsein die Position, dass das „Duale System der beruflichen Bildung als Referenzmodell in Europa und der Welt“ (Deutscher Bundestag, 2013, S. 2) dienen solle. Durch die stärkere Koordinierung der Aktivitäten verschiedener Bundesministerien und die Gründung von GOVET sollten entsprechende Projekte des Berufsbildungstransfers in andere Länder effektiver werden (Deutscher Bundestag, 2013).

3.1 Bilaterale Kooperation im Rahmen von GOVET

Wie in Abschnitt 2.2 bereits beschrieben, gibt es eine Vorgeschichte der costa-ricanisch-deutschen Berufsbildungszusammenarbeit, die mindestens bis in die 1980er Jahre zurückreicht. Im Rahmen der Initiative GOVET unterzeichneten Costa Rica und Deutschland 2016 eine Joint Declaration of Intent. Diese wurde 2022 um weitere drei Jahre verlängert. Die Anbahnung der bilateralen Berufsbildungskooperation erfolgte im Jahr 2016 im Rahmen eines Besuchs einer Delegation des BMBF auf Einladung des Präsidenten Costa Ricas. Erklärtes Ziel war es, eine Berufsbildungskooperation zu etablieren, um in Costa Rica zum einen dem Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit und zum anderen dem herrschenden Fachkräftemangel zu begegnen. Die Kooperation fokussierte sich auf zwei Aspekte: erstens sollte ein tripartistischer Dialog zwischen Staat, Unternehmen und Gewerkschaften eingeführt werden und zweitens sollte durch eine Gesetzesreform die Beziehung und Interaktion zwischen den Akteuren mit Blick auf Berufsbildungsstrukturen geregelt werden (Láscarez Smith & Schmees, 2021, S. 3).

Die Kooperation ist geprägt durch den Austausch auf der politischen und administrativen Expertenebene. In den vergangenen Jahren fanden verschiedene Delegationsreisen zwischen beiden Ländern statt. Institutionell arbeiten vor allem GOVET (also das BIBB) mit dem MEP und INA zusammen. Auch Vertreter:innen der Botschaften, der Sozialpartner, Wissenschaftler:innen, Parlamentarier:innen und andere Stakeholder sind am bilateralen Austausch beteiligt (GOVET, 2025a). In diesem Rahmen wurde in Costa Rica eine Koordinationsstelle CAP-DUAL etabliert, die am Erziehungsministerium (MEP) angesiedelt ist. Die CAP setzt sich aus Vertreter:innen staatlicher Ministerien, Institutionen, des Privatsektors und Sozialpartnern zusammen und trifft politisch-strategische Entscheidungen zu Fragen der Ausgestaltung, Finanzierung und institutionellen wie rechtlichen Konsolidierung dualer Berufsbildung (GOVET, 2025c).

Ebenfalls Teil der bilateralen Berufsbildungskooperation Costa Ricas mit Deutschland bildeten zwei vom BMBF finanzierte Forschungsprojekte. Diese zielten auf die Etablierung von Strukturen der Lehrkräftebildung für berufliche Schulen sowie die Entwicklung und Erprobung von Zertifizierung ab. Bei dem Projekt CoRi CERT (Laufzeit 2023–2025) ging es um die Entwicklung und Erprobung von Modellen und Instrumenten für die Prüfung und Zertifizierung im Rahmen dualer beruflicher Ausbildungsgänge in Costa Rica. Das Projekt CoRi VET (Laufzeit 2021–2025) hatte zum Ziel, den Ausbau von Strukturen in der beruflichen Lehrer:innenbildung und der Berufsbildungsforschung in Costa Rica zu begleiten (Rommel et al., 2025).[4]

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) führt die Aktivitäten der Bundesregierung in der bilateralen Berufsbildungskooperation mit Costa Rica fort und hat im Rahmen eines Förderaufrufes ein neues Kooperationsprojekt ausgeschrieben. Dieses zielt auf die Entwicklung eines sogenannten „digitalen Ökosystems“, um die duale Berufsausbildung in Costa Rica durch eine technologische Plattform mit innovativen pädagogischen Ressourcen und Werkzeugen zu stärken (BMFTR, 2025).

3.2 Zwischenbilanz II: Umsetzung dualer Ausbildungsstrukturen

Dieser skizzenhafte Rückblick zeigt, dass Akteure in Costa Rica die Berufsbildungskooperation mit Deutschland nutzen, um zwei zentrale berufsbildungspolitische Zielsetzungen zu erreichen: Zum einen soll die soziale Inklusion junger Menschen ohne Hochschulstudium verbessert werden und zum anderen soll die Nachfrage der Unternehmen nach qualifizierten Arbeitskräften gedeckt werden.

Trotz der in den letzten rund zehn Jahren intensivierten Berufsbildungskooperation Costa Ricas mit Deutschland ist dabei allerdings kein grundlegender Pfadwechsel hin zu einem vorrangig dualen Ausbildungssystem zu erkennen. Die in der Gründungsphase von GOVET in Deutschland diskutierte Idee, man könne „Berufsbildungsexport“ (Fraunhofer MOEZ, 2012) betreiben, wird mittlerweile in der Forschung und ebenfalls seitens der Berufsbildungspolitik kaum noch vertreten. Seit Jahrzehnten wurde der sogenannte ‚Export‘ des dualen Systems propagiert und es gab zahlreiche Bemühungen, eine erfolgreiche Einführung von deutscher Seite zu flankieren (Krekel & Walden, 2016), aber offensichtlich war das duale System ein „Exportschlager ohne Absatz“, wie es Dieter Euler (2013) ironisch kommentierte. Eine nachhaltige Wirkung der Berufsbildungskooperation ist damit für Costa Rica lediglich ansatzweise zu konstatieren.

Ein Grund dafür ist, dass das Referenzmodell des dualen Ausbildungssystems in Deutschland über einen langen Zeitraum als Ergebnis ökonomischer und politischer Interessenauseinandersetzungen und Interaktion entstand und nicht auf bewusste bildungspolitische Planung und Entscheidungen zurückzuführen ist (Greinert, 2006). Gleiches gilt für die Berufsbildungssysteme in anderen Ländern. Diese sind historisch gewachsen und eng mit den kulturellen, ökonomischen und sozialen Bedingungen im jeweiligen Land verbunden. Entsprechend unwahrscheinlich ist ein grundlegender berufsbildungspolitischer Pfadwechsel. Statt der Vorstellung, dass ein ganzes System exportiert bzw. importiert wird, ist eher davon auszugehen, dass Elemente adaptiert eingeführt und in einen neuen Kontext gesetzt werden können (Wolf, 2011).

Schmees und Láscarez Smith (2024) sprechen bezüglich der Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen in Costa Rica von einer notwendigen Tropicalization. Zentral ist bei diesem Konzept, dass der Adaptionsprozess im aufnehmenden Land auf individuellen und kollektiven Interessen in Staat und Wirtschaft aufbaut und seinen Ausdruck in diversen Formen von Dialog, Spannungen, Konflikten, Interessen und sozialen Praktiken findet (Láscarez Smith & Schmees, 2021, S. 7). Eine Befragung von Expert:innen in Costa Rica ergab, dass die Akteure vor Ort statt einer engen Orientierung am deutschen dualen System die Anpassung der dualen Strukturelemente an die vorherrschenden lateinamerikanischen Verhältnisse favorisieren (Schmees & Láscarez Smith, 2024).

Das Beispiel Costa Ricas zeigt, dass in der internationalen Berufsbildungskooperation eher von einem Prozess der Dualisierung auszugehen ist, bei dem ein Transferprozess zu einem veränderten Verhältnis von schulischem und betrieblichem Lernen führt. Statt eines Gegensatzes von dualer vs. nicht dualer Ausbildung, folgt das Konzept der Dualisierung einem Kontinuum an möglichen Abstufungen zwischen einer rein schulischen und einer rein betrieblichen Berufsbildung (Euler, 2023) und trägt damit der in Costa Rica favorisierten Tropicalization Rechnung.[5]

Inwiefern dies im Rahmen der dualen Ausbildung in Costa Rica derzeit passiert, wird nachfolgend auf der Basis der Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Feldforschung der Autor:innen diskutiert.

4 Beobachtungen und Erkenntnisse aus der Feldforschung

Im Rahmen von zwei mehrwöchigen Feldforschungsphasen im Frühjahr 2024 und 2025 fanden zahlreiche explorative Gespräche mit unterschiedlichen Stakeholdergruppen in Costa Rica statt (siehe Tabelle 1). Ein bewusst offener Forschungszugang ohne vorab definierte Forschungshypothesen diente dazu, vor Ort nachzuvollziehen, inwieweit eine duale Berufsausbildung als Lösung für die bildungspolitischen Strukturprobleme in Costa Rica gesehen wird und welche Rolle dabei Deutschland als Vorbild bzw. Kooperationspartner spielt. Nachfolgend werden die Erkenntnisse dieser Exploration reflektiert. Dabei erfolgt vor dem Hintergrund der o. a. Ausgangssituation eine Konzentration auf die Umsetzung des dualen Prinzips in beruflich-technischen Schulen, Einrichtungen des INA und in einer Parauniversidad. Das leitende Erkenntnisinteresse lautet: Wie nehmen die Akteure in Costa Rica den Implementierungsprozess der dualen Ausbildung wahr und wie bewerten sie diesen? Im Anschluss daran werden in Abschnitt 5 die Beobachtungen dahingehend reflektiert, ob die Versuche der Dualisierung sich als nachhaltige Strategie zur Förderung sozialer Gerechtigkeit interpretieren lassen. Außerdem wird danach gefragt, welche Schlüsse sich aus den Beobachtungen für die Berufsbildungskooperation mit Deutschland ziehen lassen.

Anzumerken ist, dass die offene und explorative Forschungshaltung eingenommen werden konnte, weil die Forscher:innen nicht im Rahmen eines laufenden oder bereits konzipierten Forschungsprojekts nach Costa Rica gereist sind. Es bestand also kein Druck, bestimmte Ziele unter Zeitdruck zu erreichen. Damit ergab sich bei diesen Forschungsaufenthalten das – in der internationalen Berufsbildungsforschung vermutlich eher seltene – Privileg, offen ins Feld gehen zu können und interessiert abzuwarten, welche spezifischen Fragen und Themen sich aus dem Austausch mit den Stakeholdern vor Ort ergeben.

Tabelle 1: Gespräche mit Stakeholdern während der zwei Feldforschungsphasen

Gespräche mit Stakeholdern

Feldforschung 2024

Feldforschung 2025

Bildungspraxis

   

Schüler:innen und Lehrkräfte an beruflichen Schulen (Colegios Técnicos)

✔

✔

Lernende und Lehrkräfte am nationalen Ausbildungszentrum (INA Instituto Nacional de Aprentizaje)

✔

✔

Private Fachhochschule (Parauniversidad Invenio)

✔

 

Sozialpartner und berufsbildungspolitische Akteure

   

Vertreter:innen der Gewerkschaft im Bildungssektor (Sindicato de Educadores Costarricenses – SEC)

✔

✔

Leitung des nationalen Ausbildungszentrums (INA Instituto Nacional de Aprentizaje)

✔

 

Vertreter:innen der Industriekammer (Cámara de Industrias de Costa Rica – CICR)

 

✔

CAP Dual im MEP

 

✔

Forschende zur Berufsbildung

   

Forschungsgruppe Berufsbildung an der Nationalen Technischen Universität (UTN Universidad Técnica Nacional, DFP Dirección de Formación Profesional)

✔

✔

Forschungsgruppe Berufsbildung an der Universität von Costa Rica (Universidad de Costa Rica)

✔

 

Es konnten drei Colegios técnicos besucht werden. Dies waren zwei komplett staatlich finanzierte öffentliche Schulen, das Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña (2024) und das Colegio Técnico Profesional Carrizal (2025) sowie das private Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco (2024). Zudem konnten drei Besuche in INA-Einrichtungen durchgeführt werden, zweimal auf dem Hauptcampus (2024 u. 2025) und einmal im Centro Nacional Especializado en Turismo (2025). Außerdem konnte eine Para-Universität besucht werden, die Parauniversidad Invenio (2024). Die duale Ausbildung entsprechend des Gesetzes von 2019 war den Schulleitungen und Lehrkräften der besuchten Schulen als Konzept bekannt. Allerdings gab es zum Zeitpunkt der Besuche nur vereinzelte Klassen in der dualen Option innerhalb der Schulen.

Für den erfolgreichen Feldzugang entscheidend war bei all diesen Besuchen die Organisation durch Kolleg:innen der Forschungsgruppe Berufsbildung an der Nationalen Technischen Universität (UTN Universidad Técnica Nacional). Die Kolleg:innen der UTN verfügen über hervorragende Kontakte zu beruflichen Bildungseinrichtungen, da sie in der Lehrkräftebildung für beruflich-technische Schulen aktiv sind.

Abbildung 2: UTN – Werbung für Lehrkräftestudium (2024) © EckeltAbbildung 2: UTN – Werbung für Lehrkräftestudium (2024) © Eckelt

Da alle besuchten Bildungseinrichtungen durch Sicherheitspersonal abgesicherte Organisationen sind, setzte jeder Besuch eine vorherige Anmeldung voraus. Nur angemeldeten Gästen wurde vom Sicherheitspersonal am Haupteingang der Zutritt zu dem Gelände gewährt. Die Besuche erfolgten jeweils in Begleitung von Kolleg:innen der UTN, die auch durch die Vorstellung und Kontextualisierung der Besuche eine Vertrauensbasis in den Gesprächen schafften.

Die folgende Darstellung der Beobachtungen und Erkenntnisse erfolgt stilistisch narrativ auf Grundlage von Feldnotizen, die nach den Gesprächen angefertigt wurden. Es erfolgte keine objektivierende Datenerfassung, bspw. über Tonaufnahmen oder Verlaufsprotokolle.

4.1 Beruflich-technische Schulen – Colegios técnicos

Die drei besuchten Colegios técnicos waren jeweils Schulen mit zahlreichen Schulgebäuden auf einem weitläufigen Gelände, das durch eine Mauer nach außen hin abgeschirmt ist. Im Falle des Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña wird das Haupttor morgens zu Unterrichtsbeginn abgesperrt. Es wurde erläutert, dass zu spät kommende Schüler:innen die Schule nicht betreten dürfen. Wie streng diese Regel tatsächlich umgesetzt wird, konnte im Rahmen des Besuchs nicht überprüft werden, aber die Regel verweist auf strenge Verhaltenskontrollen und Sanktionierungen im schulischen Kontext.

Die Schultage sind lang, üblich sind fünf Schultage mit einer Dauer von acht Stunden. Hinzu kommen teilweise zeitaufwendige Pendelwege. So wurde berichtet, dass einige Schüler:innen jeweils bis zu zwei Stunden benötigen, um morgens zur Schule zu kommen und am Nachmittag zurück nach Hause zu fahren. Seitens der Lehrkräfte wurde dieses Setting als eine Vorbereitung auf die Arbeitswelt gewertet, in der auch mindestens acht Stunden pro Arbeitstag gearbeitet werde und Beschäftigte meist lange Pendelwege zurücklegen müssen, da die Verkehrsinfrastruktur im Großraum San José, wo ein Großteil der Bevölkerung Costa Ricas lebt, chronisch überlastet ist.

Die besuchten Schulen haben jeweils mehrere hundert Schüler:innen. Diese tragen unterschiedliche Schuluniformen, die über Farbe und Aufnäher die Zugehörigkeit zur Fachrichtung und das Schul- bzw. Ausbildungsjahr signalisieren. Während der Besuche konnte an allen Schulen eine entspannte Atmosphäre wahrgenommen werden. So saßen beispielsweise Gruppen von Schüler:innen in den parkähnlich gestalteten Außenbereichen. Dort verzehren sie auch ihr Mittagsessen, das sie in der Schulkantine erhalten oder von zuhause mitbringen, da ein Verlassen des Geländes auch mittags nicht gestattet wird.

Die Interaktion zwischen Schüler:innen und Lehrkräften war auffallend herzlich. Lehrkräfte, die Besucher:innen durch die Schule führten, wurden wiederholt von Schüler:innen angesprochen. Im Vergleich zu Deutschland fällt dabei ein anderes kulturelles Nähe-Distanz-Verhältnis auf, da bei diesen Interaktionen auch Umarmungen und Begrüßungsküsse auf die Wange ausgetauscht werden. Trotz der entspannten Atmosphäre und des herzlichen Verhältnisses im Umgang wurde in den Gesprächen mit Lehrkräften und Schüler:innen deutlich, dass an den Colegios Técnicos ein ausgeprägter Leistungsdruck herrscht. Wenn Schüler:innen größere Fehlzeiten haben oder die geforderten Mindestleistungen nicht erbringen, werden sie von der Schule verwiesen. Da es Wartelisten mit Bewerber:innen gibt, die nicht aufgenommen werden konnten, stellt eine solche exkludierende Praxis aus Sicht der Schule kein Problem dar. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Besuch eines Colegios für einen Teil der Schüler:innen ein Privileg darstellt, für das sie lange Fahrtwege und Anstrengungen auf sich nehmen.

Die Klassen sind weitestgehend altershomogen. Der Eintritt erfolgt üblicherweise direkt nach dem Ende der Sekundarstufe I und nach spätestens drei Jahren verlassen die Schüler:innen die Colegios. Dieser auffällige Unterschied zu deutschen beruflichen Schulen erklärt sich daraus, dass es neben dem Tagesunterricht auch ein schulisches Parallelsystem mit Abendkursen für alle Schulformen gibt (Modalidad Nocturna). Ältere Personen, die einen Schulabschluss nachholen wollen, können nur diese Abendkurse besuchen und werden also getrennt von den jüngeren Regelklassen unterrichtet. Das gilt für allgemeinbildende wie für beruflich-technische Schulen. Praktisch bedeutet dies, dass in Colegios gewissermaßen in zwei Schichten gearbeitet wird. Abends werden die Gebäude für die älteren Schüler:innen genutzt. Im Rahmen der Feldphasen fanden keine Besuche der Abendkurse statt.

Von den Lehrkräften wird in den Colegios Técnicos ein hoher zeitlicher Einsatz verlangt. In den Gesprächen wurde berichtet, dass eine Vollzeitstelle als Lehrkraft auch eine Anwesenheit in Vollzeit in der Schule bedeutet. Dabei fehle es an Zeit für Unterrichtsvorbereitung. Lehrkräfte aus dem Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco, die selbst schon zu Besuch in deutschen Berufsschulen waren, erklärten, dass für sie das Verhältnis von Unterrichts- zu Vorbereitungszeit in Deutschland vorbildlich sei. In Costa Rica ist Zeit für Unterrichtsvorbereitung von den Schulen offenbar nicht systematisch eingeplant und erfolgt daher vermutlich größtenteils in der Freizeit.

Die technische Ausstattung der besuchten Colegios war gut – soweit sich dies durch die Autor:innen als diesbezüglich interessierte Laien beurteilen lässt. Im staatlichen Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña konnten laufende Unterrichtseinheiten in der Metall- und Elektrowerkstatt sowie im Kfz-Bereich beobachtet werden. Der technische Unterricht erfolgte in den schulischen Werkstätten im Klassenverband durch frontale Instruktion sowie Kleingruppenarbeit.

Abbildung 3: Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña – Metall- und Elektrowerkstatt (2024) © EckeltAbbildung 3: Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña – Metall- und Elektrowerkstatt (2024) © Eckelt

Auch ein klassen- bzw. gewerkeübergreifendes Projekt wurde während des Besuchs vorgestellt. Dabei ging es darum, dass – als besonders leistungsstark geltende – Schüler:innen verschiedener Klassen gemeinsam ein kleines fernsteuerbares, schienengebundenes Auto entwickelten. Mit diesem Prototyp sollte die Gruppe einige Wochen später an einem Wettbewerb teilnehmen. Für die Lehrkräfte war dies ein besonderes Projekt, da das Colegio erstmals zu einem solchen Wettbewerb zugelassen wurde, bei dem bisher nur Gruppen von Studierenden aus Universitäten gegeneinander antraten. Aus einer deutschen Perspektive lässt sich dieses Projekt einerseits als Anwendungsfall handlungsorientierter Didaktik entsprechend dem Modell der vollständigen Handlung verstehen und andererseits als ein symbolischer Akt im Ringen um Gleichwertigkeit mit der hochschulisch-allgemeinen Bildung. Offen blieb, inwiefern handlungsorientierte Projektarbeit auch im Unterricht für alle Schüler:innen eingesetzt wird.

Für eine praxisorientierte Ausbildung innerhalb des Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña sprechen die Beobachtungen im Kfz-Bereich. Die Schule nimmt Reparaturaufträge von außerhalb an, die es den Schüler:innen ermöglichen, unter realistischen Bedingungen zu lernen. Auf Nachfrage erklärte die dortige Lehrkraft, dass neben verschiedenen Verbrennermodellen auch der Umgang mit und die Reparatur von Elektroautos vermittelt werden. Als Kontext ist zu beachten, dass es in Costa Rica keine Kfz-Produktion gibt und im Land viele unterschiedliche Marken nordamerikanischer, europäischer und asiatischer Automobilunternehmen zu finden sind. Die künftigen Kfz-Mechatroniker:innen in Costa Rica müssen also auf den Umgang mit unterschiedlichen Modellen vorbereitet werden.

Abbildung 4: Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña – Unterricht KfZ-Mechatronik (2024) © EckeltAbbildung 4: Colegio Técnico Profesional Jesús Ocaña – Unterricht KfZ-Mechatronik (2024) © Eckelt

Hervorragend ausgestattet waren die Werkstätten des privaten Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco. Die Schule kooperiert mit mehreren internationalen Großkonzernen wie Intel und Siemens, die in Costa Rica ansässig sind und die Fachräume mit modernster Technik versehen. Dies scheint als Kooperation zum gegenseitigen Vorteil konzipiert zu sein: Einerseits erhält die Schule hochwertige Lernräume und kann ihre Schüler:innen auf die Arbeit in den modernsten Produktionsbetrieben im Land vorbereiten. Andererseits können die Unternehmen die schulischen Lernräume bei Bedarf für die Weiterbildung von Mitarbeiter:innen nutzen und können unter den Absolvent:innen neue, bereits mit ihrer Technik vertraute Mitarbeiter:innen rekrutieren.

Auch alle anderen Räume sind in sehr gutem Zustand und ermöglichen praktische Unterweisung im Rahmen von produktivem Arbeiten und Lernen. Auch diese Schule nimmt externe Aufträge an und produziert beispielsweise Alltagsgegenstände aus Holz und Kunststoff für den Verkauf.

Abbildung 5: Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco – Medienwerkstatt (2024) © EckeltAbbildung 5: Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco – Medienwerkstatt (2024) © Eckelt

Auffällig war, dass das Colegio Técnico Profesional CEDES Don Bosco in einem relativ armen Viertel der Hauptstadt liegt. Der Kontrast zwischen den Bedingungen außerhalb und innerhalb der Schule lässt sich kaum übersehen. Laut Aussage der Lehrkräfte wurde diese Standortwahl gezielt getroffen, um Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Deutlich wird hier der in der katholischen Tradition verwurzelte Gedanke, durch berufliche Bildung soziale Integration benachteiligter Bevölkerungsschichten zu erreichen. In welchem Umfang dies gelingt und welche Rolle Schulgebühren bei dieser privaten Schule spielen, konnte im Rahmen eines Besuchs nicht überprüft werden.

Bei dem Besuch im staatlichen Colegio Técnico Profesional Carrizal konnte eine Gruppendiskussion mit einer Schulklasse geführt werden. Anwesend waren zehn Schüler:innen und fünf Verantwortliche (Lehrer:innen und Schulleitung). Bei den Lernenden handelte es sich um Jugendliche im 2. Jahr im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, die ihre Ausbildung im Bereich Gastronomie (zugordnet dem Zweig Tourismus) – also nicht wie in den zuvor beschriebenen Fällen in einer technischen Fachrichtung – absolvierten.

Die Ausbildung ist als eine duale Maßnahme ausgewiesen. Der Stundenanteil des Praxisteils ist geblockt und umfasst ca. zwei bis drei Monate im Jahr. Die Vermittlung an Unternehmen für die Praxisphasen erfolgt durch die Schule. Die Rekrutierung von Unternehmen wurde von den Lehrkräften als äußerst schwierig beschrieben. Eine Lehrerin sagte, sie leiste dies z.T. in ihrer Freizeit und in ihrem Urlaub (z.B. bei Gastronomiebetrieben und -ketten).

Bemerkenswert ist, dass den Schüler:innen zunächst nicht bewusst war, dass sie an einem dualen Programm teilnehmen. Sie haben sich nicht aktiv dafür entschieden, sondern wurden mit Schulbeginn davon in Kenntnis gesetzt. Auch die Zuordnung zu Betrieben, in denen sie die Praxisphasen absolvierten, unterlag nicht dem Prinzip der Auswahl bzw. der Freiwilligkeit. Gefragt nach ihren Erfahrungen beschrieben sie den betrieblichen Teil ihrer Ausbildung ausnahmslos als sehr stressig. Sie mussten in den Betrieben als Vollzeitkräfte mitarbeiten und empfanden dies als Ausbeutung. Sie erfuhren keine pädagogische Anleitung, es existierten keine betrieblichen Curricula und es erfolgte auch kein Transfer zwischen der Theorie und der Praxis.

Alle Schüler:innen wollten anschließend studieren, allerdings niemand affin zu der aktuell gewählten Fachrichtung. Die Entscheidung für diesen Zweig begründete die Gruppe einstimmig mit den guten Aussichten auf eine spätere Nebenerwerbsoption in der Gastronomie. Die berufliche Schule fungierte für diese Gruppe also weniger als eine konkrete Berufsvorbereitung, sondern vielmehr als eine aufstiegsorientierte Durchgangsstation. Eindrucksvoll war, dass die Jugendlichen offensichtlich keine Probleme mit der Berufsorientierung hatten. Sie wirkten in hohem Maß planvoll, rational kalkulierend und zuversichtlich, dass sie ihre Pläne realisieren würden.

Abbildung 6: Diskussion mit einer Schulklasse am Colegio Técnico Profesional Carrizal © MeyerAbbildung 6: Diskussion mit einer Schulklasse am Colegio Técnico Profesional Carrizal © Meyer

Dieser selektive (Ein-)Blick in und auf die staatliche Ausbildung am Colegio Técnico Profesional Carrizal wirft einige Fragen auf, die in weiteren Forschungen vertieft werden könnten: diese beziehen sich z.B. auf die für Bildungsprozesse grundlegenden Faktoren der Transparenz und Freiwilligkeit der Teilnahme an dualen Formaten, das Fehlen eines pädagogischen Konzepts der Verknüpfung von Theorie- und Praxisphasen, kaum erkennbare Strukturen der Lernortkooperation sowie die mangelnde pädagogische Anleitung in den Praxisphasen. Insgesamt gibt es nur ansatzweise betriebliche Lernkonzepte. Ein Strukturproblem scheint die Rekrutierung der Unternehmen als Praxispartner.

4.2 INA – Instituto Nacional de Aprentizaje

Das INA unterhält in der Hauptstadt San José den Hauptcampus. Dieser ist multifunktional aufgestellt. Auf ihm sind neben zahlreichen Werkstätten und Unterrichtsräumen für verschiedene Fachrichtungen auch die Verwaltung und die Forschungsabteilung untergebracht. Zusätzlich gibt es im ganzen Land verteilt INA-Einrichtungen, die eine wohnortnahe Nutzung der Aus- und Weiterbildungsangebote ermöglichen sollen. Im Rahmen der zwei Feldphasen wurde jeweils einmal der Hauptcampus besucht (2024 u. 2025) sowie einmal das ebenfalls in San José gelegene Centro Nacional Especializado en Turismo (CENETUR) (2025).

Der INA-Hauptcampus liegt auf einem riesigen Gelände, das durch große Schilder mit dem Logo schon von der Autobahn bei der Anreise auffällt. Es gibt Sicherheitspersonal auf den Parkplätzen, am Eingang sowie auf dem Gelände. Die Gebäude sind weitläufig angeordnet und zumeist durch überdachte Wege miteinander verbunden. Das CENETUR dagegen befindet sich inmitten der Stadt, ohne Außengelände, auch hier ist das Gebäude nicht frei zugänglich. Auf dem Hauptcampus waren während des Besuchs verschiedene Werkstätten mit vorwiegend technisch-gewerblicher Ausrichtung zu sehen. Die technische Ausstattung wirkte älter als die in den zuvor beschriebenen Colegios. Ansonsten ähnelte das Setting den Colegios técnicos: Auch hier erfolgte der technische Unterricht in den Werkstätten in Gruppen durch frontale Instruktion sowie Kleingruppenarbeit. Die Lernenden, die während des Besuchs tagsüber beobachtet werden konnten, waren größtenteils jüngere Erwachsene. Die Interaktion wirkte im Vergleich zu den Colegios distanzierter. Bei dem Besuch in Begleitung von Personen aus der INA-Leitung wurde deutlich, dass diese, sowie die Lehrkräfte und Lernenden sich vorher nicht oder nur selten gesehen hatten. Dies könnte die Ursache für die im Vergleich zu den Colegios distanziertere höfliche Umgangsform sein.

Abbildung 7: INA – Hauptcampus – Ausbildungswerkstatt für Großmaschinen (2024) © EckeltAbbildung 7: INA – Hauptcampus – Ausbildungswerkstatt für Großmaschinen (2024) © Eckelt

Trotz der teils schon älteren technischen Ausstattung übernimmt das INA eine zentrale Funktion im Berufsbildungssystem Costa Ricas, da es als Aus- und Weiterbildungsanbieter für die gesamte Wirtschaft überall im Land dienen soll. Wie das INA diese Aufgabe ausfüllt, zeigt ein Beispiel aus der Abteilung KfZ-Großmaschinen. Dort erklärte die Lehrkraft, dass er als erster Ausbilder in ganz Costa Rica an einer Weiterbildung in Spanien teilgenommen hatte, in der er die Qualifikation erwarb, um elektronisch betriebene Lkw und Busse zu reparieren. Über diesen Train-the-Trainer-Ansatz kann er seitdem am INA die Fachkräfte entsprechend aus- und weiterbilden, so dass diese Kompetenz im Umgang mit der neuen Technologie nun im Land verfügbar ist.

Bezüge zur Arbeitswelt werden in vom INA angebotenen Aus- und Weiterbildungen üblicherweise durch Praktika in Betrieben oder durch parallele bzw. vorherige Berufstätigkeit hergestellt. Das duale Konzept war den Ausbilder:innen im INA vertraut, spielte dort aber bislang in der Praxis keine große Rolle.[6]

Eine explizit duale INA-Qualifizierungsmaßnahme im Feld der Administration war Gegenstand einer Diskussion mit einer Lerngruppe am CENETUR in San José mit elf Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren sowie sieben Lehrkräften bzw. Organisator:innen. Die Qualifizierung dauert drei Monate, davon verbringen die Teilnehmerinnen rd. 25 Tage in dem Betrieb im Feld der Nahrungsmittelindustrie, der die Maßnahme bei INA beauftragt hat.

Abbildung 8: Teilnehmerinnen einer dualen Qualifizierungsmaßnahme am INA CENETUR (2025) © MeyerAbbildung 8: Teilnehmerinnen einer dualen Qualifizierungsmaßnahme am INA CENETUR (2025) © Meyer

In den Gesprächen wurde deutlich, dass das INA eine sehr hohe Reputation in der Arbeitswelt Costa Ricas hat. Die meisten der anwesenden Frauen hatten schon mehrere Kurse dort belegt. An dem dualen Konzept schätzen sie den Einblick in die Praxis und hoffen auf einen Klebeeffekt. Sie signalisierten ihre Bereitschaft, weitere Kurse zu besuchen, was auf eine hohe Bildungsaspiration im beruflichen Sektor hindeutet. Sie äußerten sich zuversichtlich, dass sich die Qualifizierung am Arbeitsmarkt im Sinne eines sukzessiven, wenn auch begrenzten beruflichen Aufstieges auszahlen würde. Die Frauen nahmen ihre Qualifizierung im INA nicht als Sackgasse wahr, sondern sahen darin eine echte Chance für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Eine der Gesprächspartnerinnen formulierte prägnant: „Wenn du von INA kommst, dann hast du den Job!“

Im Gespräch brachte diese Gruppe ein spezifisches Klassenbewusstsein zum Ausdruck: sie betonten, dass ihre Einkommensmöglichkeiten limitiert seien, weil die akademische Bildung deutlich mehr wert sei als die INA-Kurse. Aus deutscher Sicht mag es überraschen, dass das Fehlen eines formalen Arbeits- bzw. Ausbildungsvertrags zwischen den Schülerinnen und den Unternehmen positiv gesehen und als ein Schutz vor Ausbeutung gewertet wurde.

Die Segmentierung des Bildungssystems und seine mangelnde Durchlässigkeit wurden von den Schülerinnen einerseits kritisiert, andererseits aber auch als gegeben hingenommen. Die Aktivitäten des Staates zur Dualisierung der Ausbildung wurden positiv bewertet. Mit der Institution INA und dem Konzept der dualen Ausbildung schienen sich die Teilnehmerinnen in hohem Maß zu identifizieren.

4.3 Invenio Universidad Dual

Die kleine Parauniversidad Invenio Universidad Dual orientiert sich explizit am Konzept der deutschen Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Mit Blick auf die Dualisierung der beruflichen Bildung in Costa Rica ist dieses Beispiel relevant, auch wenn es an dieser Parauniversidad nur wenige duale Studierende gibt (Camacho-Calvo et al., 2019, S. 24–27). Der Standort liegt im Westen des Landes in der Provinz Guanacaste und konnte in der ersten Feldphase besucht werden (2024).

Der Campus liegt mehrere Kilometer von den nächsten Ortschaften entfernt auf einem riesigen Gelände. Für die Studierenden gibt es dort Wohnheime in Form kleiner Wohnhäuser, die sich jeweils einige Studierende teilen. Alle Gebäude wirkten neu und gut ausgestattet. Insgesamt wirkt das Gesamtsetting elitär, mit insgesamt weniger als 100 Studierenden. Zum Zeitpunkt des Besuchs fand kein Unterricht statt, so dass keine Interaktionen beobachtet werden konnten. Allerdings wurde ein kooperierender Betrieb auf dem Gelände besucht, in dem Informatikstudierende praktisch lernen. Bei dem Betrieb handelt es sich um ein hochmodernes Datacenter, in dem Server betrieben werden. Zum Zeitpunkt des Besuchs war dies das einzige derartige Datacenter in Costa Rica. Dort erläuterten zwei ehemalige Studierende, die mittlerweile dort beschäftigt sind, die technischen Abläufe und berichteten von ihren Studienerfahrungen. Für sie war das duale Studium vor allem deshalb sehr positiv, da sie im Anschluss direkt in eine ausbildungsadäquate Beschäftigung wechseln konnten.

Die an diesem Beispiel sichtbare ausgeprägte Unternehmensnähe bildet den Kern des Konzepts der Parauniversidad Invenio Universidad Dual. Diese wurde von einem Unternehmer mit deutschem Migrationshintergrund gegründet, um unternehmensnahe Ausbildungskonzepte umzusetzen. Das riesige Gelände, auf dem die Parauniversidad liegt, wird zu einer Freihandelszone entwickelt, in der sich Unternehmen ansiedeln sollen. Die hohe Bedeutung von Freihandelszonen in der Ökonomie Costa Ricas zeigt sich daran, dass sie überall im Land entlang großer Straßen zu sehen sind und dass sie zudem ein Akteur in der Initiative CAP-Dual sind (s.o.). Die Parauniversidad Invenio Universidad Dual lässt sich daher am besten als Teil eines unternehmerischen Ökosystems verstehen, wobei die Attraktivität für Studierende und Unternehmen jeweils durch die andere Seite verstärkt wird.

5 Fazit und Ausblick

Mit Blick auf die SDGs muss „Nachhaltigkeit im internationalen Dialog … von der Makroebene bis zur Mikroebene gestaltet werden.“ (Spöttl, 2023, S. 52) Bilanzierend ist mit Blick auf die Nachhaltigkeit der Implementierung dualer Ausbildungsstrukturen für Costa Rica zu konstatieren, dass die Umsetzung kaum über die Makroebene hinausgekommen ist.

Der hier vorgenommene explorative Einblick in die Berufsbildungspraxis Costa Ricas verweist darauf, dass die schleppende Einführung dualer Ausbildung eher nicht auf mangelndes Wissen oder Kenntnisse bezüglich dieser Ausbildungsform zurückgeht. Vielmehr scheint es in den Bildungsinstitutionen keinen akuten Bedarf bzw. keine Nachfrage nach einer Dualisierung zu geben. Die Dualisierung als Lösung scheint nicht zu den eigentlichen Problemen Costa Ricas zu passen: „the current approach has … reproduced structural inequalities by failing to effectively integrate the most vulnerable sectors of the youth population.“ (Láscarez Smith, 2025, S. 42) Zudem war und ist das costa-ricanische System der Berufsqualifizierung offensichtlich bisher nicht dysfunktional: Sowohl die besuchten Colegios Técnicos als auch INA und die Parauniversidad vermitteln berufliche Bildung, die in der jetzigen Form gute Chancen auf eine Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt bietet.

Auch hinsichtlich der durch die SDG geforderte Steigerung der sozialen Gerechtigkeit durch die Verallgemeinerung des Zugangs zu guter Bildung lässt sich hinsichtlich der im vorherigen Abschnitt geschilderten Beobachtungen eine kritische Bilanz ziehen: Die grundlegend strukturellen Probleme der Jugendarbeitslosigkeit und Armut werden im Sinne der SDGs durch eine Dualisierung der bereits bestehenden Angebote offensichtlich nicht adressiert. Wenn innerhalb der bereits bestehenden Berufsbildungsangebote der Anteil des betrieblichen Lernens erhöht wird, entsteht dadurch nicht ein einziger zusätzlicher Ausbildungsplatz für die 28 % junger Erwachsener, die sich weder in Beschäftigung noch in einer Bildungsmaßnahme befinden (siehe Abschnitt 2.1). Ein zentrales Ergebnis der explorativen Forschungsphasen ist, dass künftige Berufsbildungsforschung in Costa Rica die Problematik der Bildungsexklusion – bzw. positiv gewendet – die Problematik der Zugänge zu qualitativ hochwertiger Berufsbildung stärker analysieren sollte. Ausgehend vom berufs- und wirtschaftspädagogischen Zugang eines emanzipatorischen Realismus (Eckelt, 2024b) geht es darum, historische, wirtschaftliche, soziokulturelle u.a. Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, die einer inklusiven und nachhaltigen Berufsbildungspraxis bislang im Wege stehen. Der Beitrag der Forschung kann darin liegen, die „miteinander verschränkten gesellschaftlichen Widersprüche“ (Eckelt, 2024b, S. 35) aufzudecken und so den bildungspolitisch Verantwortlichen empirisch fundierte Handlungsoptionen aufzuzeigen. Dazu wäre es möglich, den hier explorativ eingesetzten Ansatz einer verstehenden Feldforschung als methodischen Ansatz der internationalen Berufsbildungsbildungsforschung systematischer auszuarbeiten und einzusetzen.

Hinsichtlich der bilateralen Berufsbildungskooperation zwischen Costa Rica und Deutschland ist mit Blick auf die Akteurskonstellationen festzustellen, dass ein enger Fokus auf Maßnahmen zur Dualisierung kontraproduktiv wirken und zu enttäuschten Erwartungen führen kann. Der Erfolg der Kooperation sollte nicht an einem – wie auch immer zu bestimmenden – Grad der Dualisierung nach deutschem Vorbild gemessen werden.

Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass das deutsche duale Ausbildungssystem im Inland massiven Erosionstendenzen ausgesetzt ist und mit Blick auf die SDGs dafür kritisiert wird, dass Fachkräftesicherung, soziale Integration und Verhinderung von Jugendarbeitslosigkeit durch berufliche Qualifizierung nicht ihre gesellschaftlich notwendige Funktion erfüllen. Da die Expert:innen in Costa Rica über fundiertes Wissen bezüglich des deutschen dualen Ausbildungssystems verfügen, sind ihnen diese Schwächen durchaus bekannt, trotzdem wollen sie von den deutschen Erfahrungen lernen.

Eine realistische Perspektive für die künftige Zusammenarbeit in der Berufsbildungsforschung könnte darin liegen, auf bildungspolitische Tatsachen bzw. Problemlagen zu rekrutieren und diese – gemeinsam mit den Akteuren vor Ort – kritisch zu reflektieren. Dazu gehören z.B. die sozialen Problemlagen im Kontext der Bildungsbeteiligung, die geringe Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen, die Leerstellen einer curricularen Verfasstheit, die möglicherweise mangelnde Professionalisierung eines Teils des Bildungspersonals und nicht zuletzt das historisch manifestierte Bildungsschisma zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung. Zu klären ist, wie es möglich ist, Berufsbildungsstrukturen auf- bzw. auszubauen und deren Nachhaltigkeit im Sinne der SDGs zu sichern. Dies erfordert unabdingbar, auch die Stärken des bestehenden Systems in den Blick der Forschung zu nehmen und den Akteuren vor Ort eine Stimme zu geben: „Finally, the implementation of dual apprenticeships must be part of a broader socio-economic development strategy that addresses structural inequalities and strengthens the country’s educational and productive capacities.“ (Láscarez Smith, 2025, S. 43)

Berufsbildungssysteme und -modelle sind grundsätzlich kein statisches Produkt, das sich exportieren lässt. Insbesondere für das deutsche System der dualen Ausbildung gilt, dass es als Referenzland angesichts der expliziten Rahmung der dualen Ausbildungsstrukturen im Konzept des Berufs (Heller et al., 2015) und der zugrundeliegenden Interaktionsprozesse des Beruflichkeitsprinzips (Meyer, 2023b) in seiner Komplexität kaum in einem anderen Kontext nachzubilden und damit auch nur ansatzweise zu transferieren ist. Die jeweils vorherrschenden Strukturen der Berufsbildung sind immer das Ergebnis komplexer sozialer Aushandlungsprozesse, in denen sich auch Macht- und Interessenkonstellationen widerspiegeln (Schmees & Láscarez Smith, 2024; Meyer, 2023a). Internationale Forschung, die Prozesse des Transfers, der Adaption bzw. der Tropicalization von Berufsbildung verstehend rekonstruieren will, muss solche Strukturen und Funktionslogiken im Feld der Berufsbildung beschreiben, analysieren und interpretieren. Kontext der Bewertung – oder besser: der kritischen Würdigung – sollten dabei die Strukturen und Veränderungen vor Ort sein und nicht die Situation in anderen Ländern, in denen gänzlich andere Rahmenbedingungen vorherrschen. Eine solche anzustrebende „Phase der reflexiven internationalen Berufsbildungsforschung“ (Büchter & Klassen, 2024, S. 252) sucht den Dialog auf Augenhöhe in einem „Modus des Sprechens-Mit“ (Eckelt, 2024a, S. 385) und nimmt dabei auch ihre eigenen Grenzen in den Blick.

Literatur

APSE (2019, 19. März). ¿Qué es el proyecto de Educación Dual? APSE. https://apse.cr/2019/03/educacion-dual/

Beaufaÿs, S. (2014). Verstehen (comprendre). In Gerhard Fröhlich & Boike Rehbein (Hrsg.), Bourdieu-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung (S. 240–244). JB. https://doi.org/10.1007/978-3-476-01379-8_53 

BIBB. (2024). Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2024: Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung. Budrich.

Bourdieu, P. (2002). Verstehen. In P. Bourdieu & A. Accardo (Hrsg.), Das Elend der Welt: Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft (2. Aufl., Bd. 9, S. 779–802). UVK.

Büchter, K. & Klassen, J. (2024). Einleitung. Bildung und Erziehung, 77 (3), S. 251–256. https://doi.org/10.7788/buer.2024.77.3.251

BMFTR (2025, 28. Oktober). Förderaufruf – Bilaterale Berufsbildungszusammenarbeit mit Costa Rica. BMFTR. https://www.berufsbildung-international.de/foerderung/bekanntmachungen-und-foerderaufrufe/forderaufruf-bilaterale-berufsbildungszusammenarbeit-mit-costa-rica/

BMZ (2023). Strategiepapier: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Ausbildung und Beschäftigung. BMZ. https://www.bmz.de/resource/blob/182690/bmz-papier-nachhaltige-wirtschaftsenwicklung.pdf

Deutscher Bundestag (2013). Strategiepapier der Bundesregierung zur internationalen Berufsbildungszusammenarbeit aus einer Hand (Drucksache, Nr. 17/14352).

https://dserver.bundestag.de/btd/17/143/1714352.pdf

Camacho-Calvo, S., García-Fallas, J., Kemper, J. M., Maldonado-Mariscal, K. & Vargas-Porras, A. (2019). Country Case Study on Technical Vocational Education and Training (TVET) in Costa Rica. LELAM Working Papers Nr. 08

https://www.dcdualvet.org/wp-content/uploads/2019_KOF_WP_Country-Case-Study-on-TVET-in-Costa-Rica.pdf

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[1] Die weiteren außereuropäischen Kooperationspartnerländer sind China, Indien, Russland, Südafrika, USA, Israel, Ghana, Iran und Thailand. Die Kooperationspartnerländer in der EU sind Griechenland, Italien, Portugal, Slowakei und Lettland (GOVET, 2025d).

[2] Das Verhältnis von Aus- zu Weiterbildung bei INA ist dabei unklar. In der Darstellung der angebotenen Kurse unterscheidet das INA nicht danach, welche als Erstausbildung und welche als Weiterbildung angeboten werden: https://www.ina.ac.cr (letzter Zugriff 03.02.2026)

[3] Siehe FN 2 zu den Schwierigkeiten der exakten Bestimmung der Anzahl von Erstausbildungen am INA.

[4] https://www.uni-osnabrueck.de/fb3/bwp/forschung/laufende-projekte/cori-cert-1-1 &

https://www.uni-osnabrueck.de/fb3/bwp/forschung/laufende-projekte/cori-cert-1 (abgerufen am 03.02.2026).

[5] In theoretischer Perspektive birgt die Überwindung der Engführung auf die Übertragbarkeit dualer Ausbildungsstrukturen auch die Chance einer Erweiterung der Fokussierung auf unterschiedliche, kulturell eingebettete Formen von Berufsbildung. Dies eröffnet zudem eine Forschungsperspektive, bei der auch sogenannte informal apprenticeships (ILO – International Labour Organization, 2011) berücksichtigt werden: „Während die akademische Bildung, aber auch die formale Berufsausbildung weitgehend die sozioökonomisch besser gestellten Bevölkerungsgruppen aufnimmt, bildet der betrieblich basierte informale Ausbildungssektor einen möglichen Zugang für Mitglieder aus jenen Schichten, die ansonsten von nachschulischer Bildung ausgeschlossen blieben.“ (Euler, 2023, S. 11)

[6] Im Rahmen der bilateralen Berufsbildungskooperation fungiert das INA als Partner des BIBB. Auf der Führungsebene und in der Forschungsabteilung des INA gibt es eine ausgeprägte Expertise bezüglich des deutschen dualen Ausbildungssystems. Viele der dortigen Gesprächspartner:innen waren auch selbst bereits zu Studienbesuchen in Deutschland.

Soziale Nachhaltigkeit als strategische Herausforderung – Bilanz und Perspektiven aus dem Projekt BASINtech

1 Einleitung

Die Folgen des menschengemachten Klimawandels beeinflussen längst unsere Arbeitsverhältnisse. Diese verändern sich, es entstehen neue Tätigkeitsfelder und andere fallen weg. Die damit einhergehende Belastungsentstehung und -verteilung ist ein zentraler Konflikt gegenwärtiger, gesellschaftlicher Auseinandersetzung geworden (Mau et al., 2023). Über das gesamte Berufsleben hinweg wird es notwendiger denn je, sich diesen verändernden Bedingungen anzupassen und m.U. über Weiterbildung und Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) mit der Transformation Schritt halten zu können. Es zeigt sich in diesem Kontext auch, dass mitbestimmte Unternehmen bessere Umweltleistungen aufweisen und zukunftsfähiger im Umgang mit Beschäftigten in der gesamten Lieferkette agieren (Scholz, 2023).

In der BBNE ist die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit inzwischen bildungspolitisch und didaktisch fest verankert. Weniger geklärt ist jedoch, wie die soziale Dimension von Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung konkret gefasst und umgesetzt werden kann. Gerade im betrieblichen Kontext stellt sich die Frage, welche Kompetenzen Ausbilder:innen, Betriebsräte und Auszubildende benötigen, welche Strukturen förderlich sind und wie soziale Nachhaltigkeit dauerhaft in Ausbildungsprozesse eingebunden werden kann. Diese Leerstelle bildet den wissenschaftlichen Ausgangspunkt des Beitrags. Der Beitrag greift diese Problemstellung anhand der Begleitforschung im Projekt BASINtech auf. Untersucht wird, wie soziale Nachhaltigkeit in High-Tech-Unternehmen verstanden wird, welche Handlungs- und Kompetenzbedarfe sichtbar werden und welche Anforderungen sich daraus für die strategische Verankerung sozialer Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung ergeben.

Der gemeinsame Beitrag zu Sozialer Nachhaltigkeit als strategische Herausforderung bilanziert Umsetzungserfahrungen aus dem Projekt BASINtech. Das Projekt „Betriebliche Ausbildung und die Strategische Implementierung von Nachhaltigkeit. Handlungskompetenzen für Ausbilder:innen und Interessensvertretungen in High-Tech-Unternehmen (BASINtech)“ wird im Rahmen des Programms „Nachhaltigkeit im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) von 2024-2026 gefördert. Zielsetzung ist es, ein akademisches Weiterbildungsprogramm zu entwickeln, das Kompetenzen zur Stärkung von Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung vermittelt.

Der Beitrag schildert als Forschungsbeitrag konzipiert zentrale Fragestellungen zu Nachhaltigkeit in der Berufsbildung. Dafür wird vorab das Forschungsanliegen theoretisch dargestellt und die eingesetzten Methoden zur Transparenz beschrieben, anschließend die Ergebnisse dargestellt und zum Abschluss des Beitrags bilanziert.

2 Theoretische Darstellung des Forschungsanliegens

Die Debatte um Nachhaltigkeit hat seit der UN-Konferenz von Rio 1992 eine beachtliche Dynamik entfaltet und die berufliche Bildung nachhaltig geprägt. Sie wird heute weithin als Leitmotiv verstanden, das ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen verknüpft und deren Wechselwirkungen im Transformationsprozess adressiert (UNESCO, 2021; Enquete-Kommission, 1998). Vor diesem Hintergrund zielt das Forschungsanliegen von BASINtech darauf, soziale Nachhaltigkeit nicht als additive „Projektbeigabe“, sondern als strategisches Prinzip in der betrieblichen Ausbildung zu verankern. Der Fokus liegt auf High-Tech-Unternehmen, deren forschungs- und entwicklungsintensive Wertschöpfung branchenübergreifend wirkt und die in besonderer Weise von den Umstellungen einer sozial ökologischen Transformation betroffen sind. Erste Sondierungen im Feld zeigen deutliche personal- und bildungspolitische Herausforderungen: Erwerbsbiografien verändern sich, Qualifikationsanforderungen steigen, und Weiterbildung avanciert zum Kern strategischer Personalbindung; zugleich besteht ein Desiderat an institutioneller Unterstützung, Zuständigkeiten und Zielklarheit. Das Projekt beantwortet diese Herausforderungen mit der gezielten Kompetenzentwicklung zweier Multiplikator:innengruppen – betriebliche Ausbilder:innen und Betriebsrätinnen – und verbindet dies mit der (Weiter-)Entwicklung modularer, beteiligungsorientierter Weiterbildungsangebote, die auf Sozialbeziehungen, Mitbestimmung und strategische Implementierung von Nachhaltigkeit zielen (Wienberg, 2024).

Zentral ist dabei der Begriff der sozialen Nachhaltigkeit, der in früheren Nachhaltigkeitsstrategien häufig als „Stiefkind“ der ökologischen und ökonomischen Dimensionen galt (Müller, 2002). Sozial nachhaltig ist Entwicklung dort, wo Partizipation, Chancengleichheit, soziale Sicherheiten, Gesundheit, Anerkennung und gute Arbeit systematisch ermöglicht werden (Empacher & Wehling, 2002; Murphy, 2012; Vallance et al., 2011; Becke, 2008). Arbeit fungiert in diesem Verständnis doppelt: als Ort individueller Lebensgestaltung und als institutioneller Raum demokratischer Teilhabe. Im Rahmen der BBNE wird berufliche Handlungsfähigkeit als Gestaltungskompetenz gefasst, die Systemdenken, antizipatives und normatives Urteilen sowie strategisch‑kooperatives Handeln integriert. Damit verbindet BBNE-Qualifikation mit Befähigung i. S. erweiterter Verwirklichungschancen und adressiert soziale Nachhaltigkeit als Voraussetzung gelingender ökologischer und ökonomischer Transformation (UNESCO, 2021). Im deutschen Kontext markiert § 1 Abs. 3 BBiG diesen normativen Rahmen und erweitert Handlungskompetenz explizit um Partizipation und Aushandlung (BBiG § 1 Abs. 3; Meyer & Rühling, 2023). Entsprechend knüpft das Projekt an ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsverständnis an, das Zielkonflikte zwischen den drei Dimensionen nicht ausblendet, sondern sichtbar macht und in Aushandlungsprozessen bearbeitet (Holzbaur, 2020; Singer-Brodowski & Holst, 2022). Im Kontext des deutschen Berufsbildungssystems verweist §1 Abs. 3 BBiG auf die Entwicklung beruflicher Handlungsfähigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt – ein normativer Bezug, der die Befähigung zur mitbestimmten Gestaltung von Arbeit und Arbeitsbeziehungen einschließt und soziale Nachhaltigkeit zu einer Voraussetzung gelingender ökologischer und ökonomischer Transformation macht (UNESCO, 2021; BBiG §1 Abs. 3; Meyer & Rühling, 2023).

Trotz dieser theoretischen und bildungspolitischen Grundlagen bleibt soziale Nachhaltigkeit in Forschung und betrieblicher Praxis bislang weniger ausgearbeitet als die ökologische Dimension. Dabei wird immer wieder darauf verwiesen, dass die soziale Dimension konzeptionell offener, schwerer messbar und in Organisationen weniger systematisch steuerbar ist als ökologische Nachhaltigkeit (Annarelli et al., 2024). Für die berufliche Bildung und besonders für die betriebliche Ausbildung zeigt sich diese Lücke noch deutlicher. Zwar wurde Nachhaltigkeit in der BBNE in den vergangenen Jahren durch Modellversuche und Transferarbeiten gestärkt. Dabei entstanden unter anderem Ansätze zur Entwicklung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen, didaktische Materialien sowie Konzepte zur Gestaltung nachhaltiger Lernorte (Melzig et al., 2021). Gerade der Ansatz nachhaltiger Lernorte ist für die betriebliche Ausbildung anschlussfähig, weil er Nachhaltigkeit nicht nur als Lerninhalt, sondern auch als Frage institutioneller Strukturen, Routinen und Gestaltungsmöglichkeiten versteht (Feichtenbeiner et al., 2019). Offen bleibt jedoch, wie soziale Nachhaltigkeit innerhalb betrieblicher Lernorte konkret ausgestaltet und als eigenständiges Kompetenz- und Handlungsfeld verankert werden kann. Insbesondere fehlt es an empirischen Befunden dazu, welche Kompetenzen, Handlungsfelder und betrieblichen Strukturen notwendig sind, um soziale Nachhaltigkeit in der Ausbildung gezielt zu stärken. An dieser Forschungslücke setzt BASINtech an, indem soziale Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung empirisch untersucht und in ein beteiligungsorientiertes Weiterbildungsformat für Ausbilder:innen und Interessenvertretungen übersetzt wird. Die theoretische Rahmung des Forschungsanliegens ist in einem kritisch konstruktiven, partizipativen Bildungsverständnis situiert. Didaktisch impliziert das BBNE‑Verständnis erfahrungsbasierte, partizipative und reflexive Lernprozesse, eingebettet in Aktions‑ und Praxisforschung (Allespach & Rudel, 2021). Methodisch knüpft BASINtech an Aktions- und Praxisforschung an, die Theorie und Praxis als dialektisch aufeinander bezogene, ko-produktive Sphären begreift und die Akteure im Feld als Co Forschende in Erkenntnisprozesse einbindet (Klüver & Krüger, 1972; von Unger, 2014; Bergold & Thomas, 2012). Dieses emanzipatorische Paradigma verbindet Selbstbestimmung, Solidarität und Mitgestaltung als leitende Bildungsziele (Klafki, 1995, 1996; Negt, 1997). Für die betriebliche Weiterbildung bedeutet dies, Erfahrungswissen systematisch zu mobilisieren, organisationale Kontexte zu reflektieren und Ansprüche an Kompetenzentwicklung aus den realen Problemlagen der Arbeit heraus zu generieren (Allespach & Rudel, 2021; Allespach, 2024). Die im Projekt verfolgte erfahrungsorientierte Didaktik dient damit der nachhaltigen Verzahnung von Theorie und Praxis, indem sie berufliche Erfahrungen der Zielgruppen – Ausbilder:innen und Betriebsräte – zum Ausgangspunkt curricularer Entwicklung macht (Wienberg, 2024).

Vor diesem theoretischen Hintergrund erklärt sich die enge Verknüpfung des Nachhaltigkeitsbegriffs mit Mitbestimmung. Mitbestimmung fungiert dabei – i. S. des BBNE‑Verständnisses – als konstitutiver Lern‑ und Governance‑Mechanismus: Sie institutionalisiert Partizipation und stützt die Bearbeitung von Zielkonflikten. Empirisch zeigen sich zudem Zusammenhänge zwischen Mitbestimmung und höheren Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Diese werden im internationalen Diskurs häufig als Environmental, Social and Governance-Kriterien (ESG) gefasst. Darüber hinaus wird Mitbestimmung mit Beschäftigungs‑ und Dividendenstabilität sowie Demokratiezufriedenheit in Verbindung gebracht (Pfeifer, 2023; Scholz, 2023, 2026; Vitols & Scholz, 2021). Erstens: Mitbestimmung operiert als institutionalisierte Form der Partizipation und ist damit konstitutiver Bestandteil sozialer Nachhaltigkeit, weil sie die Einbindung von Beschäftigtenperspektiven in strategische Entscheidungsprozesse systematisch ermöglicht (Empacher & Wehling, 2002). Zweitens: Empirische Evidenz aus Unternehmensdatensätzen zeigt robuste positive Zusammenhänge zwischen der Stärke der Unternehmensmitbestimmung und Nachhaltigkeitsleistungen entlang der ESG-Dimensionen. Eine Studie auf Basis des Mitbestimmungsindex ESG Scores belegt, dass Unternehmen mit höherer Mitbestimmung signifikant bessere Gesamt ESG-Scores erzielen (Scholz, 2023). Drittens: Mitbestimmung entfaltet nicht nur innerbetriebliche, sondern auch demokratietheoretische Relevanz. So zeigen Analysen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), dass Beschäftigte in Betrieben mit Betriebsrat im Durchschnitt signifikant zufriedener mit der Demokratie in Deutschland sind – ein Befund, der die „Spillover These“ (Partizipationserfahrungen am Arbeitsplatz stärken demokratische Orientierungen) stützt und über verschiedene Identifikationsstrategien robust ist (Pfeifer, 2023). Damit weist Mitbestimmung über betriebliche Governance hinaus: Sie trägt zur demokratischen Stabilisierung bei, indem sie Teilhabe erfahrbar und wirksam macht. Viertens: Mitbestimmung ist auch ökonomisch-strategisch mit langfristiger Stabilität kompatibel. Eine jüngere Analyse von 231 börsennotierten Unternehmen (2014-2023) zeigt, dass stark mitbestimmte Unternehmen häufiger der Kategorie „Substanzwerte“ zugehörig sind, Dividenden regelmäßiger und schwankungsärmer ausschütten und zugleich eine stabilere Beschäftigungsentwicklung aufweisen; der dämpfende Effekt der Mitbestimmung auf die Variation der Beschäftigung ist über 16 Modellvarianten hinweg konsistent und stärker als der Effekt hoher Gewinne (Scholz, 2026). Damit ist die Sorge, eine starke Mitbestimmung beeinträchtige zwingend Aktionärsinteressen, empirisch nicht haltbar: Mitbestimmung ist mit planbaren Erträgen (Dividendenkontinuität) und Beschäftigungssicherheit vereinbar – ein Befund, der gerade in Transformationsphasen für „geduldiges Kapital“ und unternehmensstrategische Langfristorientierung bedeutsam ist (Scholz, 2026; Vitols & Scholz, 2021).

Aus Perspektive des BASINtech-Projekts resultiert daraus eine doppelte Begründung für Betriebsräte als Schlüsselzielgruppe: normativ, weil soziale Nachhaltigkeit in Organisationen nicht ohne verlässliche Partizipationsstrukturen umzusetzen ist, und empirisch, weil Mitbestimmung mit höheren Nachhaltigkeitsleistungen, besserer Dividenden- und Beschäftigungsstabilität sowie höherer Demokratiezufriedenheit korreliert (Scholz, 2023; Scholz, 2026; Pfeifer, 2023). Hinzu kommt die projektinterne Befundlage: Qualitative Analysen zeigen, dass Nachhaltigkeitsanforderungen im Feld ambivalent erlebt werden – zwischen „bequemen“ (wertkonsistenten) und „unbequemen“ (zielkonflikthaften) Anforderungen –, dass soziale Sicherheiten und die Bewältigung transformativer Unsicherheiten für Akzeptanz zentral sind und dass soziale, kommunikative und strategische Kompetenzen in der Qualifizierung deutlich an Bedeutung gewinnen (Wienberg, 2024). Gerade in diesen Spannungsfeldern agieren Betriebsräte als Übersetzer:innen zwischen ökonomischen Zwängen, Nachhaltigkeitsstrategien und Beschäftigteninteressen. Sie können Beteiligung organisieren, Erfahrungswissen heben, Zielkonflikte transparent machen und damit Legitimation für Veränderung schaffen. Dass Mitbestimmung darüber hinaus – i. S. einer „doppelten Materialität“ – Stakeholder Perspektiven in die Unternehmensentwicklung integriert, ist nicht nur für ESG Reporting, sondern für wirksame Transformationssteuerung relevant (Scholz, 2023).

Im Ergebnis umreißt das Forschungsanliegen von BASINtech ein strategisches, partizipatives Transformationsdesign der betrieblichen Ausbildung, das soziale Nachhaltigkeit als Fähigkeit zur Mitgestaltung von Arbeit und Arbeitsbeziehungen operationalisiert. Es verbindet ein normatives Bildungsziel (Befähigung zur Teilhabe und Mitbestimmung) mit einer empirisch fundierten Governance Logik (Mitbestimmung als Hebel für Nachhaltigkeitsleistung, Stabilität und demokratische Resilienz) und situativem Curriculum Design (erfahrungs- und beteiligungsorientierte Kompetenzentwicklung in High-Tech-Kontexten). Damit versteht sich das Projekt als Beitrag zur Überwindung der in der Berufsbildungsliteratur wiederholt konstatierten „strukturellen Hemmnisse“ der Nachhaltigkeitsimplementierung – zugunsten institutioneller Reformen, die Zeit, Räume und strategische Steuerung für Nachhaltigkeit schaffen und Berufsbildung zur gestaltenden Kraft der Transformation machen (Allespach, 2024; Hackel, 2024). Soziale Nachhaltigkeit ist somit in der beruflichen Bildung ohne Mitbestimmung nicht belastbar – und Mitbestimmung entfaltet ihre nachhaltigkeitswirksame Kraft insbesondere dann, wenn sie als Lern- und Aushandlungsprozess gestaltet wird, der Kompetenzen, Strukturen und Strategien zusammenführt.

3 Forschungsmethoden

Die empirische Erhebung zielte darauf ab, das Verständnis sozialer Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung von High-Tech-Unternehmen sowie damit verbundene Handlungs- und Kompetenzbedarfe zu erfassen. Leitend waren dabei drei Fragen: Wie verstehen betriebliche Ausbilder:innen und Betriebsräte soziale Nachhaltigkeit im Kontext beruflicher Ausbildung? Welche Handlungs- und Kompetenzbedarfe sehen sie für deren Stärkung? Und welche organisationalen Bedingungen fördern oder erschweren die strategische Verankerung sozialer Nachhaltigkeit in der Ausbildung? Dafür war es zunächst notwendig, in einem explorativen Setting bestehende betriebliche Bestrebungen, die Auffassung von Nachhaltigkeit und notwendige Qualifizierungsbedarfe der beteiligten Unternehmen in einem partizipativen Vorgehen mit den Unternehmen gemeinsam zu analysieren. Das nun folgend beschriebene Vorgehen schildert den Erhebungs- und Auswertungsprozess der nicht-repräsentativen Begleitforschung im Projekt, die im zweiten Halbjahr des Jahres 2025 stattgefunden hat.

In einem explorativen Mixed-Methods Design (Kelle, 2007, zitiert nach Johnson et al., 2007) wurden verschiedene Datensätze aus drei Sampling-Gruppen zum eingangs beschriebenen Themenkomplex erhoben und diese in Anschluss kommunikativ validiert. Nach Kelle (2007) kann diese Kombination von Methoden dazu beitragen, m.U. komplementäre Erkenntnisse miteinander in Beziehung zu setzen. Die Zusammensetzung der Stichprobe für die Bedarfsanalyse ergab sich aus den Zielgruppen des Projektprogramms Nachhaltig im Beruf, der insbesondere betriebliche Ausbilder:innen adressiert. In methodologischer Hinsicht orientierten wir uns an den Sampling-Empfehlungen von Merkens (2012, S. 292) zur Untersuchung von Forschungsfragen in Organisationen. Das Sample für die qualitative Untersuchung bestand daher aus Ausbilder:innen und für unser Projekt angepasst auch aus Betriebsräten. Aus den beteiligten fünf High-Tech-Unternehmen konnten vier Ausbilder:innen und fünf Betriebsräte für die qualitative Befragung gewonnen werden. Zum Sampling der quantitativen Analyse gehörten sodann auch Auszubildende, die in der betrieblichen Praxis insbesondere mit Ausbilder:innen aber auch mit Betriebsräten als Multiplikator:innen der Unternehmensmitbestimmung gesetzlich verankerte Berührungspunkte aufweisen (BetrVG §92-98). Die quantitative Stichprobe bestand aus 132 betrieblichen Ausbilder:innen (24%), 36 Betriebsräten (7%) und 378 Auszubildenden (69%).

Zu Beginn des Forschungsprozesses wurden leitfadengestützte Expert:innen-Interviews (n=9) erhoben. Der Leitfaden dient als vorher abgestimmte und systematisch eingesetzte Orientierung für den Ablauf eines Interviews. Obwohl seine konkrete Ausgestaltung variieren kann, umfasst er typischerweise Elemente wie Erzählaufforderungen, fest formulierte Fragen, Stichworte für frei zu formulierende Fragen sowie Absprachen zur Gestaltung der dialogischen Interaktion in verschiedenen Interviewphasen (Helfferich, 2022, S. 876). Da der Programmrahmen Nachhaltig im Beruf die beteiligten Akteure vorgab, entschieden wir uns im Interview-Design für Expert:innen-Interviews. Diese Form von Erhebung eignet sich besonders dann, wenn Akteure aufgrund ihres spezialisierten Erfahrungs- und Faktenwissens Zugang zu relevanten Wissensbereichen eröffnen können – also wie Helfferich (2022, S. 877) zugespitzt formuliert als „Ratgeber und Wissensvermittler“ auftreten. In unserem Fall variiert der Interviewleitfaden zwischen den Samplegruppen: Für Betriebsrät:innen wurden andere Leitfragen vorgesehen als für Ausbilder:innen, da ihre Perspektiven und Aufgabenfelder unterschiedlich sind, was sich in den Einzelfragen widergespiegelt hat. Da die Betriebsratsarbeit strategisch ausgerichtet ist, bildet der Interviewleitfaden eher Fragen nach Gelingensfaktoren und Unterstützungsangeboten durch Gewerkschaften ab. Der Interviewleitfaden für betriebliche Ausbilder:innen hingegen zentriert die Umsetzung von Nachhaltigkeitsbestrebungen im Unternehmen. Insbesondere Lernorte und konkrete Angebote zu sozialem Nachhaltigkeitsmanagement wurden fokussiert. Beide Leitfäden beinhalten Fragen zu Qualifizierungsbedarfen und Herausforderungen, die sich an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit und Berufsausbildung ergeben und in der Operationalisierung relevant erschienen. Die Durchführung der Interviews fand über eine Videotelefonieplattform statt und sie dauerten zwischen 46 und 76 Minuten. Im Anschluss wurden sie mit Hilfe einer Software transkribiert und datenschutzkonform anonymisiert. Wenngleich die Leitfäden eine grobe Orientierung der Interviewsituation boten, galt im Gesprächsprozess die Verpflichtung zur größtmöglichen Offenheit, was für die Interviewerin bedeutete, „… nicht ihren eigenen Verstehenshorizont als Maß alles Verstehbaren [zu] nehmen und sich auf ganz anderes geartete Normalitäten, die aus sich heraus ihren eigenen Sinn haben, einlassen [zu] können.“ (Helfferich, 2022, S. 878) Der Ansatz von Grounded-Theory sieht vor, dass im Gegensatz zu hypothesenüberprüfenden Verfahren empirisch basierte Thesen induktiv aus dem Datenmaterial herausgebildet werden können (Strauss & Corbin, 1990). Das Verfahren vereint verschiedene, jedoch zumeist qualitative erkenntnistheoretische und methodologische Ansätze, die eher als Forschungsstil zu verstehen sind, denn als klare Verfahrensanweisungen (Strübing, 2022, S. 588). Im praktischen Vorgehen orientierten wir uns an drei Modi des Kodierens, die Strauss (1991, S. 57) als offenes, axiales und selektives Kodieren bezeichnete. Stark abgekürzt lassen sich die einzelnen Schritte bezogen auf unser Vorgehen wie folgt beschreiben: Offenes Kodieren bedeutet eine möglichst zeilenweise Analyse des Textes, mit dem Ziel versteckte Sinnschichten zu erschließen und erste relevante Textstellen ausfindig zu machen. Axiales Kodieren zielt aufbauend darauf „auf [der Erstellung von] Bedeutungsnetzwerke, die die jeweils fokussierte Kategorie möglichst umfassend erklären.“ (Strübing, 2022, S. 599) Im selektiven Kodieren werden diese Einzelstränge sodann zu zentralen Konzepten zusammengefasst, die zur Beantwortung der Forschungsfrage beitragen sollen. Wie im Vorgehen üblich, verliefen diese Kodier-Schritte teilweise auch parallel.

Insbesondere aus dem letzten Schritt bildeten sich im Forschungsprozess sodann Themenbereiche, zu denen wir mittels quantitativer Analyse eine kommunikative Validierung mit den teilnehmenden Unternehmen durchführten und die Ergebnisse so triangulieren konnten. Uns diente dieses Verfahren i. S. von Heinze & Klusemann (1979, S. 195) dazu, die Zweckmäßigkeit bestimmter Deutungen und Interpretationen der qualitativen Analyse abzusichern. Da die Bedarfsanalyse in die Entwicklung in von möglichst zielgruppenorientierten Weiterbildungsangeboten einfließen sollte, schien uns dieser Schritt zur Absicherung mit den beteiligten Unternehmen sinnvoll.

Der Aufbau und die Inhalte der quantitativen Umfrage beruht auf den Ergebnissen (vgl. Kapitel 4) der qualitativen Erhebung. Mittels Grounded-Theory-Methode bildeten wir aus dem Interviewmaterial Thesen, die wir in einem weiteren Erhebungsprozess mit den beteiligten Unternehmen nun quantitativ validierten. Die Umfrage wurde über die Ansprechpartner:innen (zumeist über die Interviewpartner:innen) in den Unternehmen gestreut und anonym über ein digitales Tool durchgeführt. Die Validierung erfolgte somit nicht im Sinne einer statistischen Repräsentativitätsprüfung, sondern als methodische Absicherung der qualitativen Befunde. Zentrale Themen und Deutungen aus den Interviews wurden in die Online-Befragung überführt und dort von einer größeren Gruppe betrieblicher Akteur:innen eingeschätzt.

Mit Blick auf die Aussagekraft der Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass es sich um eine nicht-repräsentative Stichprobe handelt. Die beteiligten Unternehmen wurden projektbezogen ausgewählt und stammen aus der High-Tech-Branche. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf alle anderen Branchen, Unternehmensgrößen oder Ausbildungsbereiche übertragen. Zudem ist von einer thematischen Vorselektion auszugehen, da Unternehmen und betriebliche Akteur:innen, die an einem Nachhaltigkeitsprojekt teilnehmen, dem Thema vermutlich bereits eine gewisse Relevanz beimessen. Die Stärke der Erhebung liegt entsprechend nicht in statistischer Generalisierbarkeit, sondern in der explorativen Herausarbeitung von Deutungsmustern, Kompetenzbedarfen und organisationalen Herausforderungen im Kontext betrieblicher Ausbildung in High-Tech-Unternehmen.

4 Analyse der Ergebnisse

In der folgenden Analyse werden die Ergebnisse der quantitativen Befragung und der qualitativen Interviews gemeinsam betrachtet. Zur Veranschaulichung ausgewählter Befunde werden Ankerzitate aus den Interviews herangezogen.

4.1 Hoher persönlicher und betrieblicher Stellenwert von Nachhaltigkeit

Dem Thema Nachhaltigkeit wird von allen drei untersuchten Gruppen eine überwiegend mittlere bis hohe persönliche Bedeutung beigemessen (vgl. Tabelle 1). Im Gruppenvergleich zeigen Betriebsratsmitglieder die höchsten Zustimmungswerte. Der persönliche Stellenwert von Nachhaltigkeit fällt bei den Auszubildenden im Vergleich dazu etwas geringer aus.

Tabelle 1: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit für Dich persönlich?

 

Betriebsratsmitglieder

Betriebliche Ausbilder:innen

Auszubildende

Sehr hoch

40%

37%

24%

Relativ hoch

57%

54%

59%

Relativ gering

0%

8%

15%

Sehr gering

3%

1%

2%

Im Vergleich zur persönlichen Bedeutung von Nachhaltigkeit ergibt sich auf Unternehmensebene ein deutlich differenziertes Bild. Betriebsratsmitglieder äußern hier eine vergleichsweise kritischere Einschätzung, während betriebliche Ausbilder:innen und Auszubildende dem Thema im Unternehmenskontext einen hohen bis sehr hohen Stellenwert zuschrieben (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit in Deinem Unternehmen?

 

Betriebsratsmitglieder

Betriebliche Ausbilder:innen

Auszubildende

Sehr hoch

21%

45%

47%

Relativ hoch

46%

39%

41%

Relativ gering

25%

15%

11%

Sehr gering

7%

1%

1%

Trotz gruppenspezifischer Unterschiede verdeutlichen die Ergebnisse insgesamt den hohen Stellenwert von Nachhaltigkeit für alle drei Zielgruppen im Erhebungszeitraum. Demgegenüber zeigt sich in der quantitativen Erhebung auch, dass sich rund drei Viertel der Betriebsratsmitglieder und betrieblichen Ausbilder:innen in den vergangenen drei Jahren nicht vertieft mit dem Thema im Rahmen von Weiterbildungen auseinandergesetzt haben. Dabei sind 83% der beiden Zielgruppen die im Jahr 2021 eingeführten Standardberufsbildpositionen (Bundesinstitut für Berufsbildung [BIBB], 2021) und insbesondere die Position „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ nicht bekannt. Es zeigt sich somit eine deutliche Diskrepanz zwischen dem hohen persönlichen und betrieblichen Stellenwert von Nachhaltigkeit und der konkreten, inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, die sich sowohl in der geringen Weiterbildungsbeteiligung als auch in der fehlenden Bekanntheit zentraler berufsbildungspolitischer Rahmenvorgaben widerspiegelt.

4.2 Breites Verständnis von sozialer Nachhaltigkeit

Trotz der geringen Weiterbildungsbeteiligung zu Nachhaltigkeit allgemein wird die soziale Dimension von Nachhaltigkeit von allen drei Gruppen sehr differenziert betrachtet. Lediglich 3% der Umfrageteilnehmenden geben an, nicht zu wissen, was unter sozialer Nachhaltigkeit zu verstehen ist. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52%) fühlen sich von ihren Unternehmen gut bis sehr gut über Aspekte sozialer Nachhaltigkeit informiert.

Die Interviews verdeutlichen, dass soziale Nachhaltigkeit im Arbeitsalltag von Betriebsratsmitgliedern und betrieblichen Ausbilder:innen eine zentrale Rolle einnimmt und gegenüber ökologischen und ökonomischen Dimensionen häufig handlungsleitend ist. Entsprechend umfasst das Verständnis sozialer Nachhaltigkeit ein breites Spektrum an Themen (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Was verstehst Du unter dem Begriff 'soziale Nachhaltigkeit'?Abbildung 1: Was verstehst Du unter dem Begriff 'soziale Nachhaltigkeit'?

Gleichzeitig zeigen die Interviews, dass soziale Nachhaltigkeit im betrieblichen Kontext nicht als eigenständige, systematisch gerahmte Kategorie genutzt wird. Vielmehr werden einzelne Aspekte isoliert behandelt, ohne unter einem übergreifenden konzeptionellen Rahmen zusammengeführt zu sein. Dies bringt ein Betriebsratsmitglied wie folgt zum Ausdruck:

„In diesen Einzelthemen oder Fragmente davon, […] werden inhaltlich […] thematisiert. Aber es gibt eben nicht diese Klammer drum, dass man das strukturell angeht. Das ist definitiv nicht da.“ (BR08:37)

Dabei wird soziale Nachhaltigkeit auch in enger Verzahnung mit ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit verstanden. Dies zeigt sich in einer Vielzahl von Projekten, die in den befragten Unternehmen bereits umgesetzt werden und neben ökologischen Zielsetzungen zugleich soziale und wirtschaftliche Effekte entfalten. Exemplarisch nennt ein Ausbilder ein Upcycling-Projekt, in dessen Rahmen ungenutzte Materialien weiterverarbeitet und verkauft werden und dessen Erlöse für gemeinnützige Zwecke gespendet werden. Zugleich wird das Projekt von Auszubildenden weitgehend selbstbestimmt organisiert und gemanagt. Neben dem ökologischen und ökonomischen Beitrag trägt ein solches Vorhaben zur Förderung von Partizipation, Innovationsfähigkeit und Selbstbestimmung der Auszubildenden bei. Auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden in engem Zusammenhang mit sozialer Nachhaltigkeit angesehen. Digitalisierung und künstliche Intelligenz werden dabei insbesondere im Hinblick auf neue Anforderungen thematisiert, die sich aus der zunehmenden Verlagerung von Kommunikation in digitale Räume sowie aus der Notwendigkeit ergeben, digitale Arbeits- und Lernformen zu erlernen und umzusetzen. Dabei betonen viele Befragte die Bedeutung von Digitalisierung für junge Menschen, für die digitale Technologien vielfach eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, dass soziale Nachhaltigkeit im betrieblichen Kontext als querschnittliches Handlungsfeld zu verstehen ist, das sowohl wirtschaftliche, ökologische als auch digitale Anforderungen integriert. Daraus ergibt sich die Frage, welche Handlungs- und Kompetenzbedarfe erforderlich sind, um soziale Nachhaltigkeit im Arbeits- und Ausbildungskontext gezielt zu fördern.

4.3 Handlungs- und Kompetenzbedarfe zur Stärkung sozialer Nachhaltigkeit

In den untersuchten High-Tech-Unternehmen werden insbesondere das soziale Miteinander sowie Gesundheit als zentrale Handlungsfelder mit dem größten Entwicklungsbedarf benannt. Während betriebliche Ausbilder:innen dem sozialen Miteinander die höchste Priorität zuschreiben, wird das Themenfeld Gesundheit vor allem von Betriebsratsmitgliedern als besonders relevant eingeschätzt. Bei den Auszubildenden rangieren sowohl das soziale Miteinander als auch Gesundheit unmittelbar hinter dem als vorrangig genannten Bedarf an Weiterbildung. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Fragestellung in der Umfrage im Hinblick auf die Handlungsbedarfe auf das gesamte Unternehmen und nicht spezifisch auf die betriebliche Ausbildung bezieht, während sich die Interviewaussagen überwiegend auf den Ausbildungskontext konzentrieren.

Abbildung 2: In welchen 3 Bereichen siehst Du den größten Handlungsbedarf, um soziale Nachhaltigkeit in Deinem Unternehmen zu stärken?Abbildung 2: In welchen 3 Bereichen siehst Du den größten Handlungsbedarf, um soziale Nachhaltigkeit in Deinem Unternehmen zu stärken?

In Bezug auf das soziale Miteinander wird von beiden Zielgruppen insbesondere der Wunsch nach mehr gegenseitigem Respekt sowie nach größerer Anerkennung und Wertschätzung geäußert. Im Kontext der betrieblichen Ausbildung werden Auszubildende darüber hinaus als nur eingeschränkt kritikfähig und begrenzt resilient gegenüber Belastungen wahrgenommen. Diese Wahrnehmung bringt ein betrieblicher Ausbilder wie folgt zum Ausdruck:

„[…] wir stellen halt fest, dass die Jugendlichen, sag ich mal, im Bereich Sozialkompetenzen insgesamt Defizite aufweisen, also dass sie eben mit ganz alltäglichen Dinge, die für uns Erwachsene ganz normal sind, auch ganz normale Belastungen, dass man morgens aufsteht und frühstückt und in die Firma geht und nicht ohne Frühstück geht und dann um acht Uhr bereits umkippt und so, oder dass man eben auch mal eine Kritik als Feedback empfinden kann und nicht als persönliche Kritik. Da haben wir sehr viele, sehr große Probleme aus meiner Sicht. Teilweise gibt es auch Probleme untereinander, so bissel mit, so in Richtung Mobbing, und da spielt da auch sicher Social Media und so ne Rolle. Und ja, genau das haben wir schon auch vermehrt, weil die natürlich heute auch digitale Endgeräte haben. Die haben Tablets, die haben Handy, und so weiter. Wird ja auch benötigt, damit man die die Ausbildungsnachweise schreiben kann, damit man auf unsere digitale Lernplattform drauf kann“. (bAp09: 38)

In den Interviews wird ein enger Zusammenhang zwischen Resilienz, Digitalisierung und sozialen Kompetenzen hergestellt. Insbesondere werden die pandemiebedingten Phasen sozialer Isolation sowie die verstärkte Nutzung digitaler Kommunikationsformen als prägende Erfahrungen der damaligen Jugendlichen beschrieben. Nach Einschätzung der Interviewpartner:innen haben diese Erfahrungen einen erheblichen Einfluss auf die Bildungs- und Kommunikationsprozesse sowie auf die psychische Gesundheit heutiger Auszubildender. Betriebliche Ausbilder:innen sehen sich dadurch vor die Herausforderung gestellt, wahrgenommene Bildungs- und Kompetenzdefizite aufzufangen, einen angemessenen Umgang mit veränderten Kommunikationsanforderungen zu entwickeln und zugleich auf psychische Belastungen reagieren zu müssen. Dabei stoßen viele Ausbilder:innen an ihre persönlichen Grenzen, insbesondere im Hinblick auf Fürsorge- und Unterstützungsaufgaben.

Entsprechend benennen die Zielgruppen psychische Gesundheit als eines der zentralen Handlungsfelder sozialer Nachhaltigkeit. In diesem Zusammenhang ist in allen befragten High-Tech-Unternehmen den Interviewpartner:innen zufolge ein Anstieg psychischer Erkrankungen festzustellen, insbesondere unter Auszubildenden. Als mögliche Ursachen werden vor allem Zukunftsängste, der Einfluss sozialer Medien sowie ein als gering eingeschätztes Maß an Resilienz angeführt. Zudem wird ein verändertes Verständnis von Gesundheit beschrieben, das sich unter anderem darin äußere, dass sich heutige Auszubildende früher krankmelden.

Die in den Interviews thematisierten Zukunftsängste spiegeln sich auch in den Umfrageergebnissen der Auszubildenden selbst wider. Sie identifizieren Weiterbildungsmöglichkeiten als größten Handlungsbedarf. Diese werden u.a. mit dem Ziel verknüpft, den Übergang in die vorgesehene Übernahmeabteilung zu unterstützen. Diese Befunde sind auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil in allen befragten Unternehmen bereits verschiedene Maßnahmen existieren, die auf die Stärkung des sozialen Miteinanders im Ausbildungsbereich sowie auf die Förderung der Resilienz von Auszubildenden abzielen. Dazu zählen etwa Einführungswochen, die mit Teambuilding-Elementen auf die Kohäsion innerhalb der Ausbildungsgruppe abzielen, ergänzende außerunterrichtliche Aktivitäten (z. B. Erlebnispädagogik) sowie diverse Partizipationsmöglichkeiten (z. B. Mitgestaltung von Ausbildungsmarketing über soziale Medien). Darüber hinaus sind in den Unternehmen Angebote zur Gesundheitsförderung etabliert, etwa in Form einer Gesundheits-Hotline. Nichtsdestotrotz wird in den Bereichen des sozialen Miteinanders und der Gesundheit aus Sicht der Befragten weiterer Handlungsbedarf gesehen.

Die ermittelten Handlungsbedarfe stehen in engem Zusammenhang mit den von den Zielgruppen benannten Kenntnissen und Fähigkeiten, die sie zur Gestaltung ihrer Arbeits- und Lebenswelt i. S. sozialer Nachhaltigkeit für erforderlich halten (vgl. Abbildung 3).

Gruppenübergreifend wird ein stärkeres Bewusstsein für soziale Nachhaltigkeit gewünscht. Die höchste Priorität liegt bei betrieblichen Ausbilder:innen und Auszubildenden im Bereich Resilienz, insbesondere in Bezug auf psychische Widerstandskraft und Stressmanagement. An dritter Stelle benennen Betriebsratsmitglieder und Ausbilder:innen Kompetenzen zur Erarbeitung von Strategien für soziale Nachhaltigkeit, während Auszubildende hier verstärkt Fähigkeiten zum besseren Verständnis und Mitgefühl für die Bedürfnisse und Perspektiven anderer hervorheben.

Darüber hinaus äußert ein erheblicher Anteil aller drei Zielgruppen den Wunsch nach vertieften Kenntnissen im Bereich Arbeitsrecht bzw. Arbeitnehmer:innenrechte. In den Interviews wird dieser Bedarf insbesondere im Kontext des Umgangs mit internationalen Fachkräften thematisiert, etwa mit Blick auf aufenthaltsrechtliche Fragestellungen und die Sicherung von Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnissen.

Abbildung 3: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten wünschst Du Dir, um Deine Arbeits- und Lebenswelt i. S. der sozialen Nachhaltigkeit zu gestalten?Abbildung 3: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten wünschst Du Dir, um Deine Arbeits- und Lebenswelt i. S. der sozialen Nachhaltigkeit zu gestalten?

Im Hinblick auf die Umsetzung sozialer Nachhaltigkeit benennen die Interviewpartner:innen eine Reihe von Herausforderungen. Dabei kommt einem fehlenden beziehungsweise uneinheitlich ausgeprägten Bewusstsein für soziale Nachhaltigkeit eine zentrale Bedeutung zu. Ein solches Bewusstsein gilt als grundlegende Voraussetzung für die strategische Verankerung und Umsetzung sozialer Nachhaltigkeit auf organisationaler Ebene. Wie im Folgenden erläutert, führt dies nach Einschätzung der Interviewpartner:innen zu einer geringen Priorisierung entsprechender Maßnahmen, zu widersprüchlichen Anforderungen sowie zu inkonsistenten Vorgehensweisen im Unternehmensalltag.

4.4 Mangelndes Bewusstsein und seine Auswirkungen auf Unternehmensstrategien

Den Interviewpartner:innen zufolge wird soziale Nachhaltigkeit in der betrieblichen Praxis häufig als „weiches Thema“ wahrgenommen. Mehrere von ihnen verweisen auf ein mangelndes Bewusstsein dafür, wie sich soziale Nachhaltigkeitsaspekte in einen messbaren ökonomischen Nutzen für das Unternehmen überführen lassen. Für die Umsetzung sozialer Nachhaltigkeitsprojekte werden jedoch nicht nur personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen benötigt, sondern auch geeignete räumliche Strukturen. Solche Rahmenbedingungen können nur geschaffen werden, wenn entsprechende Themen auf Entscheidungsebene bewusst priorisiert werden. Nach Einschätzung der Interviewpartner:innen stehen jedoch wirtschaftliche Fragestellungen im Unternehmensalltag häufig im Vordergrund, während soziale Nachhaltigkeitsaspekte vergleichsweise nachrangig behandelt werden – insbesondere auf Ebene der Geschäftsleitung und der Betriebsräte. So stellt ein Betriebsratsmitglied fest:

„ […] was das Thema Nachhaltigkeit und soziale Nachhaltigkeit angeht […] …für viele sind es auch nur weiche Faktoren, […] wir dürfen ja dabei nicht vergessen, aus der Betriebsratssicht, die meisten sind ja Ehrenämtler, die machen das on top zu ihrem Job… Dann stellt sich ja die Frage, was soll ich denn noch alles machen, und was ist denn für uns als Betriebsrat sozusagen der positive Impact oder für uns als Mitarbeitende? Das ist so ein bisschen auch mit ein Problem glaube ich, das ich damit drin sehe.“ (BR08: 68-69)

Die fehlende strategische Verankerung sozialer Nachhaltigkeit zeigt sich zudem in unklaren Zielsetzungen und dem Mangel an konkreten Kennzahlen auf Arbeitsebene. Fehlt ein klarer Orientierungsrahmen, bleibt soziale Nachhaltigkeit oft bei isolierten Initiativen stehen und entfaltet keine nachhaltige Gesamtwirkung. In mehreren Interviews wird in diesem Zusammenhang auf eine mangelnde Transparenz und Abstimmung zwischen Organisationseinheiten hingewiesen, die teils zu widersprüchlichen oder auch Doppelaktivitäten führen. Ein Interviewpartner beschreibt dies wie folgt:

„Auf dem Weg von ganz oben, von dem, was dort eigentlich mal angedacht war, nach ganz unten geht erst mal bei jedem Baustein ein kleines bisschen verloren, und es laufen Hunderte von Projekten parallel zueinander, die zum Teil gegensätzlich sind, weil die eine Abteilung eine tolle Idee hat, die andere Abteilung [auch], sie werden, es wird dann runter kaskadiert, und jede Abteilung hat dann vielleicht die eine oder andere Idee. Das verpulvert natürlich unheimlich Kapazitäten und Geld, sind manchmal gegensätzlich, und ganz unten am Ende kommt dann nur ein Minibaustein dann noch an, von da, ganz oben und das Ziel, was erreicht werden soll…ich glaube, von unten nach oben geht dann auch wieder vieles verloren…das macht dann einen Gesamtblick für uns ganz schwer.“ (BR02: 77)

Zudem äußern insbesondere Betriebsratsmitglieder den Wunsch, frühzeitiger in strategische Entscheidungsprozesse eingebunden zu werden. Eine frühere Beteiligung könne dazu beitragen, soziale Nachhaltigkeit konsistenter zu berücksichtigen und die Rolle der Betriebsräte als Multiplikator:innen entsprechender Themen zu stärken.

Diese Befunde werden durch bereits bestehende Ansätze untermauert, die von den Befragten als förderlich für die Umsetzung sozialer Nachhaltigkeit beschrieben werden. Dazu zählen insbesondere regelmäßige Austauschformate zwischen Ausbilder:innen über verschiedene Standorte hinweg, die dem systematischen Wissenstransfer dienen. Ebenso wird der direkte Austausch mit Nachhaltigkeitsabteilungen hervorgehoben, da er nicht nur die Abstimmung zwischen operativen und strategischen Ebenen erleichtert, sondern auch die Unterstützung und Verankerung entsprechender Anliegen bei zentralen Nachhaltigkeitsverantwortlichen fördert.

Darüber hinaus werden kooperative Routinen zwischen Betriebsrat und beruflicher Ausbildung als wirksam beschrieben. So berichten einige Befragte von regelmäßigen Abstimmungen, aus denen kleinere Arbeitsgruppen hervorgehen, die sich gezielt mit Innovations- und Umsetzungsideen befassen. Dies wird insbesondere deshalb als hilfreich eingeschätzt, weil dadurch frühzeitig Rückkopplungen erfolgen und Initiativen weniger Gefahr laufen, in eine strategisch nicht anschlussfähige Richtung zu entwickeln. Ergänzend wird eine aktive Jugend- und Auszubildendenvertretung als wichtiger Unterstützungsfaktor genannt, da sie nah an den Bedarfen der Auszubildenden agiert und zugleich in engem Austausch mit dem Betriebsrat steht. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass neben individuellen Kompetenzbedarfen insbesondere auch organisationale Steuerungs- und Kommunikationsstrukturen für die wirksame Umsetzung sozialer Nachhaltigkeit entscheidend sind. Mehr Austausch zwischen betrieblichen Ausbilder:innen untereinander sowie zwischen Ausbilder:innen und Betriebsräten wird dabei als notwendig erachtet, um einen gemeinsamen strategischen Rahmen zu entwickeln und soziale Nachhaltigkeit konsistent im Unternehmen zu verankern.

5 Diskussion der Forschungsbefunde und Resümee

Im Sinne einer kritisch-konstruktiven Bilanzierung zeigen die Befunde sowohl Potenziale als auch Grenzen der strategischen Verankerung sozialer Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildung. Soziale Nachhaltigkeit hat in Betrieben hohen persönlichen und organisatorischen Stellenwert, ist jedoch selten systematisch strukturiert oder strategisch verankert. Damit wird eine zentrale Spannungsdimension sichtbar: die Differenz zwischen normativer Aufladung und tatsächlicher organisationaler Umsetzung. Das stützt die Perspektive, soziale Nachhaltigkeit nicht als additive „Projektbeigabe“, sondern als organisationsstrategisches Prinzip zu behandeln. Wo Weiterbildungsstrukturen, Kenntnis zentraler BBNE-Vorgaben und klare Steuerungsprozesse fehlen, bleibt Engagement fragmentarisch. Obwohl als Querschnittsthema über Ökologie, Ökonomie und Digitalisierung wahrgenommen, wird es in der Organisation oft in Silos bearbeitet. Dies verweist auf persistierende Transferprobleme zwischen programmatischen Zielsetzungen, institutionellen Rahmenvorgaben und betrieblicher Praxis. Erforderlich sind daher das Sichtbarmachen von Zielkonflikten, das Offenlegen von Zusammenhängen und aktiv gestaltete Aushandlungsprozesse statt isolierter Maßnahmen (Singer-Brodowski & Holst, 2022). Die geringe Bekanntheit der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ (BIBB, 2021) verweist auf die Bedeutung eines normativen Ankers der Berufsbildung: Berufliche Handlungsfähigkeit umfasst auch Teilhabe-, Mitbestimmungs- und Gestaltungskompetenzen. Damit rücken zugleich Fragen sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe als integrale Bestandteile nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung in den Fokus. Insgesamt zeigt sich eine Wertschätzungs‑Umsetzungs‑Diskrepanz (hohe Relevanz bei niedriger Weiterbildungsbeteiligung und unklaren Strukturen). Theorie und Befunde unterstreichen die Notwendigkeit institutioneller Verankerung – Zeit, Räume, Rollen, Governance (Allespach, 2024; Hackel, 2024).

Zentral ist der systematische Austausch zwischen relevanten Akteur:innen. Regelmäßige Abstimmungs- und Transferformate zwischen Ausbildung, Betriebsrat sowie Nachhaltigkeits‑/Fachabteilungen bringen Perspektiven früh zusammen, klären Ziele und stimmen Maßnahmen ab. So lassen sich Informationsverluste entlang der Hierarchie vermeiden und Parallelbearbeitungen reduzieren. Verlässlicher Austausch ermöglicht zudem, Erfahrungen aus der Ausbildungspraxis zu bündeln und in die Strategie rückzukoppeln. Die geringe Bekanntheit der Standardberufsbildpositionen (BIBB, 2021) deutet auf einen nur begrenzt gelingenden Policy‑Praxis‑Transfer hin; Austauschformate können hier vermitteln. Zugleich wird deutlich, dass bestehende strukturelle und programmatische Initiativen ihre Wirkung nur eingeschränkt entfalten, wenn sie nicht systematisch in organisationale Kommunikations- und Lernprozesse eingebettet sind. Flankierend verbreitert stärkere Weiterbildungsteilnahme das Umsetzungswissen. Austausch ist damit keine Zusatzaufgabe, sondern zentrale Voraussetzung konsistenter Verankerung und wirksamer Umsetzung.

Mitbestimmung wirkt als Hebel: Betriebsräte stufen das Thema als sehr relevant ein, berichten jedoch von zu später Einbindung und Wissenslücken in arbeitsrechtlichen bzw. strategischen Fragen. Wirksame soziale Nachhaltigkeit braucht institutionalisierte Partizipation – und diese greift nur, wenn Kompetenzen gestärkt sowie Beteiligungsprozesse früh und verbindlich angelegt werden (Empacher & Wehling, 2002; Haunschild et al., 2021). Hier zeigen sich zugleich Grenzen und Potenziale kooperativer Arrangements zwischen betrieblichen Akteuren, Sozialpartnern und weiteren relevanten Institutionen.

Didaktisch braucht es erfahrungsorientierte und partizipative Ansätze als Brücke zwischen organisationalen Anforderungen und individueller Kompetenzentwicklung. Die Befunde (alltagsnahe Verständnisse; Bedarfe in Resilienz, Kommunikation, Strategie) sprechen für Curricula, die am realen Problemdruck ansetzen (z. B. psychische Gesundheit, digitale Interaktion). Theorie und Empirie treffen sich: Soziale Nachhaltigkeit braucht Co‑Forschung, Mitgestaltung und praktische Problembearbeitung (Klafki, 1995; von Unger, 2014). Gleichzeitig wird deutlich, dass Lern- und Kompetenzkonzepte ihre Wirksamkeit nur entfalten, wenn sie über additive Ansätze hinausgehen und in reale Arbeits- und Geschäftsprozesse integriert werden.

Daraus folgt ein erweitertes Kompetenzprofil für Ausbilder:innen und Betriebsräte: Resilienz, kommunikative Fähigkeiten, arbeits- und ausbildungsrechtliches Wissen, digitale Medienkompetenz sowie strategische Sozial‑Nachhaltigkeitskompetenz. Die Befunde schließen an emanzipatorische und handlungsorientierte Bildungstheorien an (Holzkamp, 1995; Reich & Reich, 2025). Besonders hervor treten psychische Gesundheit und soziales Miteinander. Das Rollenverständnis betrieblicher Ausbilder:innen verschiebt sich hin zu niedrigschwelligen Ansprechpersonen für psychosoziale Anliegen. Gefordert ist eine balancierte Rolle: Belastungssignale erkennen und passende Unterstützungswege aktivieren, ohne professionelle Beratung/Therapie zu ersetzen. Organisational sind klare Schnittstellen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement und zu externer Beratung nötig. Damit werden soziale, gesundheitliche und arbeitsbezogene Dimensionen nachhaltiger Entwicklung als zentrale Gestaltungsfelder beruflicher Bildung sichtbar, die über rein ökologische oder ökonomische Perspektiven hinausgehen. Die Befunde decken sich mit Konzepten „Guter Arbeit“, organisationaler Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit; soziale Nachhaltigkeit ist damit nicht nur Werte‑/Kulturthema, sondern umfasst konkrete arbeitsbezogene und präventive Anforderungen (DGB‑Index Gute Arbeit, 2025).

Digitalisierung und KI verstärken soziale Anforderungen. Verschobene Kommunikationsformen, erhöhte Lernbelastungen und postpandemische Spannungen erfordern neue Ansätze in Didaktik, Kommunikation und Gesundheitsförderung in digitalen Arbeitsumgebungen. Hier verdichten sich Transformationsprozesse, in denen Fragen der Nachhaltigkeit eng mit digitalem Wandel und neuen Anforderungen an Arbeit und Qualifizierung verschränkt sind.

Für betriebliche Ausbildung und Unternehmenssteuerung folgt: Soziale Nachhaltigkeit strategisch verankern (Zielkaskaden, Rollenmodelle, Kennzahlen, Monitoring), Beteiligungsstrukturen früh und verbindlich anlegen und Mitbestimmung aktiv einbinden. Curricula für Multiplikator:innen sollten erfahrungs‑ und beteiligungsorientiert sein und zentrale Kompetenzbedarfe adressieren. Organisations‑ und personenbezogene Maßnahmen sind zu verknüpfen (z. B. Dienstvereinbarungen und Peer‑Coaching). Eine klare Kommunikationsarchitektur zwischen Geschäftsleitung, Ausbildung und Mitbestimmung sowie iterative Lernschleifen im Sinne der Aktionsforschung erhöhen Kohärenz und ermöglichen kontinuierliche Überprüfung, Anpassung und Weiterentwicklung. Dies unterstreicht die Bedeutung integrierter Organisationsentwicklungsansätze, die nachhaltigkeitsbezogene Veränderungen nicht punktuell, sondern systemisch verankern.

Für Forschung und Praxis ergeben sich weitere Perspektiven: die Wirksamkeitsprüfung der entwickelten Module und Steuerungsinstrumente, der Vergleich unterschiedlicher Beteiligungsmodelle, vertiefte Untersuchungen zur Schnittstelle Digitalisierung/KI und soziale Nachhaltigkeit sowie die Prüfung der Übertragbarkeit auf andere Branchen und Unternehmensgrößen. Damit werden zugleich bestehende Forschungs- und Umsetzungsdesiderate aufgezeigt, insbesondere im Hinblick auf Transfer, Skalierung und nachhaltige Verankerung in unterschiedlichen betrieblichen Kontexten.

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Kooperation und Netzwerkbildung als Motor nachhaltiger Regionalentwicklung – Erfahrungen aus der Weiterbildungslandschaft Westsachsens

1 Einleitung

Die Region Westsachsen steht als traditioneller Standort der Automobil- und Zuliefererindustrie für den Transformations- und Handlungsdruck, der durch Dekarbonisierung, Digitalisierung, demografischen Wandel und nicht zuletzt den Verwerfungen des Welthandels entsteht (Hein-Pensel et al., 2025; Kroeger et al., 2025). Die Region gehört zugleich zum Mitteldeutschen Revier, für das ein Ende der Kohleverstromung bis spätestens 2035 vorgesehen ist (Berkner et al., 2022). Insbesondere Unternehmen der Energie- und Mobilitätsbranche sind von tiefgreifenden Veränderungen in Wertschöpfung, Arbeitsprozessen und Qualifikationsanforderungen betroffen. Im Mitteldeutschland-Monitor (MAS Gesellschaft für Marktanalyse und Strategie mbH, 2025) landete die Automobilwirtschaft nur bei einem Viertel der Befragten unter den Top-Zukunftsbranchen. Zugleich zählt die Automobilwirtschaft mit ca. 13.000 Beschäftigten und hoher Wertschöpfung zu den Leitbranchen der Region (Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH, 2022).

Für eine nachhaltige Regionalentwicklung wird von verschiedenen Akteur:innen, als auch Unternehmen und Verbänden, die Notwendigkeit von Weiterbildungen thematisiert. Es gibt bereits explizite Weiterbildungskonzepte und -angebote (Haunstein, 2023; BMBFSFJ, 2025b), welche jedoch selten multiple Perspektiven berücksichtigen. Genau diese können jedoch einen nutzbringenden Wissenstransfer ermöglichen (Granovetter, 1973; Burt, 1992). Dafür ist ein Verständnis von geteilten und unterschiedlichen Erfahrungen aus bisherigen Kooperationsformaten hilfreich. 

Im Fokus dieses Beitrags stehen die Fragen, wie sich Wissenstransfer zwischen verschiedenen Akteursgruppen nachhaltig verbessern lässt, welche Rolle dabei verschiedene Erfahrungen in Kooperationsformen spielen und schließlich, welche Veranstaltungsformate einen Beitrag leisten können. Ein Fokus liegt hier auf der Stärkung regionaler Kooperationen und Netzwerke als institutioneller Rahmen – sowohl im Sinne ökonomischer Resilienz als auch sozialer Gerechtigkeit. Diese tragen zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung von Lern- und Organisationskulturen bei (Alke & Jütte, 2018; Nuissl, 2010) und unterstützen erforderliche innovative Lernformate (Dauser et al., 2021).

Dazu wurde eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Future Skills – Betriebliche Weiterbildung im Mitteldeutschen Revier“ durchgeführt, die primär dem Erfahrungsaustausch diente. Methodisch kombiniert wurden Impulsvorträge mit themengeleiteten Gruppendiskussionen und Reflexionsphasen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe haben Akteur:innen verschiedener Hintergründe die Bedarfe, Kompetenzprofile und Lernformate unter den Leitmotiven Digitalisierung, Dekarbonisierung und sozialer Nachhaltigkeit diskutiert.

In diesem Beitrag werden die Erkenntnisse unseres explorativen Prozesses im Kontext der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) in strukturschwachen Regionen reflektiert. Die Auswertung erfolgte iterativ entlang thematischer Kategorien (Kompetenzanforderungen, Netzwerkstrukturen, Bildungsformate).

In Kapitel 2 wird zunächst der Ausgangspunkt bzw. Kontext des vorliegenden Berichts unter Beachtung regionaler Spezifika beschrieben. Daraus resultierend wird das Forschungsproblem im Kapitel 3 erörtert. Kapitel 4 beschreibt, wie eine Veranstaltungsreihe zur Lösung dieser Problemlage beitragen kann. Anschließend schildert Kapitel 5 das methodische Vorgehen zur Vorbereitung, Durchführung und Analyse der Ergebnisse der Veranstaltungsreihe. Diese Ergebnisse werden in Kapitel 6 analysiert. In Kapitel 7 werden die Erfahrungen der Veranstaltungen zur Lösung des Forschungsinteresses reflektiert und ein Fazit gezogen.

2 Wirtschaftlicher und berufsbildungspolitischer Kontext Westsachsens

Betriebliche Weiterbildung findet stets in einem spezifischen Kontext statt, der regionale Angebote und Anforderungen zusammen und idealerweise in Einklang bringt. Zum besseren Verständnis der konkreten Problemlage wird dazu zunächst die Ausgangslage der Region Westsachsen beschrieben. Westsachsen ist eine von vier Planungsregionen des Freistaates Sachsen. Sie besteht aus der kreisfreien Stadt Leipzig und den Landkreisen Nordsachsen und Leipzig.[1]

2.1 Wirtschaftsstruktur Westsachsens

Industriell ist das Mitteldeutsche Revier, zu der die Region Westsachsen (und speziell das Umland Leipzigs) gehört, stark vom Berg- und Tagebau (v.a. Braunkohle) geprägt, der zur Ansiedlung energieintensiver Industrie geführt hat. Die Bedeutung des Bergbaus ist seit der Wiedervereinigung stetig gesunken und durch den Beschluss zum „Kohleausstieg“ weiter marginalisiert. Die Region ist heutzutage von einer großräumigen Bergbaufolgelandschaft im Umland der Stadt Leipzig geprägt (Decker, 2014) und in besonderem Maß vom regionalen Strukturwandel betroffen (Hein-Pensel et al., 2025). Aktuelle Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik zielt darauf ab, wirtschaftliche Verwerfungen und dadurch bedingte Arbeitslosigkeit zu vermeiden (Greve, 2021). Dabei bietet der bundeslandüberschreitende Ansatz der Metropolregion Mitteldeutschland eine angemessene Perspektive, denn sie nimmt sowohl die Grenzen des Mitteldeutschen Reviers auf als auch die der Arbeitsmarktregion Leipzig (Kropp & Schwengler, 2011). Für den vorliegenden Beitrag liegt der Fokus dennoch auf der westsächsischen Region (der Planungsregion Leipzig), um auf die bundeslandspezifischen Regelungen der Weiterbildung einzugrenzen.

Westsachsen ist weiterhin ein wichtiger Industriestandort, im welchen neben der Energiewirtschaft v.a. die Automobil-, Zuliefer- und Chemieindustrie relevant sind (SAS, 2022). Auch diese Sektoren sind derzeit von hohem Anpassungsdruck geprägt (bspw. durch den Umstieg von Verbrennungsmotor zu E-Mobilität). Zudem spielen die Logistik- und Tourismusbranche eine wichtige Rolle für die Region.

Der demografische Wandel Westsachsens weist dabei gegensätzliche Entwicklungsdynamiken auf. Auf der einen Seite ist die Stadt Leipzig von einem Bevölkerungswachstum der letzten Jahre (+ 5,5 % zwischen 1990 und 2018) gekennzeichnet, wobei der ländliche Raum auf der anderen Seite eine Bevölkerungsabnahme verzeichnet (- 3,9 % im Landkreis Leipzig und – 16,3 % im Landkreis Nordsachsen) (Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH, 2022). Oft geht dies mit einer Abwanderung junger Menschen und einer Überalterung der zurückbleibenden Gesellschaft einher. Diese Entwicklung wird sich laut aktuellen Bevölkerungsprognosen fortsetzen (Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH, 2022). Das macht es für ansässige Betriebe schwierig, junge Fachkräfte zu gewinnen.[2] Dieser Fachkräftemangel kann auch durch Zuwanderung nicht (vollständig) kompensiert werden (Jäckel & Fehser, 2025). Qualifizierungen und Weiterbildungen sind zentral, um künftig auch mit weniger Beschäftigten den Wohlstand der Region zu halten oder zu steigern.

Die Region ist überproportional stark von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) geprägt, und die privatwirtschaftlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt (SMWA, 2023). Bedingt durch begrenzte interne Ressourcen greifen viele KMUs auf Formen externer Kooperationen zurück. Damit werden externe Netzwerke für eine interorganisationale Zusammenarbeit wichtig. Zudem werden gezielte Vernetzungsmaßnahmen für die Bereiche Bildung, Arbeitsmarktintegration, Zukunftstechnologien und regionale Entwicklungsstrategien empfohlen und staatlich gefördert, um gemeinsam langfristige Lösungen für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft, insbesondere im Kontext der Migration, zu gestalten (Jäckel & Fehser, 2025).

2.2 Berufsbildungspolitischer Kontext Westsachsens

Die betriebliche Weiterbildungslandschaft in Westsachsen ist – im Unterschied zum stärker formalisierten schulischen Bildungsbereich und der Initiative Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) – durch eine hohe Heterogenität der beteiligten Akteur:innen, Formate und Förderstrukturen gekennzeichnet und bildet damit einen zentralen Ansatzpunkt für die Umsetzung der BBNE. Innerhalb dieser werden die normativen Zielsetzungen der BNE für den Kontext der beruflichen Aus-, Fort- und insbesondere Weiterbildung konkretisiert. Hierzu gehören in diesem Kontext die Zukunftssicherung von Fachkräften, der Beitrag zur Nachhaltigkeitsstrategie, die Stärkung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit und die Förderung von Verantwortung und Partizipation. Die Grundlage hierfür bilden die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Dabei sollen Lernprozesse und Arbeitspraxis verknüpft, neue Lösungen und Innovationen gefördert und Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft vorangetrieben werden (BMBF, 2024). Mit der Schaffung verschiedener Institutionen und Initiativen wurde bereits auf den genannten regionalen Kontext (und speziell auf die sich daraus ergebenden Herausforderungen) reagiert.

Bundesweite Initiativen und Fördermaßnahmen, getragen unter anderem durch Bundesministerien[3] sowie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zielen darauf ab, neue Kompetenzen systematisch in Qualifizierungsprofile und (Weiter-)Bildungsangebote zu integrieren. Ergänzend eröffnen bundesweite Programme zur Förderung von Ausbildungs-, Innovations- und Transferclustern Möglichkeiten Bildungsträger und Forschungseinrichtungen in projektförmigen Verbünden zusammenzuführen und so Weiterbildungs- und Transferstrukturen auch regional zu verankern.

Auf Landes- und Regionalebene bilden die Sächsische Landesstrategie BNE, die Landeskoordination sowie das BNE-Portal Sachsen einen wichtigen institutionellen Rahmen für die konkrete Umsetzung von BBNE-Ansätzen. Diese Strukturen ermöglichen nicht nur die Sichtbarmachung und Vernetzung von Bildungsangeboten, sondern zielen auch auf die Förderung des Austauschs zwischen schulischer, beruflicher und betrieblicher Bildung. Ergänzt werden sie durch das sächsische BNE-Lotsenprogramm und regionale Servicestellen, die auf die Qualifizierung von Multiplikatoren, Bildungsanbietenden und Beratenden ausgerichtet sind und damit die Professionalisierung von BBNE-relevanten Weiterbildungsangeboten unterstützen. Für den Aufbau nachhaltiger Weiterbildungsnetzwerke sind zudem spezifische Förderinstrumente des Freistaates Sachsen von Relevanz, insbesondere die der Sächsischen Aufbaubank (SAB). Diese ermöglichen und verteilen die finanzielle Unterstützung von Kooperationsstrukturen, einschließlich der Koordination von Netzwerken, gemeinsamen Weiterbildungsformaten und Transferaktivitäten. Flankierend wirken regionale Transfer- und Beratungsakteure[4], die mit niedrigschwelligen Veranstaltungsformaten, Fachforen und individueller Beratung Betriebe praxisnah unterstützen.

Ergänzend tragen Forschungs- und Berufsbildungsinstitutionen wie das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) zur konzeptionellen Weiterentwicklung von BBNE bei, indem sie Modelle, Methoden und Qualifizierungsansätze entwickeln, erproben und evaluieren. Programme wie die ESF-Plus-Richtlinie „Zukunft berufliche Bildung“, das Projekt „Wandel durch Weiterbildung“ am FTZ Zwickau oder landesweite Vernetzungsangebote wie ZEFAS adressieren sowohl innovative Weiterbildungsformate als auch Bedarfsanalysen und Austausch zwischen Akteur:innen.

In Westsachsen existieren darüber hinaus spezielle regionale Initiativen und Weiterbildungsverbünde, die eine Brücke zwischen betrieblichen Bedarfen und nachhaltiger Qualifizierung schlagen, etwa der Weiterbildungsverbund Südwestsachsen. Diese regionalen Verbünde sind wichtig, weil sie KMUs den Zugang zu koordinierten, praxisorientierten Weiterbildungsformaten und Erfahrungsaustausch ermöglichen und zugleich Anknüpfungspunkte für die Implementierung BBNE-bezogener Inhalte in Trainingsprogramme bieten. Vor dem Hintergrund struktureller Förderbedingungen — etwa im Rahmen von ESF-Plus-Richtlinien der SAB Sachsen zur zukunftsorientierten beruflichen Bildung — eröffnet die Vernetzung überbetrieblicher Akteur:innen zudem Chancen, innovative Weiterbildungsformate zu entwickeln, die den Transformationsbedarf der lokalen Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit adressieren.

3 Diskrepanzen zwischen Qualifikationen als regionale Herausforderung

Die gegenwärtigen technologischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sowie die daraus resultierenden wirtschaftlichen Transformationsprozesse stellen Unternehmen zunehmend vor die Herausforderung, bestehende Geschäftsmodelle und Produktionsverfahren anzupassen. Da die Entwicklungsrichtungen solcher Transformationsprozesse häufig mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind, gewinnt die Notwendigkeit strategischer Überlegungen zur zukünftigen wirtschaftlichen Neuausrichtung an Bedeutung, etwa im Hinblick auf die Frage, welche Standortvorteile künftig mobilisiert werden können.

Mit dem strukturellen Wandel in zentralen Berufsfeldern gehen tiefgreifende Veränderungen der Arbeitsanforderungen einher, die wiederum eine Verschiebung der benötigten Qualifikationen und Kompetenzen bedingen. In diesem Zusammenhang passen vorhandene Qualifikationen nicht mehr zu den inzwischen nachgefragten Qualifikationen, die in der arbeitsmarktökonomischen Forschung als Qualifikationsmismatch beschrieben werden (Hall, 2021). Diese Dynamiken bergen Risiken sowohl für die Fachkräftesicherung als auch für die soziale Teilhabe der Erwerbstätigen. Strukturwandel und die damit verbundenen Veränderungen regionaler Produktions- und Wertschöpfungsmuster können unterschiedliche Effekte entfalten und zusätzliche Ungleichheiten zwischen Gewinner- und Verliererregionen erzeugen. Neue Qualifikationsprofile der Beschäftigten können nicht vorausgesetzt, sondern müssen erst durch gezielte Lern- und Qualifizierungsprozesse aufgebaut werden. Die Kompetenzentwicklung im Rahmen beruflicher Weiterbildung gewinnt vor diesem Hintergrund als Schlüssel für die erfolgreiche Bewältigung des regionalen Strukturwandels und im Sinne einer „Just Transition“ an Bedeutung (Röhrig & Schmidt, 2023).

Die diesbezügliche Bedeutung von Bildung und Qualifizierung wird in Wissenschaft und Politik weitgehend anerkannt. Exemplarisch hierfür steht die Einrichtung des Kompetenzzentrums Bildung im Strukturwandel (BiSMit), das darauf abzielt, Transformationsprozesse insbesondere in den Kohleregionen aktiv zu begleiten und die regionale Bildungslandschaft zu stärken (BMBFSFJ, 2026). Vor diesem Hintergrund rücken die frühzeitige Identifikation sowie die systematische Entwicklung neuer Qualifikations- und Kompetenzanforderungen in den Fokus. Das Themenfeld der sogenannten Zukunftskompetenzen hat in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Branchen und methodischen Zugängen zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen (AgenturQ, 2021; Baumann et al., 2025; Weber et al., 2025).

Überfachliche Kompetenzen – wie Kommunikationsfähigkeit, Teamarbeit oder digitale Kompetenzen – gewinnen zunehmend an Bedeutung, wenngleich fachliche Kompetenzen weiterhin eine zentrale Rolle in Transformationsprozessen spielen. Letztere lassen sich insbesondere im Rahmen betrieblicher Tätigkeitsscreenings systematisch erfassen (Weber et al., 2025). In regionaler Perspektive zeigen sich entsprechende Kompetenzbedarfe exemplarisch in der Automobil- und Zulieferindustrie, da diese in besonderem Maße von technologischen Umbrüchen betroffen ist.

Eine nachhaltige Berufsbildung muss dabei jedoch nicht nur ökologische, sondern ebenso ökonomische und soziale Dimensionen berücksichtigen. Speziell in strukturschwachen Regionen wie Westsachsen stoßen individuelle und betriebliche Bewältigungsstrategien angesichts der durch KMUs geprägten Wirtschaftsstruktur an ihre Grenzen. Kooperationen zwischen Weiterbildungseinrichtungen, Betrieben, Sozialpartnern und weiteren regionalen Akteur:innen erweisen sich daher als zentrale organisationale Hebel, um Wissen, Ressourcen und Innovationspotenziale zu bündeln (Feld, 2011; Warnhoff et al., 2024) und tragfähige regionale Unterstützungsstrukturen aufzubauen (Diettrich, 2011). Durch die Vielfältigkeit der Förder- und Netzwerklandschaft in der Region, ist es wichtig sich mit der Frage auseinanderzusetzen welche Formate für einen multiperspektivischen Austausch sich besonders eignen und welche Themen weiteren Austausch benötigen. Durch die inhaltliche Auseinandersetzung verschiedenster Akteur:innen und ihrer Perspektiven kann die Qualität der Bündelung aller Innovationspotenziale potenziell erhöht werden.

4 Vernetzung als Mittel zur Stärkung regionaler Innovationsfähigkeit

Mit dem Verständnis der Problemlage stellt sich die Frage nach geeigneten Lösungsansätzen. Auf der Grundlage zentraler Erkenntnisse der Innovations- und Wissensökonomie sowie der Netzwerkforschung wurde eine Veranstaltungsreihe konzipiert, welche durch eine heterogene Teilnehmendenstruktur unterschiedliche Perspektiven, Expertisen und Interessen zusammenführt und auf den Aufbau bzw. die Stärkung regionaler Netzwerke in der betrieblichen Weiterbildungslandschaft abzielen.

Der Ansatz trägt der Heterogenität regionaler Akteurskonstellationen Rechnung und ermöglicht über mehrere Zeitpunkte hinweg wiederholte Interaktions- und Austauschprozesse. Der Mehrwert dieses explorativen Vorgehens liegt in der kombinierten Erhebung von Bedarfen sowie der Schaffung eines kontinuierlichen Raums für Vernetzung und Wissenstransfer. Im Unterschied zu Einzelveranstaltungen begünstigt eine Veranstaltungsreihe durch ihre zeitliche Kontinuität den Aufbau von Vertrauen, stabilen Beziehungen und die schrittweise Weiterentwicklung gemeinsamer Themen, Ideen und Projekte (Nielsen, 2004).

Aus sozial- und innovationswissenschaftlicher Perspektive stellen solche Formate einen zentralen Mechanismus zur Förderung von Wissenstransfer und regionaler Innovationsfähigkeit dar. Netzwerk- und Sozialkapitaltheorien betonen, dass insbesondere die Verknüpfung verschiedenartiger Akteur:innen den Zugang zu nicht-redundantem Wissen eröffnet und damit die Voraussetzungen für Lern- und Innovationsprozesse verbessert (Granovetter, 1973; Burt, 1992). Wissens- und innovationsökonomische Ansätze verdeutlichen diesen Zusammenhang, indem sie Innovation als Ergebnis der Rekombination unterschiedlicher Wissensbestände und der absorptiven Kapazität von Akteur:innen begreifen (Cohen und Levinthal, 1990; Weitzman, 1998). Veranstaltungen fungieren in diesem Sinne als temporäre boundary spaces, in denen organisations- und sektorübergreifendes Lernen ermöglicht wird.

Für regionale Transformationsprozesse, die durch Unsicherheit und unterschiedliche Betroffenheiten gekennzeichnet sind, kommt der Qualität von Vernetzung und Kooperation besondere Bedeutung zu.[1] Tafel-Viia et al. (2012) zeigen für den Kontext von schulischen Lehrtätigkeiten, dass Netzwerke zwischen Lehrkräften positiv mit der Häufigkeit von Reformen im Bildungsbereich korrelieren und bieten so empirische Evidenz für die Steigerung des Innovationsgeschehens durch regionale Netzwerke. Des Weiteren heben Theorien regionaler Innovationssysteme hervor, dass Innovationsfähigkeit weniger aus der Stärke einzelner Akteur:innen als aus der Dichte und Qualität ihrer Interaktionsbeziehungen resultiert (Lundvall, 1992; Cooke, 2005; Jacobs, 1969). Regionale Veranstaltungsformate können somit als institutionelle Ausgestaltung verstanden werden, die sozialen Zusammenhalt, geteilte Problemdeutungen und kreative Entwicklungsprozesse im Weiterbildungsbereich fördert.

Daraus leiten sich folgende Forschungsfragen ab:

  1. Welche gemeinsamen und divergierenden Erfahrungen zeigen sich in bestehenden Kooperationsformaten?
  2. Wie lassen sich nutzbringende Formen des Wissenstransfers zwischen Akteur:innen gestalten?
  3. Welche Veranstaltungsformate tragen zur nachhaltigen Netzwerkstärkung bei?

5 Methodisches Vorgehen

5.1 Veranstaltungsdesign / Design des Formats

Die Region Westsachsen weist eine enge Verzahnung von Akteur:innen aus Bildung, Wirtschaft und Arbeitsmarkt auf, an der u.a. IHK, HWK, Bildungswerke, Hochschulen, Jobcenter, regionale Initiativen und Verbände beteiligt sind. Die beabsichtigte Entwicklung und Stärkung regionaler Netzwerke sollte durch eine Veranstaltungsreihe ermöglicht werden. Dazu wurden 2025 in Kooperation zwischen dem Institut für Angewandte Informatik e.V. (InfAI), dem ACOD e.V. und mit Beteiligung des Instituts für Berufsforschung (IAB) die Veranstaltungsreihe „Future Skills“ durchgeführt die sich durch ihre Gelegenheitsstruktur auszeichnet. Diese Struktur lässt sich durch folgende Elemente kennzeichnen:

  • Räumliches Zusammenkommen,
  • Geteilter Input schafft eine Verbundenheit,
  • Arbeiten in Gruppen erleichtert das Kennenlernen,
  • Diskussion zu geteilten Themen ermöglicht es gemeinsame Interessen zu identifizieren,
  • Ausgiebige Pausen bieten Raum zum vertieften, bilateralen Kennenlernen,
  • Das sequenzielle Design; mehrere Veranstaltungen können Interaktionsmuster verfestigen.

Mit der Entscheidung für den beschriebenen Ansatz wird die Sichtbarmachung bisher unentdeckter Erkenntnisse, Bedarfe und Fragestellungen durch kollaborative Wissensgenerierung und aktive Einbindung verschiedener Perspektiven angestrebt.

5.2 Beschreibung der Veranstaltungsreihe/Praktische Umsetzung

Die Veranstaltungsreihe bestand aus drei Sitzungen – Kick off, Deep dive, Wrap up. Diese hatten jeweils ein spezifisches Profil, um unterschiedliche Interessen anzusprechen, und waren so konzipiert, dass die jeweiligen Inhalte aufeinander aufgebaut haben. Eine Teilnahme an den vorherigen Sitzungen war jedoch nicht notwendig. Für den Deep dive wurde zudem ein Online-Format gewählt, um zu untersuchen, ob ein ortsunabhängiger Zugang Hürden für die Teilnahme reduziert. Methodisch kombiniert wurden Impulsvorträge mit themengeleiteten Gruppendiskussionen und Reflexionsphasen. Abbildung 1 zeigt den Ablauf der Veranstaltungsreihe.

Abbildung 1: Ablaufplan der Veranstaltungsreihe „Future Skills – Betriebliche Weiterbildung im Mitteldeutschen Revier“.Abbildung 1: Ablaufplan der Veranstaltungsreihe „Future Skills – Betriebliche Weiterbildung im Mitteldeutschen Revier“.

Durch das Netzwerk des ACOD e.V. konnten 16 Akteur:innen aus den Bereichen Aus- (2) und Weiterbildung (2), Vermittlung (3), Wirtschaft bzw. Betriebsrat (1), Dienstleistung (2), Forschung (1), Beratung (1), Bildung (1), Vernetzung (1), Institution zu Strukturwandel (1) und Gewerkschaft (1) akquiriert werden, darunter Personen direkt aus Ausbildung und Weiterbildung, Hochschulen, der Agentur für Arbeit, Netzwerkbüros, Unternehmen und Institutionen im Bereich Strukturwandel.

5.2.1 Die Kick Off-Veranstaltung

Die Kick Off-Veranstaltung diente der Einführung der Veranstaltungsreihe, dem Kennenlernen der Teilnehmenden (TN) und der Erfassung konkreter Weiterbildungsformate. Die Erfassung der regionalspezifischen Weiterbildungsbedarfe erfolgte explorativ in einem World Café-Format mit drei Thementischen für jeweils 25-minütige Gruppendiskussionen, wobei auf Heterogenität innerhalb der einzelnen TN-Gruppen für die Diskussionen geachtet wurde.[5] Die TN durchliefen mit ihren Gruppen die Thementische rotierend und in gleicher Reihenfolge. Die Moderation erfolgte durch das Organisationsteam. Um eine spätere wissenschaftliche Auswertung sicherzustellen, wurden für alle Gruppendiskussionen Verlaufsprotokolle und Audioaufzeichnungen erstellt.

Der erste Thementisch nahm die Veränderung der inhaltlichen Schwerpunkte betrieblicher Weiterbildung der letzten Jahre und die sich daraus ergebenden Kompetenzanforderungen für Fachkräfte in den Blick. Am zweiten Thementisch wurden Formate der betrieblichen Weiterbildungen diskutiert. Präsenz-, Online- und hybride Weiterbildungsformate sollten auf ihre aktuelle Praxistauglichkeit bewertet werden. Am dritten Thementisch lag der Fokus auf Veränderung der Zielgruppen betrieblicher Weiterbildung. So wurden Altersstruktur, demographischer Wandel, Migrationsbewegungen, aber auch fachliche Trends, z.B. im Bereich Kreislaufwirtschaft und grüne Branchen, thematisiert.

Nach den Thementischen und einer Pause wurden die wichtigsten Ergebnisse der Gruppendiskussionen benannt und bewertet. Zunächst wurden die wichtigsten Themen auf Moderationskarten notiert, vor allen TN erläutert und kommentiert und schließlich auf einer Fahrzeugskizze platziert (siehe Abbildung 2).[6]

Abbildung 2: Darstellung der priorisierten Themen. Der Motor befindet sich im Heck des Autos.Abbildung 2: Darstellung der priorisierten Themen. Der Motor befindet sich im Heck des Autos.

Für die Bewertung erhielt jede Person drei grüne Klebepunkte, die sie innerhalb einer Bearbeitungszeit von fünf Minuten auf die Karten mit den aus ihrer Sicht relevantesten Themen zu kleben. Dabei war es möglich, alle drei Punkte auf ein Thema zu legen oder die Punkte zu verteilen. So konnten die sich aus der Diskussion ergebenden Themen mit dem größten Bedarf und Interesse für eine während der folgenden Sitzung der Veranstaltungsreihe stattfindende, vertiefte Auseinandersetzung bestimmt werden. Konkret wurden während der Kick-off-Veranstaltung die folgenden Themen in absteigender Reihenfolge identifiziert:

  • Akzeptanz Mitarbeitende und Führungskräfte,
  • Menschen abholen und mitnehmen,
  • Zielgruppenspezifische und lerntypenangepasste Weiterbildung
5.2.2 Die Deep Dive-Veranstaltung

Für die Deep Dive-Veranstaltungwurden die im Kick-off bestimmten Themen wissenschaftlich aufgearbeitet und in der Präsentation um Ansätze des Change Managements ergänzt. So wurden die Bedarfe in der betrieblichen Weiterbildung mit innerbetrieblichen Veränderungsprozessen verknüpft. Ziel war es dabei, durch eine hohe Praxisnähe die Relevanz der Inhalte für die Umsetzung in Betrieben sicherzustellen. Der Umgang mit Unsicherheiten und Ängsten spielt auch in diesem Zusammenhang eine Rolle. Wichtige Themen für organisationale Veränderungsprozesse (auch im Kontext der Einführung von KI-Technologien) waren dabei:

  • Beteiligung und Mitbestimmung,
  • Change Communication,
  • Blueprints und kontinuierliche Begleitung,
  • Menschzentrierte Einführung von KI,
  • Corporate Digital Responsibility Framework (CDR).

Die theoretischen Ausführungen wurden durch Erfahrungsberichte aus der Praxis von Vertretern der Betriebe Magna, Vitesco Technologies und Wiewald GmbH ergänzt. In parallelen Sitzungen teilten diese ihre Expertise für die Umsetzung einzelner Methoden in ihrem beruflichen Umfeld. Trotz des Online-Formats nahmen lediglich 14 Personen daran teil.

5.2.3 Die Wrap up-Veranstaltung

Ausgangspunkt der dritten Veranstaltung (Wrap up) war die Studie von Blanc et al. (2025), die Zukunft der beruflichen Weiterbildung bis 2035 analysiert und fünf Szenarien[7] entwirft, die zeigen, wie digitale Technologien, künstliche Intelligenz und Datenstandards Lern- und Arbeitswelten verändern könnten. Im Zentrum steht die Frage, wie Weiterbildungssysteme so gestaltet werden, dass sie Lernende, Lehrende, Arbeitgebende und Weiterbildungsanbieter gleichermaßen unterstützen können. Die Studie bewertet dabei jeweils den Grad der Erwünschtheit, Wahrscheinlichkeit, Chancen und Risiken dieser Entwicklung. Insgesamt zeigt sich, dass viele Szenarien als wünschenswert und realistisch eingeschätzt werden, jedoch rechtliche, organisatorische und gesellschaftliche Fragen – insbesondere rund um Datenschutz, Akzeptanz und Standardisierung – zentrale Erfolgsfaktoren bleiben. In zwei Gruppen wurden die Szenarien hinsichtlich ihrer Wünsch- und Erwartbarkeit in der Praxis der TN diskutiert. Dafür wurde das Schema aus Abbildung 3 angewandt. Sechs TN nahmen teil.

In einem Workbook, das allen TN zur Verfügung gestellt wurde, ist die Veranstaltung dokumentiert worden, und es wurden wichtige Inputs zusammengefasst.

Abbildung 3: Gruppendiskussion zu den Szenarien nach Blanc et al. (2025).Abbildung 3: Gruppendiskussion zu den Szenarien nach Blanc et al. (2025).

5.3 Inhaltliche Analyse der gesamten Veranstaltungsreihe

Die Auswertung erfolgte iterativ entlang thematischer Kategorien u.a. Kompetenzanforderungen, Netzwerkstrukturen und Bildungsformate. Inhalte der Gruppendiskussionen zwischen den Akteur:innen wurden erfasst und stehen für die qualitative Auswertung zur Verfügung, ebenso wie Protokolle zu den anderen Veranstaltungsteilen.

Die Auswertung und Analyse des Materials erfolgte nach Mayring (2022) und Kuckartz und Rädiker (2020). Demnach wurden die Audioaufnahmen der Gruppendiskussionen zunächst mit der Audiotranskriptionssoftware f4transkribiert. Anschließend wurden deduktiv Basiskategorien anhand des Interviewleitfadens gebildet. Danach folgte der ausführliche Kodierprozess, in dem die grobe Basiskodierung mittels eines iterativen Prozesses in eine Feinkodierung mit Ausdifferenzierung der Kategorien in Sub- und Subsubkategorien übergeführt wurde.

Um die Hintergründe der verschiedenen TN zu erfassen, wurden pseudonymisierte Personencodes erstellt, welche lediglich Rückschluss auf die kategorisierte Berufsgruppe einzelner TN ermöglichte. Darauf folgte eine weitere Iteration an der oben beschriebenen Grobkodierung. Im nächsten Schritt folgte eine explorative Feinkodierung, in der die zuvor erstellten Kategorien um die Inhalte der Thementische aus der Kick off-Veranstaltung erweitert wurden.

6 Kritische Bewertung der Ergebnisse der Veranstaltungsreihe

In diesem Beitrag werden die Erkenntnisse unseres explorativen Prozesses im Kontext des BBNE-Programms reflektiert und Ansatzpunkte für eine nachhaltige Regionalentwicklung abgeleitet. Mit der Veranstaltungsreihe wurde gleichzeitig verschiedene Ziele verfolgt: Zum einen diente sie als empirische Erhebung, um Material für unsere Forschungsziele zu gewinnen. Hierfür wurden teilstrukturierte Gruppendiskussionen gewählt. Durch die Teilstrukturierung konnten sowohl die Forschungsfragen adressiert werden als auch Raum für Inhaltsetzungen durch die TN bleiben. Zum anderen sollte damit ein Ansatz getestet werden, der unterschiedliche Anbietende und Koordinierende regional der beruflichen und betrieblichen Weiterbildungslandschaft miteinander vernetzt - ohne finanzielle Interessen als Hauptziel. Hiermit sollte sowohl ein innovatives Lernformat hervorgebracht (Dauser et al., 2021) als auch eine hohe Funktionsfähigkeit bei differenzierten strukturellen Rahmenbedingungen erreichen werden (Meyne & Peters, 2022). Um dies sicherstellen, wurden während der Impulsvorträge die unterschiedlichen Wissensstände und Bedarfe der Akteur:innen berücksichtigt. Schließlich sollte mit der Reihe sowohl der Austausch mit uns Expert:innen als auch insbesondere der Austausch untereinander angeregt werden. 

6.1 Kritische Bewertung aus Sicht der Teilnehmenden

Insbesondere die Kick off-Veranstaltung wurde von den TN als sehr netzwerkorientiert wahrgenommen. Dies lag zum einen am interaktiven Format der Veranstaltung, die als Präsenzveranstaltung reichlich Gelegenheit für Diskussionen und Gespräche auch außerhalb der Tagesordnung erlaubte. Zum anderen konnten durch den offenen inhaltlichen Charakter die heterogenen Perspektiven der Akteur:innen berücksichtigt werden und ein multiperspektivischer Austausch stattfinden.

In der Bewertung der Veranstaltungsreihe urteilten die TN, dass ungeachtet des breiten Herkunftsspektrums ähnliche Grundproblematiken vorliegen, wie beispielsweise die technologische Entwicklung bei der Digitalisierung schnell und adäquat in Inhalte und Methoden der Weiterbildung einzubauen - „wir sitzen alle in einem Boot“, war hier eine oft genutzte Metapher (siehe Abbildung 4). Künstliche Intelligenz (KI) wurde sowohl als Lerninhalt von Weiterbildungen als auch Instrument für Weiterbildungen bewertet. Allerdings wurde KI von einer TN nicht als unmittelbares Lernziel gesehen: „Also der Bezug zu KI muss auch gar nicht so unmittelbar oder ganz direkt da sein, sondern uns geht es jetzt erstmal darum, ein besseres Verständnis zu bekommen.“

Abbildung 4: Mentimeter der Kick off-Veranstaltung.Abbildung 4: Mentimeter der Kick off-Veranstaltung.

Inhaltlich wurde ein breites Spektrum von Themen angesprochen: Von den (Spät-)Folgen der Coronapandemie, mit dem sprunghaften Anstieg von Onlineschulungen, bis hin zur Frage, ob angesichts der rasanten und disruptiven Entwicklung von generativer KI zukünftig eine Marginalisierung der menschlichen Beiträge zu Weiterbildungsangeboten erwartet werden kann. TN betonten hier, neue Denkanstöße erhalten zu haben (siehe Abbildung 4). Positiv wurde von der TN zudem hervorgehoben, dass das Format insbesondere die Chancen eröffnet hat, persönliche Kontakte aufzubauen und Netzwerke aufzubauen. Bei der vertiefenden Onlineveranstaltung (Deep Dive) vermissten die TN einen noch exakteren Praxisbezug mit den drei Industriepartnern und monierten die knappen Zeitressourcen. Die Anzahl der TN war bei der abschließenden Wrap Up-Veranstaltung am geringsten, was aus deren Sicht jedoch die persönliche Interaktion wesentlich erleichterte. Die Rückmeldungen zur Wrap Up-Veranstaltung zeigten, dass die TN die vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung mit Hintergründen und Zukunftsthemen als sehr sinnvoll und nutzbringend empfanden. Dafür fehle in deren beruflichen Alltag vielmals die Zeit. Das übergeordnete Ziel der Veranstaltungsreihe, praktische Einblicke in betriebliche Praxis zu gewähren, wurde ebenfalls positiv bewertet. Eine weitere Vertiefung der Inhalte wäre sogar gewünscht worden.

6.2 Kritische Bewertung aus Sicht der Organisierenden

TN berichteten während der Gruppendiskussionen über Kompetenzanforderungen im Rahmen der Kick-off-Veranstaltung von der aus ihrer Sicht großen Bedeutung regionaler Netzwerke für die Organisation betrieblicher Weiterbildung. So merkte beispielsweise ein TN an: “Wir sind auch konsortial aufgestellt in unserem Verbund”. Die TN ergriffen während der Diskussionen und auch in den Pausen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen aus der Praxis zu teilen und neue Kontakte herzustellen. Insbesondere ein TN mit Gewerkschaftshintergrund äußerte sich zum Thema Netzwerkstärkung und Gestaltung von Wissenstransfer:“ […] Was wir feststellen, dass das ein Peer-to-Peer-Ansatz und eine Beschäftigtenvertretung, die begriffen hat, dass Bildung ein wichtiger Schlüsselfaktor für das Weiterbestehen eines Unternehmens ist und das nicht nur der Unternehmensseite überlässt, sondern da selbst aktiv wird.” Obendrein wurden im Rahmen derselben Veranstaltung Erfahrungen zur Ausgestaltung und Wirksamkeit regionaler Weiterbildungsangebote hinsichtlich ihrer Förderlichkeit für Kooperationen ausgetauscht. So lassen sich verschiedene Präferenzen für die Wahl geeigneter Formate wiederfinden. Eine TN sprach sich für Präsenz- in Gegensatz zu Online- bzw. hybriden Formaten aus: “Aber alle anderen […] versuchen wir schon in Präsenz wieder zu organisieren. […] Die Interaktion […] fehlt. Man kriegt gar nicht mit […] hat jemand was nicht verstanden? […] Und online trauen sich auch viele gar nicht, da wirklich, das so zu sagen, wie ich es jetzt in einem Seminarraum wäre.“ Eine andere TN befindet hingegen: “Kürzere Kurse […] selbst bei Modulen finde ich, da ist was Hybrides einfach besser, um einfach den Austausch zu haben, um mit anderen ins Gespräch zu kommen, um Gedanken und Ideen auszutauschen. Ich glaube nicht, dass man das vor einem Rechner macht. Die meisten oder die wenigsten […] machen die Kamera an […] Man macht nebenbei noch was anderes“. Eine weitere TN betont: “Rein online oder auch nicht nur reine Präsenz, sondern eine Mischung, weil die Zeit natürlich ist ein Faktor, die für Unternehmen sehr wichtig ist. Sie können es sich nicht leisten, einen Mitarbeiter für zwei Wochen, sogar zwei Wochen oder zwei Tage sogar einen Tag[sic!] frei lassen […] für die Weiterbildung”. Die Effektivität verschiedener Lehr- und Lernformate scheint demnach von Kontextfaktoren wie z.B. Inhalt, Umfang und Gruppengröße abhängig zu sein. In dieser Stichprobe der regionalen Weiterbildungslandschaft zeigt sich die Tendenz der Eignung hybrider Formate für betriebliche Weiterbildung. Dadurch ließen sich zudem Zeitressourcen einsparen.

Diese ersten explorativen Ergebnisse zeigen somit zum einen die Bedeutung von gezielten, netzwerkstärkenden Maßnahmen im Kontext von BBNE, um die Innovationsfähigkeit der Weiterbildungslandschaft in Regionen zu fördern, die intensiv von Strukturwandel betroffen sind. Zum anderen wird verdeutlicht, dass die Wahl geeigneter Formate ausschlaggebend für einen nachhaltigen Wissenstransfer der Region ist.

7 Reflexion und Fazit

Im Fokus dieses Berichts aus der Praxis standen die Fragen, wie sich der Wissenstransfer zwischen verschiedenen Akteursgruppen nachhaltig verbessern lässt, welche Rolle dabei verschiedene Erfahrungen in Kooperationsformen spielen und schließlich welche Veranstaltungsformate einen Beitrag leisten können.  Die Veranstaltungsreihe „Future Skills“ wurde explorativ als Instrument zur Netzwerkstärkung konzipiert und organisiert. Die Durchführung in Kooperation mit dem ACOD e.V., dem IAB und dem Kompetenzzentrum KMI demonstriert exemplarisch, wie ein multiperspektivischer Austausch für nachhaltiges Netzwerken angelegt werden kann. Dieser Beitrag soll nun im Kontext von BBNE und nachhaltiger Regionalentwicklung reflektiert und bilanziert werden.

Gemeinsame und divergierende Erfahrungen mit Kooperationsformaten im Kontext der ersten Forschungsfrage zeigen sich in den inhaltlichen Rückmeldungen im Rahmen der Kick Off- und der Wrap Up-Veranstaltung und verdeutlichen die Bedeutung von bestehenden Netzwerken in der Region. Unsere Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Beteiligung von Arbeitnehmenden an der Gestaltung der betrieblichen Transformation, wie sie zuvor auch in den stärker auf Thüringen fokussierten Studien des Projektes „Berufliche Bildung erneuern für die automobile Transformation (BeaT)“ herausgestellt wurde (Chmelik et al., 2024). Die Bedeutung der direkten, persönlichen Interaktion in Präsenzformat als gemeinsame Praxiserfahrung wird als Erfolgskriterium für aufmerksamen und langfristigen Austausch in allen Veranstaltungen der Reihe erachtet. Die Ergebnisse bestätigen vorausgehende Forschungsarbeiten, die zeigen, dass so die Qualität der Interaktionsbeziehungen gestärkt werden kann (Lundvall, 1992; Cooke, 2005; Jacobs, 1969).  In die Gestaltung von netzwerkstärkenden Lern- und Lehrformaten sollte dieser Aspekt demzufolge einbezogen werden und auch, inwiefern das Präsenzformat sich positiv auf Wissenstransfer auswirkt.

Potenziale zur Gestaltung von nutzbringendem Wissenstransfer im Rahmen der zweiten Forschungsfrage, werden durch das Feedback zur Wrap Up-Veranstaltung in Abschnitt 6.1 im Ansatz illustriert. Eine gemeinsame inhaltliche und moderierte Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen habe demnach das Potenzial, einen wirkungsvollen Raum für Stärkung von Netzwerken zu schaffen. Dieser Raum – ohne rein ökonomische Verwertung – bietet einen eigenständigen Mehrwert für alle Beteiligten, indem durch den (zum teils abstrakten) Austausch und Perspektivwechsel Wissenstransfer verstärkt wird. Temporäre boundary spaces, zu diesen auch die Veranstaltungsreihe zählen kann, können in der Region unterstützend für ganzheitliches Lernen über Organisationen und Branchen hinweg gelten (Cohen und Levinthal, 1990; Weitzman, 1998)Im Kontext des BBNE werden Lernortkooperationen als unverzichtbares Element beschrieben (BMBFSFJ, 2025a).

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe lassen sich Tendenzen für Erfolgsbedingungen für nachhaltige Netzwerkeffekte diskutieren. So kann die Veranstaltungsreihe als Instrument verstanden werden, welches einen offenen Diskursraum für potenziell langfristige und nachhaltige Netzwerke bietet, indem neben Inhalten und herausfordernden Fragestellungen auch weiterführende gesellschaftliche Aspekte besprochen und multiperspektivisch verhandelt werden können. Eine Stärke dieser Herangehensweise stellt der Einbezug verschiedener Akteur:innen sowohl intern in Form der Kooperation zwischen ACOD, KMI und IAB dar, als auch die Reichweite an TN verschiedener beruflicher Kontexte. Zudem wurde nach unserem Kenntnisstand selten eine Veranstaltungsreihe konzipiert, welche Bedarfe partizipativ erfasst und darauf aufbauend thematisiert. Dies kann deutlich dynamischer und gezielter auf Interessen der TN reagieren und konkrete regionale Themen fokussieren. Im Kontext des BBNE-Programms können Veranstaltungsreihen wie diese für die Schaffung von inhaltlichen, aber auch konzeptionellen Austauschräumen zur Netzwerkstärkungen (Nuissl, 2010) genutzt werden.

Die sukzessive Fluktuation der TN über den Verlauf der Veranstaltungsreihe erschwert die Beobachtung von nachhaltigen, langfristigen Effekten. Trotz des ursprünglich erwarteten Angebots eines digitalen Formats in der Deep Dive-Veranstaltung zur Erweiterung der Reichweite wurde deutlich, dass die TN einen regionalen Austausch in Präsenzformaten bevorzugen. Die Wirksamkeit des Formats wird durch das dokumentierte Feedback der TN bestätigt, deutet aber parallel auf strukturelle Herausforderungen zur Etablierung einer solchen Veranstaltungsreihe hin. Präsenzformate erweisen sich in Zukunft als geeignet, um regionale Herausforderungen zu adressieren. Angebote im Online-Format sorgten hingegen für eine erhöhte Fluktuation und geringen persönlichen Austausch. In ähnlichen Formaten sollte in Zukunft die Vermeidung von Drop-out-Effekten durch z.B. Präsenzformate und regelmäßige Erinnerungen zur Teilnahme adressiert werden.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe wurden strukturelle Grenzen sichtbar, welche nachhaltige Netzwerkverstetigungen erschweren. Dazu gehören fehlende Ressourcen, heterogene Zielsetzungen und unklare Verantwortlichkeiten. Deutlich wird hierbei, dass es an Räumen mangelt, welche multiperspektivisch und frei von Förderauflagen gestaltet sind. In Zukunft sollte die Bereitstellung und Schaffung eben solcher Räume auf regionaler Ebene der BBNE angeregt werden. Didaktische Empfehlungen für Lern- und Lehrformate lassen sich in zukünftigen, multiperspektivischen Veranstaltungsreihen erörtern. Die Veranstaltungsreihe lieferte Impulse für die systematische Verankerung von Nachhaltigkeit durch Kooperationen als lern- und entwicklungsorientierte Praxis zur regionalen Lernkulturentwicklung (Kandler & Tippelt, 2009; Feld & Dollhausen, 2010; Pfeil, 2024). Die Veranstaltungsreihe konnte zu einem interorganisationalen Austausch beitragen und den Wissenstransfer zwischen Weiterbildungsinstitutionen der Region fördern. Diese „Motoren“ können in der Region den Einbezug diverser Perspektiven und Raum zur Innovationsförderung schaffen.

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Weitzman, M.L. (1998). Recombinant growth. Quarterly Journal of Economics, 113(2), 331–360.

[1] Auf einer Fläche von ca. 3.965 km² leben ca. 1 Million Menschen, was einer Einwohnerdichte von 252 Einwohnern pro km² entspricht (RPV Leipzig-Westsachsen, 2026). Der Stadt Leipzig kommt mit einer Bevölkerungszahl von 632.563 (Stand 2024) eine große Bedeutung zu.

[2] Insgesamt werden in den nächsten 15 Jahren 12,9 Millionen Erwerbstätige das Renteneintrittsalter erreichen; dem gegenüber stehen laut Prognose nur 8,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren (Statistisches Bundesamt, 2022).

[3] V.a. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN)

[4] z.B. RKW Sachsen, das Zukunftszentrum Sachsen sowie die Industrie- und Handelskammern

[5] Der vollständige Ablaufplan kann bei den Autor:innen angefragt werden.

[6] Die förderlichen Faktoren kamen unter die Kategorie „Motor“, die hinderlichen Faktoren zur „Bremse“, Ziel- und steuernde Faktoren wurden in den Bereich des „Lenkrads“ eingeordnet. Da zum Teil die Zuordnung nicht eindeutig möglich war, wurden manche Themen zwischen den Kategorien angepinnt.

[7] Die fünf Szenarien umfassen, (1) Kompetenzorientiertes Matching & Recommendersysteme – KI schlägt Lernenden passende Kurse und Lernpartner vor; (2) Personalisiertes Lernen mit Learning Analytics & Lernpfaden – adaptive Lernrouten passen sich kontinuierlich an das Lernverhalten an; (3) Virtuelle Lernbegleiter – KI-Avatare begleiten, motivieren und unterstützen Lernende; (4) Interoperabilität & Plattformvernetzung – einheitliche Standards ermöglichen den nahtlosen Zugang zu verschiedenen Angeboten; und (5) Digitale Bildungsnachweise – Zeugnisse und Zertifikate werden digital, fälschungssicher und international vergleichbar (Blanc et al., 2025).

Netzwerke als Motor nachhaltigkeitsorientierter beruflicher Bildung. Reflexionen aus dem Projekt NAWiGaLa

1 Nachhaltigkeitsorientierte Berufsbildung als gemeinsame Gestaltungsaufgabe

Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Entwicklung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu zentralen gesellschaftlichen und politischen Leitbildern entwickelt, um den Herausforderungen des Klimawandels, des Ressourcenverbrauchs sowie weiterer ökologischer, ökonomischer und sozialer Problemlagen zu begegnen. Mit der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro und der Verabschiedung der Agenda 21 erhielt dieses Leitbild internationale bildungspolitische Bedeutung. Bildung wird darin als zentrale Voraussetzung verstanden, um Menschen zur Mitgestaltung nachhaltiger Entwicklungsprozesse zu befähigen (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit [BMU], 1992). In den folgenden Jahrzehnten wurden die Ziele nachhaltiger Entwicklung kontinuierlich weiterentwickelt und mit der Agenda 2030 in Form der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) weiter ausdifferenziert (vgl. Vereinte Nationen, 2015). Bereits die Agenda 21 weist auch der beruflichen Aus- und Weiterbildung eine zentrale Rolle bei der Vermittlung der hierfür erforderlichen Kompetenzen zu (BMU, 1992, S. 285–287). Der beruflichen Bildung kommt damit eine besondere Bedeutung zu, da sie Fachkräfte qualifiziert, die durch ihr berufliches Handeln unmittelbar Einfluss auf den Einsatz von Ressourcen sowie die Gestaltung von Produktions- und Arbeitsprozessen nehmen und damit einen wesentlichen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten können (Bundesinstitut für Berufsbildung [BIBB], 2026, S. 3).

In Deutschland wurde die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) insbesondere im vergangenen Jahrzehnt durch verschiedene Förderprogramme des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF; seit 2025 Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend –BMBFSFJ) sowie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) systematisch weiterentwickelt. Hierzu zählen die BBNE-Modellversuche (2015–2019), das Förderprogramm BBNE-Transfer (2020–2022) sowie die Förderlinie „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden“ (NIB), die seit 2026 unter dem Titel „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert weiterbilden“ fortgeführt wird. Ziel dieser Programme ist es, nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen dauerhaft in der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu verankern und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Ausbildungspraxis zu unterstützen (BIBB, 2026).

Eine besondere Relevanz besitzt diese Entwicklung für den Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau. Die enge Verknüpfung des Berufs mit natürlichen Ressourcen birgt ein besonderes Potenzial, nachhaltige Praktiken sowohl in der Berufs- als auch in der Ausbildungspraxis zu fördern und umzusetzen. Die Branche ist zudem in besonderem Maße von den Folgen des Klimawandels und den Anforderungen nachhaltiger Entwicklung betroffen. Klimaangepasste Freiraumgestaltung, Regenwassermanagement, ressourcenschonender Materialeinsatz, Biodiversitätsförderung oder Bodenschutz gehören inzwischen ebenso zum beruflichen Alltag wie Fragen nachhaltiger Unternehmensführung, der Fachkräftesicherung und des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Nachhaltigkeit stellt damit keinen zusätzlichen Aufgabenbereich dar, sondern prägt nahezu alle beruflichen Handlungsfelder (Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. [BGL], 2023).

Auch ordnungspolitisch hat sich der Handlungsdruck deutlich erhöht. Mit der Einführung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ wurde Nachhaltigkeit seit 2021 verbindlicher Bestandteil aller neu geordneten, anerkannten Ausbildungsberufe (vgl. BIBB, 2021). Nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen sollen seither berufsübergreifend und integrativ vermittelt werden. Damit verändern sich zugleich die Anforderungen an das Ausbildungspersonal. Ausbilderinnen und Ausbilder müssen Nachhaltigkeit nicht nur fachlich durchdringen, sondern auch in konkrete Ausbildungssituationen übertragen und in betriebsspezifische Ausbildungspläne und Arbeitsprozesse integrieren (Kastrup et al., 2022).

Vor diesem Hintergrund gewinnen Kooperationen und Netzwerke eine zentrale Bedeutung. Die Entwicklung und Implementierung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote erfordert das Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure aus Wissenschaft, Berufsbildung, Verbänden, Kammern und betrieblicher Praxis. Kooperationen zwischen Betrieben, berufsbildenden Schulen und weiteren Bildungsakteuren fördern den Transfer von Konzepten, Materialien sowie praxisorientierten Handlungsbeispielen und ermöglichen die Bündelung unterschiedlicher fachlicher Kompetenzen (Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung [Nationale Plattform BNE], 2017, S. 45).

Dabei prägen institutionelle Rahmenbedingungen das Handeln der beteiligten Akteure sowie ihre Interaktionen und setzen zugleich den Möglichkeiten ihrer Zusammenarbeit Grenzen. Netzwerke können als eine Form dieser Handlungskoordination verstanden werden, durch die unterschiedliche Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten zusammengeführt werden. Kooperation ermöglicht dabei Handlungspotenziale, die einzelne Akteure aufgrund ihrer begrenzten Zuständigkeiten allein nicht realisieren könnten (Hagemeier, 2024, 5).

Dies ist insbesondere für den Transfer von Bildungsinnovationen relevant. Transfer erschöpft sich nicht in der Weitergabe entwickelter Konzepte oder Materialien, sondern setzt deren Aufnahme und Anpassung in unterschiedlichen institutionellen und praktischen Kontexten voraus. Zwischen Wissenschaft und Berufsbildungspraxis übernehmen dabei auch intermediäre Akteure eine wichtige Vermittlungsfunktion (Euler & Sloane, 2025). Für die Implementierung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote bedeutet dies, dass wissenschaftliche, berufspädagogische und fachpraktische Expertise ebenso zusammengeführt werden müssen wie Zugänge zu Betrieben, Bildungsinstitutionen sowie curricularen und prüfungsbezogenen Strukturen. Kooperationen und Netzwerke sind vor diesem Hintergrund nicht per se wirksam, bilden jedoch eine Möglichkeit, die hierfür erforderlichen Akteure und Ressourcen miteinander zu verbinden.

Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der Förderlinie „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden“ das Verbundprojekt NAWiGaLa – Qualifizierung für nachhaltiges Ausbilden und Wirtschaften im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau initiiert. Das Projekt wurde von 2024 bis 2026 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert und zeichnet sich insbesondere durch die enge Zusammenarbeit von Hochschulen, Berufsverbänden, Kammern, Fachschulen und weiteren Einrichtungen der beruflichen Bildung aus.

Auf Grundlage der Erfahrungen aus der Projektumsetzung soll im vorliegenden Artikel die Bedeutung kooperativer Netzwerkstrukturen für die Entwicklung, Verbreitung und langfristige Verankerung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote reflektiert werden. Dabei werden insbesondere die unterschiedlichen Funktionen beteiligter Netzwerkakteure und Multiplikatoren sowie deren Handlungsspielräume und Beiträge zur Integration von BBNE in bestehende Bildungsstrukturen analysiert. Ziel ist es, Potenziale und Grenzen netzwerkbasierter Implementierungsprozesse herauszuarbeiten und daraus Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung abzuleiten.

2 Das Projekt NAWiGaLa

Die Qualifizierung für Nachhaltiges Ausbilden und Wirtschaften im Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau, kurz NAWiGaLa, ist Ziel eines interdisziplinären Verbundprojektes. Anspruch des Projekts ist es, das ausbildende Personal im Garten- und Landschaftsbau dabei zu unterstützen, Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil der betrieblichen Ausbildung zu verankern. Adressiert wird das betriebliche Bildungspersonal in Ausbildungsbetrieben, überbetrieblichen Ausbildungsstätten (ÜA) sowie Fachschulen (Fortbildung Meister/-in, Fachagrarwirt/-in). Eine Besonderheit des Vorhabens liegt in der Verschmelzung fachlicher und berufspädagogischer Expertise, die sich auch in der Zusammensetzung des Projektteams widerspiegelt. Die Hochschule bringt die fachliche Expertise und den aktuellen Stand der Technik ein, während die Universität diese Inhalte in ein berufspädagogisch-didaktisch fundiertes Konzept überführt.

Im Projekt wurde bewusst ein Netzwerkansatz gewählt, der verschiedene Perspektiven innerhalb des Berufsbildungssystems zusammenführt. Strategische Partner wurden entlang des gesamten Transferprozesses, von der Konzeption bis zur Verstetigung und Prüfbarkeit, ausgewählt. Während Hochschulen die fachwissenschaftliche und berufspädagogische Konzeption verantworten, sorgen Fachschulen und Ausbildungsbetriebe für die Erprobung der Materialien und liefern unmittelbare Rückmeldungen aus der Berufsbildungspraxis. Berufsverbände schaffen Reichweite innerhalb der Branche, während Kammern und zuständige Stellen die langfristige Verankerung in Prüfungs- und Weiterbildungsstrukturen unterstützen. Die Auswahl der strategischen Partner erfolgte gezielt anhand ihrer Multiplikatorenwirkung innerhalb der grünen Branche. Ziel war es, Institutionen einzubinden, die aufgrund ihrer etablierten Strukturen einen breiten Zugang zu Ausbildungsbetrieben, Ausbildenden und Lehrkräften ermöglichen und dadurch die nachhaltige Verankerung der Projektergebnisse unterstützen. Die strategischen Partner und ihre jeweiligen Funktionen sind in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1: Strategische Partner in NAWiGaLa und deren Beitrag im Projekt

Bildungsakteur

Strategischer Partner

Funktion im Berufsbildungssystem

Projektbeitrag / Nutzen

Hochschulen

Universität Osnabrück
Fachbereich Berufs- und Wirtschaftspädagogik

Akademische Lehre

Verbundleitung

Forschung

Konzeption

 

Didaktische Aufbereitung

 

Evaluation

Hochschule Osnabrück
Lehr- und Forschungsbereich Baubetrieb

Akademische Lehre

Konzeption

Forschung

Fachliche Aufbereitung

 

Evaluation

Fachschulen

Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus (StMELF)
Fachschule Gartenbau, Landshut (Meisterschule)

Fortbildung Meister/-in

Transfer in Fortbildung

Fortbildung FAW

Zielgruppe: Ausbildende

 

Reichweite über Ehemaligennetzwerk

 

Infrastruktur Seminare

 

Rückmeldung aus Bildungspraxis

 

Lehrplanarbeit

Berufsverbände

Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V.

Arbeitgeberverband
(Bundesverband)

Reichweite in der Branche

Infrastruktur Seminare

Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau NRW e.V.

Arbeitgeberverband
(Landesverband)

Schnittstelle zur Unternehmensführung

Zuständige Stellen

StMELF

Zust. Stelle Abschlussprfg.

Institutionelle Sichtweise

Landwirtschaftskammer NDS

Zust. Stelle Meisterprfg.

Verbindlichkeit

Landwirtschaftskammer NRW

Zust. Stelle Prfg. FAW

Prüfungsrelevanz

Überbetriebliche Ausbildung (ÜA)

Deula Bundesverband e.V. (DEULA)

ÜA

Überführung in ÜA

Landwirtschaftskammer NDS

Weiterbildung formal/non-formal

zusätzl. Zielgruppen

Landwirtschaftskammer NRW

 

Infrastruktur Seminare

Fach-organisationen

Ausbildungsförderwerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (AUGALA)

Qualitätssteigerung Ausbildung

Verankerung Weiter-bildungskatalog

Kostenübernahme ÜA, Berufsschule

Verstetigung in Ausbildung

Weiterbildung der Ausbilder (WdA)

Kostenübernahme WdA-Seminare

Nachwuchswerbung

Reichweite grüner Bildungsbranche

Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. (FLL)

Regelwerksgeber

Entwicklung fachlicher Standards

 

Anschlussfähigkeit

 

mögl. Zertifizierung

Betriebe

Albrecht Bühler - Baum und Garten GmbH, Nürtingen

Betriebliche Ausbildung

Praxistransfer

   

Erprobung im betriebl. Alltag

 

Schuler Service GmbH & Co. KG, Klein-Winternheim

 

Rückmeldung aus Fachpraxis

   
 

GaLaBau EMSLAND GmbH & Co. KG, Lingen

   

Im Mittelpunkt des Projekts stand die Entwicklung eines modular aufgebauten Qualifizierungsangebots für das betriebliche Bildungspersonal. Dieses kombiniert ein verpflichtendes Präsenzmodul mit fachlichen und berufspädagogischen Wahlmodulen im Blended-Learning-Format. Ergänzt wird die Qualifizierung durch Praxisphasen, gemeinsame Reflexionstermine sowie kompakte dreitägige Seminarformate. Parallel entstanden mehr als 80 Lehr- und Lernmaterialien, die während der Projektlaufzeit erprobt, auf Grundlage der Rückmeldungen der Teilnehmenden überarbeitet und anschließend zur freien Nutzung bereitgestellt wurden.

3 Erfahrungen aus der Projektumsetzung

Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels stehen die Erfahrungen aus der ersten Förderphase des Projekts NAWiGaLa. Die dargestellten Beobachtungen stützen sich auf Teilnahmedaten der Qualifizierungsangebote, Ergebnisse der begleitenden Veranstaltungsevaluation sowie Rückmeldungen der strategischen Partner und Teilnehmenden.

Die Qualifizierungsangebote wurden modulbezogen mithilfe standardisierter Evaluationsbögen evaluiert, die geschlossene Fragen mit abgestuften Antwortmöglichkeiten sowie offene Fragen umfassten. Erfasst wurden unter anderem die Bewertung der inhaltlichen und zeitlichen Gestaltung, die Verständlichkeit und Praxisrelevanz der Inhalte und Materialien sowie deren beabsichtigte Nutzung in der Ausbildungspraxis. Die geschlossenen Angaben wurden deskriptiv ausgewertet, die offenen Rückmeldungen zusammenfassend betrachtet und insbesondere zur Weiterentwicklung der Qualifizierungsangebote und Materialien herangezogen. Die Beteiligung an den Evaluationen war freiwillig und fiel in den einzelnen Modulen unterschiedlich und teilweise gering aus. Die Ergebnisse erlauben daher keine repräsentativen Aussagen über die Teilnehmenden.

Ergänzend fließen qualitative Beobachtungen aus der Projektumsetzung in die Reflexion ein. Diese beruhen auf Gesprächen und Feedbackrunden während der Präsenz- und Onlineveranstaltungen. Dabei äußerten zahlreiche Teilnehmende mündlich die Absicht, die entwickelten Materialien und Methoden in ihrer eigenen Ausbildungspraxis einsetzen zu wollen. Diese Rückmeldungen werden im Beitrag als Hinweise auf Akzeptanz und wahrgenommenen Praxisnutzen interpretiert, stellen jedoch keinen Nachweis einer tatsächlichen oder langfristigen Veränderung des Ausbildungshandelns dar.

Zusätzlich werden Erfahrungen aus der laufenden Zusammenarbeit mit den strategischen Partnern in der Reflexion berücksichtigt. Diese entstanden insbesondere im Rahmen regelmäßiger Abstimmungen und der gemeinsamen Entwicklung, Durchführung und Weiterentwicklung der Qualifizierungs- und Transferaktivitäten. Sie wurden nicht systematisch erhoben und ausgewertet, sondern dienen als Grundlage für die Reflexion der im Projekt beobachteten Kooperations- und Transferprozesse.

Ziel ist nicht die statistische Generalisierung der Ergebnisse, sondern die Reflexion von Gelingensbedingungen und Herausforderungen bei der Entwicklung und Implementierung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote im Netzwerk. Insbesondere lassen die vorliegenden Evaluationen zwar Aussagen über die Bewertung der Angebote sowie über Nutzungsintentionen zu, Einschätzungen über eine tatsächliche oder längerfristige Veränderung des Ausbildungshandelns können hierdurch jedoch nicht getroffen werden.

3.1 Netzwerke schaffen Reichweite

Eine zentrale Erfahrung aus der bisherigen Projektumsetzung ist der positive Einfluss bestehender Netzwerke auf die Reichweite der entwickelten Qualifizierungsangebote. Durch den gezielten Aufbau und die Nutzung etablierter Kooperationsstrukturen innerhalb des Garten- und Landschaftsbaus konnten deutlich mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreicht werden als ursprünglich erwartet. Bereits im ersten Projektjahr zeigte sich, dass das Interesse an einer Qualifizierung zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) deutlich über den ursprünglich angenommenen Erwartungen lag. Die hohe Nachfrage machte zusätzliche Veranstaltungen erforderlich und führte dazu, dass das Qualifizierungsangebot über die ursprünglich vorgesehenen Standorte hinaus ausgeweitet wurde.

Ursprünglich war vorgesehen, im Rahmen der ersten Förderphase etwa 65 Ausbilderinnen und Ausbilder sowie weitere an der Ausbildung beteiligte Fachkräfte in den Einführungsmodulen zu erreichen. Dieses Ziel wurde deutlich übertroffen: Allein an den Einführungsmodulen nahmen insgesamt 91 Personen teil. Durch weitere Fachmodule, das dreitägige Kompaktseminar sowie zusätzliche Informations- und Transferveranstaltungen erhöhte sich die Zahl der direkt erreichten Personen kontinuierlich auf rund 150 Teilnehmende. Aufgrund der hohen Nachfrage wurden zusätzliche Einführungsmodule in Niedersachsen und Bayern angeboten, sowie das zunächst ausschließlich in Nordrhein-Westfalen geplante Kompaktseminar um einen weiteren Veranstaltungsort in Bayern ergänzt.

Die Teilnehmenden repräsentierten unterschiedliche Bereiche der beruflichen Bildung im Garten- und Landschaftsbau. Neben Ausbilderinnen und Ausbildern aus Ausbildungsbetrieben nahmen Lehrkräfte an Fachschulen und Berufsschulen, Mitarbeitende überbetrieblicher Bildungsstätten, Vertreterinnen und Vertreter von Kammern und Berufsverbänden sowie Mitglieder verschiedener Prüfungsausschüsse an den Veranstaltungen teil. Darüber hinaus wurden Meisterschülerinnen und Meisterschüler sowie Personen mit Leitungs- oder Koordinierungsaufgaben im Bereich der betrieblichen Ausbildung erreicht. Diese heterogene Zusammensetzung erwies sich als besonders gewinnbringend, da unterschiedliche Perspektiven auf nachhaltigkeitsorientierte Ausbildung zusammengeführt und Erfahrungen aus verschiedenen Lernorten der beruflichen Bildung ausgetauscht werden konnten.

Die hohe Resonanz lässt sich jedoch nicht allein durch die Aktualität des Themas Nachhaltigkeit erklären. Vielmehr zeigte sich, dass die Reichweite maßgeblich durch die Einbindung bestehender Netzwerkstrukturen beeinflusst wurde. Die Gewinnung von Teilnehmenden erfolgte nahezu ausschließlich über bereits etablierte Kommunikations- und Kooperationsstrukturen innerhalb der Branche. Hierzu gehörten insbesondere die Landesverbände des Garten-, Landschafts- und Sportplatzbaus, die Landwirtschaftskammern, das Ausbildungsförderwerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (AUGALA), die DEULA, die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) sowie der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL). Diese Partner verbreiteten Informationen über Newsletter, Internetseiten, Rundschreiben sowie eigene Veranstaltungen und ermöglichten dadurch einen unmittelbaren Zugang zur Zielgruppe.

Die Bedeutung dieser Netzwerkpartner beschränkte sich dabei nicht auf die reine Verbreitung von Informationen. Vielmehr fungierten sie als vertrauenswürdige Multiplikatoren innerhalb der Branche. Mehrfach berichteten Teilnehmende, dass sie auf Empfehlung ihrer Kammer, ihres Landesverbandes oder persönlicher Kontakte auf die Qualifizierung aufmerksam geworden seien. Insbesondere bei einem eher abstrakten Themenfeld wie der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung scheint die Empfehlung durch etablierte Institutionen eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahmebereitschaft darzustellen. Die bestehenden Netzwerke übernahmen damit eine Gatekeeper-Funktion, indem sie nicht nur Reichweite erzeugten, sondern zugleich maßgeblich zur Legitimation des Qualifizierungsangebots beitrugen.

Neben der direkten Teilnahme an den Qualifizierungen entstand darüber hinaus eine deutlich größere indirekte Reichweite. Bereits während der Entwicklung wurden Inhalte und Materialien über die Netzwerke der strategischen Partner kommuniziert und in verschiedenen Fachveranstaltungen vorgestellt. Nach Schätzungen des Projektverbundes konnten auf diese Weise mehr als 1.500 ausbildende Betriebe erreicht werden. Zusätzlich wurde das Projekt auf zahlreichen Tagungen, Fachveranstaltungen und Messen präsentiert und über verschiedene Fachmedien veröffentlicht. Dadurch gelang es, die entwickelten Ansätze weit über den Kreis der eigentlichen Seminarteilnehmenden hinaus sichtbar zu machen.

Bemerkenswert ist zudem die regionale Entwicklung der Projektaktivitäten. Während die ersten Veranstaltungen schwerpunktmäßig in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurden, zeigte sich bereits früh eine hohe Nachfrage aus Bayern. Die Durchführung zusätzlicher Einführungsveranstaltungen in Landshut sowie eines weiteren Kompaktseminars führte dazu, dass sich das Netzwerk des Projekts über die ursprünglich vorgesehenen Regionen hinaus ausweitete. Gleichzeitig entstanden neue Kooperationen mit Fachschulen, Verbänden und weiteren Akteuren der beruflichen Bildung, wodurch zusätzliche Transfermöglichkeiten eröffnet wurden.

Die Erfahrungen aus der ersten Förderphase verdeutlichen damit, dass Reichweite im Kontext nachhaltigkeitsorientierter beruflicher Bildung nicht allein durch die Qualität eines Qualifizierungsangebots entsteht. Entscheidend ist vielmehr die Einbettung in bestehende Netzwerkstrukturen. Diese ermöglichen nicht nur die Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen, sondern schaffen zugleich Vertrauen, erhöhen die Sichtbarkeit neuer Bildungsangebote und erleichtern deren Verbreitung innerhalb der Branche. Die Netzwerke erwiesen sich damit nicht lediglich als Kommunikationskanäle, sondern als zentrale Voraussetzung für den Transfer nachhaltigkeitsbezogener Bildungsinnovationen in die berufliche Praxis.

3.2 Netzwerkakteure übernehmen unterschiedliche Funktionen

Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen auch, dass Netzwerke nicht als homogene Strukturen verstanden werden können. Vielmehr übernehmen unterschiedliche Akteursgruppen jeweils spezifische Funktionen innerhalb der Entwicklung, Verbreitung und Verstetigung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote. Während einige Netzwerke vor allem eine hohe Reichweite ermöglichen, tragen andere zur fachlichen Legitimation, zur strukturellen Verankerung oder zur nachhaltigen Implementierung der entwickelten Inhalte bei (vgl. Tabelle 2).

Tabelle 2: Netzwerktypen und ihre Funktionen im Projekt NAWiGaLa

Netzwerktyp

Funktion

Beitrag für das Projekt

Berufsverbände

Reichweite und Multiplikation

Ansprache einer großen Zahl an Betrieben über Newsletter, Veranstaltungen und Websites

Fachschulen

Nachwuchs- und Multiplikatoren-gewinnung

Erreichen zukünftiger Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Integration der Materialien in den Unterricht

Persönliche Kontakte

Vertrauensbildung

Senkung von Vorbehalten, direkte Ansprache, höhere Teilnahmebereitschaft

Fachgremien und Prüfungsausschüsse

Institutionelle Verankerung

Integration nachhaltigkeitsbezogener Inhalte in Prüfungen und Bildungsstrukturen

Fachöffentlichkeit

Sichtbarkeit

Vorträge, Fachartikel und Messen erhöhen Bekanntheit und fördern neue Kooperationen

Die größte Reichweite wurde im Projekt über die bestehenden Verbandsstrukturen erzielt. Insbesondere die Landesverbände des Garten-, Landschafts- und Sportplatzbaus, die Landwirtschaftskammern, das Ausbildungsförderwerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (AuGaLa), die DEULA sowie die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) unterstützten die Verbreitung der Qualifizierungsangebote über ihre etablierten Kommunikationskanäle. Hierzu gehörten insbesondere Newsletter, Internetauftritte, Fachveranstaltungen sowie direkte Anschreiben an Ausbildungsbetriebe. Die Verbände fungierten damit als Multiplikatoren, die eine bundesweite Sichtbarkeit des Projekts ermöglichten und den Zugang zu einer großen Zahl potenzieller Teilnehmender eröffneten.

Eine andere Funktion übernahmen die beteiligten Fachschulen. Sie ermöglichten den unmittelbaren Zugang zu angehenden Meisterinnen und Meistern beziehungsweise Technikerinnen und Technikern, die zukünftig häufig selbst Ausbildungsverantwortung übernehmen. Dadurch konnten nicht nur einzelne Personen qualifiziert werden; vielmehr eröffnet sich die Möglichkeit, nachhaltigkeitsbezogene Inhalte bereits frühzeitig in die berufliche Sozialisation zukünftiger Ausbilderinnen und Ausbilder einzubinden. Gleichzeitig erwiesen sich Fachschulen als wichtige Transferorte für die entwickelten Materialien. Erste Rückmeldungen zeigen, dass diese inzwischen in unterschiedlichen Unterrichtsfächern – beispielsweise Betriebsführung, Berufsausbildung und Mitarbeiterführung oder Pflanzenverwendung – eingesetzt und teilweise sogar zur Entwicklung ganzer Unterrichtseinheiten genutzt werden. Darüber hinaus verfügen Fachschulen häufig über ausgeprägte Ehemaligennetzwerke, wodurch sich zusätzliche Transfermöglichkeiten ergeben.

Neben institutionellen Netzwerken spielten persönliche Kontakte eine wesentliche Rolle für den Projekterfolg. Insbesondere bei der Einführung neuer Themen zeigte sich, dass individuelle Empfehlungen häufig entscheidender waren als allgemeine Ausschreibungen. Die direkte Ansprache potenzieller Teilnehmender durch bekannte Kolleginnen und Kollegen oder langjährige Kooperationspartner erleichterte den Zugang zu Betrieben und reduzierte bestehende Vorbehalte gegenüber einer zunächst abstrakt wirkenden Thematik wie der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Persönliche Netzwerke erwiesen sich damit weniger als Instrument zur Erhöhung der Reichweite, sondern vielmehr als Mechanismus zur Vertrauensbildung.

Eine weitere Netzwerkfunktion zeigte sich in der Zusammenarbeit mit Fachgremien, Kammern und Prüfungsausschüssen. Diese Netzwerke zeichnen sich zwar durch eine vergleichsweise geringe unmittelbare Reichweite aus, besitzen jedoch eine hohe institutionelle Bedeutung. Insbesondere im Zusammenhang mit der Entwicklung nachhaltigkeitsorientierter Prüfungsaufgaben sowie der Integration entsprechender Inhalte in bestehende Bildungsstrukturen erwies sich die Zusammenarbeit mit diesen Akteursgruppen als unverzichtbar. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Abstimmungsprozesse aufgrund der Vielzahl beteiligter Institutionen zeitaufwendig sind und eine langfristige Zusammenarbeit erfordern.

Schließlich stellte auch die Fachöffentlichkeit ein bedeutsames Netzwerk dar. Die Vorstellung des Projekts auf Fachveranstaltungen, Messen und Tagungen sowie die Veröffentlichung erster Fachbeiträge erhöhten nicht nur die Sichtbarkeit von NAWiGaLa, sondern führten zugleich zur Entstehung neuer Kooperationen. Über Vorträge bei Berufsbildungsausschüssen, Ausbildungsausschüssen, Berufsschullehrertagungen und Fachforen konnten weitere Akteurinnen und Akteure für das Projekt gewonnen werden. Fachpublikationen sowie Beiträge in branchenspezifischen Zeitschriften trugen zusätzlich dazu bei, die entwickelten Konzepte über den unmittelbaren Kreis der Projektbeteiligten hinaus bekannt zu machen.

3.3 Erhöhung der Akzeptanz durch Praxisnähe

Die bisherigen Erfahrungen aus dem Projekt NAWiGaLa zeigen jedoch auch, dass die Reichweite eines Qualifizierungsangebots allein noch keine nachhaltige Wirkung gewährleistet. Entscheidend ist vielmehr, ob die vermittelten Inhalte von den Teilnehmenden als unmittelbar relevant für ihre berufliche Praxis wahrgenommen werden. Die begleitenden Evaluationen sowie zahlreiche Rückmeldungen aus den Veranstaltungen verdeutlichen, dass insbesondere der hohe Praxisbezug der Qualifizierungsangebote maßgeblich zu deren Akzeptanz beigetragen hat. Als besonders positiv wurden die direkte Anwendbarkeit der Inhalte, konkrete Arbeitshilfen für den Ausbildungsalltag sowie die Verbindung fachlicher und berufspädagogischer Fragestellungen bewertet.

Denn bereits bei der Entwicklung der Qualifizierungsmodule wurde großer Wert auf die Orientierung an authentischen beruflichen Handlungssituationen gelegt. Nachhaltigkeit wurde nicht als zusätzliches Unterrichtsthema behandelt, sondern konsequent in typische Arbeitsprozesse des Garten- und Landschaftsbaus integriert. Ausgangspunkt bildeten Fragestellungen, mit denen Ausbilderinnen und Ausbilder regelmäßig im Ausbildungsalltag konfrontiert sind, beispielsweise die Auswahl geeigneter Materialien, der Umgang mit Wasser- und Bodenressourcen, biodiversitätsfördernde Maßnahmen oder die Organisation nachhaltiger Baustellen. Die Vermittlung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen erfolgte somit nicht losgelöst von der beruflichen Praxis, sondern eingebettet in konkrete Ausbildungssituationen.

Als besonders hilfreich erwiesen sich dabei Materialien, die eine eigenständige Auseinandersetzung der Auszubildenden mit Nachhaltigkeit unterstützen. Dazu gehörten insbesondere Arbeitsblätter, Reflexionsaufgaben, Learning Snacks, digitale Lernimpulse, Erkundungsbögen sowie Handreichungen für Ausbilderinnen und Ausbilder. Die Materialien wurden bewusst niedrigschwellig gestaltet und sollten ohne umfangreiche Vorbereitung unmittelbar im Ausbildungsalltag eingesetzt werden können. Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen, dass insbesondere strukturierende Hilfestellungen, konkrete Praxisbeispiele sowie handlungsorientierte Aufgabenstellungen als besonders gewinnbringend wahrgenommen wurden.

Darüber hinaus zeigte sich, dass anschauliche und authentische Beispiele einen wichtigen Beitrag zur Verständlichkeit abstrakter Nachhaltigkeitsthemen leisten. So erleichterten reale Fallbeispiele aus dem Garten- und Landschaftsbau sowie Bildmaterial aus der beruflichen Praxis den Transfer theoretischer Nachhaltigkeitskonzepte in konkrete betriebliche Handlungssituationen. Nachhaltigkeit wurde dadurch nicht als abstraktes Leitbild vermittelt, sondern als Bestandteil alltäglicher beruflicher Entscheidungen erfahrbar. Gleichzeitig boten Reflexionsaufgaben und Erkundungsaufträge den Teilnehmenden die Möglichkeit, eigene betriebliche Erfahrungen einzubringen und gemeinsam zu diskutieren. Dadurch entwickelte sich ein intensiver kollegialer Austausch über unterschiedliche Lösungsansätze und Herausforderungen im Ausbildungsalltag.

Eine besondere Bedeutung kam daher den Präsenzveranstaltungen zu. Obwohl wesentliche Teile der Qualifizierung im Blended-Learning-Format durchgeführt wurden, wurde der persönliche Austausch von den Teilnehmenden wiederholt als wesentlicher Mehrwert hervorgehoben. Die Präsenzphasen boten Raum, eigene Erfahrungen zu reflektieren, Herausforderungen aus der Ausbildungspraxis zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen. Dieser Erfahrungsaustausch erwies sich insbesondere deshalb als wertvoll, weil viele Ausbilderinnen und Ausbilder vergleichbare Schwierigkeiten bei der Integration nachhaltigkeitsbezogener Themen in ihre Ausbildung beschrieben. Die Veranstaltungen entwickelten sich dadurch nicht nur zu Lernorten, sondern zugleich zu Orten kollegialer Vernetzung.

Die Evaluationsergebnisse bestätigen diese Wahrnehmung. Die Teilnehmenden bewerteten die Materialien überwiegend als verständlich, praxisnah und unmittelbar einsetzbar. Besonders hervorgehoben wurden Arbeitsblätter, strukturierte Reflexionsfragen sowie konkrete Beispiele aus der Ausbildungspraxis. Gleichzeitig äußerten viele Teilnehmende die Absicht, die vorgestellten Methoden und Materialien künftig systematisch in ihre eigene Ausbildung zu integrieren.

Die Bedeutung der Praxisorientierung zeigte sich auch in den Rückmeldungen zu den berufspädagogischen Bestandteilen der Qualifizierung. Pädagogische Elemente wie die Formulierung von Lernzielen oder die strukturierte Planung von Ausbildungssituationen wurden teilweise zunächst als theoretisch oder wenig anschlussfähig an den betrieblichen Alltag wahrgenommen. Die Akzeptanz erhöhte sich jedoch, wenn diese unmittelbar mit konkreten Ausbildungssituationen und betrieblichen Herausforderungen verknüpft und ihr unmittelbarer Nutzen für die Gestaltung betrieblicher Ausbildungssituationen sichtbar wurden.

Gleichzeitig machten die Evaluationen deutlich, dass Praxisnähe nicht allein die Gestaltung der Materialien betrifft, sondern auch die organisatorische Form der Qualifizierung. Wiederholt wurde der Wunsch nach kompakteren Veranstaltungsformaten sowie einer besseren Vereinbarkeit mit dem betrieblichen Arbeitsalltag geäußert. Insbesondere die Aufteilung einzelner Module auf mehrere Termine wurde teilweise als organisatorisch anspruchsvoll wahrgenommen. Die Erfahrungen aus der ersten Förderphase führten deshalb bereits zu Anpassungen der Qualifizierungskonzepte, unter anderem durch kompaktere Veranstaltungsformate und flexiblere Zeitstrukturen.

3.4 Netzwerke als Infrastruktur für Innovationsprozesse

Netzwerke bilden eine wesentliche Voraussetzung dafür, nachhaltigkeitsorientierte Berufsbildung dauerhaft in bestehenden Strukturen der beruflichen Bildung zu verankern. Während einzelne Fortbildungsveranstaltungen zunächst vor allem auf die Kompetenzentwicklung der Teilnehmenden abzielen, eröffnen Netzwerke die Möglichkeit, entwickelte Inhalte und Konzepte langfristig in Institutionen, Bildungsprozessen und beruflichen Routinen zu etablieren.

Bereits während der ersten Förderphase zeigte sich, dass die entwickelten Materialien über den ursprünglichen Kreis der Teilnehmenden hinaus Verwendung fanden. Rückmeldungen aus Fachschulen und Berufsschulen verdeutlichen, dass einzelne Unterrichtsmaterialien inzwischen in verschiedenen Lernfeldern eingesetzt und teilweise an die jeweiligen Bildungsgänge angepasst werden. Gleichzeitig wurden die Materialien in der Meisterausbildung erprobt und zur Gestaltung von Unterrichtseinheiten genutzt. Damit entstand bereits während der Projektlaufzeit ein Transfer, der über die eigentlichen Qualifizierungsveranstaltungen hinausreicht.

Auch mit Blick auf die betriebliche Ausbildung äußerten zahlreiche Teilnehmende in den mündlichen Rückmeldungen während und im Anschluss an die Qualifizierungsveranstaltungen die Absicht, die vorgestellten Methoden und Materialien künftig in ihrer Ausbildungspraxis einsetzen zu wollen. Besonders die entwickelten Arbeitsblätter, Reflexionsaufgaben und digitalen Lernangebote wurden als unmittelbar nutzbare Unterstützung für den Ausbildungsalltag wahrgenommen. Die entwickelten Materialien stellen damit konkrete Instrumente bereit, die unmittelbar in betriebliche Ausbildungsprozesse integriert werden können.

Eine besondere Bedeutung kommt darüber hinaus den institutionellen Netzwerken zu. Die Einbindung von Kammern, Berufsverbänden, überbetrieblichen Bildungsstätten sowie Vertreterinnen und Vertretern der Berufsschulen ermöglichte es, Fragen nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung frühzeitig in bestehende Gremien und Entscheidungsprozesse einzubringen. Hierzu gehörten unter anderem Diskussionen zur Weiterentwicklung von Qualifizierungsangeboten, zur Integration nachhaltigkeitsbezogener Inhalte in Fortbildungsstrukturen sowie erste Überlegungen zur Berücksichtigung entsprechender Kompetenzen in Prüfungen. Auch wenn diese Prozesse einen langen Zeithorizont besitzen, zeigen sie, dass Netzwerke als Schnittstelle zwischen innovativen Projektideen und etablierten Institutionen fungieren können.

Ein weiterer Aspekt der Verstetigung besteht im kontinuierlichen Ausbau der Kooperationen während der Projektlaufzeit. Durch Fachveranstaltungen, Tagungen und Veröffentlichungen konnten neue Partner gewonnen und bestehende Kooperationen intensiviert werden. Das Projekt entwickelte sich dadurch zunehmend von einem zeitlich begrenzten Forschungsvorhaben zu einem Netzwerk verschiedener Akteurinnen und Akteure, die sich gemeinsam mit der Weiterentwicklung nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung beschäftigen. Diese Vernetzung erleichtert nicht nur den Transfer bestehender Materialien, sondern schafft zugleich eine Grundlage für die gemeinsame Entwicklung neuer Bildungsangebote und die Anpassung an zukünftige Anforderungen der beruflichen Bildung.

Die Erfahrungen aus der ersten Förderphase hatten zudem unmittelbare Auswirkungen auf die Konzeption der anschließenden Projektphase. Rückmeldungen der Teilnehmenden sowie Erfahrungen aus der praktischen Umsetzung wurden genutzt, um die Qualifizierungsangebote weiterzuentwickeln. Hierzu gehören unter anderem kompaktere Modulstrukturen, zusätzliche fachrichtungsbezogene Angebote sowie eine stärkere Berücksichtigung verschiedener Zielgruppen innerhalb des Garten- und Landschaftsbaus. Gleichzeitig wurde der Netzwerkgedanke weiter ausgebaut, indem bestehende Kooperationen vertieft und neue Partner in die Entwicklung der Qualifizierung einbezogen wurden. Die Weiterentwicklung des Projekts erfolgte damit selbst als gemeinsamer Lernprozess innerhalb des entstandenen Netzwerks.

Die bisherigen Erfahrungen verdeutlichen insgesamt, dass nachhaltigkeitsorientierte Berufsbildung nicht dauerhaft durch einzelne Projekte oder Fortbildungsmaßnahmen implementiert werden kann. Ihre langfristige Verankerung setzt stabile Kooperationen zwischen Wissenschaft, Bildungsinstitutionen, Verbänden, Betrieben und weiteren Akteurinnen und Akteuren voraus. Netzwerke übernehmen dabei eine doppelte Funktion: Sie ermöglichen einerseits den Transfer neuer Konzepte in die Praxis und schaffen andererseits Rückkopplungsprozesse, durch die Qualifizierungsangebote kontinuierlich weiterentwickelt und an die Bedarfe der Praxis angepasst werden können. Damit verbinden sie Entwicklung, Erprobung, Rückmeldung und Weiterentwicklung und bilden eine Infrastruktur für Innovationsprozesse in der beruflichen Bildung.

4 Kritische Reflexion: Chancen und Grenzen einer Netzwerkgovernance

Die Ergebnisse aus NAWiGaLa verdeutlichen, dass Netzwerkgovernance einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung, Erprobung und Verstetigung nachhaltigkeitsbezogener Qualifizierungsangebote leisten kann. Gleichzeitig zeigt die Projektumsetzung, dass heterogene Netzwerkstrukturen unterschiedliche Herausforderungen und Spannungsfelder mit sich bringen. Diese ergeben sich aus den verschiedenen institutionellen Aufgaben, Handlungsspielräumen und Interessen der beteiligten Akteure sowie den strukturellen Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit. Die nachfolgenden Abschnitte reflektieren diese Aspekte anhand der Erfahrungen aus NAWiGaLa.

4.1 Unterschiedliche Handlungsspielräume der Netzwerkakteure

Wie eingangs beschrieben, sind die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure durch ihre jeweiligen institutionellen Zuständigkeiten und Ressourcen geprägt. Gerade die unterschiedlichen Kompetenzen stellen einerseits eine zentrale Stärke des Netzwerks dar, begrenzen andererseits aber die Möglichkeiten einzelner Akteure, Veränderungen eigenständig umzusetzen. Daraus entstehen wechselseitige Abhängigkeiten und ein erhöhter Koordinationsbedarf.

Die beteiligten Hochschulen bringen ihre Kompetenzen in der Materialkonzeption, Didaktik sowie Evaluation ein, haben jedoch nur begrenzten Einfluss auf die Gestaltung und Überarbeitung von Lehrplänen oder das Prüfungswesen.

Die beteiligten Verbände wiederum erhöhen die Reichweite, unterstützen die Kommunikation und helfen dabei, die Kernzielgruppe sowie weitere Zielgruppen zu erreichen. Sie können jedoch lediglich für die Projektinhalte und Veranstaltungen werben, nicht aber zur Teilnahme verpflichten.

Die Ausbildungsbetriebe entscheiden über die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, die für eine Teilnahme des Ausbildungspersonals zur Verfügung stehen. Die Teilnahme an den Qualifizierungsangeboten ist damit auch davon abhängig, in welchem Umfang die Betriebe entsprechende Ressourcen bereitstellen können.

Für die formale Verankerung nachhaltigkeitsbezogener Inhalte kommt den zuständigen Stellen für Abschluss- und Fortbildungsprüfungen eine besondere Bedeutung zu. Sie verfügen über entsprechende institutionelle Handlungsmöglichkeiten, sind bei deren Umsetzung jedoch ebenfalls auf Abstimmungsprozesse mit weiteren Akteuren und die Einbindung relevanter Gremien wie Prüfungs- und Prüfungsfragenausschüssen angewiesen.

Gerade diese unterschiedlichen Handlungsspielräume unterstreichen die Bedeutung von Netzwerkgovernance: Die beteiligten Akteure verfügen über unterschiedliche Ressourcen und Befugnisse, sind für die Entwicklung, Verbreitung und institutionelle Verankerung der Projektinhalte jedoch wechselseitig aufeinander angewiesen. Zugleich wird eine zentrale Grenze des Projektnetzwerks sichtbar: Eine verbindliche strukturelle Verankerung in bestehenden Bildungs- und Prüfungsstrukturen kann durch das Projekt angestoßen und unterstützt, nicht aber eigenständig umgesetzt werden.

4.2 Netzwerke erhöhen Reichweite, ersetzen aber keine strukturelle Verankerung

Netzwerke können die Verbreitung neuer Ideen und Konzepte unterstützen, indem sie bestehende Kommunikationswege und Multiplikatoren einbinden. Eine hohe Reichweite allein gewährleistet jedoch noch keine dauerhafte Verankerung von BBNE in bestehende Bildungsstrukturen.

In NAWiGaLa waren es insbesondere die Verbände und Fachschulen, die durch ihr großes Netzwerk die Zielgruppen erreichen konnten. Dieser Multiplikatoreneffekt sorgte im Projekt für bemerkenswert hohe Teilnehmerzahlen. Für eine Verstetigung über die Projektlaufzeit hinaus, sollten die Projektinhalte als Kompaktseminare etabliert werden. Dabei konnten in der Branche bereits etablierte Weiterbildungsformate genutzt werden. Die unter der Bezeichnung WdA (Weiterbildung der Ausbilder) bekannten Seminare sollen für die BBNE-Themen sensibilisieren und die Ausbildungskompetenz in Bezug auf Nachhaltigkeit erhöhen. Über die Zusammenarbeit mit dem Ausbildungsförderungswerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (AUGALA), einem strategischen Partner des Projekts, besteht zudem die Möglichkeit, die Finanzierung künftiger WdA-Seminare nach dem Vorbild bereits etablierter Angebote abzusichern. Für die Durchführung wurden in NAWiGaLa entsprechende Trainerinnen und Trainer professionell geschult. Das angewandte Train-the-Trainer-Format schaffte damit eine weitere Voraussetzung dafür, die Qualifizierungsangebote über die unmittelbare Projektlaufzeit hinaus fortzuführen.

Eine besondere Herausforderung stellte zudem die Verankerung nachhaltigkeitsbezogener Inhalte im Prüfungswesen dar. Sowohl für die Abschluss- als auch für die Meisterprüfung ist eine Integration entsprechender Kompetenzen erforderlich. Gerade die Meisterprüfung besitzt hierbei eine hohe Multiplikatorenwirkung, da Meisterinnen und Meister häufig zugleich als Ausbilderinnen und Ausbilder tätig sind. Die Umsetzung gestaltet sich jedoch anspruchsvoll, da insbesondere mündliche Prüfungen in hohem Maße von den jeweiligen Prüfungsausschüssen und deren individuellen Schwerpunkten abhängen. Eine nachhaltige Verankerung setzt daher die frühzeitige Einbindung, Sensibilisierung und Qualifizierung der regional verteilten Prüfungsausschüsse voraus.

Die Auswertung von vier Projekten aus der Transport- und Logistikbranche weist auf eine vergleichbare Herausforderung hin. Moss et al. (2026, S. 7) sehen eine systematische Grenze der Verstetigung, wenn beispielsweise die curriculare Anschlussfähigkeit vernachlässigt wird. Die Inhalte einer BBNE müssen daher dauerhaft in Curricula, Ausbildungsordnungen, Prüfungswesen sowie branchenspezifischer Fort- und Weiterbildung verankert werden, wozu es verschiedene Professionalisierungsimpulse bedarf.

Mit Blick auf die in Kapitel 4.1 dargestellten Handlungsspielräume der beteiligten Akteure wird damit zugleich eine Grenze des Projektnetzwerks deutlich: Es kann entsprechende Prozesse initiieren, Akteure miteinander verbinden und bestehende Strukturen für den Transfer nutzen, die verbindliche Verankerung in Curricula, Ausbildungsordnungen, Prüfungen und Weiterbildungsstrukturen jedoch nicht eigenständig herbeiführen.

4.3 Reichweite des Projekts

Trotz der hohen Reichweite, die durch das Netzwerk, insbesondere durch die beteiligten Verbände, im Projekt erreicht wurde, ist kritisch zu hinterfragen, welche Teile der Zielgruppe mit der bestehenden Projektstruktur erreicht wurden und welche Zugangsbarrieren bestanden. Die Projektinhalte wurden durch etablierte Verbandsstrukturen bundesweit beworben. Durch die Einbindung unterschiedlicher Institutionen konnte die quantitative Reichweite des Netzwerks demnach deutlich erhöht werden. Gleichzeitig bestehen strukturelle Bedingungen, die eine Teilnahme erschweren können. Zu nennen wären hier insbesondere Kleinst- und Kleinbetriebe, die bei einem Branchendurchschnitt von 6,7 Beschäftigten pro Betrieb (Kullmann & Meinen, 2024, S. 14) einen durchaus relevanten Teil der Branche ausmachen. Für Betriebe dieser Größenordnung ist es in der Regel wesentlich schwieriger, personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen für zusätzliche Qualifizierungen bereitzustellen. Erschwerend kommt hinzu, dass hauptamtliche Ausbilder/-innen im Garten- und Landschaftsbau eher die Ausnahme darstellen und diese Personengruppe zusätzlich im operativen Geschäft, z.B. in Personalunion als Bauleiter/-innen, tätig sind (Breitenstein et al., 2025, S. 11). Für zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen steht in solchen Konstellationen häufig nur begrenzt Zeit zur Verfügung.

Ferner kann die Teilnahme durch die regionale Verteilung der Angebote beeinflusst werden, da die regionale Verteilung der strategischen Partner im Projekt auch das räumliche Qualifizierungsangebot bestimmte. Für Interessierte aus dem nordwestdeutschen Raum (Osnabrück, Oberhausen) sowie dem südostdeutschen Raum (Landshut) war die Teilnahme vergleichsweise gut realisierbar. Gleichzeitig zeigte sich, dass die räumliche Distanz für Interessierte aus anderen Regionen eine Teilnahme erschweren konnte, wodurch die Reichweite des Netzwerks regional begrenzt wurde. Onlineformate können räumliche Zugangsbarrieren zwar reduzieren, bringen jedoch andere Herausforderungen mit sich. Dazu zählen technische Voraussetzungen, eingeschränkte Möglichkeiten der direkten Interaktion sowie die Einbindung der Qualifizierung in den betrieblichen Arbeitsalltag.

Für die Netzwerkgovernance bedeutet dies, dass die Einbindung reichweitenstarker Akteure den Zugang zur Zielgruppe erheblich verbessern kann, bestehende Teilnahmebarrieren jedoch nicht vollständig aufhebt. Hohe Reichweite ist damit eine wichtige Voraussetzung für die Verbreitung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote, darf aber nicht mit einer flächendeckenden Beteiligung gleichgesetzt werden.

4.4 Projektförmigkeit zwischen Innovation und Verstetigung

Ein großer Vorteil von geförderten Projekten liegt in der Bereitstellung finanzieller und personeller Ressourcen. Dadurch können Netzwerke gebildet werden, die sowohl die Konzeption als auch den anschließenden Praxistransfer wesentlich unterstützen. Durch die Mitwirkung unterschiedlicher Akteure können neue Ansätze entwickelt, erprobt und über bestehende Netzwerkstrukturen verbreitet werden. Die zeitliche Befristung der Projektförderung steht jedoch häufig im Spannungsverhältnis zu längerfristigen Implementierungs- und Verstetigungsprozessen. Mit dem Ende der Förderung entfallen in der Regel auch personelle und finanzielle Ressourcen für die weitere Koordination und Entwicklung.

Erfordern Implementierungsprozesse einen längeren Zeitraum als die Projektförderung vorsieht, besteht daher das Risiko, dass angestoßene Entwicklungen nach Projektende nicht oder nur eingeschränkt weitergeführt werden können. Neben dauerhafter Datenbankpflege und Materialaktualisierung, müssen die Inhalte im curricularen Rahmen verankert und Prüfungsanforderungen entsprechend angepasst werden. Auch die dauerhafte Einbindung der entwickelten Qualifizierungsangebote in bestehende Weiterbildungsstrukturen benötigt Zeit und verantwortliche Akteure. Diese Prozesse reichen vielfach über die Laufzeit einzelner Förderprojekte hinaus.

Fragen der Verstetigung sollten daher bereits während der Förderphase berücksichtigt werden, insbesondere mit Blick auf die Weiterführung von Qualifizierungsangeboten, die Pflege und Aktualisierung von Materialien sowie die Fortführung bestehender Kooperationen.

4.5 Spannungsfelder innerhalb des Netzwerks

Die Erfahrungen aus NAWiGaLa zeigen, dass erfolgreiche Netzwerkgovernance nicht allein vom Vorhandensein unterschiedlicher Akteure abhängt. Vielmehr entstehen im Verlauf der Zusammenarbeit verschiedene Spannungsfelder, die aus den unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und Nachhaltigkeitsverständnissen der beteiligten Partner resultieren. Die Aufgabe der Netzwerkkoordination besteht daher weniger darin, diese Unterschiede aufzulösen, als vielmehr darin, sie produktiv für die gemeinsame Entwicklung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote zu nutzen.

Ein zentrales Spannungsfeld ergibt sich aus den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der betrieblichen Ausbildung. Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen verfügen häufig nur über begrenzte personelle und zeitliche Ressourcen. Im Garten- und Landschaftsbau werden Ausbilderinnen und Ausbilder vielfach nicht ausschließlich für Ausbildungsaufgaben eingesetzt, sondern übernehmen gleichzeitig Funktionen als Bauleiterinnen bzw. Bauleiter oder Vorarbeiterinnen bzw. Vorarbeiter. Weiterbildung bedeutet in diesen Fällen nicht nur einen finanziellen Aufwand, sondern auch den Ausfall einer Arbeitskraft während der Qualifizierungsmaßnahme. Kurzfristige betriebliche Verpflichtungen besitzen daher häufig eine höhere Priorität als langfristige Qualifizierungsziele. Selbst wenn nachhaltigkeitsorientierte Weiterbildung grundsätzlich als sinnvoll angesehen wird, kann die Teilnahme hieran dadurch erheblich erschwert werden. Netzwerkpartner wie Berufsverbände oder das Ausbildungsförderwerk Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (AUGALA) können diese Hürden teilweise reduzieren, etwa durch die Bereitstellung etablierter Weiterbildungsformate oder die Finanzierung entsprechender Angebote. Vollständig auflösen lassen sich diese strukturellen Rahmenbedingungen jedoch nicht.

Ein weiteres Spannungsfeld betrifft unterschiedliche Vorstellungen darüber, was unter nachhaltiger Entwicklung zu verstehen ist und welche Ziele nachhaltigkeitsorientierte Berufsbildung verfolgen sollte. NAWiGaLa bewegt sich diesbezüglich innerhalb eines kontroversen wissenschaftlichen Diskurses. Beispielhaft zu nennen wären hier die Debatte um starke und schwache Nachhaltigkeit im beruflichen Bildungskontext (Goncharova & Trampe, 2026) sowie die Kritik einer möglichen Instrumentalisierung von BBNE-Ansätzen zum Zweck der wirtschaftlichen Effizienzsteigerung (Trampe & Trampe, 2026). Diese grundlegenden Kontroversen bilden das wissenschaftliche Umfeld, in dem die akademischen Projektpartner agieren und dabei das Ziel verfolgen, nachhaltigkeitsbezogene Handlungskompetenz im Sinne eines transformativen Bildungsverständnisses zu fördern. Vertreterinnen und Vertreter der betrieblichen Praxis sowie der Berufsverbände richten ihren Blick demgegenüber stärker auf Fragen der praktischen Umsetzbarkeit, der Wirtschaftlichkeit und der Akzeptanz innerhalb der Branche. Nachhaltigkeit wird hier häufig pragmatischer verstanden und stärker an konkreten betrieblichen Handlungserfordernissen ausgerichtet.

Diese unterschiedlichen Perspektiven erwiesen sich im Projekt jedoch nicht als grundsätzlich widersprüchlich. Vielmehr machten sie deutlich, dass nachhaltigkeitsorientierte Qualifizierungsangebote nur dann langfristig wirksam werden können, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse und betriebliche Erfahrungswelten gleichermaßen berücksichtigt werden. Die gemeinsame Entwicklung der Materialien sowie deren wiederholte Erprobung und Überarbeitung führten dazu, dass fachwissenschaftliche Ansprüche und betriebliche Anforderungen kontinuierlich aufeinander abgestimmt werden konnten. Gerade die regelmäßigen Rückkopplungen innerhalb des Netzwerks ermöglichten es, theoretische Konzepte mit den Anforderungen der Praxis abzugleichen, ohne deren grundlegende Zielsetzung aufzugeben.

Die Erfahrungen aus NAWiGaLa verdeutlichen damit, dass Netzwerkgovernance nicht auf vollständige Übereinstimmung aller Beteiligten angewiesen ist. Im Gegenteil können unterschiedliche Perspektiven die Qualität gemeinsamer Entwicklungsprozesse erhöhen, sofern sie transparent gemacht und konstruktiv in die Zusammenarbeit eingebunden werden. Erfolgreiche Netzwerkgovernance zeigt sich daher weniger in der Auflösung bestehender Differenzen als vielmehr in der Fähigkeit, trotz unterschiedlicher Interessen und Nachhaltigkeitsverständnisse gemeinsame Handlungsfähigkeit herzustellen. Gerade dieser fortlaufende Aushandlungsprozess erwies sich im Projekt als wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung akzeptierter und zugleich wissenschaftlich fundierter Qualifizierungsangebote.

4.6 Grenzen der Übertragbarkeit von Netzwerkgovernance

Beim Garten- und Landschaftsbau handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Branche des Dienstleistungssektors. Die 131.746 Beschäftigten in 19.898 Betrieben (ohne sogenannte Solo-Selbstständige), die sowohl vegetationstechnische als auch bautechnische Leistungen anbieten und somit zum Teil große Schnittmengen mit dem Bausektor haben, erzielten im Jahr 2025 einen bundesweiten Gesamtumsatz von 11,11 Mrd. € (BGL, 2025). Zum Vergleich: die im Kapitel 4.2 erwähnte Transport- und Logistikbranche generierte 2024 einen prognostizierten Umsatz von ca. 331 Mrd. € bei über 3 Mio. Beschäftigen in etwa 70.000 Unternehmen (Bundesvereinigung Logistik e. V. [BVL], 2026). Bereits diese Unterschiede in Größe und Struktur verdeutlichen, dass sich die Rahmenbedingungen für Netzwerkbildung und Transfer zwischen Branchen erheblich unterscheiden können.

Eine weitere branchenspezifische Besonderheit betrifft die institutionelle Struktur der beruflichen Ausbildung. Die Abschlussprüfungen im Ausbildungsberuf Gärtner/-in werden von den jeweils zuständigen Stellen der Länder durchgeführt. Eine Meisterpflicht für die Ausbildung oder Ausübung des Berufs, wie sie in Teilen des Handwerks besteht, gibt es nicht. Für die strukturelle Verankerung der Projektinhalte ist zudem relevant, dass die Ausbildungsordnung für den Beruf Gärtner/-in noch aus dem Jahr 1996 stammt. Die im Vergleich zu anderen Branchen verzögerte Neuordnung erschwert damit eine strukturelle Berücksichtigung der 2021 implementierten Standardberufsbildpositionen, da diese als zu abstrakt wahrgenommen werden.

Gleichzeitig erwiesen sich die Verbandsstrukturen des Garten- und Landschaftsbaus als eng vernetzt. Im Projekt zeigte sich insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Bundes- und Landesverbänden als niedrigschwellig, direkt und durch kurze Kommunikationswege geprägt. Es entstand eine familiär wirkende Verbandsstruktur, in der auch einzelne engagierte Persönlichkeiten als gewinnbringende Multiplikatoren wahrgenommen wurden.

Diese Umstände verdeutlichen, dass die Übertragbarkeit der Erfahrungen aus NAWiGaLa eng mit den jeweiligen strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Einige der im Projekt identifizierten Gelingensbedingungen lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Branchen übertragen. Gleichzeitig lassen sich aus den Erfahrungen übergreifende Ansatzpunkte für netzwerkbasierte Entwicklungs- und Transferprozesse ableiten. Hierzu zählen die frühzeitige Einbindung geeigneter strategischer Partner, die Nutzung bereits etablierter Multiplikatoren und Netzwerkstrukturen, die frühzeitige Initiierung curricularer und prüfungsbezogener Anpassungsprozesse sowie eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis.

5 Fazit und Handlungsempfehlungen

Die Erfahrungen aus dem Projekt NAWiGaLa verdeutlichen, dass Netzwerke eine wichtige Grundlage für die Entwicklung, Verbreitung und strukturelle Verankerung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote darstellen. Dabei übernehmen die beteiligten Akteure unterschiedliche, sich ergänzende Funktionen. Während Verbände insbesondere Reichweite und Sichtbarkeit schaffen, fördern persönliche Kontakte Vertrauen und Akzeptanz. Fachschulen ermöglichen die Integration der entwickelten Materialien in bestehende Bildungsprozesse, während Kammern und zuständige Stellen Zugänge zu Prüfungs- und Weiterbildungsstrukturen eröffnen. Das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Akteure schafft damit Möglichkeiten, die über die Handlungsspielräume einzelner Netzwerkpartner hinausgehen.

Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen aus der Projektumsetzung, dass Netzwerke allein keine dauerhafte Verankerung von BBNE gewährleisten. Sie erleichtern die Entwicklung innovativer Konzepte, fördern deren Transfer in die Praxis und unterstützen die Verbreitung innerhalb einer Branche. Die dauerhafte Verstetigung nachhaltigkeitsorientierter Berufsbildung erfordert jedoch zusätzlich strukturelle Veränderungen, insbesondere die curriculare Verankerung, die Integration in Prüfungswesen und Fortbildungsstrukturen sowie kontinuierliche Qualifizierungsangebote für das betriebliche Bildungspersonal.

Aus den Erfahrungen des Projekts lassen sich vier zentrale Handlungsempfehlungen für die Gestaltung nachhaltigkeitsorientierter Innovationsprozesse in der beruflichen Bildung ableiten.

  1. Netzwerke funktionsbezogen gestalten:
    Der Aufbau von Netzwerken sollte sich an den unterschiedlichen Anforderungen des Innovationsprozesses orientieren. Nicht die Anzahl der beteiligten Partner ist entscheidend, sondern deren jeweilige Funktion innerhalb des Netzwerks. Im Projekt NAWiGaLa erwiesen sich insbesondere folgende Funktionen als zentral: Reichweite und Multiplikation, Nachwuchs- und Multiplikatorengewinnung, Vertrauensbildung, institutionelle Verankerung sowie Sichtbarkeit innerhalb der Branche. Eine frühzeitige Rollenklärung kann Abstimmungsprozesse erleichtern und dazu beitragen, die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten der beteiligten Akteure gezielt zu nutzen.
  2. Wissenschaft und Praxis systematisch verbinden:
    Die Erfahrungen aus NAWiGaLa zeigen, dass nachhaltigkeitsorientierte Qualifizierungsangebote insbesondere dann auf Akzeptanz stoßen, wenn sie unmittelbar an berufliche Handlungssituationen anknüpfen. Praxisnahe Materialien, reale Fallbeispiele und Möglichkeiten zum kollegialen Erfahrungsaustausch fördern die Bereitschaft, Nachhaltigkeit in den Ausbildungsalltag zu integrieren. Berufspädagogische Konzepte sollten daher konsequent mit fachpraktischen Fragestellungen verbunden werden, sodass ihr Nutzen für die Ausbildungspraxis unmittelbar erkennbar wird.
  3. Bestehende Bildungs- und Netzwerkstrukturen nutzen:
    Die Entwicklung neuer Parallelstrukturen sollte vermieden werden. Stattdessen empfiehlt es sich, bestehende Bildungs- und Kommunikationsstrukturen gezielt für die Verbreitung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote zu nutzen. Fachschulen, Verbände, überbetriebliche Bildungsstätten sowie etablierte Weiterbildungsangebote erleichtern den Zugang zur Zielgruppe, erhöhen die Akzeptanz und unterstützen die langfristige Verstetigung der entwickelten Konzepte.
  4. Verstetigung von Beginn an mitdenken:
    Nachhaltigkeitsorientierte Innovationen benötigen häufig deutlich längere Zeiträume als die Laufzeit eines Förderprojekts. Fragen der Verstetigung sollten deshalb bereits in der Projektkonzeption berücksichtigt werden. Dazu gehören insbesondere die langfristige Pflege und Aktualisierung der entwickelten Materialien, die institutionelle Verankerung in Aus-, Fort- und Weiterbildungsstrukturen, die Integration nachhaltigkeitsbezogener Inhalte in Curricula und Prüfungen sowie die Sicherstellung personeller und finanzieller Ressourcen für den dauerhaften Transfer.

Die Erfahrungen aus NAWiGaLa zeigen insgesamt, dass Netzwerkgovernance einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung und Verbreitung nachhaltigkeitsorientierter Qualifizierungsangebote leisten kann. Für eine dauerhafte Verankerung von BBNE müssen netzwerkbasierte Entwicklungs- und Transferprozesse jedoch mit Veränderungen in Curricula, Prüfungen und Weiterbildungsstrukturen verbunden werden. Netzwerke schaffen hierfür wichtige Verbindungen zwischen Akteuren, Wissensbeständen und bestehenden Bildungsstrukturen, können deren institutionelle Verankerung jedoch nicht ersetzen.

Literatur

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Implementierung von Nachhaltigkeit in der Berufsvorbereitung – Konzeptionelle und praxisbezogene Entwicklungen

1 Einleitung

Maßnahmen zur beruflichen Förderung sowie zur Unterstützung benachteiligter Gruppen am Übergang von der Schule in den Beruf oder in die Ausbildung finden im aktuellen berufs- und wirtschaftspädagogischen Nachhaltigkeitsdiskurs bislang nur wenig Berücksichtigung. Dennoch lassen sich schon frühzeitig erste Ansätze zur Integration von Nachhaltigkeit in diesem Bereich der beruflichen Bildung finden. Bojanowski, Mutschal und Reschke diskutierten bereits 2005 erste Überlegungen zur Verankerung nachhaltiger Prinzipien in der Benachteiligtenförderung. Das 2004 eingeführte Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB neu) betonte Nachhaltigkeit vorrangig als nachhaltige Vermittlung in Ausbildung und Beschäftigung sowie die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe (Plicht, 2010). Ökologische und ökonomische Aspekte als Bestandteile eines umfassenden Nachhaltigkeitsverständnisses wurden zu diesem Zeitpunkt lediglich ansatzweise berücksichtigt (Bojanowski et al., 2005).

Es zeigt sich, dass unter veränderten Rahmenbedingungen – etwa durch die Einführung von grünen Kompetenzen durch das 2022 veröffentlichte, überarbeitete BvB-Fachkonzept der BA und die vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) aktualisierte Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ (Hemkes et al., 2022, S. 12) – Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung für die berufliche Bildung und somit auch für die Berufsvorbereitung gewinnt. Eine aktuelle qualitative Erhebung der Autor*innen belegt, dass sich auch in der Praxis ein ganzheitlicheres Nachhaltigkeitsverständnis etabliert. Die zu untersuchende Frage ist nun, wie das Thema Nachhaltigkeit in den Maßnahmen der beruflichen Benachteiligtenförderung, insbesondere in berufsvorbereitenden Maßnahmen (BvB), verankert und diskutiert wurde. Welche Bedeutung hat die berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) in BvB-Maßnahmen? Unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen wird es umgesetzt? Mit welchen Herausforderungen sehen sich pädagogische Fachkräfte in den Maßnahmen konfrontiert?

Im Folgenden werden zunächst die konzeptionellen Entwicklungen der BvB-Maßnahmen im Kontext der Benachteiligtenförderung erörtert und eingeordnet. Die anschließende Darstellung der Entwicklung von Nachhaltigkeitsthemen in der beruflichen Umweltbildung bis hin zur BBNE ermöglicht einen kurzen, strukturierten Überblick der konzeptionellen Entwicklungen in der Berufsbildung. Im nächsten Schritt wird die Verankerung nachhaltiger Prinzipien innerhalb der beruflichen Bildung für benachteiligte Zielgruppen in den vergangenen Jahrzehnten nachgezeichnet. Im dritten Kapitel wird das Forschungsdesgin der Interviewstudie dargestellt. Anschließend werden die zentralen Ergebnissen vorgestellt und mit den theoretischen Überlegungen in Beziehung gesetzt. Abschließend sollen potenzielle Forschungs- und Implementierungsansätze herausgearbeitet werden.

2 Verankerung der Nachhaltigkeitsthemen in der Benachteiligtenförderung

2.1 Ein kurzer Rückblick auf die Entwicklung von BvB-Maßnahmen in der Benachteiligtenförderung

Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) stellen ein zentrales Instrument des Übergangssystems innerhalb der Benachteiligtenförderung dar (Niemeyer, 2008). Sie sollen den Übergang von der Schule in den Beruf von Jugendlichen unterstützen, die am Ausbildungsmarkt als benachteiligt gelten. Mit Hilfe der Förderangebote sollen die Chancen dieser Jugendlichen auf eine erfolgreiche Einmündung in Ausbildung oder Beschäftigung verbessert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden. Neben den BvB-Maßnahmen der BA gibt es auch länderspezifische schulische Berufsorientierungs- und Berufsvorbereitungsangebote, auf die in diesem Beitrag nicht weiter eingegangen wird.

Seit den 1970er Jahren beauftragt die Bundesagentur für Arbeit (BA) berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (Dressel & Plicht, 2006), da der Ausbildungszugang aufgrund eines herausfordernden Ausbildungsstellenmarktes erschwert ist (Heisler, 2005). Es handelt sich um „spezifische Angebote zur Vermeidung von Ausbildungslosigkeit, die den Anfang der Benachteiligtenförderung in Deutschland markieren“ (Niemeyer, 2008, S. 15; Heisler & Lippegaus, 2020).

Arbeitsmarktentwicklungen, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Veränderungen wie bspw. die Verknappung von betrieblichen Ausbildungsplätzen, geburtenstarke Jahrgänge (Kühl, 1975) und die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung erschwerten den Zugang zu einer Ausbildung (Plicht, 2010).

Zunächst wurden von 1983 bis 1996 zwei Maßnahmenformen von der BA angeboten (BMBF, 2002):

  1. BvB-Maßnahmen als Grundausbildungs-, Förderungs-, Informations- und Motivationslehrgänge im Bereich der Berufsberatung.
  2. Maßnahmen für jüngere arbeitslose Menschen, die der Arbeitsvermittlung und -beratung zugeordnet wurden.

Im Rahmen von zwei Runderlassen aus den Jahren 1988 und 1996 der BA wurden BvB-Konzepte vorgelegt, wobei der zweite Erlass eine berufliche Erstausbildung als Vermittlungsziel fokussierte (BMBF, 2002; BA, 1996). Mit Blick auf die verschiedenen, heterogenen Zielgruppen waren unterschiedliche, sozialpädagogisch begleitete Maßnahmen vorgesehen (BA, 1996):

  1. Lehrgänge mit dem Fokus auf Testen-Informieren-Probieren (kurz: tip-Lehrgänge).
  2. Für sogenannte ausbildungsreife Jugendliche und junge Erwachsene gab es Grundausbildungslehrgänge (G-Lehrgang). Im Rahmen dieser Lehrgänge sollten u. a. sog. Ausbildungsmodule oder Bausteine vermittelt werden, die auf eine spätere Ausbildung angerechnet werden konnten.
  3. Für Menschen mit besonderem Förderbedarf gab es Förderlehrgänge (F-Lehrgänge), die sich am individuellen Förderbedarf orientierten und in Abhängigkeit davon unterschiedliche Förderleistungen vorsahen, z. B. unterschiedlichen Förderzeitraum, Betreuungsintensität, Lernförderung etc. (F1- bis F4-Lehrgänge).
  4. Außerdem gab es Lehrgänge zur Verbesserung beruflicher Bildungs- und Eingangschancen, die sog. BBE-Lehrgänge.

Neben der Berufsvorbereitung wurden seit Anfang der 1980er Jahre die Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen (BaE) und die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) erprobt und etabliert (Bylinski, 2018). Seit Anfang der 2000er Jahre wurde die Assistierte Ausbildung als neues Förderinstrument erprobt und als Förderinstrument (AsA flex) eingeführt und mit abH zusammengelegt (Conrads et al., 2019).

Das zunächst als temporäre Reaktion auf Jugendarbeitslosigkeit und sogenannte Mismatches gedachte System, ist seit Ende der 1990er und Anfang der 2000er als Daueraufgabe deklariert worden (Niemeyer, 2008). Es erfolgten zunächst von 1996 bis 2000 Modellprojekte, die zur Entwicklung des 2004 eingeführten Fachkonzepts der BA führten.

1999 erfolgte die Aufnahme konzeptioneller Bestandteile eines sozialpädagogischen Förderkonzepts zur Neuorientierung von BvB-Maßnahmen, 2003 wurde die Berufsausbildungsvorbereitung im BBiG verankert und 2004 trat das Neue Fachkonzept für BvB-Maßnahmen der BA in Kraft (Bylinski, 2018). Das Fachkonzept fasste die nahezu isoliert nebeneinanderstehenden berufsvorbereitenden Angebote für unterschiedliche Zielgruppen zusammen und sieht nun zielgruppenübergreifende Stufen vor, die eine individuellere Betreuung ermöglichen (Dressel & Plicht, 2006): Es erfolgt eine Eignungsanalyse, die über eine Grundstufe oder Übergangsqualifizierung in eine Ausbildung oder Beschäftigung münden soll. Eine ergänzende Förderstufe kann ebenfalls integriert werden. Alle Stufen werden durch eine Bildungsbegleitung ergänzt. Dieses Modell kann als Grundstruktur für die weitere konzeptionelle Entwicklung des Fachkonzepts gesehen werden.

Mit der zunehmenden Relevanz sozialpädagogischer Elemente erfolgt ein Wandel von der Defizit- zur Kompetenzorientierung. Seit 2004 wird in eine allgemeine und eine rehaspezifische BvB unterschieden (BA, 2004). Durch gesetzliche Veränderungen im Jahr 2009 gibt es einen Rechtsanspruch im Rahmen einer BvB einen Hauptschulabschluss nachzuholen (Krapf, 2017). 2013 wurden die zwei Maßnahmeformen um BvB-Pro (BvB Produktionsschule) ergänzt, die einen produktionsschulorientierten Ansatz verfolgt, um niederschwellig Bildungsdefizite auszugleichen und Kompetenzen zu vermitteln (Krapf, 2017).

Aktuell zählen zu den Zielgruppen junge Menschen mit Migrationshintergrund, sonderpädagogischem Förderbedarf oder aus sozioökonomisch schwachen Familienstrukturen. Im Jahr 2022 durchliefen 7,6 % der jungen Erwachsenen vor Beginn einer Berufsausbildung entweder eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder eine berufliche Grundbildung (BIBB, 2024). Das 2022 erneuerte Fachkonzept löst das Fachkonzept von 2012 ab (Beer, 2022): Die Förderdauer wird von 10 auf 12 Monate an- und die Altersbeschränkung aufgehoben, sodass in Einzelfällen Personen über 25 Jahren teilnehmen können. Außerdem besteht die Möglichkeit die Maßnahme in Teilzeit zu absolvieren und schulische Ausbildungsgänge als Ziel zu vereinbaren.

Die Anpassungen der letzten Jahrzehnte sind zum einen Reaktionen auf die veränderten Ausgangslagen der Zielgruppen und zum anderen Reaktionen auf die Kritik an der Maßnahmenstruktur. Kritik besteht seit Einführung der BvB (Niemeyer, 2008), dabei werden die Maßnahmen und Wege nach der Schulzeit als Förderdschungel (Kupka, 2006), Warteschleifen (Plicht, 2010), Labyrinth (Münk et al., 2008), dysfunktionales Dauerprovisorium (Beer, 2022) sowie Black Box (Bojanowski & Eckert, 2012) beschrieben. Auch der Begriff der Benachteiligung stigmatisiert und ist zugleich relational und normativ (Niemeyer, 2008).

Die Wirksamkeit der Maßnahmen wird ambivalent diskutiert und unterscheidet sich je nach Maßnahme. Maßnahmen können Chancen zur Arbeitsmarktintegration eröffnen oder vorgefertigte Wege verfestigen. In wissenschaftlichen Diskursen wird die Wirksamkeit von allgemeinen oder rehaspezifischen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen differenziert betrachtet (Jochmaring, 2019; Kohlrausch & Solga, 2012). Meist werden dabei rehaspezifische Maßnahmen als wirksamer beschrieben. So beschreibt Beer (2022) auf Grundlage einer Interviewstudie mit ehemaligen Teilnehmenden einer Reha-Maßnahme, dass diese trotz Skepsis bei Maßnahmestart die Teilnahme rückblickend als förderlich beschreiben. Die vorhandene Tagesstruktur, mögliche Anschlussperspektiven und der Austausch mit Gleichaltrigen nehmen sie für ihre weitere Entwicklung als positiv wahr. Die Ergebnisse sind in ihrer Aussagekraft jedoch limitiert, da nur Teilnehmende befragt wurden, die die Maßnahme abgeschlossen haben und in den Arbeitsmarkt eingemündet sind. Dies lässt darauf schließen, dass trotz berechtigter Kritik – auch aufgrund mangelnder Alternativen – Maßnahmen den Anschluss an Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse ermöglichen (können).

2.2 Integration von nachhaltigkeitsbezogenen Themen in der Berufsbildung

Die Entwicklung von der (beruflichen) Umweltbildung, über die Hinwendung zu einem ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbegriff bis zur (beruflichen) Bildung für nachhaltige Entwicklung kann in drei Phasen rekonstruiert werden (Hoffmann, 2002; Heisler, 2023), die von der Fokussierung von Umweltschutz hin zu einem Transformationsansatz führen. Hoffmann (2002) beschreibt die erste Phase ab 1970 als „Programmatische Phase“ , die Natur-/Naturerlebnispädagogik sowie Umwelterziehung beinhaltet. Es formierte sich die Umweltbildung, beeinflusst durch (inter-)nationale Erklärungen, als Folge von immer deutlicher werdenden Umweltveränderungen und unter dem Einfluss reformpädagogischer Bemühungen (Gräsel, 2018): „Auf internationaler Ebene entwickelt sich die Environmental Education, die sich mit der Umsetzung der politischen Programme befasst und in deren Rahmen beispielsweise Curricula, Bildungsprogramme oder Unterrichtsentwürfe für die schulische und außerschulische Umweltbildung entwickelt werden.“ Auch in Deutschland wurden durch (bildungs-)politische Vorgaben Umweltbildung und Umwelterziehung an Schulen zunehmend relevanter, um das Umweltbewusstsein von Schüler*innen zu stärken (Kultusministerkonferenz, 1980).

Innerhalb der zweiten Phase, der „Pragmatischen Phase“ ab 1980 rückt lokales und politisches Umweltlernen in den Vordergrund (Hoffmann, 2002). Ausschlaggebend dafür war der Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ aus dem Jahr 1972 (Rebmann, 2006; Gräsel, 2018), der durch Computersimulationen verdeutlichte, dass die Ökosysteme die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklungen nicht dauerhaft tragen können. Im Brundtland-Bericht (1987) ist die inter- und intragenerationale Perspektive des Clubs of Rome konkretisiert worden: „Nachhaltige Entwicklung ist ein Konzept, das die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987, S. 54).

Damit beginnt in den 1990er und 2000er Jahren die „reflexive und zukunftsorientierte Phase“, die von zunehmender Mehrdimensionalität geprägt ist. Ergänzend zu Umwelt- und Naturaspekten werden sozioökonomische Themen im Sinne von globaler, intra- und intergenerationalen Gerechtigkeit zunehmend relevanter (Hoffmann, 2002). Dieser Nachhaltigkeitsbegriff eröffnet verschiedene Dimensionen, die klassischerweise in ökologisch, ökonomisch und sozial unterteilt werden. In aktuellen Diskursen werden diese um die kulturelle und politische Dimension erweitert (MSB NRW, 2019). Dabei wird die Reflexion der eigenen Haltung und Handlungsweise relevant(er) und betrifft sowohl den eigenen Lebensstil als auch gesamtgesellschaftliche Produktions- und Konsumweisen.

Die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ formiert sich seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro durch die Agenda 21 als politische Grundlage, die UN-Dekade BNE (2005-2014) sowie nachfolgend das Weltaktionsprogramm BNE (2015-2019) (MSB, n. d.) als konkretes Bildungsprogramm (Michelsen & Adomßent, 2014). Die nachfolgende Agenda 30 (ab 2016) konkretisiert 17 globale Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) als einen globalen Referenzrahmen (MSB, n. d.). Diese Ziele sind grundlegend für die (B)BNE, denn Bildung ist nicht nur ein konkretes Ziel, sondern auch Wegbereiter für alle SDGs (MSB, n. d.).

Für die Berufsbildung lässt sich eine ähnliche Entwicklung skizzieren (Heisler, 2023). Die Entwicklung von beruflicher Umweltbildung erfolgte mit etwas Verzögerung zur allgemeinen Bildung in den 1980er und 1990er Jahre (Rebmann & Schlömer, 2020, S. 326; de Haan et al. 2021, S. 11). Rauner (2020) zufolge lassen sich bereits in der ersten Hälfte der 1970er Jahre Umweltthemen in den Fachdidaktiken der Geografie, Biologie und Sozialkunde unter dem Begriff der Umweltkrise finden. Dies spricht für die Inhärenz nachhaltigkeitsbezogener Inhalte in bestimmten Fachdisziplinen. Ein Beispiel dafür ist ein wesentliches Prinzip zum intergenrationalen Erhalt aus der Forstwirtschaft, das Hans Carl von Carlowitz 1713 formulierte (Grober, 2013): So solle nicht mehr Holz dem Wald entnommen werden als nachwächst. Ähnlich wie im Brundtland-Bericht wird auf die inter- und intragenerationale Perspektive abgezielt. Zum einen muss das Ökosystem Wald trotz fortwirtschaftlicher Nutzung im Gleichgewicht bleiben, zum anderen muss vorausschauend für kommende Generationen (Holz) gewirtschaftet werden, um die soziale und ökonomische Absicherung zu gewährleiten. Dieses Prinzip prägt bis heute den Nachhaltigkeitsbegriff, da es sich auf andere Bereiche übertragen lässt.

Um entsprechend reflektiert und weitsichtig in Berufen handeln zu können, liegt der Fokus auf der Befähigung, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, kritisch zu reflektieren und aktiv an der gesellschaftlichen Transformation mitzuwirken. Dies soll unter anderem mit BBNE gefördert werden. BBNE stellt eine der zentralen Gestaltungsaufgaben und Herausforderungen des Berufsbildungssystems dar (Hartwich & Heisler, 2026). Die Relevanz des Themas wird durch die Argumentation unterstrichen, dass BBNE nicht nur ein zentraler Impulsgeber für Arbeitsmarkt und Berufsbildung ist, sondern dass deren Zukunftsfähigkeit davon abhängt (Hemkes et al., 2022, S. 11). Im Kern geht es dabei um den Erhalt des Planeten und der Natur als Lebensgrundlage für alle Lebensbereiche, einschließlich der Wirtschaft (Kehren, 2022, S. 99).

Einen Meilenstein bei der Verankerung von nachhaltigkeitsbezogenen Themen in der Berufsbildung stellt die Implementierung des Handlungsfeldes Umweltschutz als Teil der Berufsausbildung im Jahr 1991 dar (de Haan et al., 2021). 30 Jahre später traten die vom BIBB modernisierten Standardberufsbildpositionen, darunter Umweltschutz und Nachhaltigkeit in Kraft (Hemkes et al., 2022, S. 12). Dadurch wird die Verzahnung von Umweltschutz und Nachhaltigkeit forciert. BBNE greift dabei Ergebnisse und Grundannahmen der Umweltbildung auf (Rebmann & Schlömer, 2020) und erweitert diese um die ökonomische und soziale Perspektive. Diese Verzahnung ermöglicht ggf. auch der Komplexität des Nachhaltigkeitsbegriffs gerecht(er) zu werden. Denn trotz verschiedener Programme, die seit Anfang der 2000er in Form von Modellversuchen BBNE fördern (sollen), stehe der Prozess zur Verankerung von Nachhaltigkeit und BBNE noch am Anfang (de Haan et al., 2021): Entscheidend sei die „Kompetenzentwicklung bei Lehr-, Leitungs- und Ausbildungspersonals“, die Stärkung eines Whole Institu­tion Approachs, sowie Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowohl in (über-)betrieblichen als auch schulischen Lernorten. Im Kontext dieser Entwicklungen wird der BBNE eine Schlüsselrolle zugeschrieben (Hemkes et al, 2022). Im Unterschied zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zeichnet sich die BBNE durch einen transformativen Charakter aus. Konkret bedeutet dies, dass Veränderungen direkt in den Arbeitsprozessen ansetzen und somit unmittelbar berufliche Handlungen beeinflussen. Kritische Stimmen beschreiben die Konzepte der (B)BNE als reine politische Instrumente (Gräsel, 2018). Wichtige Aspekte und Nuancen der Umweltbildung könnten so überspielt werden. Gleichzeitig schließen sich die Themen der BBNE und der Umweltbildung nicht aus und können gemeinsam, in Kombination auch gewinnbringend eingesetzt werden. Denn auch wenn weitere Nachhaltigkeitsdimensionen wichtig sind, darf eine Naturentfremdung nicht voranschreiten, da zukünftig ggf. der Planet als schützenswerte Lebensgrundlage zu abstrakt erscheint.

2.3 Umweltbildung, Nachhaltigkeit und BBNE in der Berufsvorbereitung

Nachhaltigkeitsorientierte Themen ließen sich lange Zeit unter Umweltbildung benachteiligter Jugendlicher am Übergang Schule-Beruf verorten (Bojanowski et al., 2005).

In einem gleichnamigen Band in der Reihe „Ausbildung für alle“ vom BMBW (1995) heißt es, dass Umweltbildung integraler Bestandteil der Ausbildungsvorbereitung, der überbetrieblichen Ausbildung, der ausbildungsbegleitenden Hilfen oder bei der Nachqualifizierung junger Erwachsener sein muss. Ohne eine (vor-)berufliche Umweltbildung könnten die jungen Menschen eine weitere Benachteiligung erfahren. Vor allem in außerschulischen Maßnahmen zur Ausbildungsvorbereitung, in Maßnahmen der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung sowie in Landesprogrammen seien gelungene Projekte durchgeführt worden, da die Strukturen eine flexible Gestaltung ermöglichen. Als Herausforderungen werden begrenzte finanzielle Mittel, kurze Maßnahmelaufzeiten, wenig Spielraum für die projektbezogene Freistellung und hohe Fluktuation der Mitarbeitenden benannt (BMBW, 1995). In einer Publikation aus der Modellversuchsreihe „Innovative Konzepte in der Ausbildungsvorbereitung benachteiligter Jugendlicher“ werden bspw. Umweltschutz und rationelle Energieverwendung als nachhaltige Themen genannt. Dies weist darauf hin, dass je nach Fachbereich nachhaltigkeitsorientierte Themen im Kontext der beruflichen Umweltbildung angesprochen wurden.

Die Hinwendung zum Nachhaltigkeitsbegriff impliziert laut Bojanowski et al. (2005) nun „weitergehende Herausforderungen an die Bildung, Entwicklung und Förderung benachteiligter Jugendlicher“: Ausgehend von der Agenda 21 diskutieren Expert*innen bei einer Akteurskonferenz 2004 die Bedeutung von Nachhaltigkeit und benachteiligte Jugendliche, die ebenso selbstverständlich wie schwierig sei. So seien Bildungsprozesse selbst bereits nachhaltig, da sie durch Verankerung im Individuum „in die Selbstentwicklungskräfte des jungen Menschen vertraut“ (Bojanowski et al., 2005). Der Runderlass 42/96, „Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit“ (1996) und das Neue Fachkonzept (2004) verstehen Nachhaltigkeit demnach als die dauerhafte Eingliederung junger Menschen in Ausbildung- oder Beschäftigung, was sich positiv auf ihre Einkommenssituation, soziale Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Konsumverhalten als auch auf die gesellschaftliche Produktivität, den Zusammenhalt etc. auswirkt. In diesem Sinne verfolgt die Förderstruktur (Berufsvorbereitung und Ausbildung) auch Ziele, die den SDGs (insbes. (1) Keine Armut, (4) Hochwertige Bildung, (5) Geschlechtergleichheit, (8) Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum sowie (10) Weniger Ungleichheiten) zugeordnet werden können, da die Maßnahmen bspw. jedem Menschen den Zugang zu hochwertiger Bildung und ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen (können). Gleichwohl die Kritik an den BvB-Maßnahmen auch gegensätzliche Entwicklungen hin zu Stigmatisierung und vorgefertigten, stereotypen Wegen betonen. Solange es jedoch keine fundierten flächendeckenden Alternativen für die jungen Menschen am Übergang Schule-Beruf gibt, werden solche Maßnahmen benötigt, die stetig angepasst und optimiert werden (müssen).

Gerade in der Vergangenheit wurden die Angebote immer als sozialpädagogisch orientierte Angebote der Berufsbildung verstanden, die „zur Verbesserung der persönlichen Situation Benachteiligter [beitragen] und sich um deren Integration in die Gesellschaft bemüh[en]“ (Bojanowski et al. 2005, S. 328). So gesehen lässt sich dieser sozialpädagogischen Orientierung der Maßnahmen, also der Beteiligung von Sozialpädagog*innen und der Berücksichtigung sozialpädagogischer Grund- und Handlungsansätze im Förderprozess, eine besondere Bedeutung im Hinblick auf die Frage der sozialen, ökonomischen und – wenn auch begrenzt, wie die bisherigen Ausführungen verdeutlichen – ökologischen Nachhaltigkeit der Maßnahmen beimessen. Grundsätze wie Fördern und Fordern, Kompetenz statt Defizitansatz, Individualisierung, Lebensweltbezug und Empowerment (BMBF, 2005), zielten darauf ab, den Einzelnen zur aktiven, selbstbestimmten Gestaltung seines Lebens, seiner sozialen und materiellen Umwelt, der Arbeitswelt und seines Arbeitsplatzes zu befähigen. Dafür gab es in der Vergangenheit vielfältige sozialpädagogische Angebote: Freizeitangebote förderten die kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen, vermittelten alternative Formen der Freizeitgestaltung, förderten eine gesunde Lebensweise, gaben Einblicke in regionale und lokale sportliche und kulturelle Angebote sowie bürgerliches Engagement (Lissel et al., 1984; Eckert et al., 2000; Eckert et al., 2007). Dazu zählt neben dem politischen auch das Engagement für den Umweltschutz. Mit Blick auf die Reformen der Arbeitsmarktförderung in den letzten beiden Dekaden und deren tiefgreifenden Folgen für die berufliche Benachteiligtenförderung und den dort verankerten BvB-Maßnahmen, stellt sich die Frage, inwieweit eine so ausgerichtete sozialpädagogische, professionelle Sichtweise aktuell zu finden ist.

Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass die berufliche Benachteiligtenförderung immer auch als Versuchsraum, als Impulsgeber und Ausgangspunkt für Innovationen im Berufsbildungssystem gesehen wurde, z. B. beim Thema der Modularisierung (Heisler, 2025), bei der Kompetenzdiagnostik oder zum Thema Inklusion. Die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit scheinen strukturell, inhaltlich und auch für das pädagogische Personal bislang eher von marginaler Relevanz zu sein. Genaueres wird die zu erörternde Studie und ihre Ergebnisse zeigen.

Konkrete Bezüge zur Umweltbildung sind lediglich im Runderlass 42/96 für spezielle Maßnahmen in den Werkstätten für behinderte Menschen aufgelistet: „Erkennen und anpassen an Witterungsbedingungen“, die auf die Deutung von Natur- und Umweltereignissen abzielt. Anzunehmen ist, dass das Bildungspersonal dafür verantwortlich war, in welchem Maß nachhaltigkeitsbezogene Inhalte (berufsspezifisch) thematisiert wurden. So beschreiben auch Bojanowski et al. (2005), dass ökologische und ökonomische Aspekte als Bestandteile eines umfassenden Nachhaltigkeitsverständnisses zu diesem Zeitpunkt lediglich ansatzweise berücksichtigt wurden.

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Berufsvorbereitung ist in den letzten Jahren durch veränderte Rahmenbedingungen deutlich gestiegen. Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen das aktualisierte Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) der Bundesagentur für Arbeit (BA, 2022) sowie die Nachhaltigkeitsanforderungen der BA, die seit 2024 bei der Vergabe von Arbeitsmarktdienstleistungen berücksichtigt werden. Auftragnehmer – also auch Bildungsträger – sind angehalten, auf Ressourcenschonung wie Verwendung von erneuerbarer Energie, recyceltem Drucker- und Hygienepapier sowie umweltfreundlichen Reinigungsmittel zu achten.

Die neuen Anforderungen unterstreichen, die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit, geben jedoch keine Auskunft über die praktische Umsetzung. Daher wurde sich innerhalb einer Interviewstudie auf dieses Forschungsdesiderat fokussiert. Das Forschungsdesign und die Ergebnisse der Interviewstudie werden in den folgenden Kapitel dargestellt.

3 Forschungsdesign zur Implementierung von Nachhaltigkeit in BvB-Maßnahmen

Fokussiert werden BvB-Maßnahmen als Teil des Übergangssystem und der Benachteiligtenförderung, da dieses Feld im Nachhaltigkeitsdiskurs bisher unterrepräsentiert ist. Die Erhebung wurde als Kontextanalyse im Projekt „BBNE-Hubs“ durchgeführt. Das Projekt wird im Rahmen des Programms „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert. Ziel ist der Auf- und Ausbau regionaler Netzwerke zur nachhaltigkeitsorientierten Qualifizierung des beruflichen Aus- und Weiterbildungspersonals. Die Studienergebnisse werden auch zur Entwicklung von unterstützenden Weiterbildungsworkshops für die Bildungsträger genutzt.

Es wurde der Frage nachgegangen, inwiefern Aspekte der nachhaltigkeitsorientierten beruflichen Bildung in BvB-Maßnahmen implementiert sind. Für die Pilotierung von Weiterbildungsworkshops lag das Hauptaugenmerk der Studie bislang auf einer Region in NRW. Schwerpunkte der Interviewstudie waren:

  1. Strukturen und Rahmenbedingungen der Maßnahme (institutionelle und personelle Situation inkl. Nachhaltigkeitsverständnis)
  2. Umsetzung und Thematisierung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Maßnahme
  3. Umsetzung und Thematisierung von Nachhaltigkeitsaspekten in Lernsettings

Insgesamt wurden 18 Prozessbeteiligte von zehn unterschiedlichen BvB-Anbietern (Bildungsträgern) befragt. Neben dem Bildungspersonal wie Bildungsbegleitungen, Lehrkräften, sozialpädagogischen Fachkräften, Maßnahmeleitungen und -koordinationen wurden auch vier junge Erwachsene interviewt, die eine BvB-Maßnahme besuchen. Es wurden sechs Einzelinterviews und fünf Gruppeninterviews durchgeführt.

3.1 Stichprobe

Durch die Unterstützung der Agentur für Arbeit wurden die zertifizierten Träger von BvB-Maßnahmen ausgewählt. Es haben zehn von ursprünglich 20 Träger mit 30 BvB-Maßnahmen an der Interviewstudie teilgenommen. Es wurden 14 Personen in unterschiedlichen beruflichen Positionen befragt. Davon wurden sechs Einzelinterviews und vier Gruppeninterviews mit zwei Personen durchgeführt. Die Befragten verfügen über unterschiedliche Ausbildungen und Vorerfahrungen. Außerdem haben sich vier aktuelle Maßnahmeteilnehmende im Alter von 18 bis 21 Jahre zu einem Gruppeninterview bereit erklärt. Tab. 1.1 stellt die Geschlechterverteilung, die abgeschlossenen Ausbildungen bzw. Studienabschlüsse sowie die aktuelle Position der Befragten dar. Bei dem Bildungspersonal (Fall 1-14) ist außerdem die Berufserfahrung in Jahren vermerkt. Die grau hinterlegten Felder markieren die zusammenhängenden Gruppeninterviews von einem Bildungsträger.

Tabelle 1: Zuordnung Befragte –Ausbildung, Position und Berufserfahrung (eigene Darstellung)

Fall-

nummer

Geschlecht

Ausbildung/Studium

Position

Berufserfahrung in Jahren

1

w

Einzelhandelskauffrau/ Personalmanagement

Gesamtleitung

und -koordination

12

2

m

Werkzeugmechaniker mit ADA-Schein

Standortleitung/

Bildungsbegleitung

6

3

w

Lehrkraft

Teamleitung

26

4

m

Soziale Arbeit

Maßnahmeleitung/

Sozialarbeiter

9

5

w

Pharmazeutisch-Technische-Assistenz (PTA)

Bildungsbegleitung

5

6

m

Sozial- und Rechtswissenschaften

Bereichsleitung

9

7

m

Werkzeugmechanik/Soziale Arbeit

Bereichsleitung

10

8

w

Lehrkraft

Maßnahmekoordination

10

9

m

Sozialpädagogik

Maßnahmeleitung/

Sozialpädagog*in

18

10

w

Lehrkraft

Lehrkraft

10

11

w

Sozialpädagogik

Sozialpädagog*in

8

12

w

Sozialpädagogik

Bildungsbegleitung

18

13

m

Wirtschaftsinformatik

Bildungsbegleitung

10

14

w

Sozialpädagogik

Maßnahmeleitung/

Sozialpädagog*in

13

15

m

 

Maßnahmeteilnehmer

-

16

w

Kinderpflege

Maßnahmeteilnehmerin

-

17

m

 

Maßnahmeteilnehmer

-

18

m

 

Maßnahmeteilnehmer

-

Bei den Trägermitarbeitenden können die Geschlechterverteilung sowie die verschiedenen Biografien bezüglich Ausbildung/Studium, Mehrfachqualifikationen und Berufserfahrungen für das Berufsfeld als typisch betrachtet werden (Grimm & Vock, 2007, S. 65; Thielen & Handelmann, 2021, S. 63–64). Aufgrund der Maßnahmefinanzierung und des Wettbewerbs mit anderen Anbietern, zeigt sich bei manchen Bildungsträger eine hohe Personalfluktuation (Thielen & Handelmann, 2021, S. 64).

Die unterschiedlichen Positionen der Befragten ermöglichen einen breiten Einblick in die Implementierungsprozesse von Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen. Durch die Befragung von Leitungen und Koordinationen können strukturelle Entwicklungen in Kooperationen mit der Bundesagentur für Arbeit sowie innerhalb des Trägers identifiziert werden. Bildungsbegleitungen, Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte können Aussagen über die inhaltliche Vermittlung berufsbezogener Wissensbestände und Handlungsperspektiven sowie von alltagspraktischen Fähigkeiten treffen.

Ergänzt wird dies durch die Perspektive der Maßnahmeteilnehmenden. Die Gruppe der jungen Erwachsenen (Fall 14-18) setzt sich zufällig zusammen, wobei die Geschlechterverteilung statistischen Beschreibungen entspricht, da der Anteil der männlichen Personen in BvB-Maßnahmen (Pimminger, 2010, S. 16) und im gesamten Übergangsbereich (leicht) überwiegt (BIBB, 2025, S. 91). Im weiteren Verlauf werden Interviewbezüge mit dem jeweiligen Fall 1-18 für die interviewte Person und direkte Zitate aus den Interviewtranskripten mit Fall sowie der jeweiligen Position markiert.

3.2 Datenerhebung, -aufbereitung und -analyse

Für die Interviews wurde ein Leitfaden entwickelt, der in einem Pretest erprobt und für die BvB-Teilnehmenden zielgruppengerecht vereinfacht wurde. Die leitfadengestützten Interviews wurden inhaltlich semantisch transkribiert und geglättet, um den Inhalt des Redebeitrags zu fokussieren (Dresing & Pehl, 2024, S. 21).

Die Auswertung erfolgte durch eine inhaltlich-strukturierende qualitative Inhaltsanalyse mit Hilfe von MAXQDA (Kuckartz & Rädiker, 2024): Zunächst wurden die Transkripte mit deduktiven Kategorien, die aus dem Leitfaden entwickelt wurden, kodiert. Anschließend sind induktive Kategorien und Unterkategorien ergänzt und die Texte erneut kodiert worden. Die Oberkategorien, die sich deduktiv aus dem Leitfaden ergeben, umfassen weitere Aussagen über die befragten Personen und die Institutionen und Teams, denen sie angehören, über ihr Nachhaltigkeitsverständnis, die Rahmenbedingungen unter denen sie arbeiten, Gelingensbedingungen, Herausforderungen und Chancen.

3.3 Limitationen der Interviewstudie

Die Interviewstudie beruhte auf Freiwelligkeit, sodass davon ausgegangen werden kann, dass ein Grundinteresse an nachhaltigkeitsbezogenen Themen vorhanden ist. Lediglich zehn von ursprünglich knapp 20 Bildungsträgern haben sich nach schriftlicher und telefonischer Kontaktaufnahme für eine Interviewteilnahme bereit erklärt. Teilweise wurde in Telefonaten mitgeteilt, dass die Träger keine Kapazitäten haben und andere Themen als wichtiger empfinden.

Vor allem bei den befragten Maßnahmeteilnehmenden muss auf diese Limitation hingewiesen werden, da ihre Aussagen teilweise konträr zu den Beschreibungen des Bildungspersonals sind, die das geringe Wissen und teilw. Desinteresse bzgl. Nachhaltigkeitsthemen als Herausforderung beschreiben. Vermutlich haben sich ausschließlich Teilnehmende für ein Interview gemeldet, die über thematisches Vorwissen verfügen, da andere Jugendliche die Anfrage nicht verstanden haben, ihnen die Thematik unbekannt oder irrelevant erschien. Es ist nicht auszuschließen, dass sie Fragen basierend auf impliziten Erwartungen beantworten. Nichtsdestotrotz geben die Teilnehmenden lebensweltliche Einblicke, die für eine weitere Nachhaltigkeitsforschung interessant sind.

4 Zentrale Forschungsergebnisse

Die Interviewstudie verdeutlicht, dass die Befragten ein heterogenes Nachhaltigkeitsverständnis haben, das sowohl globale Sinnzusammenhänge als auch detaillierte Effekte beinhaltet. Zunächst wird das Nachhaltigkeitsverständnis der Interviewteilnehmenden in der BvB kurz dargestellt. Zur strukturierten Darstellung wird sich anschließend an den oben genannten Interviewschwerpunkten orientiert, wobei Umsetzung und Thematisierung von Nachhaltigkeitsaspekten in der Maßnahme und in Lernsettings zusammengefasst werden, da sich diese gegenseitig bedingen. Ein Versuch, die Aussagen verschiedenen Nachhaltigkeitsdimensionen zuzuordnen, erwies sich als schwierig, da die Erläuterungen meist mehrdimensional sind. Es handelt sich um eine Zusammenfassung der Kernaussagen, die durch direkte Zitate ergänzt wird.

4.1 Verständnis von Nachhaltigkeit in der BvB

„Nachhaltigkeit ist der Schutz, das Bewahren unserer […] Umwelt“ (Fall 3, Abs. 16).

Die Hälfte der Befragten bezieht den Nachhaltigkeitsbegriff auf den Erhalt der Umwelt oder des ganzen Planeten im Zusammenhang mit der aktuellen Klimakrise, den Biodiversitätsverlust oder Ressourcenverknappung. Dabei werden inter- und intragenerationalen Perspektiven angesprochen.

Nahezu die Hälfte der Befragten hebt die nachhaltige Integration junger Erwachsener hervor, insbesondere im Hinblick auf dauerhafte Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven. Die Maßnahmen tragen zur finanziellen Sicherheit sowie zur gesellschaftlichen Teilhabe bei. Ein zentrales Anliegen der befragten Fachkräfte besteht darin, die Teilnehmenden der Maßnahme so zu unterstützen, dass sie die komplexen Zusammenhänge zwischen klimatischen Veränderungen und geopolitischen Entwicklungen erkennen und diese gesamtgesellschaftlichen Prozesse reflektieren können. Besonders für benachteiligte Jugendliche sei es wichtig, Perspektiven aufzuzeigen und ihnen konkrete Möglichkeiten zu eröffnen, Nachhaltigkeit in ihrem alltäglichen Leben und zukünftigen Berufsweg umzusetzen. Die Befragten betonen, dass bei der beruflichen Integration von jungen Menschen insbesondere darauf geachtet wird, sie mit den notwendigen Fähigkeiten und dem Wissen auszustatten, um Nachhaltigkeit mit ihren individuellen Voraussetzungen leben zu können. Dies wird exemplarisch im folgenden Zitat deutlich: „Also, wenn ich das [Thema Nachhaltigkeit] in Zusammenhang bringe mit der beruflichen Integration, dann wird es für mich darum gehen, die Klientel, mit der wir arbeiten, so darauf vorzubereiten, dass sie mit ihren Möglichkeiten irgendwie Nachhaltigkeit leben können“ (Fall 6, Pos. 9).

Die interviewten Maßnahmeteilnehmenden beschreiben in erster Linie Nachhaltigkeit unter ökologischen Aspekten und beziehen sich auf erlerntes Wissen aus der Schule, der BvB-Maßnahme oder dem privaten Umfeld. Sie betonen die Wiederverwendung von Materialien, Langlebigkeit von Produkten, Nachhaltigkeits- und Tierwohlsiegel sowie fachgerechte Abfallentsorgung, um die Umwelt zu schützen. Den Stellenwert in ihrem eigenen Leben bewerten sie in Schulnoten mit einer zwei bis drei. Dabei reflektieren sie, dass es auch um ihre eigene Zukunft geht und bringen ihr lokales Handeln in Verbindung mit globalen Aspekten wie Klimaveränderungen:

  • „Von so einer drei, zwei, weil das ja auch um unsere Zukunft geht. Weil wenn man halt nicht auf die Nachhaltigkeit achtet, dann steigt ja auch der Klimawandel ziemlich stark“ (Fall 16, Abs. 86).
  • „Ich würde auch so drei bis zwei geben. Das Problem ist halt auch, wenn man selber versucht nachhaltig zu bleiben oder so. Am Ende, wo das immer landet, weiß man ja auch nicht. Man kann, sage ich mal, so Plastik irgendwo vielleicht in die gelbe Tonne werfen, aber wo genau das jetzt da alles hinkommt, weiß man ja auch nicht, weil die gelbe Tonne da liegt ja nicht nur Plastik rum, da ist auch Metall wieder drin, da ist auch kleines Zeug halt, Tetrapack und so, was man halt praktisch eigentlich auch fast gar nicht recyceln kann. Und ja, das Problem ist halt überall, bleibt halt dann am Ende“ (Fall 15, Abs. 87).

Ihrer (beruflichen) Zukunft sehen sie mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie hoffen auf einen Beruf, in dem sie sich wohlfühlen und erfolgreich sind, haben jedoch die Befürchtung, dafür nicht qualifiziert genug zu sein. In Bezug auf Nachhaltigkeit sorgen sie sich um Biodiversitätsverlust aufgrund von Umweltverschmutzung durch (Mikro-)Plastik und die Zunahme von Kriegen. Von der Maßnahme wünschen sie sich in Bezug auf Nachhaltigkeit, „dass man halt ein bisschen mehr darüber lernt, weil nach uns kommt dann noch eine Generation und wahrscheinlich noch eine und dass man überhaupt so weit kommt. Dann müssen halt die jetzige Generation und die danach auch was dafür tun. Wenn man genug darüber gebildet wird, sag ich mal, und man die ganzen Konsequenzen aufgezählt bekommt, schätze ich schon, dass man dann mehr darauf achtet, was man kauft, wie man es kauft, wie viel man kauft, wie man wegwirft, wo man wegwirft“ (Fall 16, Abs. 223).

Die beschriebenen Sorgen und Wünsche der Teilnehmenden decken sich in Ansätzen mit den eingangs beschriebenen Aussagen des befragten Maßnahmepersonals.

4.2 Strukturen und Rahmenbedingungen der Maßnahme

Nur wenige Befragte verweisen auf die Vorgaben des Auftraggebers wie Energieeinsparungen, die Verwendung von einem hohen Ökostromanteil und recyceltem Papier (Fall 1, Fall 13). Gleichzeitig betonen Interviewteilnehmenden, dass bspw. der Einsatz von LED-Lampen, effizienteren Druckern oder digitalen Tools trägerinterne Einsparungen bietet (Fall 6, Fall 8, Fall 9, Fall 13). Sie setzen auf Langzeitnutzung von Geräten und tätigen Neuanschaffungen nur bei Irreparabilität oder erwarteter Ressourcenschonung durch effizientere Technik. In Bezug auf Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsprozesse nennen die Befragten das papierarme Büro. Sie beschreiben jedoch, dass meist finanzielle Einsparungen und nicht Nachhaltigkeit ausschlaggebend für diese Entwicklungen seien. Auch der Zusammenhang von erleichterten Arbeitsprozessen und nachhaltigem Wirtschaften scheint dabei eher zufällig zu sein. Kontrastierend merken sie an, dass die Energieeffizienz der Gebäude und die Raumausstattung teilweise nicht veränderbar sind, da diese gemietet oder bereitgestellt werden und der Eigentümer Veränderungen nicht zulässt.

Größere Institutionen, die über verschiedene Angebote der beruflichen Integration, soziale Dienstleistungen, Kindertagesstätten, Wohngruppen etc. verfügen, etablieren Instanzen wie Nachhaltigkeitsmanagement, -arbeitskreise oder -teams. So können sie angebotsübergreifend agieren und z. B. auch eine Nachhaltigkeitsberichterstattung leisten (Fall 6).

Die Implementierung von Nachhaltigkeit ist abhängig von der (Infra-)Struktur der Träger und dem Interesse des Leitungs- und Bildungspersonals. Daher ist der Umgang mit neuen Rahmenbedingungen (Fachkonzept, Nachhaltigkeitsanforderungen) sehr unterschiedlich. Es wird eine projekthafte Umsetzung je nach Ausbildung und Interesse des Personals sowie der Prioritätensetzung des Trägers beschrieben. Unabhängig von den Anforderungen der BA haben viele Träger sich bereits auf den Weg gemacht, um nachhaltigkeitsbezogene Strukturen und Inhalte zu etablieren.

Die Unterstützung durch die Leitungsebene sowie die Partizipation an den innerbetrieblichen Entwicklungsprozessen und die Weiterbildung der Mitarbeitenden werden von den Befragten als förderlich betrachtet. Sie fordern zusätzliche finanzielle Mittel, um Nachhaltigkeit langfristig in den Maßnahmen zu integrieren: „Ich glaube, es ist wichtig, dass [die Realisierung] von ganz oben gewollt ist. Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und irgendwie Lust gemacht und den Leuten ein bisschen Spielraum geben [wird], das auch umzusetzen“ (Fall 6, Pos. 39).

4.3 Nachhaltigkeitsaspekte in den Maßnahmen und Lernsettings

Die Befragten nennen gewerkeübergreifend die reflektierte Materialauswahl und -verwendung sowie die Vermeidung von Materialausschuss bezüglich verschiedener Arbeitsprozesse, um ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu handeln.

„Ein anderes gutes Beispiel ist: Im letzten Durchlauf hatten wir eine Gruppe von Teilnehmenden in der Holzwerkstatt. Die haben sich zum Ende des Lehrgangs die Holzrestekiste geschnappt und haben gesagt: Meister, wir wollen jetzt was aus diesen Resten bauen. Und dann haben die tatsächlich noch drei Wochen verbracht und haben aus den Resten, die da waren, was hergestellt und gebaut. […]. Übrigens fällt mir gerade noch ein und da bin ich ein bisschen stolz drauf. Wir haben im Haus ein Pelletofen. Also wir heizen mit Pellets, die wir selber herstellen“ (Fall 7, Pos. 63).

Up- und Recyclingprozesse werden projekthaft oder als feste Angebote einzelner Träger wie bspw. in Form von Möbelaufbereitung für Gebrauchtwaren- und Sozialkaufhäuser eingebunden.

Die Befragten betonen, dass die Mülltrennung seit Jahren kontinuierlich in Maßnahmen behandelt wird (Fall 1, Fall 3, Fall 7, Fall 8, Fall 11, Fall 13). Auch die jungen Erwachsenen bestätigen in den Interviews (Fall 14-18), dass Mülltrennung sowohl beim Bildungsträger, der Schule und teilweise im Betrieb wiederkehrend Thema sei. Da Pfandflaschen und -dosen im Müll oder den Räumlichkeiten zurückgelassen und nicht zu Annahmestellen gebracht werden, haben Träger Pfandsammelboxen in ihren Räumlichkeiten eingerichtet (Fall 7, Fall 11). Die Teilnehmenden spenden den Pfand über den Träger oder lösen ihn in Geschäften ein und überlegen zusammen, wofür der Pfanderlös verwendet wird. Hier können Bezüge zur Kreislaufwirtschaft hergestellt und in Lernprozessen eingebunden werden.

Manche Maßnahmen verfügen über hauswirtschaftliche Angebote (Fall 1, Fall 3, Fall 6, Fall 12, Fall 13) und bauen teilweise Gemüse, Kräuter oder Obst in trägerinternen Gärten an (Fall 3, Fall 6). Sie verwenden die Ernte entweder für das hausinterne Mittagsangebot oder bieten sie den Teilnehmenden zur Mitnahme an. Bei Einkäufen wird zunehmend auf regionale und saisonale Produkte geachtet. Zur Restevermeidung wird vor den Einkäufen von den Teilnehmenden die genaue Menge berechnet. So entstehen Bezüge zu mathematischen Inhalten wie Mengen- und Währungsrechnung. Weitere konkrete Beispiele im Bereich Hauswirtschaft sind die Etablierung von vegetarischen oder veganen Angeboten sowie die kreative Weiterverwertung von nicht abgerufenen Gerichten. Im Interview mit Maßnahmeteilnehmenden wurde das Potenzial von Nachhaltigkeit in hauswirtschaftlichen Kontexten ebenfalls betont. In Projekten und Themenreihen werden Produktionsketten von Lebensmitteln, aber bspw. auch von Kleidung thematisiert, dabei geht es um globale Auswirkungen auf Umwelt und Arbeitnehmende. Betont wird von den befragten Mitarbeitenden, dass die Klientel jedoch aufgrund von fehlenden finanziellen Mittel sich kaum faire Produkte wie z. B. Kleidung leisten kann, sodass Träger Kleidertauschpartys organisieren ( Fall 6, Fall 14).

Ein Drittel der Befragten nennt Umwelt-, Natur- und Artenschutz als wichtige Nachhaltigkeitsthemen. In Kooperation mit Fachkräften von Naturschutzorganisationen, Forstbetrieben und Verbänden werden laut Befragten Projekte wie Clean-Up-, Pflege- sowie Pflanzaktionen, die dem Naturschutz dienen, durchgeführt. Dabei ist die Verzahnung von praktischer Tätigkeit und Vermittlung von Wissen von besonderer Bedeutung. Es geht bspw. um die Fragen:

  • Wie entwickeln sich Pflanzen und Tiere?
  • In welchem Zusammenhang stehen Pflanzen und Tiere?
  • Welchen Einfluss haben Menschen (bspw. durch unsachgemäße Abfallentsorgung) auf Ökosysteme?

Bei den Aktionen können mittels Fotoaufträgen diese Fragen auch über die Aktion hinaus in Unterrichtsreihen aufgegriffen werden. In verschiedenen Gewerken kann darauf aufbauend zum Beispiel die Zusammensetzung typischer Materialien wie Holz, Metall oder Kunststoff thematisiert werden, sodass die Teilnehmenden die ökologischen Aspekte ihres Berufsfeldes reflektieren und in ihren Arbeitsalltag integrieren können. Gleichzeitig bieten solche Aktionen gruppendynamische Erfahrungen an einem neuen Lernort. Dabei können bspw. Fotos auch neben dem Lerneffekt Erinnerungen schaffen, die die Gruppe stärken. Die befragten Maßnahmeteilnehmenden haben an einem Biodiversitätsprojekt u. a. an einer Streuobstwiese teilgenommen, dieses im Interview nur auf gezielte Nachfrage beschrieben. Es ist anzunehmen, dass sie das Projekt nicht unter Nachhaltigkeitsaspekten in Erinnerung haben, können sich jedoch im Gespräch an Einzelheiten erinnern.

Die Aktionen verdeutlichen, dass zur Implementierung von Nachhaltigkeit und BBNE Lernortwechsel von Vorteil sein können, um praktische Bezüge (zu den Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit) herzustellen. Diese Aktionen erzielen vermutlich eingebettet in einen Gesamtzusammenhang (bspw. in eine Themenreihe) langfristige Lernerfolge. Um dies dauerhaft zu etablieren, können Lernortkooperationen nützlich sein, sodass feste Kooperationsstrukturen entstehen und wachsen.

Die Befragten stellen die individuellen Lebenssituationen mit einem geringen thematischen Bezug oder Wissensstand seitens der Teilnehmenden als Herausforderung dar (Fall 6, Fall 8, Fall 9, Fall 10, Fall 13). Bevor nachhaltigkeitsbezogenes Wissen geteilt werden könne, müsse ein Bewusstsein geschaffen werden. Gleichzeitig beschreiben die BvB-Teilnehmenden den Bedarf an Nachhaltigkeitswissen. Die befragten Fachkräfte erklären, dass sie in den Maßnahmejahrgängen teilweise wiederkehrend Nachhaltigkeitsthemen behandeln und mit aktuellen Nachrichten kombinieren, sodass die Themen nicht an Aktualität verlieren. Zusammenfassend lässt sich daher festhalten, dass Aktualität, Lebenswelt- und Praxisbezug sowie didaktische Reduktion die Vermittlung von nachhaltigkeitsbezogenen Inhalten in der Berufsvorbereitung erleichtern.

4.4 Diskussion: Verknüpfung konzeptioneller, früherer Entwicklungen mit der aktuellen Erhebung

Die Interviewstudie offenbart ein Spannungsfeld zwischen einer intuitiven Nachhaltigkeitspraxis und einem Mangel an einer gemeinsamen, theoretisch fundierten Konzeption (BBNE) in der Berufsvorbereitung. Während alle Beteiligten (Fachkräfte und Teilnehmende) ein Verständnis für Nachhaltigkeit besitzen, wird dieses meist deterministisch und pragmatisch gedacht, nicht jedoch als ganzheitlicher integrativer Ansatz.

Die Maßnahmen sollen seit den 1970ern auf gesellschaftlicher Ebenen die nachhaltige Arbeitsmarktintegration von jungen Menschen am Übergang Schule-Beruf unterstützen, soziale Teilhabe fördern und finanzielle Sicherheit ermöglichen. Auch wenn konzeptionelle Anpassungen aufgrund von veränderten gesellschaftlichen und individuellen Ausgangslagen vorgenommen wurden, ist das Maßnahmeziel unverändert. Parallel dazu hat sich politisch global ein Verständnis von einer nachhaltigen Entwicklung ausdifferenziert. Auch das Maßnahmepersonal verfügt über ein Nachhaltigkeitsverständnis, das verschiedene Ebenen und Dimensionen umfasst, denn sie beschreiben: Nachhaltigkeit ist sowohl Inhalt als auch Ziel der Maßnahme. Inhaltlich erfolgt die Integration von Nachhaltigkeit durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis, z. B. durch die Verbindung von Umwelt- oder Klimaschutz mit beruflicher Bildung und der Reflexion von globalen und lokalen Auswirkungen. Dies fördert ein tiefgründiges und nachhaltiges Lernen. Auf der strukturellen Ebene versuchen die Träger Ressourcen einzusparen und Prozesse sowie bauliche Infrastruktur zu optimieren, sodass sie ökologische und ökonomische Vorteile erreichen. Dies wird teilweise von nachhaltigkeitsbeauftragten Mitarbeitenden, Teams oder Arbeitskreisen koordiniert. Die Partizipation der Mitarbeitenden und Maßnahmeteilnehmenden ist bei der strukturellen Weiterentwicklung förderlich, da diese sich gestaltend einbringen können. Außerdem ist auch so eine Verknüpfung mit inhaltlichen Aspekten möglich. Weiterführend können Digitalisierungsprozesse sowie Lernortkooperationen, die eine Theorie-Praxis-Verzahnung auf inhaltlicher und struktureller Ebene ermöglichen, als wichtige Motoren zur Implementierung von Nachhaltigkeit und BBNE in der BvB genannt werden.

Im Sinne eines Whole Institution Approach – also eines ganzheitlichen Ansatzes innerhalb der Institution – ist es wichtig strukturelle und inhaltliche Aspekte zu verknüpfen. Um Inhalte authentisch zu vermitteln, ist dieses Zusammenwirken essenziell. Ausschlaggebend ist dabei nicht allein die Authentizität des Bildungspersonals: „Es scheint stattdessen bedeutsam, sich stärker reflexiv der Frage der Gestaltung authentischer Lernumgebungen anzunähern und in diesem Kontext auch den Einfluss der eigenen Überzeugungen und Werthaltungen auf die Rahmung und Gestaltung von BNE-bezogenen Lernangeboten mitzudenken“ (Bergmüller & Taube, 2023).

Im Verlauf der Gespräche setzte bei den Teilnehmenden ein Reflexionsprozess ein: Sie wurden sich bewusst, dass zahlreiche nachhaltigkeitsorientierte Aspekte bereits in ihrem Arbeitsalltag umgesetzt werden. Dies unterstreicht, dass die Umsetzung intuitiv erfolgt, jedoch nicht auf Grundlage eines konzeptionellen oder theoretisch reflektierten Ansatzes. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass bislang (B)BNE kaum in der Berufsvorbereitung strukturell und konzeptionell verankert ist.

Festzustellen ist, dass Herausforderungen, die bereits 1995 im Zusammenhang mit der Umweltbildung für benachteiligte Jugendliche vom BMBW beschrieben wurden, teilweise auch in der dargestellten Interviewstudie benannt werden. So führen die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Trägerarbeit dazu, dass hier kaum, um nicht zu sagen keine Innovationen stattfinden. So führen (1) maßnahmebezogene, befristete Arbeitsverträge dazu, dass das Maßnahmepersonal ständig wechselt und hier keine Expertise entwickelt werden kann. Zudem (2) können die Einrichtungen Maßnahmen verlieren, sodass sich die Zuständigkeiten des Personals verändern. Insgesamt sorgen also begrenzte finanzielle und personelle Spielräume der Einrichtungen sowie befristete Arbeitsverträge der Mitarbeitenden dazu, dass die Implementierung von nachhaltigkeitsbezogenen Inhalten und Strukturen erschwert wird.

Obwohl erst ab dem BvB-Fachkonzept 2022 ökologische Inhalte zu finden sind, berichten die Befragten, dass Müllvermeidung und -trennung bereits vor der Konzepterneuerung in den Maßnahmen thematisiert wurden. Es kann vermutet werden, dass in Abhängigkeit von der Trägerausrichtung und den inhaltlichen Schwerpunkten des Bildungspersonals bereits umweltbildnerische Bemühungen und nachhaltigkeitsorientierte Themen behandelt wurden. Darüber könnte eine weitere, vertiefende Analyse von Vergabe- und Durchführungsberichten, eine quantitative Befragung der Träger sowie berufsbiografische Interviews Aufschluss geben. Außerdem wäre die Ausweitung der bereits recherchierten Disziplinen Berufs-, Förder- und Sozialpädagogik, eine Möglichkeit für einen erweiterten historischen Einblick.

5 Fazit

Die historische Entwicklung der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) zeigt, dass über die Jahrzehnte die Maßnahmen kontinuierlich weiterentwickelt wurden – sowohl hinsichtlich ihrer Struktur und Zielgruppe als auch bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung.

Die Integration von Nachhaltigkeit in die BvB-Maßnahmen erfolgte zunächst zögerlich und fokussierte soziale Nachhaltigkeit im Sinne von dauerhafter Arbeitsmarktintegration. Es gab jedoch auch schon früh Bemühungen, Umweltbewusstsein und -schutz in den Maßnahmen inhaltlich zu fördern. Erst durch neue Rahmenbedingungen – wie das Fachkonzept 2022 und die aktuellen Nachhaltigkeitsanforderungen der Bundesagentur für Arbeit – wurde das Thema Nachhaltigkeit konzeptionell systematischer und umfassender berücksichtigt. Dennoch zeigt sich, dass die praktische Umsetzung häufig von den institutionellen Voraussetzungen, dem Engagement des Bildungspersonals und den Ressourcen der Träger abhängt.

Die referierten empirischen Befunde belegen, dass nachhaltigkeitsbezogene Themen in der Berufsvorbereitung inzwischen mehrdimensional betrachtet und seit vielen Jahren bereits intuitiv und projektbezogen umgesetzt werden, ohne dass ein systematischer, theoretisch reflektierter Ansatz vorliegt. Es ist anzunehmen, dass über die Jahrzehnte ökologische Themen in Anlehnung an eine beruflichen Umweltbildung in den Fachbereichen integriert wurden. In diesem Sinne stehen die BvB-Maßnahmen heute vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit und BBNE nicht nur als ein additives Thema, sondern als integralen Bestandteil der beruflichen Vorbereitung zu verankern. Dies erfordert ein stärkeres Bewusstsein, die gezielte Weiterbildung des Personals sowie die Bereitstellung ausreichender Ressourcen, sodass berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung systematisch in der Berufsvorbereitung etabliert wird und die Teilnehmenden befähigt werden, nachhaltige Handlungsstrategien in ihrem späteren (Berufs-)Leben umzusetzen.

Innerhalb des Forschungsprozesses und den durchgeführten Weiterbildungsworkshops für Bildungsträger lässt sich feststellen, dass nachhaltigkeitsbezogene Inhalte und Strukturmaßnahmen nicht mit BBNE gleichzusetzen sind. Sie können jedoch zu BBNE werden, wenn bestimmte Aspekte ineinandergreifen. Im wissenschaftlichen Diskurs werden zahlreiche Versuche unternommen, BBNE zu konkretisieren, in Kompetenzen, Ansätzen und Modellen festzuhalten, wobei möglicherweise durch zunehmende Komplexität der Praxisbezug entkoppelt wird.

Die systematische Implementierung von Nachhaltigkeit und BBNE kann nur in Teilschritten, prozesshaft über längere Zeiträume erfolgen. Deswegen ist es wichtig, zwischen kurz- und langfristigen Zielen zu differenzieren. Es sollte an bestehende Strukturen angeknüpft werden, um geplante bzw. etablierte Strukturen auszudifferenzieren. Beispielsweise kann in einer Projektwoche vertieft etwas zu den Nachhaltigkeitszielen (SDGs) implementiert werden. Die Unterziele der SDGs bieten Anknüpfungsoptionen und können Zugänge erleichtern. Wichtig ist, dass auf Basis von Nachhaltigkeitswissen Strukturen und Inhalte reflektiert werden, sodass diese nach einer nachhaltigkeitsbezogenen Bestandsaufnahme weiterentwickelt werden können.

In Bezug auf die in der Einleitung beschriebenen Fragen bedeutet dies zusammenfassend:

  1. Konzeptionelle Verankerung und strukturelle Ausprägung: Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Konzeption von BvB-Maßnahmen zwar in Ansätzen verankert, jedoch primär im Sinne einer sozialen Nachhaltigkeit. Das übergeordnete Ziel der Maßnahmen bleibt die nachhaltige Vermittlung von Kompetenzen zur Sicherung der Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit sowie zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe der Teilnehmenden. Zudem finden sich im aktuellen Fachkonzept explizite Bezüge zu „grünen Kompetenzen", also vor allem zu ökologischen Themen. Die Umsetzung variiert jedoch stark in Abhängigkeit von der Trägerstruktur: Während einige Institutionen bereits formale Strukturen wie Nachhaltigkeitsmanagement etabliert haben, beschränkt sich die inhaltliche Verankerung in anderen Fällen auf projektbezogene Formate. Es fehlt bislang eine theoriefundierte Reflexion der berufsvorbereitenden Praxis hinsichtlich Nachhaltigkeit, um nachhaltigkeitsbezogene Inhalte und Strukturen als integralen Bestandteil systematisch zu implementieren.
  2. Relevanzwahrnehmung und Begriffsverständnis: Die empirischen Daten zeigen, dass Nachhaltigkeit in den meisten Maßnahmen zunehmend relevanter wird, (a) als (Bildungs-) Inhalt bzw. thematischer Bezugspunkt und (b) als ein struktureller Faktor und Rahmenbedingung der Maßnahmen. Dennoch bleibt BBNE in der Praxis ein weitgehend abstrakter Begriff. Dies deutet auf eine Diskrepanz zwischen dem allgemeinen, thematischen Wissen zu Nachhaltigkeit und dem Fehlen eines konzeptionellen Rahmens zur operativen Ausgestaltung hin.
  3. Persistenz struktureller Rahmenbedingungen: Trotz der Erneuerung des Fachkonzepts und ihrer fachlichen Weiterentwicklung haben sich die strukturellen Rahmenbedingungen der Maßnahmen seit dem kaum verändert. Die seit 1995 identifizierten Herausforderungen der beruflichen Umweltbildung bestehen auch für die aktuelle Implementierung von Nachhaltigkeit und BBNE. Dies belegt eine hohe Stabilität der systemischen Barrieren, die einer tiefgreifenden Transformation entgegenstehen.
  4. Pädagogische Perspektive und Implementierungsherausforderungen: Pädagogische Fachkräfte beschreiben die strukturelle Maßnahmenbedingungen wechselndes Personal, unsichere Maßnahmeförderung, fehlende zeitliche und finanzielle Ressourcen sowie divergierende Wissensstände und Lebenssituationen der Teilnehmenden als herausfordernd bei der Implementierung von Nachhaltigkeit und/oder BBNE.

Eine nachhaltigkeitsorientierte Qualifizierung des Personals kann ein entscheidender Hebel sein, um trotz herausfordernder Strukturen Fortschritte zu erzielen. Dazu bedarf es individuelle, niedrigschwelliger Reflexionsinstrumente. Diese Instrumente dienen dazu, den institutionellen Status quo in Workshops zu ermitteln, bereits existierende, jedoch oft implizite nachhaltigkeitsorientierte Inhalte und Strukturen sichtbar zu machen, um diese auszubauen und langfristig zu verstetigen. Nur durch eine solche bewusste Reflexion und Sichtbarmachung kann der institutionelle Status quo in eine aktive Gestaltung überführt werden, um die Lücke zwischen praktischem Tun und konzeptionellem Wissen schließt. Außerdem können Bildungsmaterialien, Austausch- und Vernetzungsformate unterstützend wirken, um Good-Practice-Beispiele, Methoden und didaktische Ansätze zu teilen.

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Entwicklung eines beruflichen Nachhaltigkeitsbewusstseins: Eine qualitative Untersuchung mit Auszubildenden in der Berufsausbildung Heizungsinstallateur*in in der Schweiz

1 Einleitung

Der Berufsbildung wird ein großes transformatives Potenzial zugeschrieben, wenn es ihr gelingt, Auszubildende zu befähigen, die Arbeitswelt und Gesellschaft im Sinne von Nachhaltigkeit mitzugestalten (Hemkes et al., 2022). Entscheidende Faktoren sind demzufolge nicht nur politische Rahmenbedingungen, nachhaltige Unternehmensstrategien oder Konsumverhalten, auch (zukünftige) Fachkräfte können einen Beitrag zu einer ökologisch verantwortlichen und sozial gerechten Transformation der Arbeitswelt und Gesellschaft leisten (Hemkes et al., 2022; Rebmann & Schlömer, 2020). Befähigung zur Mitgestaltung meint, Auszubildenden zu ermöglichen, die Wechselbezüge und Widersprüche zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten der Berufsarbeit sowie deren zeitliche und räumliche Auswirkungen zu erkennen und verantwortungsbewusst zu beurteilen. Dazu zählt eine ganzheitliche Wahrnehmung der beruflichen Tätigkeit sowie das Erkennen nachhaltiger Handlungsalternativen im eigenen beruflichen Aufgaben- und Handlungsbereich (Fischer et al., 2020; Kuhlmeier & Vollmer, 2018).

Es wird weitgehend anerkannt, dass es für die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz für eine nachhaltigkeitsorientierte Mitgestaltung nicht ausreicht, Auszubildenden berufliches Wissen und Fertigkeiten zu vermitteln. Vielmehr sollten ihnen Reflexionsgelegenheiten über die eigene Berufsarbeit ermöglichen, ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein zu entwickeln (Hemkes et al., 2022; Kuhlmeier & Vollmer, 2018). Dies schließt Reflektionen über eigene und fremde Überzeugungen, Einstellungen, Handlungen und Werte ein, denn nachhaltiges berufliches Denken und Handeln beruht auf der Entwicklung eines Verantwortungsbewusstseins und einer Motivation zur Mitgestaltung im eigenen Handlungsbereich (Kuhlmeier & Vollmer, 2018). Im Idealfall verbindet sich Nachhaltigkeit mit dem beruflichen Selbstverständnis der Auszubildenden, ihrer beruflichen Identität, und wird zu einem sinnstiftenden beruflichen Zukunftsentwurf (Thole, 2023).

Viele der BIBB-Modellversuche im Bereich Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) waren deshalb unter anderem darauf ausgerichtet, ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein bei Auszubildenden zu fördern (Melzig et al., 2021; Panschar et al., 2020). Die wissenschaftliche Begleitung dieser Versuche konzentrierte sich allerdings auf die Konzeption und Umsetzung der Modellversuche. Es gibt bisher keine Studie dazu, ob und unter welchen Bedingungen Auszubildende überhaupt ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein, sei es innerhalb oder außerhalb von Modellversuchen, in der Berufsbildung entwickeln können. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag am Beispiel des Berufes Heizungsinstallateur*in in der Schweiz, wie sich das berufliche Nachhaltigkeitsbewusstsein von Auszubildenden präsentiert und wie dieses mit ihren Lernerfahrungen in der Berufsausbildung im Zusammenhang steht. Der Fokus auf Lernerfahrungen ist deshalb zentral, da BBNE funktionalistisch auf eine Vermittlung operationaler Kompetenzen verengt werden kann (Ketschau & Steib, 2022), statt die Mündigkeit der Auszubildenden zu stärken und Möglichkeiten für eigene Mitgestaltung anzubieten (de Haan et al., 2021). Ziel ist es Bedingungen in der Berufsbildung zu identifizieren, die es für die Entwicklung eines beruflichen Nachhaltigkeitsbewusstseins braucht. Der Beruf eignet sich gut für eine solche Untersuchung, denn das berufliche Handeln ist entscheidend für die Umsetzung der schweizerischen Nachhaltigkeitsstrategie im Gebäudesektor.

Der Artikel skizziert zunächst den Theoriediskurs und Forschungsstand zum beruflichen Nachhaltigkeitsbewusstsein von Auszubildenden und die Bedeutung von Lerngelegenheiten während der Berufsausbildung, bevor das Nachhaltigkeitspotential des Berufes Heizungsinstallateur*in und das methodische Vorgehen der qualitativen Studie mit Auszubildenden vorgestellt wird. Die Resultate zeigen, dass es zwar nachhaltige Handlungsmöglichkeiten im Beruf gibt, Auszubildende aber selten Reflexionsmöglichkeiten über die gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen ihres Berufs erhalten, sodass es ihnen nur begrenzt möglich ist, ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein zu entwickeln. Die Diskussion stellt heraus, welche Ausbildungsbedingungen ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein eher fördern oder hemmen und welche Schlüsse für die Berufsbildung zu ziehen sind.

2 Theoretischer Rahmen und Forschungsstand

2.1 Nachhaltigkeitsbewusstsein von Jugendlichen

Das Konzept des Nachhaltigkeitsbewusstseins ist historisch aus dem Umweltbewusstsein hervorgegangen und erweitert die ökologische Dimension um eine soziale intra- und intergenerationalen Gerechtigkeitsperspektive. Michelsen et al. (2015) verstehen darunter die „Einsicht in die Überschreitung der natürlichen planetaren Grenzen und die damit einhergehende Gefährdung von Lebensbedingungen und Bedürfnissen heutiger sowie zukünftiger Generationen, verbunden mit der wahrgenommenen Möglichkeit, eine Änderung mitzugestalten“ (S. 66). Nachhaltigkeitsbewusstsein setzt sich aus drei analytisch unterscheidbaren Komponenten zusammen (Franzen, 2023; Michelsen et al., 2015). Die kognitive Komponente, auch als Nachhaltigkeitsverständnis bezeichnet, umfasst den Umfang und die Qualität von Kenntnissen über Nachhaltigkeit sowie die Fähigkeit, Handlungen, Situationen und gesellschaftliche Prozesse im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit beziehungsweise Nicht-Nachhaltigkeit zu beurteilen. Die affektiv-emotionale Komponente bezieht sich auf Einstellungen, Bewertungen und emotionale Haltungen gegenüber nachhaltigkeitsrelevanten Themenfeldern. Die konative Komponente beschreibt nachhaltigkeitsbezogene Verhaltensintentionen und damit die Bereitschaft, nachhaltige Handlungsweisen umzusetzen (Franzen, 2023; Michelsen et al., 2015). Voraussetzung für nachhaltiges Handeln ist die subjektive Überzeugung, dass das eigene Verhalten wirksam ist und einen Beitrag zur Bewältigung nachhaltigkeitsbezogener Herausforderungen leisten kann. Vor diesem Hintergrund kommt der Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen im Kontext nachhaltigen Handelns eine zentrale Bedeutung zu (Schütt-Sayed et al., 2021).

Empirische Untersuchungen zum Nachhaltigkeitsbewusstsein von Jugendlichen, denn die wenigsten Studien fokussieren ausschließlich auf Auszubildende, zeigen, dass Themen wie Umweltschutz und Klimawandel von der Mehrheit als bedeutsam eingeschätzt werden (Albert et al., 2024; Gavin & Audrin, 2022), wenngleich ökologische Themen in den letzten Jahren an Relevanz verloren haben und zunehmend sozioökonomische und andere politische Themen als wichtig eingestuft werden (Kress, 2025). Zugleich weisen Studien wiederholt auf Defizite im tiefergehenden Verständnis über nachhaltigkeitsbezogene Zusammenhänge hin (Albert et al., 2024; Grund & Brock, 2022; Michelsen et al., 2015).

Jugendliche sind allerdings keine homogene Gruppe. Insbesondere beim Geschlecht und Bildungsniveau bzw. bei der sozioökonomischen Herkunft zeigen sich Unterschiede in der Relevanzzuschreibung im Hinblick auf Nachhaltigkeit (Holfelder, 2018). Beispielsweise identifizierte die Studie „Zukunft? Jugend fragen!“ verschiedene Gruppen von Jugendlichen (Margreiter et al., 2024): Die „Idealisten“ (36%), häufiger Frauen und mit hohem Bildungsniveau, versuchen im Alltag nachhaltig zu leben, schauen jedoch pessimistisch in die Zukunft, was die Bekämpfung von Umweltzerstörung angeht und erwarten hierfür mehr politisches und wirtschaftliches Engagement. Die „Wirtschaftsfokussierten“ (30%), häufiger hoch gebildete Männer, finden dagegen, dass bereits genug für Klima- und Umweltschutz getan wird und dieser auf keinen Fall zu Lasten von Wirtschaftswachstum und statusorientiertem Konsum gehen sollte. Die „Pragmatischen“ (19%), häufiger Männer aus verschiedenen Bildungsniveaus, ist eine Balance zwischen Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und sozialer Gerechtigkeit wichtig, wobei sie das Umweltschutzengagement von politischen und wirtschaftlichen Akteuren als zu gering einschätzen. Den „Distanzierten“ (15%), überproportional vertreten durch Jugendliche mit tieferem Bildungsniveau und Lernende der Berufsbildung, empfinden zu Umwelt- und Klimafragen, wie zu anderen politischen Themen, eine große Distanz, sind allerdings für soziale Gerechtigkeitsfragen sensibel. Ähnlich beschrieb eine Untersuchung aus der Schweiz Jugendliche als „Beunruhigte“, „Zuversichtliche“ oder „Passive“, die gleiche Korrelationen mit sozioökonomischen Variablen und Geschlecht aufweisen (Gavin & Audrin, 2022).

Holfelder (2018) konnte in ihrer qualitativen Untersuchung zu Nachhaltigkeitsorientierungen von Jugendlichen allerdings zeigen, dass ein eher pragmatischer Zugang zu Nachhaltigkeitsthemen oder auch eine größere Distanz gegenüber entsprechenden Diskursen unter Berufsschullernenden im Kontrast zu Gymnasiast*innen nicht mit fehlendem Interesse oder Lernbereitschaft gleichzusetzen sind. Vielmehr mangelt es im Kontext der beruflichen Bildung häufig an konkreten Bezügen zu Nachhaltigkeitsthemen, sodass Auszubildende Nachhaltigkeitswissen als wenig brauchbar für die eigene berufliche Praxis wahrnehmen. Zudem ist eine reflexive oder auch theoretische Bearbeitung von solchen Themen in der Berufsbildung wenig verbreitet, mit der Folge, dass eine Verknüpfung zwischen vermittelten Nachhaltigkeitswissen und aktuellen beruflichen Erfahrungen ausbleibt oder nicht vertieft wird (Holfelder, 2018). Entscheidend sind aber nicht nur die beruflichen Kontexte der Jugendlichen, sondern auch die alltagsweltlichen. Jugendliche mit erhöhtem Interesse an umweltbezogenen Themen stammen oft auch aus sozialen Milieus, in denen Bezugspersonen ein hohes Nachhaltigkeitsbewusstsein haben, über Nachhaltigkeit kommuniziert und Alltagshandeln darauf ausrichten (Holfelder 2018). Nicht zu vernachlässigen ist, dass Nachhaltigkeitsbewusstsein auch mit kulturell-politischen Einstellungen im Zusammenhang steht (Wendt & Görgen, 2017).

Nachhaltigkeitsbewusstsein kann deshalb nicht ausschließlich als ein individuelles Phänomen adressiert, sondern muss auch als kollektives Phänomen verstanden werden, dass mehr oder weniger stark in soziale Praktiken in verschiedene gesellschaftliche Kontexte eingebettet ist (Sahakian & Wilhite, 2014; Sayeh et al., 2025). Nachhaltigkeitsbewusstsein von Auszubildenden muss demzufolge als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener sozialer Einflüsse untersucht werden. Im Folgenden wird genauer darauf eingegangen, wie sich ein Nachhaltigkeitsbewusstsein im beruflichen Lernkontext entwickeln kann.

2.2 Nachhaltigkeitsbewusstsein im Kontext beruflichen Lernens

Der Berufsbildung wird durch ihre Nähe zur Arbeitswelt ein großes Potential zugeschrieben, einen Beitrag für Nachhaltigkeit zu leisten, denn Arbeits- und Geschäftsprozesse haben nicht nur zeitlich-räumliche ökologische und soziale Auswirkungen, sondern aus der Berufsarbeit können sich auch nachhaltige Handlungsalternativen ergeben (Schütt-Sayed et al., 2021). Allerdings folgt daraus nicht, dass das Nachhaltigkeitspotential eines Berufes in der Berufsbildung aufgegriffen und lernförderlich bearbeitet wird.

In diesem Zusammenhang haben Rebmann und Slopinski (2018) betont, dass ein vollständiger Lernprozess angeregt werden sollte, da sonst Diskrepanzen zwischen Nachhaltigkeitswissen, -bewusstsein und -handeln entstehen. Hierfür müssen Auszubildende das zu erwerbende Nachhaltigkeitswissen mit eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen verbinden und im beruflichen Handeln erproben können. Um ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein zu entwickeln, braucht es ausserdem Kommunikationsangebote, um über berufliches Nachhaltigkeitswissen, -handeln und eigene Wahrnehmungen und Erfahrungen zu reflektieren und in Beziehung zu setzen. Die Abstraktionen, die bei Auszubildenden entstehen, sollten auch erlauben, neue Erfahrungen und Wahrnehmungen zu integrieren. Eine Berufsbildung, die Auszubildende zu nachhaltigem Denken und Handeln befähigen will, darf sich dabei nicht auf die Vermittlung deklarativen Wissens sowie rein fachlicher Inhalte und Fertigkeiten beschränken. Wichtig ist die Reflektion über eigene und fremde Überzeugungen, Einstellungen und Werte, denn bei Nachhaltigkeit geht es um komplexe, gesellschaftlich kontrovers diskutierte Sachverhalte (Fischer et al., 2020).

Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, Zielkonflikte, Ambivalenzen und Widersprüche zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimensionen beruflichen Handelns systematisch einzubeziehen (Fischer et al., 2021; Hemkes & Melzig, 2021). Berufliches Handeln vollzieht sich häufig selbst in einem Spannungsfeld zwischen Effizienz- und Wachstumsorientierungen einerseits sowie sozialen und ökologischen Verantwortlichkeiten andererseits, wobei in beruflichen Entscheidungsprozessen vielfach zwischen gegensätzlichen Handlungsoptionen abgewogen werden muss (Fischer et al., 2020). Die Auseinandersetzung mit offenen Sinnfragen und komplexen, nicht eindeutig lösbaren Sachverhalten sowie der reflektierte Umgang mit diesen ist deshalb eine Grundvoraussetzung, dass Auszubildenden vergangene, aktuelle sowie zukünftige Erfahrungen und Wahrnehmungen im Kontext von Nachhaltigkeit sachlich angemessen und verantwortungsvoll einordnen können. Widersprüchlichkeiten des beruflichen Alltagshandelns sollten also nicht ausgeblendet, sondern auf kognitiver, emotionaler und motivational-volitionaler Ebene bearbeitet werden, um mit ihnen verbundene Unsicherheiten und Dilemmata pädagogisch aufzufangen (Fischer et al., 2020). Solche Dilemmata sind nicht als Defizite beruflicher Praxis zu verstehen, sondern eröffnen zentrale Lerngelegenheiten, da sie Auszubildenden ermöglichen, berufliche Tätigkeiten in ihrer Komplexität und gesellschaftlichen Einbettung zu erfahren, zu reflektieren und ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein zu entwickeln (Schütt-Sayed et al., 2021). Dabei kann Nachhaltigkeit auch Teil des beruflichen Selbstverständnisses der Auszubildenden werden (Thole, 2023).

Die Forschung hat allerdings gezeigt, dass in der Berufsbildung die Tendenz besteht, ethisch-abstrakte Diskussionen über Zielkonflikte und Widersprüche eher zu vermeiden. Im deutschen Monitoring zur Implementierung von BBNE wurden die Nachhaltigkeitsdimensionen beispielsweise unter Vertreter*innen der Bildungspraxis als eher gleichberechtigt und harmonisch miteinander vereinbar verstanden (Singer-Brodowski & Holst, 2022). Dies steht im Zusammenhang mit dem Konsensprinzip in der Berufsbildung, nach dem bei der Definition von Lerninhalten Kompromisse zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen gefunden werden müssen. Zum anderen tendiert die Berufsbildung aufgrund der starken Handlungsorientierung zu einer pragmatischen Umsetzung von Nachhaltigkeit in kleinen, machbaren Schritten (Singer-Brodowski & Holst, 2022).

Ähnliche Beobachtungen machte Schütt-Sayed (2020) in einer Studie mit gewerblich-technischen Lehrkräften in Berufsschulen. Diese befürworteten zwar den Nachhaltigkeitsgedanken, verstanden ihn jedoch oft verkürzt. Häufig wurden nur ökologische, technische und wirtschaftliche Dimensionen berücksichtigt, soziale und globale Dimensionen dagegen selten, geschweige denn Dilemmata, Widersprüche und Wechselwirkungen im Unterricht thematisiert. Auch eine ganzheitliche Handlungskompetenzförderung wurde kaum verfolgt, da weder die Entwicklung spezifischer Nachhaltigkeitskompetenzen, wie systemisches Denken, Perspektivenübernahme oder Verantwortungsübernahme, noch selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen ermöglicht wurde. Solche Lernangebote bräuchte es allerdings, um Auszubildende für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren und zur Mitgestaltung zu befähigen (Schütt-Sayed, 2020).

Was die betriebliche Berufsausbildung angeht, so wird mit Blick auf die Umsetzung von BBNE festgestellt, dass Betriebe Geschäfts- und Arbeitsprozesse oft gar nicht oder nur begrenzt auf Nachhaltigkeit ausrichten. Nachhaltiges Wirtschaften wird wenn dann häufig von Seiten der Unternehmensführung oder speziellen Stellen bearbeitet (Melzig & Weber, 2020). Dies hat zur Folge, dass die operative Sach- und Facharbeit oft nur selektiv eingebunden wird und Ausbildner*innen über sehr beschränkte Freiheitsgrade verfügen, Auszubildenden Gelegenheiten für Nachhaltigkeitslernen zu bieten, die ihnen auch Partizipationschancen eröffnen. Darüber hinaus verfügt das betriebliche Ausbildungspersonal oft nur über eine minimale pädagogische Qualifikation, die für eine BBNE kaum ausreicht (Kiepe & Schlömer, 2024; Schlömer et al., 2019).

Insgesamt lässt sich festhalten, dass von einer Diskrepanz zwischen den Ansprüchen an eine BBNE und der praktischen Umsetzung in der Berufsbildung auszugehen ist, was nicht zuletzt mit der ungenügenden Integration von BBNE in Curricula, die Aus- und Weiterbildung des Berufsbildungspersonals sowie organisatorisch an den verschiedenen Lernorten im Zusammenhang steht. Dies wirft die Frage auf, inwiefern Auszubildende ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein in der Berufsausbildung entwickeln können. Im Folgenden wird auf die Berufsbildung in der Schweiz fokussiert und inwiefern BBNE hier Eingang gefunden hat, bevor spezifisch auf die Berufsausbildung Heizungsinstallateur*in eingegangen wird.

3 Kontext

3.1 Berufsbildung in der Schweiz und BBNE

In der Schweiz münden laut Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI, 2025a) rund zwei Drittel der Abgänger*innen der obligatorischen Schule in eine zwei- bis vierjährige berufliche Grundbildung ein. Das Berufsbildungssystem ist überwiegend dual aufgebaut, das heißt, theoretischer Unterricht in Allgemeinbildung und Berufskunde in einer Berufsschule an 1-2 Tagen und berufliche Praxiserfahrung in einem Lehrbetrieb an 3-4 Tagen werden von Beginn an kombiniert. Als dritter Lernort existieren die überbetrieblichen Kurse (üK) als eine Ergänzung und Schnittstelle der beiden anderen Lernorte. Bund, Kantone und Wirtschaft verstehen die Berufsbildung als gemeinsame Aufgabe Der Bund erlässt Verordnungen über die berufliche Grundbildung sowie die jeweiligen Bildungspläne. Die Organisationen der Arbeitswelt (OdA), insbesondere die Berufs- und Branchenverbände, bieten die Berufsbildungen an und legen die Bildungsinhalte fest. Die Kantone sind für die Umsetzung und Aufsicht der Berufsbildung zuständig (SBFI, 2025a).

Anders als in Deutschland, wo Umweltschutz und Nachhaltigkeit verpflichtend in Berufsausbildungen eingeführt werden müssen (BIBB, 2021), bestehen in der Schweiz lediglich Empfehlungen zur Integration von Nachhaltigkeit (SBFI, 2020). Die OdAs sind damit frei in der Entscheidung, ob und wie tiefgründig Nachhaltigkeit in den jeweiligen Bildungsplänen behandelt wird, außer es bestehen rechtliche Regelungen im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Dies führt dazu, dass Auszubildende je nach Beruf große Differenzen in der Thematisierung von Nachhaltigkeit erleben und ihnen mehr oder weniger Anknüpfungspunkte an ihre berufliche Tätigkeit vermittelt werden (Koch et al., 2024). Hinzu kommt, dass die Integration von Nachhaltigkeit in die Berufsbildung durch Modellprojekte wie jene des BIBB in Deutschland in der Schweiz kaum gefördert wird.

Abgesehen von der Ausbildung der Lehrpersonen für Allgemeinbildung wird das Thema Nachhaltigkeit in der Ausbildung der berufskundlichen Lehrpersonen in Berufsschulen und üK-Zentren bislang selten bis gar nicht thematisiert. Das Ausbildungsprogramm, gestützt auf eine vorgelagerte berufspraktische Ausbildung, umfasst vorrangig Inhalte zu Fachdidaktik, Berufspädagogik und Erziehungswissenschaft (SBFI, 2015) und wurde erst 2025 um das Thema Nachhaltigkeit erweitert (SBFI, 2025b). Bis vor kurzem bestand allenfalls über Wahlmodule die Möglichkeit, Wissen sowie berufsspezifische Bezüge zu Nachhaltigkeit zu erwerben. In der Folge verfügen viele berufskundliche Lehrpersonen über keine qualitativ hochwertige oder systematische Ausbildung im Bereich BBNE. Ähnlich steht es um das betriebliche Ausbildungspersonal, dass zudem nur über eine minimale pädagogische Ausbildung im Umfang von 40–100 Stunden verfügt. Ob und in welcher Form Nachhaltigkeit in den berufskundlichen Fächern der Berufsschule, üK oder im Betrieb aufgegriffen wird, hängt daher maßgeblich von den beruflichen Bildungsplänen und den Präferenzen der Ausbildungspersonen, Berufsschulen und Betrieben ab. Zudem liegt es an Lehr- und Ausbildungspersonen, ob sie (branchenspezifische) Weiterbildungsangebote zu Nachhaltigkeit wahrnehmen und den Auszubildenden dadurch aktuelle Entwicklungen und Anforderungen ihres Berufsfeldes vermitteln.

3.2 Der Beruf Heizungsinstallateur*in und seine Bedeutung für Nachhaltigkeit

Die Berufslehre als Heizungsinstallateur*in dauert vier Jahre und zählt zu den anspruchsvolleren technischen Ausbildungen. Die Auszubildenden müssen körperliche Arbeit verrichten, etwa schwere Bauteile heben, zugleich ein großes technisches Verständnis für komplexe Systeme, handwerkliches Geschick sowie Problemlösefähigkeit zeigen (Suissetec, 2024b). Pro Woche verbringen die Auszubildenden einen Tag in der Berufsschule und vier Tage im Ausbildungsbetrieb, wo sie neben planenden Arbeiten in der Werkstatt den größten Teil ihrer Zeit auf Baustellen verbringen. Hier montieren sie wärmeabgebende Komponenten, Leitungen, wärmetechnische Anlagen, wie Wärmepumpen, Heizkessel oder Solaranlagen, und nehmen diese in Betrieb. Zu ihren Tätigkeiten gehören ebenfalls Reparatur- und Wartungsarbeiten und die Übergabe der Anlagen an die Kund*innen inklusive Instruktionen zur Funktionsweise der Heizung. Während der Ausbildungszeit verbringen sie außerdem 51 Tage in üK, wo sie berufliche Fertigkeiten vertiefen.

Heizungsinstallateur*innen haben durch den Einbau von erneuerbaren Heizquellen ein grosses Potential einen Beitrag für Nachhaltigkeit zu leisten. Im August 2019 beschloss der Bundesrat, dass die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null senken soll, und in einer Abstimmung über das Klima- und Innovationsgesetz 2023 vom Volk angenommen wurde. Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) ist der Gebäudesektor in der Schweiz für 22% der Treibhausgasemissionen verantwortlich und zählt nach dem Verkehrs- und dem Industriesektor zu den dritteinflussreichsten Emittenten (BAFU, 2025). Das Erreichen des Netto-Null-Ziels erfordert laut Bundesamt für Energie (BFE) deshalb einen Umbau der Energieversorgung. Bis 2050 soll sich diese dahingehend verändern, dass die Wärmeerzeugung ohne den Einsatz von fossilen Energien etabliert wird. Das Gebäudeprogramm des Bundes und der Kantone subventioniert deshalb gezielt den Ersatz von Erdöl- oder Erdgasheizungen durch erneuerbare Energiequellen. Darüber hinaus dürfen ab 2030, wenn dies technisch möglich ist, keine fossilen Heizungen mehr installiert werden (BFE, 2024). In manchen Kantonen greift das Verbot jetzt schon oder früher als 2030, denn bislang sind die Kantone für Regelungen und Maßnahmen im Gebäudebereich zuständig, da es dazu bisher kein Bundesgesetz gibt.

Der Bildungsplan der Heizungsinstallateur*innen wurde im Juni 2019 vor der Verabschiedung des Netto-Null-Ziels neu erlassen (Suissetec, 2024b). Erneuerbare Energien und Energieeffizienz werden darin zwar stärker als zuvor thematisiert und Heizungsinstallateur*innen als Schlüsselpersonen für die Umsetzung der Energiestrategie und der ökologischen Ziele der Bauwirtschaft bezeichnet. Der Fokus liegt jedoch weiterhin auf der Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten zum Einbau von Öl- und Gasheizungen, denn Wärmepumpen, Feststoffheizungen (bspw. Pelletheizungen) oder Solaranlagen werden im Bildungsplan zeitlich später als die fossilen Heizsysteme thematisiert. Die Berufsbildung beschäftigt sich mit Blick auf Nachhaltigkeit darüber hinaus auch mit Umweltschutzvorschriften und Abfalltrennung. Allerdings wird keine tiefergehende oder reflektierende Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit angestrebt, es geht vorrangig um den Erwerb von operationalen Kompetenzen Im Bildungsplan, gestützt auf die Taxonomiestufen nach Bloom (1956), werden die Themen zu Nachhaltigkeit beispielsweise ausschließlich auf der Ebene Wissen, Verstehen (z.B. Sie beschreiben die Vorteile von Wärmepumpen in Bezug auf die Energieeffizienz und Ökobilanz.) und Anwendung (z.B. Sie schliessen eine Wärmepumpe korrekt an eine Energiequelle an.) angesiedelt. Die Ebenen Analyse und Synthese finden nur bei anderen Themen Anwendung, die Ebene Beurteilung ist gar nicht zu finden. Der Beruf Heizungsinstallateur*in kann insgesamt als eher ausführend charakterisiert werden, denn die Beratung der Kund*innen oder die Planung der Heizsysteme übernimmt ein anderes Fachpersonal oder die Betriebsleitung. Für diese Arbeiten gibt es zudem die Berufsausbildung Gebäudetechnikplaner*innen Heizung (Suissetec, 2024a).

4 Methode

Dem Beitrag liegen Daten eines vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten qualitativen Forschungsprojekts zugrunde, das sich für die Sichtweisen von Auszubildenden auf und Erfahrungen mit Nachhaltigkeit während ihrer Berufsausbildung interessiert. Methodologisch orientiert an der Grounded Theory (Charmaz, 2025) verfolgt das Projekt ein zyklisches, iteratives Vorgehen, das Datenerhebung und -analyse miteinander verbindet. Für den Beruf Heizungsinstallateur*in startete dieses Vorgehen im September 2024 und wurde im Dezember 2025 abgeschlossen[1]. Der Feldzugang erfolgte über Berufsschulen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Nach Vorstellung des Projekts wurden bei Zustimmung der Auszubildenden Gruppendiskussionen und Einzelinterviews in ungestörten Räumlichkeiten der Berufsschulen durchgeführt. Sämtliche Erhebungen erfolgten auf Grundlage einer schriftlichen Einverständniserklärung unter Gewährleistung von Freiwilligkeit und Anonymität. Die Daten wurden transkribiert, anonymisiert und in MAXQDA analysiert.

Die Gruppendiskussionen mit Auszubildenden dienten im Sinne eines explorativen Zugangs der Rekonstruktion kollektiver Orientierungen und Deutungsmuster zu Nachhaltigkeit im beruflichen Kontext (Vogl, 2022). Die Klassenverbände wurden als natürliche Gruppen genutzt, um interaktive Aushandlungsprozesse sichtbar zu machen. Ein offener Gesprächsimpuls initiierte die Diskussion, während die Moderation zurückhaltend gestaltet war, um Relevanzsetzungen der Auszubildenden zu ermöglichen. Die Gruppengrösse variierte zwischen acht und zehn Personen, insgesamt wurden drei Diskussionen geführt. In einer Berufsschule konnte statt einer Gruppendiskussion eine unstrukturierte Unterrichtsbeobachtung eines Workshops zum Thema Nachhaltigkeit im Beruf durchgeführt werden. Sie gab Einblicke, welche Lernerfahrungen Auszubildende mit Nachhaltigkeit machen. Die subjektiven Wahrnehmungen dieser Lernerfahrungen wurden in anschließenden Einzelinterviews vertieft.

Die Auswahl der Interviewpartner*innen für die leitfadengestützten Einzelinterviews orientierte sich an dem Prinzip des theoretischen Samplings (Charmaz, 2025). Ziel war es, kontrastierende Fälle einzubeziehen, die in den Gruppendiskussionen und der Beobachtung im Hinblick auf Nachhaltigkeitsbewusstsein sichtbar wurden. Insgesamt wurden neun männliche und eine weibliche Auszubildende im dritten und vierten Lehrjahr interviewt. Die Geschlechterverteilung reflektiert die strukturellen Gegebenheiten des männerdominierten Berufsfeldes. Die meisten Auszubildenden besuchten in der obligatorischen Schulzeit Schulklassen mit Grundanforderungen, erweiterte Anforderungen sind nötig für einen Zugang zu anspruchsvolleren Berufsbildungen oder zum Gymnasium. Ihre Eltern verfügen mehrheitlich ebenso über eine Berufsausbildung als höchsten nachobligatorischen Abschluss, einige aufgrund ihrer Migrationsgeschichte über gar keinen Abschluss.

Der semistrukturierte Leitfaden diente den Interviews als Orientierungsrahmen. Die angesprochenen Themenfelder umfassten Sichtweisen auf Nachhaltigkeit im Allgemeinen, im alltäglichen und beruflichen Handeln, Erfahrungen mit Nachhaltigkeit im Lehrbetrieb, in Berufsschule und üK sowie Fragen zum beruflichen Selbstverständnis (Helfferich, 2022). Die Gesprächsführung zielte darauf ab, subjektive Bedeutungszuschreibungen, Handlungsorientierungen und biografische Bezüge im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit zu rekonstruieren.

Im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz, 2025) erfolgten Erhebung und Analyse teilweise parallel, sodass erste Kodierungen und Memos schon während der Datenerhebung entstanden. Das Datenmaterial wurde zunächst offen und nah am Material kodiert, um relevante Phänomene ohne vorschnelle theoretische Vorannahmen zu erfassen. Die Erstkodierungen erfolgten durch alle Autorinnen des Beitrags und wurden regelmäßig diskutiert. Auf dieser Grundlage wurden Codes präzisiert, zusammengeführt und zu ersten übergeordneten Kategorien verdichtet. In einem weiteren Schritt wurden die Codes im Sinne eines fokussierten Kodierens weiter zu abstrakteren Kategorien gebündelt, analytisch verdichtet und in ihren Beziehungen zueinander analysiert. Diese Arbeit wurde in Memos festgehalten. Nachhaltigkeitsbewusstsein erwies sich im Prozess der Analyse als ein sinnvolles theoretisches Konzept. Auf diese Weise konnten theoretisch relevante Kernkategorien und ihre Zusammenhänge identifiziert werden, darunter etwa Positionierungen wie Distanz versus Identifikation mit Nachhaltigkeit, die mit Wahrnehmungen von Nachhaltigkeit im Alltag und Erfahrungen mit Nachhaltigkeit im Beruf, insbesondere im Lehrbetrieb im Zusammenhang stehen. Die relevanten Kategorien werden im folgenden Ergebniskapitel in ihren relationalen Bezügen dargestellt. Zuerst wird allerdings aufgezeigt, wie Nachhaltigkeit Auszubildenden im Beruf begegnet.

5 Resultate

5.1 Nachhaltigkeit im Beruf: Abfalltrennung und Trend zu erneuerbaren Wärmequellen

Die Gespräche mit Auszubildenden zeigen, dass sie Nachhaltigkeit im Beruf zum einen durch Vorschriften zur Abfalltrennung auf der Baustelle begegneten. Sie sortierten Baureste oder Materialien von Rückbauten, um diese dem Recycling zuzuführen und dadurch Ressourcen zu sparen. Das rentiere sich bei einigen Rohstoffen auch finanziell für die Betriebe. Zudem gebe es einen Trend zu erneuerbaren Wärmequellen in der Heizungsbranche. Viele Auszubildenden installierten fast nur noch Wärmepumpen oder Feststoffheizungen, nur selten bauten sie noch Öl- oder Gasheizungen ein. Auszubildende seien allenfalls noch bei Reparaturen oder beim Einbau von fossilen Heizungen involviert, wenn es bautechnische Ausnahmeregeln gibt. In Kantonen, die den Einbau fossiler Heizsysteme weniger restriktiv regeln oder weniger Subventionen anbieten, würden nichterneuerbare Heizungen allerdings weiterhin nachgefragt, weil sie seitens der Kundschaft als finanziell günstiger oder effizienter angesehen würden. Die Kundschaft, so die Auszubildenden, fragten aber aus ökologischen Gründen sowie finanziellen Gründen erneuerbare Wärmequellen mehr und mehr nach. Dieser Trend würde von den Betrieben bedient, wobei diese auch den Kundenwünschen folgten, wenn diese keine erneuerbaren Heizquellen wollen.

Gegenüber diesem Trend zu erneuerbaren Wärmequellen lassen sich unter den Auszubildenden unterschiedliche Positionierungen ausmachen, die sich auf einem Kontinuum zwischen zwei Polen – eher Distanz versus Identifikation – verorten lassen. Im Folgenden werden die zwei Positionierungen dargestellt, wobei sich die Auszubildenden einer der beiden Pole mehr oder weniger klar zuordnen lassen. Ihre Positionierungen spiegeln ein unterschiedliches berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein wider und stehen im Zusammenhang mit ihren (außer)beruflichen Sozialisations- und Lernkontexten. Die Auszubildenden setzen Nachhaltigkeit vor allem mit Ökologie gleich, soziale oder ökonomische Fragen werden mit dem Begriff nicht explizit assoziiert, wenngleich sie oft implizit mitschwingen, wenn sie über ökologische Frage sprechen.

5.2 Distanz zu Nachhaltigkeit

Ein großer Teil der Auszubildenden hat ein eher distanziertes Verhältnis zu Nachhaltigkeit, wenngleich sie sich im Beruf durch den Einbau erneuerbarer Heizsysteme dafür tagtäglich engagieren. Es handelt sich um Auszubildende, die in ihrem nahen sozialen Umfeld, wie in ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis, kaum über das Thema sprechen. Das distanzierte Verhältnis drückt sich in einem gewissen Desinteresse für das Thema aus, was im Zusammenhang mit der Vorstellung gesehen werden muss, dass sich Interesse für Nachhaltigkeit für sie vor allem als Engagement im privaten Alltag äußert. Im Zusammenhang mit dem Thema verweisen sie denn auch oft auf das Thema Mülltrennung, was sie in ihren Alltag so gut wie möglich praktizierten, entweder aus Routine, manchmal auch als Überzeugung, denn jede*r könne einen Teil beitragen, wenn dafür kaum besondere Anstrengungen erforderlich seien. Ein Engagement für Nachhaltigkeit, das Verzicht impliziere, wie beispielsweise beim Reisen, Essen oder bei der Mobilität, können sie sich kaum vorstellen. Andere Formen des Engagements, wie politisches, kommen den Auszubildenden selten in den Sinn oder sind negativ besetzt, wie zivilgesellschaftliches Engagement im öffentlichen Raum, was als störend empfunden wird. Exemplarisch für diese distanzierte und pragmatische Haltung steht das folgende Zitat.

Nora: Es ist, ja, ich will nicht sagen, ist nicht so ein großes Thema bei mir. Es ist- hätte mich zuerst auch gar nicht interessiert, muss ich sagen. Weil ja, ich gehe aus dem Haus, ich gehe arbeiten, ich komme nach Hause, gehe schlafen, fertig. Und klar, wenn ich etwas machen kann, dann ist es Recyceln, das mache ich schon lange, das haben wir angefangen zu machen bei uns zuhause. Aber so wirklich Klima habe ich mich noch nie richtig irgendwie verbunden gefühlt. Ich fahre auch jeden Tag Töffli [Motorrad], verbrauche meinen Most [Benzin], ich reise. Von dem her.

Dem Trend zum Einbau erneuerbarer Heizsysteme stehen die Auszubildenden dennoch nicht ablehnend gegenüber. Einige finden, dass die Arbeit dadurch auch weniger mühsam sei, da sie sich nicht die Hände mit Heizöl schmutzig machen oder in engen Räumen eine Ölzisterne einbauen müssten. Manche begrüßten auch die veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen in einigen Kantonen, die den Kund*innen den Einbau fossiler Heizungen verbieten, weil dadurch der CO2-Austoss verringert und ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet wird. Andere wiederum lehnten diese Bestimmungen ab, weil sie staatliche Verbote ablehnten, die die individuelle Freiheit einschränkten oder sie finden, dass die „kleine Schweiz” im Vergleich zu großen Industrienationen wenig ausrichten könne. Als weiteres Argument wird angeführt, dass die Umstellung auf erneuerbare Heizsysteme mit hohen Kosten verbunden sei, die für einige Hausbesitzer*innen unerschwinglich seien. Bei vielen Auszubildenden lässt sich ein Bewusstsein für die sozial ungleich verteilten finanziellen Mittel erkennen, die Kosten für die Energiewende zu tragen.

Insgesamt präsentiert sich das berufliche Nachhaltigkeitsbewusstsein dieser Auszubildenden in Bezug auf ökologische Fragen dennoch als eher begrenzt. Das kommt insbesondere darin zum Tragen, dass sie sich keinesfalls als Treiber dieser Entwicklung sehen. Denn letztlich würden nicht sie als Heizungsinstallateur*innen über den Einbau von erneuerbaren Heizsystemen und dem Klimaschutz im Gebäudesektor entscheiden, sondern die Kund*innen oder allenfalls die Vorgesetzten bzw. Kolleg*innen, die sie beraten. Die Idee, dass sie durch ihre berufliche Tätigkeit und ihre in der Berufsausbildung erworbenen Kompetenzen einen Beitrag für Nachhaltigkeit leisten oder in Zukunft als ausgelernte Fachleute Kund*innen zu nachhaltigen Heizungen auch beraten werden, rückt bei ihnen kaum ins Bewusstsein und wird auch nicht zu einem Sinnstifter für ihre Arbeit. Wenngleich nur eine Minderheit angibt, dass es ihr gleichgültig sei, etwas für den Klimaschutz zu tun, herrscht generell das Gefühl vor, in der Arbeit fremdbestimmt zu sein und keinen Einfluss zu haben, ob erneuerbare Heizungen eingebaut werden, wie das folgende Zitat verdeutlicht:

Jasper: Ja, ich entscheide nicht was verbaut wird und was nicht verbaut wird. Ich habe darauf keinen Einfluss, das wird von höheren Positionen entschieden und nicht von mir. Ich muss nur einbauen.

Allen Auszubildenden ist gemein, dass sie nicht nur im nahen sozialen Umfeld kaum über das Thema Nachhaltigkeit sprechen, sondern sich auch in Berufsschulen, üK oder Lehrbetrieben kaum tiefgreifend damit auseinandersetzten. Zwar lernten sie, wie erneuerbare Wärmequellen eingebaut würden und welche technischen und praktischen Aspekte zu berücksichtigen seien, allerdings gebe es keine Lerngelegenheiten, in denen die ökologischen (geschweige die sozialen) Auswirkungen ihrer Berufsarbeit thematisiert würden. Weder würden diese umfassender in der Berufsschule angesprochen, noch sei dies auf der Baustelle ein Gesprächsthema unter Kolleg*innen oder mit Vorsetzten. Gelegenheiten, selbst einen aktiven Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten, indem sie beispielsweise Kund*innen zu erneuerbaren Heizsystemen informierten oder bei der Einstellung der Heizung auf Nachhaltigkeit achteten, gebe es für Auszubildende nicht, dafür seien Vorgesetzte oder Kolleg*innen zuständig, denn ihre eigene Arbeit konzentriert sich auf den Einbau, Ausbau oder die Reparatur. Vorgesetzte würden zwar zu erneuerbaren Wärmequellen beraten, hätten dazu aber selten eine besondere Haltung, denn primär stünden wirtschaftliche Interessen der Firmen im Vordergrund.

Was die betrieblichen Vorschriften zur Abfallentsorgung betrifft, so würden sie diese grundsätzlich akzeptieren und weitestgehend praktizieren, aber auch als Bürde ansehen, da sie die Arbeit auf der Baustelle mühsamer mache, denn noch mehr Regeln seien zu beachten, was die ohnehin stressige Arbeit zusätzlich belaste. Das Gefühl fremdbestimmt zu sein, herrscht auch hier vor und Unmut regt sich unter einigen Auszubildenden, wenn ihre Arbeitsbedingungen es nur schwer erlaubten, die Entsorgungsregeln einzuhalten. Auf die Frage, ob er sich wünsche, dass sich sein Betrieb im Bereich Nachhaltigkeit mehr engagiere, antwortete Jasper denn auch:

Jasper: Nein. Ehrlich gesagt, wirklich nicht, weil dadurch machen sie dann irgendwann noch mehr Druck und dann entsteht nur noch mehr Stress und das will ich vermeiden.

Einige Auszubildenden hatten in einer Berufsschule allerdings Gelegenheit, an einem zweitätigen Workshop teilzunehmen, der von einer gemeinnützigen Stiftung angeboten wurde, die im Bereich Klimaschutz tätig ist. In diesem Workshop kamen die meisten erstmals in ihrer Ausbildung mit umfassenden Informationen zum Klimawandel und dem Einfluss verschiedener Heizsysteme auf das Klima in Berührung. Darüber hinaus erfuhren sie, welche Möglichkeiten es in ihrer Branche gibt, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten (z.B. Kundenberatung, Heizungsauswahl, Regulierung der Heizung) und konnten ihr erworbenes Wissen in partizipativen Lernaufgaben (z.B. simulierte Kundengespräche) anwenden und vertiefen. Der Workshop wurde von den meisten als sehr informativ und bereichernd eingeschätzt, weil sie zum ersten Mal mehr Hintergrundwissen zu erneuerbaren Heizungssystemen erhielten und als Akteure eingebunden wurden. Vielen sei nicht bewusst gewesen, dass sich erneuerbare Heizsysteme langfristig ökologisch und finanziell rentierten.

Allerdings sahen viele nur wenig Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis, weil sie wenig Aufgaben mit Handlungsspielraum für nachhaltiges Handeln hätten (z.B. Kundengespräche). Hinzukommt, dass andere Berufsleute auf der Baustelle, mit denen sie zusammenarbeiteten, kein Interesse für das Thema hätten oder ihnen Wissen fehle, wie sich in ihrem Beruf für Nachhaltigkeit eingesetzt werden kann. Mit anderen Worten, die Auszubildenden haben das Gefühl, dass die Berufsgemeinschaft dem Thema eher distanziert gegenüberstehen. Noras Bericht über die Reaktion eines Kollegen, dem sie vom Workshop erzählte, steht exemplarisch dafür, dass die Auszubildenden im Betrieb auf eher wenig Betreuung und Unterstützung hoffen können, wenn sie sich über Nachhaltigkeit informieren oder dafür engagieren möchten.

Nora: Letztes Mal fragte ich ihn [meinen Kollegen] "Ja, weißt du eigentlich wie viel CO2 eine Ölheizung ausstößt?", "Habe ich mir noch nie richtig Gedanken darüber gemacht. Warum?". Ich so: "Ja, ich hatte gerade das Klimathema in der Schule, ich dachte du kannst mir ein bisschen Input geben", "Uh, weißt du, Klima, ja, ich weiß ja nicht. Also, ich habe mir noch nie so Gedanken darüber gemacht" und "Ja, also wir sparen ja schon viel ein. Da sollte man nicht nur bei den Heizungen nachfragen. Es ist ja auch nur eine Heizung". Ich so "Ja, was ist aber, wenn ein ganzes Wohnquartier einfach Ölheizungen hat? Das ist viel CO2-Ausstoss, tonnenweise", "Ja, weißt du, also es gibt ja dafür auch wieder viele Wärmepumpen ". Ja, also es ist schon, also, wenn man fragt, kommt schon eine Antwort, aber meistens gibt es keine schlaue Antwort.

5.3 Identifikation mit Nachhaltigkeit

Ein kleinerer Teil der Auszubildenden positioniert sich gegenüber dem Trend zu erneuerbaren Wärmequellen grundlegend anders. Sie zeigen einerseits ein Bewusstsein, dass sie mit ihrer beruflichen Tätigkeit einen gewissen Beitrag für Nachhaltigkeit insbesondere beim Klimaschutz leisten können, was auch in einem Gefühl zum Tragen kommt, eine gewisse berufliche Verantwortung für den Klimaschutz zu tragen. Sie sind sich zwar ebenso bewusst, dass Kund*nnen letztlich entschieden, welche Heizungsanlagen eingebaut würden, sie hätten aber als ausgebildete Fachleute zukünftig auch die Möglichkeit, Kund*innen zu erneuerbaren Energien zu beraten. Zudem sind sie überzeugt, dass sie bereits durch ihre beruflichen Kompetenzen einen Beitrag für Klimaschutz leisteten. Dabei sehen sich einige von ihnen als eine neue Generation von Heizungsinstallateuren, denen Fachwissen und Fertigkeiten im Bereich erneuerbarer Energien in ihrer Berufsausbildung vermittelt wurde, worin sie sich von früheren Generationen unterscheiden würden. Sie hätten deshalb nicht nur gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern seien aktiv an der Energiewende mitbeteiligt. In einer Gruppendiskussion kommen die Auszubildenden denn auch zum Schluss:

Joris: Unsere Aufgabe als Fachleute – nun ja, noch nicht jetzt, aber wenn wir erst einmal Fachleute sind – besteht also darin, Privatpersonen beraten zu können.

Samir: Ja, genau.

Joris: Privatpersonen, ihnen die Vorteile [von erneuerbaren Energien] erklären. Und dass es so besser sein kann.

Logan: Deshalb habe ich gesagt, dass wir die neue Generation sind. Wir können sie besser beraten.

Die Auszubildenden verfügen zudem über mehr Wissen zu erneuerbaren Wärmequellen und reflektieren dabei auch kritisch nichtnachhaltige Nebenfolgen, denn es gebe, so die Auszubildenden keine perfekten nachhaltigen Lösungen. Ein Auszubildender weist im Interview beispielsweise darauf hin, dass bei der Ersetzung einer Heizungsanlage auch graue Energie entstehe, da die neue Heizung zuerst produziert und die alte entsorgt werden müsse. Andere Auszubildende verweisen in den Gesprächen auf gefährliche Frostschutzmittel in den Wärmepumpen, die nicht in die Umwelt gelangen dürften, wobei gerade Wärmepumpen auf Propangasbasis auf den Markt kämen, bei denen sich allerdings Fragen nach Explosionsgefahren stellten. Sie sind sich den ökologischen Dilemmata, die sich in ihrem Beruf stellen, bewusst und wissen, dass auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit auch Kompromisse zu schließen sind, nicht zuletzt mit Kund*innen.

Die meisten dieser Auszubildenden sind dennoch überzeugt, dass es für einen Wandel rechtliche Regulierung im Gebäudesektor bräuchte. Nur Anel hat Zweifel, weil er gesehen habe, dass ein Verbot von fossilen Brennstoffen dazu führen könne, dass Kund*innen noch bevor das Verbot greift eine Gas- oder Ölheizung neu einbauten. Verbote könnten also auch kontraproduktiv sein. Anel findet deshalb, dass sich erneuerbare Heizsysteme besser durch Beratungen durchsetzen könnten, da sie sich sowohl ökologisch und finanziell auszahlten.

In den persönlichen Interviews mit Auszubildenden, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit identifizieren, wird deutlich, dass sie allesamt in private und/oder berufliche Sozialisationskontexte eingebunden sind, in denen sich Personen für Nachhaltigkeit engagieren und sich mit ihnen austauschten. Anel berichtet von einer Ex-Freundin, die sich aus ökologischen Gründen vegetarisch ernährt, wobei diese Beziehung seine Sichtweise auf Nachhaltigkeit komplett verändert hätte, denn vorher habe ihn das Thema nicht interessiert. Anel, der seine Lehre im eigenen Familienbetrieb durchführt, hätte daraufhin seinen Vater überzeugt, die Firma in Zukunft ausschließlich auf den Einbau erneuerbarer Heizsysteme auszurichten und keine fossilen Heizungen mehr anzubieten.

Anel: Es liegt mehr in der Vorstellung, wie ich mir die Zukunft vorstelle mit erneuerbaren, statt dass ich sage "Ja, ich mache jetzt immer noch den Service für Ölheizungen und baue Ölheizungen ein", dass ich für mich einfach sagen kann, ich konnte auf eine Art etwas bewegen, was Nachhaltigkeit angeht und konnte auch Leute beraten, anstatt dass ich sage "Ja, okay, ich mache jetzt so weiter und schädige das Klima auf eine Art noch mehr".

Leonard kommt dagegen aus einer Familie, die häufig über das Thema Nachhaltigkeit diskutiere; zudem engagiere er sich für die Pfadfinder*innen, bei denen Naturschutz im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stehe. Ein befreundeter Pfadfinder habe ihn darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es sei, dass Heizungen richtig eingestellt sind. Daraufhin hätte er das Gespräch mit einem Arbeitskollegen gesucht, der das nicht nur bestätigte, sondern dem das ebenfalls wichtig sei und mit dem er daraufhin öfter Gespräche über Nachhaltigkeit im Beruf führte.

Es gibt auch Auszubildende wie Samir, der durch die gestiegene gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeit insbesondere in den Medien begonnen hätte, sich für das Thema zu interessieren und zu engagieren, wie beispielsweise auf Fleisch zu verzichten oder Autofahren zu vermeiden. Samir fühle sich in seinem Engagement für Nachhaltigkeit im Beruf durch die Betriebsinhaber auch indirekt unterstützt, die, wenn sie es in der Hand hätten, Kund*innen in Richtung erneuerbare Energien beraten würden. Zudem hat Samir einen Berufskundelehrer, der auch als Gebäudeenergieberater tätig ist und in dessen Unterricht Nachhaltigkeit oft thematisiert wird. Die Berufsschulklasse kritisierte auch in der Gruppendiskussion, wie veraltet der Bildungsplan und die Lehrmittel für Heizungsinstallateure seien, in denen fossile Heizungen noch zu viel Gewicht gegeben würde; eine Kritik, die auch vom Berufsschullehrer selbst angemerkt wurde.

Trotz vereinzelter Möglichkeiten in der Berufsbildung, sich über Nachhaltigkeit im Beruf zu informieren oder auszutauschen, kritisieren die Auszubildenden die Mehrheit der Berufsleute in der Branche, die sich nicht für Nachhaltigkeit interessierten, kaum über Wissen verfügten und keine Ambitionen hätten, sich dafür im Beruf zu engagieren. Sie fühlten sich in ihren Betrieben oft allein gelassen oder enttäuscht, weil Umweltschutzregeln, wie eine angemessene Entsorgung von Frostschutzmitteln in Wärmepumpen, nicht von allen Berufsleuten jederzeit respektiert würden oder sich in der Berufsgemeinschaft über Engagement für Nachhaltigkeit lustig gemacht würde. Folgendes Zitat von Samir steht beispielhaft für solche Erfahrungen der Abwertung von nachhaltigem Handeln, die Samir sogar zweifeln lassen, ob er im Beruf bleiben will:

Samir: Sie [die Kollegen] machen ihre Arbeit, gehen nach Hause und das war's. Sie sehen nicht, dass sie damit eigentlich der Umwelt helfen, aber gleichzeitig beschimpfen sie jemanden, der der Umwelt hilft und kein Fleisch isst, als Schwuchtel.

6 Diskussion

Ausgehend von den Sichtweisen der Auszubildenden auf und Erfahrungen mit Nachhaltigkeit im beruflichen Kontext lassen sich Lern- und Sozialisationsbedingungen identifizieren, die die Entwicklung eines beruflichen Nachhaltigkeitsbewusstseins unterstützen oder behindern.

Die Auszubildenden haben ein sehr unterschiedliches berufliches Bewusstsein für Nachhaltigkeit, wenngleich sich alle durch den Einbau erneuerbarer Heizsysteme für Nachhaltigkeit engagieren. Berufliches nachhaltiges Handeln ermöglicht also nicht per se die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsbewusstsein. Diese Unterschiede stehen stattdessen im Zusammenhang mit beruflichen Sozialisationskontexten in Berufsschule und Lehrbetrieb, die vollständiges Lernen ermöglichen oder behindern (Rebmann & Slopinski, 2018). Bei den meisten wird Nachhaltigkeit unter rein technischen oder praktischen Gesichtspunkten behandelt, ohne die Wahrnehmungen und Erfahrungen der Auszubildenden mit dem Thema aufzugreifen, was verhindert, dass sie sich als Akteure der Energiewende verstehen und in einem beruflichen Engagement für Nachhaltigkeit Sinn finden könnten. Jene, die dagegen über ein berufliches Verantwortungsbewusstsein für Nachhaltigkeit verfügen, haben stattdessen Berufskundelehrpersonen oder Arbeitskolleg*innen, die ökologische Auswirkungen beruflichen Handelns tiefgreifender sowie Handlungsmöglichkeiten aufgreifen (z.B. durch Kompetenzerwerb, Regulierung von Heizungen, Beratung von Kund*innen), mit der Folge, dass Auszubildende Widersprüche zwischen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Aspekten weniger als Hindernis ansehen. Auszubildende ohne solche Lerngelegenheiten haben nicht nur ein begrenztes berufliches Verständnis von Nachhaltigkeit, sondern sie empfinden sich in ihrem beruflichen nachhaltigen Handeln auch als fremdbestimmt (z.B. von Kund*innen, Vorgesetzten oder Kolleg*innen) und sehen kaum Sinn für Engagement.

BBNE-Ansätze, die vorrangig auf die Vermittlung von operationalen Kompetenzen ausgerichtet sind, vermögen es deshalb nicht, Auszubildende für eine Mitgestaltung zu einer nachhaltigen Arbeitswelt zu befähigen (Hemkes et al., 2022; Kuhlmeier & Vollmer, 2018). Ein solcher Ansatz kann sogar kontraproduktiv sein, weil Auszubildene die Vorstellung entwickeln, Nachhaltigkeit bedeute Vorschriften zu beachten, die von Betriebsleitungen oder staatlichen Instanzen formuliert werden. Die Distanzierung zum Thema Nachhaltigkeit und das Gefühl fremdbestimmt zu sein kann sich verstärken, vor allem wenn Widersprüche, z.B. zwischen Umweltvorschriften und Effizienzerwartungen im Betrieb, nicht bearbeitet werden und Umweltschutz dadurch als mühsam wahrgenommen wird. Daraus lässt sich schließen, dass es für die Mitgestaltung einer nachhaltigen Arbeitswelt tatsächlich ein Nachhaltigkeitsbewusstsein braucht, weil Umweltschutzregeln sonst nicht nachvollzogen werden können und die Gefahr besteht, nicht eingehalten zu werden. Um das zu gewährleisten, braucht es allerdings Gelegenheiten, sich mit Widersprüchen zwischen ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten im Beruf auseinanderzusetzen und Angebote für echte Partizipation. Solange Nachhaltigkeit eine Aufgabe der Betriebsleitung bleibt und Fachkräfte Entscheidungen nur ausführen sollen (Kiepe & Schlömer, 2024; Melzig & Weber, 2020), kann sich ein Nachhaltigkeitsbewusstsein nur schwer entwickeln.

Jene Auszubildende, die sich mit dem Thema identifizieren, sind allerdings auch in außerberufliche Netzwerke eingebunden, in denen sie über Nachhaltigkeit reflektieren und nicht selten regen diese Akteure sie an, über ihre berufliche Verantwortung nachzudenken. Ein generelles Nachhaltigkeitsbewusstsein lässt sich also nur schwer von einem beruflichen trennen, sie spielen ineinander, bspw. wenn sich Auszubildende im Beruf für Nachhaltigkeit eigeninitiativ engagieren wollen, wie Leonard oder Anel. Allerdings hat die Studie auch gezeigt, dass gefühlte Distanz zu Nachhaltigkeit – die unter Auszubildenden in der Berufsbildung häufiger verbreitet ist (Holfelder, 2018; Margreiter et al., 2024) – nicht mit Gleichgültigkeit oder Ablehnung gleichgesetzt werden kann. Haben Auszubildende Gelegenheiten sich mit Nachhaltigkeit im Beruf zu beschäftigen, wie der Workshops in einer Berufsschule aber auch andere Studien (Slopinksi et al., 2020) zeigen, kann sich ein Interesse und Verständnis für Nachhaltigkeit entwickeln. Allerdings bräuchte es, damit sich auch ein Verantwortungsbewusstsein und ein Selbstwirksamkeitsgefühl entwickelt, eine kontinuierliche Beschäftigung mit der Thematik und Mitgestaltungsmöglichkeiten im Betrieb.

Dies scheint in Betrieben allerdings selten Realität zu sein, denn alle Auszubildenden berichteten, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Berufsgemeinschaft selten auf Interesse stößt, es kaum Gelegenheit zum Austausch gibt, weil dazu Wissen fehle oder das Thema abgelehnt wird. Die Resultate machen deutlich, dass sich ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein nur entwickeln kann, wenn dieses auch in der Berufsgemeinschaft vorhanden ist, denn Auszubildende sind in betriebliche Sozialisationskontexte eingebunden und werden von ihnen geprägt. Die Gefahr besteht, dass sich Auszubildende mit einem Nachhaltigkeitsbewusstsein vom Beruf weg orientieren.

7 Schlussfolgerungen und Ausblick

Der Beitrag greift eine zentrale Annahme von BBNE auf, wonach es für die Befähigung zur nachhaltigen Mitgestaltung in der Arbeitswelt ein berufliches Nachhaltigkeitsbewusstseins braucht (Hemkes et al., 2022; Kuhlmeier & Vollmer, 2018). Die Ergebnisse der qualitativen Studie im Beruf Heizungsinstallateur*in zeigen, wie stark das berufliche Nachhaltigkeitsbewusstsein von Auszubildenden mit ihren Sozialisations- und Lernerfahrungen innerhalb und außerhalb der Berufsausbildung im Zusammenhang steht.

Die Ergebnisse müssen vor dem Hintergrund einer mangelnden Integration von BBNE in die Berufsbildung interpretiert werden. Studien verweisen auf Lücken in den Strukturen und Curricula (Vollmer & Kuhlmeier, 2014), in der Aus- und Weiterbildung der Berufsschullehrpersonen (Schütt-Sayed, 2020) und des betrieblichen Ausbildungspersonals (Kiepe & Schlömer, 2024) oder mangelnden betrieblichen Partizipationsmöglichkeiten für Auszubildende (Melzig & Weber, 2020). Hinzukommt ein starker Fokus in der Berufsausbildung auf die Vermittlung operationaler Kompetenzen, was eine kritische Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen beruflicher Tätigkeiten und alternativer Handlungsmöglichkeiten erschwert (Singer-Brodowski & Holst, 2022). Dabei macht die Studie deutlich, dass mangelnde Reflexionsmöglichkeiten sogar in einem Beruf zu finden sind, der einen wichtigen Beitrag für die Umsetzung des Netto-Null-Ziels leisten will. Dies hat zur Folge, dass Auszubildende kaum ein Verständnis für ihre berufliche Rolle entwickeln und Sinn in der Nachhaltigkeitsidee finden können. Die starke Ausrichtung der Berufsausbildung auf die Vermittlung deklarativen Wissens und beruflicher Fertigkeiten behindert die Entwicklung eines beruflichen Nachhaltigkeitsbewusstseins.

Zugleich verweisen die Ergebnisse auf starke Einflüsse außerberuflicher Sozialisationskontexte auf das berufliche Nachhaltigkeitsbewusstsein von Auszubildenden. Dies wirft die Frage auf, welchen Beitrag die Berufsbildung bei der Entwicklung eines Nachhaltigkeitsbewusstseins überhaupt leisten kann, insbesondere wenn gegenüber der Thematik eine Distanz oder Abwehrhaltung besteht. Deutlich wird zudem der prägende Einfluss der Berufsgemeinschaft: alle Fachkräfte, mit denen Auszubildende zusammenarbeiten, beeinflussen ihr berufliches Nachhaltigkeitsbewusstsein. Damit stützen die Ergebnisse die auch in der Berufsbildung geführte Diskussion, wonach Nachhaltigkeitsbildung nicht losgelöst von einer umfassenden nachhaltigen Transformation der betrieblichen Arbeitswelt gedacht werden kann (Ebsen & Rieland, 2026; Hantke et al., 2026).

Selbstverständlich sind weitere Studien erforderlich, da sich die Sichtweisen und Erfahrungen dieser Auszubildenden nicht zwingend mit denen aus anderen Berufen decken. Nachhaltigkeit kann sich in Berufsarbeit höchst unterschiedlich manifestieren. Zudem waren die Auszubildenden in dieser Studie hinsichtlich ihres Geschlechts und ihrer sozioökonomischen Herkunft – Variablen, die mit dem Nachhaltigkeitsbewusstsein im Zusammenhang stehen (Margreiter et al., 2024) – wenig heterogen. Das Forschungsprojekt wird deshalb in Zukunft weitere Ergebnisse aus anderen Berufen zu Tage fördern, um ein umfassenderes Verständnis für die Integration von Nachhaltigkeit in die Schweizer Berufsausbildung zu erlangen und deren Einfluss auf Auszubildende aufzuzeigen.

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[1] Im Gesamtprojekt werden fünf weitere Berufsausbildungen einbezogen.

Ausbildung als Nachhaltigkeitsfaktor: Die duale Berufsausbildung in der Unternehmensberichterstattung

1 Einleitung

Nachhaltigkeit bildet zunehmend einen zentralen Referenzrahmen für die Bewertung unternehmerischen Handelns. Eine nachhaltige Entwicklung wird dabei häufig mithilfe des sog. Drei-Säulen-Modells konzeptionell eingeordnet. Dieses Modell versteht Nachhaltigkeit als Zusammenspiel einer ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension (Auer & Möller, 2024, S. 29–36; Theis, 2018, S. 24–27 m. w. N.). Für Unternehmen folgt daraus, dass nachhaltigkeitsorientiertes Handeln nicht ausschließlich wirtschaftliche Zielsetzungen berücksichtigen darf, sondern auch ökologische Auswirkungen sowie gesellschaftliche Verantwortung einbeziehen muss (Lanfermann, 2023, S. 230).

In diesem Kontext gewinnt die Berichterstattung als Instrument zur Transparenz und Steuerung unternehmerischer Nachhaltigkeitsbestrebungen an Bedeutung. Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die Anfang 2023 in Kraft getreten ist, verfolgt die Europäische Union das Ziel, Umfang, Vergleichbarkeit und Qualität der Nachhaltigkeitsberichterstattung in Europa zu erhöhen (EU 2022/2464, Tz. 2). Unternehmen sind verpflichtet, ihr nachhaltigkeitsbezogenes Handeln strategisch zu analysieren, mit geeigneten Maßnahmen und Zielen zu unterlegen sowie deren Erreichen anhand messbarer Kennzahlen zu steuern und zu überwachen – und ihre Stakeholder entsprechend darüber zu informieren. Ein zentraler Bestandteil der neuen Berichtspflichten ist die Durchführung einer sog. doppelten Wesentlichkeitsanalyse. Im Rahmen einer solchen Analyse sind sowohl die Auswirkungen des unternehmerischen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft (Inside-out-Perspektive bzw. Impact materiality) als auch die Chancen und Risiken, die sich aufgrund ökonomischer, gesellschaftlicher und ökologischer Entwicklungen für das Unternehmen selbst ergeben (Outside-in-Perspektive bzw. Financial materiality), zu bewerten (EU 2023/2772, Berichtigung, 2024, ESRS 1, Kapitel 3).

Übertragen auf den Bereich der beruflichen Bildung bedeutet dies bspw., dass Unternehmen durch die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen zur Qualifizierung junger Menschen und zur Sicherung zukünftiger Fachkräfte beitragen. Umgekehrt kann eine unzureichende Ausbildungsaktivität langfristig das Risiko eines unternehmensindividuellen Fachkräftemangels erhöhen und damit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Unternehmen beeinträchtigen. Vor dem Hintergrund rücken auch Aspekte der Entwicklung und Sicherung von Humanressourcen, als Bestandteil der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit, stärker in den Fokus des nachhaltigen Handelns von Unternehmen und der Berichterstattung. Vor allem in Deutschland kommt der dualen Berufsausbildung eine zentrale Rolle bei der Qualifizierung von Fachkräften zu, die den Anforderungen einer zunehmend nachhaltigkeitsorientierten Wirtschaft begegnen müssen. Ein wesentlicher Schritt zur stärkeren Verankerung von Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung wurde zuletzt im Zuge der Modernisierung der Standardberufsbildpositionen vollzogen. In diesem Zusammenhang wurde die Standardberufsbildposition „Umweltschutz“ um den Aspekt der „Nachhaltigkeit“ erweitert, um Themen wie nachhaltige Entwicklung, Ressourcennutzung, Generationengerechtigkeit sowie Klima- und Umweltschutz stärker in die berufliche Bildung einzubringen (Hackel, 2023, S. 23).

Die Entwicklung einer Berufsbildung zur nachhaltigen Entwicklung (BBNE) in Deutschland wurde in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere durch die BIBB-Modellversuche geprägt, „denen eine zentrale Rolle bei der programmatischen Aufarbeitung und Umsetzung der Leitidee der Nachhaltigkeit für die duale Berufsausbildung zukam – wenngleich ihre räumliche und zeitliche Reichweite eher gering war und ist“ (Hemkes & Melzig, 2021, S. 20). Im Rahmen von Modellversuchen und Projekten zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung sind zahlreiche Theorieansätze, Konzepte und Modelle entstanden (z. B. didaktische Leitlinien, Kompetenzmodelle, Leitfäden) (Hemkes & Melzig, 2021, 20–22; Kuhlmeier et al., 2025, S. 47–48). Daher ist wenig überraschend, dass der einschlägige Stand der Forschung bis heute dynamisch und zugleich fragmentiert wirkt. Zwar fehlt es noch an systematischen Übersichtsarbeiten, die wissenschaftliche Ergebnisse in dem Feld strukturieren, doch weisen Forschungsarbeiten in jüngerer Vergangenheit eine beachtliche Vielfalt an Themen auf. Sie untersuchen z. B. die Qualifizierung des Aus- und Weiterbildungspersonals zu nachhaltigkeitsbezogenen Aspekten (Kastrup et al., 2022; Müller et al., 2021; Saas, 2025), nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen in der Berufsbildung (Kastrup et al., 2021) sowie Didaktik und Methodik zur Entwicklung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen in der Berufsausbildung (Dieball et al., 2022; Pargmann et al., 2025). Auch die Darstellung nachhaltigkeitsbezogener Informationen wird facettenreich untersucht (Juppe et al., 2026 m. w. N.; Schmid et al., 2025).

Die Verknüpfung der beruflichen Bildung mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung stellt hingegen ein bisher spärlich beleuchtetes Gebiet der Berufsbildungsforschung und -praxis dar. Ostendorf (2023, S. 9) zeigt am Beispiel dreier österreichischer Unternehmen auf, dass die Berufsausbildung insofern als Aspekt einer Corporate Social Responsibility (CSR) gesehen werden kann, dass Unternehmen freiwillig darüber berichten, gleichwohl ihr Engagement in der Berufsausbildung als CSR sowohl bzgl. des Umfangs als auch der Interpretation unterschiedlich erläutert wird. Resümiert wird, „dass das Engagement von Unternehmen für die Berufsausbildung weder in der einschlägigen wissenschaftlichen Forschung noch im CSR Reporting der Unternehmen in seiner gesellschaftlichen Bedeutung angemessen abgebildet wird“ (Ostendorf, 2023, S. 13). Entsprechend verpassen Unternehmen die Chance, ihren Einsatz für Bildung und Qualifizierung junger Menschen auch als gesellschaftlich relevant zu deuten. Außerdem wird die bildungs-, sozial- und arbeitsmarktpolitische Bedeutung der dualen Berufsausbildung in den deutschsprachigen Ländern im aktuellen Diskurs um Nachhaltigkeit weitgehend ausgeklammert. Gefordert wird eine intensivere Beleuchtung von Berufsbildungsthemen im Lichte der EU-Politik und deren Einfluss auf Berichtsstandards.

Der vorliegende Beitrag setzt an diesem Desiderat an. Er ist an der Schnittstelle zwischen Berufsbildungsforschung und Regulatorik angesiedelt und untersucht folgende drei Fragen:

  1. Inwiefern adressieren Nachhaltigkeitsberichtsstandards explizit oder implizit die duale Berufsausbildung in Unternehmen?
  2. Welche konkreten Informationen zur dualen Berufsausbildung sind in der Nachhaltigkeitsberichterstattung in welcher Form darzulegen?
  3. Welche Informationen zur dualen Berufsausbildung stellen Unternehmen im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Verfügung?

Zur Bearbeitung dieser Fragen ist der Beitrag wie folgt aufgebaut:

Zunächst wird der Begriff der dualen Berufsausbildung definiert (Abschnitt 2.1). Daraufhin wird der aktuelle regulatorische Rahmen der Berichterstattung zu nachhaltigkeitsbezogenen Themen skizziert. Hierbei werden die neuen europäischen Berichtsstandards, die European Sustainability Reporting Standard (ESRS), in den Fokus gerückt, um die Rolle der dualen Berufsausbildung darin zu analysieren (Abschnitt 2.2). Auf der Grundlage wird an die Diskussion zur Steuerung der beruflichen Bildung (in Europa) angeschlossen. Es wird erörtert, inwiefern die Anforderungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (auch) als eine Form der Steuerung der beruflichen Bildung betrachtet werden können (Abschnitt 2.3). Daraufhin wird die Methodik der eigens für diesen Beitrag durchgeführten wissenschaftlichen Dokumentenanalyse vorgestellt (Abschnitt 3). In dieser wurden öffentlich zugängliche Nachhaltigkeitsberichte deutscher Unternehmen, die nach ESRS erstellt wurden, herangezogen. Die zentralen Ergebnisse werden in Abschnitt 4 präsentiert. Abschließend wird diskutiert, welche Implikationen sich daraus für die Berufsbildungsforschung und -praxis ergeben (Abschnitt 5).

2 Konzeptioneller Rahmen der Untersuchung

2.1 Duale Berufsausbildung

In Deutschland werden berufliche Qualifikationen bzw. die Vorbereitung darauf – jenseits des Hochschulwesens – im dualen Berufsausbildungssystem, im vollzeitschulischen Schulberufssystem und im Übergangssektor vermittelt. In diesem Beitrag liegt der Fokus insbesondere auf der Berufsausbildung im dualen System und somit auf Ausbildungen nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) bzw. Handwerksordnung (HwO). Die Berufsausbildung nach BBiG/HwO im dualen System ist dadurch gekennzeichnet, dass überwiegend private Unternehmen und öffentliche Berufsschulen miteinander kooperieren, um v. a. Jugendliche bzw. junge Erwachsene auszubilden (Arnold et al., 2016, S. 108). Im dualen System wird der praktische Teil der Ausbildung in einem Betrieb absolviert und mit berufsbezogenem wie auch allgemeinbildendem Unterricht in einer Berufsschule verbunden. Die Ausbildungsdauer variiert je nach Ausbildungsberuf zwischen zwei und dreieinhalb Jahren. Die Berufsausbildungsgänge im dualen System können dabei in den Bereichen Handwerk, Industrie, Handel, Landwirtschaft, Hauswirtschaft, den freien Berufen und dem öffentlichen Dienst absolviert werden. Zwischen den Auszubildenden und den Ausbildungsbetrieben wird ein Ausbildungsvertrag geschlossen. Ausbildungsverträge kommen dabei über Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt zustande (Frommberger et al., 2024, S. 80).

Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf den betrieblichen Teil der dualen Berufsausbildung. Es wird untersucht, inwiefern Unternehmen in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung über ihr Engagement als ein Lernort(-träger) im dualen Berufsausbildungssystem berichten sollen/müssen.

2.2 Berichtsanforderungen zur dualen Berufsausbildung

Im Folgenden werden zunächst die regulatorischen Grundlagen der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Überblick dargestellt, bevor anschließend die daraus resultierenden Anforderungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten erläutert werden.

Nachhaltigkeitsbezogene Berichterstattung ist in der Unternehmenspraxis bereits seit mehreren Jahren etabliert. In Europa bzw. Deutschland wurde erstmals für Geschäftsjahre beginnend im Jahr 2017 auf der Grundlage der Non-Financial Reporting Directive (NFRD) (EU 2014/95) bzw. des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes (CSR-RUG, 2017) insbesondere für große kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden eine Pflicht zur Erstellung einer nichtfinanziellen Erklärung eingeführt. Unternehmen konnten bei der Umsetzung freiwillig auf unterschiedliche Rahmenwerke (z. B. GRI, SASB, UN Global Compact-Prinzipien etc.) zur Strukturierung ihrer Berichterstattung zurückgreifen (§ 289d HGB). Zudem haben viele Unternehmen auch bereits freiwillig Nachhaltigkeitsberichte erstellt, z. B. auf der Grundlage der Kriterien des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) oder orientiert an den globalen Sustainability Development Goals (SDGs).

Vor dem Hintergrund der zunehmenden regulatorischen Bedeutung nachhaltigkeitsbezogener Unternehmensinformationen wurde im Jahr 2022 die europäische Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verabschiedet. Sie trat Anfang 2023 in Kraft und sieht eine deutliche Ausweitung des Anwenderkreises auf alle großen Unternehmen vor. Zugleich verpflichtet die Richtlinie diese Unternehmen, ihre Nachhaltigkeitsinformationen nach einheitlichen europäischen Standards, den European Sustainability Reporting Standards (ESRS), offenzulegen. Das sog. Set 1 der ESRS wurde im Juli 2023 im Europäischen Amtsblatt veröffentlicht (EU 2023/2772, Berichtigung, 2024).

Im Rahmen der sog. Omnibus-Initiative („Omnibus I“) der Europäischen Kommission wurden im Jahr 2025 Anpassungen an der CSRD beschlossen. Diese betreffen insbesondere eine Verschiebung der vorgesehenen Erstanwendungszeitpunkte für die Berichterstattung sowie eine Einschränkung des Anwenderkreises gegenüber der ursprünglichen Fassung der Richtlinie. Demnach wurde die erste Anwendungswelle, die ursprünglich eine Berichterstattung nach CSRD/ESRS für Geschäftsjahre ab 2024 vorsah, auf Geschäftsjahre verschoben, die ab 2026 beginnen. Die zweite Welle, ursprünglich für Geschäftsjahre ab 2025 vorgesehen, gilt nun für Geschäftsjahre, die ab 2027 beginnen. Zudem werden künftig nur diejenigen großen Unternehmen berichtspflichtig, die mehr als 1.000 Beschäftigte sowie Umsatzerlöse von mehr als 450 Millionen Euro im Jahr aufweisen (EU 2025/794; EU 2026/470). Parallel dazu wird eine Überarbeitung der ESRS verfolgt, mit dem Ziel, die Komplexität der Berichterstattung und die bürokratischen Belastungen für Unternehmen zu reduzieren. Entsprechende Entwürfe wurden von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) vorgelegt und befinden sich aktuell (Stand: 28.04.2026) im Konsultations- bzw. Finalisierungsprozess (DRSC, 2025).

Aufgrund des Richtlinien-Charakters müssen die Vorgaben der CSRD zunächst in nationales Recht überführt werden, bevor sie in den jeweiligen Mitgliedsstaaten verbindlich zur Anwendung zu kommen. In Deutschland ist dies noch nicht erfolgt (Stand: 28.04.2026). Für deutsche Unternehmen gelten daher weiterhin die Berichtspflichten auf Grundlage der NFRD bzw. des CSR-RUG. Der Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen bleibt damit zunächst beschränkt und eine verpflichtende Anwendung der europäischen Berichtsstandards besteht bislang nicht. Gleichwohl zeigt sich in der unternehmerischen Praxis bereits eine teilweise Vorwegnahme der künftigen Regulierung. Zahlreiche Unternehmen, die bereits nach NFRD bzw. CSR-RUG berichtspflichtig sind, haben ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung für das Berichtsjahr 2024 freiwillig an den ESRS ausgerichtet und damit das ursprünglich vorgesehene erste Set der europäischen Berichtsstandards angewendet (DRSC & Deloitte, 2025, S. 23, 2026, S. 3).

Aus den ESRS ergeben sich auch Berichtspflichten in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten. Von besonderer Relevanz ist hierbei der Standard „ESRS S1: Arbeitskräfte des Unternehmens“, der Anforderungen zur Berichterstattung über Strategien, Maßnahmen, Ziele und Kennzahlen im Zusammenhang mit der Qualifizierung und Kompetenzentwicklung von Mitarbeitenden formuliert. Im Bereich des Managements von Auswirkungen, Risiken und Chancen können bspw. Informationen zu Konzepten zur Verbesserung von Kompetenzen und Karriereaussichten der Beschäftigten sowie zu Maßnahmen zur Schließung von Qualifikationslücken relevant sein. Darüber hinaus enthalten die ESRS quantitative Berichtspflichten, etwa Angaben zur durchschnittlichen Anzahl der Schulungsstunden pro Beschäftigten (EU 2023/2772, Berichtigung, 2024, ESRS S1, Tz. 81-85). Insgesamt sollen die offenzulegenden Informationen ein nachvollziehbares Bild der Aus- und Weiterbildungsaktivitäten eines Unternehmens vermitteln (vertiefend zu den Berichtspflichten Nguyen & Krüger, 2025, S. 4–10).

Wenngleich eine explizite Adressierung der dualen Ausbildung in den ESRS nicht erfolgt, wird der Begriff der Ausbildung an mehreren Stellen aufgegriffen. So heißt es z. B. in ESRS S1, Tz. 82, dass es „Ziel dieser Angabepflicht ist [es], ein Verständnis der Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen zu vermitteln, die den Arbeitnehmern im Rahmen einer kontinuierlichen beruflichen Weiterentwicklung angeboten wurden, um die Qualifikationen der Arbeitnehmer zu verbessern und die weitere Beschäftigungsfähigkeit zu erleichtern“. Auch im Entwurf der überarbeiteten Fassung der ESRS („simplified ESRS“) sind weiterhin Angaben zur Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitenden vorgesehen (EFRAG, 2025, ESRS S1-12).

2.3 Berichtsanforderungen zur Steuerung beruflicher Bildung

Die vorstehenden Ausführungen zeigen, dass die duale Berufsausbildung – und dabei insbesondere der betriebliche Teil der Ausbildung – grundsätzlich von den Berichtspflichten tangiert wird. Doch inwiefern handelt es sich hierbei um eine Form der Steuerung der beruflichen Bildung auf europäischer Ebene?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Berufsbildungspolitik ein komplexes Feld darstellt, das zahlreiche Schnittstellen zu anderen Politikfeldern wie Bildungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik aufweist. Dies gilt für die Berufsbildungspolitik im nationalstaatlichen Kontext und noch mehr für die europäische Berufsbildungspolitik, die durch eine Heterogenität an Mitgliedsstaaten, Akteuren und Interessen geprägt ist (Bohlinger, 2019, S. 15). Dabei wird der beruflichen Bildung bzw. der Berufsbildungspolitik eine besondere Bedeutung zugeschrieben, gilt sie in Kopplung mit dem Humanressourcen-Ansatz als ein Treiber für ökonomische und wohlfahrtsstaatliche Entwicklung in den EU-Mitgliedsstaaten (Münk, 1997, S. 95, 2010, S. 349). Zwar verfügt die EU im Bereich der (Berufs-)Bildungspolitik aufgrund des Harmonisierungsverbots und des Subsidiaritätsprinzips nur über begrenzte verbindliche Steuerungsmittel, doch grundsätzlich können in dem Zusammenhang fünf Rechtsformen der EU differenziert werden, die hinsichtlich ihrer Reichweite variieren und die berufliche Bildung in unterschiedlichem Ausmaß tangieren, nämlich Verordnungen, Richtlinien, Entscheidungen, Empfehlungen sowie Stellungnahmen (Bohlinger, 2013, S. 10–16). Bei der CSRD handelt es sich um eine Richtlinie, die in jedem Mitgliedsstaat in nationales Recht umgesetzt werden muss. Anhand der oberen Ausführungen wird ersichtlich, dass die CSRD bzw. ESRS insofern Bezüge zur beruflichen Bildung aufweist, dass sie angibt, wie Unternehmen über berufliche Aus- und Weiterbildungsaktivitäten berichten sollen. Allerdings liegt ihr Fokus „nur“ auf der Berichterstattung per se. Sie gibt nicht vor, dass oder in welchem Umfang Unternehmen überhaupt ausbilden sollen. Folglich kann nicht davon ausgegangen werden, dass hier eine direkte Form der Steuerung beruflicher Bildung vorliegt. Vielmehr könnte es sich hierbei eher um ein paradigmatisches Beispiel handeln, bei dem die Berufsbildung „nur als Erfüllungsgehilfin für übergeordnete Politikziele“ (Bohlinger, 2022, S. 151) dient, und zwar konkret der Erreichung der europäischen Nachhaltigkeitsziele. Nichtsdestotrotz kann nicht ausgeschlossen werden, dass durch die Berichterstattungspflichten zumindest indirekt Steuerungswirkungen entfaltet werden. Hierfür werden im Folgenden einige Argumente dargelegt, die keineswegs abschließend oder vollständig sind:

Erstens können die Berichtsanforderungen dazu führen, dass Unternehmen im Rahmen der Entwicklung ihrer Berichte motiviert werden, ihr eigenes Engagement in der dualen Berufsausbildung zu reflektieren. In der Folge könnten sie ihre betrieblichen Ausbildungsstrukturen und -prozesse überarbeiten, sich entscheiden, ihr Engagement beizubehalten, zu verstärken oder zu reduzieren. In diesen Fällen hätten die Berichtsanforderungen indirekt Steuerungsimpulse gesetzt.

Zweitens können Berichtsanforderungen insofern zu einer Standardisierung führen, als dass durch sie definiert wird, was als „gute Ausbildung“ gilt. Dies geschieht dadurch, dass in den Berichtsstandards festgelegt wird, welche Aspekte von Ausbildung relevant sind, welche Kennzahlen berichtet werden sollen und welche Narrative dem zugrunde liegen (z. B. Ausbildung zur Transformationsbewältigung, Ausbildung zur Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit, Ausbildung als Element des lebenslangen Lernens). Folglich kann es zu einer Normierung der beruflichen Bildung bzw. zu einer Steuerung durch Relevanzsetzung kommen.

Drittens können durch die Berichtsanforderungen ökonomische und reputative Anreize für Unternehmen entstehen, in Ausbildung zu investieren und darüber zu berichten. Denn Unternehmen, die nicht ausbilden, könnten schlechtere ESG-Ratings, geringere Attraktivität für Investoren auf dem Finanzmarkt und potenzielle Bewerbende auf dem Arbeitsmarkt sowie womöglich Reputationsverluste riskieren. Folgt man diesem Argument, wird die berufliche Bildung zu einer strategischen Nachhaltigkeitsfrage.

Vor diesem Hintergrund wurde für diesen Beitrag eine Studie durchgeführt, um explorativ zu untersuchen, inwiefern Unternehmen in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung über ihr Ausbildungsengagement berichten.

3 Methodik und Begründung des Analysegegenstands

Im Rahmen des vorliegenden Beitrags wurde eine wissenschaftliche Dokumentenanalyse durchgeführt, um die o. g. Forschungsfragen zu untersuchen. Bei der wissenschaftlichen Dokumentenanalyse handelt es sich um ein eigenständiges Forschungsdesign zur zielgerichteten, systematischen und regelgeleiteten Sammlung, Aufbereitung und Auswertung von Dokumenten, die unabhängig vom Forschungsprozess produziert worden sind (Döring, 2023, S. 529). Aufgrund der Tatsache, dass der Forschungsstand zur Thematik dieser Studie nur rudimentär ausgeprägt ist, wird die Dokumentenanalyse als geeigneter Forschungszugang eingeschätzt, um explorativ vorzugehen und erste Ergebnisse zu generieren, die den Stand der Forschung für weitere Untersuchungen fundieren.

Im Rahmen der Dokumentenanalyse wurden die öffentlich zugänglichen Berichtsdokumente der DAX40-Unternehmen herangezogen, die über die jeweiligen Internetseiten abrufbar waren. Hierbei wurde auf die Berichterstattung zum Geschäftsjahr mit Beginn in 2024 fokussiert. In die Untersuchung einbezogen wurden Unternehmen, die ihren Geschäftssitz in Deutschland und die ESRS vollvollumfänglich angewendet haben oder in Anlehnung bzw. Orientierung an die Standards berichten. Die Auswahl des Untersuchungsgegenstands erfolgte insbesondere aufgrund der für kapitalmarktorientierte Unternehmen bereits seit 2017 bestehenden Berichtspflicht sowie der Verfügbarkeit von Berichten mit entsprechender Abbildung verschiedener Wirtschaftszweige bzw. Branchen. Grundsätzlich erfolgte also eine Vollerhebung aller DAX40-Unternehmen. Zwei der Unternehmen, Airbus SE und Qiagen N.V., wurden aufgrund ihres Geschäftssitzes außerhalb Deutschlands aus der Untersuchung ausgeschlossen. Entsprechend umfasst der Umfang der Stichprobe n = 38 Unternehmen.

Die Auswertung der Daten erfolgte mittels des Verfahrens der zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2022, S. 66). Im ersten Schritt wurden die Dokumente anhand von Begriffen wie „Bildung“, „Berufsausbildung“, „Ausbildung“, „Auszubildende“ sowie „Aus- und Weiterbildung“ durchsucht. Die aufgezeigten Fundstellen wurden einschließlich ihres Gesamtkontextes gesichtet und für die weitere Analyse extrahiert. Im zweiten Schritt wurden zusätzlich die Kapitel zu jenen Berichtspunkten untersucht, denen betriebliche Bildungsaktivitäten in der Regel zugeordnet sind. In diesem Auswertungsprozess wurden einerseits Kategorien auf Basis der Forschungsfragen und des theoretisch-konzeptionellen Rahmens deduktiv entwickelt. Andererseits wurden Kategorien induktiv aus dem Material heraus entwickelt, um Aspekte aufzugreifen, die bisher nicht berücksichtigt wurden, aber dennoch Erkenntnisse zur Bearbeitung der Forschungsfragen beitragen. Die Kategorien wurden im Laufe des Codierprozesses fortwährend inhaltlich geschärft und deutlicher voneinander abgegrenzt. In der finalen Fassung beinhaltete das Kategorienraster insgesamt zehn Hauptkategorien. Auf dieser Grundlage wurden sowohl qualitative wie auch quantitative Analysen vorgenommen (Mayring, 2022, S. 88).

4 Ergebnisse

Im Folgenden werden die zentralen Ergebnisse vorgestellt. Der Aufbau des Kapitels orientiert sich dabei an der Struktur des Kategorienrasters, welches der Datenanalyse zugrunde liegt.

Geschäftsjahre

Die analysierten Berichte beziehen sich überwiegend auf das Geschäftsjahr vom 01.01.2024 bis 31.12.2024. Eine Ausnahme bilden die Unternehmen Infineon Technologies, Siemens, Siemens Energy und Siemens Healthineers, deren Geschäftsjahr vom Kalenderjahr abweicht. Die vorliegenden Nachhaltigkeitsberichte dieser Unternehmen erfassen jeweils den Zeitraum vom 01.10.2024 bis 30.09.2025 (Infineon Technologies AG, 2025; Siemens AG, 2025; Siemens Energy AG, 2025; Siemens Healthineers AG, 2025).

ESRS-Anwendung

Bei 31 der 38 Unternehmen stellen die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) im analysierten Geschäftsjahr das ausschließlich verwendete Rahmenwerk für die Erstellung der Nachhaltigkeitserklärungen bzw. -berichte dar. Die entsprechende Einordnung erfolgte auf Grundlage spezifischer Formulierungen in den Berichten, die auf eine ausschließliche Anwendung der ESRS als Berichtsrahmenwerk ohne Bezugnahme auf weitere Berichtsstandards hinweisen. Hierzu zählen insbesondere Aussagen wie „vollständig“ (z. B. BASF SE, 2025, S. 6), „unter vollständiger Beachtung“ (Fresenius Medical Care AG, 2025, S. 50), „in Übereinstimmung“ (Bayer AG, 2025, S. 27) oder „vollumfänglich“ (Volkswagen AG, 2025, S. 17). Darüber hinaus wurden Formulierungen berücksichtigt, die eine Anwendung der ESRS als maßgebliches Berichtsrahmenwerk explizit benennen, etwa „folgen der Struktur“ (Allianz SE, 2025, S. 55), „gemäß den Anforderungen der ESRS“ (Deutsche Börse AG, 2025, S. 78), „wandte die (… ESRS) als Berichtsrahmenwerk an“ (Deutsche Bank AG, 2025, S. 219), „ESRS als Rahmenwerk zugrunde gelegt“ (z. B. Deutsche Post AG, 2025, S. 58) und „erfüllt gleichzeitig die Anforderungen (…) der ESRS“ (Mercedes-Benz Group AG, 2025, S. 112).

Sieben der 38 Unternehmen geben an, die ESRS nur teilweise anzuwenden oder ihre Berichterstattung lediglich an den ESRS auszurichten. Entsprechende Hinweise finden sich etwa in Aussagen wie:

„Die Berichterstattung erfolgt in teilweiser Übereinstimmung mit den ESRS, wobei etwaige Abweichungen im Text hervorgehoben werden“ (Hannover Rück SE, 2025, S. 28).

Innerhalb dieser Gruppe zeigen sich unterschiedliche Umsetzungsformen. Einige Unternehmen kombinieren eine ESRS-orientierte Berichterstattung mit weiteren Rahmenwerken. So weist etwa Porsche darauf hin, dass die Berichtsinhalte in Anlehnung an die Anforderungen der CSRD und der ESRS erstellt und zusätzlich an den GRI-Standards, den Empfehlungen der TCFD sowie dem Automobilsektor-Standard des SASB ausgerichtet wurden (Porsche AG, 2025, S. 170). Andere Unternehmen orientieren sich zwar inhaltlich an einzelnen ESRS-Anforderungen, strukturieren ihre Berichterstattung jedoch nicht entlang eines formalen Rahmenwerks. So berichtet bspw. Heidelberg Materials:

„Die Bestimmung der wesentlichen Themen wurde für das Geschäftsjahr 2024 nach den Prinzipien der doppelten Wesentlichkeit in Übereinstimmung mit den Anforderungen der europäischen Nachhaltigkeitsberichtsstandards (…) durchgeführt. Da wir uns derzeit auf die vollständige Umsetzung der Anforderungen der ESRS vorbereiten, berichten wir über die sich aus der doppelten Wesentlichkeitsanalyse ergebenden Nachhaltigkeitsthemen ohne Verwendung eines Rahmenwerks. Wir haben die nichtfinanzielle Erklärung jedoch in Anlehnung an die ESRS erstellt“ (Heidelberg Materials AG, 2025, S. 89).

Angaben zu Weiterbildung und Kompetenzentwicklung im Rahmen von ESRS S1

Im Hinblick auf Angaben zu Weiterbildung und Kompetenzentwicklung zeigt sich ein heterogenes Bild. Von den 38 untersuchten Unternehmen berichten 18 qualitativ und ergänzen quantitative Kennzahlen zur Weiterbildung und Kompetenzentwicklung ihrer Beschäftigten, insbesondere zur durchschnittlichen Anzahl von Schulungsstunden pro Beschäftigtem, teilweise zusätzlich aufgeschlüsselt nach Geschlecht oder Mitarbeitendenkategorien:

„Im Jahr 2024 hat jeder Mitarbeitende durchschnittlich 21,3 Schulungsstunden absolviert. Die Schulungsstunden beinhalten Pflichtschulungen und Regelqualifizierungen sowie selbstbestimmtes und interessenbasiertes Lernen“ (Commerzbank AG, 2025, S. 133).

Bei weiteren 14 Unternehmen beschränkt sich die Berichterstattung überwiegend auf qualitative Beschreibungen von Weiterbildungsmaßnahmen oder Lernformaten, ohne die im Standard vorgesehenen quantitativen Indikatoren zu Schulungsstunden je Mitarbeitenden oder Teilnahmequoten auszuweisen. Dabei wird teilweise explizit darauf hingewiesen, dass Aus- und Weiterbildung im Rahmen der doppelten Wesentlichkeitsanalyse als relevantes Thema identifiziert wurde (z. B. Adidas AG, 2025, S. 186; Bayer AG, 2025, S. 114).

Sechs Unternehmen veröffentlichen keine konkreten Angaben zum ESRS-Berichtspunkt. Mehrfach wird ausdrücklich auf Übergangsregelungen für bestimmte Angabepflichten im ersten Jahr der ESRS-Berichterstattung verwiesen. Hannover Rück formuliert bspw. wie folgt:

„Für die wesentlichen Kennzahlen S1-11, S1-12, S1-13 sowie S1-15 wird im ersten Jahr der Berichterstattung die Möglichkeit zur Auslassung wahrgenommen“ (Hannover Rück SE, 2025, S. 81).

Insgesamt deutet dieses Ergebnis darauf hin, dass das Thema Aus- und Weiterbildung sowie Kompetenzentwicklung – trotz der Unterschiede in der Darstellung in den Geschäftsberichten – für den überwiegenden Teil der untersuchten Unternehmen von entsprechender Bedeutung ist.

Berichterstattung über (Erst-)Ausbildungsaktivitäten

Von den 38 analysierten Berichten wird die duale Berufsausbildung in 25 Berichten thematisiert. Informationen dahingehend, in welchen Berufen im Unternehmen ausgebildet wird, lassen sich allerdings nur in sechs Berichten finden. In dem Kontext variieren die Angaben hinsichtlich ihres Abstraktionsgrades. Während in einigen Berichten eher allgemeine Angaben wie „kaufmännische Berufe“, „gewerblich-technische Berufe“ oder „Berufe im IT-Bereich“ getroffen werden, werden in anderen Berichten hingegen konkrete Angaben vorgenommen, wie folgendes Beispiel verdeutlicht:

„Beiersdorf bietet umfassende Ausbildungsprogramme zur Sicherung hochqualifizierter Fachkräfte im technischen und kaufmännischen Bereich an. Am Standort Hamburg werden Ausbildungen in technischen Berufen wie Industriekauffrau/-mann, Kauffrau/-mann für Digitalisierungsmanagement, Fachinformatiker*in, Chemielaborant*in, Chemikant*in, Mechatroniker*in angeboten“ (Beiersdorf AG, 2025, S. 140).

In 17 Berichten werden Informationen zur Anzahl der Auszubildenden im Unternehmen und/oder zur Ausbildungsquote dargelegt. Auffällig ist hierbei, dass Auszubildende häufig nicht exklusiv, sondern gemeinsam mit anderen Gruppen wie den dual Studierenden, Werkstudierenden, Trainees, Praktikant:innen etc. erfasst werden, wie folgende Passagen demonstrieren:

„Zum 31. Dezember 2024 beschäftigte die BMW AG 87.823 Mitarbeiter, zusätzlich dazu waren 5.942 Auszubildende, Praktikanten und Diplomanden beschäftigt (31. Dezember 2023 85.168 Mitarbeiter, zusätzlich 5.733 Auszubildende, Praktikanten und Diplomanden)“ (BMW AG, 2025, S. 87).

„Zusätzlich beschäftigte Scout24 zum Stichtag 31. Dezember 2024 85 in Ausbildung befindliche Mitarbeitende (Auszubildende, duale Student:innen, Praktikant:innen und Werkstudent:innen)“ (Scout24 SE, 2025, S. 99).

Insgesamt wurde in nur vier von 38 Berichten thematisiert, ob bzw. wie viele Auszubildende in bestimmten Zeiträumen nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen wurden. Ein Beispiel für eine vollständige Angabe (Jahr, Anzahl der abgeschlossenen Ausbildungen, Übernahmequote) sieht wie folgt aus:

„Von den 583 Auszubildenden, die im Jahr 2024 ihre Ausbildung abgeschlossen haben, wurden 537 in ein festes oder befristetes Arbeitsverhältnis übernommen. Das ist eine sehr hohe Übernahmequote von 92 Prozent (2023: 538 von 587; 92 Prozent). Mit einer stetig hohen Übernahmequote von Auszubildenden begegnen wir aktiv dem Fachkräftemangel“ (Symrise AG, 2025, S. 65).

In anderen Berichten kommt es teilweise auch hier zur Vermischung von Auszubildenden und dual Studierenden oder es bleibt unklar, wie viele Auszubildende im betreffenden Jahr ihre Ausbildung erfolgreich beendet haben.

Berichterstattung über Gründe für die Ausbildung

Aus elf von 38 Berichten konnte herausgearbeitet werden, aus welchen Gründen die Unternehmen sich in der beruflichen Ausbildung engagieren. In allen elf Berichten wird die Ausbildung als ein Element zur Deckung des eigenen Fachkräftebedarfs aufgeführt. Daneben wird in zwei Berichten angegeben, dass die Ausbildung als ein Ausdruck der Übernahme von sozialer Verantwortung in der Gesellschaft erachtet wird, wie folgende zwei Zitate veranschaulichen:

„Zum einen rekrutiert Symrise qualifizierte junge Menschen, die das Unternehmen zielgerichtet vor dem Hintergrund seiner Unternehmensbedarfe ausbildet. Zum anderen erfüllt Symrise mit diesem Engagement einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag gegenüber der nachfolgenden Generation“ (Symrise AG, 2025, S. 56–57).

„Die Ausbildung junger Menschen sehen wir als inhärente Verantwortung an. Wir können uns so nicht nur gegen den Fachkräftemangel stemmen, sondern auch unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen“ (Rheinmetall AG, 2025, S. 17).

Weitere Gründe sind, dass die Ausbildung junger Menschen zu den Grundüberzeugungen des Unternehmens zählt (BMW AG, 2025, S. 169) oder dass Auszubildende zur Diversität der Belegschaft beitragen (Deutsche Bank AG, 2025, S. 340).

Weitere Angaben zur Ausbildung

In den Dokumenten wurden weitere Aspekte thematisiert, welche die berufliche Ausbildung tangieren. In drei Berichten wird das Engagement in der Ausbildung von Menschen mit Behinderungen hervorgehoben. In zwei Berichten wird dargelegt, dass es innerhalb des Unternehmens explizit eine Interessenvertretung für Jugendliche bzw. Auszubildende gibt. In vier Berichten werden eigene Bestrebungen zur Internationalisierung der Berufsbildung angesprochen, indem vorgestellt wird, welche Ausbildungsprogramme an außerdeutschen Standorten umgesetzt werden, um Fachkräfte auszubilden, wie folgende Zitate verdeutlichen:

„An verschiedenen Standorten setzen wir auf das Modell der dualen Ausbildung. Mit dem North American Apprenticeship Development Program (NAADP) bieten wir zum Beispiel an US-Produktionsstandorten ein bis zu dreijähriges duales Ausbildungsprogramm an" (BASF SE, 2025, S. 284).

„Im Programm „Porsche Aftersales Vocational Education” (PAVE) bildet der Porsche AG Konzern seit über 15 Jahren qualifizierte Mitarbeitende in technischen Berufen aus. Die Teilnehmenden durchlaufen Ausbildungsprogramme nach europäischem Standard an internationalen Standorten. Anschließend haben sie die Möglichkeit, in den weltweiten Handelsorganisationen des Porsche AG Konzerns und weiterer Marken des Volkswagen Konzerns zum Einsatz zu kommen“ (Porsche AG, 2025, S. 307).

Daneben lassen sich in den Berichten vereinzelt weitere Angaben finden, die mitunter das Engagement des Unternehmens in der Berufsorientierung, die Rahmenbedingungen der Ausbildung sowie den Aufbau von internen Aus- und Weiterbildungsakademien betreffen.

5 Fazit und Diskussion

Im Folgenden werden die zentralen Befunde resümiert und eingeordnet. Abschließend werden die Limitationen der Studie markiert und Ansätze für weitere Studien dargelegt.

5.1 Resümee

Auf Grundlage der Ergebnisse der wissenschaftlichen Dokumentenanalyse kann festgehalten werden, dass in den untersuchten DAX40-Unternehmen in einem überschaubaren Umfang über das Engagement in der dualen Berufsausbildung berichtet wird. Zwar wird die Berufsausbildung in 25 von 38 Berichten thematisiert, doch genauere Angaben hinsichtlich der Ausbildungsberufe, Anzahl der Auszubildenden sowie Übernahmequote werden seltener getroffen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Anforderungen an die Berichterstattung nicht dezidiert danach verlangen, dass über die Ausbildung von in der Regel Jugendlichen und jungen Erwachsenen berichtet werden muss. Dies hängt wiederum damit zusammen, dass die Berichtspflichten auf einem solchen Abstraktionsniveau formuliert sein müssen, dass sie für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union anwendbar sind. Demzufolge können nationalstaatliche Besonderheiten nicht im Detail berücksichtigt werden. Als eine solche Besonderheit könnte das duale Berufsausbildungsmodell erachtet werden, mit dem Deutschland sich von den Systemen anderer europäischer und außereuropäischer Länder unterscheidet (Arnold et al., 2016, S. 110). Somit bleibt es an dieser Stelle fraglich, inwiefern das Engagement von Unternehmen in der Berufsausbildung in den Nachhaltigkeitsberichten angemessen abgebildet wird (Ostendorf, 2023, S. 13). Allerdings haben Unternehmen die Möglichkeit, über die geforderten Berichtspflichten hinauszugehen. Es liegt also an ihnen selbst, ihren Einsatz für Bildung und Qualifizierung von jungen Menschen hervorzuheben und als gesellschaftlich relevant zu deuten. Diese Möglichkeit wird von den Unternehmen bislang in unterschiedlicher Ausprägung genutzt, wie die Ergebnisse zeigen.

Die vorliegenden Ausführungen deuten aber auch darauf hin, dass von den formulierten Berichtsanforderungen potenziell indirekte Steuerungswirkungen auf die Gestaltung und Durchführung der Berufsausbildung ausgehen können. In welchem Ausmaß und mit welchen konkreten Intentionen solche Steuerungsimpulse verbunden sind, lässt sich auf Grundlage der vorliegenden Analyse jedoch nicht eindeutig bestimmen. Gleichwohl verweist dieser Befund auf die Relevanz des Themas für die Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Entsprechende Entwicklungen und ihre möglichen Auswirkungen auf Strukturen und Prozesse der beruflichen Bildung sollten daher weiterhin aufmerksam beobachtet und wissenschaftlich reflektiert werden.

5.2 Limitationen und Ausblick

In der Studie wurden die Berichte der DAX40-Unternehmen eines Berichtsjahres analysiert. Demnach wurden ausschließlich große Unternehmen in den Blick genommen, die bereits über Erfahrung in der Nachhaltigkeitsberichterstattung verfügen. Ausgeklammert bleiben hierdurch Kleinst- und Kleinunternehmen sowie mittelgroße Unternehmen (KMU), welche zusammen nicht nur den Großteil der deutschen Unternehmenslandschaft konstituieren (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2025), sondern auch maßgeblich als Ausbildungsbetriebe fungieren (Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend [BMBFSFJ], 2025, S. 39).

Eine Einschränkung der vorliegenden Untersuchung besteht darin, dass sich die Analyse auf berichtspflichtige Unternehmen im Kontext der aktuellen regulatorischen Vorgaben konzentriert. Durch die jüngsten Änderungen an der CSRD wurde der Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen wieder deutlich reduziert. Während die in dieser Studie betrachteten Unternehmen weiterhin berichtspflichtig bleiben, trifft dies auf einen großen Teil der Unternehmen in Deutschland – insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen –nicht zu.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, zukünftige Untersuchungen stärker auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung kleiner und mittelständischer Unternehmen zu richten. Hierfür könnten insbesondere die Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs -VSME (EFRAG, 2024) einen geeigneten analytischen Bezugspunkt darstellen. Im Vergleich zu den ESRS zeichnen sich diese Standards durch eine reduzierte Zahl von Offenlegungspunkten sowie einen insgesamt geringeren Standardisierungsgrad aus. Diese geringere Regulierungsdichte könnte Unternehmen potenziell größere Interpretationsspielräume eröffnen und damit auch stärker kontextspezifische Darstellungen – etwa im Hinblick auf nationale Besonderheiten wie die duale Berufsausbildung – begünstigen.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass sich die vorliegende Analyse auf Konzernabschlüsse deutscher Mutterunternehmen stützt. In multinationalen Konzernstrukturen kann dies dazu führen, dass Themen mit primär nationaler Relevanz, wie etwa die duale Berufsausbildung, in der Berichterstattung eine geringere Rolle spielen, da Nachhaltigkeitsberichte häufig auf global relevante Aspekte der Unternehmensaktivitäten ausgerichtet sind. Weiterführende Forschung könnte daher prüfen, inwiefern alternative Berichtseinheiten oder stärker national ausgerichtete Berichtsformate zu einer differenzierteren Darstellung berufsbildungsbezogener Themen beitragen.

Durch die Analyse der DAX40-Berichte sind verschiedene Branchen innerhalb der Stichprobe vertreten. Für eine tieferschärfere Analyse könnte es sich anbieten, in einem nächsten Schritt entweder Berichte von Unternehmen einer bestimmten Branche oder Berichte mehrerer ausgewählter Branchen komparativ zu analysieren. Durch einen solchen Zugang könnte die Frage erörtert werden, inwieweit branchenvergleichend Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Berichterstattung zur Ausbildung identifizierbar sind, und wenn ja, wie diese sich erklären lassen.

Für die vorliegende Untersuchung wurde die Entscheidung getroffen, eine wissenschaftliche Dokumentenanalyse durchzuführen. Ein Vorteil dieses methodischen Zugangs ist die Möglichkeit, die öffentlich zugänglichen Berichte der DAX40-Unternehmen zu analysieren, die den derzeitigen Stand der Entwicklung widerspiegeln dürften. Ein Nachteil besteht jedoch darin, dass die Forschenden keinen Einblick in die Entstehungsprozesse dieser Dokumente haben. So kann nicht nachvollzogen werden, welche Aushandlungsprozesse innerhalb der Organisationen stattgefunden haben, um darüber zu entscheiden, ob und wie über die Berufsausbildung berichtet werden soll. Aus theoretischer Perspektive könnte der neoinstitutionalistische Ansatz von DiMaggio und Powell (1983, S. 150) geeignet sein, um zu erörtern, inwiefern durch die im Abschnitt 2.2 vorgestellten Berichtsanforderungen Angleichungsprozesse zwischen Organisationen ausgelöst werden und welche Mechanismen der Strukturangleichung zum Tragen kommen (z. B. durch Zwang, Imitation oder normativen Druck). Aus methodischer Perspektive könnten qualitative Interviews mit Personen, die federführend für die Berichterstellung zuständig sind, fruchtbar sein, um ebendiese Prozesse zu rekonstruieren.

Anhand dieser Implikationen zeigt sich, dass es für die berufs- und wirtschaftspädagogische Forschung noch viele Desiderata gibt, an denen sie mit ihren respektiven Forschungsinteressen und Zugängen ansetzen kann, um die weitere Entwicklung in diesem Feld kontinuierlich wissenschaftlich zu begleiten und zu reflektieren.

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Zwischen Marktlogik und Großer Transformation: Zur Notwendigkeit einer kritisch-transformativen Didaktik in der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung

1 Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung im Spannungsfeld von Marktlogik und Großer Transformation

Der Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung hat sich im deutschsprachigen Raum seit den späten 1990er-Jahren schrittweise entwickelt. Zu den frühen Impulsen zählen insbesondere Arbeiten von Andreas Fischer, der bereits Ende der 1990er-Jahre im Anschluss an berufliche Umweltbildung grundlegende Überlegungen zur Integration des Nachhaltigkeitsgedankens in die berufliche Bildung formulierte (Fischer, 1998). In den frühen 2000er-Jahren wurde diese Diskussion zunehmend durch bildungspolitische Initiativen und Forschungsprogramme aufgegriffen, etwa durch Machbarkeitsstudien und erste Konzeptentwicklungen zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (Mertineit et al., 2001; Mertineit & Exner, 2003).

Seit den 2010er-Jahren entwickelte sich durch nationale Förderprogramme des Bundes insbesondere im Umfeld des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) ein stärker praxis- und modellversuchsorientierter Diskurs, in dem Fragen der Kompetenzentwicklung, der curricularen Integration sowie der Gestaltung nachhaltigkeitsbezogener beruflicher Handlungssituationen im Mittelpunkt standen (Kuhlmeier et al., 2014; Kuhlmeier & Vollmer, 2018; Hemkes & Melzig, 2021; Melzig et al. 2021). Diese Arbeiten haben wesentlich zur institutionellen Etablierung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung beigetragen und wertvolle Impulse für die Entwicklung praxisnaher Bildungsangebote geliefert.

Parallel dazu entstand eine Reihe stärker theoretisch bzw. metatheoretisch ausgerichteter Beiträge, die sich mit der Begründung und konzeptionellen Verortung von Nachhaltigkeit innerhalb der Berufsbildung auseinandersetzen. Beispielhaft lassen sich hier Arbeiten von Franz Kaiser, Peter Euler sowie Thilo Ketschau und Christian Steib nennen. So knüpft Kaiser (2024, 2023) an Positionen einer kritischen Berufsbildungstheorie an und thematisiert insbesondere gesellschaftliche Machtverhältnisse sowie politische Zielkonflikte nachhaltiger Entwicklung. Euler (2022, 2014) beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Frage, welche Rolle (berufliche) Bildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung und gesellschaftlicher Transformationsprozesse einnimmt und wie Nachhaltigkeit konzeptionell im System der Berufsbildung verankert werden kann. Ketschau & Steib (2023) beschreiben den BBNE-Diskurs als einen überwiegend funktional ausgerichteten Diskurs und plädieren dafür, das Verhältnis von Bildung und Nachhaltigkeit stärker auch normativ zu bestimmen.

Damit leisten diese Arbeiten einen wichtigen Beitrag zur normativen und theoretischen Fundierung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung und verweisen zugleich darauf, dass die mit Nachhaltigkeit verbundenen gesellschaftlichen Konflikte und Transformationsanforderungen auch innerhalb konkreter Bildungsprozesse aufgegriffen und pädagogisch bearbeitet werden müssen.

Die Frage, wie Nachhaltigkeit in konkreten Lern- und Bildungsprozessen der beruflichen Bildung thematisiert und bearbeitet werden kann, wird im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung jedoch vor allem im Kontext praxisorientierter Forschungs- und Entwicklungsprogramme behandelt. Über diese zumeist fachdidaktisch geprägten Konzepte hinaus, die aus den zahlreichen Förderprogrammen des BIBB entstanden sind, existieren bislang vergleichsweise wenige Beiträge, die grundlegende didaktische Probleme einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung explizit kritisch-transformativ und gesellschaftstheoretisch reflektieren.

Dabei wurde in der berufs- und wirtschaftspädagogischen Diskussion schon früh darauf hingewiesen, dass das Leitbild nachhaltiger Entwicklung nur begrenzt mit arbeitsprozessorientierten und betriebsspezifischen Bildungsprozessen kompatibel ist und zudem stärker auf gesellschaftlicher Partizipation und demokratische Aushandlungsprozesse abzielt (Trampe, 2001, S. 106–107). Diese bereits vor 25 Jahren formulierte Diagnose hat jedoch offensichtlich nichts von ihrer Aktualität verloren, so dass sich umso dringlicher die Frage nach einer didaktischen Ausgestaltung stellt.

Vielmehr verdichten sich im aktuellen BBNE-Diskurs zunehmend Hinweise darauf, dass nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse Gefahr laufen, innerhalb bestehender institutioneller und ökonomischer Logiken funktional verkürzt zu werden. So kritisiert bspw. Stomporowski (2011) dass Nachhaltigkeitsdimensionen häufig selbst zum Ausgangspunkt pädagogischer Operationalisierung gemacht werden, wodurch komplexe gesellschaftliche Problemlagen didaktisch verkürzt und auf bearbeitbare Kompetenzanforderungen reduziert werden können.

Seit einigen Jahren entwickelten sich vor diesem Hintergrund verstärkt kritisch-emanzipatorische und transformative Perspektiven, in denen die strukturellen Spannungen zwischen gesellschaftlichen Transformationsansprüchen und institutionellen Logiken beruflicher Bildung explizit thematisiert werden (Hantsch & Diettrich, 2025, Trampe 2020, Hantke 2018). So rekonstruieren Hantsch und Diettrich (2025) die BBNE-Modellversuchsforschung als „Spannungsfeld zwischen transformativen Ansprüchen und institutioneller Anschlussfähigkeit“ (S. 9). Damit verweisen sie zugleich auf die Gefahr, dass nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse innerhalb bestehender institutioneller und ökonomischer Logiken funktional integriert werden (vgl. Hantsch & Diettrich. 2025, S. 8).

Auch Trampe (2020) weist darauf hin, dass viele dieser Ansätze implizit einem Verständnis schwacher Nachhaltigkeit folgen und Nachhaltigkeit primär als Frage effizienterer Produktions- und Arbeitsprozesse interpretieren. Charakteristisch sei dabei insbesondere die Orientierung an ökonomisch verwertbaren Qualifikationen sowie an bestehenden Wachstums-, Fortschritts- und Verwertungslogiken, die im Kontext nachhaltiger Entwicklung weitgehend unhinterfragt blieben (Trampe, 2020, S. 113).

Mit dem Konzept der „Resonanzräume des Subpolitischen“ entwickelte Hantke (2018) bereits eine kritisch-emanzipatorische wirtschaftsdidaktische Perspektive auf Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Diagnose, dass die (wirtschafts-)berufliche Bildung stark durch bestehende Arbeits- und Geschäftsprozesse geprägt ist (Hantke, 2018, S. 7). Um einer inhaltlichen Ökonomisierung beruflicher Bildung vorzubeugen, plädiert Hantke für „lebenswelt-transzendente Lernaufgaben“, die Lernenden eine reflexive Auseinandersetzung mit nachhaltiger Entwicklung im Kontext ihrer beruflichen Lebenswelten ermöglichen sollen (Hantke, 2018, S. 14).

Der vorliegende Beitrag führt diese Überlegungen im Horizont gesellschaftstheoretischer Diagnosen spätmoderner Nicht-Nachhaltigkeit sowie transformativ-bildungstheoretischer Perspektiven weiter. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Frage nach den strukturellen Ursachen nicht-nachhaltiger Lebensformen sowie die Entwicklung eines didaktischen Bezugsrahmens, der berufliche Bildung als Raum gesellschaftlicher Reflexion, demokratischer Aushandlung und sozial-ökologischer Transformation versteht.

Dazu werden zunächst zentrale gesellschaftstheoretische Zeitdiagnosen spätmoderner Gesellschaften aufgegriffen, um die Nachhaltigkeitsproblematik als Ausdruck struktureller Krisendynamiken zu rekonstruieren. Anschließend werden grundlegende Nachhaltigkeits- und Transformationsverständnisse diskutiert, denn die Frage, wie nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse didaktisch gestaltet werden sollen, hängt wesentlich davon ab, welche normativen Annahmen ihnen zugrunde liegen. Schließlich werden aus einer dialektischen Auseinandersetzung mit der im BBNE-Diskurs dominierenden modellversuchsorientierten Forschungs- und Entwicklungsarbeit sowie unter Einbezug bestehender kritisch-emanzipatorischer und transformativ orientierter Ansätze zentrale didaktische Orientierungspunkte einer kritisch-transformativen Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung herausgearbeitet.

2 Nicht-Nachhaltigkeit als existenzielle Krise der Spätmoderne

In spätmodernen Gesellschaften galt die Orientierung an einer durch technologische Innovationen und neue Märkte geprägten Zukunft lange Zeit als selbstverständlich und wurde selten grundsätzlich infrage gestellt. Diese alle Industrieländer verbindende Ideologie gerät angesichts der existenziellen Krise der Gegenwart – der Nachhaltigkeitskrise – zunehmend ins Wanken. So diagnostizieren soziologische Analysen der Spätmoderne eine wachsende Erwartungshaltung, dass Zukunftsprognosen nicht mehr per se positiv und verheißungsvoll erscheinen, sondern sich an eher konservativen Kategorien der Bewahrung und Erhaltung orientieren, die darauf abzielen, wahrgenommenen Verlust- und Unsicherheitsängsten entgegenzuwirken (Reckwitz, 2024). Der naive Glaube, der bereits die Moderne[1] kennzeichnete, dass ein Mehr an Technik und Markt auch mit mehr gesellschaftlichem Fortschritt gleichzusetzen sei, verlor bereits zu Beginn der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit dem Erscheinen der Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ seine Glaubwürdigkeit (Meadows et al., 1972).

Trotz zunehmender ökologischer Krisenerscheinungen erlebte der Prozess der Industrialisierung ab der Millenniumwende eine nochmalige Beschleunigung hin zu einer Art ‚Turboindustrialisierung‘ (z. B. Rosa, 2013). Diese Phase, die maßgeblich durch den verstärkten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien geprägt wird, birgt jedoch die Gefahr, dass sich auch die existenziellen ökologischen und sozialen Probleme einer nicht-nachhaltigen Entwicklung weiter beschleunigen könnten (WBGU, 2019).

Diese sich aus der Moderne heraus entwickelnde existenzielle Krise der Spätmoderne kann als Krise der vorherrschenden nicht-nachhaltigen Lebensform verstanden werden.[2] Eine nicht-nachhaltige Lebensform, die sich bereits in der industriellen Moderne herausbildete und in der Spätmoderne ihren Höhepunkt erreichte, ist durch Praktiken und Handlungsmuster geprägt, die primär auf die Befriedigung gegenwärtiger menschlicher Bedürfnisse ausgerichtet sind. Dadurch werden jedoch die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse eingeschränkt, und zwar in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht.[3]

Soziologische Zeitdiagnosen verweisen darauf, dass solche Entwicklungen eng mit grundlegenden Strukturprozessen spätmoderner Gesellschaften verbunden sind. Hartmut Rosa beschreibt moderne Gesellschaften als durch permanente Beschleunigungsdynamiken gekennzeichnete Systeme, in denen wirtschaftliche, technische und soziale Prozesse kontinuierlich intensiviert werden (Rosa, 2013). Andreas Reckwitz diagnostiziert darüber hinaus eine zunehmende Singularisierung gesellschaftlicher Lebensformen, in der Individualisierung, Wettbewerb und Selbstoptimierung zentrale kulturelle Leitmuster darstellen (Reckwitz, 2017).

Darüber hinaus weisen weitere soziologische Analysen auf strukturelle Probleme gegenwärtiger Gesellschaften hin. So beschreibt Neckel (2018) die ökologische Krise auch als Ausdruck einer zunehmenden „Vernutzung“ der äußeren Natur, die eng mit der Vernutzung menschlicher Ressourcen verbunden ist. Aus globaler Perspektive wird zudem auf die Ausbreitung einer sogenannten imperialen Lebensweise hingewiesen, die auf der systematischen Externalisierung sozialer und ökologischer Kosten beruht (Brand & Wissen, 2017; Lessenich, 2018). Weitere Diagnosen thematisieren unter anderem wachsende ökonomische Ungleichheiten (Piketty, 2014), Dynamiken globaler Vernetzung (Beck 2004), Formen der Selbstoptimierung und Selbstausbeutung (Han, 2016), Veränderungen öffentlicher Kommunikationsstrukturen im Kontext digitaler Mediatisierung (Habermas, 2022) sowie die fortschreitende Expansionslogik kapitalistischer Märkte (Dörre, 2009).

Diese unterschiedlichen Perspektiven machen deutlich, dass Nachhaltigkeitsprobleme nicht allein als technische oder ökologische Fragen verstanden werden können, sondern als Ausdruck komplexer sozialer, ökonomischer und kultureller Dynamiken erscheinen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Zusammenhängen zu verstehen und in größere Kontexte einzuordnen. Der französische Soziologe Edgar Morin weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Erziehung der Zukunft eine natürliche Fähigkeit des Geistes entwickeln sollte, „alle Informationen in einen Kontext und in eine Gesamtheit zu stellen“ und Methoden zu vermitteln, „die es erlauben, die gegenseitigen Beziehungen und Einflüsse zwischen Teilen und Ganzem in einer komplexen Welt zu erfassen“ (Morin, 2001, 15–18.).

Wenn Nicht-Nachhaltigkeit als strukturelle Krise spätmoderner Gesellschaften verstanden wird, erscheint es notwendig, auch pädagogische und bildungspolitische Antworten stärker gesellschaftstheoretisch zu fundieren. Nachhaltigkeitsprobleme können dann nicht allein als Fragen individuellen Konsumverhaltens oder technischer Innovation verstanden werden, sondern müssen im Kontext gesellschaftlicher Produktions- und Lebensweisen betrachtet werden.

Hier erscheint es auch erforderlich, das menschliche Naturverhältnis als einen Stoffwechselprozess zu verstehen, in dem insbesondere der Arbeit und dem Beruf eine zentrale Rolle zukommt (Schaupp, 2024). Damit gerät auch die Vorstellung infrage, dass eine marktwirtschaftliche Veränderung von Konsumverhalten allein ausreichen könne, um nicht-nachhaltige Lebensweisen zu überwinden. Vielmehr rücken Arbeit, Beruf und Berufsbildung als zentrale gesellschaftliche Arenen in den Blick, in denen ökologische, ökonomische und soziale Dynamiken zusammenlaufen und in denen sich die Widersprüche nicht-nachhaltiger Entwicklung besonders deutlich manifestieren.

Die Diagnose einer nicht-nachhaltigen Lebensform verweist damit zugleich auf die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Nachhaltigkeit kann unter diesen Bedingungen nicht allein als Frage effizienterer Ressourcennutzung verstanden werden, sondern erfordert eine umfassende Transformation gesellschaftlicher Produktions-, Konsum- und Lebensweisen. Vor diesem Hintergrund steht im Nachhaltigkeitsdiskurs zunehmend die Idee einer sozial-ökologischen Transformation im Mittelpunkt, die im folgenden Kapitel näher betrachtet wird.

3 Nachhaltige Entwicklung und die Idee der Großen Transformation

Als Reaktion auf die zunehmenden ökologischen und sozialen Krisenerscheinungen industrialisierter Gesellschaften etablierte sich seit den 1980er-Jahren das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung im internationalen politischen und wissenschaftlichen Diskurs. Einen zentralen Referenzpunkt bildet dabei der sogenannte Brundtland-Bericht der World Commission on Environment and Development, der nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung definiert, „that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“ (WCED, 1987, S. 37).

Das diesem Bericht zugrunde liegende anthropozentrische Nachhaltigkeitsverständnis beschreibt das Bemühen, gegenwärtige Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern, ohne die Lebens- und Entfaltungschancen zukünftiger Generationen zu gefährden. In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich der Begriff der nachhaltigen Entwicklung als zentraler Bestandteil des politischen und wissenschaftlichen Diskurses, blieb jedoch zugleich begrifflich offen und interpretationsbedürftig. Bereits um das Jahr 2000 ließen sich mehr als 70 unterschiedliche Übersetzungsvarianten des Begriffs sustainable development nachweisen, darunter etwa „zukunftsfähige“, „dauerhafte“, „zukunftsbeständige“ oder „durchhaltbare Entwicklung“ (Wullenweber 2000). Gemeinsam ist diesen Bestimmungen das Bestreben, gesellschaftliche Produktions- und Lebensgrundlagen langfristig zu sichern und anthropogene Systeme in ein verträgliches Verhältnis zu den Funktionsweisen natürlicher Systeme zu bringen.

Im aktuellen politischen Diskurs wird nachhaltige Entwicklung häufig mit den Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen verbunden (UN, 2015). In der Agenda 2030 werden 17 globale Nachhaltigkeitsziele formuliert, die eine „Transformation unserer Welt“ anstoßen sollen. Allerdings weisen die SDGs ein hohes Maß an begrifflicher Offenheit auf und vereinen sehr unterschiedliche Zielsetzungen, etwa wirtschaftliches Wachstum, technologische Innovation, Armutsbekämpfung und ökologische Stabilisierung. Gerade darin liegt ihre politische Anschlussfähigkeit, aber auch ihre theoretische Unschärfe. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass die SDGs strukturelle Ursachen ökologischer und sozialer Krisen häufig nur unzureichend thematisieren und in ihrer Zielarchitektur Spannungen zwischen wachstumsorientierten und ökologisch begrenzenden Entwicklungslogiken enthalten (Biermann et al., 2022). In zugespitzter Form werden sie deshalb sogar als ein „neues Opium für das Volk“ bezeichnet, wenn globale Machtverhältnisse und imperiale Lebensweisen aus dem Blick geraten (Saito, 2024, S. 9).

Mit dem Nachhaltigkeitsbegriff ist damit zugleich die Frage verbunden, welches Verständnis gesellschaftlicher Veränderung bzw. Transformation ihm zugrunde liegt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird in diesem Zusammenhang zunehmend von einer „Großen Transformation“ gesprochen. Der Begriff knüpft unter anderem an Polanyis Analyse der „Great Transformation“ an und wurde in jüngerer Zeit insbesondere durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aufgegriffen (Polanyi, 1944/1995; WBGU, 2011). Gemeint ist damit ein tiefgreifender Wandel sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Strukturen mit dem Ziel, die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft zu sichern und irreversible Schäden an globalen Ökosystemen zu vermeiden (WBGU, 2011, S. 5).

Allerdings bleibt auch der Transformationsbegriff häufig konzeptionell unterbestimmt. So ist zwar bereits der Titel der Agenda 2030 auf eine „Transformation unserer Welt“ bezogen, ohne jedoch genauer auszuführen, was unter Transformation zu verstehen ist und welche gesellschaftlichen Strukturen davon erfasst werden sollen (UN 2015, S. 2, 37). In politischen und ökonomischen Diskursen wird Transformation daher nicht selten auf technologische Modernisierung, Effizienzsteigerung oder die Erschließung neuer Märkte reduziert. Kritische Perspektiven weisen darauf hin, dass der Begriff dadurch entpolitisiert werden kann, wenn strukturelle Fragen nach Produktionsweisen, Machtverhältnissen und globalen Ungleichheiten ausgeblendet bleiben (Brand & Wissen, 2017).

Zur theoretischen Präzisierung dieser unterschiedlichen Nachhaltigkeits- und Transformationsverständnisse hat sich in der Nachhaltigkeitsdebatte die Unterscheidung zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit etabliert. Ott und Döring (2011) differenzieren in diesem Zusammenhang zwischen Natur-, Human- und Sachkapital und diskutieren die Frage ihrer wechselseitigen Substituierbarkeit. Von schwacher Nachhaltigkeit wird gesprochen, wenn davon ausgegangen wird, dass unterschiedliche Kapitalarten grundsätzlich gegeneinander austauschbar sind (Ott & Döring, 2011, S. 117). In dieser Perspektive kann der Verlust von Naturkapital durch wirtschaftliches Wachstum, technologische Innovation oder soziale Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden. Schwache Nachhaltigkeit ist daher häufig mit einer an ökologischer Modernisierung orientierten Vorstellung gesellschaftlicher Entwicklung verbunden, die auf Effizienzsteigerung, marktwirtschaftliche Steuerung und die Optimierung bestehender Produktions- und Konsummuster setzt (Trampe, 2024, S. 64). In der beruflichen Bildung zeigt sich dieses Verständnis besonders deutlich in der Orientierung am Drei-Säulen-Modell, bei dem ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen prinzipiell gegeneinander abgewogen werden können.

Demgegenüber geht starke Nachhaltigkeit von der begrenzten bzw. fehlenden Substituierbarkeit zentraler natürlicher Lebensgrundlagen aus. Natur- und Sachkapital stehen hier nicht in einem bloßen Austauschverhältnis, sondern in einem Verhältnis der Komplementarität (Ott & Döring, 2011, S. 146–154.). Diese Perspektive betont den Eigenwert natürlicher Systeme und fordert entsprechend tiefgreifendere Veränderungen der bestehenden Lebens- und Wirtschaftsweise. Dazu zählen unter anderem die Kritik an wachstumsorientierten ökonomischen Modellen, die Entwicklung postwachstumsökonomischer Ansätze, Strategien der Suffizienz sowie die Infragestellung imperialer Produktions- und Konsummuster (Trampe, 2024, S. 63–65). Vertreterinnen und Vertreter starker Nachhaltigkeit argumentieren daher, dass nur ein solches Verständnis den Anforderungen einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation gerecht werden kann.

4 (Berufs-) Bildung für nachhaltige Entwicklung als Ausweg aus der Krise der Spätmoderne?

Vor dem Hintergrund der sich weiter zuspitzenden ökologischen und sozialen Krisen rückte Anfang der 1990er Jahre zunehmend auch die Bedeutung von Bildung für gesellschaftliche Transformationsprozesse in den Mittelpunkt internationaler Nachhaltigkeitsdebatten. Das zuvor vor allem politisch formulierte Leitbild der nachhaltigen Entwicklung wurde bereits auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro auf den Bereich von Bildung und Pädagogik übertragen. Im Abschlussdokument der Agenda 21 heißt es hierzu in Kapitel 36: „Bildung ist eine unerlässliche Voraussetzung für die Förderung der nachhaltigen Entwicklung und die bessere Befähigung der Menschen, sich mit Umwelt- und Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen“ (BMU, 1992, S. 281). Explizit wird hier auch die berufliche Ausbildung genannt, um eine Trendwende hin zu einer nachhaltigen Entwicklung einzuleiten:

„Die berufliche Ausbildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung der menschlichen Ressourcen und für die Erleichterung des Übergangs in eine nachhaltige Welt. Sie soll eine berufsspezifische Orientierung aufweisen, auf die Beseitigung vorhandener Wissenslücken und vorhandener Defizite in der fachlichen Qualifikation ausgerichtet sein, um dem Einzelnen die Arbeitsplatzsuche zu erleichtern“ (BMU, 1992, S. 285).

Das Verständnis beruflicher Bildung, das in der Agenda 21 zum Ausdruck kommt, ist damit stark arbeitsmarkt- und qualifikationsorientiert. Berufliche (Aus-)Bildung wird hier vor allem als Instrument zur Entwicklung menschlicher Ressourcen und zur Verbesserung individueller Beschäftigungsfähigkeit verstanden. Nachhaltigkeit erscheint in dieser Perspektive primär als Herausforderung, auf die durch die Vermittlung spezifischer Qualifikationen und durch die Schließung fachlicher Wissenslücken reagiert werden soll. Zudem bleiben Fragen der curricularen Gestaltung, der Auswahl geeigneter Lernformen sowie der konkreten pädagogischen Umsetzung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung weitgehend unbestimmt.

In der Folge entwickelte sich – nicht zuletzt angestoßen durch verschiedene internationale Kampagnen der Vereinten Nationen, etwa die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) oder das derzeit laufende UNESCO-Weltaktionsprogramm „BNE 2030“ – eine Vielzahl weltweit tätiger Initiativen und Programme. Diese beziehen sich auf unterschiedliche Handlungsfelder und Ebenen des Bildungsbereichs und verfolgen teilweise sehr unterschiedliche inhaltliche und pädagogische Ansätze. [4]

Vor diesem Hintergrund stellte sich auch für die berufliche Bildung zunehmend die Frage, wie Nachhaltigkeit in beruflichen Lernprozessen konkret thematisiert und umgesetzt werden kann. Die Beantwortung dieser Frage vollzieht sich in Deutschland vor allem im Rahmen staatlicher Förderprogramme und modellversuchsbasierter Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Vor diesem Hintergrund wurden seit den 2000er Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bzw. seit 2025 vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) zahlreiche Projekte mit dem thematischen Schwerpunkt einer beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung gefördert. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das zugleich das Fördermanagement übernahm, richtete bereits im Jahr 2001 den Arbeitsschwerpunkt „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ (BBNE) ein. Ziel war es, unter diesem Leitbild innovative Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zu initiieren, zu erproben und in die berufliche Bildungspraxis zu transferieren. Eine erste Modellversuchsreihe mit dem Titel „Nachhaltige Entwicklung in der beruflichen Bildung“ wurde im Zeitraum von 2004 bis 2010 durchgeführt. Darauf aufbauend folgte der Förderschwerpunkt „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung 2010–2013“, in dessen Rahmen Modellversuche insbesondere in den Branchen Metall/Elektro, Bauen/Wohnen, Chemie sowie Ernährung durchgeführt wurden (Kuhlmeier et al. 2014). Im Anschluss daran förderte das Bundesinstitut für Berufsbildung im Rahmen des UNESCO-Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung 2015–2019“ zwölf Verbundprojekte mit dem Schwerpunkt „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“ (Melzig et al. 2021). Der anschließende Förderschwerpunkt „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung im Transfer für Ausbildungspersonal 2020–2022“ (BBNE-Transfer) sollte die Ergebnisse der vorangegangenen Modellversuche zur BBNE innerhalb bestehender Strukturen verstetigen (Melzig & Hemkes, 2022). Mit dem Programm „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden“ (NIB) soll schließlich die Umsetzung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ in der betrieblichen, über- und außerbetrieblichen Ausbildungspraxis unterstützt und die Ergebnisse früherer BBNE-Förderlinien in die Breite getragen werden. Gefördert werden sowohl Umsetzungsprojekte (2024-2026) zur Qualifizierung des Ausbildungspersonals als auch Transformationsprojekte (2025-2028) mit innovativen Ansätzen zur Weiterentwicklung nachhaltiger beruflicher Bildung, unterstützt durch eine am BIBB angesiedelte Vernetzungsstelle zur Förderung von Transfer und Kooperation (BMBFSFJ, 2025, S. 28).

Durch diese Förderprogramme hat sich im deutschsprachigen Raum ein eigenständiger Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung herausgebildet, der vor allem die Integration von Nachhaltigkeit in berufliche Lern- und Arbeitsprozesse sowie die Entwicklung entsprechender Qualifizierungs- und Kompetenzmodelle für unterschiedliche Berufsbereiche betont. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche pädagogischen und didaktischen Konzepte diesen Ansätzen zugrunde liegen und welche Vorstellungen von Nachhaltigkeit, Transformation und beruflichem Lernen darin implizit wirksam werden.

5 Didaktische Leitvorstellungen im BBNE-Diskurs

Besonders prägend für den deutschsprachigen Diskurs ist das Konzept der sogenannten Gestaltungskompetenz, das in den nationalen Bund-Länder-Kommission-Modellprogrammen „21“ und „Transfer 21“ als die zentrale Kompetenz einer Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Mittelpunkt gerückt wurde.[5]

Mit Gestaltungskompetenz wird die Fähigkeit bezeichnet, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können. Das heißt, aus Gegenwartsanalysen und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen über ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zu ziehen und darauf basierende Entscheidungen zu treffen und umsetzen zu können, mit denen sich nachhaltige Entwicklungsprozesse verwirklichen lassen (de Haa,n 2008, S. 31).

Zur Konkretisierung dieses Konzepts wurde ein Katalog von zwölf Teilkompetenzen entwickelt, der Lernende dazu befähigen soll, an der Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft mitzuwirken. Obwohl diese anspruchsvollen Kompetenzformulierungen grundsätzlich positiv bewertet wurden, waren sie von Beginn an auch Gegenstand kritischer Diskussionen. Kritiker verweisen unter anderem darauf, dass es sich bei vielen dieser Formulierungen um „politisch-rhetorische Leerformeln“ (Hasse, 2016, S. 29) handele oder dass sie mit „Allmachtsphantasien“ und „Heilsversprechen“ verbunden seien, die pädagogisch kaum einlösbar erscheinen (Meueler, 2005, S. 12). Hamborg (2023) spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Zuviel des Guten“, bei dem die konkrete pädagogische Praxis zunehmend aus dem Blick gerate (S. 153–158).

Diese kritischen Bemerkungen zu BNE-Kompetenzmodellen lassen erkennen, dass bislang eine konsistente theoretische Fundierung weitgehend fehlt. Dies zeigt sich auch daran, dass kein einheitlicher Konsens darüber besteht, was genau unter BNE zu verstehen ist. Der zugrunde gelegte Bildungsbegriff wird im Diskurs nur selten explizit reflektiert, und eine klare bildungstheoretische Konturierung fehlt weitgehend. Dadurch erscheint BNE für viele Beobachter eher als eine mehr oder weniger politisch lancierte Erfüllungsaufgabe von Vorgaben aus internationaler und nationaler Politik, etwa im Sinne der Umsetzung der SDGs innerhalb nationaler Aktionspläne.

Die beschriebenen theoretischen Unschärfen bleiben nicht ohne Folgen für die praktische Umsetzung von BNE. Gerade im Bereich der beruflichen Bildung zeigt sich, dass die Entwicklung einer beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung weniger durch bildungstheoretische Klärungen als vielmehr durch eine projektförmige Förderlogik und modellversuchsbasierte Entwicklungsarbeit geprägt ist. So konnte sich das Konzept der Gestaltungskompetenz mit den zwölf Teilkompetenzen innerhalb der beruflichen Bildung nur begrenzt durchsetzen, da dort traditionell handlungsorientierte didaktische Ansätze dominieren, bei denen unterstellt wird, dass diese Teilkompetenzen bereits überwiegend Bestandteil der beruflichen Handlungskompetenz seien (Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 133–134).

Die bereits angesprochenen Modellversuche zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) folgen dabei einer klaren strategischen Logik: Sie verbinden Forschung und Entwicklung mit dem Transfer in die Praxis. Damit entsprechen sie dem institutionellen Selbstverständnis des BIBB, wissenschaftliche Erkenntnisse mit anwendungsbezogener Konzeptentwicklung zu verknüpfen (Hemkes & Melzig, 2021; de Haan et al., 2021). Die Modellversuchsforschung des BIBB hat zwar wesentlich zur Institutionalisierung einer praxisnahen BBNE beigetragen, gleichzeitig entsteht jedoch ein strukturelles Spannungsfeld zwischen beruflicher Handlungs- und gesellschaftlicher Transformationsorientierung.

Denn die enge Verknüpfung von Forschung und Entwicklung im Sinne einer „wissenschaftlichen Dienstleistung“ begünstigt tendenziell instrumentelle Ansätze: Es werden vor allem Umsetzungskonzepte, Curricula, Lernarrangements und Kompetenzmodelle entwickelt, die praktikabel und anschlussfähig an bestehende Strukturen sind. Weniger Raum erhält hingegen eine kritisch-theoretische Perspektive, die grundlegende gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wie etwa Machtverhältnisse, ökonomische Paradigmen oder gesellschaftliche Transformationspfade zum Gegenstand der pädagogisch-didaktischen Reflexion macht.

Hantsch und Diettrich (2025) weisen in diesem Zusammenhang sogar darauf hin, dass Transferprozesse innerhalb der BBNE-Modellversuchsforschung selektiv verlaufen können, indem nur das übernommen werde, was anschlussfähig an bestehende Strukturen erscheint und innerhalb des jeweiligen Transferfeldes möglichst wenig Irritation erzeuge (S. 8). Damit wird zugleich ein grundlegendes didaktisches Problem vieler BBNE-Ansätze sichtbar: Nachhaltigkeit wird innerhalb handlungsorientierter und am Lernfeldansatz ausgerichteter Konzepte häufig in bestehende berufliche Arbeits- und Geschäftsprozesse integriert, ohne die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Krisendynamiken dieser Zusammenhänge selbst systematisch zum Gegenstand reflexiver Bildungsprozesse zu machen (Trampe, 2020, S. 113; Hantke, 2018, S. 5).

Vor diesem Hintergrund könnte die zuvor beschriebene Situation einer „nachhaltigen Nicht-Nachhaltigkeit“ auch als Ausdruck dieser konzeptionellen Unklarheiten interpretiert werden. Insbesondere die fehlende Einbeziehung soziologischer Zeitdiagnosen und bildungstheoretischer Reflexionen führt häufig zu verkürzten Vorstellungen möglicher Handlungsoptionen innerhalb spätmoderner Gesellschaften. Dies zeigt sich exemplarisch am Konzept der Gestaltungskompetenz und in der funktionalen Integration nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen in bestehende berufliche Handlungszusammenhänge innerhalb einer BBNE. Werden Kompetenzen jedoch lediglich als Anpassung an bestehende Wachstums- und Fortschrittspfade unter dem Label der Nachhaltigkeit verstanden, greifen sie aus pädagogischer und bildungstheoretischer Perspektive zwangsläufig deutlich zu kurz (Kehren, 2017).

6 Begründungszusammenhänge für eine kritisch-transformative Perspektive

Im Folgenden werden zentrale Begründungslinien für eine kritisch-transformative Perspektive auf Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung entwickelt. Ziel dieser Betrachtung ist es, zentrale Spannungen und Begrenzungen bestehender didaktischer Ansätze sichtbar zu machen und daraus den Bedarf nach einer weiterführenden Perspektive zu begründen.

Als heuristische Bezugsperspektive dient zunächst die in der internationalen bildungstheoretischen Debatte etablierte Unterscheidung zwischen zwei grundlegenden Verständnissen von Bildung für nachhaltige Entwicklung: einer eher instrumentellen Perspektive sowie einer stärker reflexiv-emanzipatorischen Perspektive. Diese werden häufig als ESD 1 und ESD 2 (Education for Sustainable Development) bezeichnet und beruhen auf unterschiedlichen Annahmen über das Verhältnis von Bildung und nachhaltiger Entwicklung (Vare & Scott 2007).[6]

Vare & Scott (2007) beschreiben ESD 1 als Ansatz, der darauf abzielt, Veränderungen im Verhalten und im alltäglichen Handeln zu fördern („promoting or facilitating changes in what we do“) (S. 193). Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass auf der Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. „Expertenwissen“ relativ klar bestimmt werden könne, welche Einstellungen und Verhaltensweisen als nachhaltig gelten. Die Aufgabe von Bildung besteht demnach vor allem darin, entsprechendes Wissen zu vermitteln und nachhaltige Praktiken zu fördern (Rieckmann, 2021, S. 6).

Typische Beispiele sind Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Konsum- oder Lebensweisen, wie etwa Energiesparen, Mülltrennung oder nachhaltige Mobilität. In diesem Verständnis wird davon ausgegangen, dass Expertinnen und Experten bestimmen können, welche Verhaltensweisen zur nachhaltigen Entwicklung beitragen, und dass Bildung lediglich dazu dient, dieses Wissen zu vermitteln (Rieckmann, 2021, S. 6). Auch viele politische Programme zur Förderung von BNE bzw. BBNE orientieren sich an diesem Verständnis. Bildung wird hier als Instrument betrachtet, um nachhaltige Einstellungen und Verhaltensweisen zu fördern und damit gesellschaftliche Transformationsprozesse zu unterstützen oder anders formuliert: „Bildung wird hier als Vehikel zur gesellschaftlichen Veränderung instrumentalisiert“ (Getzin & Singer-Brodowski, 2016, S. 38).

Aus bildungstheoretischer Perspektive weist dieser Ansatz eine Nähe zu einem erzieherischen Bildungsverständnis auf, indem konkrete Verhaltensweisen intendiert beeinflusst werden sollen (Rieckmann, 2021, S. 7). In der Forschung wird dieser Ansatz jedoch kritisch diskutiert. Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Frage, auf welcher Grundlage entschieden wird, welches Wissen und welche Praktiken überhaupt als nachhaltig gelten. Ein stark instrumentelles Bildungsverständnis kann dazu führen, dass Bildung primär zur Umsetzung politischer Zielsetzungen eingesetzt wird und in der konkreten Situation des Lernsettings besteht zudem die Gefahr, dass komplexe Mensch-Umwelt-Beziehungen verkürzt werden und die wechselseitige Eingebundenheit des Menschen in ökologische und soziale Zusammenhänge aus dem Blick gerät (Getzin & Singer-Brodowski, 2016, S. 38).

Damit steht dieser Ansatz im Spannungsverhältnis zu emanzipatorischen Verständnissen von BNE (ESD 2), die darauf abzielen, Lernende zur reflexiven Auseinandersetzung mit komplexen Mensch-Umwelt-Beziehungen zu befähigen. ESD 2 versteht damit nachhaltige Entwicklung auch nicht als feststehendes Ziel, sondern als offenen gesellschaftlichen Lern- und Aushandlungsprozess (Rieckmann, 2021, S. 7). Bildung soll in diesem Verständnis die Fähigkeit zum kritischen Denken und zur Reflexion über Nachhaltigkeitskonzepte fördern („building capacity to think critically about what experts say“) (Vare & Scott, 2007, S. 194) und nicht primär bestimmte Verhaltensweisen vermitteln. Dementsprechend verfolgt ESD 2 das Ziel, Lernende zur kritischen Reflexion, zur Analyse von Zielkonflikten und zur Beteiligung an gesellschaftlichen Diskursen zu befähigen (Getzin & Singer-Brodowski, 2016, S. 40). Aus bildungstheoretischer Perspektive lässt sich dieser Ansatz stärker dem klassischen Bildungsbegriff zuordnen. Während ESD 1 auf die Förderung bestimmter Handlungsweisen abzielt, steht bei ESD 2 die Entwicklung von Mündigkeit, Reflexionsfähigkeit und eigenständiger Urteilsbildung im Vordergrund (Rieckmann, 2021, S. 8).

Die Unterscheidung zwischen ESD 1 und ESD 2 ist auch für die Diskussion um Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung von Bedeutung. Sie macht deutlich, dass nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse unterschiedlich verstanden werden können: entweder als Vermittlung nachhaltiger Praktiken innerhalb bestehender Produktions- und Konsumstrukturen oder als Reflexionsraum, in dem Lernende die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen wirtschaftlicher Produktions- und Lebensweisen kritisch analysieren können. Eine solche Perspektive knüpft an Ansätze kritisch-emanzipatorischer Berufsbildung an, die betonen, dass berufliche Bildung Lernende dazu befähigen soll, berufliches Handeln in seinen gesellschaftlichen Kontexten zu reflektieren und die zugrunde liegenden ökonomischen Strukturen kritisch zu hinterfragen (Kaiser & Ketschau, 2019, S. 15).

Die Differenz zwischen einem eher instrumentellen und einem stärker emanzipatorischen Verständnis von Bildung für nachhaltige Entwicklung lässt sich im BBNE-Diskurs entlang mehrerer didaktischer Dimensionen konkretisieren, siehe Tabelle 1.

Tabelle 1:   Didaktische Dimensionen von unterschiedlichen Auffassungen von BNE

Dimension

ESD 1

ESD 2

Nachhaltigkeitsverständnis

Nachhaltigkeit als definierbares Ziel, häufig operationalisiert über Effizienz, Ressourcenschonung, nachhaltige Praxis

Nachhaltigkeit als offener gesellschaftlicher Aushandlungsprozess

Transformationsverständnis

Transformation als Anpassung und Optimierung bestehender Praktiken

Transformation als reflexiver und potenziell struktureller gesellschaftlicher Wandel

Subjektverständnis

Lernende als Träger nachhaltiger Kompetenzen und Verhaltensweisen

Lernende als reflexive Subjekte, die gesellschaftliche Verhältnisse kritisch hinterfragen können

Verhältnis von Berufsbildung & Ökonomie

Bildung unterstützt Modernisierung und nachhaltigere Wirtschaftsprozesse

Bildung eröffnet Reflexionsräume über ökonomische Strukturen und Alternativen

Im Folgenden werden daher vier Dimensionen betrachtet: das Nachhaltigkeitsverständnis, das Transformationsverständnis, das Subjektverständnis sowie das Verhältnis von Berufsbildung und Ökonomie.

6.1 Nachhaltigkeitsverständnis

Nachhaltigkeit fungiert im BBNE-Diskurs nicht lediglich als inhaltlicher Bezugspunkt, sondern strukturiert zugleich normative Annahmen darüber, welche Ziele gesellschaftlicher Entwicklung verfolgt werden sollen und welche Rolle Bildung in diesem Zusammenhang einnimmt. Eine vergleichende Analyse der dokumentierten Konzepte und Ansätze zeigt mehrere diskursprägende Tendenzen innerhalb der Berufs- und Wirtschaftspädagogik (Trampe 2020). Ein zentrales Merkmal dieser didaktischen Ansätze besteht darin, dass Nachhaltigkeit nicht als eigenständiger normativer Bezugsrahmen mit transformativem Anspruch didaktisch entfaltet wird, sondern primär in bestehende berufliche Handlungssituationen integriert wird (Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 146).

Vor dem Hintergrund der seit den 1990er-Jahren dominierenden handlungsorientierten Didaktik der beruflichen Bildung wird Wissen dabei eng mit konkreten Arbeitsaufgaben und praktischen Handlungssituationen verknüpft. Innerhalb dieses Paradigmas werden Wissen und Handeln als untrennbar miteinander verbunden betrachtet (Pätzold, 1992). Lerninhalte werden mit konkreten beruflichen Tätigkeiten gekoppelt, sodass berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung häufig als Befähigung zur verbesserten beruflichen Problemlösung verstanden wird, bei der Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt werden sollen. Die didaktische Logik ist dabei meist induktiv: Ausgangspunkt bildet der konkrete berufliche Handlungskontext, innerhalb dessen nach „besseren“ oder „nachhaltigeren“ Lösungen gesucht wird.

Ein normatives Nachhaltigkeitsverständnis, das gesellschaftliche Transformationsprozesse zum Ausgangspunkt didaktischer Reflexion macht, tritt demgegenüber häufig in den Hintergrund. Diese Engführung zeigt sich auch in vielen curricularen Vorgaben. So wird Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen häufig auf operative betriebliche Handlungsfelder reduziert, etwa auf Ressourceneffizienz, Energieeinsparung oder Abfallvermeidung. In den Standardberufsbildpositionen, die als Grundlage neuer Ausbildungsrahmenpläne dienen, wird beispielsweise formuliert, dass Materialien und Energie „unter wirtschaftlichen, umweltverträglichen und sozialen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit“ zu nutzen sowie „Abfälle [zu] vermeiden“ und Stoffe einer „umweltschonenden Wiederverwertung oder Entsorgung [zuzuführen]“ seien (BIBB, 2021, S. 12). Solche Kompetenzformulierungen konzentrieren sich primär auf betriebliche Effizienz- und Optimierungsstrategien. Fragen nach globalen Machtverhältnissen, strukturellen Ursachen ökologischer Krisen oder politischen Rahmenbedingungen nachhaltiger Entwicklung werden dagegen selten thematisiert. Kritische Perspektiven argumentieren daher, dass solche Konzepte globale Krisen pädagogisieren, individualisieren und entpolitisieren, indem Verantwortung für Nachhaltigkeit primär dem individuellen Verhalten zugeschrieben wird (Kehren, 2016, S. 139).

6.2 Transformationsverständnis

Während Nachhaltigkeit zunächst einen normativen Orientierungsrahmen beschreibt, verweist das Transformationsverständnis darauf, welche Formen gesellschaftlicher Veränderung als notwendig, möglich oder wünschenswert angesehen werden und welche Rolle Bildung dabei einnehmen soll. Die Orientierung vieler BBNE-Ansätze an betrieblichen Optimierungsstrategien wirft jedoch Frage auf, inwiefern sie mit der Idee einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation vereinbar sind. Konzepte der „Großen Transformation“ gehen davon aus, dass nachhaltige Entwicklung nicht allein durch technologische Innovationen oder effizientere Produktionsweisen erreicht werden kann, sondern tiefgreifende Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen erfordert (WBGU, 2011). Solche Transformationsprozesse betreffen mehrere Ebenen gleichzeitig: die Mikroebene individueller Einstellungen und Kompetenzen, die Mesoebene von Organisationen und Institutionen sowie die Makroebene gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Rahmenordnungen. Eine Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung, die Nachhaltigkeit primär als Optimierung beruflicher Praxis durch Individuen versteht, verbleibt jedoch häufig auf der Mikro- und teilweise auf der Mesoebene.

Transformative Bildung im Sinne struktureller Veränderung würde demgegenüber auch eine Auseinandersetzung mit grundlegenden gesellschaftlichen Fragen erfordern, etwa mit ökonomischen Wachstumslogiken, Zielkonflikten zwischen Effizienz- und Suffizienzstrategien oder politischen Machtverhältnissen. Eine rein handlungsorientierte Didaktik, die Nachhaltigkeit aus bestehenden Berufsprozessen ableitet, läuft daher Gefahr, systemstabilisierend statt systemverändernd zu wirken.

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft in diesem Zusammenhang die weitgehende Akzeptanz der vorherrschenden Wachstums- und Fortschrittslogik. Das dominante ökonomisch-technische Weltbild bleibt in vielen Konzepten weitgehend unhinterfragt. So wird etwa das Ziel, die Position Deutschlands als Technologieführer zu sichern, häufig mit der Idee eines „nachhaltigen Wachstums“ verbunden (Klanten, 2014, S. 5). Bestehende industrielle Entwicklungspfade – insbesondere wirtschaftliches Wachstum und technologische Innovation – werden dabei selten grundsätzlich problematisiert, obwohl sie teilweise im Spannungsverhältnis zu den Anforderungen einer sozial-ökologischen Transformation stehen.

Mit Blick auf die Struktur der BBNE-Modellversuchsforschung zeigt sich dies auch und insbesondere in der Berufsbildung. Nachhaltigkeitsbezogene Innovationen werden häufig an Anforderungen wie Transferfähigkeit, curricularer Implementierbarkeit und institutioneller Verstetigung ausgerichtet, so dass sich der Fokus transformatorischer Ansprüche tendenziell auf die Optimierung bestehender beruflicher Praxisformen und organisationaler Abläufe verschiebt (Hantsch & Diettrich, 2025, S. 8–9). Gesellschaftliche Transformation erscheint dann primär als Anpassungs- und Modernisierungsprozess innerhalb bestehender Strukturen, nicht jedoch als Reflexion und mögliche Veränderung dominanter Wachstums-, Produktions- und Lebensweisen.

6.3 Subjektverständnis

Die dominierenden Ansätze der BBNE sind zudem mit einem spezifischen Subjektverständnis verbunden. Im Mittelpunkt steht häufig die Entwicklung individueller Handlungskompetenzen, insbesondere im Sinne der sogenannten Gestaltungskompetenz. Diese verweist auf individuelle und gesellschaftliche Potenziale zur Veränderung bestehender Verhältnisse und betont die Möglichkeit aktiver Mitgestaltung.

Gleichzeitig berücksichtigen solche Konzepte häufig nur unzureichend soziologische Zeitdiagnosen, die auf ein zunehmendes Schwinden der Vorstellung gesellschaftlicher Gestaltbarkeit hinweisen. In spätmodernen Gesellschaften werden Gegenwart und Zukunft immer seltener als offen und gestaltbar erlebt. Soziologen wie Hartmut Rosa sprechen in diesem Zusammenhang auch von einem „rasenden Stillstand“, bei dem sich zwar laufend etwas verändert, ohne dass sich grundlegende gesellschaftliche Strukturen wesentlich wandeln (Kodalle & Rosa, 2008). Damit verbunden ist ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht, das Rosa in Anlehnung an Richard Sennett (1998) als spätmodernes ‚Driften‘, als Ergebnis erratischer Lebenserfahrung und -führung bezeichnet (Rosa, 2015. S. 390). Die Idee der Gestaltbarkeit der Arbeitsverhältnisse schwindet und damit auch die Idee der Veränderbarkeit von Gesellschaft.

Vor diesem Hintergrund kann die Betonung individueller Gestaltungskompetenz auch zu einer problematischen Individualisierung gesellschaftlicher Verantwortung führen. Wenn gesellschaftliche Transformation primär als Ergebnis individuellen Engagements erscheint, geraten strukturelle politische und ökonomische Rahmenbedingungen leicht aus dem Blick. Die Gestaltungskompetenz des Einzelnen wird damit zu einer gesellschaftlich definierten Anforderung, während strukturelle Ursachen nicht-nachhaltiger Entwicklung weitgehend unangetastet bleiben.

Im Sinne einer schwachen Nachhaltigkeit wird dem Individuum dann die Aufgabe zugeschrieben, Bedingungen und Möglichkeiten nachhaltigkeitsorientierten Handelns innerhalb bestehender Strukturen zu reflektieren und zu optimieren (Hemkes, 2022, S. 72). Verantwortung für gesellschaftliche Transformation wird dadurch zunehmend individualisiert.

Eine kritisch-transformative Berufsbildung müsste nachhaltigkeitsbezogene Lernprozesse jedoch stärker als reflexive Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Widersprüchen, Machtverhältnissen und strukturellen Bedingungen nicht-nachhaltiger Entwicklung verstehen. Bildungsprozesse würden damit nicht primär auf die Optimierung individuellen Handelns innerhalb bestehender Strukturen zielen, sondern Räume eröffnen, in denen Lernende ihre beruflichen Lebenswelten sowie die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Entwicklungslogiken kritisch erschließen und hinterfragen können (Hantke, 2018, S. 12).

6.4 Verhältnis von Berufsbildung und Ökonomie

Berufsbildung ist traditionell eng mit der Organisation von Arbeit, Qualifikation und wirtschaftlicher Wertschöpfung verbunden. Dementsprechend enthalten Ansätze der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung implizite Annahmen darüber, in welchem Verhältnis berufliche Bildung zu bestehenden ökonomischen Logiken steht und welche Funktion sie im Kontext nachhaltiger Entwicklung übernehmen soll.

Schließlich zeigt sich im BBNE-Diskurs ein spezifisches Verhältnis von Bildung und Ökonomie. Berufsbildung wird häufig primär als Instrument zur Unterstützung wirtschaftlicher Transformationsprozesse verstanden, etwa im Kontext technologischer Innovationen oder nachhaltiger Produktionsweisen. Die Legitimation von Nachhaltigkeit bezieht sich im Wesentlichen darauf, die Handlungsfähigkeit von Betrieben und die Beschäftigungsfähigkeit von Fachkräften zu sichern und wird daher nur insoweit berücksichtigt, wie sie mit Wettbewerbsfähigkeit und Effizienzsteigerung vereinbar ist (Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024, S. 263).

Diese enge Verbindung von beruflicher Bildung und wirtschaftlicher Verwertungslogik führt dazu, dass auch pädagogische Konzepte häufig stark an betriebliche Anforderungen und ökonomische Rationalitäten gebunden bleiben, während alternative Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle selten Gegenstand pädagogischer Reflexion werden. Insgesamt bewegt sich der BBNE-Diskurs damit zwischen zwei Polen: einer sozialtechnologischen Sichtweise auf nicht-nachhaltige Lebensformen, die primär auf Optimierungsstrategien setzt, und einer kritisch-reflexiven Perspektive, die die strukturellen Ursachen ökologischer und sozialer Krisen thematisiert (Euler, 2022).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viele Ansätze der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung implizit einem Verständnis von Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sinne von ESD 1 folgen. Nachhaltigkeit wird vor allem als Herausforderung verstanden, die durch verbesserte berufliche (Handlungs-)Kompetenzen, technologische Innovationen und effizientere Arbeitsprozesse bewältigt werden soll. Eine stärker reflexive und emanzipatorische Perspektive im Sinne von ESD 2, die Nachhaltigkeit als offenen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess begreift und Lernende zur kritischen Reflexion struktureller Bedingungen befähigt, ist im BBNE-Diskurs bislang deutlich schwächer ausgeprägt.

Die entlang der vier Dimensionen herausgearbeiteten Begrenzungen verweisen damit auf den Bedarf nach einer Perspektive, die Nachhaltigkeit nicht nur als Optimierungsaufgabe beruflicher Praxis, sondern als Gegenstand gesellschaftlicher Reflexion und Transformation begreift. Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden didaktische Orientierungspunkte einer kritisch-transformativen Didaktik der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung entwickelt.

7 Orientierungspunkte einer kritisch-transformative Didaktik beruflicher Bildung

Die Entwicklung einer kritisch-transformativen Didaktik der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung setzt an den zuvor herausgearbeiteten Begründungsdimensionen an. Sie reagiert auf die Begrenztheit instrumenteller Nachhaltigkeitsverständnisse, auf verkürzte Transformationsvorstellungen, auf die Individualisierung von Gestaltungsverantwortung sowie auf die enge Bindung beruflicher Bildung an bestehende ökonomische Verwertungslogiken. Der Ansatz knüpft damit an emanzipatorische Verständnisse von BNE im Sinne von ESD 2 an, führt diese jedoch in gesellschafts- und berufsbildungstheoretischer Hinsicht weiter.

7.1 Normative Grundlagen: Zum Verständnis des Kritischen und des Transformativen

Bevor mit der Darstellung des Ansatzes einer kritisch-transformativen Didaktik für eine nachhaltige Entwicklung begonnen wird, soll kurz auf die Verwendung der Adjektive „kritisch“ und „transformativ“ eingegangen werden. Das hier verwendete Kritikverständnis orientiert sich an dem der kritischen Theorie, bei dem es – vereinfacht gesagt – um die Aufdeckung, Thematisierung und Veränderung fundamentaler Missstände und des Leidens der Menschen an diesen geht (Lehmann, 2015), wobei eine Überwindung dieser anthropozentrischen Perspektive zugunsten einer biozentrischen angestrebt wird, indem auch der Natur ein Eigenwert zugesprochen wird (Vogel, 2015). Bezogen auf die Pädagogik allgemein und die Berufs- und Wirtschaftspädagogik im Besonderen sieht sich eine kritisch-transformative Didaktik in der Tradition einer kritisch-emanzipatorischen Erziehungswissenschaft und Berufsbildungstheorie (z. B. Heydorn, 1970, Büchter, 2019, Kaiser & Ketschau, 2019).

Als transformativ versteht sich der Ansatz, weil er Perspektiven transformativer Bildung und transformativen Lernens (Mezirow) aufgreift. Transformative Bildung sollte nach Auffassung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen „die Grundlagen verantwortungsvollen Handelns innerhalb der Weltgesellschaft möglichst breit vermitteln“ (WBGU, 2011, S. 374) [7]. Sie soll einerseits ein Verständnis für Handlungsoptionen und Lösungsansätze ermöglichen, aber auch dazu befähigen, grundlegende Voraussetzungen nachhaltigkeitsbezogenen Handelns kritisch zu erschließen. Dazu gehören ein fundiertes Verständnis des gegenwärtigen Handlungsdrucks, ein globales Verantwortungsbewusstsein sowie die Fähigkeit, Handlungsoptionen in systemischen Zusammenhängen zu denken (WBGU, 2011, S. 374). Zudem setzt transformative Bildung voraus, dass ihre „Grundlagen – ganz im Sinne der Kultur der Teilhabe – das Merkmal der Partizipation“ (WBGU, 2011, S. 380–381) aufweisen.

Für eine berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen. Eine ernsthafte Orientierung an der Leitidee der Großen Transformation impliziert ein bewusstes Infragestellen etablierter Pfadabhängigkeiten und institutionalisierter Routinen in Wirtschaft, Arbeit und Bildung. Berufsbildung ist in diesem Sinne nicht nur Qualifizierung für bestehende Arbeits- und Wirtschaftsstrukturen, sondern immer auch Gesellschaftsbildung.

Wenn die gegenwärtige nicht-nachhaltige Lebensform als Ergebnis historisch gewordener ökonomisch-technischer Rationalitäten verstanden wird, kann ihre Überwindung nicht allein durch Effizienzsteigerungen oder individuelles „Nachhaltigkeitshandeln“ gelingen. Erforderlich ist vielmehr eine Bildungsarbeit, die Krisenbewusstsein ernst nimmt, ideologische Verengungen offenlegt, demokratische Aushandlungsprozesse stärkt und berufliche Bildung als emanzipatorische Praxis im Horizont gesellschaftlicher Transformation begreift. Andernfalls droht Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung im Modus schwacher Nachhaltigkeit zu verbleiben und eher systemstabilisierend als systemtransformierend zu wirken. Vor diesem Hintergrund zielt eine kritisch-transformative Didaktik darauf, berufliche Bildung als Ort der Reflexion, Solidarität und Mitgestaltung einer starken nachhaltigen Entwicklung neu zu bestimmen. Eine zentrale lernpsychologische Grundlage für eine solche Perspektive bildet das Konzept des transformativen Lernens, das im folgenden Abschnitt näher erläutert wird.

7.2 Transformatives Lernen als lernpsychologischer Ausgangspunkt

Transformativen Ansätzen innerhalb der Pädagogik und Didaktik geht es um besonders bedeutsame und tiefgreifende Veränderungen durch und mit Lernen. Das „Transformative“ beim transformativen Lernen bezieht sich dabei zunächst nicht primär auf gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse, sondern auf individuelle Lernprozesse, in denen grundlegende Werte, Haltungen, Einsichten und Sichtweisen durch die Auseinandersetzung mit irritierenden Sachverhalten verändert werden.

Allerdings schließen sich individuelle Lernprozesse und gesellschaftliche Transformationsperspektiven nicht aus. Wenn Lernende sich den Herausforderungen sozialer, kultureller und ökologischer Transformationen konstruktiv stellen sollen, bildet transformatives Lernen eine zentrale Grundlage hierfür (Yacek, 2023, S. 9–13). Ziel transformativen Lernens ist es, Veränderungen in den Orientierungen von Individuen zu sich selbst, zu ihrer sozialen und natürlichen Welt zu ermöglichen (Koller 2018). Dabei steht nicht ein vordefinierter gesellschaftlicher Endzustand im Vordergrund, sondern die Fähigkeit der Lernenden, eigene Positionen zu entwickeln, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu reflektieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse mitzugestalten.

Als Begründer und bedeutendster Vertreter der Theorie des transformativen Lernens gilt Jack Mezirow, der diesen Ansatz in den 1970er Jahren in den USA entwickelte und der in der Folge mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen weiterentwickelt wurde (Mezirow, 1997, Brookfield, 2000, Koller, 2018, Yacek, 2022). Obwohl dieser Ansatz ursprünglich aus der Erwachsenenbildung stammt, wird er inzwischen auch in anderen Kontexten diskutiert, z.B. auch als mögliche Erweiterung einer kritisch-emanzipatorischen BNE (Getzin & Singer-Brodowski, 2016). Für Mezirow besteht das Ziel transformativen Lernens darin, sogenannte Bedeutungsperspektiven zu hinterfragen. Unter einer Bedeutungsperspektive versteht er

„ein Bündel gewohnheitsmäßiger Erwartungen, das einen zur Orientierung dienenden Bezugsrahmen darstellt, den wir zur Projektion unserer Symbolmodelle verwenden und der als System von Überzeugungen zur Interpretation und Bewertung der Bedeutung von Erfahrung dient“ (Mezirow, 1997, S. 35).

Während Mezirow ursprünglich zehn Phasen der perspektivischen Transformation beschreibt (Mezirow, 1997, S. 142–143), erscheint für eine didaktische Perspektive eine Konzentration auf drei zentrale Momente sinnvoll: Irritation, Diskussion und Transformation.

Transformative Lernprozesse werden zunächst durch Irritationen ausgelöst, also durch Erfahrungen oder Probleme, für deren Bewältigung eingeübte Deutungs- und Handlungsmuster nicht mehr ausreichen. Individuelle oder kollektive Perspektiven, Einstellungen und Überzeugungen geraten ins Wanken, sodass eine Situation der Desorientierung entsteht (Mezirow, 1997, S. 35–38). Solche Irritationen können auch didaktisch angestoßen werden, etwa durch Fallbeispiele, Medien, Modelle oder andere Formen problemorientierter Auseinandersetzung. In dieser Phase geht es zunächst darum, nicht-nachhaltige Zustände und Handlungsweisen überhaupt als problematisch identifizieren zu können. Insofern lässt sich hier eine Verbindung zur von de Haan formulierten Gestaltungskompetenz herstellen, die unter anderem die Fähigkeit umfasst, Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung zu erkennen (de Haan, 2008, S. 23–43). Erst nachdem nicht-nachhaltige Zustände und Verhaltensweise durch Irritationen identifiziert wurden, gilt es, Ursache-Wirkungszusammenhänge gemeinsam aufzudecken und zu untersuchen.

In der zweiten Phase steht die Suche nach alternativen Perspektiven im Mittelpunkt. Diese setzt eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Ursachen, Bedingungen und Folgen der zuvor identifizierten Problemlagen voraus. Mezirow knüpft hierbei an Habermas’ Konzept des herrschaftsfreien Diskurses an (Habermas, 1971, 1981, 1984). Transformative Lernprozesse erfordern demnach kommunikative Bedingungen, die der von Habermas beschriebenen idealen Sprechsituation nahekommen (Habermas, 1971, S. 101–141). Maßgeblich sind dabei normative Orientierungen wie Verständlichkeit der Äußerungen, Wahrheitsanspruch, Wahrhaftigkeit sowie moralische Integrität. Ergänzend spielen Haltungen wie Offenheit, gegenseitiges Wohlwollen und die Freiheit von äußeren Zwängen eine zentrale Rolle (Mezirow, 2003, s. auch Habermas, 1981, S. 413; 1984, S. 116–117). Das Gelingen transformativer Lernprozesse ist somit an kommunikative Voraussetzungen gebunden, die zugleich grundlegende Prinzipien demokratischer Bildungsprozesse darstellen.

In einem solchen diskursiven Prozess können implizite Deutungsmuster, verdrängte Problemlagen sowie routinisierte Gewohnheiten und deren potenziell destruktive Folgen bewusst werden. Transformative Lernprozesse zielen darauf ab, diese oftmals unhinterfragten Bedeutungsperspektiven reflexiv zu erschließen und zur Diskussion zu stellen. In diesem Sinne kann der Prozess auch als Perspektiventransformation beschrieben werden, bei der bisherige Orientierungen gegenüber sich selbst, gegenüber anderen und gegenüber der Welt überprüft und gegebenenfalls neu ausgerichtet werden (Mezirow, 1997, S. 164).

In der dritten Phase kann es schließlich zur Integration der neu gewonnenen Perspektiven in die eigene Lebenswelt kommen, so dass sich ggf. nachhaltige Entwicklungsprozesse verwirklichen lassen (Mezirow, 1997, S. 147). Aus motivationalen Gründen ist hier – so weit wie möglich – eine positive Sicht auf die Möglichkeit der Veränderung von Entwicklungsprozessen zu pflegen. Das ist zunächst kein Mangel an Realitätssinn, sondern soll helfen, den Blick über das Gegebene hinaus zu weiten, d.h. Gestaltungsräume zu öffnen bzw. zu erweitern. Diese Phase lässt sich ebenfalls mit dem Konzept der Gestaltungskompetenz verbinden, da nun nicht mehr allein der Erwerb von Wissen, sondern auch Veränderungen von Einstellungen sowie deren Umsetzung in konkreten Handlungssituationen in den Vordergrund treten. Lernende sollen dadurch befähigt werden, die Folgen ihres Handelns in ökologischen, sozialen und ökonomischen Zusammenhängen zu reflektieren und zugleich Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu entwickeln (KMK & DUK, 2007, S. 4).

Um Missverständnissen vorzubeugen: Transformatives Lernen für nachhaltige Entwicklung darf nicht als unidirektionaler Prozess verstanden werden, der vorgezeichnete Wege aus einer als „alternativlos“ präsentierten nicht-nachhaltigen Lebensweise vorgibt. Vielmehr eröffnet es Suchbewegungen nach Alternativen, indem es Freiräume für Reflexion und Aushandlung schafft. Transformatives Lernen ist insofern zieloffen, als es keine Instrumentalisierung der Lernenden zur Erreichung vorab definierter gesellschaftlicher Transformationsziele vorsieht (Singer-Brodowski, 2016, S. 14). Gerade darin liegt sein emanzipatorischer Gehalt.

7.3 Zentrale didaktische Orientierungen

Ausgehend von den zuvor entwickelten gesellschafts-, bildungs- und lerntheoretischen Überlegungen lassen sich mehrere didaktische Prinzipien formulieren, die eine kritisch-transformative Perspektive auf Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung kennzeichnen (vgl. dazu auch Trampe, 2025). Diese Prinzipien verstehen sich nicht als geschlossenes didaktisches Modell, sondern als heuristische Orientierungen, die die Gestaltung nachhaltigkeitsbezogener Lernprozesse in der beruflichen Bildung strukturieren können. Die folgenden Orientierungen betreffen unterschiedliche Ebenen didaktischer Gestaltung: den Umgang mit Irritationen als Ausgangspunkt von Lernprozessen, das zugrunde liegende Nachhaltigkeitsverständnis, Fragen demokratischer Partizipation, die gesellschaftliche Einbettung beruflichen Handelns sowie den produktiven Umgang mit der Spannung zwischen Anpassung und Transformation.

7.3.1 Das Prinzip der irritationsbasierten Reflexivität

Zentrale Bedeutung kommt dabei zunächst der Rolle von Irritationen als Ausgangspunkt nachhaltigkeitsbezogener Lernprozesse zu. Ausgangspunkt einer kritisch-transformativen Didaktik sind krisenhafte Erfahrungen und Widersprüche innerhalb beruflicher und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Solche Irritationen können sich etwa aus Entfremdungserfahrungen in der Arbeitswelt, aus ökologischen Krisenfolgen im Produktions- und Dienstleistungssektor oder aus problematischen Produktionsbedingungen wie Ressourcenverschwendung und geplanter Obsoleszenz ergeben. Im Zentrum steht dabei die Reflexion von Bedeutungsperspektiven, also jener Deutungsmuster, durch die berufliche Erfahrungswirklichkeit wahrgenommen und interpretiert wird.

Eine solche Perspektive setzt demokratische Bewusstwerdungsprozesse voraus, die partizipative Auseinandersetzungen ermöglichen. Problemstellungen sind dabei ausdrücklich auch aus der Perspektive starker Nachhaltigkeit zu durchdenken (Trampe, 2024). Auf der Grundlage exemplarischer nicht-nachhaltiger beruflicher Handlungszusammenhänge erscheint es notwendig, zentrale Zielkonflikte nachhaltiger Entwicklung systematisch zu reflektieren. Konkrete Beispiele aus der beruflichen Praxis können dabei als Ausgangspunkt dienen, um Spannungen zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Anforderungen sichtbar zu machen. So ließe sich etwa am Beispiel der Produktion von Gütern mit geplanter Obsoleszenz untersuchen, welchen gesellschaftlichen Nutzen solche Produktionsweisen haben und welche sozialen sowie ökologischen Kosten damit verbunden sind (Lessenich, 2018; Yoran, 2025). Daran anschließend kann diskutiert werden, inwiefern wachstumsorientierte Produktionsweisen mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung vereinbar sind (Paech, 2025) und welche alternativen Formen wirtschaftlicher Organisation denkbar erscheinen (Schumacher, 1977).

Durch solche Auseinandersetzungen können unterschiedliche Bewertungs- und Lösungsansätze fundiert diskutiert und zugleich Anschlüsse an radikal-kritische Diskurse, etwa an die Postwachstumsökonomie, eröffnet werden. Dabei kann es auch zu Widersprüchen zwischen neu gewonnenen Einsichten und den bestehenden Arbeits- und Produktionsverhältnissen kommen. Die daraus resultierenden Erfahrungen von Ohnmacht und Begrenzung müssen pädagogisch ernst genommen werden. Zugleich kann ein auf Solidarität und gemeinsame Problembearbeitung gerichteter diskursiver Ansatz dazu beitragen, Ängste gegenüber tiefgreifenden Transformationsprozessen aufzufangen und neue kollektive Handlungsperspektiven zu eröffnen.

7.3.2 Orientierung an starker Nachhaltigkeit

Eng damit verbunden ist eine Orientierung an der Perspektive starker Nachhaltigkeit. Während viele Ansätze nachhaltige Entwicklung vor allem als Frage effizienterer Ressourcennutzung verstehen, geht eine kritisch-transformative Didaktik davon aus, dass ökologische Lebensgrundlagen nicht beliebig durch andere Kapitalformen substituiert werden können. Nachhaltigkeit erscheint damit nicht lediglich als Abwägungskriterium zwischen unterschiedlichen Interessen, sondern als grundlegender normativer Orientierungsrahmen gesellschaftlicher Entwicklung.

Für eine kritisch-transformative Didaktik bedeutet dies, dass Nachhaltigkeit nicht nur als inhaltliches Thema beruflicher Bildung behandelt wird, sondern als didaktisches Prinzip, das die Auswahl von Lerngegenständen, Problemstellungen und Perspektiven strukturiert. Lernprozesse müssen daher Zielkonflikte zwischen ökonomischen Interessen, sozialen Anforderungen und ökologischen Grenzen sichtbar machen, anstatt sie technisch im Sinne effizienterer Produktionsweisen aufzulösen.

7.3.3 Demokratische Mitgestaltung

Darüber hinaus impliziert eine kritisch-transformative Perspektive ein erweitertes Verständnis von Subjektivität und Partizipation. Lernende werden nicht nur als zukünftige Fachkräfte verstanden, sondern auch als Bürgerinnen und Bürger, die an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen beteiligt sind. Nachhaltige Entwicklung ist daher nicht allein eine technische oder wirtschaftliche Herausforderung, sondern auch eine demokratische Frage. Berufliche Bildung sollte deshalb Räume eröffnen, in denen unterschiedliche Perspektiven diskutiert und alternative gesellschaftliche Entwicklungspfade reflektiert werden können.

Dies betrifft insbesondere Konflikte zwischen ökonomischen Interessen, ökologischen Belastungsgrenzen und sozialen Gerechtigkeitsfragen. Nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse müssen damit auch kontroverse gesellschaftliche Positionen, Machtverhältnisse und unterschiedliche Zukunftsvorstellungen zum Gegenstand diskursiver Auseinandersetzung machen. Demokratische Mitgestaltung erschöpft sich dabei nicht in individueller Partizipation, sondern verweist auf kollektive Verständigungs- und Aushandlungsprozesse über die Frage, wie gesellschaftliches Zusammenleben unter den Bedingungen sozial-ökologischer Krisen organisiert werden soll. Diskursive Lernformen, partizipative Settings und kollektive Problembearbeitung können dazu beitragen, solche Prozesse anzustoßen. Dabei geht es nicht allein um den Austausch unterschiedlicher Meinungen, sondern um die gemeinsame Reflexion gesellschaftlicher Widersprüche und Zielkonflikte nachhaltiger Entwicklung. Lernende erhalten so die Möglichkeit, eigene Deutungsmuster zu hinterfragen, unterschiedliche Interessenlagen nachzuvollziehen und alternative gesellschaftliche Entwicklungsoptionen zu diskutieren.

7.3.4 Gesellschaftliche Situiertheit beruflichen Handelns

Eine weitere zentrale Orientierung besteht darin, berufliches Handeln systematisch in seine gesellschaftlichen Zusammenhänge einzuordnen. Vor dem Hintergrund soziologischer Zeitdiagnosen, die spätmoderne Gesellschaften als durch Beschleunigungsdynamiken (Rosa, 2013), Prozesse der Singularisierung und Individualisierung (Reckwitz, 2017) sowie Formen der Selbstoptimierung und Entsolidarisierung beschreiben (Schauer, 2023), erscheint die Stärkung von Gemeinschaft und solidarischem Handeln als zentrale Voraussetzung gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Eine kritisch-transformative Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung sieht daher in der Überwindung solcher Individualisierungstendenzen zugunsten gemeinschaftlicher Orientierungen – auf der Grundlage diskursiv zu entwickelnder Vorstellungen intra- und intergenerationaler Gerechtigkeit – eine realistische Möglichkeit, eine nachhaltige Entwicklung im Sinne starker Nachhaltigkeit voranzutreiben. Gemeinschaft bildet in dieser Perspektive eine zentrale Kategorie, da gemeinschaftliches Leben und Arbeiten innerhalb demokratischer Gesellschaften als untrennbar miteinander verbunden gedacht werden.

7.3.5 Produktiver Umgang mit der Spannung von Anpassung und Transformation

Schließlich bleibt Berufsbildung immer auch in bestehende wirtschaftliche Strukturen eingebettet. Eine kritisch-transformative Didaktik kann diese Rahmenbedingungen nicht vollständig aufheben, versucht jedoch, die Spannung zwischen Anpassung und Transformation produktiv zu nutzen. Zwar ist es sinnvoll, im Rahmen betrieblicher Möglichkeiten nachhaltigkeitsorientiert zu denken und zu handeln. Eine ausschließliche Ausrichtung auf individualisierte und moralisierende Formen „verantwortlichen Handelns“ greift jedoch zu kurz. Wenn innerhalb handlungsdidaktischer Konzepte der beruflichen BNE nach der Auseinandersetzung mit Widersprüchen und Dilemmata vor allem „kompromissbehaftete Entscheidungen“ angestrebt werden (Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 143), kann dies unter Bedingungen nicht-nachhaltiger Berufs- und Arbeitsverhältnisse leicht ins Leere laufen. Statt einer primären Anpassungs- und Handlungsorientierung, wie sie sich etwa an Zielen schwacher Nachhaltigkeit ausrichtet, strebt die kritisch-transformative BBNE daher eine Reflexions- und Diskursorientierung an – mit dem Ziel, Lernende als Gemeinschaftswesen innerhalb des Arbeits- und Berufslebens zur kritischen Urteilsbildung und emanzipatorischen Mitgestaltung zu befähigen.

Eine solche Perspektive bedeutet jedoch nicht, praktische Handlungsfähigkeit grundsätzlich zugunsten abstrakter Gesellschaftskritik zurückzustellen. Vielmehr geht es darum, Handlungsmöglichkeiten stets auch im Horizont ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen, Begrenzungen und Widersprüche zu reflektieren. Nachhaltigkeitsbezogene Bildungsprozesse würden damit weder in einer bloßen Anpassung an bestehende Anforderungen noch in einer rein utopischen Transformationsrhetorik aufgehen. Stattdessen eröffnet eine kritisch-transformative Perspektive Räume, in denen konkrete berufliche Erfahrungen mit Fragen gesellschaftlicher Verantwortung, ökologischer Grenzen und alternativer Entwicklungsmodelle in Beziehung gesetzt werden können.

8 Statt eines Fazits: Strukturmodell nicht-nachhaltiger Lebensformen

Die zuvor entwickelten Überlegungen lassen sich abschließend in einem strukturierenden Modell zusammenführen (vgl. Abb. 1).[8]

Abbildung 1: Strukturmodell nicht-nachhaltiger LebensformenAbbildung 1: Strukturmodell nicht-nachhaltiger Lebensformen

Etablierte Modellvorstellungen innerhalb des BNE-Diskurses, die zur Veranschaulichung des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung dienen sollen und bis heute einen festen Platz im Kontext pädagogischer Bemühungen um Bildung für nachhaltige Entwicklung einnehmen (z.B. das Drei-Säulen-Modell, das Nachhaltigkeitsdreieck, das Drei-Kreise-Modell, das Nachhaltigkeitsviereck, das Leitplankenmodell, das Doughnut-Modell usw.), scheinen ihr Erklärungs- und insbesondere Transformationspotenzial weitgehend ausgeschöpft zu haben. Aus Sicht der Autoren liegt dies vor allem daran, dass viele dieser Modelle implizit an Konzepten schwacher Nachhaltigkeit orientiert sind und die komplexen gesellschaftlichen Dynamiken nachhaltigkeitsrelevanter Problemlagen zugunsten didaktischer Vereinfachungen ausblenden. Dadurch besteht die Gefahr, dass strukturelle Ursachen nicht-nachhaltiger Entwicklungen nur unzureichend sichtbar werden und Nachhaltigkeit primär als Frage technischer oder individueller Optimierung erscheint.

Die hier verwendete Darstellung verdeutlicht dagegen, dass nicht-nachhaltige Lebensformen nicht auf einzelne Fehlentscheidungen oder isolierte technische Probleme reduziert werden können, sondern als komplexes Gefüge ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Dynamiken erscheinen. Diese Dynamiken wirken auf unterschiedlichen Ebenen, von individuellen Handlungsmustern über soziale Gruppen und gesellschaftliche Institutionen bis hin zu kulturellen Deutungsmustern und globalen Naturverhältnissen und sind zugleich durch vielfältige Wechselwirkungen miteinander verbunden.

Für die berufliche Bildung bedeutet dies, dass nachhaltigkeitsbezogene Lernprozesse nicht allein auf die Bearbeitung einzelner betrieblicher Problemstellungen reduziert werden können. Zwar können konkrete berufliche Handlungssituationen wichtige Ausgangspunkte für Lernprozesse darstellen, doch greifen didaktische Konzepte zu kurz, wenn sie Nachhaltigkeit ausschließlich als Frage effizienterer Problemlösungen innerhalb bestehender Produktions- und Arbeitsprozesse behandeln. Eine solche Perspektive läuft Gefahr, komplexe gesellschaftliche Krisenzusammenhänge zu verkürzen und Nachhaltigkeit primär als Optimierungsaufgabe innerhalb bestehender Strukturen zu interpretieren.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Perspektive transformativen Lernens besondere Bedeutung. Wenn nicht-nachhaltige Lebensformen Ausdruck tief verankerter gesellschaftlicher Praktiken, Deutungsmuster und institutioneller Strukturen sind, erfordert ihre Reflexion Lernprozesse, die über rein instrumentelle Kompetenzvermittlung hinausgehen. Transformative Lernprozesse ermöglichen es, etablierte Bedeutungsperspektiven in Frage zu stellen, gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch zu erschließen und alternative Handlungs- und Entwicklungsoptionen zu diskutieren.

Eine kritisch-transformative Didaktik der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zielt darauf, berufliche Handlungspraxis systematisch in ihre gesellschaftlichen, ökologischen und kulturellen Kontexte einzuordnen. Berufsbildung wird damit nicht nur als Ort der Qualifizierung für bestehende Arbeitsprozesse verstanden, sondern zugleich als Raum für Reflexion, demokratische Aushandlung und gemeinschaftliche Mitgestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Die in diesem Beitrag entwickelten Überlegungen sollen didaktische Orientierungspunkte für eine kritisch-transformative Perspektive auf Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung liefern, die gesellschaftliche Krisendiagnosen stärker mit didaktischen Fragestellungen verbindet. Eine weitergehende theoretische Ausdifferenzierung sowie eine didaktische Konkretisierung – insbesondere auf Grundlage des vorgeschlagenen Strukturmodells nicht-nachhaltiger Lebensformen – stellen daher eine wichtige Aufgabe zukünftiger berufs- und wirtschaftspädagogischer Forschung dar. In diesem Sinne versteht sich der Beitrag als Impuls, Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung stärker als Ort gesellschaftlicher Reflexion und Mitgestaltung sozial-ökologischer Transformationsprozesse zu denken.

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[1] Wenn hier von der (industriellen) Moderne die Rede ist, so umfasst diese die Zeit ungefähr von den 1890er bis in die 1940er Jahre hinein. Die Spätmoderne nahm etwa in den 1950er Jahren Gestalt an und setzt sich bis heute fort.

[2] Folgt man der Auffassung des britischen Soziologen Anthony Giddens, so kann die Gegenwart als Konsequenz der Moderne angesehen werden, d.h. die sozialen, ökonomischen und institutionellen Kräfte, die prägend für Formen des gesellschaftlichen Lebens der Moderne waren, hätten sich lediglich weiterentwickelt und erweitert (Giddens, 1992)

[3] So die häufig zitierte Auffassung aus dem Brundtlandt-Bericht (WCED 1987), die anthropozentrisch geprägt ist. Zur Geschichte beispielweise Grober 2010; zum inflationären Gebrauch beispielsweise Finke 2012.

[4] Für einen groben historischen Überblick (unter Einbeziehung der Umweltbildung und globalem Lernen z.B. Maack, 2018). Zu den BNE-politischen Strategien und Aktionsplänen für Deutschland vgl. das bne-portal des BMBF bzw. des BMBFSFJ, das ständig aktualisiert wird.

[5] Weitere BNE-Kompetenzmodelle (z.B. Österreichisches Umweltforum 2022, Rieckmann 2018, Schreiber & Siege 2016, UNESCO 2014) können an dieser Stelle nicht aufgeführt werden.

[6] Im neueren internationalen Diskurs wird zusätzlich zwischen ESD 1, ESD 2 und ESD 3 unterschieden, der explizit als transformativer Ansatz bezeichnet wird (z.B. Pettig & Singer-Brodowski 2024). Der vorliegende Beitrag greift diese Differenzierung jedoch nicht systematisch auf, da ESD 3 bislang überwiegend programmatisch formuliert wird und für die hier verfolgte Analyse didaktischer Grundannahmen keinen zusätzlichen analytischen Mehrwert bietet.

[7] Der WBGU definiert zwei Dimensionen von Bildung, die transformative Bildung sowie die Transformationsbildung. Beide Perspektiven werden im Gutachten jedoch nicht als strikt getrennte Konzepte verstanden, sondern als komplementäre Dimensionen eines umfassenden Bildungsverständnisses. In diesem Sinne werden beide Dimensionen auch im vorliegenden Beitrag zusammengedacht und im Folgenden gemeinsam als Bezugspunkt für die Entwicklung einer kritisch-transformativen Perspektive auf Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung herangezogen (zur Darstellung und Diskussion des WBGU-Ansatzes Bergmüller & Schwarz, 2016).

[8] Zu den hier genannten Dimensionen und deren Bezug zum Leitbild der nachhaltigen Entwicklung siehe Trampe 2001, S. 103.

Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung an Berufsbildenden Schulen – Ein systematisches Literaturreview zur Didaktik einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung im berufsbezogenen Unterricht

1 Zielsetzung und Relevanz

Ziel des Beitrages ist es im Rahmen eines Systematischen Literaturreviews, den bestehenden Forschungsstand zur Didaktik von Beruflicher Bildung für nachhaltiger Entwicklung (BBNE) im berufsbezogenen Unterricht (des deutschen Berufsbildungssystems) systematisch zu erfassen, zu strukturieren und kritisch-reflektiert einzuordnen. Durch die Synthese aktuell vorliegender Literatur sollen didaktische Muster, Spannungsfelder und Forschungslücken identifiziert werden, die als Grundlage für die Weiterentwicklung von BBNE in der Theorie und Praxis des berufsbezogenen Unterrichts dienen können.

Die Relevanz des Themas leitet sich insbesondere aus der Selbstverpflichtung der Weltgemeinschaft, der europäischen Gemeinschaft, sowie der Bundesrepublik Deutschlands zur Agenda 2030 (Generalversammlung der Vereinten Nationen, 2015) ab. Die Befassung mit Fragestellungen der nachhaltigen Entwicklung, insbesondere auch in der Bildung bzw. Berufsbildung ist darin ein Kernbestandteil. In diesem Rahmen ist ausdrücklich auch der „Nationalen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung. Der deutsche Beitrag zum UNESCO-Weltaktionsprogramm“ herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der dazugehörigen Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung (2017) hervorzuheben, da in der aktuellen Diskussion bis heute zahlreiche Aktivitäten in den unterschiedlichen Handlungsfeldern darauf Bezug nehmen. Die Bundesregierung (2021, S. 49) weist im Bericht über die Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung ebenso auf die Bedeutung des Nationalen Aktionsplans, sowie die Schlüsselrolle der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung hin.

Ein weiterer Punkt der auch vom Nationalen Aktionsplan (Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung, 2017, S. 49) mitangestoßen wurde, war die Überarbeitung und Aktualisierung der Standardberufsbildposition „Umweltschutz“. Die insgesamt vier Standardberufsbildpositionen sind unabhängig und zusätzlich von den jeweiligen berufsspezifischen Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten verankert, weshalb sie Pflichtbestandteil einer jeden Ausbildungsordnung sind und dabei während der gesamten Ausbildungszeit gültig sind (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2021, S. 5). Der BIBB-Hauptausschuss (2021, S. 12–13) beschreibt in einer Handreichung die sechs wesentlichen Bereiche für die Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ mit jeweils ausführlichen Erläuterungen inklusive Beispiele für die betriebliche Umsetzung. Das Berufsbildungsgesetz (§ 5 Abs. 1 BBiG) regelt, dass es für jeden anerkannten Ausbildungsberuf eine eigene Ausbildungsordnung gibt, in dem ein Ausbildungsrahmenplan mit entsprechenden Lernzielen, sowie -inhalten und Prüfungsanforderungen festgelegt werden. Dazu entwickeln und aktualisieren die Bundesländer in enger Abstimmung mit der (neuen) Ausbildungsordnung die KMK-Rahmenlehrpläne (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2023, S. 12). In der Handreichung für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen der Kultusministerkonferenz (2021, S. 10–12) wird darauf verwiesen, dass die Rahmenvereinbarung über die Berufsschule (Kultusministerkonferenz, 2024b) normgebend für den Unterricht an der Berufsschule sei. Darin enthalten seien auch wichtige Bezüge zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, die bei der Entwicklung dieser Ordnungsmittel unmittelbar in die Lernfelder der Rahmenlehrpläne überführt werden sollen und somit teilweise direkte curriculare Vorgaben darstellen. In der Rahmenvereinbarung über die Berufsschule werden außerdem die Aufgabe und die Ziele der Berufsschule näher bestimmt, worin BNE und BNE-nahe Themen eine Rolle spielen. Darüber hinaus gibt es einen Empfehlungsbeschluss der Kultusministerkonferenz (2024a) zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule. Darin werden insbesondere drei Punkte angesprochen: (1) Bildungsverständnis und Zielsetzung von BNE in Schule (2) Empfehlungen zur Weiterentwicklung für BNE in der Unterrichtsentwicklung und (3) Empfehlung zum Umgang mit dem bildungstheoretischen Diskurs über die Normativität von BNE.

Trotz Varianzen und Kritik an den unterschiedlichen Vorhaben zur Überführung und Interpretation des abstrakten Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung in die konkrete Gestaltung nachhaltiger Entwicklung innerhalb der unterschiedlichen Kontexte, ist dieser Themenbereich nach Fischer und Hantke (2017, S. 165–167) insbesondere in der Berufsbildung weitgehend als Konsens etabliert und wird auch in diverse Aktions- und Forschungsprogramme überführt. Dennoch zeigt sich die didaktische Umsetzung einer Beruflichen Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BBNE) im Unterricht an Berufsbildenden Schulen konzeptionell kaum einheitlich fundiert. Dies wirft die Frage auf wie Lehrkräfte und Wissenschaft die abstrakten Leitgedanken Nachhaltiger Entwicklung in konkrete berufsspezifische Lehr-Lernarrangements überführen können (Rieckmann & Holz, 2017, S. 8–9). Bei der Integration von (B)BNE als normatives Bildungsziel für die Berufsbildung stehen die abstrakten Ansprüche Nachhaltiger Entwicklung nicht allein, sondern sind eng mit der Beruflichkeit verwoben (Hemkes et al., 2013, S. 31). Dieser Gedanke findet sich auch von Becker et al. (2026) in einem aktuell zur Diskussion gestellten Leitbild einer nachhaltigen Kernberuflichkeit wieder. Vor diesem Hintergrund stellt sich für diesen Beitrag die übergeordnete Forschungsfrage, wie die Didaktik zur Umsetzung von BBNE im Unterricht an berufsbildenden Schulen beschrieben werden kann.

2 Theoretischer Rahmen zur Entwicklung der Forschungsfrage(n) und Analysekategorien

2.1 Didaktik & das Berliner Didaktik-Modell

Für den vorliegenden Beitrag soll das zugrunde gelegte Begriffsverständnis von Didaktik kurz dargelegt werden „Die Didaktik thematisiert die Gestaltung von Lernangeboten in den unterschiedlichen Kontexten, in denen Lernen angeregt und Bildung ermöglicht werden soll.“ (Kerres, 2021, S. 59). Mit der Institutionalisierung von Unterricht haben sich hierfür jedoch unterschiedliche Verständnisse herausgebildet, die je nach wissenschaftstheoretischer Perspektive variieren. Der Begriff der Didaktik umfasst dabei nicht nur das Lehren und Lernen selbst, sondern ebenso die Auswahl und Begründung von Inhalten und Zielen, die methodische und mediale Gestaltung sowie die Berücksichtigung der jeweiligen Lern- und Rahmenbedingungen. Das zentrale Anliegen der allgemeinen Didaktik sei in Hinblick auf diese Kategorien Handlungs- und Reflexionsimpulse bei der Gestaltung von Unterricht bzw. von Lehr-Lernarrangements zu geben. Betrachtet man dabei Didaktik im engeren Sinne geht es bei Klafki zunächst primär um die Auswahl der Inhalte, während Didaktik im weiteren Sinne auch die Rahmenbedingungen von Unterricht miteinbezieht wie im lehr-lern-theoretischen Ansatz nach Heimann, Otto und Schulz (Hinz et al., 2016, S. 25–26). Wilbers (2025, S. 12–13) spricht hier von didaktischen Modellen, welche allgemein, für spezifische Schulfächer (Fachdidaktiken), sowie diverse Bereiche (Bereichsdidaktiken) gelten können. Darüber hinaus unterscheidet er zwischen Struktur- und Prozessmodellen, die gestaltende Elemente und/oder den Gestaltungsprozess in den Fokus nehmen können.

Zur Systematisierung und Diskussion der Didaktischen Ansätzen zu BBNE braucht es eine valides Strukturmodell. Das Berliner Didaktik-Modell nach Heimann, Otto und Schulz hat gerade die deutschsprachige Diskussion über Didaktik entscheidend mitgeprägt und stellt eine angemessene Struktur zur Analyse dar. Mit dem Modell schaffen die Autoren zwei Reflexionsanlässe in Bezug auf Unterricht: (1) Analyse von Unterrichtsbeobachtungen und (2) wissenschaftlich reflektierte didaktische Entscheidungen bei der Planung von Unterricht. Diese Reflexionen erfolgen auf zwei Stufen: (1) Der Struktur-Analyse und (2) Faktoren-Analyse (Arnold & Lindner-Müller, 2016, S. 133–135; Heimann, 1962, S. 413–414).

Abbildung 1: Modell der Berliner Didaktik nach Schulz (Arnold & Lindner-Müller, 2016, S. 138)Abbildung 1: Modell der Berliner Didaktik nach Schulz (Arnold & Lindner-Müller, 2016, S. 138)

Die Struktur-Analyse beschreibt den formalen Aufbau von Unterricht und bildet den Kern des Modells. In der Abbildung 1 wird diese durch die vier Entscheidungsfelder Intentionen, Themen (Inhalte), Methoden und Medien dargestellt. Sie markieren die zentralen didaktischen Entscheidungsdimensionen, die bei der Planung von Unterricht berücksichtigt werden müssen. Unter Intentionen werden die angestrebten Unterrichtsziele verstanden, die unterschiedliche Anspruchsniveaus und Lernbereiche (z. B. kognitiv, emotional, pragmatisch) umfassen können. Die übrigen Entscheidungsfelder konkretisieren diese Zielsetzungen inhaltlich, methodisch und medial. Charakteristisch für das Berliner Modell ist, dass diese Felder nicht unabhängig voneinander gedacht werden. Die in der Grafik dargestellten Pfeilverbindungen, verdeutlichen die von Heimann betonte durchgehende Interdependenz: Inhalte beeinflussen die Wahl von Methoden und Medien, diese wirken wiederum auf die Zielsetzung zurück. Unterricht wird somit als Gefüge wechselseitig abhängiger Entscheidungen verstanden, nicht als lineare Abfolge einzelner Planungsschritte (Arnold & Lindner-Müller, 2016, S. 135; Heimann, 1962, S. 415–418).

Die Faktoren-Analyse ergänzt die Struktur-Analyse, indem sie die konkreten Bedingungen berücksichtigt, unter denen Unterricht stattfindet. In der Grafik werden diese als Bedingungsfelder oberhalb der Entscheidungsfelder sowie als Folgen des Unterrichts unterhalb dargestellt (Arnold & Lindner-Müller, 2016, S. 135–136; Heimann, 1962, S. 422–423).

Im Zentrum der Analyse sollen im Folgenden insbesondere die sog. Entscheidungsfelder: „Intention, Themen, Methoden, Medien“ in den Fokus gerückt werden. Die Dimensionen der Faktoren-Analyse sollen im Rahmen der Literaturanalyse vernachlässigt werden, insofern sie nicht ein impliziten Teil der Entscheidungsfelder darstellen. Für die nachfolgende Analyse stellt sich auf Grundlage dieser theoretischen Vorüberlegungen die Frage, wie sich die didaktischen Ansätze einer BBNE mit Hilfe der Struktur-Analyse aus dem Berliner Modell beschreiben lassen.

2.2 Didaktik & Subjektbereiche der Berufsbildung

Neben den Modellen der allgemeinen Didaktik gibt es insbesondere für die Berufsbildung eine große Vielzahl an Didaktik-Modellen. Eine erste Auflistung dieser überwiegend wirtschaftsdidaktisch geprägten Ansätze findet man bei Wilbers (2025, S. 15). Ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt könne im Kontext der Berufsbildung nach Schall und Howe (2024, S. 18) „die Leitidee der beruflichen Handlungsfähigkeit“ sein. Die Kultusministerkonferenz (2021, S. 10–11) spricht hier von berufsbezogenen und berufsübergreifenden Handlungskompetenzen.

Die erhebliche fachliche Breite der Berufsbildung, welche sich nach Wilbers (2022, S. 4–5) in den drei Subjektbereiche „Kaufmännische Bildung, gewerblich-technische Bildung, sowie Bildung für personenbezogenen Dienstleistung“ innerhalb der Berufs- und Wirtschaftspädagogik gliedert, führt auch zu unterschiedlichen didaktischen Zugängen und Ansätzen. Nach Lange (2023, S. 237–238) sind diese Subjektbereiche eng im aktuellen Selbstverständnis der Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) verankert. Dieser Gegenwartszustand wird von Lange mit der Mitteilung der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (2014, S. 1) über die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe zur Erarbeitung des Basiscurriculum für das universitäre Studienfach BWP begründet und im weiteren Verlauf ihres Beitrages allerdings auch durchaus kritisch hinterfragt. Im Folgenden werden die drei Subjektbereiche nach Wilbers (2022, S. 4–5) kurz eingeführt:

Die kaufmännische Bildung umfasst jene Bereiche der Berufsbildung, die auf berufliches Handeln in Verwaltung, Organisation und Steuerung wirtschaftlicher Prozesse ausgerichtet sind. Sie schließt sowohl branchenspezifische als auch branchenübergreifende kaufmännische Tätigkeitsprofile ein und ist in nahezu allen Wirtschaftssektoren verortet. Wissenschaftsdisziplinär ist sie der Wirtschaftspädagogik zugeordnet. Abzugrenzen ist sie von der ökonomischen Bildung als Teil der Allgemeinbildung, die nicht auf berufliche Handlungskontexte fokussiert ist.

Die gewerblich-technische Bildung bezieht sich auf berufliche Tätigkeiten, die auf Gegenstände bezogen sind, was allerdings auch Dienstleistungen wie Reparaturen und Instandhaltung miteinschließen. Sie findet sich insbesondere in Industrie und Handwerk, ist jedoch nicht auf einzelne Branchen beschränkt. Dazu gehören beispielsweise insbesondere Berufe im Bereich der Metall-, Elektro-, Bau- und Holztechnik. Der Subjektbereich ist traditionell der Berufspädagogik zugeordnet und von der technischen Bildung der Allgemeinbildung zu unterscheiden. Durch digitale und informationstechnische Entwicklungen haben sich die Abgrenzungen zur kaufmännischen Bildung zunehmend abgeschwächt.

Die Bildung für personenbezogene Dienstleistungen umfasst zum einen Berufe im Gesundheitsbereiche. Dazu zählen medizinisch-kaufmännische (Medizinische Fachangestellte), sowie medizinisch-technische Berufe (Augenoptiker). Zum anderen gehören personenbezogene Dienstleistungen in den Bereichen der Körperpflege (z.B. Friseur), Erziehung (z.B. Erzieher) und Hauswirtschaft (z. B. Koch). Akademisch wird dieser schwer abgrenzbare Bereich der akademischen Disziplin der Berufs- und Wirtschaftspädagogik zugeordnet und nimmt innerhalb der Berufsbildung eine besondere Stellung ein.

Hinsichtlich der skizzierten fachlichen Breite der Berufsbildung stellt sich die Frage, welche Subjektbereiche von den didaktischen Ansätzen einer BBNE adressiert werden.

2.3 (Berufliche) Bildung für nachhaltige Entwicklung

Die Leitidee einer Nachhaltigen Entwicklung formuliert normative Orientierungen für individuelles und gesellschaftliches Handeln mit dem Ziel, die natürlichen Lebensgrundlagen langfristig zu sichern beziehungsweise wiederherzustellen. Angesichts der ökologischen und sozialen Folgewirkungen industrieller Wirtschaftsweisen handelt es sich dabei weniger um eine visionäre Zielvorstellung als vielmehr um eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Vor diesem Hintergrund kommt der Arbeitswelt eine zentrale Bedeutung zu, da wirtschaftliche Prozesse (in Deutschland) maßgeblich in Form von Berufen organisiert sind und die Beruflichkeit weiterhin ein prägendes Strukturmerkmal für Arbeits- und Geschäftsprozesse darstellt (Kastrup & Kuhlmeier, 2022, S. 87).

Aus dieser engen Verflechtung von Wirtschaft, Arbeit und Beruf zeigt sich, dass berufliche Tätigkeiten sowie die darauf bezogene Bildung erheblichen Einfluss auf nachhaltige Entwicklungsprozesse ausüben können. Berufsbildung stellt damit einen “kritischen Ort“ für gesellschaftliche Transformationsprozesse dar, da sie unmittelbar an der Gestaltung beruflicher Praxis ansetzt (Kuhlmeier, 2016, S. 96). Berufsarbeit wirkt dabei kontinuierlich auf unterschiedlichen Ebenen — lokal, regional, national und global — auf ökologische, ökonomische und soziale Zusammenhänge ein. Gleichzeitig stellt die Arbeitswelt einen gesellschaftlichen Bereich dar, in welchem Impulse für entscheidende Innovationen eines nachhaltigen Transformationsprozesses entstehen (Schütt-Sayed & Vollmer, 2017, S. 85-86). Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, die Nachhaltigkeitsidee als einen zentralen Gegenstand Beruflicher Bildung zu verankern. Die Kultusministerkonferenz (2024a, S. 8) empfiehlt zur Umsetzung von (B)BNE einen sog. „Whole-School-Approach“ als ganzheitlichen Ansatz für die Schulentwicklung. Dieses Literatur-Review wird dabei insbesondere als Beitrag zur Weiterentwicklung der Diskussion im Bereich Unterrichtsentwicklung verstanden. Im Zentrum steht dabei das Ziel, Lernende dazu zu befähigen, berufliche wie auch lebensweltliche Handlungssituationen im Sinne der Nachhaltigkeit reflektiert zu gestalten (Hahne, 2007, S. 13). Damit verbunden ist die Förderung von Kompetenzen, die eine nachhaltigkeitsorientierte Gestaltung von Arbeits- und Lebenswelten ermöglichen (Hemkes, 2014, S. 225). Darüber hinaus sollen Lernende in die Lage versetzt werden, nachhaltige und nicht-nachhaltige Prozesse zu analysieren, eigene Handlungsweisen kritisch zu reflektieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse kooperativ mitzugestalten (Haan). Gleichwohl bleibt die konkrete didaktische Ausgestaltung bislang vielfach offen. Schütt-Sayed (Schütt-Sayed, 2020, S. 16) stellt darüber hinaus fest, dass der Nachhaltigkeitsgedanke zum Teil zwar als regulative Idee aufgenommen ist, jedoch überwiegend auf einer abstrakten Ebene verharrt. Im Vergleich zur allgemeinbildenden BNE befindet sich die systematische didaktische Konkretisierung von BBNE daher weiterhin in einem frühen Entwicklungsstadium.

Die Nachhaltigkeitsdebatte und die Normativitätsdiskussion in der (Beruflichen) Bildung für nachhaltige Entwicklung:

Die moderne Nachhaltigkeitsdebatte gewann zunächst aufgrund des Berichts des Club of Rome aus dem Jahr 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ (Meadows et al., 1972) an Bedeutung. Dieser Blick auf die Grenzen des Wachstums wurde allerdings nicht von jedem geteilt. Solow (1974) vertrat die Position, dass sich die im Bericht des Club of Romes skizzierten Probleme auf die lange Sicht durch technischen Fortschritt und Substitutionsprozesse relativieren. Daraus entstand im wissenschaftlichen Diskurs nach Döring (2004, S. 3–4) die Unterscheidung zwischen starker und schwacher Nachhaltigkeit, welche auch im Laufe der Zeit, jeweils durch verschiedene Vertreter propagiert wird. Zwischen beiden Positionen sind in der Forschung vermittelnde Ansätze diskutiert worden, die zwischen substituierbarem und „kritischem“ Naturkapital unterscheiden. Letzteres soll nicht substituierbar und daher unbedingt zu erhalten sein. Jedoch hat sich gezeigt, dass die empirische Bestimmung solcher kritischen Bestände angesichts komplexer ökologischer Interdependenzen und erheblicher Wissensunsicherheiten kaum zuverlässig zu leisten sei (Döring, 2004, S. 6–8; Döring & Ott, 2001, S. 324–326). Auch wenn die Etablierung von Bildung für nachhaltige Entwicklung insbesondere in der Berufsbildung in Anlehnung an Fischer und Hantke (2017, S. 165–167) weitestgehend als Konsens gilt, gibt es im bildungstheoretischen Diskurs zu BNE drei mögliche, sowie prominente Strömungen: (1) Instrumentelle BNE, (2) Emanzipatorische BNE und (3) Transformative BNE.

Instrumentelle BNE (Syn.: Typ1 BNE oder Lernen für nachhaltige Entwicklung oder BNE als Erziehung)

Die instrumentelle Bildung für nachhaltige Entwicklung versteht Lernen primär als Mittel zur Förderung vorab definierter, als nachhaltig geltender Denk- und Handlungsweisen. Sie setzt dort an, wo Probleme nachhaltiger Entwicklung klar identifiziert und gesellschaftlich anerkannte Lösungsstrategien vorhanden sind, und zielt auf die Verhaltensänderung der Lernenden im Sinne dieser Zielsetzungen ab. Kritisch hervorgehoben wird dabei, dass Lernprozesse stark vereinfacht und normativ vorstrukturiert werden. Die pädagogische Beziehung ist durch ein Hierarchiegefälle gekennzeichnet, in dem Lehrende festlegen, welche Werte und Verhaltensweisen als nachhaltig gelten. Damit geht die Gefahr einher, Lernende zu instrumentalisieren und ihre eigenständige politische Urteils- und Willensbildung einzuschränken, auch wenn die vermittelten Werte grundsätzlich mit nachhaltiger Entwicklung vereinbar sind (Bremer, 2025, S. 278–279; Rieckmann, 2021, S. 7–8; Vare & Scott, 2007, S. 192–193; Wals, 2011, S. 178–179).

Emanzipatorische BNE (Syn.: Typ 2 BNE oder Lernen als nachhaltige Entwicklung oder BNE als Bildung)

Die emanzipatorische Bildung für nachhaltige Entwicklung rückt die Befähigung zu kritischem Denken und eigenständiger Urteilsbildung in den Mittelpunkt. Lernen wird hier als Prozess verstanden, der es ermöglicht, Aussagen von Expert:innen zu Problemen und Lösungen nachhaltiger Entwicklung zu reflektieren, Widersprüche aufzudecken und unterschiedliche Perspektiven gegeneinander abzuwägen. Anstelle der Vermittlung vorgegebener Verhaltensziele steht der Kompetenzerwerb im Fokus, der Lernende in die Lage versetzt, informierte Entscheidungen im Sinne nachhaltiger Entwicklung zu treffen. Diese Form der BNE gilt als Voraussetzung dafür, nachhaltige Entwicklung aus einem geschlossenen Expertendiskurs herauszulösen und als gesamtgesellschaftlichen Lern- und Aushandlungsprozess zu gestalten (Bremer, 2025, S. 278–279; Rieckmann, 2021, S. 7–8; Vare & Scott, 2007, S. 192–195; Wals, 2011, S. 179–180)

Transformative BNE

Die transformative Bildung für nachhaltige Entwicklung geht von der grundlegenden Offenheit und Unbestimmtheit nachhaltiger Entwicklungsprozesse aus. Da nachhaltige Entwicklung von Unsicherheiten, Komplexität und sich ständig verändernden Problemlagen geprägt ist, können weder eindeutige Zielzustände noch lineare Lernprozesse für das Subjekt bzw. dem Lernenden vorausgesetzt werden. Transformative BNE zielt daher auf eine fortlaufende Transformation des individuellen Selbst- und Weltverhältnisses ab, d. h. ein fortlaufender Anpassungsprozess zwischen individueller Veränderung und gesellschaftlichem Wandel. Dabei wird Lernen als Prozess verstanden, der kontinuierliche Anpassungen an neue Herausforderungen erfordert und neben subjektiven und gesellschaftlichen Dimensionen auch globale Zusammenhänge einbezieht. Dazu zählen z. B. Ansätze des „Service-Learning“ (Bormann et al., 2022, S. 45–50; Koller, 2023, S. 15–21; Schneunpflug, 2019, S. 64–67; Vare & Scott, 2007, S. 193; Wals, 2011, S. 181–182).

Bei der Betrachtung dieser drei Strömungen einer BNE ist allerdings festzuhalten, dass es sich keineswegs um starre und klar voneinander abgrenzbare Bereiche handelt. Diesbezüglich beschreiben Vare und Scott (2007, S. 193–196) mit den BNE-Typen 1 und 2 von zwei komplementären Perspektiven auf BNE, die sich gegenseitig ausgleichen und somit ein Kontinuum aufspannen. Pettig (2021) sieht zwischen emanzipatorischer und transformatorischer BNE weder einen Widerspruch noch ein Kontinuum, sondern designt transformative Lernangebote so, dass sie zugleich auch kritisch-reflexiv sind. Hinsichtlich der nachstehenden Analysen stellt sich demnach die Frage, inwiefern die zu betrachtenden Beiträge, diese unterschiedlichen Herangehensweisen von und Perspektiven auf BNE in den beschriebenen didaktischen Ansätzen berücksichtigen bzw. reflektieren.

3 Systematic Review – methodisches Vorgehen

Ein Systematic Review (SR) stellt ein methodisch geleitetes Vorgehen dar, mit dem ein klar abgegrenztes Forschungsfeld systematisch erfasst, synthetisiert und kritisch eingeordnet wird (Engelmann, 2024, S. 1; Randles & Finnegan, 2023, S. 1). Es handelt sich dabei um eine eigenständige empirische Forschungsarbeit, die auf transparent dokumentierten und reproduzierbaren Vorgehensweisen basiert und einem standardisierten Ablauf folgt. Ziel des SR ist es, einschlägige Studien und Publikationen im Hinblick auf ihre Relevanz sowie ihre methodische Qualität in Bezug auf eine vorab definierte Forschungsfrage systematisch zu bewerten. Zudem wird ein strukturierter Überblick über den aktuellen Forschungsstand sowie die Identifikation bestehender Forschungslücken und Desiderate ermöglicht (Anlezark et al., 2005, S. 12; Randles & Finnegan, 2023, S. 2).

Auf dieser Grundlage wird im Folgenden der Forschungsstand zur Didaktik der BBNE im berufsbezogenen Unterricht untersucht. Im Einklang mit den PRISMA-Standard wird einen systematischen Überblick über aktuelle didaktische Ansätze und ihre Einordnung in verschiedene normative Strömungen gewonnen. Methodisch orientiert sich der Beitrag an den Leitlinien systematischer Literaturübersichten nach Randles und Finnegan (2023) sowie Engelmann (2024) und folgt einem transparenten und nachvollziehbaren Vorgehen. Der Forschungsprozess umfasst 1) die Konkretisierung der Forschungsfrage und der Ein- und Ausschlusskriterien, 2) die Entwicklung einer Suchstrategie, 3) das Durchführen des Screenings und die Auswahl relevanter Beiträge, 4) die Analyse und Synthese der Datenbasis sowie 5) die Diskussion der Ergebnisse (Randles & Finnegan, 2023, S. 1-4). Die Durchführung ist dabei nicht linear, sondern iterativ – einzelne Arbeitsschritte können auch mehrfach durchlaufen werden (Ohlwein, 2025, S. 3). Da ein SR in diesem Sinne sowohl einen theoretisch-konzeptionellen Teil in Form der Literaturrecherche als auch einen analytischen Teil in Form der Auswertung der Datenbasis umfasst (Engelmann, 2024, S. 2), wird das methodische Vorgehen in den jeweiligen Schritten im Folgenden getrennt voneinander dargestellt.

3.1 Systematische Literaturrecherche

Konkretisierung der Forschungsfrage und der Ein- und Ausschlusskriterien:

Auf Grundlage der theoretischen Vorüberlegungen konnte die Zielsetzung in der zentralen Forschungsfragen noch geschärft werden: Wie wird die Didaktik zur Umsetzung von Beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung im Unterricht an Berufsbildenden Schulen beschrieben? Um diese im Rahmen eines SR beantworten zu können, bedarf es einer weiteren Ausdifferenzierung von Teilforschungsfragen (TF):

TF 1: Wie lassen sich die didaktischen Ansätze der BBNE mit Hilfe der Struktur-Analyse aus dem Berliner Modell systematisch beschreiben?

TF 2: Welche Subjektbereiche der Berufsbildung werden von den didaktischen Ansätzen der BBNE adressiert?

TF 3: Inwiefern findet eine reflektierte Einordnung der didaktischen Ansätze in die normativ unterschiedlichen Strömungen statt?

TF 4: Wie lassen sich die Ansätze in der theoretischen, empirischen Diskussion, sowie mit Beiträgen aus der Praxis im wissenschaftlichen Diskurs verorten?

Der skizzierte theoretisch-konzeptionellen Rahmens (Kapitel 1-2) dient als Grundlage für die Entwicklung von Ein- und Ausschlusskriterien des SR. Um die präzisierten Forschungsfragen beantworten zu können, sollen bei der systematischen Literatursuchen Publikationen eingeschlossen werden, die sich auf Berufliche Bildung in Deutschland im Kontext einer Nachhaltigen Entwicklung oder Nachhaltigkeit im berufsbezogenen Unterricht beziehen und didaktische Aspekte einer BBNE (Inhalte/ Themen, methodische Umsetzung, Medien, Rahmenbedingungen und normative Zielsetzungen) thematisieren. Bei den Beiträgen kann es sich um Zeitschriftenaufsätze, Beiträge in Sammelbänden sowie Monografien in deutscher sowie englischer Sprache im Publikationszeitraum von 2000-2026 (kurz vor der Weltdekade BNE bis zur Gegenwart) handeln. Ausgeschlossen werden sollen Beiträge, in denen der Fokus nicht auf der Berufliche Bildung liegt, oder in denen ausschließlich auf betriebliches sowie überbetriebliches Lehren und Lernen eingegangen wird (Abbildung 2).

Entwicklung einer Suchstrategie:

Auf Grundlage einer vorgelagerten Scoping-Recherche konnte eine detaillierte Suchstrategie entwickelt werden, die einen systematischen Suchvorgang gewährleistet. Der Entwurf einer konkreten Suchstrategie und eines Suchalgorithmus erhöht die Validität des Forschungsvorhabens und wird nachstehend transparent dokumentiert (Randles & Finnegan, 2023. S. 4). Die Scoping-Recherche diente dabei nicht nur der ersten Orientierung im Forschungsfeld, sondern auch der methodischen Präzisierung des weiteren Vorgehens. Die dabei gewonnenen Hinweise auf eine vergleichsweise dünne Literaturlage zur Didaktik einer BBNE wurden bei der Ausgestaltung der Suchstrategie berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund wurde entschieden, zwei einschlägige bildungswissenschaftliche Datenbanken einzubeziehen, um einen möglichst breiten Analysekorpus generieren zu können. Für die Durchführung der systematischen Literaturrecherche wurden die Datenbanken FIS Bildung und VET Repository berücksichtigt, die sich hinsichtlich ihrer Struktur und Suchlogik unterscheiden und daher jeweils eine angepasste Suchstrategie erfordern. Diese unterschiedlichen datenbankspezifischen Anforderungen wurden bei der Konzeption und Durchführung der Recherche entsprechend berücksichtigt.

Die erste Literatursuche erfolgte am 14.01.2026 in der wissenschaftlichen Fachdatenbank FIS Bildung. Im Rahmen der Recherche wurde in dieser Datenbank bewusst auf die Verwendung eines stark ausdifferenzierten Suchalgorithmus mit komplexen Booleschen Operatoren verzichtet und stattdessen mit zentralen Schlagworten gearbeitet. Dies ist darauf zurückzuführen, dass FIS Bildung als bibliothekarisch strukturierte Fachdatenbank stark auf kontrollierte Deskriptoren und eine feldspezifische Indexierung ausgerichtet ist (Fachportal Pädagogik), wodurch umfangreiche Suchstrings häufig zu einer übermäßigen Einschränkung der Trefferanzahl führen kann. Die Suche erfolgte daher auf Grundlage folgender Schlagwortkombination (Trefferquote n=42):

Nachhaltigkeit, Nachhaltige Entwicklung, Didaktik, Berufsbildung

Der zweite Suchvorgang erfolgte am 24.01.2026 in der Literaturdatenbank VET Repository. Dabei handelt es sich um eine stärker textbasierte Datenbank, die eine Recherche über komplexere Suchstrings mit Booleschen Operatoren unterstützt und erfordert. Entsprechend wurde hier ein thematisch differenzierter Suchalgorithmus eingesetzt, um einschlägige Beiträge zur Didaktik BBNE möglichst präzise zu identifizieren. Die Suche erfolgte auf Grundlage des folgenden Suchstrings (Trefferquote n=1356):

(BBNE OR “Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung”) AND (didakti* OR Curricul*) AND (Unterricht* OR Schul* OR Lernsituation*)

Durchführung des Screenings und Auswahl der relevanten Beiträge:

Die Auswahl der Literatur erfolgte auf Grundlage der klar definierter Ein- und Ausschlusskriterien, um die Relevanz und Qualität der Beiträge sicherzustellen. Die Datenbankrecherche ergab insgesamt 1398 Treffer (vgl. Abbildung 2). Nach der Entfernung von Dubletten wurde die Passung der Publikationen durch einen zweistufigen Selektionsprozess sichergestellt (Newman & Gough, 2020, S.11): In einem ersten Schritt wurden die Titel und Abstracts durch beide Autor*innen überprüft, um festzustellen, ob die Publikationen hinsichtlich der Ein- und Ausschlusskriterien relevant sind. In diesem Zuge wurden zudem Sammelbände nicht ausschließlich als Gesamtpublikation betrachtet. Die darin enthaltenen Einzelbeiträge wurden jeweils separat identifiziert und ebenfalls in das Screening einbezogen wurden. Auf diese Weise konnte sichergestellt werden, dass thematisch einschlägige Beiträge innerhalb von Sammelbänden angemessen berücksichtigt werden.

Nach Abschluss der ersten Sichtung wurden insgesamt 60 Beiträger für relevant eingestuft. In einem zweiten Schritt wurde jeweils der komplette Text einem Screening unterzogen. Auf Basis dieser Volltextlektüre wurden schließlich 31 Publikationen ausgewählt, die aufgrund ihrer thematischen Ausrichtung für die Beantwortung der Forschungsfragen geeignet erschienen. Während der Analyse selbst wurden vier Artikel auf Grund fehlender Passung aus dem Analysekorpus entfernt, sodass der finale Analysekorpus aus insgesamt 26 Publikationen besteht. Der Auswahlprozess ist in Abbildung 2 in Anlehnung an ein PRISMA-Flow-Diagramm dargestellt. Die Tabelle 1 gibt einen Überblick über den final Analysekorpus.

Tabelle 1: Übersicht und Beschreibung der selektierten Publikationen

Publikation

Beer, M. (2022). Arbeits- und Lernaufgaben zur Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen in der Berufsbildung - didaktische Überlegungen zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. berufsbildung - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog, 76(193), 56–58.

Braches-Chyrek, R. (2023). Sozialpädagogik und nachhaltige Bildung: Didaktische Überlegungen. berufsbildung - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog, 77(4), 36–38.

Bünning, F. & Kalisch, C. (2010). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Didaktische Ansätze zur Umsetzung des Konzepts der Nachhaltigkeit. berufsbildung - Zeitschrift für Theorie-Praxis-Dialog, 64(124), 12–14.

Dieball, F., Pfeiffer, M., Pittich, D., Tenberg, R. & Diezemann, E. (2022). Nachhaltigkeitsaudits als innovative Lernarrangements für BBNE. In C. Michaelis & F. Berding (Hrsg.), Wirtschaft - Beruf - Ethik: Bd. 39. Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Umsetzungsbarrieren und interdisziplinäre Forschungsfragen (S. 243–260). wbv Publikation.

Euler, P. (2022). "Nicht-Nachhaltige Entwicklung" und ihr Verhältnis zur Bildung. Das Konzept "Bildung für nachhaltige Entwicklung" im Wiederspruch von Systemmodernisierung und grundsätzlicher Systemtransformation. In C. Michaelis & F. Berding (Hrsg.), Wirtschaft - Beruf - Ethik: Bd. 39. Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Umsetzungsbarrieren und interdisziplinäre Forschungsfragen (S. 71–90). wbv Publikation.

Hahne, K. (2008). Konturen einer Didaktik für die nachhaltige Entwicklung in der Berufsbildung. lernen & lehren, 23(90), 60–67.

Hahne, K. & Kuhlmeier, W. (2008). Kompetenzentwicklung für nachhaltiges Bauen. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online (Spezial 4 HT2008), 1–15. https://www.bwpat.de/ht2008/ft01/hahne_kuhlmeier_ft01-ht2008_spezial4.pdf

Hantke, H. (2020). Zukunftsdiskurse curricular intendiert - Plädoyer für eine ehrliche Lehrplanrezeption. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online(Spezial 17), 1–27. https://www.bwpat.de/spezial17/hantke_spezial17.pdf

Kaiser, F. (2024). Berufliche Bildung braucht zur Überwindung einer nicht-nachhaltigen Gegenwart ein anderes Orientierungsmodell. DENK-doch-MAL.de Das online-Magazin. https://denk-doch-mal.de/franz-kaiser-berufliche-bildung-braucht-zur-ueberwindung-einer-nicht-nachhaltigen-gegenwart-ein-anderes-orientierungsmodell/#toggle-id-1-closed

Kastrup, J. (2009). Gestaltung von Lernaufgaben für eine nachhaltigkeitsorientierte Ausbildung. Haushalt & Bildung: Gesundheit, Umwelt, Zusammenleben, Verbraucherfragen, Beruf, 86(3), 34–40.

Kastrup, J. (2013). Leitlinien für die didaktische Gestaltung der Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung anhand von Beispielen aus der Ernährung und Hauswirtschaft. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online (Spezial 6 HT2013), 1–12. http://www.bwpat.de/ht2013/ft05/arling_spijkers_ft05-ht2013.pdf

Kreuzer, C., Ritter von Marx, S., Bley, S., Reh, S. & Weber, S. (2017). Praxisorientierte Gestaltung einer App-basierten Lern- und Assessmentumgebung für nachhaltige Wirtschaften im Einzelhandel. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online(33), 1–29. http://www.bwpat.de/ausgabe33/kreuzer_etal_bwpat33.pdf

Kuhlmeier, W. & Vollmer, T. (2013). Didaktik gewerblich-technischer Berufsbildung im Kontext der UN-Dekade "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung". bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online(24), 1–22. http://www.bwpat.de/ausgabe24/kuhlmeier_vollmer_bwpat24.pdf

Kuhlmeier, W. & Vollmer, T. (2018). Ansatz einer Didaktik der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung. In T. Tramm, M. Casper & T. Schlömer (Hrsg.), Didaktik der beruflichen Bildung - Selbstverständnis, Zukunftsperspektiven und Innovationsschwerpunkte (S. 131–151).

Michenthaler, J. & Salzmann-Schojer, K. (2021). Regionale Nachhaltige Ernährungssysteme erforschen und mitgestalten. Entwicklung eines Lernmoduls. Haushalt in Bildung & Forschung, 10(4), 3–16.

Nagel, S. (2025). Aufarbeitungsanalyse gebrauchter Produkte und Komponenten Nachhaltigkeitsorientiertes Ausbildungs- und Unterrichtsverfahren für den Lernfeldunterricht. lernen & lehren, 40(157), 19–26.

Nagel, S. (2025). Zirkuläre Arbeitswelten - Aufarbeitung als Handlungsfeld und Gegendstand einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. In M. Becker, R. Dreher, M. Frenz & L. Windelband (Hrsg.), Berufsbildung, Arbeit und Innovation: Bd. 87. Lern- und Arbeitsprozesse im Wandel: Transformation gewerblich-technischer Facharbeit und Berufsbildung (S. 117–138). wbv Publikation.

Nuxoll, J., Goller, A. & Markert, J. (2022). Der Schulgarten als potenzieller Lernort einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Eine Befragung von Expertinnen und Experten. Haushalt in Bildung & Forschung, 11(3), 66–78.

Schütt-Sayed, S., Zopff, A. & Kuhlmeier, W. (2023). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung im Denkmalschutz - Herausforderungen und Potenziale des Lernens an einem Realobjekt. In I. Pfeiffer & H. Weber (Hrsg.), Zum Konzept der Nachhaltigkeit in Arbeit, Beruf und Bildung - Stand in Forschung und Praxis (S. 129–147). Verlag Barbara Budrich.

Spangenberger, P., Matthes, N., Kapp, F. & Kruse, L. (2023). Serious Games als methodischer Ansatz zur Auseinandersetzung mit erneuerbaren Energien in der beruflichen Bildung: zwei Anwendungsbeispiele. In I. Pfeiffer & H. Weber (Hrsg.), Zum Konzept der Nachhaltigkeit in Arbeit, Beruf und Bildung - Stand in Forschung und Praxis (S. 148–163). Verlag Barbara Budrich.

Vollmer, T. (2013). Generation Nachhaltigkeit - Überlegungen über Perspektiven der elektro- und metalltechnischen Berufsbildung. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online(Spezial 6 HT2013), 1–27. http://www.bwpat.de/ht2013/ft08/vollmer_ft08-ht2013.pdf

Vollmer, T. (2014). Berufliche Gestaltungskompetenz für eine nachhaltige Entwicklung. Herausforderung für berufliche Schulen. lernen & lehren, 29(115), 92–99.

Weber, S., Off, M., Kreuzer, C. & Bley, S. (2022). "What a Feeling" - Emotionale Ansprache von Auszubildenden zur Förderung nachhaltigen Konsumverhaltens. In C. Michaelis & F. Berding (Hrsg.), Wirtschaft - Beruf - Ethik: Bd. 39. Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Umsetzungsbarrieren und interdisziplinäre Forschungsfragen (S. 261–282). wbv Publikation.

Wolf, S. (2011a). Die Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung im Berufsfeld Metall - Konzepte, Möglichkeiten, Rahmenpläne. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik - online(20), 1–26. https://www.bwpat.de/ausgabe20/wolf_bwpat20.pdf

Wolf, S. (2011b). Das Berufsfeld metall und die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. In N. Fischer & A. Grimm (Hrsg.), Lernen und Lehren in der beruflichen Bildung: Professionalisierung im Spannungsfeld von Hochschule und Schule: Friedhelm Schütte zum 60. Geburtstag (S. 253–268). Peter Lang Verlag.

Zimpelmann, E. (2025). Alles nichts Neues(?) - "Wiederentdeckung" der gestaltungsorientierten Berufsbildung im Rahmen von BNE und Future Skills. In M. Becker, R. Dreher, M. Frenz & L. Windelband (Hrsg.), Berufsbildung, Arbeit und Innovation: Bd. 87. Lenr- und Arbeitsprozesse im Wandel: Transformation gewerblich-technischer Facharbeit und Berufsbildung (S. 151–162). wbv Publikation

Abbildung 2: Flussdiagramm zur Zusammenstellung des Analysekorpus (basierend auf der PRISMA Vorlage nach (Moher et al., 2009, S. 3)Abbildung 2: Flussdiagramm zur Zusammenstellung des Analysekorpus (basierend auf der PRISMA Vorlage nach (Moher et al., 2009, S. 3)

3.2 Auswertung der Datenbasis

Analyse und Synthese:

Die Auswertung der identifizierten Publikationen erfolgte mittels einer inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz(2018). Dieses Verfahren ermöglicht eine systematische, regelgeleitete und theoriegeleitete Aufbereitung umfangreicher Datenbestände und erweist sich insbesondere für die Analyse komplexer und interdisziplinärer Forschungsgegenstände als geeignet. Die Codierung des Materials erfolgte in einem kombinierten deduktiv-induktiven Vorgehen, wodurch sowohl theoretisch fundierte Kategorien als auch aus dem Material emergierende Aspekte berücksichtigt werden konnten. Zur Strukturierung des Analyseprozesses wurden vier Oberkategorien (OK) mit jeweils differenzierten Subkategorien entwickelt (Tabelle 2):

OK 1: Beschreibung der Didaktikon BBNE in Anlehnung an das Strukturmodell (Berliner-Modell)

OK 2: Subjektbereiche der Berufsbildung

OK 3: Strömungen normativer Ausrichtungen von BBNE

OK 4: Verortung im Wissenschaftsdiskurs

Die entwickelten Kategorien bildeten die Grundlage für die systematische Analyse sowie die vergleichende Einordnung der identifizierten Konzepte und Argumentationsmuster. Die Auswertung orientierte sich an den Kodierschritten der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach (Kuckartz, 2018, S.101) und umfasste die initiale Materialdurchsicht, die Entwicklung und sukzessive Präzisierung des Kategoriensystems, die Codierung des Datenmaterials sowie die anschließende Verdichtung und interpretative Aufbereitung der Ergebnisse. Die Darstellung der Befunde erfolgt im folgenden Kapitel in Form einer narrativen Synthese.

Tabelle 2: Kodierregeln für die Analyse 

Analysekategorie

Kategorienbeschreibung

Kodierregel

Ankerbeispiele

OK 1: Didaktische Aspekte einer BBNE

     

UK 1.1: Intention (deduktiv)

Angestrebte Unterrichtsziele auf unterschiedlichen Anspruchsniveaus und Lernbereichen in Hinblick auf BBNE.

Es wird kodiert, wenn konkrete Zielperspektiven, Kompetenzdimensionen oder intendierte Lernwirkungen benannt werden. Nicht kodiert werden allgemeine Problemaufrisse ohne Bezug zu intendierten Lernzielen.

„Berufliche Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zielt auf das Identifizieren und Ausgestalten von Spielräumen beruflicher und lebensweltlicher Handlungssituationen in zunehmender Übereinstimmung mit der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung“ (Hahne & Kuhlmeier, 2008, S. 3)

UK 1.2: Themen/ Inhalte (deduktiv)

Thematische, curricularen Ansatzpunkte einer BBNE.

Erfasst werden spezifische Nachhaltigkeitsthemen oder curriculare Anknüpfungspunkte. Nicht kodiert werden rein methodische oder organisatorische Hinweise ohne inhaltliche Konkretisierung.

"Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (vgl. ausführlich Vereinte Nationen 2015) – die nebenbei erwähnt gleichzeitig Themen einer nachhaltigen Entwicklung darstellen können" (Hantke, 2020, S. 6)

UK 1.3: Methoden (deduktiv)

Diskussion und Hervorheben von konkreten Lehr-Lernmethoden und -praktiken im Zusammenhang mit BBNE.

Es wird kodiert, wenn explizit eine Methode oder ein didaktisches Vorgehen beschrieben oder empfohlen wird. Nicht kodiert werden allgemeine Forderungen nach ‚Praxisnähe‘ ohne methodische Konkretisierung.

"Im vorliegenden Beitrag werden Serious Games als methodischer Ansatz vorgestellt, um Lernziele des SDG 7 mit konkreten beruflichen Tätigkeiten zu verknüpfen. Exemplarisch herangezogen werden die beiden Serious Games „Serena Supergreen“ und „MARLA-Masters of Malfunction“" (Spangenberger et al., 2023, S. 148)

UK 1.4: Medien (deduktiv)

Hinweise zu analogen, sowie digitalen Medien zur Gestaltung von BBNE

Es wird kodiert, wenn konkrete Medien, digitale Anwendungen oder Materialien benannt werden. Nicht kodiert werden rein inhaltliche Beschreibungen ohne medialen Bezug.

"Neben diesen Leitlinien (vgl. Inhaltskategorie) wird auch die Empfehlung ausgesprochen, bei Instruktionen zur Vermittlung der NGK vornehmlich innovative Verfahren (bspw. Computersimulationen) einzusetzen" (Kreuzer et al., 2017, S. 5)

UK 1.5: Übergreifende Didaktische Handlungsempfehlungen (induktiv)

Explizit formulierte praxisbezogene Empfehlungen zur konkreten Gestaltung, Umsetzung oder Weiterentwicklung von BBNE im Unterricht oder in der Ausbildung. Dazu zählen strukturierende Hinweise, Schritt-für-Schritt-Empfehlungen, Gelingensbedingungen oder konkrete Vorschläge zur Implementierung auf Unterrichts- oder Organisationsebene.

Es wird kodiert, wenn normative oder praxisorientierte Empfehlungen zur konkreten Umsetzung gegeben werden. Nicht kodiert werden rein theoretische Beschreibungen ohne handlungsleitenden Charakter.

 „Ein elementares Nachhaltigkeitsverständnis erleichtert das Erkennen sozialer und ökologischer Wirkungen der Aufarbeitung. Dieses kann sowohl im berufsbezogenen als auch im berufsübergreifenden Lernbereich gefördert werden (z. B. in den Fächern Politik sowie Werte und Normen bzw. Religion)“ (Nagel, 2025a, S. 23)

UK 1.6: Didaktische Prinzipien der Beruflichen Bildung im Kontext einer Nachhaltigen Entwicklung (induktiv)

Grundlegende didaktische Prinzipien von Lehr-Lern-Arrangements (z.B. Lernfeldorientierung, Handlungs- und Situationsorientierung, Ganzheitlichkeit, Praxis- und Berufsbezug oder Kompetenzorientierung - und ihre Verknüpfung mit BBNE)

Es wird kodiert, wenn grundlegende (berufspädagogische) didaktische Prinzipien diskutiert und mit BBNE in Beziehung gesetzt werden.

"Insofern geht der hier vorgestellte Ansatz der BBnE-Didaktik davon aus, konkrete Handlungssituationen als Ausgangspunkt

für die Befähigung zur nachhaltigkeitsorientierten Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft zu betrachten" (Kuhlmeier & Vollmer, 2018. S- 138)

OK 2: Subjektbereiche der Berufsbildung

     

UK 2.1: Kaufmännische Bildung (deduktiv)

Adressat*innenkreis sind branchenspezifische und -übergreifende kaufmännische Tätigkeitsprofile in nahezu allen Wirtschaftssektoren

Kodiert werden Textstellen, die sich auf berufliche Handlungsanforderungen in branchenübergreifenden oder branchenspezifischen kaufmännischen Berufsfeldern beziehen.

"Ausgangsfrage erörtert, inwiefern sich die Nachhaltigkeitsidee in den formalen Strukturen der wirtschaftsberuflichen Bildung wiederfindet"(Hantke, 2020, S. 2)

UK 2.2: Gewerblich-technische Bildung (deduktiv)

Adressat*innenkreis sind Tätigkeitprofile in Bezug auf Gegenstände/Materialien, sowie Dienstleistungen wie Reparaturen und Instandhaltung

Kodiert werden Textstellen, die sich auf berufliche Handlungsanforderungen in branchenübergreifenden oder branchenspezifischen gewerblich-technischen Berufsfeldern beziehen.

Erläuterung an Beispiele aus dem Kontext Anlagenmechaniker und Elektroniker (Hahne, 2008, S. 64)

UK 2.3: Bildung für personenbezogene Dienstleistungen (deduktiv)

Adressat*innenkreis sind Tätigkeitsprofile im Gesundheitsbereiche, personenbezogenen Dienstleistungen, Erziehung und Hauswirtschaft

Kodiert werden Textstellen, die sich auf berufliche Handlungsanforderungen in branchenübergreifenden oder branchenspezifischen personenbezogenen Berufsfeldern beziehen.

"(…) das Berufs- bzw. Tätigkeitsfeld der Ernährung und Hauswirtschaft" (Kastrup, 2009. ABSTRACT)

UK 2.4: Sonstiges (deduktiv)

Ohne festgelegten und subjektbereichsübergreifenden Adressat*innenkreis bzw. unabhängig von den Subjektbereichen

Kodiert werden Textstellen, die sich auf berufliche Handlungsanforderungen in branchenübergreifenden oder branchenspezifischen sonstigen Berufsfeldern beziehen.

Allgemeine Überlegungen zu einer berufspädagogischen Neuorientierung (Kaiser, 2024)

OK 3: Strömungen normativer Ausrichtungen von BBNE

Reflexionen der normativen Ausrichtung der didaktischen Ansätze

Kodiert werden Bezugnahmen zu den drei Strömungen 1)Instrumentelle BNE, 2)Emanzipatorische BNE und 3)Transformative BNE

"Kritisch-transformative Berufsbildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung, fall Lernfeld-Vorgaben gemäß Lernfeld-Konzept interpretiert werden" (Hantke, 2020, S. 20)

OK 4: Systematisierung und Verortung im Wissenschaftsdiskurs

     

UK 4.1: Theoretisch-konzeptionell (deduktiv)

Beiträge sind rein theoriegeleitet oder entwickelte Konzepte aus der Theorie, die nicht empirisch im vorgesehen Kontext erprobt wurden) (konzeptionell-deskriptiv

Kodiert werden Beiträge, die theoretische Ansätze, Modelle oder Konzepte darstellen bzw. entwickeln, ohne dass diese empirisch untersucht oder im Praxisfeld erprobt wurden.

Didaktische Analysekategorien werden konzeptionell am Beispiel der gewerblich-technisch Facharbeit erläutert (Vollmer, 2014, S. 95)

UK 4.2: Empirisch (deduktiv)

Theoriegeleitete Konzepte mit empirisch begleiteter Erprobung im vorgesehen Kontext

Kodiert werden Beiträge, in denen theoriegeleitete Konzepte oder Ansätze empirisch untersucht, erprobt oder evaluiert werden.

"Mithilfe einer qualitativen Befragung konnte ermittelt werden, dass sich viele relevante

Aspekte der BBNE über den Lernort Schulgarten transportieren lassen" (Nuxoll et al., 2022, S. 66)

UK 4.3: Praxisbericht (deduktiv)

Berichte aus der Praxis in diesem Fall aus Schulen und Unterrichtssituationen ohne empirische und/oder theoretische Reflexion

Kodiert werden Beiträge, die Praxisbeispiele oder Erfahrungen aus Schule bzw. Unterricht beschreiben, ohne diese systematisch empirisch zu untersuchen oder theoretisch zu reflektieren.

"Die (…) didaktisch methodischen Anregungen basieren auf theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen (…) im Rahmen des projektbezogenen Lehrerbildungsseminars "Unterrichtsgestaltung zum Thema Nachhaltigkeit im Ernährungsbereich" (Ross, 2009, ABSTRACT)

4 Darstellung der Ergebnisse

Aufbauend auf dem beschriebenen methodischen Vorgehen werden im Folgenden die zentralen Ergebnisse des systematischen Reviews entlang der vier Hauptkategorien dargestellt.

4.1 Didaktische Aspekte einer BBNE

In der ersten Oberkategorie werden Aussagen über die einzelnen Strukturelemente der Didaktik von BBNE entlang der Strukturanalyse des Berliner Models systematisiert. In der analysierten Literatur zeigen sich diverse Ansätze und Impulse für eine didaktische Umsetzung.

Intention:

Die Unterkategorie „Intention“ bündelt die in den analysierten Beiträgen formulierten Zielsetzungen berufsbildenden Unterrichts im Kontext einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE). Ein zentrales Ergebnis der Analyse besteht in der konsistent geforderten Erweiterung des traditionellen Kompetenzverständnisses der Berufsbildung. Aufbauend auf dem Leitbild der beruflichen Handlungskompetenz, sollen nach Hahne (2008, S. 62), Hahne und Kuhlmeier (2008, S. 3), Kastrup (2009, S. 35) und Kastrup (2013, S. 8) die Diskussion zur Förderung von System- und Gestaltungskompetenz integriert werden, d. h. nach Hahne und Kuhlmeier (2008, S. 3) „Berufliche Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zielt auf das Identifizieren und Ausgestalten von Spielräumen beruflicher und lebensweltlicher Handlungssituationen in zunehmender Übereinstimmung mit der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung“ ab. Kastrup (2013, S. 8) ergänzt für die Lernenden, „dass ihre Arbeit in einen unauflösbaren gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenhang eingebunden ist“. Hahne (2008, S. 61) und Vollmer (2014, S. 96) argumentierten in diesem Zusammenhang mit dem epochaltypischen Schlüsselproblem nach Klafki, d. h. bei Vollmer (2014, S. 96) "BBnE hat also das Ziel, den Lernenden bewusst zu machen, dass sie selbst in einem gesellschaftlich-historischen Prozess eingebunden sind, an der Lösung eines epochaltypischen Schlüsselproblems mitwirken und sich dabei selbst verändern, indem sie sich mit gewandelten Werthaltungen auseinandersetzen und ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung, zu Mitbestimmung und zur Solidarität weiterentwickeln (vgl. KLAFKI 1996, S. 52)". Ergänzend werden in der neueren Diskussion weitere Kompetenzdimensionen vorgeschlagen, etwa die Integration von „Weltverantwortung“ (Kaiser, 2024, S. 4) oder internationaler beruflicher Kompetenz (Wolf, 2011a, S. 6, 2011b, S. 257). Braches-Chyrek (2023, S. 38) akzentuiert in diesem Zusammenhang „Green Skills“, die insbesondere kritisches sowie interdisziplinäres Denken umfassen.

Neben der Kompetenzdiskussion erweist sich die kontinuierliche Reflexion nachhaltigkeitsrelevanter Fragestellungen als wiederkehrende Zieldimension von BBNE im Unterricht. Ausgangspunkt bilden hier nach Michenthaler und Salzmann-Schojer (2021, S. 3–4) die Eingebundenheit in Systeme und das Ausloten von Gestaltungsspielräume. Ziel ist die Reflexion über betriebliche Realitäten (Dieball et al., 2022, S. 249) bzw. das eigene Handeln in beruflichen, sowie privaten Handlungssituationen in Bezug auf nachhaltige Entwicklung (Vollmer, 2014, S. 94). Dabei soll nach Hahne (2008, S. 63) und Hantke (2020, S. 22) insbesondere auf Zielkonflikte und Dilemmata im Kontext von Nachhaltigkeit ein Fokus gelegt werden. In dieser Reflexion könne man nach Wolf (2011b, S. 258) die Nachhaltigkeitsdimensionen „Ökonomie, Ökologie und Soziales berücksichtigen und sie in systemischer Perspektive unter Beachtung von Interkulturalität und Globalität miteinander verzahnen“. Im Diskurs um eine „transformative vocational education and training“ (Hantke, 2020, S. 22) wird diese Reflexionsperspektive nochmals akzentuiert und zugespitzt. Ziel ist es, dass Lernende nicht bei einer adaptiven Anpassung an bestehende Strukturen stagnieren, sondern nach Nagel (2025b, S. 133) „die nachhaltige Transformation der Arbeits- und Lebenswelten durch fach- und sachgerechtes handeln mitgestalten.“ Nachhaltigkeitsbezogene berufliche Handlungskompetenz meine in diesem Zusammenhang nach Schütt-Sayed et al. (2023, S. 137) „sachgerecht nachhaltig und zukunftsfähig (sachkompetent), gesellschaftlich verantwortlich (sozialkompetent) sowie sinnstiftend und selbstverantwortlich (selbstkompetent) zu handeln". Nach Hantke (2020, S. 22) sollen Lernende „Change Agents der BBNE“ sein. Dazu sei nach Hantke (2020, S. 22) auch eine stärkere Förderung politischer Mündigkeit als eines der Ziele beruflicher Bildung für den Unterricht unabdingbar.

Schließlich wird in einzelnen Beiträgen auf die Diskrepanz zwischen intendiertem und tatsächlichem Verhalten verwiesen. Weber et al. (2022, S. 274) sehen im Kontext nachhaltiger Konsumentscheidungen einen „Intention-Behaviour-Gap“, wonach vorhandenes Wissen nicht zwangsläufig in entsprechendes Handeln überführt wird. Als Ansatzpunkt zur Überwindung dieser Kluft wird die gezielte Emotionalisierung zielgruppenspezifischer Bildungsinhalte vorgeschlagen. Auf einer abstrakteren Ebene plädiert Euler (2022, S. 84–85) dafür, durch das explizite Aufdecken von nicht-nachhaltigen Entwicklungen im Unterricht das Interesse und Engagement der Lernenden zu fördern. Insgesamt verdeutlicht die Analyse somit, dass die Intentionen von BBNE weit über eine bloße Wissensvermittlung hinausgehen und auf eine umfassende, reflexive sowie transformative Kompetenzentwicklung abzielen.

Inhalt und Themen:

Die Analyse dieser Unterkategorie bündelt zentrale inhaltliche, sowie curriculare Bezugspunkte zur inhaltlichen Konkretisierung BBNE auf der Unterrichtsebene. Ausgangspunkt der Analyse stellt das von Hantke (2020, S. 18) formulierte „Plädoyer für eine ehrliche Lehrplanrezeption“ dar: "Da dieser Anspruch (der Berücksichtigung der Dimensionen der Nachhaltigkeit - Ökonomie, Ökologie und Soziales) in den einzelnen Lernfeldern de facto jedoch weitestgehend nicht konkretisiert bzw. materialisiert wird, geht damit der normative Anspruch an Rezipierende der Rahmenlehrpläne einher, die Lernfelder vor dem Hintergrund der im Bildungsauftrag der Berufsschule sowie den berufsbezogenen Vorbemerkungen formulierten mehrdimensionalen Nachhaltigkeitsidee zu re-interpretieren" (Hantke, 2020, S. 18). „Berufliche Curricula sind weitestgehend gestaltungs- und technikoffen, sowie verfahrensneutral formuliert“ (Nagel, 2025a, S. 24), weshalb nach Dieball et al. (2022, S. 253) nachhaltigkeitsorientierte Aspekte trotz hohen Aufwands und Uneindeutigkeit, jeweils berufsspezifisch in den Lern- bzw. Handlungsfeldern der Rahmenlehrpläne identifiziert werden müssen. Zur Themenfindung in Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung in diesem Prozess schlagen Hantke (2020, S. 6) und Spangenberger et al. (2023, S. 149) die 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung im Rahmen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen vor. In diesem Sinne soll Nachhaltigkeit nach Beer (2022, S. 57) kein zusätzliches Thema sein, sondern bei der Analyse von „Unternehmens- und Wertschöpfungsprozessen“ (Bünning & Kalisch, 2010, S. 13) bzw. von „Arbeitsprozessen, Arbeitsprodukten, Dienstleistungen und Arbeitssituationen“ (Hahne, 2008, S. 63) integriert werden. Dabei ist, in Anlehnung an Kastrup (2009, S. 34), eine mehrdimensionale Perspektive erforderlich, die die ökonomische, ökologische und soziale Dimension nachhaltiger Entwicklung gleichermaßen berücksichtigt.

Zur weiteren Präzisierung der Inhaltsdimension benennen einige Beiträge die „Didaktischen Analysekategorien“ als Instrument einer systematischen Sachanalyse (vgl. Abbildung 3). In zeitlicher Reihenfolge findet man detaillierte Anwendungen desselben Konzepts in gleicher oder mindestens stark ähnlicher Form bei Kuhlmeier und Vollmer (2013, S. 15), Vollmer (2013, S. 13), verkürzt bei Kastrup (2013, S. 8), Vollmer (2014, S. 92–94), Kreuzer et al. (2017, S. 5), Kuhlmeier und Vollmer (2018, S. 137) und Nagel (2025a, S. 22). Besonders zu betonen ist an dieser Stelle, dass die didaktischen Analysekategorien nicht nur ein Instrument der curricularen Analyse seien, sondern nach Kuhlmeier und Vollmer (2018, S. 143–144) auch selbst eine Zieldimension (Unterkategorie Intention) von Unterricht darstellen kann.

Abbildung 3: Didaktische Leitlinien für Lern- und Arbeitssituationen zur Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung (Kuhlmeier & Vollmer, 2013)Abbildung 3: Didaktische Leitlinien für Lern- und Arbeitssituationen zur Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung (Kuhlmeier & Vollmer, 2013)

Darüber hinaus rückt Euler (2022, S. 83) die Analyse „nicht-nachhaltiger Entwicklungen“ ins Zentrum didaktischer Bemühungen. Eine konsequente BBNE erfordere demnach die kritische Durchdringung ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Verflechtungen aus systemkritischer Perspektive. Eine ähnlich kritische Argumentation findet man auch bei Kaiser (2024, S. 5): „Die Spannungsfelder beruflicher Bildung und auch des Berufsbegriffs selbst und ihre Einbindung in ein auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtetes Wirtschaftssystemsollten nicht verborgen bleiben, sondern zugänglich werden, wenn von Berufsbildung gesprochen wird“. Weitere wichtige Themenfelder sind nach Wolf (2011a, S. 5–6) spätestens seit der Verabschiedung des Orientierungsrahmen für Globale Entwicklung im Jahr 2007 das globale Lernen geprägt von Interkulturalität und Globalität und die sog. „Circular Economy“ auf Deutsch „Zirkuläre Wirtschaftsweise“ nach Nagel (2025b, S. 118) bzw. „Kreislaufwirtschaft als Leitbild einer nachhaltigen (…) Wirtschaftsweise“ (Nagel, 2025a, S. 24). Zudem lassen sich konkrete Umsetzungsbeispiele für unterschiedliche Fachrichtungen bei Hahne und Kuhlmeier (2008, S. 11), Ross (2009, S. 23), Kreuzer et al. (2017, S. 11) und Michenthaler und Salzmann-Schojer (2021, S. 8) identifizieren, welche an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden sollen.

4.2 Methoden

Neben den Intentionen und Inhalten konnten auch methodische Hinweise für die unterrichtliche Umsetzung von BBNE identifiziert werden: „Zur Einbettung von Nachhaltigkeitsaspekten in den berufsbildenden Unterricht ist es also erforderlich, didaktische Methoden entsprechend auszuwählen und zu gestalten“ (Spangenberger et al., 2023, S. 149). Eine detaillierte Auflistung der didaktischen Methoden (vgl. Tabelle 3) beinhaltet sowohl erste theoretisch abgeleitete Vorschläge sowie evaluierten Methodenbeispiele.

Tabelle 3: Übersicht zu BBNE-Methodenbeispiele aus dem Analysekorpus

Hahne (2008, S. 63)

Konstruktiver Methoden Pool nach Reich:
Eher große Methoden wie die Erkundung, das Experiment, Fallstudien, Stationenlernen, Rollenspiele, Projektarbeiten und Planspiele & eher kleine Methoden wie Metaplan, Blitzlicht, Brainstorming, Mindmapping, Open Space, Wandzeitung und anderen Moderationstechniken.

Systemischen Methodenpool nach Reich:
Psychodrama, Szenisches Spiel, Teamteaching, Zirkuläres Fragen, Feed-back und anderes

Sonstige Methoden nach Reich:
Zukunftswerkstatt, Öffentlichkeitsarbeit, Juniorenfirma, Schülermitbestimmung

Ross (2009, S. 30)

Methoden aus dem Bereich der politischen Bildung: Dilemma-Diskussion und Zukunftswerkstatt

Kastrup (2009, S. 36)

Planspiel, Erstellung eines Ratgebers, Informationstexte, eigene Internetrecherchen, Expertengespräche, ein Projekt nachhaltig umsetzen, Szenariotechnik, (Ernährungs-)protokoll

Bünning und Kalisch (2010, S. 13)

Planspielen und Simulationen

Dieball et al. (2022, S. 252)

Nachhaltigkeitsaudit (hier auch als Methode der Lernortkooperation)

Spangenberger et al. (2023, S. 148)

Serious Games

Im Hinblick auf die methodische Ausgestaltung betonen Spangenberger et al. (2023, S. 148) dass Lehr-Lern-Arrangements konsequent mit konkreten beruflichen Tätigkeiten zu verknüpfen sind. Hahne und Kuhlmeier (2008, S. 12) bekräftigen: „Kompetenzen entwickeln sich am besten in Lernsituationen, die den beruflichen Anforderungssituationen in der Arbeit möglichst ähnlich sind. Das bedeutet, dass reale oder realistische berufliche Arbeitsaufgaben bearbeitet werden sollten“. Kastrup (2013, S. 4) spricht hier auch von „Lernsituationen der BBnE“. Zu betonen bleibt zudem auch, dass es sich bei den begründeten Vorschlägen s. Tabelle 3 der Autor*innen nicht um evidente BBNE-Methoden zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener beruflicher Handlungskompetenz handelt. Vielmehr konnten begründete Methoden-Vorschläge aus der Literatur identifiziert werden, die im Kontext einer BBNE Verwendung gefunden haben.

Neben der Methodendiskussion konnte zudem ein kleineres Diskursfeld über die Entwicklung nachhaltiger Lernorte zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener beruflicher Handlungskompetenz herausgearbeitet werden. So beschreiben Schütt-Sayed et al. (2023, S. 138) die Einbeziehung eines realen Sanierungsobjekts als durchgängigen Lerngegenstand, wodurch authentische berufliche Handlungssituationen mit nachhaltigkeitsbezogenen Fragestellungen verschränkt werden. Nuxoll et al. (2022, S. 72) heben demgegenüber die Verzahnung von theoretischem Unterricht mit dem Lernort Schulgarten als praxisnahen Erfahrungsraum hervor. In beiden Fällen wird deutlich, dass nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzentwicklung nicht ausschließlich über methodische Einzelentscheidungen, sondern auch über die strukturelle Gestaltung von Lernumgebungen und Lernorten unterstützt werden kann.

4.3 Medien

Im Handlungsfeld „Medien“ ließen sich im Analysekorpus insgesamt vergleichsweise wenige einschlägige Fundstellen identifizieren. Die vorhandenen Beiträge fokussieren primär innovative mediale Umsetzungsformate im Kontext einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE). Beer (2022, S. 57–58) hebt hervor, dass für qualitativ hochwertige BBNE-Lehr-Lernmaterialien grundsätzlich dieselben didaktischen Gütekriterien gelten wie für die Gestaltung von Lehr-Lernmaterialien im Allgemeinen. Damit wird die Entwicklung nachhaltigkeitsbezogener Medienangebote nicht als eigenständige, von allgemeinen didaktischen Standards losgelöste Aufgabe verstanden, sondern in bestehende Qualitätsmaßstäbe eingebettet. Demgegenüber betont Kreuzer et al. (2017, S. 5), dass zur Vermittlung von Nachhaltigkeitskompetenzen „vornehmlich innovative Verfahren (bspw. Computersimulationen) einzusetzen“ sind. Ausgehend von dieser normativen Setzung entwickelten die Autor*innen eine app-basierte Lernumgebung, die sich an den Prinzipien des 4C/ID-Modells orientiert und Game-based Assessment integriert, um nachhaltige Gestaltungskompetenz im Einzelhandel sowohl zu fördern als auch zu evaluieren (Kreuzer et al., 2017, S. 18). Auch Michenthaler und Salzmann-Schojer (2021, S. 12) konzipierten ein digitales Lernmodul zur Unterstützung nachhaltigkeitsbezogener Lernprozesse. Mit „MARLA – Masters of Malfunction“ präsentieren Spangenberger et al. (2023, S. 152) ein auf Virtual-Reality-Technologie basierendes Serious Game, das nachhaltigkeitsrelevante Problemstellungen immersiv erfahrbar macht.

Neben spiel- und simulationsbasierten Formaten werden auch audiovisuelle Medien als wirksam beschrieben. So sind Weber et al. (2022, S. 274–276) der Auffassung „Für die Gruppe junger Konsument:innen bieten sich Sensibilisierungsvideos über YouTube an, da derartige digitale Formate in dieser Alterskohorte frequentiert und auch zum Lernen herangezogen werden. (...) Übergreifend können wir zeigen, dass sich mittels der Sensibilisierungsvideos kritische Emotionen wie Aufmerksamkeit und Interesse sowie eine Betroffenheit provozieren und über einen Zeitraum hinweg entwickeln lassen, die zu einem nachhaltigen Konsumverhalten führen können“. Insgesamt deutet sich im Handlungsfeld „Medien“ somit eine Tendenz zur Nutzung digitaler, interaktiver und emotional aktivierender Formate an, denen ein besonderes Potenzial zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen zugeschrieben wird.

Übergreifende didaktische Handlungsempfehlungen:

Bei den „Übergreifende didaktischen Handlungsempfehlungen“ handelt es sich um eine induktiv gebildete Kategorie, da die Strukturanalyse aus dem Berliner-Modell den Prozesscharakter sowie die übergreifende Planungszusammenhänge im Rahmen der didaktischen Diskussion nicht hinreichend abdecken konnte. Im Hinblick auf die Umsetzung einer nachhaltigkeitsorientierten Ausbildung mit explizitem Praxisbezug betont Vollmer (2013, S. 17–18) die Notwendigkeit tragfähiger Lernortkooperationen mit Ausbildungsbetrieben. Auch Wolf (2011a, S. 7) empfiehlt in diesem Zusammenhang die Öffnung der Schule für externe Kooperationspartner: „Diese können (…) Nicht Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO) internationale Consulting-organisationen oder anderen in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen Einrichtungen" sein (Wolf, 2011b, S. 261). Darüber hinaus verweist Wolf auf die Option internationaler Ausbildungspartnerschaften. Die Ergebnisse verdeutlichen damit, dass nachhaltigkeitsbezogene berufliche Handlungskompetenz nicht allein innerhalb schulischer Strukturen entwickelt werden kann, sondern auf institutionelle Vernetzungen und transnationale Perspektiverweiterungen angewiesen ist (Wolf, 2011b, S. 261). Zur Erreichung des Ziels der Förderung der nachhaltigkeitsbezogenen beruflichen Handlungskompetenz ist ein umfassender und integrativer Ansatz notwendig: „Dies kann nicht allein im Lernfeldunterricht erfolgen, sondern bedarf der engen Verknüpfung mit berufsübergreifenden Unterrichtsfächern, um nachhaltigkeitsrelevante gesellschaftspolitische Fragenstellungen zu erörtern und die Nachhaltigkeitskommunikation zu üben“ (Vollmer, 2013, S. 17–18). In diesem Zusammenhang hebt Braches-Chyrek (2023, S. 37) das besondere Potenzial der Verschränkung der Nachhaltigkeitsidee mit politischer sowie digitaler Bildung hervor. Ebenso erscheint das „Wiederaufgreifen und Fortführen des Themas i. S. eines Spiralcurriculums empfehlenswert" (Ross, 2009, S. 32). Ein weiterer innovativer Ansatz zur Umsetzung der Didaktik von BBNE findet sich bei Michenthaler und Salzmann-Schojer (2021, S. 4). Dort werden die entwickelten Unterrichts- und Lernmaterialien Lehrkräften als Open- Source-Materialien zur Verfügung gestellt und die Implementierung im Rahmen von Fortbildungsseminaren begleitet. Abschließend verweist Nagel (2025a, S. 25) darauf, dass „ein elementares Nachhaltigkeitsverständnis (…) das Erkennen sozialer und ökologischer Wirkungen der Aufarbeitung“ erleichtert.

Didaktische Prinzipien der beruflichen Bildung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung:

Diese induktive gebildete Kategorie bündelt Befunde zu grundlegenden didaktischen Prinzipien in der Diskussion, um die Didaktik der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Didaktische Prinzipien liegen nach Baumgartner (2011, S. 72–75) auf einer anderen Beschreibungsstufe von Didaktik als das für die vorliegende Analyse zentrale Strukturmodell aus dem Berliner Didaktik-Modell, weshalb mit dieser induktiven Kategorie im Rahmen der Auswertung nachgeschärft wurde. Die Analyse zeigt eine weitgehende Einigkeit darüber, dass BBNE nicht als eigenständiges didaktisches Paradigma jenseits berufspädagogischer Traditionen zu konzipieren ist, sondern auf etablierten Prinzipien der Berufsbildung aufbaut und diese um nachhaltigkeitsspezifische Perspektiven erweitert. Deutlich wird das im zentralen Befund der Inhaltskategorie (s. Abbildung 3), wo BBNE im Punkt III in den allgemein anerkannten Grundsätzen der Berufspädagogik verortet wird. Diese Prinzipien sind: Verschränkung von Situations- Wissenschafts-, Persönlichkeitsprinzip, Handlungsorientierung, Gestaltungsorientierung, Kompetenzorientierung, Förderung von vernetzten /systematischen Denken (Rentinität). Diese Diskussion findet sich nahezu inhaltsgleich bei Kuhlmeier und Vollmer (2013, S. 15), Vollmer (2013, S. 13), verkürzt bei Kastrup (2013, S. 8), Vollmer (2014, S. 92–94), Kreuzer et al. (2017, S. 5), Kuhlmeier und Vollmer (2018, S. 137) und Nagel (2025a, S. 22). Darüber hinaus gibt es partiell einige Fundstellen zu ähnlichen Diskursansätze in weiteren Quellen (s. Tabelle 4). Implizit gibt es in den analysierten Beiträgen sicherlich mehr Anhaltspunkte zu den didaktischen Prinzipen. Im Rahmen der vorliegenden Analyse wurden allerdings nur explizite Nennungen mitaufgenommen.

Tabelle 4: Didaktische Prinzipien der BBNE ergänzend zu Didaktischen Analysekategorien

Verschränkung von Situations- Wissenschafts- Persönlichkeitsprinzipien

(Hahne & Kuhlmeier, 2008, S. 10); (Michenthaler & Salzmann-Schojer, 2021, S. 7)

Arbeits- und Geschäftsprozessorientierung; Situationsorientierung

(Nagel, 2025b, S. 133–134); (Kastrup, 2009, S. 37); (Ross, 2009, S. 26)

Handlungsorientierung

(Ross, 2009, S. 26); (Hahne & Kuhlmeier, 2008, S. 10); (Ross, 2009, S. 26); (Bünning & Kalisch, 2010, S. 13)

Gestaltungsorientierung

(Wolf, 2011a, S. 19); (Zimpelmann, 2025, S. 155)

Kompetenzorientierung

(Kastrup, 2013, S. 9); (Kaiser, 2024, S. 4); (Nagel, 2025b, S. 133–134); (Ross, 2009, S. 26)

Lernfeldorientierung

(Nagel, 2025b, S. 133–134); (Wolf, 2011a, S. 6); (Nuxoll et al., 2022, S. 73); (Dieball et al., 2022, S. 245); (Hantke, 2020, S. 18);

Konstruktivistische Didaktik

(Michenthaler & Salzmann-Schojer, 2021, S. 7); (Hahne, 2008, S. 61); (Bünning & Kalisch, 2010, S. 13)

Zwischen dem Konzept der beruflichen Handlungskompetenz und der im BNE-Diskurs zentralen Gestaltungskompetenz bestehen inhaltliche Überschneidungen. Ross ( 2009) arbeitet die strukturellen Gemeinsamkeiten von Handlungsorientierung und Gestaltungskompetenz systematisch heraus. Beide Ansätze zielen darauf, Lernende zur Analyse komplexer, mehrdimensionaler Problemlagen zu befähigen, Entscheidungen unter Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und sozialer Wechselwirkungen zu treffen und diese sowohl individuell als auch kooperativ umzusetzen. Vor diesem Hintergrund erweist sich die vollständige Handlung – verstanden als selbstständiges Planen, Durchführen und Kontrollieren beruflicher Arbeitsprozesse – als zentrales didaktisches Strukturprinzip (Hahne & Kuhlmeier, 2008) über das nachhaltigkeitsbezogene Zielsetzungen in berufliche Lern- und Arbeitsprozesse integriert werden können.

4.4 Subjektbereiche der Berufsbildung

In dieser Kategorie sollen die Beiträge den Subjektbereichen der Berufsbildung zugeordnet werden, insofern darin eine spezielle Zielgruppe adressiert wird.

Tabelle 5: Übersicht über die Zuordnung der Beiträge zu den Subjektbereichen der Berufsbildung

Kaufmännische Bildung

Gewerblich-technische Bildung

Bildung für personenbezogene Dienstleistung

Übergreifender Adressatenkreis oder ohne Zuordnung

(Hantke, 2020); (Kreuzer et al., 2017); (Weber et al., 2022)

(Wolf, 2011a); (Wolf, 2011b); (Nagel, 2025a); (Nagel, 2025b); (Dieball et al., 2022); (Zimpelmann, 2025); (Kuhlmeier & Vollmer, 2018); (Kuhlmeier & Vollmer, 2013); (Spangenberger et al., 2023); (Vollmer, 2013); (Vollmer, 2014); (Hahne, 2008); (Hahne & Kuhlmeier, 2008); (Schütt-Sayed et al., 2023)

(Nuxoll et al., 2022); (Michenthaler & Salzmann-Schojer, 2021); (Ross, 2009); (Kastrup, 2009); (Kastrup, 2013); (Braches-Chyrek, 2023)

(Bünning & Kalisch, 2010); (Euler, 2022); (Kaiser, 2024); (Beer, 2022)

3

14

6

4

Bei der Betrachtung des Adressat*innenkreises des Analysekorpus fällt auf, dass die Diskussion über eine Didaktik von BBNE, insbesondere vom Subjektbereich der gewerblich-technischen Bildung dominiert wird. Außerdem sind insbesondere die Fachrichtungen Bau und Metall sowie die Fachrichtung Ernährung & Hauswirtschaft im Subjektbereich Bildung für personenbezogene Dienstleistungen hervorzuheben.

4.5 Strömungen normativer Ausrichtungen von BBNE

Im Rahmen der Analyse sollen die betrachteten Beiträge keiner systematischen Bewertung oder Einordnung durch die Autor*innen erfahren. Ziel ist vielmehr eine deskriptiv-analytische Rekonstruktion der in den Beiträgen angelegten Orientierungen.

Zimpelmann (2025, S. 154) hebt in seinem Beitrag auf einen „kritisch-emanzipatorischen Bildungsanspruch“ in Bezug auf den BNE-Diskurs ab. Hantke (2020, S. 20) spricht von einer „kritisch-transformativen Berufsbildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung“. Weber et al. (2022, S. 276) können in ihrer Studie evident feststellen, dass „Sensibilisierungsvideos (…) über etwaige Emotionen zu einem nachhaltigen Konsumverhalten“ führen (=instrumentelle BNE). Die skizzierten Befunde verdeutlichen somit, dass sich alle drei erläuterten Strömungen von BNE in der Diskussion um die Didaktik von BBNE wiederfinden lassen. Zugleich ist festzuhalten, dass lediglich diese drei Beiträge des Analysekorpus explizite Anknüpfungspunkte für eine solche diskursive Einordnung bieten. Eine systematische oder breit ausgearbeitete theoretische Selbstverortung innerhalb der BNE-Strömungen bleibt in der Mehrheit der untersuchten Publikationen hingegen aus.

4.6 Verortung im Wissenschaftsdiskurs

Die Analyse des Gesamtkorpus zeigt, dass sich die Mehrzahl der 26 berücksichtigten Publikationen auf einer primär theoretisch-konzeptionellen Ebene verorten lässt. In vielen Fällen werden didaktische Überlegungen, curriculare Modelle oder konzeptionelle Rahmungen entwickelt, die punktuell durch Praxisbeispiele illustriert, jedoch nicht systematisch empirisch überprüft werden. Der Fokus liegt damit überwiegend auf normativen, programmatischen oder modellhaften Ausführungen zur didaktischen Gestaltung einer BBNE.

Empirische Erhebungen sind lediglich in sieben Beiträgen miteingeflossen. Hierzu zählen die Arbeiten von Kreuzer et al. (2017), Michenthaler und Salzmann-Schojer (2021), Nuxoll et al. (2022), Weber et al. (2022), Dieball et al. (2022), Schütt-Sayed et al. (2023) und Nagel (2025b). Diese Beiträge integrieren unterschiedliche empirische Zugänge etwa qualitative Fallstudien, Evaluationsdesigns oder explorative Untersuchungen und leisten damit einen empirischen Beitrag zur Diskussion um die Didaktik von BBNE.

5 Synthese und Diskussion der Ergebnisse

Ziel des vorliegenden Beitrags war es, den aktuellen Forschungsstand zur Didaktik der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) im berufsbezogenen Unterricht des deutschen Berufsbildungssystems systematisch zu erfassen und zu strukturieren. Auf Grundlage eines Systematic Reviews nach dem PRISMA-Standard wurden einschlägige Beiträge identifiziert und entlang des Strukturmodells des Berliner Didaktik-Modells sowie weiterer analytischer Kategorien ausgewertet. Die Ergebnisse ermöglichen eine differenzierte Einordnung zentraler inhaltlicher Schwerpunkte, didaktischer Orientierungspunkte sowie bestehender Forschungslücken.

Im Hinblick auf die Intentionen der BBNE zeigt die Analyse eine weitgehende Übereinstimmung darüber, dass nachhaltigkeitsbezogene Berufliche Bildung über eine reine Wissensvermittlung hinausgeht. Vielmehr zielen die in der Literatur formulierten Ansätze auf die Förderung reflexiver, handlungsorientierter und transformativer Kompetenzen. Lernende sollen befähigt werden, berufliche Handlungssituationen im Spannungsfeld ökologischer, ökonomischer und sozialer Anforderungen kritisch zu reflektieren und aktiv im Sinne nachhaltiger Entwicklung mitzugestalten. Bezüglich der Inhaltsdimension verweisen einige Beiträge auf die Sustainable-Development-Goals (SDGs) als zentrale thematische Referenzpunkte. Gleichzeitig wird deutlich, dass die vergleichsweise offenen Curricula der beruflichen Bildung, insbesondere im Rahmen des Lernfeldkonzepts grundsätzlich günstige Voraussetzungen für die Integration nachhaltigkeitsbezogener Inhalte bieten. Zur Präzisierung der Inhaltsdimension greifen mehrere Beiträge auf die „Didaktischen Analysekategorien“ als Instrument einer systematischen Sachanalyse zurück, die eine strukturierte Aufbereitung nachhaltigkeitsrelevanter beruflicher Handlungssituationen unterstützen können. Die Ergebnisse zur Methodendimension verdeutlichen, dass nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzentwicklung nicht allein über einzelne methodische Entscheidungen realisiert wird, sondern wesentlich von der strukturellen Gestaltung von Lernorten als nachhaltige Lernorte abhängt. Besonders anschlussfähig erscheint hierbei der Lernfeldansatz mit der in der beruflichen Bildung dominierenden Unterrichtsmethode der Lernsituation, da er berufliche Handlungssituationen als Ausgangspunkt von Lernprozessen nutzt und damit einen direkten Bezug zu konkreten beruflichen Tätigkeiten ermöglicht. Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass ein konsistenter didaktischer Ansatz zur systematischen Integration von BBNE in die Entwicklung und Gestaltung von Lernsituationen bislang nur in Ansätzen vorliegt und damit ein zentrales Forschungsdesiderat darstellt. Im Bereich der Medien deutet sich eine Tendenz zur Nutzung digitaler, interaktiver und emotional aktivierender Lernformate an. In der Literatur wird diesen Formaten ein besonderes Potenzial zugeschrieben, reflexive Lernprozesse anzuregen und komplexe Nachhaltigkeitszusammenhänge anschaulich zu vermitteln. Gleichwohl bleibt die empirische Fundierung der Notwendigkeit entsprechender medialer Arrangements bislang begrenzt.

Die übergreifenden didaktischen Handlungsempfehlungen der analysierten Literatur verdeutlichen schließlich, dass nachhaltigkeitsorientierte berufliche Bildung nicht allein auf Ebene einzelner Unterrichtseinheiten verortet werden kann. Vielmehr bedarf es geeigneter struktureller, curricularer, institutioneller und kooperativer Rahmungen. Die Ergebnisse lassen sich zudem dahingehend interpretieren, dass der systematische Aufbau eines grundlegenden Nachhaltigkeitswissens – etwa im Rahmen einführender Unterrichtssequenzen – eine wichtige Voraussetzung für weiterführende reflexive und handlungsorientierte Lernprozesse darstellt. Die Analyse der didaktischen Prinzipien zeigt zudem eine weitgehende Übereinstimmung darin, dass BBNE nicht als eigenständiges didaktisches Paradigma jenseits berufspädagogischer Traditionen konzipiert wird. Vielmehr baut sie auf etablierten Grundsätzen der Berufspädagogik auf und erweitert diese um nachhaltigkeitsspezifische Perspektiven. Besonders deutlich wird dies in der Verschränkung zentraler Prinzipien wie der Verbindung von Situations-, Wissenschafts- und Persönlichkeitsprinzip, der Handlungs- und Kompetenzorientierung sowie der Gestaltungsorientierung. Ergänzend wird der Förderung vernetzten bzw. systemischen Denkens eine zentrale Bedeutung zugeschrieben, um die komplexen Wechselwirkungen nachhaltiger Entwicklung erfassen und reflektieren zu können.

Darüber hinaus zeigt die Analyse der Subjektbereiche der Berufsbildung, dass die Diskussion über eine Didaktik der BBNE bislang stark vom Subjektbereich der gewerblich-technischen Bildung geprägt ist. Innerhalb dieses Bereichs sind insbesondere die Fachrichtungen Bau und Metall hervorzuheben. Daneben finden sich einige Beiträge aus dem Bereich der Bildung für personenbezogene Dienstleistungen, insbesondere aus der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft. Insgesamt deutet sich jedoch eine deutliche Dominanz gewerblich-technischer Perspektiven im Diskurs an. Für zukünftige Forschungsarbeiten stellt sich daher die Frage, inwieweit die im Kontext dieser Fachrichtungen entwickelten didaktischen Überlegungen auf andere Subjektbereiche beruflicher Bildung übertragbar sind. Die Prüfung dieses Transferpotenzials stellt ein weiteres relevantes Forschungsdesiderat dar. Ein weiterer Befund betrifft die Reflexion der normativen Bezugspunkte innerhalb der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Obwohl unterschiedliche normative Strömungen innerhalb des BNE-Diskurses existieren, findet eine explizite Reflexion dieser Perspektiven in den analysierten Beiträgen nur selten statt. Die didaktische Diskussion zur BBNE bleibt damit vielfach auf einer impliziten normativen Ebene, ohne unterschiedliche konzeptionelle Ausrichtungen der BNE systematisch zu reflektieren oder gegeneinander abzuwägen. Auch die Typisierung der Beiträge verdeutlicht strukturelle Charakteristika des Forschungsfeldes. Der überwiegende Teil der identifizierten Publikationen ist theoretisch-konzeptionell ausgerichtet, während empirische Studien sowie systematische Praxisanalysen bislang deutlich seltener vertreten sind. Dies unterstreicht den Bedarf an empirisch fundierter Forschung, die insbesondere die Umsetzung und Wirksamkeit nachhaltigkeitsorientierter Lehr-Lern-Arrangements im Kontext beruflicher Bildung untersucht.

Bei der Interpretation der Ergebnisse sind jedoch auch einige Limitationen zu berücksichtigen. So basiert die Analyse auf einer begrenzten Anzahl identifizierter Publikationen, die hinsichtlich ihrer theoretischen Ausrichtung, ihres empirischen Anspruchs sowie ihrer Praxisnähe heterogen sind. Zudem konzentriert sich das Literaturreview auf Beiträge mit Bezug zum deutschen Berufsbildungssystem, sodass internationale Diskurse zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung nur eingeschränkt berücksichtigt werden konnten. Auch sind originäre Praxisdokumente, wie Praxishandreichungen oder konkrete Unterrichtsmaterialien zur Gestaltung von Lehr-Lernprozessen, nicht Gegenstand des Erkenntnisinteresses und werden daher in die Analyse nicht einbezogen. Schließlich ist zu beachten, dass systematische Literaturreviews zwar eine strukturierte Aufarbeitung des Forschungsstandes ermöglichen, jedoch selbst keine Aussagen über die empirische Wirksamkeit einzelner didaktischer Ansätze zulassen. Trotz dieser Einschränkungen leistet der Beitrag eine strukturierte Bündelung des bislang fragmentierten Diskurses zur Didaktik der BBNE im berufsbezogenen Unterricht. Die Ergebnisse zeigen zugleich zentrale Ansatzpunkte für zukünftige Forschungsarbeiten auf, insbesondere im Hinblick auf die empirische Untersuchung nachhaltigkeitsorientierter Lehr-Lern-Arrangements, die stärkere Reflexion der diversen normativen BNE-Strömungen sowie die Weiterentwicklung didaktischer Modelle zur Integration von Nachhaltigkeit in berufliche Bildungsprozesse.

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Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE): Monitoring der BNE-Implementierung für das berufliche Lehramt in der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft

1 Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im beruflichen Lehramtsstudium der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft

1.1 Hochschulische BNE

Die Integration von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in die Hochschulbildung ist ein dynamisches Feld, das durch internationale Rahmenwerke wie die UNESCO-Roadmap für BNE (2020) und das „ESD for 2030“-Programm geprägt ist (UNESCO, 2019). Diese Programme betonen die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe in allen Bildungsbereichen zu verankern (UNESCO, 2020). In Deutschland bildet das aktuelle Programm „BNE 2030“ die Grundlage für die curriculare und strukturelle Verankerung von Nachhaltigkeit in der Hochschulbildung. Ein zentraler Aspekt der BNE ist die Förderung von Kompetenzen, die es Lernenden ermöglichen, aktiv an der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft mitzuwirken. Diese Kompetenzen umfassen unter anderem systemisches Denken, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit in heterogenen Gruppen und die Reflexion von Zielkonflikten (bspw. Brundiers et al., 2021). Die Hochschulen sind dabei aufgefordert, BNE nicht nur in einzelnen Modulen spezifischer Studiengänge, sondern institutionenübergreifend und interdisziplinär zu implementieren (UNESCO, 2019).

Universitäten und andere Hochschulen setzen hierbei zunehmend auf ganzheitliche Ansätze im Sinne eines Whole Institution Approachs (Holst, Grund, et al., 2024), die BNE in Leitbilder, Curricula und Campusmanagement integrieren (bspw. Universität Lüneburg, Hochschule Eberswalde). Dabei zeigt sich, dass unterstützende institutionelle Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von BNE-Kompetenzen Studierender spielen. Brundiers et al. (2021) betonen, dass Hochschulen durch die Schaffung von Lernumgebungen, die auf authentischen Herausforderungen basieren, die Entwicklung von Problemlösungsfähigkeiten und systemischem Denken bei Lernenden fördern können.

Die Implementierung von BNE in hochschulische Lehre ist jedoch mit vielfältigen Herausforderungen verbunden. Typische Barrieren sind:

  • Strukturelle Barrieren: Fehlende institutionelle Verankerung von Nachhaltigkeit und BNE, unzureichende Ressourcen und mangelnde administrative Unterstützung erschweren die nachhaltige Integration (Holst, 2023).
  • Curriculare Hürden: Die curriculare Einbindung von BNE ist oft unsystematisch und variiert stark zwischen den Disziplinen (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024).
  • Pädagogische Herausforderungen: Lehrkräfte benötigen gezielte Fortbildungen, um BNE kompetent vermitteln zu können. Traditionelle Lehr-Lern-Kulturen stehen partizipativen und handlungsorientierten Ansätzen häufig entgegen (Brundiers et al., 2021).

Auch für die konkrete Ebene der curricularen Implementierung differenzieren (Weiss et al., 2021) förderliche und hemmende Faktoren aus. So wirken sich insbesondere Prozesskoordination, interne Priorisierung sowie ein Gelegenheitsfenster besonders positiv aus, während fehlende interdisziplinäre Kompetenz, fehlende Vision und fehlende Ressourcen die curriculare Implementierung von Nachhaltigkeit und BNE negativ beeinflussen.

Das Nationale BNE-Monitoring erhebt und dokumentiert den bundesweiten Implementierungsfortschritt und die Wirksamkeit der Umsetzung von BNE und Nachhaltigkeit in allen Bereichen der Jugend- und Erwachsenenbildung u.a. mittels einer Skala für Qualität und Tiefe einer Implementierung (s. Abbildung 1). Die stichprobenhafte Erhebung hochschulischer BNE auf Studiengangsebene im Rahmen des nationalen Monitorings zeigte auf Basis der Curricula eine „isolated mentioning“. Das entspricht also eher einer schwachen Implementierung. Eine ergänzende Vollerhebung für Brandenburger Studiengänge fand Nachhaltigkeitsbezüge in knapp einem Drittel der 374 untersuchten Angebote (v.a. Ingenieurs- und Naturwissenschaften) und fand in 12% der Studiengänge eine hohe Verbindlichkeit der Verankerung (Krah et al., 2022).

Abbildung 1: Konzeptioneller Rahmen für die Tiefe der Umsetzung von Nachhaltigkeit und BNE in Bildungssystemdokumenten (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024 S. 3911)Abbildung 1: Konzeptioneller Rahmen für die Tiefe der Umsetzung von Nachhaltigkeit und BNE in Bildungssystemdokumenten (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024 S. 3911)

In den meisten Bildungsbereichen wird im nationalen BNE-Monitoring der Teilindikator „Ausbildung von Lehrkräften“ als besonders mangelhaft bewertet (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024, p. 3908). Gleichwohl wird Implementierung von BNE in lehramtsbildende Studiengänge durch die aktuelle UNESCO-Strategie als prioritäres Handlungsfeld eingestuft (2020). Auch die KMK beschreibt die Qualifizierung von Lehrkräften und die Verankerung von BNE in Curricula als „zentralen Hebel“ nachhaltiger Transformation (KMK, 2023).

Im Folgenden werden die Nachhaltigkeitsbezüge der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft skizziert. Diese Bezüge bedingen die Notwendigkeit der hier untersuchten curricularen Implementierung von BNE im berufsbildenden Lehramtsstudium der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft.

1.2 BNE in der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft

In der dualen beruflichen Ausbildung im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft ist die erste Ebene von Nachhaltigkeit durch die Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ sowie durch nachhaltigkeitsorientierte Rahmencurricula strukturell verankert (BIBB, 2020; Kettschau & Mattausch, 2012). Die curriculare Umsetzung erfolgt entlang der gesamten Prozesskette - beispielsweise von der Lebensmittelauswahl über die Zubereitung bis zur Entsorgung. Brundiers et al. (2021) heben hervor, dass die Entwicklung von Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung in authentischen Lernumgebungen besonders effektiv ist. Dies gilt auch für das Berufsfeld „Ernährung und Hauswirtschaft“, wo praxisorientierte Ansätze wie projektbasiertes Lernen und die Integration realer Nachhaltigkeitsprobleme in den Unterricht eine zentrale Rolle spielen.

Aufgrund der besonders hohen Diversität des Berufsfeldes Ernährung und Hauswirtschaft, ist die Entwicklung einer berufsfeldspezifischen Didaktik kaum denkbar (Klatt & Markert, 2024). Ableitungen können jedoch aus berufsfeldübergreifenden Ansätzen beruflicher Bildung getroffen werden (Niethammer et al., 2024). So orientiert sich die didaktische Gestaltung an authentischen beruflichen Handlungsfeldern und setzt auf handlungsorientierte, partizipative Methoden. Beispiele sind projekt- und problemorientiertes Lernen, die Integration der SDGs in Lernsituationen sowie die Reflexion von Zielkonflikten. Brundiers et al. (2021) betonen, dass solche Ansätze nicht nur die fachlichen Kompetenzen der Lernenden fördern, sondern auch deren Fähigkeit, in komplexen und dynamischen Kontexten zu agieren.

Erfolgreiche Modelle wie der Whole School Approach (WSA) (Holst, Grund, et al., 2024) und projektbasierte Lernformate (Rieckmann, 2018) zeigen, dass eine ganzheitliche Integration von BNE in der beruflichen Bildung möglich ist. Die Entwicklung praxisorientierter Lehrmaterialien und gezielte Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte können eine nachhaltige Implementierung maßgeblich unterstützen (Rieckmann, 2018).

Die berufliche Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft wird hier als Beispiel für die Analyse von einer curricularen BNE-Implementierung herangezogen, da Ernährung als Big Point klimarelevanter Konsumentscheidungen gilt, der besonders hohen Impact den menschengemachten Klimawandel hat (Antony et al., 2020; Bartsch et al., 2024; Fischer, 2007). Das Ernährungssystem ist konkret für etwa ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (Crippa et al., 2021; IPCC, 2022). Die größten Emissionsquellen sind demnach Landwirtschaft, Landnutzungswandel und Tierhaltung, gefolgt von Lieferkette und Lebensmittelabfällen. Um diesen zu begegnen fordert die internationale EAT-Lancet Kommission eine umfassende Transformation der Ernährungssysteme, die weit über die individuelle Ebene Planetary Health Diet hinausgeht und auch politische und ökonomische Systeme adressiert. So sollen neben einer Förderung gesunder Ernährungsweisen (PHD, Subventionierung nachhaltiger oder Besteuerung ungesunder Produkte) auch Lebensmittelverluste entlang der Wertschöpfungskette halbiert werden. Eine Umstellung auf biodiversitätsfördernde und ressourcenschonende Methoden in der Lebensmittelproduktion soll mit dem Schutz bzw. der Wiederherstellung von Ökosystemen einhergehen. Schließlich soll auch die Gerechtigkeit in Ernährungssystemen erhöht werden, beispielsweise durch faire Arbeitsbedingungen und verbesserten Zugang zu gesunder Ernährung (Rockström et al., 2025; Willett et al., 2019). Die Expert:innengruppe Ernährungsbildung empfiehlt daher gar die Aufnahme von ernährungsbezogenen Inhalten nicht nur für Lehrpersonen der ernährungsbezogenen Fächer, sondern aller Disziplinen, auch um ein Bewusstsein für die Nachhaltigkeitsrelevanz von Ernährung zu schaffen (Bartsch et al., 2024).

1.3 Standort

Ein Lehramtsstudium in der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft ist in Deutschland an zwölf Hochschulen möglich (s. Abbildung 2: Europa-Universität Flensburg, FH Münster, Leibniz Universität Hannover, Hochschule Osnabrück, Technische Universität Berlin, TU Dresden, TU München, Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Universität Gießen, Universität Bonn, Universität Paderborn, Universität Hamburg). Teilweise wird das Lehramtsstudium über Hochschulkooperationen realisiert (bspw. Universität Paderborn mit Technischer Hochschule Ostwestfalen-Lippe).

Es werden bundeslandspezifisch entweder Bachelor und Master oder ein Staatsexamen (Sachsen) als Abschluss vergeben. Mit Blick auf die Karte (Abbildung 2) fällt auf, dass sich die Studiengänge im Nordwesten des Landes häufen, während im Süden und Osten nur wenige Standorte existieren. Insgesamt kann aktuell in sieben von 16 Bundesländern das berufliche Lehramt mit Schwerpunkt „Ernährung und Hauswirtschaft“ studiert werden.

Abbildung 2: Standorte der Lehramtsbildung für die Berufliche Fachrichtung „Ernährung und Hauswirtschaft“ (Bundesarbeitsgemeinschaft für Berufsbildung in der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft https://bag-e-h.de/standorte-3/)Abbildung 2: Standorte der Lehramtsbildung für die Berufliche Fachrichtung „Ernährung und Hauswirtschaft“ (Bundesarbeitsgemeinschaft für Berufsbildung in der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft https://bag-e-h.de/standorte-3/)

2 Design

Das Design der vorliegenden Studie ist als desk research, orientiert an den Monitoringstudien von Etzkorn und Singer- Brodowski (2018) und Krah et al. (2022) gestaltet. Untersuchungsgegenstand ist hierbei die curriculare Verankerung von Nachhaltigkeit in allen berufsbildenden Studiengängen der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland (= abhängige Variable).

Leitende Forschungsfrage ist, wie und mit welcher Häufigkeit Nachhaltigkeit in den Curricula der berufsbildenden Studiengänge der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland verankert ist (input-level). Zur Beantwortung der Forschungsfrage sollen insbesondere quantitative Aussagen zur curricularen Verankerung von Nachhaltigkeit in den untersuchten Studiengängen getroffen werden. Teilfragen beschreiben die zu erfassenden Aspekte der Forschungsfrage (nach Krah, 2022) näher (Tab. 1).

Tabelle 1: Teilfragen (F) mit unabhängigen Variablen (UV) orientiert an Krah (2022)

Teilfrage (TF) Unabhängige Variable (UV)
TF1: Wie viel Prozent der Studiengänge weisen einen Nachhaltigkeitsbezug auf? UV1: Anteil der curricularen Verankerung von Nachhaltigkeit
TF2: In welchen der betrachteten Studiengangsdokumenten ist Nachhaltigkeit verankert? UV2: Dokumentenebene der curricularen Verankerung von Nachhaltigkeit
TF3: In welchem Kontext weisen Studien- und Prüfungsordnungen einen Nachhaltigkeitsbezug auf? UV3: Kontext von Nachhaltigkeit in Studien- und Prüfungsordnung
TF4: In welchem Kontext weisen Modulbeschreibungen einen Nachhaltigkeitsbezug auf? UV4: Kontext von Nachhaltigkeit in Modulbeschreibungen

Der Dokumentenanalyse (nach Etzkorn & Singer-Brodowski, (2018) werden zum Erhebungsmoment gültige und zugängliche Studienordnungen, Prüfungsordnungen und Modulbeschreibungen zugrunde gelegt. Ergänzende Studiengangbeschreibungen oder Flyer werden nicht berücksichtigt, da sie keine mit den Ordnungen und Modulbeschreibungen vergleichbare Verbindlichkeit haben. Als Vollerhebung umfasst die Studie Dokumente aller hochschulischen Standorte des beruflichen Lehramts Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland. Bachelor- und Masterstudiengänge werden je Standort zusammengefasst betrachtet, um eine Vergleichbarkeit zum Staatsexamen sicherzustellen.

Indikator für eine Implementierung von Nachhaltigkeit ist die Nennung oder Nicht-Nennung von Nachhaltigkeit bzw. Sustainability in den untersuchten Dokumenten. Orientiert am nationalen Monitoring (Etzkorn & Singer- Brodowski, 2018) werden nachhaltig*/sustain* (inklusive Trennformen) für eine lexikalische Suche in den Unterlagen genutzt. Funde inkludieren also Begriffe wie Nachhaltigkeit, (Bildung für) nachhaltig(e Entwicklung), sowie im Englischen sustainability, (education for)sustainable (development). Ausgeschlossen werden hingegen Fundstellen, welche den Begriff “nachhaltig” im Sinne von “langfristig” aufweisen und nicht im Sinne ökologisch, ökonomisch und sozial “nachhaltiger Entwicklung”, wenn dies erkennbar ist (ein Standort).

Orientiert an Krah (2022) können für die Teilfragen unterschiedliche Grade an Implementierung beschriebenen werden. So kann mit Blick auf die Dokumententypen (TF2) eine hohe Verbindlichkeit des Nachhaltigkeitsbezug (Implementierung in allen Dokumententypen von einer mittleren Verbindlichkeit (Implementierung in Studien- und Prüfungsordnung) und einer schwachen Verbindlichkeit (Implementierung in Modulbeschreibungen) unterschieden werden. Für den Kontext der Verankerung in Studien- und Prüfungsordnungen (TF3) umfasst eine starke Verankerung Hauptdokument und Anhang. Eine mittlere Verankerung nur das Hauptdokument sowie eine schwache Verankerung nur den Anhang. Zuletzt kann für den Kontext der Modulbeschreibungen (TF4) differenziert werden, dass eine starke Verankerung Nennungen von Nachhaltigkeit in Titel, Zielen und Inhalten der Module umfasst, während eine Verankerung mittlerer Stärke Nennungen in zwei der drei genannten Bereiche und eine schwache Verankerung Nennungen in einem Bereich umfassen.

Der Recherchezeitraum umfasst Januar und Februar 2026, also die zu diesem Zeitpunkt gültigen Studiendokumente. Die Auswertung findet im Februar und März 2026 statt.

3 Ergebnisse der Dokumentenanalyse

3.1 Curriculare Verankerung von Nachhaltigkeit

Für elf von zwölf Standorten werden Nachhaltigkeitsbezüge in den Studiengangsunterlagen gefunden. Für die Unterlagen aller Standorte ergibt die lexikalische Suche insgesamt 432 Nennungen von nachhaltig* /sustain*. Standortspezifisch schwanken die Nennungen zwischen Null und 107 (Abbildung 3). Sechs Nennungen (alle an einem Standort) werden wegen der Verwendung von nachhaltig* im Sinne von Langfristigkeit ausgeschlossen.

Abbildung 3: Anzahl von Fundstellen für alle untersuchten Standorte der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft (eigene Darstellung)Abbildung 3: Anzahl von Fundstellen für alle untersuchten Standorte der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft (eigene Darstellung)

3.2 Ebene der Verankerung (Dokumententypen)

Während ein Standort keinen expliziten Nachhaltigkeitsbezug in den Studiengangsdokumenten aufweist, zeigen vier Standorte einen Nachhaltigkeitsbezug in den Modulbeschreibungen und sieben Standorte weisen Nachhaltigkeitsbezüge in allen Dokumententypen nach. Somit kann bei sieben von zwölf Standorten von einer hohen Verbindlichkeit in Bezug auf Nachhaltigkeit ausgegangen werden.

Standorte mit hoher Verbindlichkeit: Ein Blick auf die konkreten Fundstellen der einzelnen Nennungen zeigt, dass die Nennungen in den Studien- und Prüfungsordnungen oft durch Aufzählungen von Modulen bzw. Modultiteln in diesen Ordnungen entstehen. Lediglich in zwei Fällen wird Nachhaltigkeit unabhängig vom Abschnitt, der die Modultitel listet, in Studien- und Prüfungsordnungen aufgeführt.

3.3 Kontext des Nachhaltigkeitsbezuges in Studien- und Prüfungsordnung

Auch der Kontext des Nachhaltigkeitsbezuges in Studien- und Prüfungsordnungen gibt Hinweise auf den Grad der Verankerung. Die Nennung von Nachhaltigkeit im Hauptteil der Dokumente ist hierbei als gewichtiger zu werten, als eine Nennung lediglich im Anhang.

In allen Studien- und Prüfungsordnungen, die eine Verankerung von Nachhaltigkeit aufweisen (7/12) und durch einen Anhang ergänzt wurden (3/7), war der Nachhaltigkeitsbezug auch dort zu finden. Auch hier kommen die Nachhaltigkeitsbezüge überwiegend durch die Aufzählung von Modulen bzw. Modultiteln zustande.

3.4 Kontext des Nachhaltigkeitsbezuges in Modulbeschreibungen

Die Analyse der Modulbeschreibungen zeigte eine unterschiedlich starke Verankerung unter den zwölf Studiengängen mit Nachhaltigkeitsbezug. Eine starke Verankerung, die gegeben ist, wenn Nachhaltigkeit in Titel, Zielen und Inhalten der Module genannt wird, ist bei sieben Standorten zu finden. Eine Verankerung mittlerer Stärke (Nennungen in zwei der drei genannten Bereiche) liegt bei vier Hochschulen vor. Hier liegen in jedem Fall Nennungen bei Modulzielen und -inhalten vor und es fehlen Funde unter den Modultiteln. Eine schwache Verankerung im Sinne der Nennung von Nachhaltigkeit in genau einem Bereich wurde nicht gefunden. Durch das Fehlen der schwachen Verankerung liegt also eine zweigipflige Verteilung der Funde vor.

Die Hochschulen unterscheiden sich in der Verteilung der Nennungen. Während an einigen Standorten einzelne „Nachhaltigkeitsmodule“ einen Großteil der Nennungen auf sich vereinen, liegt an anderen Hochschulen eine breitere Streuung vor.

Wenn Funde nicht Ziel, Inhalt oder Titel zugeordnet werden konnten, waren dies vor allem Funde in Literaturangaben, Angaben zu Methoden oder der Denomination der verantwortlichen Professur.

3.5 Beantwortung der Forschungsfrage

Die übergreifende Forschungsfrage, wie und mit welcher Häufigkeit Nachhaltigkeit in den Curricula der berufsbildenden Studiengänge der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland verankert ist, kann folgendermaßen beantwortet werden: In fast allen (11/12) Studiengängen des berufsbildenden Lehramtes für Ernährung und Hauswirtschaft sind Nachhaltigkeitsbezüge curricular implementiert. Diese sind bei über der Hälfte der Studiengänge sowohl in Prüfungs- und Studienordnung als auch in den Modulbeschreibungen zu finden (hohe Verbindlichkeit), wenngleich die Funde in den Modulbeschreibung jene in den Ordnungen an den meisten Standorten quantitativ um ein Vielfaches übersteigen. Überdies entstehen die Funde in Ordnungen fast ausschließlich durch die Auflistung von Modultiteln, anstelle in den Paraphen der Ordnungen selbst. Diese Ergebnisse stellen also vor allem eine Verankerung primär auf Modulebene dar (schwache Verankerung mit Bezug zu TF3). Auf Ebene der Modulbeschreibungen (TF4) liegt überwiegend eine mittlere bis starke Verankerung von nachhaltig* vor (10/12 Standorte).

4 Diskussion

Mit dieser Studie liegt die erste Vollerhebung zu Nachhaltigkeitsbezügen in der ersten Phase des berufsbildenden Lehramts mit der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft vor. Dies leistet einen Beitrag zum nationalen BNE-Monitoring und knüpft an die dort entwickelte Erhebungsmethodik (Etzkorn & Singer- Brodowski, 2018) sowie einer Modifizierung (Krah et al., 2022) an. Das berufsbildende Lehramt in der Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft wurde aufgrund der besonderen Nachhaltigkeitsbedeutung ernährungsbezogener Inhalte (Antony et al., 2020; Bartsch et al., 2024; IPCC, 2022; Rockström et al., 2025; Willett et al., 2019) für diese Analyse ausgewählt. Die Ergebnisse können Anregungen zur weiteren Verankerung von Nachhaltigkeit, und daran anschließend für BNE, im Lehramtsstudium der beruflichen Fachrichtung von Ernährung und Hauswirtschaft auf hochschulischer oder gar hochschulübergreifender Ebene geben.

Im Sinne der oben beschriebenen politischen Rahmenbedingungen und Zielformulierungen für hochschulische bzw. Lehramtsbildung ist eine recht verbreitete curriculare Verankerung von Nachhaltigkeit zu erkennen (TF1). Diese prägt sich an den verschiedenen Standorten jedoch quantitativ sehr unterschiedlich aus (Abbildung 3). Dieser Befund zeigt eine große Heterogenität der Standorte bezüglich des Umfangs und der Tiefe der Nachhaltigkeitsimplementierung. Das lässt vermuten, dass auch die zukünftigen Absolvent:innen der verschiedenen Standorte unterschiedlich ausgeprägte Kompetenzen in Bezug auf ernährungsbezogene Nachhaltigkeit vorweisen werden, und damit über sehr heterogene Voraussetzungen für eine BNE-basierte Ausgestaltung beruflicher Lehr-Lern-Situationen verfügen. Im Rahmen einer solchen Schlussfolgerung muss jedoch berücksichtigt werden, dass BNE auch unabhängig von curricularer Verankerung stattfindenden kann, beispielsweise aus dem Engagement einer Lehrperson heraus oder gar ohne Konzeptualisierung als „unintendierte BNE“ (Goller, 2025). Dem entgegen stellt eine curriculare Verankerung die lernwirksame Umsetzung von BNE nicht automatisch sicher, sondern bereitet diese allenfalls gut vor. Der Verbindlichkeitsgrad von Curricula, vorhandene Ressourcen und Gestaltungsspielräume und nicht zuletzt die didaktische Kompetenz der Dozent:innen bestimmen die Umsetzung von BNE (an Hochschule) mit. Festzuhalten ist also, dass die curriculare Implementierung einer hochschulischen BNE-Praxis Vorschub leistet, jedoch kaum Aussagen zur tatsächlichen BNE-Praxis oder der Kompetenzentwicklung Studierender (Outcome) zulässt. Sie ist jedoch höchst relevant als Anlass und ausdrückliche Legitimation nachhaltigkeitsorientierter Lehre. Ob und wie sich ganze Studiengänge oder Hochschulen zu einer (weiteren) Implementierung von Nachhaltigkeit und BNE in ihre Curricula entscheiden, ist von vielen Faktoren abhängig (u.a. vom Hochschulprofil, Hochschulentwicklungsplanung, Zeit- und Gelegenheitsfenster für curriculare Reformen usw.) (Krah et al., 2022; Weiss et al., 2021).

Nachhaltigkeitsbezüge in den Prüfungs- und Studienordnungen sind bis auf zwei Ausnahmen durch die Auflistung von Modultiteln in den Dokumenten erklärbar (TF2). Das schwächt die Verbindlichkeit der BNE-Bezüge erheblich ab. Entwicklungspotential liegt hier also in der Formulierung modulübergreifender Nachhaltigkeitsziele oder -Anforderungen für den jeweiligen Studiengang in den Paragraphen der Ordnungen. Hier kann beispielsweise auf Schlüsselkompetenzen im Rahmen einer BNE (Brundiers et al., 2021) oder die Kernelemente der Hochschul-BNE (Abbildung 4) verwiesen werden. So sind einige Kerninhalte in Modulbeschreibungen platzierbar (bspw. „Inhalt“), andere können jedoch nur auf der übergeordneten Ebene der Prüfungs- und Studienordnungen geeignet abgebildet werden. Beispielsweise ethical literacy ist ein übergeordnetes Ziel, das daher in einer Studienordnung übergreifend besprochen und dann in Modulbeschreibungen spezifisch aufgegriffen werden kann. Ebenso ist ein BNE-Spiralcurriculum beispielsweise im Sinne eines aufeinander aufbauenden Knowing, Acting und Being (John et al., 2017) nicht allein auf Modulebene sondern in den übergreifenden Ordnungen strukturiert zu verankern.

Abbildung 4: Kernelemente der Hochschul-BNE: Der Orientierungsrahmen im Überblick (Bellina, 2020)Abbildung 4: Kernelemente der Hochschul-BNE: Der Orientierungsrahmen im Überblick (Bellina, 2020)

Bei allen Ordnungen, die durch einen Anhang ergänzt wurden (3) war der Nachhaltigkeitsbezug auch dort zu finden (TF3). Auch hier wird die große Heterogenität im Aufbau der Studien- und Prüfungsordnungen deutlich: Nur teilweise ist ein Anhang vorhanden, teilweise werden Module in Hauptdokument oder Anhang aufgelistet. Dies erschwert die Vergleichbarkeit der Standorte.

Der Nachhaltigkeitsbezug in den Modulbeschreibungen (TF4) ist ausgeprägt. Die zweigipflige Verteilung kann als eine Polarisierung interpretiert werden: Wenn Nachhaltigkeit also Einzug in Module erhält, scheint dies beim Lehramt an berufsbildenden Schulen in der Fachrichtung Ernährungs- und Hauswirtschaftswissenschaft oft auch umfassender zu geschehen. Dass die schwache Verankerung nicht auftritt, könnte auch durch die vielen inhärenten Nachhaltigkeitsbezüge dieser beruflichen Fachrichtung erklärbar sein (Antony et al., 2020; Bartsch et al., 2024; Fischer, 2007; Rockström et al., 2025; Willett et al., 2019).

An den Hochschulstandorten lassen sich unterschiedliche Modi der BNE-Implementierung erkennen. Während die Konstruktion von „Nachhaltigkeitsmodulen“ eine isoliertere Verankerung andeutet (Add-On i.S.v. Holst et al. (2024)), scheint die Streuung der Funde über viele Module eher dem Prinzip des Querschnittsthemas (UNESCO, 2019), also einer elaborierteren Integration zu entsprechen. Eine sichere Zuordnung zur Taxonomie für die Tiefe der Umsetzung von Nachhaltigkeit und BNE in Bildungssystemdokumenten (s. Abbildung 1) ist jedoch auf Basis der quantitativen Dokumentenanalyse nicht abschließend möglich, sondern erfordert weitere Daten (z.B. zu Lehrenden und Lernenden) (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024). Mit Blick auf den Befund des BNE-Monitorings zur Hochschulbildung im Allgemeinen (isolated mentioning) deutet sich eine vergleichsweise tiefergehende Implementierung von Nachhaltigkeit in Studiengängen des beruflichen Lehramts für Ernährung und Hauswirtschaft an.

Limitierungen der Erhebung liegen überwiegend in den methodischen Entscheidungen im Verhältnis zur Diversität der Datengrundlage begründet. So sind Studiengangsunterlagen sehr unterschiedlich und somit beispielsweise auch unterschiedlich umfangreich und detailliert gestaltet. Umfassendere Unterlagen machen es wahrscheinlich, dass sich ein Nachhaltigkeitsbezug in einer höheren Anzahl an Funden zeigt, als bei kürzer verfassten Studiengangsdokumenten. Überdies wurde in der Erhebung nicht nach Pflicht- und Wahl(pflicht)modulen unterschieden. Auch übergreifende Zertifikatsprogramme wurden nicht berücksichtigt. Diese Kategorisierung ist jedoch relevant für die Verbindlichkeit der Modulwahl im Studiengang. Zuletzt kann limitierend angemerkt werden, dass eine ausschließliche Betrachtung der Studiengangsunterlagen keine Verankerung von Nachhaltigkeit „auf höherer Ebene“ erfasst. Somit kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Nachhaltigkeitsbezug in beispielsweise der Rahmenprüfungsordnung eine erneute Nennung in den studiengangsspezifischen Ordnungen aus Sicht ihrer jeweiligen Autor:innen nicht zusätzlich erforderte.

5 Fazit

Die Qualifizierung von Lehrkräften und die Verankerung von BNE in Curricula ist ein „zentrale[r] Hebel“ nachhaltiger Transformation (KMK, 2023). Die Studie gibt einen guten Überblick zur curricularen Verankerung von Nachhaltigkeit in allen Lehramtsstudiengängen der beruflichen Fachrichtung Ernährung und Hauswirtschaft in Deutschland. Für eine Vergleichbarkeit zu anderen (berufsbildenden) Lehramtsstudiengängen sind entsprechende Studien weiterer beruflicher Fachrichtungen erforderlich.

Die Ergebnisse zeigen eine im Vergleich zu aktuellen studiengangsübergreifenden Befunden für die Hochschulbildung in Deutschland (Holst, Singer-Brodowski, et al., 2024) eher fortgeschrittene BNE-Verankerung, die sich standortspezifisch sehr unterschiedlich darstellt. Die curriculare BNE-Verankerung auf Modulebene ist bei den untersuchten Standorten vergleichsweise umfassend ausgeprägt. Eine Weiterentwicklung kann niedrigschwellig beispielsweise auch durch Lehrimporte hochschulübergreifender Angebote (Virtuelle Akademie, SDGs – Globale Ziele und Zukunftskompetenzen) erreicht werden. Übergreifend ist eine noch ausbaufähige Implementierung mindestens in den studiengangsspezifischen Studien- und Prüfungsordnungen wahrscheinlich. Nur hier lassen sich modulübergreifende konzeptionelle Überlegungen zu Schlüsselkompetenzen (Brundiers et al., 2021) oder Kernelementen hochschulischer BNE (Bellina, 2020) für den Studiengang verankern und im Sinne eines Spiralcurriculums modulübergreifend aufbauen. Bei einer weiteren Implementierung von BNE in das (berufsbildende) Lehramt sollten auch vorliegende Forschungsergebnisse zu förderlichen und hemmenden Faktoren einer hochschulischen BNE-Implementierung (Weiss et al., 2021) berücksichtig werden. Aus der Erhebung der curricularen Implementierung lassen sich keine sicheren Aussagen zur quantitativen und qualitativen Umsetzung in praktischen Lehr-Lern-Kontexten ableiten. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, der quantitative Monitoring-Studien ergänzen kann und sollte.

Literatur

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Das Thema Nachhaltigkeit in Ordnungsmitteln dualer Ausbildungsberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft – Mehrdimensional, kompetenz- und gestaltungsorientiert?

1 Einleitung

Das Thema Nachhaltigkeit ist bereits seit der Veröffentlichung der „Großen Transformation“ von K. Polanyi (1944) mit multiplen Krisenerscheinungen rund um die ökonomische Ausbeutung natürlicher Ressourcen und deren gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen assoziiert (Göpel & Remig, 2014). In der beruflichen Bildung sind die Ausbildungsberufe der Ernährung und Hauswirtschaft sowie die Ökotrophologie als Bezugswissenschaft stark von der Nachhaltigkeitsthematik beeinflusst und erfordern auf der Grundlage entsprechender Kompetenzanforderungen eine Weiterentwicklung der Curricula (vgl. Kettschau 2012, 2014; Strotmann et. al. 2023). Der vorliegende Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund Ausbildungsordnungen und Lehrpläne ausgewählter dualer Ausbildungsberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft. Auf der Basis der im Fachdiskurs dargelegten Kompetenzprofile und Ansprüche an eine zeitgemäße curriculare Verankerung rund um Nachhaltigkeit wird untersucht, inwieweit diese Eingang in die Ordnungsmittel finden und in welcher Art und Weise bzw. mit welcher Schwerpunktsetzung.

2 Der Nachhaltigkeitsbegriff

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist heute sowohl im wissenschaftlichen Fachdiskurs als auch in der öffentlichen Diskussion um Belange des Schutzes der Umwelt, aber auch soziale Belange etabliert. Sowohl in Fachartikeln als im politischen Kontext oder aber in der Selbstdarstellung von Unternehmen ist häufig von Nachhaltigkeit die Rede. Auch wenn der Begriff eher neu erscheint und oft in einem derart weiten Kontext gebraucht wird, dass er als unbestimmt und beliebig angesehen wird, so kann er doch auf eine längere Geschichte zurückblicken und durchaus relativ präzise eingegrenzt werden. Viele Quellen nennen zur Herkunft des Begriffs der Nachhaltigkeit Hans Carl von Carlowitz als erste Referenz und beziehen sich außerdem auf Polanyis Werk „The Great Transformation“ (Wrede, 2020; Göpel & Remig, 2014). Zum modernen Verständnis wird häufig auf den Brundtland-Bericht verwiesen (Hauff, 1987). Tatsächlich lässt sich anhand dieser Referenzen der Begriff sinnvoll umreißen.

Der Begriff des Nachhaltens lässt ich bei Carl von Carlowitz bereits 1713 in seinem Werk Sylvicultura Oeconomica finden (Wrede, 2020, S. 29). Vor dem Hintergrund der Übernutzung der Wälder zu Beginn der Neuzeit auch im Kontext des Bergbaus propagierte er ein nachhaltiges Wirtschaften mit dem Rohstoff Holz. Es sollte nur so viel Holz aus den Wäldern entnommen werden, wie nachwachsen konnte. Der Bergbau zu dieser Zeit führte zu einer Abholzung von Wäldern bis zu dem Punkt, wo er sich selbst seiner Existenzgrundlage beraubte (Wrede, 2020, S. 33). Die Idee des nachhaltigen Bewirtschaftens des nachwachsenden Rohstoffs Holz dient hier also der Ermöglichung des Abbaus fossiler Brennstoffe. Interessant ist, dass in der Vorstellung von Carlowitz nachhaltiges Wirtschaften ökonomisch motiviert ist und am Anfang einer wirtschaftlichen Entwicklung steht, in der die Nutzung von Biorohstoffen (Holz, Holzkohle, Torf ect.) durch die Nutzung fossiler Rohstoffe (Kohle aus dem Bergbau) ergänzt bzw. substituiert wird (Wrede, 2020, S. 35).

Grundlegend analysiert Polanyi die Auswirkungen einer marktgesteuerten Nutzung von natürlichen Ressourcen und Menschen in seinem Werk „Great tranformation: The political and economic origins of our time“ (2001). Er beschreibt das Entstehen moderner Gesellschaften als eine Entwicklung, in der die Marktlogik und somit auf der Grundlage von Angebot und Nachfrage gesteuerte Prozesse nicht mehr nur einen Teil der Gesellschaft definieren, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen an Bedeutung gewinnen. Er begreift die Modernisierung von westlichen Gesellschaften als einen Prozess, in dem die Marktlogik und Märkte nicht mehr oder immer weniger durch andere gesellschaftliche Regelungssysteme eingehegt sind und als Organisationsprinzip immer weiter um sich greifen. Im Bereich der natürlichen Ressourcen und der Arbeitskraft sei eine rein marktgesteuerte Regulierung der Nutzung jedoch hoch problematisch: Menschen und Natur würden zu Subjekten von Angebot und Nachfrage und somit auf den Charakter von Gütern reduziert (Polanyi, 2001, S. 137). Auch wenn in Polanyis Werk der Nachhaltigkeitsbegriff nicht definiert wird, so erörtert er jedoch das grundlegende Problem, dass eine rein marktwirtschaftlich gesteuerte Nutzung natürlichen Ressourcen und der „Ressource“ Arbeitskraft eben nicht nachhaltig geschieht.

Das moderne Verständnis von Nachhaltigkeit in einem umfassenden Sinn ist durch die Brundtland-Kommission und den Brundtland-Bericht stark beeinflusst worden. Die von den Vereinten Nationen 1983 eingesetzte und nach dem norwegischen Ministerpräsident Brundtland benannte Kommission hatte vor dem Hintergrund der ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme die Aufgabe, Handlungsempfehlungen für eine dauerhafte Entwicklung zu erarbeiten. Im Prozess der Bearbeitung dieses Auftrags hat die Kommission den Begriff der „Nachhaltigen Entwicklung“ geprägt und der Weltgemeinschaft vorgestellt (Hauff, 1987; Kehren, 2017, S. 61). Vor dem Hintergrund von Problemlagen wie die Abholzung der tropischen Regenwälder, nationalen Finanzkrisen, der Abnahme der Ozonschicht und der Verschuldung vieler Nationen entwickelte die Brundtland-Kommission den Ansatz, Wirtschafts- und Umweltprobleme sowie soziale Probleme nicht als getrennte Bereiche, sondern als miteinander verschränkt zu begreifen. Die Zielperspektive einer nachhaltigen Entwicklung war jene einer Entwicklung, welche die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse auf der Grundlage der aktuellen Kapazitäten der natürlichen Umwelt ermöglicht. Dabei sollten die konfligierenden Ziele zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, Umweltschutz und Armutsbekämpfung überwunden werden (Hauff, 1987).

Im Anschluss an die genannten theoretischen Zugänge von Carlowitz über Polanyi bis zur Brundtland-Kommission kann festgehalten werden, dass das moderne Verständnis von Nachhaltigkeit darauf abstellt, Ökologie, Ökonomie und Soziales als ineinander verschränkt zu konzeptionalisieren (Pufé, 2014). Der Begriff Nachhaltigkeit kann also unter Bezugnahme auf Polanyi und die konzeptionellen Arbeiten der Brundtland-Kommission als eine Form des Wirtschaftens verstanden werden, welche keine der Dimensionen Ökologie, Ökonomie oder Soziales bevorzugt und Chancengerechtigkeit aller Menschen in den Blick nimmt, auch unter Berücksichtigung inter- und intragenerationeller Gesichtspunkte. Dabei zeigt der Begriff Nachhaltigkeit sowohl theoretische wie auch handlungsleitende Facetten und gilt auch als ethisch-moralisches Prinzip. Pufé umschreibt diesen Anspruch folgendermaßen: „Nachhaltigkeit bedeutet nicht, Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften“ (Pufé, 2014, S. 16). Dabei kann der politische Prozess der Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung selbst als universeller, gesamtgesellschaftlicher Bildungsprozess begriffen werden, da eine Gesellschaft über sich selbst und ihren Fortbestand reflektiert (Kehren, 2017, S. 62). Die Pädagogisierung der Nachhaltigkeitsthematik ist nicht zuletzt durch die Entwicklung und Formalisierung subjektiver Kompetenzen gekennzeichnet, wodurch die Gefahr besteht, dass die globale Nachhaltigkeitsproblematik individualisiert und entpolitisiert wird (Kehren, 2017, S. 66).

Aufgrund dieses ganzheitlichen Charakters tangiert das Thema Nachhaltigkeit alle Bereiche der Arbeitswelt und somit auch alle Ausbildungsberufe. Das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft ist jedoch in ganz besonders intensiver Art und Weise hiervon beeinflusst. Da es hier um in der Regel Dienstleistungsberufe geht, welche mit Nahrungsmittelproduktion und -konsumption sowie Beratung rund um die Ernährung in Verbindung stehen und oder sozialpflegerische Aufgaben häufig in Verbindung mit Verpflegung zum Inhalt haben, verschränken sich hier die Thematiken Ökologie, Ökonomie und Soziales idealtypisch. Auch die Fragestellungen rund um intra- und intergenerationale Gerechtigkeit sind für Pflege und Hauswirtschaft aber auch für Nahrungsmittelproduktion, -konsumption und -beratung hoch relevant. Dies zeigt sich in den zahlreichen fachdidaktischen Beiträgen im Bereich Ernährung und Hauswirtschaft ebenso wie in der Ordnungsarbeit zu den Curricula der betrieblichen und schulischen Ausbildung.

3 Nachhaltigkeit im fachdidaktischen Fachdiskurs der Ernährungs- und Hauswirtschaft

In der beruflichen Bildung kann seit Ende der 1990er Jahre eine Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit beobachtet werden. Mit dem Start der UN-Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ legte das Bundesinstitut für Berufsbildung den Förderschwerpunkt „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ auf (Fischer et al., 2014, S. 237–240). Die berufliche Aus- und Weiterbildung spielte hier eine Schlüsselrolle „da die Schaffung und Erhaltung zukünftiger Lebensgrundlagen maßgeblich von einem veränderten Verständnis von Berufsarbeit abhängt“ (Fischer et al., 2014, S. 237–240).

Vor allem auch in den Berufen der Ernährung und Hauswirtschaft wurde das Thema u. A. auf der Ebene der Bestimmung und Strukturierung nachhaltigkeitsorientierter Kompetenzen (Steinmeier 2023; Strotmann et. al. 2023), der curricularen Verankerung und Entwicklung (John & Starke, 2028) sowie allgemeiner fachdidaktischer Bezugspunkte (Brutzer & Kastrup, 2019; Kettschau, 2011; Stomporowki, 2011) ausgearbeitet. Da Nachhaltigkeit mit seinen ökologischen, sozialen und wirtschaftswissenschaftlichen Implikationen die Fachdidaktik, die berufliche Facharbeit und die Bezugswissenschaften (Ökotrophologie) unmittelbar affiziert, ist der Impuls zur Weiterentwicklung der Ordnungsmittel der entsprechenden beruflichen Ausbildungsberufe gegeben und wurde durch die entsprechende Fachdidaktik aufgegriffen.

Die Themenfelder nachhaltiger Konsum (Gemballa, 2013, S. 99–100, Überall et al., 2016) und Ernährungsökologie (Überall et al., 2016, S. 75), nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung (Überall et al., 2016, S. 73) oder nachhaltige Wertschöpfungsketten in der Lebensmittelindustrie (Pranger & Hantke, 2020) sind nur ein exemplarischer und kursorischer Ausschnitt aus der Vielfalt der im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft verorteten Themenstellungen mit hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz.

Die fachdidaktische Auseinandersetzung findet hier nicht selten entlang von Modell- und Entwicklungsprojekten statt. So zielte das Projekt Trans-Sustain auf die Entwicklung eines ganzheitlich und transversal angelegten Kompetenzrahmens für mehr Nachhaltigkeit in den Berufsbildern des Fleischer:Innenhandwerks und der Fleischwarenindustrie (Reißland et al., 2020, S. 116). Der Modellversuch NaReLe entwickelte eine offenes Lernaufgabenkonzept in der Domäne der Lebensmittelindustrie (Pranger & Hantke, 2020) und mit dem Projekt NiB-Scout wurden nachhaltigkeitsfördernde Lernarrangements für das Bäcker:Innenhandwerk entwickelt (Apelojg, Hochmut & Röhrig, 2020) während der Modellversuch NaMiTec die nachhaltige Entwicklung im Ausbildungsberuf Milchtechnologin/ Milchtechnologe förderte (Beer, 2020). Außerdem ist das Kompetenzmodell für BBNE in Lebensmittelhandwerk und Lebensmittelindustrie zu nennen, welches als zentrales Ergebnis der Modellversuche der dritten Förderlinie „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung 2015-2019“ nachhaltigkeitsrelevante Kernkompetenzen für den genannten Bereich strukturiert (Strotmann et. al. 2023, S. 1). Das Modell dient als Grundlage für die didaktische Konzeption und Gestaltung von Lehr-Lernprozessen (ebd.). Darüber hinaus entwickelte das Institut für Lehrkräftebildung der Fachhochschule Münster konzeptionelle Grundlegungen eines nachhaltigkeitsorientierten Rahmencurriculums für die Ernährungs- und Hauswirtschaftsberufe (Kettschau, 2012, S. 25–26; Kettschau, 2014). Im Kontext der UN-Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ sollte hier ein Verständnis nachhaltigkeitsrelevanter beruflicher Arbeitsprozesse erarbeitet werden (Kettschau. 2012, S. 25–26; Kettschau, 2014). Exemplarisch erarbeitete Beer für den Ausbildungsversuch Milchtechnolog:In Lehr-Lernmodule, welche orientiert an entsprechenden Kompetenzvorstellungen zur Nachhaltigkeit im betrieblichen Teil der Ausbildung Anwendung finden sollen (Beer, 2020). Die genannten Modellversuche produzierten umfangreiche Fachpublikationen, welche den fachdidaktischen Fachdiskurs der Ernährungs- und Hauswirtschaft zum Thema Nachhaltigkeit beeinflussten, z. B. durch Curriculare Arbeit (Kettschau, 2014), didaktisch-methodische Beiträge (Apelojg et al., 2020) oder Kompetenzmodellierung (Kettschau 2012).Aus den in Kapitel 3 rezipierten Beiträgen und weiteren einschlägigen fachdidaktischen Beiträgen lassen sich auf der Grundlage deren konzeptioneller Arbeit am Nachhaltigkeitsbegriff innerhalb der Fachdidaktik Ernährung und Hauswirtschaft sowie zu spezifischen berufsbezogenen Kompetenzen in diesem Bereich spezifische Charakteristika bzw. Ansprüche an die Operationalisierung von Nachhaltigkeit in den Ordnungsmitteln der Berufsausbildungen im genannten Berufsfeld herausarbeiten. Im Folgenden werden Aspekte dargestellt, welche in mehreren der rezipierten Beiträgen wiederholt als grundlegend für das Verständnis von Nachhaltigkeit im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft angelegt werden und anschlussfähig an die in Kapitel 1 dargelegten Vorstellungen von Nachhaltigkeit sind. Diese werden vom Autor vor dem Hintergrund der rezipierten Literatur als derart bedeutsam eingeschätzt, dass Sie als Ansprüche an eine erfolgreiche Integration des Themas Nachhaltigkeit in Ordnungsmittel dualer Ausbildungsberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft gelten können und als Kategorien für die Analyse der Ordnungsmittel fungieren. Damit ist kein abschließender Inhalts- oder Anforderungskatalog formuliert worden, es geht vielmehr um qualitative Merkmale an eine Verankerung von Nachhaltigkeit innerhalb der genannten Ordnungsmittel.

Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit:

Zunächst wird in vielen Arbeiten analog zu dem im Kapitel 2 dargestellten Nachhaltigkeitsverständnis der Brundtland-Kommission das Zusammendenken bzw. der Einbezug der ökonomischen, sozialen und politischen Dimensionen von Nachhaltigkeit hervorgehoben. Rauch und Steiner ebenso wie Beer und Pranger und Hantke legen in ihren fachdidaktischen Beiträgen ein solches mehrdimensionales Verständnis zugrunde und beziehen es auf Ausbildungsberufe und Tätigkeitsfelder im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft (Rauch & Steiner, 2012, S. 14; Beer, 2020, S. 72; Pranger & Hantke, 2020, S. 87). Daher ist zu analysieren, inwieweit ein derart mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit Eingang in die Ordnungsmittel gefunden hat.

Kompetenzorientierung mit Bezug zu den beruflichen Handlungssituationen:

Es wird in den Beiträgen von Kettschau und Beer die Notwendigkeit eines Verständnisses der nachhaltigkeitsrelevanten beruflichen Arbeitsprozesse hervorgehoben um den Bezug zur berufliche Handlungskompetenz herzustellen (Kettschau 2012, S. 26–30; Beer, 2020, S. 72). Nicht die Operationalisierung eines abstrakten Nachhaltigkeitsverständnisses ist hier das Ziel, sondern der Einbezug von nachhaltigem Handeln als spezifische Akzentuierung beruflicher Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit in die Ordnungsmittel. Sehr ähnlich bestimmen Apeljog, Hochmuth und Röhrig domänenspezifische Handlungsmuster und betriebliche Ablaufplanungen im Kontext von Nachhaltigkeit. Auch Pranger und Hantke nehmen konkrete beruflich Handlungsfelder und Handlungssituationen zum Ausgangspunkt ihres Lernaufgabenkonzeptes (Apeljog et al., 2020, S. 107–112; Pranger & Hantke, 2020, S. 87) Beer sprich in diesem Kontext von domänenspezifischer Nachhaltigkeitskompetenz (Beer, 2020, 65) und Kuhlmeier und Vollmer (2013) von nachhaltigkeitsbezogener Gestaltungskompetenz. Konsequent verschränkt die Kompetenzmatrix im Kompetenzmodell für Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung in Lebensmittelhandwerk und Lebensmittelindustrie berufsbezogene Arbeitsprozesse mit nachhaltiger Handlungskompetenz (Strotmann et. al. 2023).

Ziel ist die Befähigung der angehenden Facharbeitenden „mehrperspektivische Anforderungen der betrieblichen Umwelt sinnvoll in ihre betrieblichen Entscheidungsprozesse zu integrieren, damit sie zukunftsorientierte berufliche Problemstellungen kompetent bewältigen können“ (Pranger & Hantke, 2020, S. 82). Daher ist zu analysieren, inwieweit über die Integration der eher allgemein gehaltenen und ausbildungsbereichsübergreifenden Standardberufsbildposition 3 (siehe Kapitel 4) hinaus nachhaltigkeitsbezogene Aspekte kompetenzorientiert in die anderen Berufsbildpositionen der Ausbildungsordnungen und die hier adressierten Arbeitsprozesse sowie in die Lernfelder der Rahmenlehrpläne und die dort adressierten Arbeitsprozesse integriert wurden.

Gestaltungs- und Subjektorientierung:

Innerhalb vieler fachdidaktischer Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit wird ein Bildungsanspruch formuliert, welcher über den Erwerb spezifischer nachhaltigkeitsorientierte Kompetenzen in spezifischen Arbeitsprozessen hinausgeht. Hier besteht auch der Bezug zu den in Kapitel 2 dargestellten konfligierenden Ziele zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Umweltschutz, welche im Nachhaltigkeitskonzept angelegt sind und auf konkrete berufliche Situationen übertragen werden müssten. Die Autor:Innen fordern „Räume für konkrete Entwicklungs- Gestaltungs- und Reflexionsprozesse im Kontext von Widersprüchen und Spannungsfeldern“ (Rauch & Steiner, 2012, S. 1; Stomporowski, 2011, S. 7) und wollen „Zielkonflikte und Dilemmata zwischen betrieblichen Handlungsroutinen und der abstrakten Nachhaltigkeitsidee bearbeiten“ (Pranger & Hantke, 2020, S. 84–89). Subjektorientierung und Förderung von Gestaltungskompetenz sollen dazu befähigen, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können (Gemballa, 2013, S. 102). Stomporowski spricht in Anlehnung an Klafki von branchenspezifischen Schlüsselproblemen im Kontext von Nachhaltigkeit (Stomporowski, 2011, S. 5). Auch seien nach Kettschau entwicklungslogische Curricula notwendig (Kettschau, 2012, S. 31). Reissland sieht außerdem den institutionenübergreifenden Kompetenzerwerb (zwischen Ausbildungsbetrieben, Berufsschulen, privater Lebenswelt) im Sinne eines transversalen Kompetenzansatzes als notwendig an (Reissland et al., 2020, S. 121).

Die anschließende Analyse der Ordnungsmittel fokussiert daher neben den Kategorien „Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit“ und „Kompetenzorientierung mit Bezug zu den beruflichen Handlungssituationen“ auch auf die „Gestaltungs- und Subjektdimension“ als diejenigen Aspekte, welche in vielen verschiedenen Beiträgen im Forschungsstand hervorgehoben werden und in die Ordnungsmittel im Kontext von Nachhaltigkeit eingehen müssten. Die Aspekte entwicklungslogische Curricula und institutionenübergreifender Kompetenzerwerb werden aus forschungsstrategischen Erwägungen ausgeklammert, da ansonsten die Analyse zu komplex ausfallen würde und diese nur in einzelnen Beiträgen hervorgehoben werden. Damit ist jedoch expliziert keine inhaltliche Abstufung intendiert.

4 Nachhaltigkeit innerhalb der Ordnungsarbeit für die Ausbildungsberufe der Ernährung und Hauswirtschaft

Aus den Kompetenzanforderungen im Kontext der Nachhaltigkeit resultiert eine diesbezügliche Weiterentwicklung der Ordnungsmittel. Rahmenlehrpläne und Ausbildungsordnungen müssen dergestalt reformiert werden, dass eine den Anforderungen in Kapitel 3 entsprechende Kompetenzentwicklung gefördert werden kann (Meyer, 2008, S. 5). Neben der Aufnahme der relevanten Kompetenzen und Inhalte muss ebenfalls eine entsprechende Umsetzung in den Kammernprüfungen realisiert werden, da diese häufig auch den heimlichen Lehrplan in der schulischen Ausbildung darstellen (Meyer, 2008, S. 5). Diese curricularen Neujustierungen müssen dann auch in der Praxis gelebt werden: „Die Weiterentwicklung der Lehrinhalte und der -formate ist nicht nur in der Theorie zu vermitteln: Viel wichtiger ist es, eine nachhaltigere Arbeitsweise in praktischen Lehrinhalten näherzubringen und so die Vorzüge und Notwendigkeit nachhaltigen Denkens und Handelns für die Auszubildenden in der betrieblichen Praxis direkt erfahrbar zu machen“ (Weber et al., 2021, S. 7).

Auf der Ebene der Ordnungsmittel steht die Standardberufsbildposition 3 „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ für eine sukzessive Verankerung des Themas in der dualen Ausbildung. Seit dem Jahr 2021 wird diese in alle neugeordneten und neu geschaffenen dualen Ausbildungen integriert. Standardberufsbildpositionen als bildungspolitische Steuerungselemente sollen Mindestanforderungen verankern, welche während der gesamten Ausbildung zu vermitteln sind (Bundesanzeiger, 2020). Die Standardberufsbildposition 3 formuliert hierzu die folgenden Kompetenzen:

  • Möglichkeiten zur Vermeidung betriebsbedingter Belastungen für Umwelt und Gesellschaft im eigenen Aufgabenbereich erkennen und zu deren Weiterentwicklung beitragen
  • bei Arbeitsprozessen und im Hinblick auf Produkte, Waren oder Dienstleistungen, Materialien und Energie unter wirtschaftlichen, umweltverträglichen und sozialen Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit nutzen
  • für den Ausbildungsbetrieb geltende Regelungen des Umweltschutzes einhalten
  • Abfälle vermeiden sowie Stoffe und Materialien einer umweltschonenden Wiederverwertung oder Entsorgung zuführen
  • Vorschläge für nachhaltiges Handeln für den eigenen Arbeitsbereich entwickeln
  • unter Einhaltung betrieblicher Regelungen im Sinne einer ökonomischen, ökologischen und sozial nachhaltigen Entwicklung zusammenarbeiten und adressatengerecht kommunizieren (Bundesanzeiger, 2020)

5 Methodischer Zugang

Das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft umfasst insgesamt 29 Berufe und weist eine große inhaltliche Heterogenität auf. Neben dual ausgebildeten Berufen finden sich hier auch Berufsausbildungen, welche dem Schulberufssystem zuzuordnen sind (Kettschau 2013, 3-5). Idealerweise sollte die Auswahl unter der Vielzahl der Ausbildungsberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft zum einen die Breite des Berufsfeldes abdecken und zum anderen lediglich solche Ausbildungsberufe umfassen, welche schon die Standardberufsbildposition 3 Umweltschutz und Nachhaltigkeit integriert haben. Außerdem musste der Gesamtumfang der Analyse aus forschungspraktischen Gesichtspunkten auf drei Ausbildungsberufe beschränkt werden, deren jeweilige Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne analysiert wurden[1].

Tatsächlich wurden seit 2021 lediglich fünf Berufe reformiert und durch die neue Standardberufsbildposition 3 Umweltschutz und Nachhaltigkeit ergänzt. Daher wurden in die Analyse folgende Ordnungsmittel einbezogen:

  • Hotelfachmann/ -fachfrau; Ausbildungsverordnung und Rahmenlehrplan (in der Ergebnisdarstellung abgekürzt als HotelAusbV, 2022 und Rahmenlehrplan Hotel, 2021),
  • Koch/ Köchin; Ausbildungsverordnung und Rahmenlehrplan, (in der Ergebnisdarstellung abgekürzt als Ausbildungsrahmenplan Koch, 2022 und Rahmenlehrplan Koch, 2022)
  • Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie; Ausbildungsverordnung und Rahmenlehrplan, (Abgekürzt als Ausbildungsordnung Gastronomie, 2022 und Rahmenlehrplan Gastronomie, 2021),

wobei unter den Ausbildungsberufen mit neuer Berufsbildposition 3 jene Ausbildungsgänge mit den meisten Auszubildenden ausgewählt wurden[2]. Berufsausbildungen im vollschulischen Teil des Berufsbildungssystems wurden nicht berücksichtigt, da hier Ordnungsarbeit, Curricula und Organisation sich derart von dualen Ausbildungsgängen unterscheiden, dass kein Vergleich möglich ist.

Somit konnte die Heterogenität des Berufsfelds nicht abgebildet und vor allem die hauswirtschaftlichen sowie Lebensmitteltechnischen Ausbildungen nicht berücksichtigt werden. Allerdings erschien es nicht zielführend, Ausbildungsgänge mit der neuen Berufsbildposition mit solchen zu vergleichen, welche diese noch nicht integriert haben. Die ausgewählten Ausbildungsberufe sind jedoch allesamt solche, welche im Vergleich aller Ausbildungsberufe des Berufsfelds als teilnehmerstark anzusehen sind, sodass vier der sechs teilnehmerstärksten Ausbildungsberufe abgedeckt werden konnten (Kroll, Schmidt & Uhly, 2025).

Die Auswahl der Ordnungsmittel erfolgte in Anlehnung Glasers Ansatz zur Dokumentenanalyse (Glaser 2013). Den Gütekriterien des Ansatzes entsprechend wurde zunächst relevante Literatur recherchiert und beschafft (hier die einschlägigen Ordnungsmittel). Zur Recherche wurden digitale Bibliothekskataloge und eine digitale Suchmaschinen (https://www.pedocs.de/ ) genutzt. Außerdem wurde die Suchmaschine des Bundesinstituts für Berufsbildung zu Fachpüublikationen und Ordnungsmitteln herangezogen (https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/). Es wurden lediglich solche Veröffentlichungen einbezogen, deren Autorenschaft bzw. institutionelle Herkunft (z. B. Herausgeberschaft durch ein für Berufliche Bildung zuständiges Ministerium oder Forschungsinstitut) offensichtlich war und deren Authentizität als gegeben eigeschätzt werden konnte.

Die Auswertung der Ordnungsmittel erfolgte entlang der in Kapitel 4 a priori entwickelten Kategorien („Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit“, „Kompetenzorientierung mit Bezug zu den beruflichen Handlungssituationen“ und „Gestaltungs- und Subjektdimensionen“). Das deduktive Verfahren (Statmann 2025, S. 114–116) orientierte sich an der Fragestellung, inwieweit diese Eingang in die Ordnungsmittel finden und in welcher Art und Weise bzw. mit welcher Schwerpunktsetzung. Entsprechende Stellen in den gewählten Ordnungsmittel wurden entsprechend kodiert und verglichen (Statmann 2025, S. 116-117). Der Schwerpunkt lag hier auf den Regelungen zu den Inhalten der Prüfungsbereiche der Kammernprüfungen und dem Ausbildungsrahmenplan mit seinen Berufsbildpositionen in den Ausbildungsordnungen und auf den Lernfeldern innerhalb der Rahmenlehrpläne. Das Vorgehen wurde gewählt um den Spezifika des Auswertungsmaterials gerecht zu werden (hier wurden offizielle Dokumente und keine Interviews ausgewertet). Der deduktive Zugang wurde gewählte, da die Kategorien aus dem Fachdiskurs generiert wurden, der vor der Einführung der neuen Berufsbildposition 3 in die untersuchten Ausbildungsgänge stattfand und überprüft werden sollte, inwieweit hier diskutierte Aspekte in die Überarbeitung der Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne übergegangen sind. Mit dem Vorgehen konnten Gütekriterien der Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit nach Kukartz & Rädiker (2024, S. 233–237) erfüllt werden, sofern sie sich auf eine Dokumentenanalyse beziehen. Zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit (Kukartz & Rädiker, 2024, S. 235) der Ergebnisse kann aufgrund der Auswertung durch lediglich eine Person keine Aussagen getroffen werden. Es wurde keine generativen KI-Modellen zur Erstellung des Artikels oder Auswertung des Datenmaterials benutzt.

6 Ergebnisse

6.1 Ausbildungsberufsübergreifende Ergebnisse

Bezügliche der untersuchten Ausbildungsordnungen zeigt sich, dass in allen Ausbildungsberufen Teile der in der Berufsbildposition 3 verankerten nachhaltigkeitsbezogenen Kompetenzen Eingang in die Kammernprüfung gefunden haben. In allen untersuchten Ausbildungsordnungen wurde diese eins zu eins als während der gesamten Ausbildung zu vermittelnde Berufsbildposition übernommen. Darüber hinaus wurde in allen Ausbildungsordnungen in ausgewählten spezifischen berufsfachlichen Berufsbildpositionen (z. B. „Wahrnehmung der grundlegenden Aufgaben im Wirtschaftsdienst“; HotelAusbV, 2022, S. 18) nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen in die spezifischen beruflichen Handlungskompetenzen des jeweiligen Ausbildungsrahmenplans integriert (z. B. Berufsfeldposition 11, HotelAusbV, 2022, S. 18: „den Beschaffungsbedarf von Lebensmitteln und Betriebsmitteln ermitteln und an der Auswahl und Bestellung der Lebensmittel und Betriebsmittel unter Berücksichtigung von Aspekten der Qualität und der Nachhaltigkeit, insbesondere Regionalität, Saisonalität, Transport und Verpackung, mitwirken“). Analog zu diesen Konkretisierungen wurden durch Nachhaltigkeitsaspekte ergänzte auf berufliche Handlungssituationen bezogene Kompetenzanforderungen als Prüfungsinhalte in allen untersuchten Ausbildungsordnungen festgelegt.

Außerdem wurden in allen untersuchtenAusbildungsrahmenplänen in ausgewählten Lernfeldern nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzanforderungen in jene zu konkreten beruflichen Handlungssituationen integriert. So heißt es z. B. im Lernfeld 4, Rahmenlehrplan Hotelfachmann/-frau: „Sie recherchieren Vorgaben zur Reinigung und Desinfektion von Gasträumen, Textilien und Gegenständen unter Beachtung von Umweltschutzregelungen, Nachhaltigkeit sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz“ (Rahmenlehrplan Hotel, 2021, S. 15). Dies geschieht jedoch in den dreigewählten Ausbildungsberufen in unterschiedlichem Umfang.

Ein mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit ist in den Ausbildungsordnungen aller untersuchter Ausbildungsberufe insoweit einbezogen, als dass die in allen untersuchten Ausbildungsordnungen übernommene Berufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“, ein solches Verständnis artikuliert. Kompetenzbeschreibung dieser Berufsbildposition wie „unter Einhaltung betrieblicher Regelungen im Sinne einer ökonomischen, ökologischen und sozial nachhaltigen Entwicklung zusammenarbeiten und adressatengerecht kommunizieren“ sowie „Möglichkeiten zur Vermeidung betriebsbedingter Belastungen für Umwelt und Gesellschaft im eigenen Aufgabenbereich erkennen und zu deren Weiterentwicklung beitragen“ können darüber hinaus als gestaltungsorientierte Kompetenzbeschreibungen interpretiert werden.

Da die Berufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ aufgrund ihres ausbildungsübergreifenden Charakters jedoch nicht auf spezifischen berufliche Handlungssituationen Bezug nimmt und nicht bestimmte Zeitpunkte im Ausbildungsverlauf fokussiert, lässt sich hier nicht bestimmen, ob und in welcher Tiefe ein mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit, eine Kompetenzorientierung im Sinne einer domänenspezifischen Nachhaltigkeitskompetenz und eine Gestaltung- und Subjektorientierung angelegt ist. Um eine genauere Idee hierzu zu erhalten und den Vergleich der Ausbildungsberufe darzustellen, soll im Folgenden auf die Kompetenzbeschreibungen in den Berufsbildpositionen und Lernfeldern in den einzelnen Ausbildungsberufen eingegangen werden, welche nicht ausbildungsbereichsübergreifend formuliert sind, sondern konkrete berufliche Handlungssituationen adressieren.

6.2 Ergebnisse der Analyse der Ausbildungsordnung und des Rahmenlehrplans Hotelfachmann/ Hotelfachfrau

Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitsbezogenen Aspekte sind in der Ausbildungsordnung Hotelfachmann/ Hotelfachfrau über die Berufsfeldposition Umweltschutz und Nachhaltigkeit in 5 von 17 Berufsfeldpositionen in Kompetenzanforderungen zu beruflichen Handlungsprozessen eingeflossen. Ein mehrdimensionales Verständnis ist hier insoweit formuliert, als dass ökonomische und ökologische Aspekte zusammengebracht werden (z. B. „Arbeitsabläufe unter Berücksichtigung betrieblicher Gegebenheiten, des Einsatzes von internem und externem Personal sowie ökonomischer und ökologischer Aspekte steuern“; Rahmenlehrplan Hotel, 2021, S. 22). Bei zwei solcher Beschreibungen wird auch die soziale Dimension berücksichtigt.

Im Rahmenlehrplan Hotelfachmann/ Hotelfachfrau sind nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzbeschreibungen in sieben von dreizehn Lernfeldern beschrieben. Hier wird an mehreren Stellen ein mehrdimensionales Verständnis unter Einbezug der sozialen Dimension beschrieben (z. B. Lernfeld 2 Rahmenlehrplan Hotel: „Die Schülerinnen und Schüler reflektieren den Prozess und zeigen Möglichkeiten der Optimierung in Hinblick auf soziale, ökonomische und ökologische Aspekte sowie Zielkonflikte auf“).

Gestaltungs- und Subjektorientierung

In den Kompetenzbeschreibungen der Ausbildungsordnung muss Wissen in Bezug auf Nachhaltigkeit auf den Arbeitsprozess bezogen werden. Zum Teil können hierbei Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkannt werden. Eine vertiefte Gestaltung- und Subjektorientierung im Sinne konkreter Gestaltungs- und Reflexionsprozesse im Kontext von Widersprüchen und die Adressierung von Zielkonflikten und Dilemmata zwischen den betrieblichen Handlungen und der Nachhaltigkeitsidee sind lediglich an einer Stelle der Ausbildungsordnung anzutreffen.

Im Rahmenlehrplan Hotelfachmann/ Hotelfachfrau ist in vier Lernfeldern über die Anwendung von nachhaltigkeitsbezogenem Wissen hinaus eine Gestaltung- und Subjektorientierung angelegt, welche Reflexionsanlässe über Abläufe und Vorgaben im betrieblichen Kontext umfassen. In einem Lernfeld werden Zielkonflikte angesprochen.

6.3 Ergebnisse der Analyse der Ausbildungsordnung und des Rahmenlehrplans Koch/ Köchin

Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitsbezogenen Aspekte sind in der Ausbildungsordnung Hotelfachmann/ Hotelfachfrau über die Berufsfeldposition Umweltschutz und Nachhaltigkeit hinaus in vier von neunzehn Berufsfeldpositionen des Ausbildungsrahmenplans in Kompetenzanforderungen zu beruflichen Handlungsprozessen eingeflossen. Ein mehrdimensionales Verständnis, welches ökonomische, ökologische und ergonomische Aspekte verbindet, kann an einer Stelle aufgefunden werden („Geräte, Maschinen, Arbeitsmittel und Verbrauchsgüter auftragsbezogen und unter ökonomischen, ökologischen und ergonomischen Gesichtspunkten auswählen und ihren Einsatz planen“; Berufsbildposition 13 Ausbildungsrahmenplan Koch, 2022, S. 407).

Der Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Koch/ Köchin formuliert das Ziel integrativ in den Lernfeldern Nachhaltigkeit in allen Arbeitsprozessen zu berücksichtigen (Ausbildungsrahmenplan Koch, 2021, S. 8). Hier sind in dreizehn von vierzehn Lernfeldern nachhaltigkeitsbezogenen Kompetenzbeschreibungen integriert. In zwei Lernfeldern wird auf ein mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit Bezug genommen.

Gestaltungs- und Subjektorientierung

In den genannten vier Berufsbildpositionen der Ausbildungsordnung muss nachhaltigkeitsbezogenes Wissen auf die jeweiligen Arbeitsprozesse bezogen werden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung können hier erschlossen werden. In immerhin dreien der vier Berufsfelder ist in den Arbeitsprozessen eine Reflexion über den Umgang mit Lebens- und Betriebsmittel unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit angelegt (Berufsbildpositionen 13, 15 und 16, Ausbildungsrahmeplan Koch, 2022; S. 407–408). Eine vertiefte Gestaltung- und Subjektorientierung im Sinne konkreter Gestaltungs- und Reflexionsprozesse im Kontext von Widersprüchen und die Adressierung von Zielkonflikten und Dilemmata zwischen den betrieblichen Handlungen und der Nachhaltigkeitsidee sind jedoch an keiner Stelle der Ausbildungsordnung anzutreffen.

Im Rahmenlehrplan wird in fast allen Lernfeldern und in einer breiten Variation von Arbeitsprozessen auf Nachhaltigkeit Bezug genommen. Neben Arbeitsprozessen, in denen bei der Zubereitung von Speisen auf Nachhaltigkeit geachtet werden soll, werden in zwei Lernfeldern Reflexionsanlässe angelegt. Zielkonflikte in betrieblichen Abläufen im Kontext der Nachhaltigkeit werden in einem Lernfeld thematisiert: „Die Schülerinnen und Schüler reflektieren den Prozess und zeigen Möglichkeiten der Optimierung in Hinblick auf soziale, ökonomische und ökologische Aspekte sowie Zielkonflikte auf (Lernfeld 2, Ausbildungsordnung Koch, 2021, S. 12).

6.4 Ergebnisse der Analyse der Ausbildungsordnung und des Rahmenlehrplans Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie

Mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeitsbezogene Aspekte sind in der Ausbildungsordnung Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie über die Berufsfeldposition Umweltschutz und Nachhaltigkeit hinaus in zwei von sechzehn Berufsfeldpositionen des Ausbildungsrahmenplans in Kompetenzanforderungen zu beruflichen Handlungsprozessen eingeflossen. Ein mehrdimensionales Verständnis, welches ökonomische, ökologische und ergonomische Aspekte verbindet, findet sich hier nicht (Ausbildungsordnung Gastronomie, 2022, S. 22–44.

Im Rahmenlehrplan zur genannten Berufsausbildung finden sich in acht von dreizehn Lernfeldern nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzbeschreibungen. Hier zeigt sich in drei Lernfeldern ein mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit, z. B. in Lernfeld 1: „Die Schülerinnen und Schüler verschaffen sich einen Überblick über das betriebliche Qualitätsmanagement (Arbeitssicherheit, Personal-, Betriebs- und Produkthygiene) und betriebliche Nachhaltigkeitsmaßnahmen (sozial, ökologisch, ökonomisch)“ (Rahmenlehrplan Gastronomie, 2021, S. 12).

Gestaltungs- und Subjektorientierung

In den genannten zwei von sechzehn Berufsbildpositionen der Ausbildungsordnung müssen Wissensbestände zu Nachhaltigkeit in den Arbeitsprozessen angewendet werden. Darüber hinaus ist keine Gestaltungs- und Subjektorientierung erkennbar. Zielkonflikte in betrieblichen Abläufen im Kontext der Nachhaltigkeit werden nicht thematisiert (Ausbildungsordnung Gastronomie, 2022, S. 22–44).

In der entsprechenden Ausbildungsordnung dagegen finden sich in drei Lernfeldern in Arbeitsprozesse integrierte Reflexionsanlässe zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechen wird in drei Lernfeldern eine Gestaltungorientierung derart deutlich, dass über reine Anwendung von nachhaltigkeitsbezogenen Vorgaben hinaus Arbeitsprozesse geplant und gestaltet werden müssen. Die Adressierung von Zielkonflikten und Dilemmata zwischen den betrieblichen Handlungen und der Nachhaltigkeitsidee ist im Lernfeld zwei des Rahmenlehrplans anzutreffen (Rahmenlehrplan Gastronomie, 2021, S. 13).

Insgesamt zeigt der Vergleich, dass in den Ausbildungsrahmenplänen stellenweise auch in Berufsfeldpositionen, welche nicht ausbildungsbereichsübergreifend angelegt sind, nachhaltigkeitsbezogenen Kompetenzen in die Arbeitsprozesse integriert wurden, wobei das in der Ausbildungsordnung Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie am wenigsten geschieht. Ein mehrdimensionales Nachhaltigkeitsverständnis wird hier zum Teil insoweit angesprochen, als dass ökologische und ökonomische Aspekte zusammengebracht werden. Der soziale Aspekt von Nachhaltigkeit wird sehr selten adressiert. Die entsprechenden Rahmenlehrpläne ähneln diesbezüglich den Ausbildungsrahmenplänen: Zwar wird ein mehrdimensionales Verständnis von Nachhaltigkeit deutlich, sehr selten jedoch unter Einbezug der sozialen Dimension.

Insgesamt gelingt in allen Berufen dort, wo das Thema Nachhaltigkeit in konkrete Arbeitsprozesse der Berufsbildpositionen und Lernfelder integriert wurde, Aspekte einer domänenspezifischen Nachhaltigkeitskompetenz zu formulieren. In der Ausbildungsordnung Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie geschieht dies kaum, wobei hier der entsprechende Rahmenlehrplan durchaus in größerem Umfang solche Aspekte abbildet.

Eine eher oberflächliche Gestaltung und Subjektorientierung innerhalb der nachhaltigkeitsbezogenen Berufsfeldpositionen finden sich nur dort, wo die Arbeitsprozesse selbst über das reine Anwenden von nachhaltigkeitsbezogene Aspekten hinaus gestaltende Tätigkeiten beinhalten. Dies ist in Ausbildungsordnungen sehr selten, in Lehrplänen durchaus häufiger der Fall. Eine vertiefte Gestaltungorientierung, welche kritische Hinterfragung und vertiefte Reflexion im Kontext von Widersprüchen und Spannungsfeldern einbezieht, und Zielkonflikte und Dilemmata zwischen betrieblichen Handlungsroutinen und der abstrakten Nachhaltigkeitsidee bearbeitet, findet sich nur in sehr wenigen Berufsbildpositionen und Lernfeldern. Insgesamt ist die Gestaltungsorientierung im Kontext von Nachhaltigkeit stärker in die Rahmenlehrpläne als in die Ausbildungsrahmenpläne eingegangen.

7 Schlussfolgerungen, Handlungsempfehlungen und Fazit

Die vorgenommene Untersuchung der Verankerung von Nachhaltigkeit in Ordnungsmittel im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft hat Limitationen hinsichtlich der Anlage der Untersuchung und des Aussagegehalts der Ergebnisse. Es konnte keine abschließende inhaltliche Prüfung dahingehend unternommen werden, ob alle für das Berufsfels einschlägigen Inhalte rund um das Thema Nachhaltigkeit verankert wurden. Vielmehr zielte die Anlage der Untersuchung auf eine qualitative Prüfung des verankerten Verständnisses von Nachhaltigkeit, der Integration von nachhaltigkeitsbezogenen Themen in konkrete beruflichen Handlungssituationen und weitere gestaltungs- und subjektorientierungsbezogene Aspekte. Auch musste die Untersuchung aus forschungspragmatischen Gründen auf wenige Ausbildungsberufe innerhalb des breitgefächerten Berufsfeldes beschränkt werden. Die Verortung von Nachhaltigkeit in Ordnungsmittel erlaubt keine Aussage über die Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Ausbildungs- und Schulrealität.

Die Ergebnisse erlauben jedoch ein ausdifferenziertes Bild bezogen auf die untersuchten Ausbildungsgänge. Die in den untersuchen Ausbildungsberufen überwiegend gelungene kompetenzorientierte Umsetzung eines mehrdimensionalen Verständnisses von Nachhaltigkeit und der Anschluss des Themas an konkrete berufliche Handlungssituationen verdeutlicht die Notwendigkeit, nicht lediglich die Standardberufsbildposition 3 in die Ausbildungsordnungen zu integrieren, sondern in weiteren thematisch einschlägigen Berufsbildpositionen das Thema zu verankern. Dies müsste noch stärker umgesetzt werden.

Es zeigt sich jedoch, eine vertiefte Gestaltungs- und Subjektperspektive ist in den untersuchten Ordnungsmitteln nur sehr punktuell angelegt, In der Realität der Berufsausbildungen kann hier den Berufsschulen eine hervorgehobene Bedeutung zukommen, da didaktische Freiheiten innerhalb der Lernfelder eine Vertiefung in Bezug auf Gestaltungs- und Subjektorientierung durchaus zulassen und die betriebliche Ausbildungsrealität im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft insgesamt durch die Auszubildenden im Vergleich zu anderen Berufsfeldern häufig als problematisch eingeschätzt wird (Dick & Herzog-Buchholz, 2025, S. 7). Im Sinne eines Differenzcurriculums können Berufsschulen hier Ansprüche an die Vermittlung von nachhaltigkeitsbezogenen Inhalten, wie sie in Kapitel 3 formuliert wurden, adressieren, welche in der betrieblichen Ausbildung zu kurz kommen.

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Wrede, V. (2020). Bergbau gleich Raubbau? Rohstoffgewinnung und Nachhaltigkeit. Springer.

[1] Aufgrund der gegebenen zeitlichen und personellen Ressourcen konnten nicht mehr Ordnungsmittel ausgewertet werden

[2] So wurde für die Gastronomieberufe der/die Fachmann/ Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie ausgewählt, da dieser Ausbildungsberuf mehr junge Menschen ausbildet als die ähnlichen Fachmann/ Fachfrau für Systemgastronomie und Fachkraft für Gastronomie (Schmidt, Kroll, Schmidt  & Uhly, 2025). Diese Berufe verfügen über eine gemeinsame Grundbildung. Tatsächlich verteilen sich jedoch Inhalte zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit über die gesamte Ausbildung.

Von Ordnungsmitteln zur Ausbildungspraxis: Eine Bilanzierung nachhaltiger Ausbildungsinhalte in der Transport- und Logistikbranche

1 Einleitung

Die Transformation zu klimaneutralen und fairen Wertschöpfungs- und Lieferketten stellt die Transport- und Logistikbranche vor besondere Aufgaben (vgl. EP, 2024, S. 12–14; IPCC, 2022, S. 1052). Die Anforderungen reichen von klimabezogenen Minderungszielen, über Fragen der Arbeitsorganisation und Gesundheit, bis hin zu sozialen Handlungsfeldern, die entlang transnationaler Transportketten und in logistischen Arbeitsprozessen sichtbar werden (vgl. BAG, 2022; BALM, 2024; Ebel, 2013; Michaelis, 2015; UBA, 2025; Wittenbrink, 2014). Nachhaltigkeitsbezogene Arbeits- und Problemstellungen sind damit nicht als externe Anforderungen zu verstehen, sondern gehören zu den alltäglichen Herausforderungen jener Berufe, die in Beschaffung und Distribution, Auftragsabwicklung, Lager und Materialfluss sowie Spedition tätig sind (vgl. Carter & Rogers, 2008, S. 361).

Vor diesem Hintergrund ist die Transport- und Logistikbranche seit Jahren Gegenstand berufsbildungsbezogener Entwicklungsarbeiten, die sowohl Auszubildende als auch Ausbildungspersonal zur Mitgestaltung einer nachhaltigen Transformation befähigen sollen. Dazu zählen Projekte wie InnoLA, Pro-DEENLA, NaLoGO und NaTuL sowie angrenzende Vorhaben, die Nachhaltigkeit im Kontext beruflicher Aufgaben, Lernarrangements und arbeitsprozessbezogener Kompetenzentwicklung adressieren (vgl. Seeber, 2019, S. 4–5). Zugleich wird in der Versuchsforschung betont, dass Auszubildende als Potenzialträger*innen für Transformationsprozesse ernst zu nehmen sind und Kompetenzen benötigen, um Nachhaltigkeit proaktiv mitzugestalten (vgl. Berding et al., 2020). Diese Entwicklung wird durch übercurriculare Impulse flankiert, insbesondere durch die novellierte Standardberufsbildposition Umweltschutz und Nachhaltigkeit, die Nachhaltigkeit als verpflichtenden Ausbildungsbestandteil branchenübergreifend akzentuiert (vgl. Bretschneider & Schirner, 2025, S. 5). Trotz dieser Impulse zeichnet die Ausbildungspraxis jedoch ein ambivalentes Bild. Einerseits ist Nachhaltigkeit aufgrund berufspraktischer Notwendigkeit, projektförmiger Entwicklungsarbeiten und ordnungspolitischer Rahmungen deutlich präsenter im Diskurs der Aus- und Weiterbildung in Transport und Logistik. Andererseits wird wiederholt Handlungsbedarf konstatiert, um Konzepte flächendeckend und dauerhaft in die Ausbildungspraxis zu transferieren (vgl. Börner & Brötz, 2015, S. 251; Seeber, 2019, S. 4–5). Damit rückt die Frage in den Fokus, wie weit nachhaltigkeitsbezogene Inhalte curricular in den Ordnungsmitteln verankert sind und in welchem Maße Auszubildende im Ausbildungsalltag tatsächlich Zugang zu diesen Inhalten und Handlungsfeldern erhalten.

Der vorliegende Beitrag greift diese Problemstellung im Sinne einer (vorläufigen) Bilanzierung auf und verfolgt ein mehrstufiges Vorgehen. Erstens werden Ordnungsmittel ausgewählter Berufe aus dem Umfeld der Transport und Lagerlogistik mittels qualitativer Inhaltsanalyse daraufhin untersucht, wie stark und wie integrativ die regulative Idee der Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen verankert ist (vgl. Mayring, 2022). Betrachtet werden vier Ausbildungsberufe, die zentrale Schnittstellen logistischer Wertschöpfung abbilden: Industriekaufleute, Kaufleute für Groß- und Außenhandelsmanagement, Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistungen sowie Fachkräfte für Lagerlogistik. Zweitens werden leitfadengestützte Interviews mit Auszubildenden aus diesen Berufen ausgewertet, die Erscheinungsformen und Handlungsfelder von Nachhaltigkeit im Ausbildungsalltag thematisieren. Drittens werden die Ergebnisse beider Analysestränge verzahnt, um zu bilanzieren, in welchem Verhältnis curriculare Intentionen und subjektive Deutungen sowie Erfahrungsbestände der Auszubildenden stehen.

Der Beitrag versteht Bilanzierung nicht als umfassende Wirkungsprüfung der BBNE, sondern als strukturierte Bestandsaufnahme der curricularen (Ordnungsmittel) und subjektiven (Auszubildende) Sichtbarkeit von Nachhaltigkeit im Feld Transport und Logistik. Bilanzierungsmaßstäbe sind dabei die Explizitheit und Konkretisierung von Nachhaltigkeitsbezügen sowie ihre Prozessnähe zu berufstypischen Arbeits- und Geschäftsprozessen. Dementsprechend wird bilanziert, welche Nachhaltigkeitsthemen inhaltlich adressiert werden und in welchem Umfang relationale Bezüge zwischen den Dimensionen im Sinne von Zielkonflikten, Wechselwirkungen und Integrationsanforderungen erkennbar werden. Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Im zweiten Kapitel wird zunächst der konzeptionelle Bezugsrahmen des Beitrags dargestellt. Anschließend folgen die branchenspezifischen Nachhaltigkeitsanforderungen in der Transport- und Logistikdomäne sowie zentrale BBNE-Projekte und Herausforderungen der curricularen Verankerung. Im dritten Kapitel wird das methodische Vorgehen der Ordnungsmittel- und Interviewauswertung dargelegt. Darauf aufbauend werden im vierten Kapitel die Ergebnisse der Codierungen dargestellt und in einer vergleichenden Bilanzierung von Ordnungsmitteln und subjektiven Deutungen der Auszubildenden zusammengeführt. Der Beitrag schließt im fünften Kapitel mit einem Fazit.

2 Nachhaltigkeit und ihre curriculare Verankerung in der Transport- und Logistikbranche

2.1 Nachhaltigkeit als Orientierungsrahmen im Transformationsprozess der Transport- und Logistikbranche

Nachhaltigkeit wird in diesem Beitrag als ein komplexes Verhältnis ökonomischer, ökologischer und sozialer Zielsetzungen verstanden. Um sowohl die Integrationslogik nachhaltigen Wirtschaftens als auch eine thematische Konkretisierung relevanter Handlungsfelder abzubilden, werden das Nachhaltigkeitsdreieck und die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) als konzeptionelle Bezugspunkte herangezogen.

Das Nachhaltigkeitsdreieck strukturiert Nachhaltigkeit als Verhältnis von ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielsetzungen und rückt damit gerade nicht einzelne Themen, sondern deren Beziehungen in den Vordergrund (vgl. Schaltegger et al., 2006, S. 7). Damit ist es grundsätzlich geeignet, jene Spannungslagen zu fassen, die für die Transport- und Logistikbranche charakteristisch sind. Der Fokus auf einzelne Dimensionen verweist auf eine Effektivitätsperspektive, etwa wenn ökologische Belastungen reduziert oder soziale Wirkungen verbessert werden sollen (vgl. Schaltegger et al., 2006, S. 8). Demgegenüber markieren Beziehungen zwischen Dimensionen Effizienzrelationen, etwa wenn ökologische Anforderungen mit Wirtschaftlichkeit verknüpft werden oder soziale Ziele über betriebliche Leistungsfähigkeit gerahmt sind (vgl. Schaltegger et al., 2006, S. 10–11). Dies unterstreicht die Relevanz, nachhaltige Entscheidungsanforderungen im Spannungsfeld konkurrierender Ziele zu treffen.

Diese Logik lässt sich durch die Integrationsperspektive im Nachhaltigkeitsmanagement präzisieren. Pufé (2017, S. 189) unterscheidet eine inhaltliche Integrationsherausforderung, verstanden als Zusammenführung der Inhalte und Themen der drei Dimensionen sowie eine instrumentelle Integrationsherausforderung, verstanden als Einbettung von Umwelt und Sozialmanagement in Organisation, Prozesse und Methoden konventionellen Managements. Integration wird damit als anspruchsvolle Managementleistung gefasst, die über Bekenntnisse hinausgeht und strukturelle Anschlussfähigkeit verlangt (vgl. Pufé, 2017, S. 190). Für die Transport- und Logistikbranche ist dies insofern bedeutsam, als dass die Bearbeitung von Nachhaltigkeit häufig von ihrer institutionellen Verankerung abhängt. In curricularer Perspektive verweist dies auf die Frage, ob Ordnungsmittel Nachhaltigkeit als Querschnittsanforderung lediglich deklarieren oder ob sie Anknüpfungspunkte für die Bearbeitung von Zielkonflikten und für die Einbettung in berufstypische Aufgaben und Entscheidungsstrukturen eröffnen. Somit wird die Logik der Nachhaltigkeitsherausforderung durch das Nachhaltigkeitsdreieck bereitgestellt.

Die ESRS adressieren die Frage der thematischen Konkretisierung, indem sie Nachhaltigkeitsthemen in Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards strukturieren und dabei innerhalb dieser Felder zentrale Themenbereiche differenzieren (vgl. BIFA, 2025, S. 8-10). So bieten sie eine systematische Ordnung, die in der betrieblichen Praxis des Nachhaltigkeitsmanagements und -reportings an Bedeutung gewonnen hat und zugleich eine inhaltliche Präzisierung ermöglicht, wenn Nachhaltigkeit in Ordnungsmitteln oder in subjektiven Deutungen zunächst nur allgemein angesprochen wird (vgl. DRSC, 2022, S. 1). Für einen berufsbildungsbezogenen Zugriff ist dieser Bezugspunkt vor allem deshalb relevant, weil er die oftmals unscharfe Verwendung von Nachhaltigkeitsbegriffen in eine trennschärfere thematische Systematik überführt, ohne die dreidimensionale Grundlogik nachhaltigen Wirtschaftens aufzugeben.

Vor diesem konzeptionellen Hintergrund lässt sich die Nachhaltigkeitsrelevanz der Transport- und Logistikbranche bestimmen, die aufgrund ihrer Wirkungen entlang logistischer Wertschöpfungsketten und ihrer Querschnittsfunktion in nahezu allen Branchen unter besonderem Transformationsdruck steht.

Die Transport- und Logistikbranche nimmt aus Sicht der Nachhaltigkeit eine doppelte Schlüsselrolle ein. Entlang logistischer Wertschöpfungsketten entstehen erhebliche ökologische und soziale Wirkungen, etwa durch Ressourcenverbrauch und Emissionen, Lärm und Unfallrisiken sowie belastende Arbeitsbedingungen (vgl. Engelmann et al., 2023, S. 7; EK 2024, S. 5; ITF, 2023, S. 6; Vitols & Voss, 2021, S. 3). Gleichzeitig wirkt Logistik als Querschnittsfunktion in nahezu allen Branchen als infrastrukturelle Voraussetzung von Produktion, Handel und Versorgung und prägt damit indirekt die Nachhaltigkeitsperformance ganzer Wertschöpfungsnetzwerke (vgl. Carter & Rogers, 2008, S. 371). Nachhaltigkeit ist in Transport und Logistik damit nicht als randständiges Zusatzthema zu verorten, sondern als strukturierender Bezugspunkt betrieblicher Entscheidungen in Beschaffung, Distribution, Auftragsabwicklung, Lager und Materialfluss sowie in speditionellen Prozessen.

Die ökologische Relevanz wird häufig über Treibhausgasemissionen gerahmt. Der Weltklimabericht 2023 weist dem Transportsektor einen erheblichen Anteil der globalen Emissionen zu (vgl. IPCC, 2023, S. 44). Darüber hinaus sind mit wachsendem Güterverkehrsaufkommen weitere negative externe Effekte wie Umwelt- und Lärmbelastungen verbunden (vgl. Link, 2018, S. 108–111). In der Logistikpraxis wird Nachhaltigkeit daher traditionell stark über ökologische Zielsetzungen adressiert, zum Beispiel über die Verringerung externer Effekte des Gütertransports, Rücknahmelogistik, City Logistik und Green Supply Chain Management (vgl. McKinnon, 2012, S. 11–17). Die damit verknüpften Lösungsansätze werden nicht selten technologisch bzw. infrastrukturell konzipiert, etwa über Produktionsdesigns, Antriebs- und Fahrzeugtechnologien oder kreislaufwirtschaftliche Strategien (vgl. Bretzke & Barkawi, 2012, S. 136–165; Michaelis, 2017, S. 127).

Eine primär ökologische Fokussierung greift jedoch zu kurz. Die Branche ist durch ausgeprägten Wettbewerbsdruck und internationalisierte Märkte geprägt, wodurch soziale Fragen, insbesondere faire Arbeitsbedingungen und Lohngerechtigkeit entlang der gesamten transnationalen Transportketten, an Bedeutung gewinnen (vgl. Broughton et al., 2024, S. 20; ELA, 2025, S. 3). Gleichzeitig positionieren sich große Akteure zunehmend über kunden- und branchenspezifische Logistikangebote und werden stärker in die Wertschöpfung der Kundschaft eingebunden (vgl. DB-Research, 2015, S. 11). Neben den zuvor beschriebenen ökologischen und sozialen Wirkungen gewinnen zusätzlich Governance Anforderungen an Bedeutung, denn Transport- und Logistikunternehmen sind zunehmend in Nachweis- und Sorgfaltspflichten entlang von Wertschöpfungsketten eingebunden (vgl. EFRAG, 2024, S. 27; Schaltegger & Burritt, 2010, S. 377–378). Damit werden Transparenz, Dokumentation, Verantwortungszuordnung und regelkonformes Verhalten zu integralen Bestandteilen nachhaltigkeitsbezogener Leistungserstellung, insbesondere dort, wo Subunternehmerstrukturen und grenzüberschreitende Transportketten die Steuerbarkeit erschweren. Für die Berufsbildung ist dies insofern relevant, als Nachhaltigkeit damit nicht nur als Technik oder Verhaltensfrage erscheint, sondern als organisationsbezogene Anforderung an Prozesse, Standards und Kommunikation von Nachweisen.

Damit verschärft sich die Herausforderung, ökonomische, ökologische und soziale Zielsetzungen nicht additiv nebeneinander zu verfolgen, sondern im Sinne eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsmanagements zu verfolgen. Hieraus resultiert ein Qualifizierungsbedarf, der nicht nur die Weiterbildung der Fachkräfte betrifft, sondern explizit auch das Ausbildungspersonal und Auszubildende, denn die Denk- und Handlungsmuster lassen sich frühzeitig und in besonderer Weise durch Ausbildung prägen (vgl. Greiwe et al., 2021, S. 161). Im Kontext aktueller regulatorischer und marktlicher Impulse gewinnt diese Perspektive weiter an Dynamik. Gesetzliche Anforderungen an Sorgfaltspflichten in Lieferketten sowie europäische Transformationsstrategien erhöhen den Erwartungsdruck gegenüber Logistikunternehmen. Zugleich werden Nachhaltigkeitsaspekte als Wettbewerbsfaktor bei der Lieferantenauswahl und in der Positionierung gegenüber Kundschaft relevanter (vgl. Deckert, 2016, S. 24; Fröhlich, 2015, S. 4–5; Kersten et al., 2020, S. 24; Wittenbrink, 2014, S. 27). Für Unternehmen entsteht damit ein Anreiz, Nachhaltigkeit nicht in Einzelmaßnahmen zu externalisieren, sondern als organisationsweiten Bezugsrahmen zu verankern. Erforderlich sind neben deklarativem Wissen über Nachhaltigkeit auch prozedurales, schematisches und strategisches Wissen, um Zielkonflikte, Stakeholderinteressen und unbeabsichtigte Nebeneffekte in Entscheidungen zu berücksichtigen und zu legitimieren (vgl. Baethge et al., 2009, S. 10; Greiwe et al., 2021, S. 163–164).

Aus berufsbildungsbezogener Perspektive übersetzt sich der Transformationsdruck damit in veränderte berufliche Handlungsanforderungen. Nachhaltigkeit wird in Transport und Logistik nicht nur als zusätzliches Wissensfeld relevant, sondern als Querschnittsperspektive in zentralen Gestaltungsentscheidungen, die regelmäßig Abwägungen zwischen Kosten, Zeit, Qualität und Wirkungserwartungen erfordern. Daraus entsteht ein Qualifizierungsbedarf, der über Sensibilisierung hinaus auf Urteilsfähigkeit, begründete Entscheidungsfähigkeit und die Fähigkeit zur Kommunikation von Nachweisen zielt. BBNE adressiert diese Anforderungen, indem sie Nachhaltigkeit an berufstypische Situationen koppelt und damit die Frage aufwirft, in welchem Umfang entsprechende Anforderungen in Ordnungsmitteln und Ausbildungspraxis tatsächlich verankert sind.

2.2 BBNE-Projekte im Feld Transport und Logistik

Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) setzt an der Schnittstelle von Transformationsanforderungen und beruflicher Handlungskompetenz an. Ziel ist es, beruflich Qualifizierte zu befähigen, ihr Handeln an langfristigen und globalen Wirkungen auszurichten, bezogen auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft (vgl. Hemkes, 2018). BBNE adressiert dabei nicht allein berufsfachliche Inhalte, sondern auch Sensibilisierung, Urteilsfähigkeit und motivationale Voraussetzungen, damit nachhaltigkeitsbezogenes Handeln im Arbeitsalltag wirksam werden kann (vgl. Fischer, 2014, S. 34; Melzig, 2021, S. 16). Entscheidend ist, Nachhaltigkeit nicht als zusätzliche Lerneinheit zu addieren, sondern sie integrativ an konkrete Arbeitskontexte und authentische Arbeitssituationen zu koppeln, damit sie für Auszubildende und Ausbildungspersonal gleichermaßen handlungsleitend wird (vgl. Hemkes et al., 2013, S. 31; Holst, 2022, S. 15).

Vor dem Hintergrund der zuvor skizzierten Relevanz der Nachhaltigkeit für die Transport- und Logistikbranche, ist diese seit vielen Jahren Gegenstand gezielter Entwicklungsarbeiten im Rahmen von Modellversuchen und Verbundprojekten. Ein Teil der Arbeiten fokussiert dabei explizit das Ausbildungspersonal als zentrale Multiplikatoren für die nachhaltige Transformation beruflicher Lern- und Arbeitsprozesse. Exemplarisch lässt sich der Modellversuch InnoLA anführen, in dem ein computerbasiertes Lern- und Assessmentmodul für kaufmännisches Ausbildungspersonal entwickelt und in Fortbildungen erprobt wurde. Im Zentrum standen Grundlagen zu Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement sowie funktionsbereichsübergreifende Handlungsfelder mit Bezug zu Spedition und Lagerlogistik (vgl. Georg-August-Universität Göttingen, o. J.). Ergänzend wurden in dem Projekt NaLoGO Ansätze verfolgt, Nachhaltigkeit systematisch an Arbeitsprozessen der Umschlagslogistik auszurichten und damit insbesondere die Kompetenzentwicklung des ausbildenden Personals zu unterstützen (vgl. Universität Bremen, o. J.). Nachhaltigkeit wird hierbei nicht als abstrakter Normbegriff, sondern als arbeitsprozessbezogene Perspektive auf Routinen, Standards und Entscheidungssituationen gefasst, etwa bei der Bewertung von Verkehrsträgern über Emissionsprofile oder bei der Gestaltung von Lieferketten (vgl. Schütt-Sayed et al., 2021, S. 207). Insgesamt verdeutlichen beide Vorhaben, dass die Professionalisierung des Ausbildungspersonals eine wesentliche Voraussetzung dafür darstellt, Nachhaltigkeit in der Ausbildung nicht nur deklarativ zu thematisieren, sondern als reflexiven Bewertungs- und Entscheidungsmaßstab in berufstypischen Situationen zu etablieren.

Hieran schließt sich die Perspektive der Auszubildenden an. Auszubildende sind einerseits Adressat*innen curricularer Vorgaben, andererseits potenzielle Träger*innen betrieblicher Transformationsprozesse, sofern Nachhaltigkeit in Ausbildungssituationen anschlussfähig und handlungsrelevant erschlossen wird. Ein zweiter Strang der Versuchsforschung rückt daher die Kompetenzentwicklung von Auszubildenden und die Gestaltung passender Lernarrangements in den Mittelpunkt. Im Projekt Pro-DEENLA wurde die Konzeption und Verbreitung nachhaltig ausgerichteter Lernaufgaben für die Ausbildung für Kaufleute für Speditions- und Logistikdienstleistung verfolgt (vgl. Fischer et al., 2018, S. 3–6). Didaktischer Kern ist, Widersprüche und Dilemmata zwischen konkurrierenden Handlungszielen nicht zu glätten, sondern als Ausgangspunkt für Kompetenzentwicklung zu nutzen. Nachhaltigkeitsorientiertes berufliches Handeln wird hierbei als grundsätzlich spannungsreich gefasst, weil Entscheidungen zwischen gleichwertigen, aber nicht gleichzeitig realisierbaren Zielen getroffen werden müssen, etwa zwischen Effizienzrationalität und Nachhaltigkeitsrationalität (vgl. Fischer et al., 2017, S. 5–6). Diese Perspektive ist für Transport und Logistik besonders anschlussfähig, da Transportentscheidungen sowie Beschaffungs-, Lager- und Absatzprozesse regelmäßig Zielkonflikte zwischen Kosten, Zeit, Qualität, Emissionen und sozialen Wirkungen erzeugen. Mit NaTuL liegt zudem ein Vorhaben vor, das ganz aktuell Nachhaltigkeitskompetenzen bei Auszubildenden im Kontext Transport und Logistik durch ein KI-gestütztes Serious Game samt Begleitveranstaltung adressiert. Ziel ist es, nachhaltigkeitsbezogene Anforderungen nicht nur als Wissensbestand, sondern als handlungsrelevante Entscheidungsdimension in berufstypischen Situationen erfahrbar zu machen und damit die proaktive Gestaltung nachhaltiger Transformation zu unterstützen (vgl. Hank et al., 2025; Universität Oldenburg, o. J.a). Damit verbindet NaTuL die Perspektive auf berufliche Handlungssituationen mit einem expliziten Transferanspruch in die Ausbildungspraxis und knüpft an die Annahme an, dass Auszubildende als Potenzialträgerinnen und Potenzialträger für Transformationsprozesse ernst zu nehmen sind, wenn ihnen entsprechende Lern und Reflexionsanlässe eröffnet werden (vgl. Berding et al., 2020).

Es zeigt sich, dass die skizzierten Projekte in der Transport- und Logistikbranche sowohl auf die Professionalisierung des Ausbildungspersonals als auch auf die Kompetenzentwicklung und Sensibilisierung von Auszubildenden abzielen. Gleichzeitig wird sichtbar, dass nachhaltigkeitsorientierte Kompetenzentwicklung nicht automatisch aus der vermeintlichen Relevanz des Themas folgt. Es bedarf gezielter curricularer Verankerungen, die durch didaktische Übersetzungen der beteiligten Akteure in arbeitsprozessbezogene Lehr-Lernarrangements überführt und systematisch in betriebliche und schulische Ausbildungskontexte integriert werden.

2.3 Curriculare Verankerung von Nachhaltigkeit als Steuerungs- und Übersetzungs-problem in Transport und Logistik

Die Integration von Nachhaltigkeit in die berufliche Bildung ist weniger ein Erkenntnis- als ein Umsetzungsproblem: Während Nachhaltigkeit bildungs- und arbeitsmarktpolitisch breit als Zukunftsthema anerkannt ist, entscheidet sich ihre Wirksamkeit in der Berufsbildung daran, ob sie strukturell und prüfungswirksam in Ordnungsmittel, Curricula und Lehr-Lernarrangements übersetzt wird (vgl. Hemkes, 2014, S. 8; Hilse et al., 2022, S. 4; Kähler & Casper, 2021, S. 125). Aus ordnungspolitischer Perspektive lassen sich dafür mindestens vier miteinander verschränkte Steuerungsebenen unterscheiden.

Erstens setzt die Standardberufsbildpositionen Umweltschutz und Nachhaltigkeit einen quer-schnittlichen Mindeststandard integrativ zu befördernden Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten, der über die gesamte Ausbildungszeit hinweg gelten soll (vgl. BAnz, 2020, S. 1). Zweitens konkretisieren Ausbildungsordnungen und drittens die dazu abgestimmten KMK-Rahmenlehrpläne die berufsspezifischen Mindestanforderungen der betrieblichen bzw. schulischen Ausbildung (vgl. Deißinger, 2009, S. 71–73). Dabei verfolgt der berufsbezogene Unterricht das Ziel umfassender beruflicher Handlungskompetenz und soll inhaltlich mit der betrieblichen Ausbildung abgestimmt ein (vgl. Dehnbostel, 2020, S. 13; Pätzold, 2003, S. 10–11). Viertens bestimmt die Prüfungsebene maßgeblich, welche Inhalte tatsächlich lernleitend werden, prüfungsrelevante Inhalte besonders den Unterricht strukturieren (vgl. DUK, 2013, S. 20; Kähler & Casper, 2021, S. 125). Gerade Nachhaltigkeit verschärft dieses Mehrebenenproblem, da diese Querschnittsstandards einen hohen Integrationsanspruch bei begrenzter begrifflicher Trennschärfe besitzen: Nachhaltigkeit muss in berufsspezifischen Kompetenzformulierungen mitgedacht werden, wodurch die Gefahr steigt, dass Nachhaltigkeit entweder als bloßes Schlagwort in Vorbemerkungen erscheint oder auf wenige, isolierte und leicht benennbare Einzelaspekte reduziert wird (vgl. Bretschneider & Schirner, 2025, S. 5; Holst & Singer-Brodowski, 2020, S. 9). Eine Vielzahl der entwickelten methodischen Ansätze reagieren darauf, indem sie Nachhaltigkeit als domänenspezifisch zu identifizierende Kompetenzmatrix fassen und einen systematischen Weg vorschlagen, berufsspezifische Nachhaltigkeitskompetenzen aus Arbeits- und Geschäftsprozessen abzuleiten, zu strukturieren und in Ordnungsmittel zu überführen (vgl. Schlömer et al., 2017; Schütt-Sayed et al., 2021; Strotmann et al., 2023). Für die Transport- und Logistikdomäne ist diese Übersetzungsleistung besonders anspruchsvoll, denn diese Kernentscheidungen (z. B. Transportdisposition, Verkehrsträgerwahl, Lager- und Bestandsstrategien, Verpackungs- und Retourenmanagement sowie Energie- und Ressourceneinsatz) sind häufig durch Zielkonflikte zwischen Kosten-, Zeit- und Qualitätsanforderungen sowie ökologischen und sozialen Wirkungen geprägt (vgl. Morashti et al., 2022, S. 2; Seeber, 2019, S. 5; van Staden, Yee, Boute, 2024, S. 20). Die Ordnungsmittel stehen damit vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit nicht als zusätzliches Wissensfeld zu verstehen, sondern als erweiterte Bewertungsdimension beruflicher Entscheidungssituationen, in denen Dilemmata sichtbar, begründbar und bearbeitbar werden müssen (vgl. Fischer et al., 2017, S. 10).

Mit Blick auf diese Steuerungsebenen, lassen sich somit drei konkrete Anhaltspunkte für die Umsetzung der curricularen Verankerung bestimmen: Erstens ist auf die Explizitheit zu achten: Wird Nachhaltigkeit nur additiv und programmatisch erwähnt oder als konkretisierte Kompetenzanforderung in Lernfeldern, Berufsbildpositionen oder Prüfungsanforderungen operationalisiert. Zweitens ist die Prozessnähe zentral: Nachhaltigkeit wird dann berufsrelevant, wenn sie an typische Arbeits- und Geschäftsprozesse der Transport und Logistikbranche gekoppelt ist. Drittens muss die Prüfungswirksamkeit berücksichtigt werden: Inhalte, die in Prüfungsanforderungen und der tatsächlichen Aufgabenpraxis nicht hinreichend repräsentiert sind, riskieren hinter einseitigen ökonomischen Anforderungen zurückzutreten. Vor diesem Hintergrund werden curriculare und subjektive Nachhaltigkeitsbezüge im Folgenden entlang des Nachhaltigkeitsdreiecks und der ESRS bilanziert. Auf dieser theoretischen Grundlage wird im anschließenden Kapitel das methodische Vorgehen der Ordnungsmittel- und Interviewauswertung dargestellt.

3 Methodisches Vorgehen

3.1 Erhebungs- und Auswertungsinstrument

Die vorliegende Studie besteht aus zwei Elementen: (1) einer Interviewstudie mit Auszubildenden aus den Ausbildungsberufen Industriekaufmann/-frau, Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement, Kaufmann/-frau für Spedition und Logistikdienstleistungen sowie Fachkraft für Lagerlogistik und (2) einer Analyse der Ordnungsmittel dieser vier kaufmännischen Ausbildungsberufe.

Zur Durchführung der Interviews wurde ein halbstrukturierter Leitfaden konzipiert (vgl. Helfferich, 2019). Der Interviewleitfaden enthielt u. a. Fragen zur subjektiven Interpretation des Nachhaltigkeitsbegriffs, zu Vorstellungen einer ökologisch nachhaltigen Lagerwirtschaft, zu einer individuellen Einschätzung der Arbeitsbedingungen in der Logistik sowie zu konkreten Bezugspunkten in den Lernorten Betrieb und Schule.

Zur Auswertung der Interviews und zur Analyse der Ordnungsmittel wurde ein einheitliches Kategoriensystem entwickelt. Hier wurde prinzipiell dem Vorgehen der inhaltlichen Strukturierung bzw. der deduktiven Kategorienanwendung nach Mayring (2022, S. 96–98) gefolgt. Intention war, ein Kategoriensystem zu entwickeln, das gleichermaßen zur Auswertung der Interviews wie auch zur quantifizierenden Analyse der Ordnungsmittel herangezogen werden kann, um eine gewisse Vergleichbarkeit zu erreichen. Hierfür musste ein angemessenes Abstraktionsniveau der regulativen Idee der Nachhaltigkeit gewählt werden, da es sich bei Interviewtranskripten und Ordnungsmittel um stark verschiedene Textsorten handelt, die sich gerade im Hinblick auf betriebsspezifische Umsetzungsperspektiven einer nachhaltigen Logistik unterscheiden. Aus diesem Grund wurde ein Kategoriensystem im Anschluss an den theoretischen Rahmen aus Abschnitt 2.1 entwickelt, indem einerseits Bezüge mit Blick auf das Nachhaltigkeitsdreieck und andererseits hinsichtlich der Handlungsfelder gemäß ESRS-Standards hergestellt wurde. Im Einzelnen stellte sich das Kategoriensystem folgendermaßen dar:

Tabelle 1: Kategoriensystem für die Analyse der Ordnungsmittel und Interviews

Kategorie

Beschreibung
In dieser Kategorie werden Passagen kodiert, …

Nachhaltigkeitsdreieck

Ökonomie

…, in denen primär wirtschaftliche Ziele der Unternehmung im Vordergrund stehen. Hierzu gehören Konzepte wie Kosten, Erlöse, Gewinn, Wirtschaftlichkeit, Produktivität, Markt, Wettbewerb sowie betriebswirtschaftliche Kennzahlen.

Ökologie

…, die Aufschluss darüber geben, dass Unternehmen auf die ökologischen Herausforderungen reagieren (Umweltwirksamkeit).

Soziales

…, in denen Konzepte und Instrumente zur Reduktion sozial unerwünschter und Förderung sozial erwünschter Wirkungen adressiert werden.

Öko-Effizienz

…, in denen ökologische Aspekte mit ökonomischer Effizienz explizit verknüpft werden oder gleiche Leistung mit weniger Belastung. Es geht somit um die gemeinsame Betrachtung ökonomischer und ökologischer Ziele.

Sozio-Effizienz

…, in denen soziale Aspekte mit ökonomischer Effizienz explizit verknüpft werden oder gleiche Leistung mit weniger Belastung. Es geht also um die gemeinsame Betrachtung ökonomischer und ökologischer Ziele.

Sozial-ökologisch

…, in denen soziale und ökologische Aspekte miteinander verknüpft, ohne dass ökonomische Beweggründe angesprochen werden.

Rein sprachliche
Kopplung von
Nachhaltigkeit

…, in denen entweder der Begriff Nachhaltigkeit oder alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen (ökonomisch, ökologisch, sozial) lediglich sprachlich genannt werden, ohne dass konkrete Maßnahmen, Konzepte usw. expliziert werden.

Konzeptionelle oder instrumentelle Integration von Nachhaltigkeit

…, in denen alle drei Nachhaltigkeitsdimensionen auf der Ebene von unternehmerischen Strukturen, Konzepten, Verfahren oder Systemen miteinander kombiniert und konkretisiert werden.

ESRS-Umweltstandards

Klimawandel

…, die die Anpassung an den Klimawandel und explizite Klimaschutzmaßnahmen (Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen, inklusive energetischer Maßnahmen) ansprechen. Hierzu gehören auch Maßnahmen im Bereich der E-Mobilität.

Umweltverschmutzung

…, die Maßnahmen zur Reduzierung Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, zur Verschmutzung von lebenden Organismen und Nahrungsressourcen adressieren sowie Maßnahmen zur Reduktion besorgniserregender Stoffe und Mikroplastik.

Wasser- und Meeresressourcen

…, die das Management von Wasser- und Meeresressourcen adressieren. Dazu zählen insb. Wasserverbrauch und Wasserentnahme, die Ableitung von Wasser (z. B. in Ozeane) und die Gewinnung und Nutzung von Meeresressourcen.

Biologische Vielfalt und Ökosysteme

…, die Aussagen zu Ursachen des Biodiversitätsverlustes (z. B. Landnutzungsänderungen), zu Auswirkungen auf den Zustand der Arten (z. B. Gegenmaßnahme zum Ausrottungsrisiko von Arten), zu Auswirkungen auf den Umfang und den Zustand von Ökosystemen (z. B. Wüstenbildung, Bodenversiegelung) sowie zu Auswirkungen und Abhängigkeiten von Ökosystemdienstleistungen.

Kreislaufwirtschaft

…, die Ressourcenzuflüsse (inkl. Ressourcennutzung), Ressourcenabflüsse im Zusammenhang mit Produkten und Dienstleistungen sowie Abfälle ansprechen (insb. Recycling)..

ESRS-Sozialstandards

Eigene Belegschaft

…, die Arbeitsbedingungen (z. B. Sicherheit, Gesundheitsschutz, Entlohnung, Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben), Gleichbehandlung und Chancengleichheit aller eigenen Beschäftigten (z. B. Gleichstellung, Weiterbildung, Inklusionsmaßnahmen, Maßnahmen gegen Gewalt) sowie die Einhaltung arbeitsbezogener Rechte (z. B. Kinderarbeit, angemessene Unterbringung, Datenschutz) adressieren

Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette

…, die Arbeitsbedingungen (z. B. Sicherheit, Gesundheitsschutz, Entlohnung, Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben), Gleichbehandlung und Chancengleichheit der Beschäftigten in der Wertschöpfungskette außerhalb der eigenen Unternehmung (z. B. Gleichstellung, Weiterbildung, Inklusionsmaßnahmen, Maßnahmen gegen Gewalt) sowie die Einhaltung arbeitsbezogener Rechte (z. B. Kinderarbeit, angemessene Unterbringung, Datenschutz) adressieren.

Betroffene Gemeinschaften

…, die die Beachtung von Rechten von Gemeinschaften adressieren, welche von der eigenen Geschäftstätigkeit betroffen sein können. Hierzu gehören wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (z. B. bodenbezogene Auswirkungen), Bürgerrechte und politische Rechte (z. B. Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit) und die Rechte indigener Völker (z. B. Selbstbestimmung).

Verbraucher und Endnutzer

…, die informationsbezogene Auswirkungen für Verbraucher und/oder Endnutzer (z. B. Zugang zu (hochwertigen) Informationen), die persönliche Sicherheit von Verbrauchern und/oder Endnutzern (z. B. Gesundheitsschutz, Sicherheit) und die soziale Inklusion von Verbrauchern und/oder Endnutzern (z. B. verantwortliche Vermarktungspraktiken) adressieren.

ESRS-Corporate Governance/
Unternehmensführung

…, die eine strategische. verantwortungsbewusste Unternehmensführung ansprechen. Dazu zählen Aussagen zur Unternehmenskultur, zum Tierschutz, zum politischen Engagement (inkl. Lobbytätigkeit), zum Management der Beziehungen zu Lieferanten (inkl. Zahlungspraktiken) sowie insbesondere auch Aussagen zur Bekämpfung von Korruption und Bestechung (z. B. Schulungsmaßnahmen).

3.2 Auswahl der Ordnungsmittel

Als für die Transport- und Logistikbranche zentrale Berufe wurden die Kaufleute für Groß und Außenhandelsmanagement, Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistungen, Fachkräfte für Lagerlogistik sowie Industriekaufleute identifiziert. Zu nennen sei auch der Beruf der Fachlagerist*innen. Die Ausbildungsinhalte dieses zweijährigen Ausbildungsberufs werden jedoch in den Ordnungsmitteln der Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik abgedeckt. Im Einzelnen wurden folgende Ordnungsmittel betrachtet:

Tabelle 2: Auswahl der analysierten Ordnungsmittel

Ordnungsmittel

Jahr der Veröffentlichung

Verordnung über die Berufsausbildung zum Industriekaufmann und zur Industriekauffrau

2024

Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Industriekaufmann und Industriekauffrau

2023

Verordnung über die Berufsausbildung zum Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement und zur Kauffrau für Groß und Außenhandelsmanagement

2020

Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement und zur Kauffrau für Groß und Außenhandelsmanagement

2019

Verordnung über die Berufsausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung/zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung

2004

Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung/zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistung

2004

Verordnung über die Berufsausbildung im Lagerbereich in den Ausbildungsberufen Fachlagerist/Fachlageristin und Fachkraft für Lagerlogistik

2004

Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Fachkraft für Lagerlogistik

2004

Für die Auswertung wurden die Ordnungsmittel unterteilt in (1) integrativ zu vermittelnde Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in den Ausbildungsordnungen der vier untersuchten Berufe ähnlich bzw. identisch waren, (2) regulatorische Aspekte hinsichtlich der Abschlussprüfung, die ebenfalls in den Ausbildungsordnungen der vier Berufe nahezu deckungsgleich sind, (3) Bildungsziele der Berufsschule, die ebenfalls keine/kaum Unterschiede zwischen den Berufen aufwiesen sowie (4) berufsspezifische Aspekte in den Ausbildungsrahmenplänen und Rahmenlehrplänen der jeweiligen Berufe.

3.3 Auswahl der Interviewpartner*innen

Für die Studie wurden Auszubildende aus Berufen ausgewählt, die für die Transport- und Logistikbranche von zentraler Bedeutung sind. Die Auswahl der Interviewpartner*innen erfolgte über eine gezielte Ansprache von berufsbildenden Schulen und Betrieben per E-Mail, die in den folgenden Berufen ausbilden: Kaufleute für Groß- und Außenhandelsmanagement, Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistungen, Industriekaufleute, Fachkräfte für Lagerlogistik sowie Fachlagerist*innen.

Es wurden 13 Personen interviewt, davon acht männliche und fünf weibliche Auszubildende. Sie stammen aus kleinen, mittleren und großen Ausbildungsbetrieben, darunter Speditionen, Transportunternehmen und Handels/-Produktionsunternehmen mit eigener Logistik. Die Befragten decken alle drei Ausbildungsjahre ab: zwei aus dem 1., fünf aus dem 2. und sechs aus dem 3. Ausbildungsjahr. Das Alter der Befragten liegt zwischen 18 und 31 Jahren. Der räumliche Einzugsbereich der Interviewpartner*innen erstreckt sich auf den Nordwesten Niedersachsens, insbesondere auf den Raum Oldenburg und angrenzende Regionen. Die Interviewtermine wurden direkt mit den Auszubildenden vereinbart. Der Fragebogen wurde den Teilnehmenden vorab nicht zur Verfügung gestellt. Die Interviewpartner*innen wurden auf Grundlage der Rückmeldungen ausgewählt, sodass keine gezielte, theoriegeleitete Auswahl vorgenommen wurde.

Tabelle 3: Zusammenstellung der Fälle für die Interviewstudie

Interview-ID

Ausbildungsberuf

Alter

Größe des Ausbildungsbetriebs

I01

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

28

Großer Betrieb

I02

Fachkraft für Lagerlogistik

18

Kleiner Betrieb

I03

Kaufmann/-frau für Spedition & Logistikdienstleistung

24

Kleiner Betrieb

I04

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

24

Großer Betrieb

I05

Kaufmann/-frau für Spedition & Logistikdienstleistung

20

Mittelgroßer Betrieb

I06

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

24

Großer Betrieb

I07

Kaufmann/-frau für Spedition & Logistikdienstleistung

19

Mittelgroßer Betrieb

I08

Kaufmann/-frau für Spedition & Logistikdienstleistung

31

Mittelgroßer Betrieb

I09

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

23

Mittelgroßer Betrieb

I10

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

22

Mittelgroßer Betrieb

I11

Kaufmann/-frau für Groß- und Außenhandelsmanagement

20

Großer Betrieb

I12

Industriekaufmann/-frau

22

Großer Betrieb

I13

Industriekaufmann/-frau

22

Mittelgroßer Betrieb

4 Ergebnisse

4.1 Überblick

Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht die Befunde im Überblick. In den Spalten sind die einzelnen Kategorien abgetragen (siehe Abschnitt 3.1). In den Zeilen finden sich zuerst die Ordnungsmittel und dann die Interviews. In den einzelnen Zellen sind sodann die Fundstellen aufaddiert.

Tabelle 4: Ergebnisübersicht

Tabelle 4

Legende:
AO = Ausbildungsordnung; RLP = Rahmenlehrplan; integrativ und Prüfung bezeichnen die berufsübergreifenden bzw. prüfungsbezogenen Kategorien der Ordnungsmittel; I = Industriekaufleute, G+A = Kaufleute für Groß- und Außenhandelsmanagement, S+L = Kaufleute für Spedition und Logistikdienstleistungen, FL = Fachkraft für Lagerlogistik; I01–I13 = Interviewfälle.

4.2 Einzelbefunde aus der Analyse der Ordnungsmittel

Die sozialen und ökologischen Aspekte und Bezüge von Nachhaltigkeit in Transport und Logistik werden in den Ordnungsmittel vor allem in den integrativ zu erlernenden Kompetenzen sichtbar. Vor dem Hintergrund der Prozessnähe sind sie umgekehrt also wenig in den berufsspezifischen Arbeits- und Geschäftsprozessen integriert. In der Summe können in den integrativ zu vermittelnden Fähigkeiten und Fertigkeiten in den untersuchten Ausbildungsordnungen 48 Fundstellen identifiziert werden. Die Hauptursache hierfür sind die Standardberufsbildpositionen, die in den Ausbildungsordnungen Niederschlag finden (vgl. Bretschneider & Schirner, 2025). Folgerichtig sind die Themen, die hier angesprochen werden im Bereich Ökologie allgemeiner Umweltschutz, Energie- und Ressourceneffizienz und die Abfallvermeidung und -entsorgung im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Für den Bereich Soziales ist die Konzentration auf den Arbeits- und Gesundheitsschutz erkennbar, flankiert mit Bezügen zur betrieblichen Mitbestimmung und der eigenverantwortlichen Gestaltung der eigenen beruflichen Laufbahn.

Für den schulischen Part wird Nachhaltigkeit als Bildungsziel der Berufsschule sichtbar und in den Rahmenlehrplänen mit 39 Passagen erwähnt. Auffällig sind diesbezüglich zwei Aspekte: (1) In den Rahmenlehrplänen sind deutlich weniger Bezüge auf reine Ökoeffektivität nachhaltigen Wirtschaftens feststellbar (zwei Fundstellen). (2) Im Gegensatz hierzu wird Nachhaltigkeit häufiger angesprochen, aber sehr unspezifisch adressiert. Von den 13 Fundstellen wird gleich 10-mal eine lose Aneinanderreihung von Worten vorgenommen (insb. ökonomisch, ökologisch, sozial; bisweilen kombiniert mit dem Wort Verantwortung). Zweimal wird das Wort „Nachhaltigkeit“ verwendet, ein weiteres Mal wird der Begriff Nachhaltigkeit in Kombination mit der Aneinanderreihung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales verwendet. So etwa im Rahmenlehrplan für Industriekaufleute (2023, S. 8): „In den Lernfeldern werden die Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und Soziales -, das wirtschaftliche Denken, die soziokulturellen Unterschiede und die Inklusion berücksichtigt“.

Nachhaltigkeit in der Transport- und Logistikbranche kann also einerseits als berufsübergreifender Themenkomplex betrachtet werden. Sie sollte jedoch auch integraler Bestandteil des jeweiligen Berufes sein, denn soziale und ökologische Aspekte der Nachhaltigkeit lassen sich vor dem Hintergrund der Prüfungswirksamkeit in jeder Abschlussprüfung wiederfinden. So heißt es etwa in der Ausbildungsordnung für Industriekaufleute (2024, S. 4), dass die Prüflinge in der Lage sein sollen, „Logistik- und Lagerprozesse, auch unter Aspekten der Nachhaltigkeit, zu planen und zu steuern“. Nachhaltigkeit wird in den Prüfungsmodalitäten explizit aber nur in diesem einem Fall erwähnt. Die anderen neun Fundstellen adressieren erneut eine bloße Aneinanderreihung von Wortkombinationen der Begriffe Ökonomie, Ökologie und Soziales. Wie solche Aspekte Einzug in die Prüfung finden, welche konkreten Inhalte und Konzepte mit diesen begrifflichen Ansprachen verbunden sind, ist nicht ersichtlich.

Hierüber kann auch die Analyse der berufsspezifischen Inhalte keinen Aufschluss geben. Denn die Analyse der untersuchten Ordnungsmittel zeigt, dass ökonomische Aspekte – erwartungsgemäß – dominieren (vgl. auch Hantke, 2020). Lerninhalte fokussieren somit primär wirtschaftliche Belange unternehmerischen Handelns, ohne diese Belange in sozial-ökologische Zusammenhänge einzubetten (z. B. monetäre Kennzahlen). Diese Feststellung sollte allerdings differenziert nach Berufen betrachtet werden: Nur ca. zehn Prozent der Fundstellen in den Ordnungsmitteln der beiden Berufe „Kaufmann/Kauffrau für Groß- und Außenhandelsmanagement“ sowie „Kaufmann/Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistungen“ berücksichtigen soziale und ökologische Aspekte. Etwa 90 Prozent aller Fundstellen sprechen rein ökonomische Aspekte an. Für die Ordnungsmittel im Ausbildungsberuf „Fachkraft für Lagerlogistik“ ergibt sich ein anderes Bild. Hier sind es ca. 45 Prozent aller Fundstellen, die soziale und ökologische Aspekte berücksichtigen. Ursache hierfür ist, dass ökonomische Konzepte und Ziele weitaus geringer angesprochen werden als in den übrigen kaufmännischen Berufen.

Die jüngsten Ordnungsmittel liegen für den Ausbildungsberuf „Industriekaufmann/Industriekauffrau“ vor. Sie wurden nach der Aktualisierung der Standardberufsbildpositionen veröffentlicht. Dies schlägt sich nicht nur in der Summe der absoluten Treffer sozialer und ökologischer Aspekte nieder, sondern auch in den prozentualen Verhältnissen im Vergleich zu rein ökonomischen Zielgrößen und Tätigkeiten (ca. 30 % in der Ausbildungsordnung und ca. 25 % im Rahmenlehrplan). Auffällig ist zudem in der Ausbildung der Industriekaufleute, dass das Konzept der Nachhaltigkeit deutlich häufiger direkt angesprochen wird. Allerdings erfolgt dies auch wieder weitgehend unkonkret. So heißt es etwa in Lernfeld 3 im Rahmenlehrplan für Industriekaufleute (2023, S. 12): „[Die Schülerinnen und Schüler] planen das Leistungsangebot, zusätzliche Services, Zahlungs- und Lieferbedingungen für inländische Kunden auch unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit“. Ähnlich wird in Lernfeld 4 formuliert: „Die Schülerinnen und Schüler optimieren den Beschaffungsprozess im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens auch unter Beachtung der globalen und soziokulturellen Auswirkungen“ (KMK 2023, S. 13). In beiden Beispielen bleibt offen, wie der im Lernfeld durchaus komplexe Anspruch an den Berufsschulunterricht inhaltlich eingelöst und umgesetzt werden soll.

Die Bezüge zur Nachhaltigkeit in den Ordnungsmittel sind über alle Berufe hinweg eher vage, undeutlich und wenig konkret. Das Kriterium der Explizitheit kann somit als durchaus kritisch bewertet werden. Diese Erkenntnis wird gestützt, wenn man die Fundstellen zu den ESRS-Standards heranzieht. In allen Berufen wird zwar der (allgemeine) Umweltschutz sowie Teilbereiche der Kreislaufwirtschaft (Entsorgung, Wiederverwendung) als Lernziele ausgegeben. Zusätzlich geht es in allen Berufen um Fragen der Ressourcen- und insbesondere Energieeffizienz, was gemäß ESRS-Verständnis zum Beitrag für den Klimaschutz bewertet werden kann. Klimaschutz, Klimawandel und ähnliche verwandte Wortschöpfungen lassen sich aber in keinem Ordnungsmittel finden. Zudem werden konkrete ökologische Fragen und Handlungsfelder in Transport und Logistik nicht angesprochen. Dasselbe ist auch für die Dimension „Soziales“ festzuhalten. Da die Ordnungsmittel vor allem auf Arbeits- und Gesundheitsschutz referieren, sind die Bezüge zum ESRS-Rahmen primär auf die eigene Belegschaft ausgerichtet. Der Verbraucherschutz wird in nur zwei Fällen angesprochen. Hier geht es konkret um den verantwortlichen Umgang mit Kundendaten (Datenschutz und Datensicherheit).

Auffällig ist auch, dass das Nachhaltigkeitsdreieck in den Ordnungsmitteln kaum deutlich wird, da die „Kanten“ des Dreiecks nur äußerst selten adressiert werden. Betrachtet man hierzu etwa die Ausbildungsordnung für Kaufleute für Groß- und Außenhandelsmanagement, dann geht es bei den drei festgestellten Treffern um die Kombination ökonomischer und ökologischer Ziele bei der Verpackung, der Planung logistischer Dienstleistungen und der Wahl von Transportmitteln im Zuge der Abwicklung von Außenhandelsgeschäften (vgl. Ausbildungsordnung Kaufmann/Kauffrau für Groß- und Außenhandelsmanagement, S. 722, S. 726). Gerade die ökoeffiziente Gestaltung von Verpackungen wird auch in den Ordnungsmitteln der Fachkräfte für Lagerlogistik angesprochen (vgl. z. B. Ausbildungsordnung für Fachkräfte für Lagerlogistik, S. 1894; Rahmenlehrplan für Fachkräfte für Lagerlogistik, Lernfeld 6, S. 13). In diesem Ausbildungsberuf sind auch die deutlichsten Referenzen zur Sozioeffizienz zu finden. So sollen die Lernenden etwa Lagerplätze nach ökonomischen und sicherheitsrelevanten Gesichtspunkten auswählen (Rahmenlehrplan für Fachkräfte für Lagerlogistik, Lernfeld 2, S. 9).

Im Sinne einer ersten Bilanzierung wird deutlich, dass Nachhaltigkeit vor allem als integrativer Aspekt und nicht berufsspezifisch reflektiert wird. Wenn Aspekte der Nachhaltigkeit im Ausbildungsrahmenplan oder im Rahmenlehrplan zu finden sind, so sind diese primär auf genau jene Konzepte ausgerichtet, die bereits in den Standardberufsbildpositionen aufgelistet werden (z. B. Müllvermeidung, Arbeits- und Gesundheitsschutz).

4.3 Einzelbefunde aus der Analyse der Leitfadeninterviews

Im Bereich der ESRS-Umweltstandards wurden 575 Nennungen identifiziert, wobei die Themen Klimawandel (47 %) und Umweltverschmutzung (33 %) innerhalb der Umweltstandards die höchsten Anteile aufweisen. Die Auszubildenden verbinden ökologische Nachhaltigkeit in diesem Kontext sowohl mit technologischen Lösungsansätzen, wie dem Einsatz von E-LKW und alternativen Antrieben, als auch mit praktischen Maßnahmen, darunter die Vermeidung von Leerfahrten, Ressourcenschonung und Reduktion von Emissionen.

Positive Effekte von E-LKW werden vor allem hinsichtlich Effizienzsteigerung („mit diesen ganzen E-LKWs, dass es halt eventuell effizienter und alles ist“, I08) sowie der Reduktion von Schadstoffemissionen hervorgehoben, da „ein LKW, Schadstoffe hochpustet, ein E-LKW zum Beispiel nicht“ (I03). Die zitierten Aussagen verdeutlichen, dass die Auszubildenden die Verbindung zwischen technologischer Innovation und Umweltentlastung klar erkennen. Gleichzeitig werden die praktischen Einschränkungen wie begrenzte Reichweite und Ladezeiten kritisch reflektiert („Ja, weil natürlich Elektrofahrzeuge nicht so eine hohe Reichweite, also Kilometeranzahl haben und LKWs sind ja oft lange Strecken unterwegs“, I12; „Ladezeit mit einzuberechnen ist schon schwierig“, I05; „Und ich glaube, dass die Motoren auch noch nicht so weit sind, die LKW-Motoren.“, I04). Zudem wird auf die infrastrukturellen Herausforderungen hingewiesen („natürlich müsste man dann erstmal die Infrastruktur hier ausbauen für E-Mobilität.“, I05). Es zeigt sich ein differenziertes Verständnis der E-Mobilität, indem die Auszubildenden neben ökologischen Potenzialen auch betriebliche Grenzen reflektieren. Zugleich wird deutlich, dass ökologische Innovationen aus ihrer Sicht nur unter geeigneten infrastrukturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen umfassend umsetzbar sind. Die Aussagen weisen dabei eine hohe Prozessnähe auf, da Nachhaltigkeit in diesem Kontext unmittelbar mit realen Transportprozessen, Tourenplanung und betrieblichen Entscheidungslogiken verknüpft wird.

Zur Verringerung von Umweltbelastungen wird ergänzend die Vermeidung von Leerfahrten als zentraler Bestandteil ressourcenschonender Transportlogistik betont: „man versucht, die Touren so zu legen, dass man nicht große Umwege fährt oder irgendwie so Leerfahrten oder sowas verhindert, weil dadurch fährt der LKW ja dann quasi umsonst.“ (I10).

Das Thema Kreislaufwirtschaft wird ebenfalls regelmäßig aufgegriffen. Im Vordergrund stehen Abfallvermeidung und -entsorgung, Mülltrennung und Recycling, indem „nachhaltige oder recyclebare Produkte verwendet“ (I04) werden. Die Mülltrennung wird als „sehr wichtig“ (I09) erachtet. Auch der Einsatz von Mehrweg- statt Einwegprodukten wird als konkrete Maßnahme genannt („gehen natürlich dann auch öfter auf Mehrwegprodukte“, I13).

Neben klar formulierten Aussagen im Bereich der Umweltstandards gibt es auch zahlreiche eher unkonkrete oder allgemein gehaltene Aussagen, die eine eindeutige Zuordnung zu den ESRS-Umweltstandards erschweren („dass man LKWs auf nachhaltige Weise umstellt“, I10; „indem man nachhaltigere Systeme benutzt oder irgendwie probiert, wo man etwas verändern kann.. Eine eindeutige Zuordnung zu einem der ESRS-Umweltstandards ist in solchen Fällen nicht möglich. Zugleich bleiben andere Umweltstandards, wie Wasser- und Meeresressourcen sowie biologische Vielfalt und Ökosysteme deutlich unterrepräsentiert. Dies zeigt, dass die Explizitheit innerhalb der Umweltstandards stark variiert: Während Klimawandel konkret und praxisnah in Verbindung mit spezifischen Maßnahmen thematisiert wird, werden andere Bereiche nur allgemein angesprochen, sodass dort eine geringe Explizitheit erkennbar ist.

Innerhalb der ESRS-Sozialstandards entfallen 90 % der Nennungen auf die eigene Belegschaft, sodass der Schwerpunkt der Sozialstandards deutlich in dieser Unterkategorie liegt. Besonders hervorgehoben werden die herausfordernden Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrenden, die durch eng getaktete Routen, hohen Zeitdruck, lange Arbeitszeiten und Wochenendarbeit geprägt sind („die fahren ja sowieso schon den ganzen Tag und sind nur im Stress und irgendwann geht es halt gar nicht mehr weiter.“, I03; „Aber was ich da mitbekommen habe, ist halt auch, dass die ganz oft keine Pause machen oder halt Überstunden machen wie sonst was.“, I09).

Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen werden zahlreiche Maßnahmen genannt, darunter eine angemessene LKW-Ausstattung, etwa durch „einen Kühlschrank im LKW“ (I07), den Zugang zu geeigneten Sanitäranlagen sowie eine Anpassung der Routenplanung, damit die „LKW-Fahrer nicht so lange Strecken fahren müssen“ (I12). Somit werden sowohl infrastrukturelle als auch organisatorische Aspekte der Arbeitsbedingungen thematisiert.

Die Arbeitsbedingungen von Lagermitarbeitenden werden differenziert dargestellt. Einerseits werden geregelte Arbeitszeiten und ein hoher Automatisierungsgrad als potenziell entlastend eingeschätzt („Ich sage, für das Lager auf jeden Fall würde ich sagen, es ist machbar.“, I03; „also ein höherer Grad der Automatisierung würde die Menschen im Lager auf jeden Fall entlasten.“, I13). Andererseits werden auch hier die körperlichen Belastungen thematisiert. In diesem Zusammenhang betonen die Auszubildenden die Bedeutung des Gesundheitsschutzes, etwa durch Maßnahmen zur Unfallverhütung oder dass die Arbeitsplätze im Lager „ergonomischer und vielleicht auch noch sicherer gestaltet“ werden (I08), sodass die Mitarbeitenden „weniger heben müssen“ (I02). Die Aussagen zur eigenen Belegschaft zeichnen sich durch eine hohe Explizitheit aus, da soziale Nachhaltigkeit überwiegend über konkrete Maßnahmen beschrieben wird.

Darüber hinaus wird wiederholt eine angemessene Vergütung der Mitarbeitenden gefordert. Zudem wird betont, dass Arbeitgeber auf „angemessene Arbeitszeiten, Pausenregelungen“ (I08) achten sollen. Aussagen wie diese deuten auf ein grundlegendes Bewusstsein für arbeitsrechtliche Standards hin.

Die Unterkategorie Verbraucher und Endnutzer fokussiert vor allem die Transparenz von Lieferketten und -prozessen gegenüber den Kund*innen und ist – ebenso wie die Kategorie Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette – im Antwortverhalten im Vergleich zu den anderen Kategorien deutlich weniger präsent. Die Arbeitsbedingungen der Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette werden jedoch überwiegend als herausfordernd beschrieben („Und dementsprechend werden halt die Mitarbeitenden auch vernachlässigt – vom Schutz her, von der Gesundheit, von den Arbeitszeiten, Flexibilität, Gesundheit der mentalen Psyche.“, I06).

Die Unterkategorie Unternehmensführung wurde lediglich elf Mal genannt. Dies deutet darauf hin, dass Governance-Aspekte im Nachhaltigkeitsverständnis der Auszubildenden kaum verankert sind.

Die Aussagen im Kontext des Nachhaltigkeitsdreiecks beziehen sich meist nur auf einzelne Dimensionen, während Zusammenhänge zwischen zwei Dimensionen selten hergestellt werden. Von den 751 dimensionsbezogenen Treffern entfallen rund 81 % auf eindimensionale Zuschreibungen, während lediglich etwa 19 % mehrdimensionale Verknüpfungen darstellen. Im Sinne eines integrierten Nachhaltigkeitsverständnisses zeigt sich, dass die Dimensionen zwar einzeln wahrgenommen werden, jedoch nur selten systematisch miteinander verknüpft sind. Ökologische, soziale und ökonomische Aspekte bleiben dadurch häufig fragmentiert und werden nicht systematisch aufeinander bezogen.

Auf der Ebene der eindimensional erfassten Nennungen (609 Treffer) dominieren die ökologische Dimension mit 46 % und die soziale Dimension mit 40 %. Die ökonomische Dimension wird mit 13 % deutlich seltener adressiert und erscheint primär im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeitsansprüchen und betriebswirtschaftlichem Kostendruck. Exemplarisch verdeutlichen dies Aussagen wie: „Das muss natürlich trotzdem günstig bleiben auch für den Betrieb.“ (I04) oder „viele Unternehmen nur darauf achten, schnell und kostengünstig und in großen Mengen ihre Ware zu erlangen“ (I11). Zudem betont I01, dass häufig „die ökonomischen Vorgaben im Vordergrund stehen“.

Eine gleichzeitige Betrachtung von zwei Nachhaltigkeitsdimensionen erfolgt deutlich seltener als die isolierte Fokussierung einzelner Dimensionen. Von den 142 Treffern entfallen 63 % auf die Verknüpfung ökologischer und ökonomischer Aspekte im Sinne der Ökoeffizienz. So wird beispielsweise betont: „man versucht, die Touren so zu legen, dass man nicht große Umwege fährt oder irgendwie so Leerfahrten oder sowas verhindert“ (I10) oder „Wenn der LKW energieeffizient fährt, verbraucht er natürlich auch weniger und das sind dann ja am Ende weniger Kosten für uns.“ (I05). Zusammenhänge zwischen sozialen und ökonomischen Aspekten (Sozioeffizienz) werden mit 22 % deutlich seltener thematisiert („Man muss es natürlich bezahlen, dass die Mitarbeiter geschult werden.“, I05). Sozial-ökologische Verknüpfungen werden noch seltener aufgegriffen (15 %), etwa: „Für mich ist Nachhaltigkeit erstmal natürlich das Gesamte und nicht nur auf die Umwelt zu achten, sondern generell die ganzen Prozesse und auch in dem Unternehmen mit den Mitarbeitenden das Soziale beachten.“ (I11).

Bezüglich der Prüfungswirksamkeit lässt sich aus den Interviews ableiten, dass Nachhaltigkeit in den alltäglichen Arbeits- und Lernkontexten thematisiert wird. Die Auszubildenden geben jedoch keine Hinweise darauf, inwiefern diese Inhalte in Prüfungen oder formalen Bewertungssituationen eine Rolle spielen, sodass sich keine Rückschlüsse auf eine verbindliche prüfungsrelevante Verankerung ziehen lassen.

Im Sinne einer zweiten Bilanzierung lässt sich ein stark ökologisch-sozial geprägtes Verständnis von Nachhaltigkeit erkennen, das primär auf konkrete, praxisnahe Maßnahmen im beruflichen Alltag bezogen ist – etwa emissionsärmere Transportlösungen oder die Gestaltung gesundheitsverträglicher Arbeitsbedingungen. Die ökonomische Dimension bleibt dagegen weitgehend punktuell und problemorientiert. Gleichzeitig zeigen die 62 Treffer bei der rein sprachlichen Kopplung, dass Nachhaltigkeit oft als Schlagwort genutzt wird, ohne dass konkrete Handlungsfelder oder Dimensionen adressiert werden. Beispielhaft zeigt sich das in folgenden Aussagen: „Vielleicht, wie bereits vorhin schon genannt, achten Kunden speziell darauf, dass die Ware nachhaltig ist.“ (I11) oder „wo deine Ware herkommt und dann wird dadurch irgendwie die Nachhaltigkeit geprüft, wie nachhaltig es ist oder irgendwie sowas in der Richtung“ (I09).

4.4 Vergleichende Betrachtung

Als dritter Schritt der empirischen Analyse werden die Befunde aus der Ordnungsmittelanalyse und der Interviewstudie im Sinne einer dritten Bilanzierung zusammengeführt. Das Verständnis von Nachhaltigkeit kann vor diesem Hintergrund sowohl in den Ordnungsmitteln wie auch in den Vorstellungen der Auszubildenden als fragmentiert statt integriert bewertet werden. So werden insbesondere die jeweiligen „Ecken“ des Nachhaltigkeitsdreiecks Ökonomie, Ökologie und Soziales primär isoliert betrachtet und beschrieben. Die „Kanten“ des Dreiecks, die eine integrative und interdependente Verwobenheit der Dimensionen andeuten, werden hingegen kaum adressiert. Dabei fällt auf, dass die Ökonomie die klar dominierende Dimension in den Ordnungsmitteln darstellt, während Auszubildende vor allem ökologische und soziale Belange der Nachhaltigkeit in den Vordergrund rücken.

In Bezug auf die Explizitheit müssen die Ergebnisse differenziert betrachtet werden. So lässt sich feststellen, dass die Ordnungsmittel kaum spezifische Ansatzpunkte für die Berücksichtigung eines integrativen Verständnisses von Nachhaltigkeit liefern. Begriffe und Konzepte des Nachhaltigkeitsdiskurses werden vor allem lose aneinandergereiht und nicht inhaltlich konkretisiert. Eine solche Tendenz, Nachhaltigkeit als reines Schlagwort zu behandeln, ist ebenfalls bei den Aussagen der Auszubildenden zu beobachten. Dennoch werden wichtige Nachhaltigkeitsherausforderungen in Anlehnung an die ESRS-Standards von den Auszubildenden genannt und expliziert. Sehr deutlich wird dies am Beispiel des Klimawandels: Der Klimawandel ist in den Aussagen der Auszubildenden das klar dominierende Problemfeld. In den Ordnungsmitteln wird es hingegen überhaupt nicht thematisiert. Beachtenswert ist allerdings auch, dass eine verantwortungsvolle Unternehmensführung, die unterschiedliche externe Stakeholder einbezieht und freiwillige Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung vorantreibt, weder in den Ordnungsmitteln noch in den Interviews mit den Auszubildenden angedeutet wird. Governance und die Ausweitung des Blicks auf die gesamte Wertschöpfungskette scheinen (noch) kein Thema der Ausbildung zu sein. Stattdessen konzentriert sich der Blick auf den eigenen Betrieb, was auch die Befunde zu den angesprochenen ESRS-Sozialstandards aufzeigen.

Unterschiede lassen sich des Weiteren im Hinblick auf die Prozessnähe finden. Auszubildende verankern Anknüpfungspunkte nachhaltigen Wirtschaftens häufig in realen Handlungsfeldern und unternehmerischen Entscheidungssituationen (z. B. emissionsarme Transporte, Vermeidung von Leerfahrten, Recycling und Wiederverwertung). Gleichwohl ist auch erkennbar, dass diese prozessnahen Berührungspunkte eher als lose gekoppelte Bündel von Einzelmaßnahmen identifiziert werden können. Strategische Einbettungen in den Aufbau- und Ablauforganisationen der Betriebe lassen sich nicht rekonstruieren. Solch vereinzelte Bezugspunkte lassen sich ebenfalls in den Ordnungsmitteln feststellen, wenn Nachhaltigkeitsaspekte in den Ausbildungsinhalten und Lernfeldern genannt werden. Primär wird Nachhaltigkeit jedoch als berufsübergreifendes Handlungsfeld deklariert. Nachhaltigkeit erhält hierdurch einen normativen Anspruch, der jedoch nur spärlich in beruflichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sichtbar wird. Für die Explizitheit und die Prozessnähe lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Auszubildende in ihren Aussagen und Vorstellungen deutlich spezifischer und elaborierter sind als es die Ordnungsmittel vermuten lassen. Allerdings ist das Verständnis der Auszubildenden eher verkürzt und fragmentiert. Die Ordnungsmittel hingegen lassen kaum erahnen, mit welchen Themen und in welchen beruflichen Handlungssituationen Nachhaltigkeit eine relevante Rolle spielt.

Wie oben angerissen lässt sich dies auch für die Prüfungswirksamkeit schlussfolgern. Zwar wird Nachhaltigkeit als prüfungsrelevant herausgestellt, allerdings wird nicht eruiert, auf welche Inhalte sich die Kompetenzfeststellungen fokussieren oder auf welcher Art und Weise solche Inhalte Prüfungsgegenstand werden. Gleichermaßen geben die Interviews mit den Auszubildenden ebenfalls keinen Aufschluss darüber. Unabhängig vom Ausbildungsjahr werden keine Berührungspunkte von den Auszubildenden angedeutet, die eine Prüfungsrelevanz vermuten lassen. Dieser Befund ist jedoch vorsichtig zu behandeln, da die Interviews im Herbst und Winter 2025 durchgeführt wurden und daher die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung bei den Auszubildenden aus dem dritten Lehrjahr wahrscheinlich noch nicht begonnen haben.

5 Fazit

Der Beitrag zielt auf eine (vorläufige) Bilanzierung der curricularen Verankerung von Nachhaltigkeit in ausgewählten Berufen der Transport- und Logistikbranche sowie auf einen Abgleich mit subjektiven Deutungen von Auszubildenden. Vor dem Hintergrund der in der Domäne sichtbaren Transformationsanforderungen fällt diese Bilanzierung nüchtern aus. In den Ordnungsmitteln ist Nachhaltigkeit zwar erkennbar adressiert, jedoch häufig in generalisierenden und additiven Formulierungen, die den Integrationsanspruch nachhaltigen Wirtschaftens eher markieren als in berufsbezogene Kompetenzanforderungen zu übersetzen. Damit wird eine zentrale Herausforderung sichtbar, die in der BBNE-Diskussion seit längerem beschrieben wird: Die Wirksamkeit von Nachhaltigkeitsbildung entscheidet sich daran, ob Nachhaltigkeit nicht nur programmatisch genannt, sondern strukturell operationalisiert und in verbindliche Anforderungen überführt wird (vgl. de Haan et al., 2021, S. 12; Hilse et al., 2022, S. 23–24).

Der Abgleich mit den Interviews zeigt zugleich, dass Nachhaltigkeit aus Sicht der Auszubildenden keineswegs randständig ist. Insbesondere ökologische und soziale Themen werden häufig und prozessnah angesprochen, etwa in Bezug auf Emissionen, Energieverbrauch, Abfall und Arbeitsbedingungen. Diese prozessnahen Deutungen stehen jedoch nur begrenzt in einem Verhältnis zu curricularen Formulierungen. Sichtbar wird damit eine zweite Einschränkung: Nachhaltigkeit erscheint in beiden Datenquellen überwiegend eindimensional, während relationale Abwägungslogiken, Zielkonflikte und integrierte Perspektiven vergleichsweise selten deutlich werden. Gerade hier liegt jedoch der Kern des Nachhaltigkeitsdreiecks im Sinne der Integrationsherausforderung: ökologische, soziale und ökonomische Anforderungen nicht nur nebeneinander zu benennen, sondern in Entscheidungssituationen begründet auszubalancieren und institutionell zu verankern (vgl. Schaltegger et al., 2006, S. 10–11; Pufé, 2017, S. 190).

Mit Blick auf die ESRS wird zudem ein thematisches Profil erkennbar, das sowohl Erreichtes als auch Lücken aufzeigt. Die Interviews fokussieren stark auf Umweltaspekte und soziale Themen der eigenen Belegschaft, während Governance deutlich schwächer ausgeprägt ist. Auch in den Ordnungsmitteln bleiben entsprechende Bezüge randständig. Damit deutet sich ein blinder Fleck an, der über die inhaltliche Ebene hinausweist. Wenn Nachhaltigkeitsmanagement und Reporting in der betrieblichen Praxis an Bedeutung gewinnen, werden Fähigkeiten zur Dokumentation, zur Generierung von Nachweisen und zur Kommunikation entlang von Wertschöpfungsketten zu einem relevanten Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz (vgl. DRSC, 2022). Dieser Befund ist insbesondere für Transport und Logistik anschlussfähig, weil die Domäne durch komplexe Kettenstrukturen, Subunternehmerkonstellationen und hohe Anforderungen an Transparenz geprägt ist.

Die in Abschnitt 2.2 diskutierten Projekte lassen sich vor diesem Hintergrund als wichtige Antwort auf das identifizierte Übersetzungsproblem einordnen. InnoLA und NaLoGo setzen an der Professionalisierung des Ausbildungspersonals an und adressieren damit eine wesentliche Bedingung für die didaktische Konkretisierung von Nachhaltigkeit im Ausbildungshandeln (vgl. Ahrens, 2024; Seeber, 2019, S. 4). Pro-DEENLA und derzeit aktuell NaTuL fokussieren die Perspektive der Auszubildenden und entwickeln arbeitsprozessnahe Lernarrangements, in denen Dilemmata und Zielkonflikte als Ausgangspunkt für Kompetenzentwicklung genutzt werden können (vgl. Fischer et al., 2019, S. 19; Universität Oldenburg, o. J.b). In diesen Maßnahmenbündeln zeigen sich klare Ergebnisse: Es liegen didaktische Konzepte und Materialien vor, die Nachhaltigkeit in berufstypischen Situationen konkretisieren und die Integrationsperspektive prinzipiell bearbeitbar machen. Die Bilanzierung zeigt jedoch zugleich eine systematische Grenze projektförmiger Innovation. Ohne eine stärkere curriculare und prüfungsseitige Anschlussfähigkeit bleiben solche Lösungen abhängig von lokalen Implementationsbedingungen und damit in ihrer Reichweite begrenzt. Der Transfer vom Projekt zur Struktur bleibt damit nach wie vor eine zentrale Herausforderung (vgl. Kähler & Casper, 2021, S. 115–116; Weber & Wester, 2021, S. 32).

Aus den Befunden lassen sich drei Konsequenzen ableiten, die den in Kapitel 2 entwickelten Kriterien entsprechen. Erstens bedarf es einer höheren Explizitheit und Konkretisierung, um Nachhaltigkeit nicht nur als Querschnittsanspruch, sondern als berufsbezogene Kompetenzanforderung sichtbar und bearbeitbar zu machen. Zweitens ist Prozessnähe systematisch zu stärken, indem Nachhaltigkeit an typische Arbeits- und Geschäftsprozesse sowie Entscheidungssituationen der betrieblichen Realität gekoppelt wird und dabei über leicht benennbare Einzelaspekte hinausgeht. Drittens ist Prüfungswirksamkeit als Engpass der Verstetigung ernst zu nehmen. Dort, wo Nachhaltigkeit in Prüfungsanforderungen und Aufgabenpraxis nicht hinreichend repräsentiert ist, besteht das Risiko, dass sie hinter einseitigen Effizienz- und Kostenlogiken zurücktritt, selbst wenn sie im Arbeitsalltag als Problem- und Handlungsfeld präsent ist.

Für die weitere Forschung ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Zum einen ist zu prüfen, wie sich die in dieser Bilanzierung sichtbaren Muster in weiteren Berufen und Teilbereichen der Domäne bestätigen oder differenzieren. Zum anderen ist zu untersuchen, unter welchen Bedingungen projektbasierte Innovationen tatsächlich in curriculare und prüfungspraktische Strukturen übergehen. Der vorliegende Beitrag zeigt damit weniger einen Mangel an Aktivitäten als vielmehr ein strukturelles Verstetigungsproblem: Nachhaltigkeit ist als Zukunftsthema anerkannt, ihre institutionelle Übersetzung in explizite, prozessnahe und prüfungswirksame Kompetenzanforderungen bleibt jedoch eine fortlaufende Aufgabe der beruflichen Bildung.

Literatur

Ahrens, D. (2024). Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden. https://denk-doch-mal.de/daniela-ahrens-die-schluesselrolle-der-ausbildenden-in-der-neuen-bmbf-foerderrichtlichtlinie-nachhaltig-im-beruf-zukunftsorientiert-ausbilden/

 Baethge, M., Arends, L. & Winther, E. (2009). International Large-Scale Assessment on vocational and occupational education and training. In F. Oser, U. Renold, E. G. John, E. Winther & S. Weeber (Eds.), VET Boost: Towards a theory of professional competencies (pp. 3–24). Sense.

BAG (Bundesamt für Güterverkehr) (Hrsg.) (2022). Marktbeobachtung Güterverkehr. Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik 2022. Fahrerberufe. Köln.

BALM (Bundesamt für Logistik und Mobilität) (Hrsg.) (2024). Marktbeobachtung Güterverkehr. Auswertung der Arbeitsbedingungen in Güterverkehr und Logistik 2023. Fahrerberufe. Köln.

Berding, F., Slopinski, A. & Frerichs, R. (2020). Auszubildende als zukünftige Change Agents for Sustainable Innovations. Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis,72(3), 313–337.

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Stufenspezifität als curriculare Differenzierung von BNE am Beispiel des Gymnasiums, der Berufsfachschule und der Volksschule in der Schweiz

1 Einleitung

Die Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der beruflichen Bildung (BBNE) ist angesichts globaler Herausforderungen und Entwicklungen unbestritten (Minnameier & Ziegler, 2022). Die Auseinandersetzung mit BNE ist dabei keine spezifische Aufgabe der beruflichen Bildung, sondern wird vielmehr als stufenübergreifende Aufgabe verstanden und findet sich als Zielvorgabe sowohl in den Lehrplänen der Primarschule (Grundschule) als auch in den Mittel- und Hochschulen (EDK, 2024; SBFI, 2025; Swissuniversities, 2020). Dabei ist die Vorstellung leitend, dass das BNE-Curriculum nach dem Spiralprinzip aufgebaut ist. Sowohl innerhalb einer Bildungsstufe als auch Bildungsstufen übergreifend sollen BNE-Themen nicht einmalig behandelt, sondern wiederkehrend, kumulativ und zunehmend komplex bearbeitet werden (D-EDK, 2016, S. 8; EDK, 2024, S. 8; SBFI, 2025, S. 6).

Innerhalb dieses stufenübergreifenden Anspruchs bildet die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) jedoch einen spezifischen Diskurszusammenhang. BBNE fragt danach, wie Lernende befähigt werden können, berufliche Aufgaben, Arbeitsprozesse und betriebliche Entscheidungen unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten zu verstehen, zu beurteilen und mitzugestalten (Kettschau, 2011; Melzig et al., 2021). Berufliche Bildung ist dabei nicht lediglich ein Anwendungsfeld allgemeiner BNE, sondern ein eigenständiger Lern- und Gestaltungsraum: Berufliches Handeln ist in Wertschöpfungsketten, Ressourcenverbräuche, Technologien, Arbeitsbeziehungen und betriebliche Zielkonflikte eingebunden. Damit stellt sich für BBNE in besonderer Weise die Frage, wie allgemeine Nachhaltigkeitsziele in konkrete berufliche Handlungssituationen übersetzt werden können.

Dieser Beitrag geht davon aus, dass trotz zahlreicher Konzepte, Modelle und curricularer Ansätze für die Integration von BNE-Themen in den Unterricht (Kettschau, 2011; Michaelis & Berding, 2022; Vare & Scott, 2007), eine Übersetzung der Vorgaben in stufengerechte Unterrichtsinhalte weiterhin eine Herausforderung für die praktizierenden Lehrpersonen darstellt. Die Gründe für die bestehende Herausforderung der Integration von BNE in die Praxis sind, wie nachfolgend aufgezeigt wird, die sich stark ähnelnden Zielformulierungen und Bezugsnormen der jeweiligen Rahmenlehrpläne. Dies kann dazu führen, dass BNE-Angebote generisch bleiben und die spezifischen Lern- und Handlungskontexte der Bildungsstufen zu wenig berücksichtigen. Für die berufliche Grundbildung wäre dies besonders wichtig, weil nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen hier an berufliche Aufgaben, betriebliche Entscheidungsräume und konkrete Spannungen zwischen ökologischen, sozialen und ökonomischen Anforderungen anschließen müssen. Gelingt dies nicht, besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit als zusätzlicher Inhaltsbereich behandelt wird, ohne mit beruflicher Handlungskompetenz systematisch verbunden zu werden (Michaelis & Berding, 2022).

Dieser Beitrag stellt die Frage, inwiefern sich die Curricula, Zielsetzungen und Inhalte der BNE zwischen den einzelnen Bildungsstufen unterscheiden und wie BNE unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Besonderheiten bildungsstufenspezifisch konkretisiert und ausgestaltet werden kann. Ziel des Beitrags ist es, Stufenspezifität als analytische Kategorie für die curriculare Differenzierung von BNE zu entwickeln und ihr Potenzial für die bildungsstufenspezifische Ausgestaltung von BNE aufzuzeigen. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Bildungsstufen über spezifische Bildungsziele, institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Funktionen verfügen, die sich in ihren Lehr- und Rahmenlehrplänen in Form bildungspolitischer und normativer Vorstellungen verdichten. Um diese Überlegung zu entfalten, wurden exemplarisch drei bildungsstufenspezifische Rahmenlehrpläne in der Schweiz betrachtet: der Lehrplan 21 der Volksschule (Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz [D-EDK], 2016), der Rahmenlehrplan des Gymnasiums (Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren [EDK], 2024) sowie der Rahmenlehrplan für die Allgemeinbildung in der beruflichen Grundbildung (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation [SBFI], 2025). Die Auswahl umfasst zentrale, für die jeweiligen Bildungsstufen maßgebliche curriculare Orientierungsdokumente der Schweiz. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass wesentliche normative Entscheidungen bereits im Rahmen ihrer Entwicklung und Verabschiedung getroffen wurden und somit als gegeben betrachtet werden können.

Methodisch wurde ein iteratives, qualitativ-inhaltsanalytisches Vorgehen gewählt. Als Grundlage wurden die ausgewählten Dokumente zunächst auf die Formulierungen hin untersucht, die auf ein allgemeines Verständnis von BNE bzw. Nachhaltigkeit verweisen. Auf Basis der ersten Extraktion wurden in mehreren Workshops die identifizierten Formulierungen verglichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet und damit schrittweise analytische Kategorien konstruiert, anhand welcher die Lehrpläne anschliessend erneut analysiert wurden. So konnten die konstruierten Kategorien präzisiert und stufenspezifische Ausprägungen anhand des Datenmaterials beschrieben werden.

Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird die Bedeutung der Stufenspezifität als Schlüssel für eine curriculare Differenzierung herausgearbeitet. Anschließend werden die allgemeinen stufenspezifischen Merkmale dargestellt, die sich aus den jeweiligen Bildungszielen und curricularen Grundlagen ableiten lassen. Darauf aufbauend wird exemplarisch aufgezeigt, wie ausgewählte BNE-Kompetenzen in den verschiedenen Bildungsstufen unterschiedlich konkretisiert werden können.

2 Curriculare Konvergenz von BNE: Potenziale und Konkretisierungsprobleme

Die curricularen Vorgaben für die Volksschule, die gymnasialen Maturitätsschulen und die Berufsfachschule verankern BNE als gemeinsames Bildungsanliegen. Trotz unterschiedlicher institutioneller Aufträge und Lernkontexte weisen die drei betrachteten Lehr- und Rahmenlehrpläne in ihren allgemeinen Zielbeschreibungen deutliche Konvergenzen auf. Diese Gemeinsamkeiten betreffen sowohl die normativen Bezugspunkte als auch zentrale Kompetenzansprüche und die Vorstellung eines über Bildungsstufen hinweg kumulativen Kompetenzaufbaus.

Der Lehrplan der Volksschule hält in den Grundlagen fest, dass Schülerinnen und Schüler sich mit der „Komplexität der Welt und deren ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen“ auseinandersetzen, Vernetzungen und Zusammenhänge erfassen und befähigt werden sollen, „sich an der nachhaltigen Gestaltung der Zukunft zu beteiligen“ (D-EDK, 2016, S. 5). Der gymnasiale Rahmenlehrplan formuliert mit der allgemeinen Studierfähigkeit und der vertieften Gesellschaftsreife ähnliche Leitziele und fordert, dass Maturandinnen und Maturanden Verantwortung gegenüber Mitmenschen und natürlicher Umwelt übernehmen und sich mit nachhaltiger Entwicklung als transversalem Thema auseinandersetzen (EDK, 2024, S. 22). Der Rahmenlehrplan für die Allgemeinbildung in der Berufsfachschule wiederum stellt heraus, dass die Allgemeinbildung Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln soll, „die zu einer nachhaltigen Entwicklung, zu lebenslangem Lernen und zu selbständigem Urteilen und Entscheiden beitragen“ und beschreibt wirtschaftliche, ökologische, soziale und kulturelle Kompetenzen als Zielhorizonte (SBFI, 2025, S. 2).

Die Konvergenz zeigt sich ebenso in den Kompetenzbegriffen. So wird das Erfassen von Zusammenhängen bzw. systemisches und vernetztes Denken in allen drei Dokumenten als bedeutsam ausgewiesen. Im Lehrplan 21 sollen Schülerinnen und Schüler Informationen vergleichen und Zusammenhänge herstellen. Zudem wird vernetzendes Lernen als didaktisches Prinzip für die Bearbeitung komplexer, fächerübergreifender Themen beschrieben (D-EDK, 2016, S. 23). Im gymnasialen Rahmenlehrplan wird systemisches Denken als Querschnittskompetenz beschrieben, die sowohl im Bereich der überfachlichen Kompetenzen, in der Digitalität als auch in der BNE verankert ist und auf die Analyse komplexer Sachverhalte und Zusammenhänge abzielt (EDK, 2024, S. 10–11). Im Rahmenlehrplan der Allgemeinbildung der Berufsfachschule wird „vernetzt und systemisch denken, um sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu handeln“ als eigene Schlüsselkompetenz ausgewiesen, die es erlaubt, komplexe lokale und globale Zusammenhänge zu verstehen und daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten (SBFI, 2025, S. 7).

Auch die Vorstellung eines spiralförmigen und progressiven Kompetenzaufbaus findet sich in allen drei Dokumenten. Der Lehrplan 21 der Volksschule spricht explizit von kumulativem Kompetenzerwerb über drei Zyklen hinweg und betont, dass Kompetenzen über aufeinander aufbauende Kompetenzstufen hinweg entwickelt werden sollen, wobei sich die Anforderungen in Wissenstiefe, Komplexität und Grad der Selbstständigkeit steigern (D-EDK, 2016, S. 8). Der gymnasiale Rahmenlehrplan versteht die transversalen Unterrichtsbereiche – darunter BNE – als längerfristige Kompetenzentwicklungsfelder, die in verschiedenen Fächern und Lerngefäßen wiederkehrend und vertieft aufgegriffen werden (EDK, 2024, S. 10–24). Der Rahmenlehrplan für die Allgemeinbildung wiederum beschreibt die Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen ausdrücklich als Teil eines Spiralcurriculums, in dem diese Kompetenzen über die gesamte Lernzeit hinweg wiederholt und auf einem jeweils höheren Komplexitätsniveau bearbeitet werden, um ihre Transferreichweite zu erhöhen (SBFI, 2025, S. 6).

Diese Befunde lassen erkennen, dass die drei Lehrpläne einen gemeinsamen normativen Horizont aufspannen. Nachhaltigkeit, Verantwortung, Partizipation, kritische Urteilsbildung, Vernetzungsfähigkeit und lebenslanges Lernen erscheinen als bildungsstufenübergreifende Leitideen. Gerade weil diese Begriffe stufenübergreifend anschlussfähig sein sollen, bleiben ihre Bedeutung auf der Ebene allgemeiner Zielformulierungen zunächst offen. Eine Differenzierung allein anhand der verwendeten Begriffe greift deshalb zu kurz. Formulierungen wie „systemisches Denken“ oder „Verantwortung übernehmen“ lassen noch nicht erkennen, welche Wissensformen, Gegenstandsbereiche, Anforderungsniveaus oder Handlungskontexte auf einer bestimmten Bildungsstufe jeweils gemeint sind.

2.1 Spannungsverhältnis zwischen Anschlussfähigkeit und Stufenspezifität

Die stufenübergreifende Konvergenz der BNE-bezogenen Zielsetzungen ist zunächst sinnvoll und notwendig. Gemeinsame Kompetenzbegriffe schaffen einen geteilten bildungspolitischen Orientierungsrahmen und ermöglichen grundsätzlich, BNE als kontinuierliches Anliegen über die gesamte Bildungslaufbahn hinweg zu denken. Sie unterstützen die Idee, dass nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen nicht punktuell, sondern wiederkehrend, vertiefend und in zunehmend komplexen Zusammenhängen entwickelt werden sollen.

Zugleich entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch auf stufenübergreifende Anschlussfähigkeit und den unterschiedlichen Bildungsaufträgen der Bildungsstufen. Volksschule, Gymnasium und Berufsfachschule unterscheiden sich nicht lediglich im Alter der Lernenden oder im Umfang des zu vermittelnden Wissens. Sie weisen unterschiedliche institutionelle Funktionen auf, sind in unterschiedliche Lern- und Handlungskontexte eingebettet und folgen unterschiedlichen curricularen sowie didaktischen Logiken. Während die Volksschule auf grundlegende Orientierung, Basiskompetenzen und gesellschaftliche Teilhabe vorbereitet, verbindet das Gymnasium die allgemeine Studierfähigkeit und die Gesellschaftsreife. Die Berufsfachschule zielt demgegenüber auf die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenzen, die Teilhabe an Arbeitswelt und Gesellschaft sowie die Übernahme von Verantwortung in konkreten beruflichen Rollen und Situationen (D-EDK, 2016; EDK, 2024; SBFI, 2025).

Wenn diese Differenzen in den BNE-bezogenen Zielformulierungen nicht systematisch sichtbar werden, kann die curriculare Konvergenz eine vermeintliche Gleichheit der Anforderungen erzeugen. Ähnliche Begriffe können zwar auf einen gemeinsamen Kompetenzhorizont verweisen, ihre stufenspezifische Bedeutung ist damit jedoch keineswegs geklärt. So verändert sich mit der Bildungsstufe nicht nur der Grad der Komplexität, sondern auch die Art der relevanten Wissensformen, die Reichweite der zu bearbeitenden Probleme, der Grad der erwarteten Selbständigkeit, die Form normativer Urteilsbildung und der Kontext, in dem Verantwortung übernommen werden soll.

Für die Volksschule kann etwa das Erkennen von Zusammenhängen in lebensweltlich überschaubaren Situationen im Zentrum stehen. Im Gymnasium kann dieselbe Kompetenzbezeichnung auf die theorie- und modellgestützte Analyse komplexer gesellschaftlicher Problemlagen sowie auf die Reflexion von Unsicherheiten und konkurrierenden Deutungen verweisen. In der Berufsfachschule kann systemisches Denken insbesondere die Fähigkeit einschließen, betriebliche Abläufe, Wertschöpfungsketten und berufliche Entscheidungen in ihren ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen zu beurteilen. Die Gemeinsamkeit des Kompetenzbegriffs verdeckt damit potenziell erhebliche Unterschiede hinsichtlich seines Gegenstandsbezugs, seines Anforderungsniveaus und seiner praktischen Bedeutung.

Die Abstraktheit gemeinsamer Kompetenzformulierungen hat auch Folgen für die Unterrichtspraxis. Die Aufgabe, allgemeine BNE-Ziele in konkrete Lerngegenstände, Aufgabenformate, Lerngelegenheiten und Beurteilungsanforderungen zu übersetzen, wird weitgehend an Lehrpersonen und Schulen delegiert. Diese Offenheit kann professionelle Gestaltungsräume ermöglichen. Sie kann jedoch auch zu Uneindeutigkeiten führen, da Lehrpersonen selbst entscheiden, welche stufenspezifischen Anforderungen mit Begriffen wie Verantwortung, Partizipation oder systemischem Denken verbunden sein sollen. Es besteht somit das Risiko, dass formal ähnliche Zielsetzungen zu generischen oder nur geringfügig voneinander unterschiedenen BNE-Angeboten führen, obwohl Bildungsauftrag, Lernvoraussetzungen und institutionelle Kontexte eine unterschiedliche Akzentuierung nahelegen.

Für die berufliche Grundbildung ist dieses Spannungsverhältnis besonders bedeutsam. Nachhaltigkeitsbezogene Handlungskompetenz kann hier nicht allein als Anwendung allgemeinbildender BNE-Kompetenzen auf berufliche Situationen verstanden werden. Sie muss mit konkreten Arbeitsprozessen, beruflichen Rollen, betrieblichen Entscheidungsräumen und den dort auftretenden Spannungen zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Anforderungen verknüpft werden. Eine solche Kontextualisierung darf jedoch nicht zu einer Verengung von BNE auf unmittelbare betriebliche Verwertungsinteressen führen. Vielmehr soll sie Lernende befähigen, berufliches Handeln auch in seinen gesellschaftlichen, ökologischen und normativen Folgen zu verstehen, begründet zu beurteilen und verantwortungsvoll mitzugestalten (SBFI, 2025, S. 2–4). Aus Sicht der BBNE-Didaktik reicht es deshalb nicht aus, allgemeine BNE-Kompetenzen auf berufliche Kontexte zu übertragen. Ausgangspunkt sollen vielmehr konkrete berufliche Handlungsfelder sein, in denen Lernende Wechselbezüge, Widersprüche und Dilemmata nachhaltiger Entwicklung erkennen und bearbeiten können. Dazu zählen beispielsweise die ökologischen und sozialen Folgen der Materialwahl, die Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen, der Energie- und Ressourceneinsatz oder die Bedingungen entlang von Liefer- und Prozessketten (Kuhlmeier & Vollmer, 2014). Stufenspezifität bezeichnet in Bezug auf die berufliche Grundbildung somit gerade die curriculare und didaktische Übersetzung allgemeiner Nachhaltigkeitsansprüche in eine nachhaltigkeitsorientierte berufliche Handlungskompetenz.

2.2 Stufenspezifität als analytisches Konkretisierungsprinzip

Vor diesem Hintergrund wird Stufenspezifität im vorliegenden Beitrag als analytisches Konkretisierungsprinzip verstanden. Der Begriff verweist auf die Frage, wie gemeinsame BNE-Kompetenzen in Beziehung zum spezifischen Bildungsauftrag, zu den charakteristischen Gegenstandsbereichen sowie zu den Lehr-Lern-Prozessen einer Bildungsstufe qualitativ bestimmt werden können.

Stufenspezifität ermöglicht damit, hinter die formale Ähnlichkeit curricularer BNE-Zielformulierungen zurückzutreten. Sie lenkt den Blick darauf, welche bildungspolitischen und normativen Vorstellungen in den Lehr- und Rahmenlehrplänen jeweils verdichtet sind, welche Gegenstände als relevant gelten und in welchen Lernformaten Kompetenzen aufgebaut werden sollen. Die analytische Kategorie richtet sich somit nicht gegen stufenübergreifende BNE-Ziele. Vielmehr macht sie sichtbar, unter welchen Bedingungen solche Ziele so konkretisiert werden können, dass sie einerseits über Bildungsstufen hinweg anschlussfähig bleiben und andererseits in den jeweiligen Bildungs- und Handlungskontexten didaktisch bearbeitbar werden.

Für die vorliegende Analyse wird Stufenspezifität entlang von drei miteinander verschränkten Dimensionen rekonstruiert:

  • Bildungsauftrag und normativer Orientierungsrahmen: Welche gesellschaftlichen, persönlichen, akademischen oder beruflichen Ziele sind für die jeweilige Bildungsstufe leitend? Welche Form von Verantwortung, Urteilsbildung und Teilhabe wird von den Lernenden erwartet?
  • Charakteristische Gegenstands- und Inhaltsbereiche: Auf welche Lebens-, Fach-, Gesellschafts- oder Arbeitsweltbezüge richtet sich das Lernen? Welche Problemtypen und Wissensformen stehen im Vordergrund?
  • Lehr-Lern-Prozesse: Welche Formen der Anleitung, Selbststeuerung, Reflexion, Anwendung, Interdisziplinarität oder Handlungsorientierung prägen die curricular angelegten Lernprozesse?

Diese Dimensionen bilden den Bezugsrahmen für die folgende vergleichende Rekonstruktion der Stufenspezifität von Volksschule, Gymnasium und Berufsfachschule. Sie dienen zudem dazu, exemplarisch zu zeigen, wie die in allen drei Lehrplänen ähnlich formulierten BNE-Kompetenzen „normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung“ sowie „systemisches und vernetztes Denken“ unterschiedlich konkretisiert werden können.

3 Analytischer Bezugsrahmen: Stufenspezifität von BNE

Im Folgenden werden die drei Dimensionen (1) Bildungsauftrag und normativer Orientierungsrahmen, (2) charakteristische Gegenstands- und Inhaltsbereiche sowie (3) Lehr-Lern-Prozesse für Volksschule, Gymnasium und Berufsfachschule vergleichend rekonstruiert. Die Darstellung bildet die Grundlage für die anschließende exemplarische Konkretisierung ausgewählter BNE-Kompetenzen.

3.1 Spezifität der Volksschule

3.1.1 Volksschule: Bildungsauftrag und normativer Orientierungsrahmen

Ein zentrales Ziel der Volksschule besteht in der ganzheitlichen Bildung und Entwicklung der Lernenden. Gemäss den Grundlagen im Lehrplan Volksschule sollen Schülerinnen und Schüler grundlegende fachliche, personale, soziale und methodische Kompetenzen erwerben, die sie zu einer selbstständigen Lebensführung und zur aktiven Teilhabe an Gesellschaft und Kultur befähigen (D-EDK, 2016). Damit fokussiert die Volksschule auf den Aufbau grundlegender Kompetenzen für eine selbstständige Lebensführung und gesellschaftliche Teilhabe und bereitet auf weiterführende Bildungsangebote der Sekundarstufe II vor. Sie fokussiert auf Basiskompetenzen, Lernfähigkeit, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Der normative Anspruch ist dabei weniger auf die eigenständige Bearbeitung gesellschaftlicher Spannungsfelder (Gymnasium) oder die Übernahme beruflicher Verantwortung (Berufsfachschule) gerichtet, sondern auf die Entwicklung grundlegender Werthaltungen und Orientierungsfähigkeit. Damit bildet die Volksschule das Fundament für weiterführende Bildungswege und lebenslanges Lernen.

3.1.2 Volksschule: Gegenstandsbereiche und Erfahrungsbezug

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Volksschule sind durch eine breite und grundlegende Allgemeinbildung geprägt. Gemäss dem Lehrplan Volksschule umfassen sie verschiedene Fachbereiche wie Sprachen, Mathematik, Natur, Mensch, Gesellschaft, Gestalten, Musik sowie Bewegung und Sport. Ziel ist es, den Lernenden eine vielfältige und ausgewogene Grundlage an Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln. Charakteristisch ist dabei, dass Lerninhalte schrittweise aufeinander aufbauen und über die Schuljahre hinweg zu einem vernetzten Grundverständnis zentraler fachlicher Bereiche führen. Zudem sind die Inhalte stark an der Lebenswelt der Lernenden orientiert. Alltagsnahe Themen und konkrete Erfahrungsbezüge bilden häufig den Ausgangspunkt für Lernprozesse, wodurch grundlegende Zusammenhänge erschlossen werden können.

Ergänzend werden überfachliche Themen wie nachhaltige Entwicklung, Medien und Informatik oder gesellschaftliche Fragestellungen integriert. Diese dienen dazu, Orientierung zu ermöglichen und zentrale gesellschaftliche Themen frühzeitig aufzugreifen, ohne bereits eine vertiefte theoretische Durchdringung vorauszusetzen.

3.1.3 Volksschule: Lehr-Lern-Prozesse und Entwicklungsorientierung

Die Lehr-Lern-Prozesse in der Volksschule sind durch eine klare Strukturierung und eine entwicklungsorientierte Gestaltung geprägt. Gemäss dem Lehrplan Volksschule wird Lernen so organisiert, dass es an den kognitiven, sozialen und emotionalen Voraussetzungen der Lernenden anknüpft und deren schrittweise Weiterentwicklung unterstützt.

Insbesondere in den frühen Schuljahren stehen angeleitete Lernformen, anschauliche Zugänge sowie spielerische und entdeckende Lehr-/Lernarrangements im Vordergrund. Diese ermöglichen es, grundlegende Erfahrungen zu machen und erste Einsichten in fachliche Zusammenhänge zu gewinnen. Lernen erfolgt dabei häufig in klar gerahmten Situationen, die Orientierung bieten und einen systematischen Aufbau von Wissen und Fähigkeiten unterstützen.

Mit zunehmendem Alter werden die Lernprozesse schrittweise erweitert. Die Lernenden übernehmen mehr Verantwortung für ihr Lernen, bearbeiten Aufgaben zunehmend eigenständiger und setzen sich verstärkt mit unterschiedlichen Lösungswegen auseinander. Reflexive Elemente werden eingeführt, bleiben jedoch in ihrer Komplexität an den Entwicklungsstand angepasst.

Charakteristisch ist zudem die enge Verschränkung von fachlichen und überfachlichen Lernprozessen. So werden beispielsweise kooperative Arbeitsformen genutzt, um soziale Lernprozesse anzuregen, während strukturierte Aufgabenformate dazu beitragen, Ausdauer, Sorgfalt und Arbeitsstrategien aufzubauen. Die Lehrperson übernimmt dabei eine zentrale Rolle in der Steuerung, Unterstützung und Adaptation der Lernumgebungen.

3.2 Spezifität des Gymnasiums

3.2.1 Gymnasium: Bildungsauftrag und normativer Orientierungsrahmen

Das duale Bildungsziel im Gymnasium besteht aus der vertieften Gesellschaftsreife sowie der allgemeinen Studierfähigkeit. Diese Bildungsziele verbinden die Vermittlung von Wissen mit der Erwartung, dass Lernende gesellschaftliche, ökologische, kulturelle und ökonomische Herausforderungen nicht nur verstehen, sondern in ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft reflektieren und in Ansätzen sogar handlungsfähig werden und mitgestalten. Eine vertiefte Gesellschaftsreife wird dann erreicht, wenn „jemand über die Kompetenzen verfügt, verantwortungsvoll und wesentlich zur Lösung anspruchsvoller Aufgaben in der Gesellschaft beitragen zu können, zum Beispiel in Politik, Gesundheit, Arbeitswelt, Religion und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft[...]” (EDK, 2024, S. 5)

3.2.2 Gymnasium: Gegenstandsbereiche und Erfahrungsbezug

Die Schulfächer am Gymnasium orientieren sich an der Grundstruktur wissenschaftlicher Fachdisziplinen an den Hochschulen (Wissenschaftsorientierung), sind aber keine rein reduzierte Form einer Wissenschaft, sondern tragen je ihren eigenen Teil zur Erreichung der Bildungsziele bei (EDK, 2024, S. 7). Aus dem Rahmenlehrplan lässt sich zudem ein Anspruch an die Inhalte ableiten, welcher die reine Aneignung von Wissen übersteigt: Er verlangt die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, normative Spannungsfelder zu erkennen und demokratische, nachhaltige und kritisch‑abgewogene Positionen zu entwickeln (EDK, 2024, S. 4–6). Damit verbunden ist eine hohe fachwissenschaftliche und reflexive Komplexität. Das Lernen am Gymnasium ist darauf ausgerichtet, theoretische Durchdringung zu fördern. Die Lernenden arbeiten mit Konzepten, Modellen und wissenschaftlichen Methoden, die eine Abstraktions‑ und Analysefähigkeit voraussetzen, wie sie erst auf dieser Bildungsstufe erwartbar ist. Zugleich werden sie herausgefordert, solche fachlichen Einsichten mit normativen und gesellschaftlichen Perspektiven zu verknüpfen, um zur Lösung von anspruchsvollen Aufgaben in der Gesellschaft beizutragen (EDK, 2024, S. 6).

3.2.3 Gymnasium: Lehr-Lern-Prozesse und Entwicklungsorientierung

Lehr‑Lern‑Prozesse am Gymnasium verbinden fachspezifische Denkweisen mit der Fähigkeit, Problemstellungen systemisch, multiperspektivisch und wertreflexiv zu bearbeiten. Die besondere Schwierigkeit und damit das Stufenspezifische liegt darin, dass fachwissenschaftliche Inhalte bewusst in ihrer Bedeutung für gesellschaftliche Zusammenhänge interpretiert werden sollen (EDK, 2024, S. 6).

Abgeleitet aus den Bildungszielen sowie den inhaltlichen Schwerpunkten, sollte der Unterricht weniger durch starre, eng begrenzte Lernwege strukturiert werden, sondern vielmehr durch offene Problemstellungen, diskursive Vorgehensweisen, interpretative Aufgabenformate und Lernumgebungen, in denen verschiedene Lösungswege möglich sind (EDK, 2024, S. 7). Dadurch entstehen hohe Ansprüche an die didaktischen Entscheidungen der Lehrpersonen. Sie müssen Inhalte, Methoden und Anforderungen so gestalten, dass anspruchsvolle intellektuelle Auseinandersetzungen möglich werden, ohne dabei die Lernenden zu überfordern. Gleichzeitig setzt diese Offenheit voraus, dass die Jugendlichen zunehmend Verantwortung für ihr Lernen übernehmen (EDK, 2024, S. 7). Gymnasiale Lehr‑Lern‑Prozesse beinhalten daher eine wachsende Fähigkeit zur Selbststeuerung, zur kritischen Urteilsbildung und zu reflektierten Positionierungen in komplexen Zusammenhängen.

3.3 Spezifität der Berufsfachschule

3.3.1 Berufliche Grundbildung: Bildungsauftrag und normativer Orientierungsrahmen

Ein zentrales Bildungsziel der beruflichen Grundbildung besteht in der gezielten Vorbereitung der Lernenden auf den Eintritt in die Arbeitswelt (SBFI, 2025, S. 1). Die berufliche Grundbildung zielt auf die Befähigung der Lernenden ab, fachliches und theoretisches Wissen in komplexe berufliche Handlungssituationen zu übertragen. Im Vordergrund steht daher die Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz. Lernende sollen darüber hinaus in die Arbeitswelt sozialisiert werden und innerhalb ihrer neuen beruflichen Rolle Verantwortung übernehmen. Dazu gehören auch Aspekte finanzieller und sozialer Unabhängigkeit. Junge Menschen werden auf diese Weise auf eigenverantwortliche Teilhabe am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft vorbereitet. Dies unterscheidet die berufliche Grundbildung von den anderen diskutierten Bildungsstufen, wo die Auseinandersetzung mit Zielen und Inhalten schulnäher bleibt (Volksschule) bzw. abstrakter und akademischer gestaltet wird (Gymnasium). In dieser Verbindung von Qualifizierung, beruflicher Sozialisation und gesellschaftlicher Teilhabe liegt die besondere Bedeutung von BBNE. Berufslernende sollen nicht nur lernen, Arbeitsaufgaben fachgerecht auszuführen, sondern auch deren weiterreichende Folgen für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft in ihre beruflichen Entscheidungen einzubeziehen. Nachhaltigkeitsbezogene berufliche Handlungskompetenz umfasst damit die Fähigkeit, in konkreten betrieblichen Situationen verantwortliche und begründete Entscheidungen zu treffen, ohne die in der Praxis vorhandenen Zielkonflikte auszublenden (Kettschau, 2011; Michaelis & Berding, 2022).

3.3.2 Berufliche Grundbildung: Gegenstandsbereiche und Erfahrungsbezug

Die inhaltlichen Schwerpunkte in der  Berufsfachschule sind durch die ausgeprägte Praxis- und Handlungsorientierung gekennzeichnet. Lehr- und Lerninhalte sind auf reale betriebliche Anforderungen bezogen und zielen darauf, Lernende zu befähigen, berufliche Aufgaben selbstständig, methodisch fundiert und verantwortungsbewusst zu meistern. Zudem existiert eine individuelle und soziale Entwicklungsdimension. Lernende sollen nicht nur beruflich qualifiziert, sondern auch in ihrer Persönlichkeits- und Werteentwicklung gefördert werden (SBFI, 2025, S. 6).

Darüber hinaus orientiert sich die berufliche Grundbildung explizit an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft. Inhalte werden daher auch darauf geprüft, ob es dafür eine Nachfrage im Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft gibt. Damit soll sichergestellt werden, dass Lernende jene beruflichen Qualifikationen erwerben, die in der Praxis tatsächlich relevant sind, und gleichzeitig auf eine aktive und verantwortliche gesellschaftliche Teilhabe vorbereiten.

Konkret lassen sich die Inhalte in drei ineinandergreifende Bereiche unterteilen. (1) Im Bereich der Schlüsselkompetenzen werden zwölf zukunftsbedeutsame Kompetenzen gefördert, darunter z. B. systemisches und vernetztes Denken und gesellschaftliche Partizipation (SBFI, 2025, S. 6–7). (2) Im Bereich Sprache und Kommunikation werden rezeptive, produktive und interaktive Kommunikationskompetenzen in realen privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Kontexten aufgebaut (SBFI, 2025, S. 8–10). Im Bereich Gesellschaft werden Kompetenzen aus acht Aspekten entwickelt – Ethik, Identität und Sozialisation, Kultur, Ökologie, Politik, Recht, Technologie und Wirtschaft –, die interdisziplinär miteinander verknüpft werden, um komplexe Alltagsherausforderungen zu bearbeiten.

3.3.3 Berufliche Grundbildung: Lehr-Lern-Prozesse und Entwicklungsorientierung

Charakteristisch für die Lehr-Lern-Prozesse in der beruflichen Grundbildung ist das Lernen an drei Lernorten Betrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse. Diese Struktur soll eine kontinuierliche Verknüpfung von theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung ermöglichen. Dabei werden Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis im schulischen Unterricht reflektiert und durch theoretische Konzepte vertieft, während schulisch erworbenes Wissen im Betrieb unmittelbar in Handlung überführt werden kann.

Die drei Lernorte eröffnen zugleich ein spezifisches Potenzial für BBNE. Erfahrungen aus betrieblichen Arbeitsprozessen können in der Berufsfachschule fachlich, gesellschaftlich und normativ reflektiert werden, während schulisch entwickelte Beurteilungs- und Gestaltungskriterien im Betrieb erprobt werden können. Entscheidend ist dabei, dass betriebliche Praxis nicht unreflektiert als Maßstab übernommen wird. Vielmehr ermöglicht die Verschränkung der Lernorte, bestehende Routinen, Ressourcenentscheidungen und Formen der Arbeitsorganisation kritisch auf ihre Nachhaltigkeitswirkungen hin zu befragen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln (Melzig et al., 2021). Lehr-Lern-Prozesse in der beruflichen Grundbildung sind kompetenz-, themen- und handlungsorientiert (SBFI, 2025, S. 4). Kompetenzen werden spiralförmig aufgebaut und in steigender Komplexität sowie zunehmender Selbstständigkeit erarbeitet. Außerdem ist der Kompetenzaufbau entlang von Themen organisiert, die subjektiv bedeutsam sind und einen Bezug zur persönlichen und beruflichen Realität der Lernenden herstellen. Im Rahmen der Handlungsorientierung entwickeln die Lernenden ihre Kompetenzen durch eigenes Handeln, übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess und erstellen konkrete Produkte.

Die Lernenden in der beruflichen Grundbildung befinden sich in der Übergangsphase ins Erwachsenenleben, was sich laut Rahmenlehrplänen in der Gestaltung der Lehr-Lern-Formen widerspiegeln soll. Lernende sollen deshalb in zunehmendem Maße befähigt werden, ihren individuellen Lernprozess zu planen, zu steuern und zu evaluieren. Diese Entwicklung der Fähigkeit zur Selbstregulation ist nicht nur Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung komplexer beruflicher Anforderungen, sondern auch Ausdruck einer professionellen Identitätsbildung im Sinne eines reflektierten beruflichen Selbstverständnisses (SBFI, 2025, S. 4).

 

Tabelle 1: Stufenspezifität von Volksschule, Gymnasium und Berufsfachschule auf Grundlage curricularer Vorgaben     

 

Volksschule

Gymnasium

Berufsfachschule

Ziele

In der Volksschule steht der Aufbau grund­legender fachlicher, personaler, sozialer und metho­di­scher Kompetenzen, die zu selbstständiger Lebens­führung, gesellschaftlicher Teilhabe und weiter­füh­renden Bildungswegen befähigen, im Zentrum. Sie fördert Basis­kompetenzen, Lernfähigkeit, Selbstständigkeit, Ver­antwortungsbewusstsein sowie grundlegende Wert­haltungen und Orientierungsfähigkeit.

Das Gymnasium verfolgt das duale Bildungsziel der allgemeinen Studierfähigkeit und der vertieften Ge­sellschaftsreife. Die Lernenden sollen gesell­schaftli­che, ökologische, kulturelle und ökonomi­sche Her­ausforderungen verstehen, reflektieren und verant­wortungsvoll bearbeiten können. Ziel ist die Fähig­keit zu kritischer Urteilsbildung, wissen­schafts­ori­entiertem Denken und reflektierter Mitge­staltung anspruchsvoller gesellschaftlicher Aufgaben.

Die Berufsfachschule bereitet Lernende gezielt auf den Eintritt in die Arbeitswelt und auf gesellschaft­liche Teilhabe vor. Im Zentrum steht die Entwick­lung beruflicher (und privater) Handlungskompe­tenz. Lernende sollen fachliches und theoretisches Wissen in komplexe berufliche Handlungssituatio­nen übertragen, verantwortungsvoll handeln und eine berufliche Identität entwickeln.

Inhalte

Die Inhalte sind durch eine breite und grundlegende Allgemeinbildung geprägt. Sie umfassen verschie­dene Fachbereiche wie Sprachen, Mathematik, Natur-Mensch-Gesellschaft, Gestalten, Musik sowie Bewegung und Sport. Charakteristisch sind lebens­weltnahe, anschauliche und alltagsbezogene Zu­gänge, die über die Schuljahre hinweg schrittweise zu einem vernetzten Grundverständnis ausgebaut werden. Überfachliche Themen wie nachhaltige Ent­wicklung, Medien und Informatik oder gesellschaft­liche Fragestellungen werden ergänzend integriert.

Die Inhalte lassen sich durch fachwissenschaftliche und reflexive Komplexität charakterisieren und ver­langen eine theoretische Durchdringung sowie die Fähigkeit, Konzepte, Modelle und wissenschaftliche Methoden anzuwenden. Charakteristisch ist die Verbindung fachlicher Einsichten mit normativen und gesellschaftlichen Perspektiven. Inhalte werden so bearbeitet, dass systemisches, multiperspektivi­sches und wertreflexives Denken gefördert wird.

Die Inhalte sind stark praxis- und handlungsorien­tiert und orientieren sich an realen be­trieblichen Anforderungen, an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und der Gesellschaft sowie an kon­kreten beruflichen Handlungssituationen. Fachliches Wissen wird mit methodischen, sozialen und persön­lichen Kompetenzen verbunden. Gleichzeitig um­fasst die berufliche Grundbildung auch Persönlichkeits- und Werteentwicklung sowie die Vorbereitung auf ver­antwortliche gesellschaftliche Teilhabe.

Lehr-Lern-Prozesse

Die Lehr-Lern-Prozesse in der Volksschule zeichnen sich durch eine Kompetenzorientierung sowie spiral­curriculare Progression aus (Aufbau über Zyklen 1-3). Die Lehr-Lern-Prozesse knüpfen an kognitive, soziale und emotionale Voraussetzungen der Lernen­den an (entwicklungs- und altersangemessene Didak­tik). Besonders in frühen Schuljahren sind struktu­riertere Lernumgebungen, mit zunehmender Selb­ständigkeit aber offenere und eigenständigere Lern­settings vorzutreffen.

Die Lehr-Lern-Prozesse sind durch eine fachwis­senschaftliche Orientierung in Verbindung mit transversalen Unterrichtsbereichen geprägt. Die Inhalte zeichnen sich durch höhere Abstraktion und Komplexität aus und setzen eine wachsende Fähig­keit zur Selbststeuerung, kritischen Urteilsbildung und reflektierten Positionierung voraus. Lehrperso­nen haben für die Ausgestaltung ihrer Lernangebote größere Interpretationsspielräume als an den Be­rufsfachschulen.

Die Lehr-Lern-Prozesse sind durch das Lernen an drei Lernorten geprägt: Betrieb, Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse. Theoretisches Wissen und praktische Erfahrung werden kontinuierlich mit­einander verbunden. Betriebliche Erfahrungen wer­den schulisch reflektiert, während schulisch erwor­benes Wissen im Betrieb angewendet wird. Lernende sollen zunehmend ihren Lernprozess planen, steuern und evaluieren und dadurch Selbstregulation sowie ein reflektiertes berufliches Selbstverständnis ent­wickeln.

Anmerkung. Eigene Darstellung auf Grundlage von D-EDK (2016), EDK (2023, 2024) und SBFI 2025).

 

4 Exemplarische Konkretisierung gemeinsamer BNE-Kompetenzen

4.1 Das BNE-Kompetenzverständnis von éducation21 als Orientierungskonzept

Für die Identifikation und Analyse von BNE-bezogenen Zielsetzungen in den jeweiligen Lehrplänen wird auf das Kompetenzverständnis von éducation21 zurückgegriffen. Die Stiftung éducation21 fungiert als Fachagentur der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) sowie als nationales Kompetenzzentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Schweiz (Éducation21, 2023b). Sie unterstützt Bund, Kantone, Schulen und Lehrpersonen bei der Verankerung von BNE im Bildungssystem und hat ein breit rezipiertes Verständnis von BNE und den damit verbundenen Kompetenzen entwickelt. Die von éducation21 beschriebenen Kompetenzen sind bildungsstufenübergreifend formuliert, was es ermöglicht, in unterschiedlichen Lehrplänen jene Zielsetzungen zu identifizieren, die einen Bezug zu Bildung für nachhaltige Entwicklung aufweisen.

Éducation21 versteht BNE als Bildungsbeitrag zur nachhaltigen Entwicklung (Éducation21, 2023a, 2023b). Ziel ist die Förderung von Kompetenzen, die Lernende befähigen, die Komplexität gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Herausforderungen zu erfassen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, kritisch zu reflektieren sowie verantwortungsvoll und zukunftsorientiert zu handeln (Éducation21, 2023a, 2023b). Dazu gehören unter anderem systemisches Denken, Perspektivenwechsel, kritisches Hinterfragen, vorausschauendes Denken, Kooperation sowie die Fähigkeit, an der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung mitzuwirken (Éducation21, 2023a).

Das Konzept von éducation21 wurde für die Analyse im Rahmen dieser Auseinandersetzung genutzt, um in den Lehr- und Rahmenlehrplänen der Volksschule, der gymnasialen Maturitätsschulen und der Berufsfachschule BNE-spezifische Lernziele zu identifizieren. Ziel der Analyse war es, herauszufinden, welche BNE-spezifischen Lernziele, Konzepte und Kompetenzen in den Lehrplänen vorkommen und inwieweit hier eine Differenzierung möglich bzw. bereits durch die Formulierungen angelegt ist.

4.2 Zwei BNE-Kompetenzen im stufenspezifischen Vergleich

Nachfolgend werden Lernziele aus den drei Lehr- und Rahmenlehrplänen der Volksschule, der gymnasialen Maturitätsschulen und der Berufsfachschule in den Blick genommen, die auf ähnliche BNE-Kompetenzen hindeuten und damit zunächst wenig Anlass für eine curriculare Differenzierung zu bieten scheinen. Die Lehrpläne spannen dabei einen vergleichbaren normativen Horizont auf, führen allerdings keine stufenspezifische Konkretisierung der formulierten Ziele mit BNE-Bezug ein, weshalb offenbleibt, wie das dargelegte Ziel für die entsprechende Stufe adaptiert wird. Solche ähnlich formulierten Lernziele können in der Auseinandersetzung mit den drei Lehrplänen an verschiedenen Stellen identifiziert werden. Aus Platzgründen ist es aber nicht möglich, alle ähnlichen Lernziele aus den drei Lehrplänen zu einem Bestandteil der nachfolgenden Auseinandersetzung zu machen.

Daher konzentriert sich die Analyse auf zwei exemplarisch ausgewählte BNE-bezogene Lernziele: (1) „normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung“ sowie (2) „systemisches und vernetztes Denken“ und steht beispielhaft für weitere mögliche Auseinandersetzungen mit ähnlich formulierten Lernzielen aus den entsprechenden Lehrplänen. Im Rahmen der folgenden Diskussion wird argumentiert, dass das Konzept der Stufenspezifität ein heuristisches Instrument sein kann, um scheinbar identische Lernziele für die drei Bildungsstufen unterschiedlich zu konkretisieren und damit didaktisch bearbeitbar zu machen.

4.2.1 Normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung

Vor dem Hintergrund der drei oben formulierten Dimensionen der Stufenspezifität – normativer Anspruch (Ziel), inhaltliche Schwerpunkte und Charakteristika der Lehr‑Lern‑Prozesse – lässt sich das ähnlich formulierte Lernziel „normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung“ für die drei Bildungsstufen unterschiedlich präzisieren.

Volksschule

Der Lehrplan Volksschule verankert in den Rahmenbedingungen den Auftrag, Lernende zu verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen, im rechtlichen und pädagogischen Grundauftrag der Volksschule. Danach unterstützt die Volksschule die Eltern in der Erziehung des Kindes „zu einem lebensbejahenden, tüchtigen und gemeinschaftsfähigen Menschen“ und erziehe „nach den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates zu einem verantwortungsbewussten Menschen und Bürger“ (D-EDK, 2016, S. 4). Hier wird einerseits deutlich, dass die Lernenden erste Schritte zur Entwicklung eines normativ begründeten Denkens und Handelns machen und andererseits Verantwortung in ihrem Umfeld übernehmen bzw. diese mitgestalten. Auch die Querverweise in den Grundlagen zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (u. a. „Politik, Demokratie und Menschenrechte“, „natürliche Umwelt und Ressourcen“) markieren einen normativen Rahmen, innerhalb dessen Verantwortung für sich, andere und die Umwelt aufgebaut werden soll (D-EDK, 2016, S. 19). Der Fokus liegt hier also vor allem auf der Entwicklung grundlegender Werthaltungen und elementarer Verantwortung im Nahraum der Lernenden.

Inhaltlich werden in den Grundlagen des Lehrplans unter der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung verschiedene allgemeinbildende und fächerübergreifende Themen gesetzt: „Politik, Demokratie und Menschenrechte“, „natürliche Umwelt und Ressourcen“, „globale Entwicklung und Frieden“ oder „Wirtschaft und Konsum“ (D-EDK, 2016, S. 19), mit denen die Lernenden an zentrale gesellschaftliche Fragen herangeführt werden sollen, bei denen normative Begründungen für das eigene Denken und Handeln thematisiert und reflektiert werden. Dies eröffnet ihnen erste Möglichkeiten der Mitgestaltung.

Die dazugehörigen Lehr‑Lern‑Prozesse sollten strukturiert und von angeleiteten Lernformen, spielerischen und entdeckenden Arrangements geprägt sein, in denen die Lernenden Erfahrungen sammeln und diese gemeinsam mit der Lehrperson reflektieren. Dabei ist eine lebensweltliche Verankerung der Inhalte zentral, bei denen Situationen aus dem Alltag der Lernenden thematisiert werden. In der Auseinandersetzung mit BNE‑Themen kann Mitgestaltung z. B. über einen Klassenrat geschehen, in dem ausgewählte Themen diskutiert und entschieden werden, wobei die Lernenden einfache Formen demokratischer Mitbestimmung erleben. Auch die Verabschiedung gemeinsamer Regeln oder die Planung und Umsetzung von Projekten zur Gestaltung der Schulumwelt eröffnen Möglichkeiten, normativ begründetes Handeln einzuüben und Verantwortung in überschaubaren Situationen zu tragen. Mithilfe angeleiteter Reflexionen können diese Erfahrungen in der Rückschau sprachlich und begrifflich geklärt und gefestigt werden.

Normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung in der Volksschule könnte also bedeuten: elementare Wertkonflikte erkennen, einfache Gründe benennen und Verantwortung im unmittelbaren sozialen Umfeld übernehmen.

Gymnasium

Im Gymnasium ist das Lernziel “normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung” im dualen Hauptbildungsziel (Artikel 6, Absatz 1, MAR/MAV) verankert, welches einerseits die allgemeine Studierfähigkeit und andererseits die vertiefte Gesellschaftsreife benennt. Letztere ist erreicht, wenn Maturandinnen und Maturanden „verantwortungsvoll und wesentlich zur Lösung anspruchsvoller Aufgaben in der Gesellschaft beitragen“ können (EDK, 2023, S. 4–5). Damit sind u.a. Kompetenzen angesprochen, die es den Lernenden erlauben, komplexe gesellschaftliche Spannungsfelder zu durchdringen, innerhalb von Spannungsfeldern eigene Positionen zu formulieren, zu begründen und zu reflektieren. Zudem wird betont, dass Maturandinnen und Maturanden bereit sein sollen, „Verantwortung gegenüber sich selbst, den Mitmenschen, der Gesellschaft und der natürlichen Umwelt wahrzunehmen“ (EDK, 2023, S. 6).

Stufenspezifisch lässt sich normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung im Gymnasium also als Fähigkeit fassen, in gesellschaftlichen Spannungsfeldern (z. B. Klimapolitik oder soziale Ungleichheit) eigenständige, argumentativ gestützte Positionen zu entwickeln, verschiedene normative Perspektiven (z. B. Gerechtigkeit, Freiheit, Nachhaltigkeit) gegeneinander abzuwägen und die eigenen Urteile kritisch zu reflektieren. Damit werden die Lernenden auf eine Übernahme von Verantwortung für zukünftige gesellschaftliche Handlungskontexte vorbereitet.

Aus inhaltlicher Perspektive geht es deshalb weniger um eine Aneignung von Wissen, sondern um die Fähigkeit, Verantwortung und normative Spannungen (z. B. Gerechtigkeit, Freiheit, Nachhaltigkeit) in fachlich anspruchsvollen Kontexten zu erkennen und kritisch zu bearbeiten. Dies zeigt sich z. B. dann, wenn komplexe Nachhaltigkeitsprobleme unter Rückgriff auf Konzepte wie planetare Belastungsgrenzen und einer intra- und intergenerationellen Gerechtigkeit reflektiert und mögliche (politische) Stellschrauben für Lösungen diskutiert werden (EDK, 2023, S. 21–23).

Die stufenspezifischen Lehr‑Lern‑Prozesse am Gymnasium zum Lernziel “normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung” sind durch offene Problemstellungen, diskursive Formate und wissenschaftspropädeutische Arbeitsweisen geprägt. Lernende sollen lernen, in kontroversen Debatten zu argumentieren, eigene und fremde Wertvorstellungen zu analysieren, wissenschaftliche Informationen zu recherchieren, zu strukturieren und in begründete Urteile zu überführen. Die Unterrichtsorganisation erwartet eine hohe Selbststeuerung, kritische Urteilsbildung und die Fähigkeit, bei interdisziplinären Fragestellungen argumentative Positionen zu entwickeln und zu vertreten.

Normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung im Gymnasium könnte also bedeuten: Eine reflektierte, theoriegestützte Position in komplexen gesellschaftlichen Fragen bzw. Spannungsfeldern zu entwickeln und diese Position gegenüber sich selbst und der Gesellschaft verantwortungsvoll zu vertreten.

Berufsfachschule

Der allgemeinbildende Unterricht (ABU) in der Berufsfachschule soll Kompetenzen fördern, „die zur Orientierung im persönlichen Lebenskontext und in der Gesellschaft sowie zur Bewältigung von privaten und beruflichen Herausforderungen“ befähigen (SBFI, 2025, S. 3). Die Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen spezifizieren diesen Anspruch weiter: Lernende sollen „an gesellschaftlichen Prozessen partizipieren und Handlungsspielräume nutzen“ (SBFI, 2025, S. 7), indem sie politische Prozesse, Interessenkonflikte und Machtverhältnisse analysieren und individuelle wie kollektive Handlungsspielräume ausloten. Damit wird Verantwortung sowohl im privaten wie im beruflichen und gesellschaftlichen Kontext angesprochen. Die Übernahme von Verantwortung ist dabei eng an den Aufbau beruflicher Handlungskompetenz und an die Anforderungen der Arbeitswelt gekoppelt. Stufenspezifisch konkretisiert bedeutet “normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung” deshalb insbesondere, Verantwortung in konkreten beruflichen Situationen zu übernehmen, bspw. im Umgang mit Ressourcen, im Kundenkontakt oder in Team‑ und Hierarchiestrukturen. Zu berücksichtigen sind dabei ökologische, ökonomische und soziale Folgen des eigenen Handelns. Die getroffenen Entscheidungen sollten sowohl vor sich selbst als auch vor betrieblichen und gesellschaftlichen Erwartungen begründet werden können. Verantwortung wird so zu einem Element professioneller Identitätsbildung in einem realen Arbeitskontext.

Im Lernbereich Gesellschaft und in den Schlüsselkompetenzen werden explizit ethische und politische Themen und Inhalte aufgegriffen: Lernende sollen ihre eigenen Werthaltungen reflektieren, sich an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen sowie wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte von Alltags‑ und Berufssituationen beurteilen (SBFI, 2025, S. 6–7,13–14). Die Inhalte reichen von Fragen zur Arbeit und Wirtschaft, über ökologische Herausforderungen und politische Prozesse bis zu Recht und Technologie und sind jeweils auf die Lebens‑ und Arbeitsrealität von Berufslernenden bezogen.

Die Lehr‑Lern‑Prozesse sind kompetenz‑, themen‑ und handlungsorientiert angelegt. Daher werden Kompetenzen entlang von Themen aufgebaut, die einen unmittelbaren Bezug zu privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Herausforderungen der Lernenden haben und in konkreten Handlungen sichtbar werden. Durch die Dreiteilung der Lernorte (Betrieb, Berufsfachschule, überbetriebliche Kurse) werden reale Handlungssituationen mit schulischer Reflexion verknüpft. Die Lernenden übernehmen daher auch verstärkt Verantwortung für ihren Lernprozess, planen und evaluieren dabei eigene Projekte und Produkte und reflektieren normative Aspekte ihres beruflichen Handelns.

Normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung in der Berufsfachschule könnte also bedeuten: Berufliche Entscheidungen in der Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und rechtlichen sowie betrieblichen Normen zu begründen und Verantwortung in der eigenen Rolle zu übernehmen.

4.2.2 Systemisches und vernetztes Denken

Volksschule

Vernetztes Denken ist in der Volksschule in den Grundlagen des Lehrplans Teil der methodischen Kompetenzen, die den Lernenden ermöglichen sollen „Informationen vergleichen und Zusammenhänge herstellen“ zu können (D-EDK, 2016, S. 17). Der Lehrplan der Volksschule enthält in den Grundlagen außerdem eine Reihe von Querverweisen, womit bei ausgewählten Themen Anknüpfungspunkte zu BNE hervorgehoben werden. Damit soll die Vernetzung und interdisziplinäre Betrachtung der einzelnen Fachbereiche unterstützt werden (D-EDK, 2016, S. 7). Mithilfe der Querverweise bestehen zwischen Fachbereichen und BNE‑Themen auch erste systemische Zusammenhänge, da z. B. Verbindungen zwischen Naturräumen, Konsum und globalen Entwicklungen hergestellt werden. Systemisches und vernetztes Denken ist in der Volksschule also auch ein Teil der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Lernenden erkennen dabei, dass politische, ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Prozesse vernetzt sind und dass Handlungen in lokalen Kontexten globale Auswirkungen haben können.

Systemisches bzw. vernetztes Denken wird in der Volksschule so interpretiert, dass die Lernenden einfache Ursache‑Wirkung‑Beziehungen (z. B. Müll und Umwelt, Konsum und Ressourcenverbrauch) erkennen, verschiedene Perspektiven (eigene Bedürfnisse, Bedürfnisse anderer, Umwelt) nebeneinanderstellen und Schritt für Schritt verstehen, dass Handlungen mehrere Folgen haben können. Die systemische Komponente besteht in der Einsicht, dass Dinge miteinander zusammenhängen, wobei die Komplexität der Betrachtung auf den Entwicklungsstand der Lernenden angepasst ist und somit begrenzt bleibt.

Inhaltlich wird systemisches und vernetztes Denken vor allem im Fachbereich Natur, Mensch, Gesellschaft und über die fächerübergreifenden Themen aufgebaut, etwa wenn Wechselwirkungen zwischen Natur, Wirtschaft, Konsum und gesellschaftlichen Entwicklungen thematisiert werden. Die erwähnten Querverweise schaffen die notwendigen Verbindungen im Lehrplan und helfen so, die Inhalte interdisziplinär und vernetzt darzustellen. Beispiele dafür sind die Auseinandersetzung mit natürlichen Ressourcen, Konsumentscheidungen, globalen Entwicklungsfragen oder dem Verhältnis zwischen Menschen und Umwelt. Wenn diese Inhalte an die Lebenswelt der Lernenden anschlussfähig sind, werden sie angeregt, einfache Ursache‑Wirkung‑Ketten und mehrere Einflussfaktoren zu erkennen.

Die Lehr‑Lern‑Prozesse knüpfen an die unmittelbare Wahrnehmung und Erfahrung der Lernenden an und führen schrittweise zu systematischen Formen des Lernens. Fächerübergreifende Lernformen (z. B. Themenwochen, Projektunterricht, Lernlandschaften) wären empfehlenswert, um die „Vielschichtigkeit eines komplexen Themas sichtbar, Zusammenhänge und Wechselwirkungen fassbar und verständlich“ zu machen (D-EDK, 2016, S. 23). Dadurch werden die Grundlagen für die Entwicklung von systemischem Denken gelegt, da die Lernenden Zusammenhänge in ihrer unmittelbaren Umgebung erkunden, ihre Beobachtungen dokumentieren und darüber sprechen bzw. reflektieren, wie die verschiedenen beobachteten oder erfahrenen Faktoren (z. B. Konsum, Umwelt, Zusammenleben) sich gegenseitig beeinflussen.

Systemisches und vernetztes Denken in der Volksschule könnte also bedeuten: einfache Ursache‑Wirkung‑Zusammenhänge im eigenen Erfahrungsraum zu erkennen, mehrere Einflussfaktoren und Perspektiven nebeneinanderzustellen und überschaubare Beziehungsnetze zwischen lokalen und globalen Entwicklungen nachzuvollziehen.

Gymnasium

Im gymnasialen Rahmenlehrplan wird systemisches Denken als zentrales Element der transversalen Unterrichtsbereiche ausgewiesen. In der Darstellung der transversalen Bereiche wird explizit aufgezeigt, dass „systemisches Denken“ sowohl in den überfachlichen Kompetenzen als Denkfähigkeit als auch in der Digitalität und in der Bildung für nachhaltige Entwicklung verankert ist (EDK, 2024, S. 10–11). Systemisches Denken bezieht sich dabei nicht nur auf fachinterne Strukturen, sondern auch auf „die Zusammenhänge zwischen Teilgebieten verschiedener Fächer“, etwa wenn das Konzept Energie in physikalischen, biologischen, ökonomischen oder historischen Kontexten bearbeitet wird (EDK, 2024, S. 10–11).

Damit wird ein anspruchsvolles Verständnis von systemischem Denken formuliert, das explizit fächerübergreifende und gesellschaftliche Problemstellungen in den Blick nimmt. Stufenspezifisch konkretisiert bedeutet systemisches Denken im Gymnasium, komplexe Problemstellungen mit Hilfe fachlicher Modelle und Konzepte zu strukturieren, Wechselwirkungen zwischen Teilsystemen (z. B. Ökosphäre, Wirtschaft, Politik) zu analysieren, Szenarien zu entwickeln und Unsicherheiten zu reflektieren. Der normative Anspruch ist im Gymnasium damit sowohl inhaltlich als auch methodisch anspruchsvoller angelegt als in der Volksschule.

Inhaltlich ist systemisches Denken sowohl in Fachlehrplänen (z. B. Geografie, Wirtschaft und Recht) als auch im transversalen Bereich BNE präsent. In der Geografie ist es beim Klimawandel oder globalen Disparitäten verankert (EDK, 2024, S. 81–83). In der Auseinandersetzung mit den Inhalten sollen die Lernenden komplexe Systeme wie das Klimasystem, das Wirtschafts‑ und Rechtssystem oder globale Wertschöpfungsketten modellgestützt analysieren, Szenarien entwickeln und die Wirkungen von Eingriffen in diese Systeme beurteilen.

Die daraus resultierenden Lehr‑Lern‑Prozesse sind durch interdisziplinäre und wissenschaftspropädeutische Arbeitsweisen geprägt. Dabei spielen fachübergreifende Projekte, themenzentrierter Unterricht und die Nutzung von Modellen und Simulationen eine wichtige Rolle (EDK, 2024, S. 18–21). Die Lernenden arbeiten dabei mit fachwissenschaftlichen Konzepten, vergleichen Fachperspektiven, reflektieren Grenzen von Modellen und entwickeln in Diskursen eigene Deutungen und Lösungsstrategien. Dies verlangt von ihnen abstraktes, analytisches und vorausschauendes Denken sowie die Verbindung von verschiedenen Fachperspektiven.

Systemisches und vernetztes Denken im Gymnasium könnte also bedeuten: komplexe fach- und gesellschaftsbezogene Problemstellungen mithilfe wissenschaftlicher Modelle und Konzepte zu strukturieren, Wechselwirkungen zwischen diesen Teilsystemen zu analysieren, mögliche Entwicklungsszenarien zu entwickeln und die Folgen von Eingriffen in diese vernetzten Systeme begründet zu beurteilen.

Berufsfachschule

Der Rahmenlehrplan für die Allgemeinbildung in der Berufsfachschule verankert systemisches und vernetztes Denken explizit als eine der zwölf Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen. Lernende sollen danach „vernetzt und systemisch denken, um sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu handeln“. Dies ist notwendig, um „komplexe lokale und globale Zusammenhänge und Abhängigkeiten und deren Wechsel- und Auswirkungen zu verstehen sowie Handlungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung abzuleiten“ (SBFI, 2025, S. 7). Zugleich wird betont, dass die Schlüsselkompetenzen in variablen Situationen des privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Alltags einsetzbar sind und in einem Spiralcurriculum „progressiv über die gesamte Lernzeit“ aufgebaut werden (SBFI, 2025, S. 4–6).

Stufenspezifisch konkretisiert könnte dies heißen, betriebliche Abläufe, Wertschöpfungsketten und berufliche Handlungssituationen nicht isoliert, sondern im Geflecht von ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen zu betrachten. Beispiele dafür könnten etwa die Wahl eines Werkstoffs in der Produktion, der Umgang mit Kundinnen und Kunden, die Nutzung digitaler Technologien oder Fragen rund um das Thema Arbeitssicherheit sein. Systemisches Denken ist hier also unmittelbar in berufliche Entscheidungen integriert.

In BBNE-Perspektive bedeutet dies, berufliche Situationen zugleich in einer System-, Raum-, Zeit- sowie Produkt- und Prozessperspektive zu betrachten: Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen? Welche lokalen und globalen Folgen hat eine Entscheidung? Welche langfristigen Auswirkungen ergeben sich entlang des gesamten Produktlebenszyklus? Solche Fragen machen systemisches Denken zu einer Voraussetzung, berufliche Gestaltungsspielräume nachhaltig zu nutzen (Kuhlmeier & Vollmer, 2014).

Inhaltlich ist systemisches Denken durch eine vernetzte Bearbeitung von Fragestellungen im Lernbereich Gesellschaft und hier insbesondere in den Aspekten Ethik, Ökologie, Wirtschaft und Technologie verankert. Lernende können hier Themen wie Ressourcenknappheit, Energieverbrauch, Klimawandel, Arbeitswelten und Konsumverhalten analysieren und miteinander in Beziehung setzen (SBFI, 2025, S. 11–16). Die Themen sind dabei an Alltags‑ und Berufssituationen der Lernenden angelehnt, was darauf zielt, systemische Zusammenhänge in Wertschöpfungsprozessen, betrieblichen Strukturen und gesellschaftlichen Entwicklungen sichtbar zu machen.

Die Lehr‑Lern‑Prozesse sind basierend darauf themen‑ und handlungsorientiert und an realen Herausforderungen aus Betrieb und Alltagswelt ausgerichtet (SBFI, 2025, S. 3). Lernende bearbeiten komplexe Aufgaben, die mehrere Aspekte des Lernbereichs Gesellschaft und mehrere Schlüsselkompetenzen verbinden, und weisen systemisches Denken in konkreten Produkten, Analysen und Entscheidungen nach. Der Spiralaufbau der Kompetenzen und die starke Einbettung in berufliche Handlungssituationen führen dazu, dass systemisches Denken unmittelbar mit der Frage verknüpft ist, wie im beruflichen Kontext verantwortungsvoll und nachhaltig gehandelt werden kann. Zusammenhänge sollen also nicht nur erkannt, sondern auch für Entscheidungen nutzbar gemacht werden.

Systemisches und vernetztes Denken in der Berufsfachschule könnte also bedeuten: betriebliche Abläufe, Wertschöpfungsketten und berufliche Handlungssituationen im Zusammenspiel ökonomischer, ökologischer und sozialer Anforderungen zu analysieren, komplexe Zusammenhänge und Abhängigkeiten in Alltag und Betrieb zu erkennen und diese Einsichten so zu nutzen, dass begründete, verantwortungsvolle und nachhaltige Entscheidungen im eigenen Berufsfeld getroffen werden können.

4.2.3 Vergleichende Bilanz: qualitative Differenz statt formaler Gleichheit

Die Analyse zeigt, dass die Lernziele „normativ begründetes Handeln und Übernahme von Verantwortung“ sowie „systemisches und vernetztes Denken“ in allen drei Lehrplänen in sehr ähnlicher Weise als zentrale Bildungsanliegen formuliert werden. Dies schafft zwar eine gemeinsame Grundlage für die Vermittlung von BNE über die Bildungsstufen hinweg, in ihrer abstrakten Form lassen sie jedoch kaum erkennen, worin die stufenspezifischen Unterschiede der Volksschule, des Gymnasiums und der Berufsfachschule konkret bestehen.

Das Konzept der Stufenspezifität eröffnet die Möglichkeit, die ähnlich formulierten Lernziele entlang der je spezifischen Bildungsaufträge, inhaltlichen Schwerpunkte und Lehr‑Lern‑Formate neu zu interpretieren und bildet damit einen Anknüpfungspunkt für die qualitative Weiterentwicklung von BNE-Kompetenzen, wie es das Spiralprinzip vorsieht. Dadurch werden aus formal gleichen Zielformulierungen qualitativ unterschiedliche, an die jeweilige Stufe gebundene Konkretisierungen:

Für die Volksschule bedeutet dies insbesondere die Ausrichtung auf grundlegende Werthaltungen, Orientierungsfähigkeit, elementare Formen vernetzten Denkens und basale Kompetenzen für selbstständige Lebensführung und gesellschaftliche Teilhabe. Die Inhalte sind breit und alltagsnah, die Lehr-Lern-Prozesse angeleitet und entwicklungsorientiert.

Im Gymnasium steht die Verbindung von fachlicher Tiefe mit der Erwartung, komplexe gesellschaftliche Problemstellungen reflexiv und mithilfe interdisziplinären und modellbasierten Systemdenken zu bearbeiten, im Zentrum. Die Inhalte sind stark verdichtet, während die Lehr-Lern-Prozesse diskursiv und wissenschaftspropädeutisch angelegt sind.

In der Berufsfachschule ist die Verknüpfung von beruflicher Handlungskompetenz mit verantwortlicher Teilhabe an Arbeitswelt und Gesellschaft zentral. Inhaltlich orientiert sich die berufliche Grundbildung an der Praxis und dem Arbeitsmarkt, die Lehr-Lern-Prozesse sind v.a. handlungsorientiert, selbstgesteuert und auf drei Lernorte verteilt.

5 Schlussfolgerungen für Curriculum, Didaktik und Übergänge

Die vorliegende Analyse zeigt, dass BNE-Kompetenzen in den Lehr- und Rahmenlehrplänen der Volksschule, der gymnasialen Maturitätsschulen und der beruflichen Grundbildung als gemeinsame Bildungsanliegen verankert sind. Dabei wurde aber aufgezeigt, dass sich die Zielformulierungen auf der Ebene der Lehrpläne nur bedingt unterscheiden. Sie orientieren sich an harmonisierten Leitvorstellungen einer nachhaltigen Entwicklung und formulieren über alle Bildungsstufen hinweg ähnliche Erwartungen an die Lernenden. Für die Übersetzung dieser Leitvorstellung in die Unterrichtspraxis stellt sich aber die Frage, wie sich die Curricula, Zielsetzungen und Inhalte der BNE-Kompetenzen zwischen den einzelnen Bildungsstufen unterscheiden und wie BNE unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Besonderheiten bildungsstufenspezifisch konkretisiert und ausgestaltet werden kann.

Der Beitrag schlägt vor, dass das Konzept der Stufenspezifität einen produktiven Zugang eröffnet, um diese Leitvorstellungen differenzierter zu betrachten und stufengerecht auszulegen. Während die Volksschule vor allem auf die Entwicklung grundlegender Werthaltungen, Orientierungsfähigkeit und erste Formen verantwortlicher Mitgestaltung abzielt, rückt im Gymnasium die reflexive Bearbeitung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen auf der Grundlage wissenschaftsorientierter und interdisziplinärer Zugänge in den Vordergrund. Die berufliche Grundbildung verbindet BNE hingegen mit konkreter beruflicher Handlungskompetenz und der Fähigkeit, nachhaltigkeitsbezogene Fragestellungen in realen Arbeits- und Lebenssituationen zu bearbeiten. Für den BBNE-Diskurs verweist dies darauf, dass die berufliche Grundbildung nicht als nachgeordnete Anwendungsstufe allgemeiner BNE verstanden werden sollte. Ihre spezifische Leistung besteht vielmehr darin, Nachhaltigkeit in beruflichen Rollen, realen Arbeitsprozessen und betrieblichen Entscheidungsräumen reflexiv und handlungsorientiert bearbeitbar zu machen. Stufenspezifität kann damit als ein Ansatz verstanden werden, der den Übergang von allgemein formulierten BNE-Kompetenzen zu einer nachhaltigkeitsorientierten beruflichen Handlungskompetenz curricular präziser beschreibt.

Für die weitere Diskussion und Entwicklung wäre das hier erst im Ansatz ausgearbeitete Konzept der Stufenspezifität weiter zu konkretisieren. So könnten z.B. die Übergänge zwischen den Bildungsstufen stärker in den Blick genommen werden, um zu klären, wie BNE-Kompetenzen über die Bildungslaufbahn hinweg kumulativ aufgebaut und weiterentwickelt werden können. Es bleibt zu klären, welche Aspekte einer BNE-Kompetenz über die Bildungsstufen hinweg stabil bleiben sollen und worin eine qualitative Weiterentwicklung über Bildungsstufen hinweg bestehen könnte. Eine solche Perspektive würde nicht nur zur theoretischen Schärfung des BNE-Diskurses beitragen, sondern könnte auch praktische Impulse für die Lehrplanentwicklung, die Lehrerinnen- und Lehrerbildung sowie die Gestaltung stufengerechter Lernangebote liefern und damit praktische Wirkung entfalten. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung erscheint es zentral, BNE als stufenübergreifendes Bildungsanliegen zu etablieren. In der Abstimmung zwischen den Stufen liegt das Potenzial einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, die Lernende über die gesamte Bildungslaufbahn hinweg befähigt, verantwortungsvoll, reflektiert und zukunftsorientiert zu handeln.

Literatur

Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz [D-EDK]. (2016). Lehrplan 21 – Grundlagen. https://v-fe.lehrplan.ch/downloads.php

Éducation21. (2023a). BNE-Kompetenzen. https://www.education21.ch/de/bne-kompetenzen

Éducation21. (2023b). Die Stiftung. https://www.education21.ch/de/die-stiftung

Kettschau, I. (2011). Berufliche Bildung für eine nachhaltige Entwicklung – Konzepte und Entwicklungslinien. In I. Kettschau & K. Gemballa (Hrsg.), bwp@ Spezial 5 – Hochschultage Berufliche Bildung 2011, Fachtagung 11 (S. 1–12). http://www.bwpat.de/ht2011/ft11/kettschau_ft11-ht2011.pdf

Kuhlmeier, W., & Vollmer, T. (2014). Ansatz einer Didaktik der beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung. In W. Kuhlmeier, A. Mohoric, & T. Vollmer (Hrsg.), Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Modellversuche 2010–2013. Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Ausblicke (S. 197–224). W. Bertelsmann Verlag.

Melzig, C., Kuhlmeier, W. & Kretschmer, S. (Hrsg.) (2021). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Die Modellversuche 2015–2019 auf dem Weg vom Projekt zur Struktur. Verlag Barbara Budrich.

Michaelis, C. & Berding, F. (Hrsg.) (2022). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung: Umsetzungsbarrieren und interdisziplinäre Forschungsfragen. wbv Media. https://doi.org/10.3278/9783763970438

Minnameier, G. & Ziegler, B. (2022). Vorwort der Reihenherausgebenden. In C. Michaelis & F. Berding (Hrsg.), Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Umsetzungsbarrieren und interdisziplinäre Forschungsfragen (S. 9–10). wbv Media. https://doi.org/10.3278/9783763970438

Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren [EDK]. (2023). Reglement der EDK über die Anerkennung von gymnasialen Maturitätszeugnissen (Maturitätsanerkennungsreglement, MAR) vom 22. Juni 2023. https://edudoc.ch/record/234273

Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren [EDK]. (2024). Rahmenlehrplan Maturitätsschulen. https://edudoc.ch/record/232281/files/Rahmenlehrplan-maturitatsschulen.pdf

Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation [SBFI]. (2025). Rahmenlehrplan für die Allgemeinbildung in der beruflichen Grundbildung. https://www.sbfi.admin.ch/dam/de/sd-web/6J7xFxDA7Kj4/nRLP_ABU_DE-def.pdf

Swissuniversities. (2020). Nachhaltige Entwicklung an den Schweizer Hochschulen – eine Übersicht. https://www.swissuniversities.ch/fileadmin/swissuniversities/Dokumente/Hochschulpolitik/Nachhaltigkeit/Bericht_Nachhaltigkeit_d.pdf

Vare, P. & Scott, W. (2007). Learning for a change. Journal of Education for Sustainable Development, 1(2), 191–198. htps://doi.org/10.1177/097340820700100209

I’m Packing my Suitcase … – Entwicklung und Reflexion eines Simulationsspiels als Lehr-/Lernarrangement zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen eines internationalen Entwicklungsprojektes

1 Hinführung zum Handlungsfeld ‚Nachhaltigkeit‘

Die global zunehmende Bedeutung und Brisanz ökologischer, ökonomischer und sozialer Herausforderungen führt spätestens seit Beginn der 1990er Jahre dazu, dass das Handlungsfeld der Nachhaltigkeit eine gesellschaftliche Schlüsselrolle einnimmt. Die dafür relevanten und zentralen politischen Rahmensetzungen zur nachhaltigen Entwicklung auf internationaler und nationaler Ebene und damit auch die Grundlagen des hier dargestellten Entwicklungsprojekts sind: (i) die Agenda 21, (ii) die Agenda 30 und (iii) die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie (vgl. Schütt- Sayed et al., 2021b, S. 14–17).

ad (i) Agenda 21: Mit der Agenda 21 (UN, 1993; BMU, o.J.), die 1992 von über 170 Staaten verabschiedet wurde, verpflichtete sich die Weltgemeinschaft zu einem globalen Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Ziel ist es, durch die Verbindung von Umwelt- und Entwicklungsinteressen Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung zu überwinden und eine nachhaltige Zukunft in globaler Partnerschaft zu sichern. Dabei wurde Nachhaltigkeit als Zusammenspiel der drei Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie definiert, die als gleichwertige Säulen verstanden werden. Dieses Nachhaltigkeitsverständnis ist inzwischen auch im Bildungsauftrag der Berufsschule verankert, die Auszubildende „zur nachhaltigen Mitgestaltung der Arbeitswelt und der Gesellschaft in sozialer, ökonomischer, ökologischer und individueller Verantwortung“ (KMK, 2021, S. 14; Hervorhebungen nicht im Original) befähigen soll.

ad (ii) Agenda 30: Die Agenda 2030, verabschiedet 2015 von den Vereinten Nationen (UN, 2015), konkretisiert diese Zielsetzungen durch sogenannte 17 Sustainable Development Goals (SDG). Diese berücksichtigen die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit gleichermaßen und zielen darauf ab, wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Gerechtigkeit und innerhalb der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten. Ein erweitertes Wohlstandsverständnis, verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster sowie die enge Verknüpfung von Umwelt- und Klimaschutz mit Armutsbekämpfung spielen dabei eine zentrale Rolle.

ad (iii) Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie: Auf nationaler Ebene setzt Deutschland diese Verpflichtungen durch die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie (Bundesregierung, 2018/2025; Deutscher Bundestag, 2021) um. Sie zielt auf einen nachhaltigkeitsorientierten Kulturwandel, der von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam getragen wird. Grundlage bilden sechs Prinzipien: die konsequente Anwendung nachhaltiger Entwicklung, globale Verantwortung, der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen, nachhaltiges Wirtschaften, sozialer Zusammenhalt sowie die Rolle von Bildung, Wissenschaft und Innovationen. Diese Prinzipien sind unmittelbar relevant für die Berufspraxis und sollen daher unterrichtlich mit konkreten beruflichen Handlungssituationen verknüpft werden.

1.1 Ziel und Gang des Beitrags

Im folgenden hinführenden Kapitel dieses Textes, in dem die Entwicklung und Reflexion eines Simulationsspiels als Lehr-/Lernarrangement zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Rahmen eines internationalen Entwicklungsprojektes dargestellt wird, erfolgt zur Einordnung und Basierung des Entwicklungsprojektes zunächst eine kurze Betrachtung der Grundlagen von Bildung sowie – hier wesentlicher – Beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) zur Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen. Dem schließen sich zur Transparenz der hier relevanten Forschungs- und Entwicklungsarenen (vgl. Sloane, 2007, S. 35/40-41 zu Forschungs- und Entwicklungsarenen; vertiefend auch Gössling, 2017 und Emmler, 2020) Blicke auf das Berufskolleg für Technik und Gestaltung der Stadt Gelsenkirchen sowie auf das internationale Entwicklungsprojekt TESTEd (= Towards a European Syllabus in Teacher Education) an.

Dem folgt als Kern des Beitrags mit dem Ziel, ein erprobtes, simulationsbasiertes Lehr-/Lernarrangement für die BBNE zur Förderung der Urteils-, Entscheidungs- und Zukunftskompetenz darzulegen und dessen unterrichtliche Umsetzung sowie Reflexion aufzuzeigen, die Darstellung der Entwicklung und Erprobung des Lehr-/Lernarrangements: Nach einer Begründung, warum komplexe Lehr-/Lernarrangements vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung bedeutsam sind und einer kurzen theoretischen Betrachtung der Entwicklungsforschung zur methodischen Einordnung des Beitrags werden das dem Lehr-/Lernarrangement zugrundeliegende didaktische Konzept sowie die Zielsetzungen und die Struktur vorgestellt. Dem schließt sich eine Skizze der konkreten Entwicklung des Lehr-/Lernarrangements sowie der konkreten unterrichtlichen Umsetzung inklusiv des integrierten formativen Assessments des Lehr-/Lernarrangements an.Den Beitrag abschließend erfolgt die Betrachtung der Reflexion und den möglichen Transfer des Lehr-/Lernarrangements sowie ein Ausblick zur Weiterentwicklung des schulischen Vorhabens und dessen Einbettung in BBNE-Tendenzen.

Ordnet man das hier dargestellte Entwicklungsprojekt in ein Verständnis von Binnen- und Außenlegitimierung (vgl. Lepsius, 1973/2009, S. 288–290 mit Verweis auf Max Weber; Außenlegitimierung: Kapitel 1.2 in Verbindung mit 1.3, Binnenlegitimierung: Kapitel: 1.4 in Verbindung mit 2.1) ein, zeigt sich die Relevanz des Beitrags auch theoretisch fundiert.

1.2 (Berufliche) Bildung für nachhaltige Entwicklung

Bereits im Abschlussdokument der o.g. Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro („Agenda 21“) wird der Bildungsaspekt zur Umsetzung der Agenda 21 hervorgehoben: „Bildung/Erziehung, öffentliche Bewußtseinsbildung und berufliche Ausbildung stehen mit fast allen Programmbereichen der Agenda 21 in Verbindung“ (BMU, o.J., S. 280). Auch die Berufsbildung wird dabei explizit benannt (vgl. BMU, o.J., S. 281 und besonders S. 285-287; siehe aktuell auch: BMBF, 2024a):

Die berufliche Ausbildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung der menschlichen Ressourcen und für die Erleichterung des Übergangs in eine nachhaltige Welt. Sie soll eine berufsspezifische Orientierung aufweisen, auf die Beseitigung vorhandener Wissenslücken und vorhandener Defizite in der fachlichen Qualifikation ausgerichtet sein, um dem Einzelnen die Arbeitsplatzsuche zu erleichtern, und sich mit Umwelt- und Entwicklungsarbeit beschäftigen. Gleichzeitig sollen Ausbildungsprogramme ein stärkeres Bewußtsein für Umwelt- und Entwicklungsfragen als wechselseitigen Lernprozeß fördern. (BMU, o.J., S. 285)

Es besteht breiter Konsens, dass als BNE bzw. als BBNE „[v]or allem der Bildung … eine Schlüsselrolle zur Bewältigung von nachhaltigkeitsbezogenen Herausforderungen zugeschrieben [wird]. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt deshalb vor allem auf die Befähigung ab, kritisch-konstruktiv Anforderungen für eine nachhaltige Transformation zu bewältigen und den Wandel aktiv mitzugestalten.“ (Michaelis & Berding, 2022b, S. 11; siehe auch KMK & DUK, 2007; KMK, 2024)

Zur Umsetzung der Agenda 21 sowie der o.g. Rahmensetzung sind in den letzten Jahren im Sinne einer BNE international und in Deutschland mehrere Programme und Initiativen umgesetzt worden, die in Tabelle 1 skizziert werden.

Tabelle 1: Stationen von BNE für die Bundesrepublik Deutschland (eigene Erstellung bei inhaltlicher Orientierung an KMK, 2024, S. 16–17)

Zeitraum

Station / Dokument

Kurzbeschreibung

Relevanz für BNE in Deutschland

1999–2004

BLK-Programm „21“

Modellprogramm mit ca. 200 Schulen zur Erprobung von BNE.

Erste systematische schulische Umsetzung von BNE.

2004–2008

BLK-Programm „Transfer 21“

Übertragung der Ergebnisse aus „21“ auf weitere Schulen.

Skalierung und Verstetigung von BNE in der Schulpraxis.

2005–2014

UN-Dekade BNE

Internationale Dekade zur Förderung von BNE.

Stärkung nationaler Programme im internationalen Kontext.

2015–2030

Agenda 2030 / SDGs

Globaler Zielrahmen, insbesondere SDG 4.7.

Langfristige politische Orientierung für BNE.

2015–2019

UNESCO-Weltaktionsprogramm ESD

Fokus auf strukturelle Verankerung von BNE.

Systemische Implementierung von BNE.

2017

Nationaler Aktionsplan BNE

Ziele und Maßnahmen zur Umsetzung von BNE.

Zentraler nationaler Steuerungsrahmen.

2019–2030

UNESCO-Programm „BNE 2030“

Nachfolgeprogramm zum Weltaktionsprogramm.

Weiterentwicklung nationaler Strategien.

2021

Berliner Erklärung zu BNE

Politische Selbstverpflichtung zur Umsetzung von BNE.

Stärkung der sektorübergreifenden Zusammenarbeit.

2023

Impulspapier Nationale Plattform BNE

Strategische Orientierung für BNE 2030.

Aktualisierung nationaler Prioritäten.

Mit Blick auf die BBNE sind seit 2004 bis in die jüngere Zeit unterschiedliche Modellvorhaben umgesetzt worden, die in Tabelle 2 skizziert sind und zu mehreren aktuellen Monografien und Sammelbänden führten (siehe exemplarisch Kuhlmeier et al., 2014; Melzig et al., 2021; Michaelis & Berding, 2022a; Schlömer et al., 2023; Ansmann et al., 2023; Melzig & Hemkes, 2024).

Tabelle 2: Modellversuche zur BBNE (eigene Erstellung bei inhaltlicher Orientierung an Mohorič, 2014, S. 8–9; Melzig, 2021, S. 23–24; Ansmann, 2023, S. 18–19; Melzig, 2024, S. 14; 20–23; BMBF, 2023; 2024b)

Zeitraum

Anzahl der Modellversuche
mit Schwerpunkt

Zentrale Aspekte

2004-2010

10: Nachhaltige Entwicklung in der beruflichen Bildung

o  Ressourceneffizienz

o  nachhaltige Managementstrategien in Industrie und Handwerk

2010-2013

6: Lösungskonzepte für die Gestaltung und Weiterentwicklung der Berufsbildung in unterschiedlichen Branchen

o  Qualifikationsanforderungen identifizieren und analysieren

o  Curricula entwickeln

o  Lernmodule für den Aus- und Weiterbildungsprozess formulieren

2015-2019

6: Förderlinie I: Entwicklung von domänenspezifischen Nachhaltigkeitskompetenzen in kaufmännischen Berufen

o  Welche Kompetenzen für nachhaltiges Wirtschaften werden benötigt?

o  Wie kann man sie fördern/entwickeln? Welche didaktischen Konzepte sind nötig?

o  Wie können Berufsbildungspersonal und Auszubildende dafür qualifiziert werden?

o  Wie wird mit Widersprüchen umgegangen, z. B. bei Zielkonflikten?

o  Wie kann Nachhaltigkeit strukturell in der Berufsbildung verankert werden?

2015-2019

6: Förderlinie II: Gestaltung nachhaltiger Lernorte

o  Was ist ein „nachhaltiger Lernort“?

o  Welche Indikatoren sind zur Gestaltung nachhaltiger Lernorte bedeutsam?

o  Wie ist die Anschlussfähigkeit an den DNK und ähnliche Systeme?

o  Wie wird BBNE durch Organisations- und Personalentwicklung am Lernort erlebbar und gestaltbar?

o  Welche Handlungsspielräume zur BBNE haben Auszubildende?

o  Wer muss (noch) einbezogen werden und wie gelingt das?

2015-2019

6: Förderlinie III: Entwicklung von Nachhaltigkeitskompetenzen in Berufen des Lebensmittelhandwerks und der Lebensmittelindustrie

o  Welche Kompetenzen für nachhaltiges Handeln werden in diesen Berufen benötigt?

o  Wie können die nachhaltigkeitsorientierten beruflichen Kompetenzen in der Ausbildung gefördert und implementiert werden?

o  Welche lernortübergreifenden methodisch-didaktischen Konzepte sind hierzu geeignet (und welche nicht)?

o  Wie können darauf aufbauend Berufsbildungspersonal und Auszubildende dafür qualifiziert werden?

2020-2022

7: BBNE-Transfer 2020-2022

Welche Kompetenzen benötigt das Aus- und Weiterbildungspersonal und welche Möglichkeiten zur Förderung dieser kann es geben?

2024-2028

38 & 1: NiB – Nachhaltig im Beruf

Über 21 Umsetzungs- und 17 Transformationsprojekte sowie das Metavorhaben TRANS3 zur Verbreitung und Verankerung von Aspekten der Nachhaltigkeit in der betrieblichen Ausbildungspraxis.

1.3 Berufskolleg als schulische Entwicklungsarena

Das Berufskolleg für Technik und Gestaltung der Stadt Gelsenkirchen (folgende Kurzform: btg) bietet auf Grundlage der schulischen Positionierung „Ingenieurwesen & Design. Talentorientiert. International. Nachhaltig.“ an drei Standorten technische (Bau-, Elektro-, Informations- und Maschinenbautechnik und Mechatronik sowie Ingenieurtechnik und -wissenschaft) und gestalterische (Medien-, Farb- und Gestaltungstechnik) Bildungsgänge mit allen potenziellen Abschlüssen des Landes Nordrhein-Westfalen vom Ersten Schulabschluss bis hin zur Allgemeinen Hochschulreife, vom Berufsschulabschluss bis hin zu drei fachlichen Ausprägungen zu Staatlich geprüften Techniker/innen an. Bei ihrer Kompetenzentwicklung werden die aktuell gut 2.200 Lernenden von einem knapp 100-köpfigen multiprofessionellen Team aus klassisch ausgebildeten Lehrkräften, von neun Werkstattlehrkräften, zwei Sonderpädagoginnen und sechs Sozialarbeiter/innen begleitet.

Seit über einer Dekade nimmt das btg kontinuierlich an schulischen Entwicklungsvorhaben und Modellversuchen wie u. a. „Berufliches Gymnasium für Ingenieurwissenschaften” (2014-2019), „Höhere Berufsfachschule Ingenieurtechnik“ (2019-2024), „Zusatzqualifikation Digitale Fertigungsprozesse” (2019-2024), „Talentschule“ (seit 2020; siehe zu einem spezifischen Entwicklungsvorhaben Brück & Kirch, 2025), „Berufsfachschule für Ingenieurwesen” (seit 2024) oder der Entwicklung einer Zusatzqualifikation für den Bereich Wasserstoff (seit 2022; siehe Krakau, 2025b/c) teil.

Im Rahmen des kommunalen Vorhabens „Bildungs- und Innovationscampus“, bei dem explizit mit dem Ziel der Stärkung des regionalen Wirtschafts- und Innovationsgeschehens Angebote der beruflichen Bildung, der beruflichen Orientierung sowie Einrichtungen der Wirtschafts- und Innovationsförderung angesiedelt und auch neu geschaffen werden, arbeitet das btg seit 2020 eng mit der jeweiligen Oberbürgermeisterin und den unterschiedlichen Vorstandsbereichen der Stadt Gelsenkirchen zusammen.

BBNE ist am btg dabei nicht nur ein ergänzendes Unterrichtsthema, sondern das Ergebnis eines über eine Dekade gewachsenen Schulentwicklungsprozesses. Als eine der tragenden Säulen des Schulprogramms fungiert BBNE heute als durchgängiges Leit- und Unterrichtsprinzip, das über alle Bildungsgänge hinweg sowohl fachlich-theoretisch als auch in der praktischen Umsetzung präsent ist. Im aktuellen Leitbild der Schule wird explizit festgehalten: „Das btg fördert die Schülerinnen und Schüler in der Wahrnehmung der Problematiken (potenzieller Dissens zwischen Ökonomie und Ökologie), der Erarbeitung von Handlungsmöglichkeiten und nachhaltigen Lösungsstrategien.“ (btg, 2022, S. 45). Diese programmatische Ausrichtung findet ihre Fortsetzung in der auch o.g. Definition von BNE als zentraler Querschnittsaufgabe, die ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen im Sinne der „Global Goals“ verknüpft (vgl. BMZ, o. J.).

Das btg nimmt bereits seit 11 Jahren am NRW-Landesprogramm „Schule der Zukunft“ teil. Nach der Erstzertifizierung im Jahr 2015 folgten Rezertifizierungen in den Jahren 2020, 2022 und zuletzt im Oktober 2024. Dabei werden insbesondere Projekte gewürdigt, die ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit miteinander verknüpfen. Beispielhaft hierfür stehen im btg die Integration von Energieeffizienz und Ressourcenschonung in die technischen Lernsituationen sowie innovative Upcycling-Projekte in den Gestaltungsbildungsgängen.

Zudem wurde das btg für den Zeitraum 2021/2022 als „Verbraucherschule“ in Silber ausgezeichnet. Diese Anerkennung des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) unterstreicht das Engagement in den Bereichen nachhaltiger Konsum, Ernährung, Gesundheit und Finanzen. Ein besonderer Fokus lag hierbei auf dem Projekt „Jugend STÄRKEN im Quartier“, welches gezielt nachhaltige Strukturen in Internationalen Förderklassen auf kommunaler Ebene etablierte.

Neben diesen Gütesiegeln werden im btg auch eine Vielzahl kleinteiligerer Initiativen umgesetzt:

  • Fachliche Integration: In den technischen Fächern werden Aspekte wie der ökologische Fußabdruck von Materialien und energieoptimierte Fertigungsprozesse direkt in die didaktischen Jahresplanungen implementiert.
  • Internationale Dimension: Als Europaschule verknüpft das btg Nachhaltigkeit mit internationalem Austausch. So wurde im Rahmen von eTwinning-Projekten die Frage „Leben und arbeiten – geht das umweltfreundlich?“ thematisiert, um den Lernenden eine globale Perspektive auf BBNE zu ermöglichen.
  • Wettbewerbe und Challenges: Die regelmäßige Durchführung von schulinternen Nachhaltigkeitschallenges aktiviert die Lernenden zur eigenständigen Auseinandersetzung mit ihrem Konsumverhalten und Ressourcenverbrauch.

Abbildung 1 fasst die zentralen Stationen der nachhaltigkeitsbezogenen Schulentwicklung im btg zusammen:

Abbildung 1: BNE als Teil der Schulentwicklung am btgAbbildung 1: BNE als Teil der Schulentwicklung am btg

Diese Aktivitäten bilden das Fundament der Auswahl der Querschnittsthemen, auf dem auch das hier im Mittelpunkt stehende Simulationsspiel „I’m Packing my Suitcase …“ im Rahmen des TESTEd-Projekts entwickelt wurde. Sie stellen sicher, dass das Spiel nicht als isoliertes Projekt betrachtet wird, sondern Teil einer gelebten Schulkultur ist.

1.4 Projekt TESTEd als internationale Entwicklungsarena

Das Projekt TESTEd (= Towards a European Syllabus in Teacher Education. Facing future challenges together.) stellt eine Initiative im Rahmen des Erasmus+ Programms „Teacher Academies“ dar. Es reagiert auf die zunehmende Komplexität europäischer Bildungslandschaften und die Notwendigkeit, angehende Lehrkräfte auf die Herausforderungen einer vernetzten, heterogenen und digitalisierten Gesellschaft vorzubereiten. Das Kernziel von TESTEd ist die Entwicklung und Implementierung eines europäischen Curriculums (Syllabus) für die Lehrer:innenbildung. Dabei geht es nicht um eine Vereinheitlichung der nationalen Systeme, sondern um die Schaffung eines gemeinsamen Rahmens, der transnationale Kompetenzen fördert und die Mobilität von Lehrkräften sowie Studierenden stärkt (vgl. TESTEd Consortium, 2023 und 2025; Supple et al., 2025).

Das Projekt stützt sich auf fünf thematische Schwerpunkte (siehe Abbildung 2), die als übergeordnete Herausforderungen für das moderne Schulwesen identifiziert wurden:

Abbildung 2: Europäische Querschnittsthemen innerhalb des TESTEd-Projektes (eigene Erstellung bei inhaltlicher Orientierung an TESTEd Consortium, 2023, S. 2–7)Abbildung 2: Europäische Querschnittsthemen innerhalb des TESTEd-Projektes (eigene Erstellung bei inhaltlicher Orientierung an TESTEd Consortium, 2023, S. 2–7)

Das Projekt wird von einem multidisziplinären Konsortium getragen, dem mehrere europäische Hochschulen und Bildungseinrichtungen angehören (darunter unter anderem die Ruhr Universität Bochum als koordinierende Einrichtung sowie Partner aus Finnland, Irland, Portugal, Polen und Spanien).

Die methodische Umsetzung folgt einem kooperativen und kollaborativen Design-Ansatz (TESTEd, 2023, S. 4–6):

  • Best-Practice-Analyse: Untersuchung bestehender Curricula an den Partnerstandorten.
  • Modulentwicklung: Erarbeitung gemeinsamer Lerneinheiten, die sowohl physisch als auch virtuell (Blended Learning) absolviert werden können.
  • Vernetzung: Aufbau einer „European Teacher Academy“, die den Austausch zwischen Forschenden, Lehrenden und Studierenden verstetigt.

Für die Bildungsforschung ist TESTEd insbesondere deshalb relevant, weil es das Konzept der „European Dimension in Teacher Education“ (vgl. Schratz, 2014, S. 18–20 zu den Begriffen „European Dimension“ und „Europeanness“) operationalisiert. Anstatt rein theoretischer Proklamationen liefert das Projekt evidenzbasierte Module, die von erfahrenen Lehrkräften erstellt und getestet werden und daraufhin direkt in die nationale Lehramtsausbildung integriert werden können. Dadurch trägt das Projekt zur Professionalisierung von Lehrkräften bei, indem es deren Reflexionsfähigkeit über kulturelle Grenzen hinweg schärft und sie befähigt, globale Krisen (wie den Klimawandel oder die Gefährdung der Demokratie) didaktisch adäquat aufzubereiten.

Unten (siehe Kapitel 2.2.2) wird TESTEd im Rahmen der konkreten Entwicklung des Lehr-/Lernarrangements noch einmal aufgenommen.

2 Entwicklung und Erprobung des Lehr-/Lernarrangements

Nach der oben erfolgten Hinführung zum Handlungsfeld Nachhaltigkeit bzw. BNE und BBNE folgt mit der Darstellung der Entwicklung und Erprobung des Lehr-/Lernarrangements der inhaltliche Schwerpunkt des Beitrages. Grundlegend wird dazu unter methodischen Aspekten zunächst Entwicklungsforschung als hier relevanter Ansatz kurz in den Blick genommen. Dem schließt sich nach der Begründung der methodischen Verwendung eines komplexen Lehr-/Lernarrangements die Beschreibung unterschiedlicher Aspekte sowie das Kapitel abschließend des formativen Assessments des Lehr-/Lernarrangements an.

2.1 Entwicklungsforschung zur methodischen Einordnung

Das beschriebene Forschungsvorhaben TESTEd kann forschungsmethodisch als gestaltungsorientierte Forschung zur Nutzung praktischer Erkenntnisse durch Generierung generalisierter wissenschaftlicher Erkenntnisse (vgl. Neugebauer, 1980, S. 57) verstanden werden. Für diese Form der Forschung lässt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Forschungstypen identifizieren (vgl. Euler, 2007, S. 88–89 unter Bezugnahme auf Stokes, 1997, S. 73 und Sloane, 2005, S. 329–335). Diese Forschungstypen lassen sich u.a. in den Kontext einer sogenannten „Mode 2“-Forschung einordnen (vgl. Gibbons et al., 1994, S. 3–8), die eine Wechselwirkung von Grundlagen- und Anwendungsforschung betont. In der Logik dieser Überlegung treten diverse Ansätze hervor, wie etwa die Handlungsforschung (vgl. Lewin, 1936/1969), reflektierte Praxis (vgl. Schön, 1983), Wissenschaft-Praxis-Kommunikation (vgl. Euler, 1989), Modellversuchsforschung (vgl. Sloane, 1992), Design-Based Research (vgl. Collins, 1990), Wissensproduktion im Anwendungskontext (vgl. Kremer, 2003), Praxisentwicklungsforschung (vgl. Fuhr, 2002) oder das partizipative Entwickeln (vgl. Clement & Heras, 2018).

Im Verständnis des btg (und der Autor:innen dieses Beitrags) erfolgen schulinterne Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in der Regel und so auch beim hier beschriebenen Vorhaben im Sinne des Design-Based Research (DBR). Explizit wird dies auch im Kontext der BBNE so gesehen: „Hierfür eignet sich der Design-Based Research-Ansatz als Gestaltungs- und Forschungszugang.“ (Slopinski, 2022, S. 227)

Seit den frühen 1990er-Jahren hat sich DBR zunächst vor allem im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, und in den Niederlanden als methodologischer Ansatz der Bildungsforschung entwickelt und etabliert (exemplarisch: Collins, 1990; Brown, 1992; Anderson & Shattuck, 2012; Visscher-Voerman, 1999; van den Akker et al., 1999; Edelson, 2002; The Design-Based Research Collective, 2003; Cobb et al., 2003; Barab & Squire, 2004; van den Akker et al., 2006a; Kelly et al., 2008; Bakker, 2018; McKenney & Reeves, 2019; deutschsprachig exemplarisch: Reinmann, 2005; Euler & Sloane, 2014).

Die Entstehung von DBR ist eng verbunden mit einer verstärkten Forderung nach stärker kontextualisierter und in der Folge (auch) praktisch nutzbarer Forschung. DBR wird so als Antwort auf die Beschränkungen traditioneller, stark kontrollierter experimenteller Settings verstanden (Sloane, 2017; Brown, 1992; van den Akker, 1999; The Design-Based Research Collective, 2003; van den Akker et al., 2006b).

Kennzeichnend für DBR ist die enge Verzahnung von Forschung und Praxis: In häufig iterativen Zyklen werden Interventionen partizipativ im Feld entwickelt, erprobt und fortlaufend angepasst, sodass didaktische Konzepte, komplexe Lehr-/Lernarrangements oder eingesetzte Technologien nicht nur evaluiert, sondern im Verlauf ihrer Erprobung modifiziert und an die Bedürfnisse von Lehrenden und Lernenden angepasst werden (Reinmann, 2014; Barab & Squire, 2004; van den Akker et al., 2006b; Reinmann, 2022). Auf diese Weise verbindet DBR Elemente der Grundlagenforschung mit praxisbezogener Erprobung, mit dem Ziel, Erkenntnisse zu generieren, die sowohl wissenschaftlich abgesichert als auch unmittelbar in der Bildungswirklichkeit anwendbar sind (van den Akker et al., 2006b; Brahm & Jenert, 2014). Ziel ist dabei in der Regel nicht nur die Gestaltung eines Einzelfalls, sondern über eine Generalisierung auch die Möglichkeit des Transfers (siehe Schlömer et al., 2023, S. 2-3 mit explizitem Bezug zu BBNE).

Das hier im Mittelpunkt stehende Lehr-/Lernarrangement ist im Sinne des DBR als Prototyp (siehe exemplarisch Burda-Zoyke, 2017, S. 17–19 oder Krakau, 2025a, S. 47–53 zu Prototypen in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik) zu klassifizieren. In einem technischen Verständnis ist „ein Prototyp [...] ein [...] Objekt, das bereits in einem frühen Stadium des Entwicklungsprozesses ausgewählte Eigenschaften des endgültigen Produkts zeigt, ohne bereits vollständig, optimal, performant, zuverlässig usw. zu sein“ (Friedrich, 2006, S. 479–480).

Auf Basis dieses technischen Prototypenbegriffs überträgt Sloane die Bezeichnung auf „curriculare Produkte“ (Sloane, 2007, S. 19) und versteht darunter „Konzepte, Verfahren [und] Instrumente für die Praxisgestaltung“ (Sloane, 2007, S. 35) wie beispielsweise Strukturvorgaben zur Entwicklung von Lernsituationen, Planungsprinzipien für die didaktische Jahresplanung, spezifische Aufgabentypen und didaktische Evaluationsinstrumente (vgl. Sloane, 2007, 46).

Berufsbildungsforschung zeichnet sich in diesem Sinne durch die Entwicklung funktionaler und praktikabler Prototypen bei „Eingebundenheit von Wissenschaft und Praxis in die Entwicklung der Prototypen“ (Kremer, 2014, S. 349) und gleichermaßen die Generierung von generellem Wissen aus, das über Einzelfälle hinausgeht (vgl. Sloane, 2007, S. 19), sodass der Prozess sowohl als Innovationsprozess der Praxis als auch als Forschungsfeld der Wissenschaft verstanden werden kann (vgl. Sloane, 2007, S. 35).

2.2 Entwicklung des Lehr-/Lernarrangements

Bei der Darstellung der Entwicklung des Lehr-/Lernarrangements stehen folgend die Beschreibung des didaktischen Konzepts, der konkreten Entwicklung im Rahmen von TESTEd, der intendierten Zielsetzung und der didaktischen umgesetzten Struktur des Lehr-/Lernarrangements sowie der erfolgten unterrichtlichen Umsetzung im Mittelpunkt.

Vorab soll aber die Frage beleuchtet werden, warum hier methodisch ein komplexes Lehr-/Lernarrangements im Rahmen der BBNE gewählt wurde. Grundsätzlich „werden ‚komplexe Lehr-/Lernarrangements‘ … definiert als ein Bündel von Maßnahmen (Interventionen), die auf Lernsituationen bezogen werden“. Lernsituationen in diesem Sinne sind von Lehrenden konstruierte „Problemstellungen der Lerner“ (Sloane, 2003, S. 11 für beide Zitate). „Die Komplexität dieser Lehr-/Lernarrangements ergibt sich durch einen arbeitsrealitätsnah narrativ eingebetteten und in der Folge vernetzten und mehrdimensionalen, in der Regel situativ-problemhaltigen und handlungsorientierten Zugang, der sich über mehrere Unterrichtsstunden erstreckt.“ (Krakau, 2018, S. 8). „Ziel dieser Arrangements ist die Förderung transferfähigen Wissens.“ (Kremer & Sloane, 2000, S. 172)

Im Bereich der BBNE können komplexe Lehr-/Lernarrangements als eine methodische Notwendigkeit betrachtet werden, da BBNE „ein erweitertes Methodenspektrum [benötigt], um eine ganzheitliche nachhaltigkeitsorientierte Handlungskompetenz befördern zu können“ (Schütt-Sayed, 2020, S. 102). Da Nachhaltigkeit nicht als (statisches) Fachwissen, sondern als (dynamische) Kompetenz zur Mitgestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen ist, erweist sich die Gestaltung komplexer Lehr-/Lernarrangements als methodisch besonders sinnvoll. Hierzu konstatieren Schütt-Sayed et al., dass „Wissen über Nachhaltigkeit allein nicht zu nachhaltigem Handeln führt“ (2021a, S. 211; Hervorhebung nicht im Original).

Da Wissen über Nachhaltigkeit also nicht deterministisch zu nachhaltigem Handeln führt (vgl. Kollmuss & Agyeman, 2002, S. 241–244; Bamberg & Möser, 2007, S. 18–21 als Ergebnis einer Meta-Analyse zum Zusammenhang zwischen Wissensvermittlung und Verhaltensintention), sollte die Didaktik auf eine Steigerung der individuellen Selbstwirksamkeitserwartung abzielen (vgl. Gembella, 2013, S. 108; Vieback et al., 2020, S. 50-54; Fischer et al., 2020, S. 69 und insbesondere S. 75–76 zu Lernenden in der Rolle der Mitgestalter/innen). Dies wird durch ein möglichst hohes Maß an Selbststeuerung und Verantwortungsübernahme innerhalb des Lernprozesses erreicht. Indem Lernende die Verantwortung für (möglichst) den gesamten Lösungs- und Lernweg übernehmen, erfahren sie Agency, also die Überzeugung, durch eigenes Handeln wirksame Beiträge zur Transformation leisten zu können (vgl. Rieckmann, 2018, S. 54; Schütt-Sayed, 2020, S. 464–466).

Komplexe Arrangements dienen dabei als didaktische Räume für sogenannte Ill-defined Problems, also reale, unstrukturierte Problemstellungen, die sich durch eine hohe Kontingenz und inhärente Zielkonflikte (z. B. Ökonomie vs. Ökologie) auszeichnen (vgl. de Haan, 2008, S. 34). Lernende sollen diese erkennen und abwägen und folgend Teilkompetenzen wie vorausschauendes Denken und interdisziplinäre Erkenntnisgewinnung entwickeln, die sich vor allem in komplexen und handlungsorientierten Settings fördern lassen (vgl. de Haan, 2008). Während konventionelle Lernsettings häufig eine Komplexitätsreduktion vornehmen, fordern komplexe Arrangements gerade das Erkennen und Abwägen ökologischer, ökonomischer und sozialer Interdependenzen (Trade-offs) (vgl. Schütt-Sayed, 2020, S. 100; Müller-Christ, 2014, S. 254–257 zu Trade-offs als Dilemmata).

Da BBNE-bezogenes Wissen außerdem in besonderem Maße kontextabhängig (vgl. Kuhlmeier & Vollmer, 2013, S. 6) und individuell konstruiert (vgl. Schlömer, 2009, S. 120–122) ist, ist die Authentizität des Lernsettings ein zentrales Element für den Transfererfolg (vgl. Schütt-Sayed, 2020, S. 104–106 und S. 134–142). Forschungsergebnisse legen nahe, dass die situative Einbettung in die domänenspezifische Berufspraxis die Ambiguitätstoleranz der Lernenden stärkt (vgl. Schütt-Sayed, 2020, S. 184).

Zusammenfassend: Komplexe Lehr-/Lernarrangements in der BBNE sind u. E. nicht als methodische Variante, sondern als strukturelle Voraussetzung für die Entwicklung einer reflexiven beruflichen Handlungsfähigkeit im Sinne der Nachhaltigkeit zu betrachten.

2.2.1 Didaktisches Konzept

Vor der Konzeption des Lehr-/Lernarrangements wurden mehrere Bezugsrahmen festgelegt, die als Kriterien für eine dem TESTEd-Projekt und seinen curricularen Vorstellungen europaweiter Nachhaltigkeitsbildung gerecht werden sollten sowie laut aktueller didaktischer Forschungslage für Lernende motivierend und effektiv zugleich sein können (siehe Abbildung 3). Diese bilden auch das didaktische (Rahmen)Konzept des hier dargestellten Lehr-/Lernarrangements.

Abbildung 3: Didaktisches Konzept des Lehr-/LernarrangementsAbbildung 3: Didaktisches Konzept des Lehr-/Lernarrangements

Die BNE stellt das zentrale Leitthema des Lernsettings dar, wobei der inhaltliche Schwerpunkt auf den o.g. 17 Zielen für Nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen liegt. In der aktuellen BNE-Debatte wird betont, dass im Kontext nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen nicht allein von einer Umwelterziehung „im Sinne der Anpassung oder Änderung von Verhaltensweisen gesprochen werden kann, sondern von Bildung und der Gestaltung von Bildungsprozessen, die die Verantwortung des Individuums bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung stärker in den Vordergrund rücken.“ (Michelsen & Fischer 2019, S. 8)

Ziel des Vorhabens ist also, den Lernenden „verschiedene Positionen in nachhaltigkeits-bezogenen Diskussionen offenzulegen, ihre Annahmen und (Un-)Verträglichkeiten zu prüfen und demokratische Wege der Konflikt- und Problemlösung zu erörtern.“ (Michelsen & Fischer 2019, S. 23) Dies soll den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, in einem geschützten Raum Handlungsspielräume auszuloten, Konsequenzen von Entscheidungen zu antizipieren und somit eine Brücke zwischen theoretischem Nachhaltigkeitswissen und praktischem Gestaltungswillen zu schlagen.

Da das Lehr-/Lernarrangement am Berufskolleg verortet ist, schließt es an die aktuelle Modellentwicklung der BBNE an. Nach Kuhlmeier & Vollmer (2018) und Kastrup & Kuhlmeier (2013) geht die BBNE heute von folgenden anerkannten berufspädagogisch-didaktischen Prinzipien aus:

  • Verschränkung von Situations-, Wissenschafts-, Persönlichkeitsprinzip
  • Handlungsorientierung (situiert, selbstgesteuert)
  • Gestaltungsorientierung (Selbstwirksamkeit, Handlungsbereitschaft, Interaktion, Kommunikation)
  • Kompetenzorientierung (Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Bildung)
  • Förderung von vernetztem/systemischem Denken (Retinität)

Um diese Prinzipien für die Lernenden erfahrbar zu machen, wurde hier als Methode das Simulationsspiel gewählt, einer Methode innerhalb des Game-based Learning, oft synonym bezeichnet als Serious Games. Dies bezeichnet im weitesten Sinne das Lernen durch und mit Spielen, wobei in diesem Segment durch technologische Fortschritte nicht mehr nur analoge, sondern auch vermehrt digitale Lernspiele entstehen. In der aktuellen Forschung (u.a. durch Gebauer, 2025; Meßner, 2023; McGonigal, 2011; Heitzmann et al., 2019) werden vor allem die Vorzüge der Game-based Learning-Arrangements hervorgehoben und neue Möglichkeiten für den Unterricht herausgestellt. Der erste Gedanke an den Einsatz eines Simulationsspiels folgt der Fragestellung: „Wie gelingt es, Lernende darin zu motivieren, in einer potenziell beängstigenden Thematik selbstwirksam und möglichst positiv Lösungen für reale, globale Probleme zu finden?“ McGonigal stellte bereit 2011 heraus, dass durch den Einsatz von Spielen in Lernprozessen Motivation und Selbstwirksamkeit durch vier Schlüsselelemente besondere Förderung erfahren: klare Ziele, fördernde Regeln, motivierendes Feedbacksystem und Entscheidungsfreiheit (vgl. McGonigal, 2011, S. 21). Aktive Mitgestaltung und individuelle Erfolgswege sowie die Abwesenheit von Fehlersanktionierung grenzen das Simulationsspiel von herkömmlichen Unterrichtsmethoden und -rahmenbedingungen ab und schaffen allein dadurch bereits Raum für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Die Literatur befasst sich aktuell intensiv mit der sich wandelnden Lebenswelt der Lernenden und den Auswirkungen auf zukünftige Kompetenzen, die u.a. im Lernkompass 2030 des OECD (vgl. OECD, 2019; siehe dazu auch Ehlers, 2020; Trilling & Fadel, 2009; Miller, 2018) beschrieben werden. Die dort hervorgehobenen Fähigkeiten der Handlungskompetenz (Student Agency) sowie den Transformative Competencies (Spannungsfelder bewältigen und Verantwortung übernehmen) führen in den methodischen Überlegungen immer wieder zu den Vorzügen des situierten Lernens in Narrativen. Dass das Lernen in Narrativen sowie das Storytelling effektive Zugänge zu komplexen Lernprozessen sind, ist traditionell durch neurobiologische (vgl. Zak, 2015, S. 10) wie auch kognitionspsychologische Grundlagenforschung belegt. Ein neuerer Forschungsaspekt ist die Mediensozialisation der Lernenden, der sich mit der veränderten Informationsverarbeitung durch Social Media und Gaming beschäftigt. So konstatiert u.a. Gillespie (2022, S. 3–4), dass Lernende durch Social Media daran gewöhnt sind, ihre Identität narrativ zu konstruieren (z.B. via Instagram Stories). Sie erwarten – oder vielmehr erhoffen sich – auch im Unterricht, dass Inhalte eine persönliche Relevanz (einen „Hook“) haben. Laut der Metastudie von Hattie (2023, S. 401–402) erreichen Simulationen eine Effektstärke, die einen soliden, positiven Lerneffekt aufweist, der jedoch stark davon abhängt, wie gut die Lehrkraft das Spiel in den Unterricht einbettet und nachbereitet. Ihr größtes Potenzial liegt dabei weniger in der reinen Faktenvermittlung, sondern in der deutlichen Steigerung von Motivation und Transferfähigkeit.

Im Sinne der aktuellen KMK-Empfehlung zur BNE (2024, S. 6) folgt dieser Ansatz also der UNESCO-Strategie, die „Kompetenzen zum systemischen und zum vorausschauenden Denken und zum strategischen Handeln, Problemlösekompetenzen und die Fähigkeit zum kritischen Denken sowie Selbstkompetenzen“ als Schlüsselfaktoren für gesellschaftlichen Wandel hervorhebt. Indem die Lernenden nicht nur über Nachhaltigkeit hören, sondern in der Rolle von Experten und Ministern darüber entscheiden, erfahren sie eine Steigerung ihrer Selbstwirksamkeit, was den Kern des hier dargestellten Lehr-/Lernarrangements ausmacht.

Die dritte Säule ist die Zukunftskompetenz. Sie ist eng an das Verständnis von Systemen gekoppelt, da zukünftige Entwicklungen selten linear verlaufen. In einer komplexen Welt ist die Fähigkeit zum vernetzten Denken ein wichtiger Faktor, um darüber zu entscheiden, ob man als Individuum auf Veränderungen nur reagiert oder sie aktiv mitgestaltet (vgl. Vester, 2004, S. 100–102 sowie S. 110). Zukunftskompetenz erfordert also die Fähigkeit, Konsequenzen heutigen Handelns in fiktiven Zukunftsszenarien zu durchdenken, ohne reale Risiken einzugehen. Sie ist ebenfalls im TESTEd-Syllabus, wenn auch unter anderer Begrifflichkeit, ein ausgewiesenes Ziel von BNE:

Envisioning possible sustainable futures refers to the ability to creatively imagine and visualize alternative possible scenarios. In the context of ESD, this may, for example, involve exercising exploratory thinking and imagination to come up with sustainable alternatives to our current way of living. This approach highlights not only the uncertainty inherent to the idea of the future but most importantly and in relation to ESD, the idea that the future is open and dependent on our actions. (TESTEd Consortium, 2025, S. 6)

Wichtig ist dabei – und hier kommt einer der großen Vorteile von Simulationsspielen zum Tragen – als Schüler:in ohne Einschränkungen die Möglichkeit zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne dabei eine konkrete Steuerung durch die Lehrkraft zu erfahren. Schulen fungieren daher als „Laboratorien der Zukunft“ (angelehnt an den Titel der 18. Architektur-Biennale aus dem Jahr 2023 mit Titel „The Laboratory of the Future“, vgl. o.V., 2023), in denen die Schlüsselqualifikation ausgebildet wird, in einer Welt von zunehmender Komplexität und Ungewissheit mögliche Zukünfte zu antizipieren und zu gestalten (vgl. Burow, 2022).

Die vierte Säule der didaktischen Konzeption ist die Demokratiepädagogik. Das Spiel soll klassische Future Skills wie Urteilsfähigkeit (Priorisierung der 17 SDGs), Systemkompetenz (Verstehen globaler Zusammenhänge) und Kooperationsfähigkeit (Aushandlungsprozesse in den Ministerien) ausbilden und fördern; grundlegende Kompetenzen des demokratischen Denkens und Handelns. In der BNE wird Nachhaltigkeit nicht als rein ökologisch, sondern als politische Herausforderung verstanden, die nicht als feststehendes Ziel, sondern als normativer Suchprozess gesehen wird, der demokratisch ausgehandelt werden muss (vgl. de Haan, 2002 & 2008, einem der ‚Gründerväter‘ der BNE, oder Stoltenberg & Burandt, 2014, die BNE als zentralen Teil demokratischer Bildung betrachten). Ein zentrales Ziel demokratischer Bildung ist die Befähigung zur Teilhabe (vgl. Bendig, 2018, S. 21). BNE erweitert dies um die Zukunftsdimension. Michelsen & Fischer (2019, S. 23) fassen zusammen:

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist in dieser kritischen und verständigungsorientierten Ausrichtung stets auch als ein Ansatz Politischer Bildung zu verstehen. Schließlich richtet sich der in der Bildung für nachhaltige Entwicklung enthaltene Zukunftsbezug nicht nur auf den Entwurf einer individuell verantwortlichen Zukunft. Es geht eigentlich darum, individuelles Handeln auch im Ziel auf bestehende und künftige gesellschaftliche, politische Auswirkungen – vor allem unter einer globalen Perspektive – reflektieren und sich in deren zukunftsfähige Gestaltung produktiv einmischen zu können.

2.2.2 Konkrete Entwicklung des Lehr-/Lernarrangements

Die Erstellung des Lehr-/Lernarrangements stellte im Teacher Training des TESTEd-Projektes, neben der Bearbeitung der auf die fünf Querschnittsthemen bezogenen Syllabi und der Planung und Durchführung eine Multiplier Trainings in der Stammschule, einen von drei großen Arbeitsprozessen dar. Von September bis November 2023 erarbeiteten die teilnehmenden Lehrkräfte Grundlagenwissen in zwei bis drei frei gewählten Querschnittsthemen, was als obligatorisch für die weitere Teilnahme am Projekt angesehen wurde. Im Rahmen dieser Qualifizierungsmaßnahme fokussierte sich die inhaltliche Auseinandersetzung zunächst auf die Auswahl und Durchdringung der ausgewählten Querschnittsthemen – im Falle des btg‘ waren dies: Nachhaltigkeit, Demokratiebildung und Mehrsprachigkeit. Begleitend dazu führten die Teilnehmenden ein prozessorientiertes Portfolio, welches der kontinuierlichen Dokumentation und metakognitiven Reflexion der individuellen Lernfortschritte diente.

Darauf aufbauend wurde von Dezember 2023 bis Januar 2024 eine handlungsorientierte Praxisphase initiiert, in der die Lehrkräfte eigene, theoriegeleitete Lehr-/Lernarrangements konzipierten und ausgestalteten. Diese Entwürfe adressierten entweder spezifisch eines der genannten Querschnittsthemen oder verknüpften diese intersektional. Die entwickelten Konzepte wurden anschließend im Plenum des Teacher Trainings sowie in Anwesenheit ausgewählter Projektinitiatorinnen und -initiatoren präsentiert und zur fachlichen Diskussion gestellt. Zur nachhaltigen Sicherung der Ergebnisse und zur Förderung einer offenen Wissenskultur wurden die Präsentationen videografiert und anschließend als Open Educational Resources (OER) online zur Verfügung gestellt (vgl. Brück, 2025).

Das im Anschluss an die Präsentationen generierte multiperspektivische Peer-Feedback bildete die Grundlage für eine systematische Überarbeitung und fachdidaktische Optimierung der jeweiligen Lehr-/Lernarrangements. In der darauffolgenden, ebenfalls online-gestützten Projektphase in Februar und März 2024 erfolgte eine gezielte Anleitung zur Multiplikation: Die Lehrkräfte planten eine theoriegeleitete Fortbildungsmaßnahme zu einem der erarbeiteten Querschnittsthemen für das Kollegium ihrer jeweiligen Einzelschulen. Der Prozess schloss mit der Präsentation dieser schulinternen Implementierungsstrategien ab, um den strukturellen Transfer der erworbenen Kompetenzen in die breitere Schulpraxis und Organisationsentwicklung zu gewährleisten.

Optional stand es den Lehrkräften nach den beschriebenen obligatorischen Projektphasen frei, das in den Multiplikatoren-Phase erstellte Fortbildungsvorhaben real umsetzen, was im btg im Oktober 2024 im Rahmen eines abteilungsinternen pädagogischen Tages durchgeführt wurde. Für die Durchführung und Evaluation erhielt das btg daraufhin im April 2025 das Schulsiegel des Projektes. Zudem bestand auch nach Abschluss des Teacher Trainings 2023/24 die Möglichkeit, als Alumni weiterhin an Projekttreffen und Peer-Feedbackrunden des Projektkurses 2024/25 mitzuwirken, welche das btg ebenfalls wahrnahm.

2.2.3 Zielsetzungen & Struktur

Das Lehr-/Lernarrangement ist fachlich wie methodisch ursprünglich auf die Durchführung im unterrichtlichen Kontext des Fachs „Politik/Gesellschaftslehre“ am Berufskolleg ausgelegt. Im Rahmen des TESTEd-Projektes wurde innerhalb der kollegialen Evaluation des Unterrichtsvorhabens von Seiten der teilnehmenden Lehrkräfte aus Portugal, Irland und Finnland die Anregung vorgenommen, dass sich das Unterrichtsmaterial auch für weitere Unterrichtsfächer an weiterführenden Schulen eigne. In Hinblick auf die Thematik und Methodik lassen sich auch Einsatzmöglichkeiten in verschiedenen Bildungsgängen innerhalb des Berufskollegs ausmachen.

Inhaltlich wird im Arrangement darauf abgezielt, ein vertieftes Verständnis für Nachhaltigkeit als politisches, ökologisches und ökonomisches Prinzip zu entwickeln. Dabei steht schwerpunktmäßig nicht die Vermittlung von Fachwissen im Vordergrund, obgleich es als eine wichtige Grundlage zum Auf- und Ausbau weiterer Kompetenzen dienlich sein wird. Der intendierte Fokus liegt vielmehr auf der Urteils- und Entscheidungs- sowie Zukunftskompetenz, welche nötig sind, um sich als Lernende als selbstwirksame, politisch relevante Personen zu erleben, die in der Lage sind, welt- und umweltpolitische Konflikte wahrzunehmen und mögliche Lösungswege zu entwerfen. Die inhaltlich-fachlichen Grundlagen sind der Rahmen, in dem sich diese Konflikte und Lösungswege exemplarisch bewegen. So wird der globale Klimawandel sowie die international in verschiedenen Ausprägungen bestehende soziale Ungleichheit und -gerechtigkeit von der großen Bühne „Welt“ auf die deutlich kleinere Spielarena „Deutschland“ reduziert, um unter anderem Anschaulichkeit und den eigenen Lebensweltbezug gewährleisten zu können. Lerntheoretisch kann mit dem konkreten Verständnis der innerpolitischen Konfliktlandschaft und ihren Lösungsmöglichkeiten im Nachgang des Spieles über De- und Rekontextualisierung eine passende Übertragung des Gelernten auf die größere Ebene „Welt“ erfolgen (vgl. dazu exemplarisch Krakau, 2018, S. 13; 25). In Tabelle 3 sind die intendierten Kompetenzen des Lehr-/Lernarrangements aufgeführt.

Tabelle 3: Übersicht der intendierten Kompetenzen des Lehr-/Lernarrangements

Fachkompetenz

Methoden- und Sozialkompetenz

Urteils- und Entscheidungskompetenz

Zukunftskompetenz

Systemwissen zu Akteuren: Arbeitsfelder und Ziele einzelner Ministerien sowie staatlicher und nicht-staatlicher Akteure (NGOs, Lobbygruppen)

Argumentation und Präsentation: Erweiterung der Fähigkeiten, komplexe Sachverhalte überzeugend darzustellen und zu begründen (im Rahmen des „Pitchs“)

Bewertung und Priorisierung: Kritische Einschätzung, Evaluation und Vergleich der 17 Ziele mit anschließender individueller Priorisierung

Zukunftsentwürfe Mögliche nachhaltige Zukünfte entwerfen (Envisioning possible sustainable futures)

Wissen zu Nachhaltigkeitszielen: Vertieftes Wissen über die 17 internationalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der UN

Interessenanalyse: Die Fähigkeit, hinter den Positionen der Akteure die zugrundeliegenden Interessen aufzudecken und zu vergleichen

Eigene Positionierung: Entwicklung eines eigenen Standpunkts im Kontext möglicher Zielkonflikte

Handlungsfähigkeit (Agency): Wissen um die eigene Wirksamkeit und deren Nutzung für globalen Wandel (Harnessing agency)

Prinzipienverständnis: Verständnis von Nachhaltigkeit als zentrales Prinzip für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen

Recherchekompetenz: Eigenständiges Recherchieren von realen Projekten und Programmen zur Problemlösung

Mehrdimensionale Analyse und Auswertung: Untersuchung von Ressourcenkonflikten unter politischen, ökologischen, ökonomischen und technologischen Aspekten

 

Die Tabellen 4 und 5 sowie Abbildung 4 stellen die Struktur, die Elemente und den Ablaufplan des Simulationsspiels dar: Die Lernsituation beginnt mit einem fiktiven Szenario: Die Bundesregierung Deutschlands stellt einen Sondervermögensfond von 200 Milliarden Euro bereit, um das Leben in Deutschland und der Welt nachhaltiger zu gestalten. Die Lernenden erfahren, dass das Geld jedoch nicht einfach verteilt wird, sondern deren Vergabe an konkrete Bedingungen und stichhaltige Argumente geknüpft ist. Über die Verteilung entscheidet ein Team von Nachhaltigkeitsexperten auf der Grundlage von sogenannter „Pitches“, die verschiedene Arbeitsbereiche und Interessengruppen innerhalb von Regierung und Gesellschaft (Gesundheits-, Arbeits-, Umwelt-, Wirtschafts- und Außenministerium sowie soziale Interessengruppen) repräsentieren.

Tabelle 4: Elemente des Lehr/-Lernarrangements

Element des Arrangements

Konkretisierung im Simulationsspiel

Didaktische Funktion

Ausgangsszenario

Fiktiver Sondervermögensfonds der Bundesregierung in Höhe von 200 Milliarden Euro zur Förderung nachhaltiger Entwicklung.

o  Herstellung von Problem- und Lebensweltbezug

o  Motivation durch realitätsnahe politische Entscheidungssituation

Rollenstruktur

Rollenübernahme als Ministerium, Interessengruppen und Nachhaltigkeitsexperten

o  Perspektivwechsel, damit:

o  Förderung multiperspektivischen Denkens

o  politischer Urteilsbildung

Nachhaltigkeitsziele als Bezugsrahmen

Orientierung an den 17 SDG

Normativer und inhaltlicher Orientierungsrahmen für Bewertung und Entscheidungsfindung.

Inhaltlich-mediale Basis

Digitale Plattform mit über 40 fiktiven Projekten und Programmen inklusive Investitionssummen und Zielsetzungen.

Ermöglichung eigenständiger Recherche, Analyse und Priorisierung komplexer Informationen.

Recherche- und Arbeitsphase

Eigenständige Informationsbeschaffung und Vorbereitung der Arbeitsgruppen.

o  Entwicklung von:

o  Selbstorganisation

o  Recherchekompetenz

o  kooperativem Arbeiten

Pitch-Format

Präsentation ausgewählter Projekte in maximal dreiminütigen Kurzvorträgen.

o  Entwicklung:

o  argumentativer

o  kommunikativer

o  präsentationsbezogener

Kompetenzen.

Kriteriengeleitete Bewertung

Entwicklung eines Kriterienkatalogs durch die Nachhaltigkeitsexperten auf Grundlage der SDG

o  Entwicklung von analytischer Fähigkeiten

o  transparenter und begründeter Entscheidungsprozesse

Konflikt- und Aushandlungssituation

Konfrontation unterschiedlicher Interessen, Prioritäten und Zukunftsvorstellungen.

Erfahrbarmachung politischer Zielkonflikte und demokratischer Aushandlungsprozesse.

Handlungs- bzw. Entscheidungsprodukt

Auswahl der geförderten Projekte durch das Expertenteam

Sichtbares Handlungsprodukt als Ergebnis kollektiver Entscheidungsfindung

Reflexions- und Evaluationsphase

Grafische Auswertung der berücksichtigten SDG sowie moderierte Abschlussdiskussion

o  Reflexion von Entscheidungen, Wertmaßstäben und Zukunftsvorstellungen

o  Transfer auf gesellschaftliche Nachhaltigkeitsfragen

Tabelle 5: Lehr/-Lernarrangement gemäß vollständiger Handlung

Phase gemäß
vollständiger Handlung

Umsetzung im
Lehr-/Lernarrangement

Didaktische Funktion und Kompetenzbezug

Informieren

o  Einführung des fiktiven Szenarios eines staatlichen Sondervermögensfonds zur Förderung nachhaltiger Entwicklung

o  Darstellung der Rahmenbedingungen der Mittelvergabe

o  Einführung in Rollen und Aufgaben

o  Problem- und Situationsorientierung

o  Aktivierung von Vorwissen

o  Aufbau eines gemeinsamen Problemverständnisses zu Nachhaltigkeit und Zielkonflikten

Planen

o  Rollenverteilung in:

o  Antragsteller (Ministerien/ Interessengruppen) und

o  Nachhaltigkeitsexperten

o  Strukturierung der Arbeitsaufträge

o   Planung der Recherche- und Bewertungsstrategien

o  Förderung von:

o  Selbstorganisation

o  Arbeitsplanung und

o  kooperativer Abstimmung

o  Vorbereitung zielgerichteten Handelns

Entscheiden

o  Festlegung der zu verfolgenden Projekte und Programme

o  Antragsteller wählen und priorisieren bis zu vier Pitches

o  Experten entwickeln Kriterienkatalog auf Basis der SDGs und treffen eine Vorauswahl relevanter Projekte

o  Entwicklung von Urteils- und Entscheidungskompetenz

o  normative Orientierung an Nachhaltigkeitszielen

o  bewusster Umgang mit Wertmaßstäben

Ausführen

o  Recherche realitätsnaher Projekte über eine digitale Plattform

o  Zuordnung zu SDGs

o  Ausarbeitung und Präsentation der Pitches

o  Durchführung der Pitch-Simulation

o  handlungsorientiertes Lernen

o  Förderung fachlicher Recherche-, Kommunikations- und Präsentationskompetenzen

o  simulationsbasiertes berufliches Handeln

Kontrollieren

o  Öffentliche Beratung im Expertenteam über die Qualität der Pitches, die Passung zu SDGs sowie Effizienz und Wirkung der Projekte

o  Abgleich mit dem Kriterienkatalog

o  Überprüfung von Entscheidungen anhand zuvor definierter Maßstäbe;

o  Förderung analytischer und evaluativer Kompetenzen

Bewerten / Reflektieren

o  Endgültige Förderentscheidung als Handlungsprodukt

o  grafische Auswertung der berücksichtigten SDGs

o  moderierte Plenumsdiskussion zur Einordnung der Ergebnisse

o  Reflexion individueller und kollektiver Entscheidungen

o  Einbettung in gesamtgesellschaftliche Nachhaltigkeitszusammenhänge

o  Stabilisierung bzw. Revision eigener Positionen

Nach der Rollenverteilung erfolgt die Phase der Erarbeitung und Recherche. In dieser Phase arbeiten die Gruppen parallel an unterschiedlichen Aufgaben:

  • Die Antragsteller recherchieren (online) nach Projekten und Programmen, die zu ihrem Ressort passen. Ihr Ziel ist es, maximal vier überzeugende „Pitches“ vorzubereiten, um Gelder zu akquirieren und die Interessen ihres Ressorts angemessen zu vertreten.
  • Die Experten arbeiten sich intensiv in die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und deren Unterziele ein. Sie erstellen einen internen Kriterienkatalog und treffen auch eine erste Vorauswahl der für sie besonders interessanten Projekte und Programme, um später die Anträge bewerten zu können.

Abbildung 4: Ablaufplan des SimulationsspielsAbbildung 4: Ablaufplan des Simulationsspiels

Über eine Online-Plattform (TaskCard; siehe Abbildung 5) können über 40 fiktive Projekte und Programme mit ihrer jeweiligen Agenda und Investitionssumme eingesehen und ausgewählt werden. Der Zusammenhang der Projekte zu einem oder mehreren Nachhaltigkeitszielen muss selbstständig hergestellt und die Dringlichkeit bzw. die zu erwartende Effektivität eines Projektes antizipiert werden. Die Arbeitsgruppen priorisieren auf der Grundlage eigener Wertmaßstäbe und Zukunftsvisionen, welche Projekte sie realisiert sehen möchten und bemühen sich darum, in kurzen, aber aussagekräftigen Pitches ihre ausgewählten Projekte zu promoten.

Abbildung 5: Auszug aus der Online-Projekt-Plattform zum fiktiven SondervermögenAbbildung 5: Auszug aus der Online-Projekt-Plattform zum fiktiven Sondervermögen

In der vierten Phase werden den Nachhaltigkeitsexperten die „Pitches“ mit einer zeitlichen Maximalgrenze von 3 Minuten präsentiert. Dies ist der interaktive Kern der Simulation, an den die letzte Phase der Entscheidung und gemeinsamen Evaluation anschließt. Öffentlich wird dabei im Expertenteam darüber beraten, welche Projekte gefördert werden und die Summe des Sondervermögens am effizientesten eingesetzt werden kann. Die endgültige Auswahl der Gruppe der Nachhaltigkeitsexperten stellt das Handlungsprodukt dar. Abschließend wird dem Plenum, nach einer Auswertung durch die Lehrkraft, grafisch dargestellt, welche Kategorien der 17 Ziele die größte Berücksichtigung bei der Entscheidungsfindung gefunden haben. Dies dient dazu, einerseits die konkreten Entscheidungen für bestimmte Projekte in einem größeren Zusammenhang betrachten zu können und daraufhin in einer Diskussion über die Ergebnisse individuelle Positionierungen zu festigen, hinterfragen und/oder zu ändern.

Das Simulationsspiel ist so angelegt, dass mehrere Richtungswechsel in der Strategie der Arbeitsgruppen, aber auch der Nachhaltigkeitsexperten möglich sind. Die Nachhaltigkeitsexperten treffen eine Vorauswahl aus den Projekten, die zunächst auf ihren eigenen Wertesystemen aufbauen, und werden daraufhin mit argumentativen Vorschlägen einzelner Interessengruppen konfrontiert. An dieser Stelle entstehen die ersten potenziellen Friktionen und die Lernenden müssen über Akzeptanz oder Abgrenzung vom Präsentierten entscheiden. Nach Ablauf der Simulation wird im Sinne einer formativen Evaluation der Blick aller Teilnehmenden – Lernende wie Lehrkraft – auf die verschiedenen Ebenen und Metaebenen des Spiels geworfen.

2.2.4 Konkrete unterrichtliche Umsetzung

Die Erprobung des Simulationsspiels erfolgte im aktuell laufenden Schuljahr 2025/26 im bislang prototypisch ersten Zyklus in der Mittelstufe der dreijährigen (Höheren) Berufsfachschule für Gestaltungstechnik, die zu einem Berufsabschluss nach Landesrecht und zum schulischen Teil der Fachhochschulreife führt.

Die Lerngruppe besteht aus 20 Lernenden im Alter von 18 bis 20 Jahren, von denen sich ein Großteil durch eine hohe Leistungs- und Lernbereitschaft auszeichnet. Die Lernenden zeigen eine durchgehend engagierte Arbeitshaltung, widmen sich Arbeitsaufträgen zuverlässig und halten sich an Absprachen. In der Vergangenheit fiel es ihnen mitunter noch schwer, für einen Themenkomplex notwendiges Fachwissen miteinander zu verknüpfen und für spätere Unterrichtsvorhaben zu systematisieren. Die Lernenden kennen das Modell der vollständigen Handlung durch vorherige Unterrichtsvorhaben und sind in der Lage, weitgehend selbstständig mögliche Arbeitsschritte zu definieren und ein Handlungsprodukt festzulegen.

Die konkrete Umsetzung des Lehr-/Lernarrangements erfolgte innerhalb eines zeitlichen Rahmens von zehn Unterrichtseinheiten. In der Initialphase wurden die Lernenden mit dem narrativen Rahmen „I’m Packing my Suitcase …“ konfrontiert, wobei das fiktive Sondervermögen in Höhe von 200 Milliarden Euro als zentraler Motivationsfaktor und Handlungsanker diente. Die Zuteilung der Rollen in Form verschiedener Ministerien erfolgte eigenverantwortlich durch die Schülerinnen und Schüler.

Im weiteren Verlauf der Erarbeitungs- und Verhandlungsphase identifizierten die Gruppen konkrete Projekte und priorisierten diese hinsichtlich ihrer Relevanz für die 17 SDGs. Hierbei zeigten die Lernenden eine hohe Zuverlässigkeit und methodische Souveränität bei der Anwendung kooperativer Arbeitsformen. In der praktischen Umsetzung offenbarte sich jedoch eine fachliche Barriere bei der Rollenidentifikation: Einigen Schülerinnen und Schülern fiel es schwer, sich in die spezifische Perspektive von Ministeriumsmitarbeitenden hineinzuversetzen. Trotz der grundsätzlichen Leistungsbereitschaft der Lerngruppe war das systemische Vorwissen über die konkreten Zuständigkeiten, Hierarchien und Aufgabenbereiche der realen Ministerien nicht in ausreichendem Maße präsent, um eine authentische Simulation unmittelbar aufnehmen zu können.

Dies führte zu einer prozessualen Verzögerung im geplanten Ablauf des Lehr-/Lernarrangements. Um die Handlungsfähigkeit der Lernenden innerhalb der Spielnarrative sicherzustellen, musste eine ungeplante Sequenz zur Recherche und Wiederholung der ministerialen Strukturen integriert werden. In dieser Phase erarbeiteten die Lernenden die Abgrenzungen zwischen den Ressorts, um die für das Spiel notwendige fachliche Basis für spätere Verhandlungsprozesse zu legen.

In der darauffolgenden Aushandlungsphase erwies sich die intendierte Entscheidungsfreiheit als wesentlicher Katalysator für eine hohe Gestaltungs- sowie Handlungskompetenz (Student Agency). Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten entwickelten die Lernenden im diskursiven Prozess eine zunehmende Sicherheit im Umgang mit komplexen Zielkonflikten. Ein besonderer Erfolg wird hier bei den kombinierten Kriterien der didaktischen Konzeption des Simulationsspiels gesehen: Die präsentierten Pitches der unterschiedlichen Ministerien und die folgenden Diskussions- und Beratungsphasen machten ein zunehmendes Vernetzungsdenken und Systemverständnis in Bezug auf nachhaltige Politik und demokratische Prozesse sichtbar. Auch der Gruppe der Nachhaltigkeitsexperten gelang es, eine kompromissfähige Strategie zu entwickeln, um die begrenzten Mittel des Sondervermögens wirksam einzusetzen.

Die abschließende Reflexionsphase – siehe auch das folgende Kapitel 2.3 – diente dazu, die im Spiel gemachten Erfahrungen auf reale gesellschaftliche Herausforderungen zu transferieren. Während das Zeitmanagement – besonders bei der Unterstützung der Wissensorganisation – herausfordernd war, lässt die Evaluation auf eine hohe Wirksamkeit des Arrangements schließen. Die Lernenden zeigten sich letztlich in der Lage, nachhaltige Handlungsstrategien konsistent zu verfolgen und die Reichweite ihrer Entscheidungen im Kontext eines realen Nachhaltigkeitstransfers kritisch zu reflektieren.

2.3 Formatives Assessments des Lehr-/Lernarrangements

Bereits im Vorfeld des Erstellens der unterrichtlichen Materialien wurde festgelegt, wie Reflexionen und Evaluationen in Qualität und Quantität adäquat in das Lehr-/Lernarrangement integriert werden sollen. Geleitet durch Forschungen zur pädagogischen Diagnostik wird hier als Diagnoseinstrument die formative Evaluation (vgl. grundlegend Scriven, 1972, S. 61–64; auch Bloom et al., 1971, S. 117–118; Beutner, 2018, S. 120–128) genutzt, die den Fokus auf den Lernprozess statt auf das bloße Endprodukt richtet. Nach Chernikova et al. (2020, S. 505) ist formative Evaluation sogar notwendig, um im simulationsbasierten Lernen Adaption und Scaffolding zu initiieren und sichtbar zu machen.

Im eigentlichen Designprozess der Unterrichtsmaterialien ergaben sich organisch Sollbruchstellen, an denen sich die Lernenden bewusst in eine Reflexionsphase zurückziehen. Diese Phasen dienen einer inneren Evaluation im konkreten Bezug auf die Auswahl und Begründung der ausgewählten Projekte.

Kompetenzen für nachhaltige Entwicklung sind keine statischen Fakten, sondern zeigen sich im dynamischen Handeln. Auch de Haan (2010, S. 319–321) betont, dass Gestaltungskompetenz im Kontext von Nachhaltigkeit nur durch die Reflexion über das eigene Handeln und dessen Wirkung auf komplexe Systeme im Sinne eines Systemverständnisses bewertet werden kann. Daher wird ein konkreter Blick auf die vermeintlichen Handlungen innerhalb der Simulation geworfen – also der Auswahl der Projekte sowie der Begründung zu dieser Auswahl. Um hier eine reflexive Praxis einzubringen, werden Auswahl, Begründung sowie ein eventueller Wechsel in der Strategie dokumentiert, um kognitive Prozesse sichtbar zu machen.

Ergänzt und bewusst von den inneren Reflexions- und Evaluationsphasen abgegrenzt, erfolgen zwei weitere – äußere – Evaluationen, die sich mit den Metaebenen des eigenen Lern- und Handlungsprozesses beschäftigen. Es werden sechs Evaluationsdimensionen in den Fokus genommen, wobei jeweils drei Dimensionen auf die Lernenden und die Lehrkräfte abzielen (siehe Tabelle 6).

Tabelle 6: Evaluationsdimensionen

Evaluationsdimensionen mit Fokus auf die Lernenden

Evaluationsdimensionen mit Fokus auf die Lehrkräfte

Motivation

Engagement:

Interner Zustand; Einschätzung, ob Engagement aus echtem Interesse oder externem Druck resultiert

Kommunikation

Diskursfähigkeit & Kollaboration:

Qualität der Argumente, aktives Zuhören, Koordination in Teamprozessen

Reflexion

Transfer:

Individuelle Beurteilung, inwiefern die Verbindung von Simulation und realen Anwendungsmöglichkeiten geglückt ist

Prozess

Aktivität & Dokumentation:

Balance zwischen Eigensteuerung und Anleitung, Festhalten von Ergebnissen

Handlung

Strategische Umsetzung:

Konsistenz in der eigenen nachhaltigen Strategie / Kursänderungen durch Spielzwänge / bewusste Umorientierung

Adaptionskompetenz

Kognitiv

Systemverständnis:

Entscheidungsbegründungen als Hinweise auf planvolles Handeln

Ein wesentlicher Aspekt des formativen Assessments in diesem Simulationsspiel ist der Rollenwechsel der Lehrkraft. Statt einer instruktiven Vermittlung tritt die Lehrkraft als prozessbegleitender Coach auf, der Scaffolding betreibt. Die fortlaufende Diagnose der Kompetenzentwicklung während der Simulation ermöglicht demnach zielgerichtete Interventionen durch die Lehrkräfte, um den Lernenden notwendige Unterstützung zu bieten, ohne den Spielfluss oder die Eigenverantwortung zu untergraben. Dieser Ansatz folgt dem Verständnis eines formativen Assessments, bei dem Rückmeldungen nicht als abschließende Bewertung, sondern als regulatorische Hilfe für den weiteren Lernprozess dienen (vgl. Ruelmann et al., 2023, S. 103-104).

Basierend auf lerntheoretischen Grundlagen (wie dem Konstruktivismus und der Selbstbestimmungstheorie) sowie auf Erfahrungen der pädagogischen Diagnostik lassen sich die sechs Dimensionen sinnvoll zwischen einer Fremdeinschätzung (Lehrkräfte) und einer Selbsteinschätzung (Lernende) aufteilen. Im Sinne der formativen Evaluation werden die Lernenden während der Phase der Recherche und Auswahl einmalig aus ihrer Rolle genommen, damit die bisherigen Erlebnisse in der Simulation von außen betrachtet werden. Die Ergebnisse der laufenden Evaluation ermöglichen es, Rollen, Materialien und den Grad der Selbststeuerung unmittelbar an den Bedarf der Lernenden anzupassen (vgl. Seifried & Eckhardt, 2022, S. 218).

Diese Aufteilung folgt dem Prinzip der Triangulation: Während Lehrkräfte besser in der Lage sind, beobachtbares Verhalten und strukturelle Logik zu bewerten, sind Lernende die Experten für ihre eigenen internen Prozesse und den individuellen Transfer, sodass ein möglichst vielschichtiges Verständnis von den beobachteten Kompetenzen und Handlungen entsteht (vgl. Flick, 2017).

3 Resümee: Reflexion und Transfer des Lehr-/Lernarrangements

In komprimierter Form wird im den Beitrag abschließenden Kapitel folgend auf Aspekte der Reflexion, des Transfers und der Weiterentwicklung des Lehr-/Lernarrangements geblickt.

3.1 Überlegungen und Erkenntnisse reflektieren

Im Rahmen der oben beschriebenen prototypischen Erprobung des Lehr-/Lernarrangements zeigten sich folgende Facetten im Sinne einer Reflexion als (hier) erwähnenswert:

(1) Der organisatorische Aufbau sowie die inhaltlichen Unterscheidungen von Aufgaben- und Geltungsbereichen der Ministerien und Interessengruppen innerhalb der Bundesregierung waren den Lernenden nicht hinreichend präsent, sodass sie anfänglich Probleme hatten, sich gedanklich angemessen in ihren Rollen einzufinden. Es musste ein Exkurs durch die Lehrkraft angeboten werden, um letztlich ein volles Eintauchen ins geplante Narrativ zu ermöglichen. Um diesen Umweg in künftigen Lerngruppen zu vermeiden, wird der Exkurs durch zusätzliches Material zu den Rollen organisch mit in die explizite Planungsphase, in der es um die Rollenverteilung geht, mit eingebunden. Hier sind derzeit kurze Einführungsvideos für jede Rolle in Vorbereitung, um eine höhere Medienvarianz einzubringen und auch aus zeitlichen Gründen die Textlastigkeit zu minimieren.

(2) Das räumliche Setting wird bei den folgenden Durchgängen intensiver mitberücksichtigt werden. Die Standardgröße und Geräuschkulisse eines Klassenraumes zeigten sich als eher ungeeignet für ruhige und vertiefende Gruppengespräche und Vorbereitung von Pitches. Hier soll das Unterrichtssetting in Entscheidungs- und Ausführungsprozessen innerhalb der vollständigen Handlung so ausgeweitet werden, dass isolierte Gespräche und ungestörtes Arbeiten ermöglicht werden. Auch die Nutzung von Distanzunterricht in diesen speziellen Phasen ist denkbar.

(3) Bei der Auswertung der Zwischenevaluation wurde verstärkt Wert auf Fragen gelegt, die das Evozieren von Immersionsgefühlen bei den Lernenden betrafen. Hier zeigte sich ein sehr heterogenes Bild, doch anhand von Hinweisen, die die Lernenden angaben, lassen sich einige wichtige Rückschlüsse auf ein übergeordnetes Gestalten des Simulationsspieles ziehen. Insgesamt sollte aus der Sicht der Lernenden der Spielcharakter deutlicher gemacht werden, um das Lehr-/Lernarrangement merklich von den sonstigen Lernsituationen abzuheben. Aktuell erörtert wird für den nächsten Durchgang in einer anderen Lerngruppe ein stärkeres Hervorheben des Simulationscharakters mit beispielsweise Ankündigungspostern, Email-Einladungen oder einer medialen Plattform wie einer Website, auf der dann Bilder und anstehende Treffen einen offizielleren und realeren Eindruck bei Lernenden hinterlassen.

(4) Die Grundidee des Lehr-/Lernarrangements und speziell die Pitch- und Auswahlmethodik wurden von den Lernenden so positiv hervorgehoben, dass hier derzeit keinerlei Änderungen vorgenommen werden. Besonders die „Befriedigung, das Richtige getan zu haben“ überwiegten in der Zwischenevaluation derart, dass die Lernenden auch in Kauf nahmen, kurzfristige und günstigere Projekte auszuschlagen, um langfristig nachhaltigere Ergebnisse in Deutschland zu erzielen.

(5) Insgesamt konnte bereits nach der Zwischenevaluation von einem Erfolg des Simulationsspiels gesprochen werden, da sich 73% der Befragten vorstellen können, ein solches Lehr-/Lernarrangement auch in anderen Unterrichtsfächern durchzuführen und ebenfalls 73% der Lernenden angaben, eine hohe Selbstwirksamkeit in der Simulation erlebt zu haben.

3.2 Überlegungen und Erkenntnisse transferieren

Entwicklungsvorhaben sind im btg stets auf einen Transfer angelegt. Tabelle 7 zeigt hier ausgewählte inner- und außerschulische Transferoptionen des Lehr-/Lernarrangements auf:

Tabelle 7: Transferoptionen des Lehr-/Lernarrangements

Innerschulische Transferoptionen

Außerschulische Transferoptionen

Curriculare Integration: Einbindung als Lerneinheit in bestehende Lernfelder anderer Bildungsgänge

Kooperation mit Ausbildungsbetrieben: Gemeinsame Pitch-Events und/oder Übernahme realer Projektteile

Lehrkräfteentwicklung: Fortbildungsworkshops, Hospitationen etc.

Regionale Entwicklungsprojekte: Integration in regionale Förderprojekte zur (B)BNE

Prüfung & Zertifizierung: Entwicklung von Bewertungsrubriken und/oder Anerkennung als Prüfungsleistung

Dissemination & Öffentlichkeitsarbeit: (Fach)Publikationen, Ausstellungen, Medienberichte, Website- und Social-Media-Beiträge, Konferenzbeiträge; Folgeprojekte etc.

Die Ergebnisse der Entwicklungs- und Erprobungsphase zeigen, dass das Lehr-/Lernarrangement kein Einzelprojekt sein muss, sondern ein hohes Transferpotenzial für unterschiedliche Bereiche der beruflichen Bildung bietet. Dies folgt insbesondere aus der offenen Struktur des Arrangements, der Orientierung an den SDG sowie der Verbindung von simulationsbasiertem Lernen, handlungsorientierter Didaktik und nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzentwicklung.

Innerschulische Implementierung und curriculare Verankerung: Ein zentrales Transferpotenzial besteht in der Einbindung in bestehende Curricula. Aufgrund seines modularen Aufbaus lässt sich das Arrangement als abgeschlossene Lerneinheit in die Lernfelder verschiedenster Bildungsgänge integrieren. Die inhaltliche Orientierung an den 17 SDGs ermöglichst dabei eine Adaption für unterschiedliche fachliche Schwerpunkte.

Über den unmittelbaren Unterricht hinaus kann das Projekt auch als Impuls für die Schulentwicklung dienen. Durch Hospitationen und gezielte Fortbildungsworkshops kann das bei der Entwicklung und Erprobung gewonnene methodische Wissen in das Kollegium transferiert werden.

Um das Angebot langfristig zu sichern, steht zudem die Entwicklung transparenter Bewertungsraster im Mittelpunkt. Ziel ist es dabei, die im Spielverlauf gezeigten Urteils- und Entscheidungskompetenzen als Teil von Prüfungsleistung anzuerkennen.

Außerschulischer Transfer und Lernortkooperation: Das Arrangement bietet auch Ansatzpunkte für eine vertiefte Lernortkooperation. Möglich sind hier Schnittstellen zu Ausbildungsbetrieben, beispielsweise bei gemeinsamen „Pitch-Events“. Lernende präsentieren dabei ihre Nachhaltigkeitsstrategien vor Praktikern. Diese steigert die Realitätsnähe der Simulation deutlich und fördert den Dialog über betriebliche Nachhaltigkeit.

Zudem lässt sich das Konzept in regionale (B)BNE-Netzwerke und Entwicklungsprojekte eingliedern, wo es als Best-Practice-Beispiel für (schulische) Berufsbildung dienen kann. Die Dissemination der Projektergebnisse über Fachpublikationen, Konferenzbeiträge und digitale Medien stellt sicher, dass die gewonnenen Erkenntnisse einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht werden können und so als Anregung für weitere Akteure in der BBNE-Landschaft dienen können.

3.3 Ausblick zur Weiterentwicklung des Vorhabens

Die genannten Überlegungen aufnehmend, stehen im btg daraus aktuell drei unterschiedliche Entwicklungsaspekte im Mittelpunkt:

(1) Im Sinne der Weiterentwicklung des Bildungsmanagements zur Umsetzung von (B)BNE sollen das btg als „Bildungsorganisation“, das btg-Schulprogramm und die Didaktischen Jahresplanungen als „Bildungsprogramme“ sowie die formative Evaluation von Lernsituationen und Lehr-/Lernarrangements als „Bildungsprozesse“ (vgl. Kondratjuk, 2025, S. 51–53) weiter geschärft werden.

(2) Vor dem Hintergrund der im btg aktuell erfolgenden Förderung selbst regulierter Lernprozesse (vgl. exemplarisch Sloane & Krakau, 2009a/b) in allen Bildungsgängen, soll dies auch in diesem Lehr-/Lernarrangement didaktisch verstärkt aufgegriffen werden.

(3) Nachdem es sich hier um eine Entwicklung im Rahmen eines internationalen Modellversuchs handelt, ist im weiteren Verlauf auch eine lokale praktische Verknüpfung als Lernortkooperation (vgl. BMBFSFJ, 2025; Hartwich, 2026) mit beispielsweise Ausbildungsbetrieben und Forschungsinstitutionen beabsichtigt.

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Design-Thinking in der Ausbildung von beruflichem Bildungspersonal: Handhabbarkeit und Kompetenzerwerb aus der Lernendenperspektive

1 Einleitung und Problemstellung

Globale soziale und ökologische Herausforderungen (u. a. wachsende Ungleichheiten, Klimawandel, Artensterben und Umweltverschmutzung) stellen die Gesellschaft vor erhebliche Entwicklungsaufgaben und verlangen nach innovativen Ideen und Lösungsansätzen. In diesem Kontext wird Kreativität als eine grundlegende Gestaltungskompetenz betrachtet, die in Bildungsprozessen gefördert werden sollte (Müller & Schmidberger, 2022). Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zielt auf die Entwicklung von Kompetenzen ab, die es Individuen ermöglichen, ihr eigenes Handeln unter Berücksichtigung gegenwärtiger und zukünftiger lokaler und globaler Auswirkungen zu reflektieren und im Sinne sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit zu handeln (BMBF, 2023). Teilziel 4.7 der Sustainable Development Goals (SDGs) verlangt, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen erwerben, um nachhaltige Entwicklung zu fördern und aktiv zu gestalten (UN, 2015). Nachhaltige Entwicklung entspricht dabei einer Befriedigung der Bedürfnisse „der heutigen Generation, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“ (WCED, 1987, S. 46) unter gleichzeitiger Sicherstellung einer fairen Verteilung von Ressourcen, Chancen und Lebensgrundlagen innerhalb der aktuell lebenden Generation. Dies setzt eine Transformation bisheriger Denk- und Handlungsmuster voraus.

Die Diskussion um Nachhaltigkeit in verschiedenen Bildungsbereichen – inklusive der beruflichen Lehrkräftebildung – ist daher nicht neu. Hochschulen sind gefordert, BNE in ihren Curricula zu verankern (NP BNE 2017; UN, 2015). Hochschulbildung muss sich daher mit der Frage auseinandersetzen, wie kreative Ideen für eine nachhaltige Entwicklung generiert und umgesetzt werden können. Die Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung (HBNE) zielt dementsprechend darauf ab, Studierenden Schlüsselkompetenzen zu vermitteln, die es ihnen ermöglichen, einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung zu leisten (Rieckmann, 2018), wobei hier im Diskurs stärker auf ihre Rolle als ‚Change Maker‘ fokussiert wird als in der BNE (Heiskanen et al., 2016). Studierende sollen dazu in die Lage versetzt werden, in ihren zukünftigen Schlüsselpositionen Strukturen zu hinterfragen, neue Modelle zu entwickeln und nachhaltige Systeme zu gestalten. Allerdings zeigt sich, dass die Umsetzung dieser Anforderungen in der Praxis nach wie vor unzureichend ist (Holst & Singer-Brodowski, 2022; Molitor et al., 2023).

Als geeigneter Ansatz für eine didaktische Auseinandersetzung mit den zentralen Problemen unserer Zeit gilt Design-Thinking (z. B. Jechle & Suwalski, 2022; Lor, 2017; Pferzinger et al., 2022) – eine Methode, die weltweit in der Industrie angewandt wird, um nutzungszentrierte Produktinnovationen zu generieren (Schallmo & Lang, 2020), die allerdings nicht darauf begrenzt ist, sondern sich für alle Situationen eignet, in denen Probleme gelöst werden müssen (Curedale, 2016). Im Design-Thinking werden verschiedene Aspekte berücksichtigt, die für die Gestaltung von Lernumgebungen in der HBNE ebenso wie in der Lehrkräftebildung für nachhaltige Entwicklung von Bedeutung sind. Dazu zählen die Arbeit mit Vorkonzepten, der modulare Ansatz mit mehrmaligen Interaktionen, der Peer-Austausch, Exkursionen und die Projektarbeit (Fischer et al., 2022).

In diesem Beitrag wird aus Sicht der Lernenden analysiert, wie der Design-Thinking-Ansatz dazu beitragen kann, ökologische und soziale Herausforderungen zu bewältigen und das notwendige Wissen und die Fähigkeiten zu vermitteln, die für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft erforderlich sind. Vor diesem Hintergrund werden folgende Forschungsfragen beantwortet: Wie schätzen Studierende ihre Lernfortschritte und ihre Kompetenzen vor, während und nach der Durchführung des Design-Thinking-Prozesses im Rahmen des Moduls Professionalisierung von Bildungspersonal ein? Wie beurteilen sie den zeitlichen Aufwand und die Handhabbarkeit des Prozesses?

Im Folgenden wird zunächst Design-Thinking als Innovationsmethode allgemein und speziell in der Hochschullehre präsentiert, wobei auch auf den Forschungsstand und das konkrete Seminarkonzept eingegangen wird (Kapitel 2). Danach werden theoretische Grundlagen zum Kompetenzerwerb beruflichen Bildungspersonals gelegt (Kapitel 3). Nach der Vorstellung des methodischen Vorgehens (Kapitel 4) werden die Ergebnisse präsentiert (Kapitel 5). Kapitel 6 diskutiert diese Ergebnisse und Kapitel 7 zieht abschließend ein Fazit.

2 Design-Thinking

Im Weiteren wird Design-Thinking als allgemeine Innovationsmethode vorgestellt und es wird aufgezeigt, welche Potenziale sich aus der Anwendung dieser Methode im Bereich der Hochschullehre ergeben.

2.1 Design-Thinking als Innovationsmethode

Es gibt verschiedene Ausgestaltungen von Design-Thinking als Methode (Schmidberger & Wippermann, 2022). Das Seminarkonzept, das dem Beitrag zugrunde liegt, orientiert sich an der Struktur der Hopp Foundation, die eine anwendungsorientierte Auffassung der Methode verfolgt und dabei den Fokus auf Nutzungsbedürfnisse, iterative Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit legt (Feldhaus et al., 2022). Dieser Ansatz hat sich bereits in Unterrichtssituationen bewährt und setzt kein Vorwissen der Lernenden voraus (Feldhaus et al., 2022). Er ist stark angelehnt an dem Ansatz des Hasso-Plattner-Instituts, einer der führenden Institutionen, die Design-Thinking fördert und lehrt. Plattner et al. (2011, S. 103) definieren Design-Thinking als „Heuristik, die ganz bestimmte Verfahrensschritte vorgibt, die sich in der Praxis in einer bestimmen Abfolge als zweckmäßig erwiesen haben und die […] in einem multidisziplinären Team […] ihr vollständiges Erfolgsspektrum entfalten können.“ In den Fokus stellen sie damit den etablierten Problemlösungsprozess, Nutzungszentrierung und interdisziplinäre Teams. Andere Ansätze hingegen zeichnen sich beispielsweise durch eine stärkere Betonung sozialer Verantwortung (wie der Ansatz der Stanford School) oder des Einflusses kultureller und sozialer Faktoren (wie der Ansatz des internationalen Beratungs- und Designunternehmens IDEO) aus. Der Erfolg eines Design-Thinking-Prozesses ist dabei umso größer, je heterogener die Arbeitsgruppe ist. So sollen die Mitglieder der Gruppe bestenfalls explizite Fachkenntnisse in einem Bereich und Grundkenntnisse in vielen weiteren Bereichen aufweisen, um sich möglichst gut gegenseitig zu ergänzen (Förderer & Schill, 2018).

Der Prozess nach der Hopp Foundation umfasst sieben Phasen und beginnt mit der Definition der Herausforderung. Die Lehrperson formuliert eine Aufgabenstellung, die ausreichend Spielraum für innovative und kreative Ideen bietet, jedoch das Problemfeld eingrenzt (Feldhaus et al., 2022). Diese Vorgehensweise ermöglicht eine Differenzierung der übergeordneten Problematik in möglichst greifbare Teilbereiche. Die anschließenden Bearbeitungsphasen gliedern sich in die Erkundung des Problemraumes (Abschnitt 2.1.1) und die Erkundung des Lösungsraumes (Abschnitt 2.1.2), die nachfolgend erklärt werden und in Abbildung 1 übersichtlich dargestellt sind.

Abbildung 1: Der Design-Thinking-Prozess im Seminarkonzept (adaptierte Darstellung nach Feldhaus et al., 2022)Abbildung 1: Der Design-Thinking-Prozess im Seminarkonzept (adaptierte Darstellung nach Feldhaus et al., 2022)

2.1.1 Erkundung des Problemraumes

Im Problemraum liegen die verschiedenen Teilprobleme der Herausforderung (Feldhaus et al., 2022). Um das Problem in seinen Teilaspekten zu verstehen, werden in den Phasen Problemfeld verstehen, Empathie aufbauen sowie Nutzerperspektive erfassen das Problem definiert und Möglichkeiten gesucht, es zu dekonstruieren. In den drei Phasen kann es sinnvoll sein, sich folgende Fragen zu stellen: „Welche Gruppen sind von dem Problem betroffen? Aus welchen Perspektiven kann das Problem betrachtet werden? Welche Situationen umfasst es, in welche Teilprobleme kann es zerlegt werden?“ (Feldhaus et al., 2022, S. 47). Der Fokus liegt dabei auf der Beleuchtung der Nutzungsperspektive. Zu diesem Zweck ist es zunächst erforderlich, eine möglichst große Anzahl von Betroffenen des Problems zu identifizieren und unterschiedliche Zugänge zum Problem zu finden. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe in diesen Phasen begünstigt die Erlangung einer Multiperspektivität, welche eine Analyse des Problems aus verschiedenen Blickwinkeln ermöglicht und unterschiedliche Akteure identifiziert, die durch Befragungen in den Prozess integriert werden (Curedale, 2016). Die großflächige Beleuchtung des Problemraumes auf verschiedenen Ebenen durch den Kontakt mit Nutzenden wird anschließend von der Projektgruppe dazu verwendet, das Problem so weit zu konkretisieren, dass in der Erkundung des Lösungsraumes ein konkreter Teilbereich bearbeitet werden kann.

2.1.2 Erkundung des Lösungsraumes

Zu Beginn des zweiten Teils des Design-Thinking-Prozesses wird eine breite Ideensammlung durchgeführt, um den Lösungsraum zu erkunden. Das Ziel besteht darin, eine möglichst vielfältige Sammlung verschiedener Lösungsansätze zum zuvor konkretisierten Problem zu generieren (Feldhaus et al., 2022). In diesem Zusammenhang wird insbesondere das Ablegen bisheriger Denkmuster als förderlich erachtet (Brenner et al., 2016). Dafür werden verschiedene Kreativitätsmethoden angewandt. Nach einer demokratischen Abstimmung für eine einzige oder wenige Ideen wird unmittelbar mit der Erstellung eines Prototyps begonnen, der dazu dient, Lösungen anschaulich zu gestalten und die Funktion auch Laien zu verdeutlichen (Brenner et al., 2016). Damit wird eine nutzungsorientierte Lösung gewährleistet.

Das Testen des Prototyps erfolgt durch eine Vorstellung vor und Besprechung der Lösung mit der zuvor befragten Zielgruppe (Brenner et al., 2016). In dieser Phase kommt es naturgemäß zu Diskussionen und Anpassungen des Prototyps oder sogar zu einer Verwerfung der Lösungsidee (Curedale, 2016; Feldhaus et al., 2022). Im Falle einer Verwerfung erfolgt eine Iteration, also eine Wiederholung einzelner bisher durchgeführter Schritte des Prozesses. Diese Wiederholungen sind jederzeit erwünscht und stellen einen essenziellen Bestandteil des Prozesses dar. Design-Thinking ist demnach kein linearer Prozess, sondern ein Zyklus, der Anpassungen jederzeit ermöglicht, um ein möglichst passendes Resultat zu erzielen (Curedale, 2016).

2.2 Design-Thinking als Instrument der Kompetenzentwicklung in der Hochschullehre

Design-Thinking gilt als ein gewinnbringender Ansatz zur Förderung zukünftig benötigter Kompetenzen in verschiedenen Bereichen der Hochschule (Jechle & Suwalski, 2022; Lor, 2017). Die Integration in die Hochschule kann zum curricularen Design der Lehre, als Training für Lehrende und als Lehr-Lern-Arrangement erfolgen (Lor, 2017). Insbesondere in der (H)BNE ist interdisziplinäres Lernen notwendig, um komplexe Systemzusammenhänge zu verstehen und die Entwicklung von Gestaltungskompetenz zu fördern (De Haan, 2008). Ihre hohe Interdisziplinarität macht Hochschulen somit zu einem idealen Ort für die Anwendung von Design-Thinking (Jechle & Suwalski, 2022; Scheer et al., 2012). Nur so können die komplexen Herausforderungen unserer Zeit verstanden und bewältigt werden. Im Folgenden wird der Forschungsstand zur Kompetenzentwicklung durch Design-Thinking (Abschnitt 2.2.1) sowie zu Herausforderungen und Gelingensbedingungen (Abschnitt 2.2.2) dargelegt.

2.2.1 Empirische Evidenz im Kontext des Design-Thinkings

Gläsener et al. (2019) stellen fest, dass der Einsatz von Design-Thinking die Fach-, Methoden-, Selbst- sowie Sozialkompetenz der Lernenden steigert. Durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Phasen des Prozesses erwerben die Studierenden nicht nur relevantes Fachwissen zum Thema Nachhaltigkeit in allen Dimensionen, sondern auch Wissen zum Design-Thinking-Prozess mit seinen Phasen (Gläsener et al., 2019). Darüber hinaus führt die Anwendung von Design-Thinking zu signifikanten Qualitätsverbesserungen generierter Lösungen und steigert gleichzeitig die Motivation der Studierenden (McLaughlin et al., 2022). Müller und Schmidberger (2022, S. 90) bekräftigen, dass Studierende durch das Design-Thinking-Verfahren Kreativität entwickeln und neue Perspektiven im Umgang mit Problemstellungen gewinnen. In ähnlicher Weise argumentieren Graves und Fuchs (2022, S. 77), dass Design-Thinking zur Entwicklung eines innovativen Mindsets beiträgt, welches bei den Studierenden die Fähigkeit fördert, komplexe Herausforderungen im Bereich der nachhaltigen Entwicklung kreativ und lösungsorientiert anzugehen.

Zhu et al. (2024) allerdings stellen nur einen begrenzten Einfluss einer Design-Thinking-Anwendung auf die Kompetenzentwicklung Lernender in der Grundschule fest. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass ein gewisses Maß an Vorkenntnissen erforderlich ist, um die Prinzipien der Methode effektiv umsetzen zu können (Graves & Fuchs, 2022). Dies widerspricht der Annahme von Curedale (2016), dass Design-Thinking in allen Altersstufen, Bildungsgraden und Berufsfeldern anwendbar ist. Obwohl es noch an empirischen Studien in dem Bereich mangelt, legt der Forschungsstand insgesamt nahe, dass Design-Thinking ein vielversprechendes Instrument ist, um verschiedene Kompetenzen in der Hochschulbildung zu fördern.

2.2.2 Herausforderungen und Gelingensbedingungen

Verschiedene Herausforderungen bestehen bei der praktischen Umsetzung von Design-Thinking in der Hochschule. Die organisatorische Trennung in einzelne, voneinander unabhängige Fakultäten an vielen Hochschulen erfordert erhebliche Anstrengungen für interdisziplinäre Zusammenarbeit (Jechle & Suwalski, 2022). Diese muss im Einzelfall begründet werden und steht tendenziell in Konkurrenz zu den Bedürfnissen der jeweils eigenen Fakultät. Eine Heterogenität der Gruppen kann in bestehenden Hochschulstrukturen daher nicht immer garantiert werden. Eine weitere Herausforderung ist die Zusammenarbeit mit den Nutzenden. Hier profitieren insbesondere Hochschulen für angewandte Wissenschaften von einer praxisnahen Lehre sowie einer engen Zusammenarbeit mit Unternehmen und anderen Institutionen (Jechle & Suwalski, 2022). Eine weitere Hürde liegt darin, dass Hochschulen nicht immer die notwendige Innovationsoffenheit zeigen (Jelche & Suwalski, 2022).

Um Design-Thinking erfolgreich in der Hochschullehre anwenden zu können, lassen sich aus der Literatur mehrere Gelingensbedingungen ableiten. Einerseits werden gewisse Ansprüche an die Arbeitsgruppe gestellt (Förderer & Schill, 2018). Insbesondere ist ihre Diversität von essenzieller Bedeutung. Empirische Studien belegen eine höhere Innovationskraft heterogener im Vergleich zu homogenen Arbeitsgruppen (vgl. für einen Überblick Curedale, 2016). Die Integration unterschiedlicher Denkweisen und Erfahrungen in einer heterogenen Gruppe ermöglicht es, eine Vielzahl von Standpunkten zu berücksichtigen und somit Lösungen zu erarbeiten, die den Bedürfnissen einer diversen Adressatengruppe gerecht werden (Curedale, 2016). Unterschiedliche Denkmuster sind zudem förderlich für Kreativität (Brenner et al., 2016). Professionen, Geschlechter, Altersgruppen sowie der sozioökonomische und
-kulturelle Hintergrund sind beispielsweise zu beachtende Diversitätsfaktoren.

Zudem ist für einen erfolgreichen Design-Thinking-Prozess ein anregender und innovativer Arbeitsbereich von entscheidender Bedeutung. Dort sollten alle erforderlichen Utensilien bereitliegen, die die Bedürfnisse der verschiedenen Projektmitglieder berücksichtigen und die für den Prozess wichtige visuelle Darstellung des Gesagten ermöglichen (z. B. Whiteboards; Stellwände; Kommunikationsmaterial, auch für Online-Besprechungen; bunte Haftnotizen; Stifte; geeignete technische Arbeitsplatzausstattung und Material zur Prototypenerstellung) (Brenner et al., 2016). Darüber hinaus ist auf eine möglichst kreativitätsanregende Raumausstattung zu achten, die Interaktion innerhalb der Projektgruppe und mit anderen Projektgruppen fördert (Förderer & Schill, 2018).

Eine weitere Bedingung für den Prozess ist die Haltung der Gruppenmitglieder (Graves & Fuchs, 2022). Hier ist das Dogma „Fail often and early“ (Brenner et al., 2016, S. 8) entscheidend für den Erfolg. Diese Einstellung legitimiert auch das Verfolgen neuer Ideen bei Unsicherheit. Die Implementierung einer entsprechenden Fehlerkultur ist daher von entscheidender Bedeutung, um in Kooperation mit den Nutzenden maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln (Brenner et al., 2016).

3 Gestaltung eines Hochschulseminars anhand des Design-Thinking-Ansatzes

In diesem Kapitel erfolgt nun eine detaillierte Erläuterung der erforderlichen Kompetenzen des beruflichen Bildungspersonals im Schul- und Unternehmenskontext (Abschnitt 3.1). Im Anschluss daran wird die auf diesen Kompetenzen basierende Konzeption des Seminars präsentiert (Abschnitt 3.2).

3.1 Kompetenzanforderungen an berufliches Bildungspersonal

Da die Zielgruppe des Seminars aus zukünftigem schulischen und betrieblichen Bildungspersonal besteht, sind verschiedene Kompetenzmodelle notwendig, um Anforderungen an ihr professionelles Handeln abzudecken. Für den schulischen Kontext ist das Modell nach Baumert und Kunter (2006) besonders einschlägig, das professionelle Handlungskompetenz in Überzeugungen bzw. Werthaltungen, motivationale Orientierungen, selbstregulative Fähigkeiten und Professionswissen einteilt. Für das untersuchte Bildungspersonal gehören pädagogisches Wissen (z. B. Wissen über das didaktische und diagnostische Potenzial von Aufgaben), Fachwissen (Wissen über das jeweilige Unterrichtsfach) und fachdidaktisches Wissen (z. B. allgemeine didaktische Planung) damit zum Professionswissen. Des Weiteren gehören sowohl das Erlernen der Methode des Design-Thinking als auch Wissen zu Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung zum Professionswissen. Für den betrieblichen Kontext ist eine Einteilung in Fach-, Sozial-, Methoden- und Selbstkompetenz einschlägig (Merkel et al., 2017). Diese Einteilung erweist sich auch in Bezug auf eine nachhaltigkeitsorientierte Handlungskompetenz als zielführend und fasst die zentralen Kompetenzdimensionen einer beruflichen Handlungskompetenz für nachhaltige Entwicklung zusammen (Hufnagl & Annen, 2024; Rebmann & Schlömer, 2020).

Die Fachkompetenz umfasst domänenspezifische Kenntnisse zu nachhaltigkeitsrelevanten Inhalten der Facharbeit, allgemeines berufs- und arbeitspädagogisches Wissen zu Zielen und Merkmalen der BBNE und fachpraktisches Wissen (z. B. zu Nachhaltigkeitsmanagement) (Rebmann & Schlömer, 2020). Methodenkompetenz ist überlegtes systematisches und planvolles Handeln zur didaktischen Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements mit Nachhaltigkeitsbezug (Kastrup et al., 2021; Merkel et al. 2017). Dazu gehört insbesondere ein geeigneter Umgang mit Methoden und Medien. Die Sozialkompetenz umfasst allgemein u. a. Kommunikations- und Kooperationskompetenz, Konfliktfähigkeit, Empathie und Toleranz (Merkel et al. 2017) und konkret in Bezug auf Nachhaltigkeit z. B. die Vertretung und Einforderung der Verbindlichkeit getroffener Entscheidungen, Wertschätzung und Respekt sowie die Fähigkeit zum Aushandeln tragfähiger Zukunftslösungen (Hufnagl & Annen, 2025; Rebmann & Schlömer, 2020). Selbstkompetenz umfasst u. a. Selbstsicherheit, Selbstregulation, Einstellungen und Werte zur Nachhaltigkeit sowie die Motivation zur Mitgestaltung einer nachhaltigen Entwicklung (Hufnagl & Annen, 2024; Kastrup et al., 2021; Merkel et al. 2017).

Design-Thinking hat das Potenzial, die genannten Kompetenzdimensionen zu fördern, da es eine fachliche Vertiefung durch einen projektorientierten, an realen Problemen orientierten Ansatz ermöglicht; eine strukturierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Methoden darstellt (inkl. deren kritischer Auswahl, Anwendung und Reflexion) und so die Methodenkompetenz adressiert; durch den kooperativen, kommunikativen Charakter die Sozialkompetenz stärkt; und durch Verantwortungsübernahme im Erproben eigener Ideen sowie der Aushandlung von Werten die Selbstkompetenz adressiert.

3.2 Seminarkonzept

Die hier vorgestellte empirische Begleitforschung fand zu einem Pflichtseminar mit dem Titel Professionalisierung von Bildungspersonal statt, dessen Prüfungsleistungen ein Einzelreferat in Form eines Pitch und eine Hausarbeit darstellen. Bildungspersonal umfasst in diesem Kontext sowohl schulisches Bildungspersonal (insbesondere Berufsschullehrkräfte im kaufmännischen Bereich) als auch betriebliches Bildungspersonal (insbesondere in Unternehmen tätige Personen, die für die betriebliche Aus- und Weiterbildung zuständig sind). Im Sommersemester 2024 fand der Kurs als Blockseminar zum Schwerpunktthema Nachhaltigkeit statt. Inhalte des Kurses waren vor allem theoretische Konzepte sowie empirische Befunde zu Anforderungen an professionelles Handeln von ausbildenden Personen in betrieblichen und schulischen Kontexten. Diese Kompetenzanforderungen wurden zunächst allgemein unter Verwendung einschlägiger Modelle (u. a. Baumert & Kunter, 2006; Merkel et al., 2017) und anschließend in Bezug auf Nachhaltigkeit diskutiert.

Die Masterstudierenden der Wirtschaftspädagogik durchliefen innerhalb des Blockseminars in Gruppen den Design-Thinking-Prozess entlang der oben erläuterten Schritte und setzten sich dabei mit den folgenden Herausforderungen auseinander: „Wie können wir eine langfristige Professionalisierung bei Bildungspersonal im Sinne lebenslangen Lernens sicherstellen?“ und „Wie können wir das universitäre Angebot verbessern, um Future Skills effektiv zu vermitteln?“. Abbildung 1 zeigt, wie sich die einzelnen Phasen auf die beiden zweitägigen Blocktermine und die dazwischen liegenden Selbstarbeitsphasen verteilten. In den Selbstarbeitsphasen fanden dezentrale Beratungstermine statt. Jede Veranstaltung enthielt eine Ergebnissicherung durch Reflexion. Die Vorstellung der Prototypen erfolgte in der letzten Sitzung. Im Rahmen des Seminars erfolgte kontinuierlich eine Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen des Design-Thinking.

4 Forschungsdesign

Im Folgenden wird das forschungsmethodische Design erörtert. Dies umfasst die Vorgehensweise bei der Datenerhebung als Tagebuchstudie (Abschnitt 4.1) sowie die Datenauswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Abschnitt 4.2).

4.1 Datenerhebung als Tagebuchstudie

Grundsätzlich finden Tagebuchstudien in wissenschaftlichen Forschungsprojekten Anwendung, um die Entwicklung von Erfahrungen und Einstellungen im Zeitverlauf zu erfassen (Singh & Malhotra, 2013). Diese Methode wurde für die Begleitforschung des Seminars gewählt, da sie die Veränderungen der Kompetenzen und Einstellungen zu Design-Thinking während des gesamten Prozesses abbilden kann. Darüber hinaus bietet sie den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich ohne Einfluss von Beobachtenden oder Befragenden zu einer Thematik zu äußern (Singh & Malhotra, 2013). Ein weiterer für diese Arbeit wichtiger Vorteil ist die Anerkennung von Problemlösungsstrategien. Die Teilnehmenden werden ermutigt, ihre Probleme mit der Thematik sowie ihre individuellen Lösungen zu benennen. Dadurch können Forschende wertvolle zukunftsorientierte Handlungsempfehlungen generieren (Singh & Malhotra, 2013). Zudem minimiert das Verfahren den Einfluss der forschenden Person und gewährleistet somit eine eher neutrale Einschätzung. Des Weiteren wird der Zeitaufwand für die Studierenden relativ gering gehalten. Es können sowohl individuelle Veränderungen als auch die gesamte Gruppe betreffende Veränderungen betrachtet werden. Der größte Nachteil einer Tagebuchstudie besteht in der aufwendigen und schwierigen Analyse der Daten (Singh & Malhotra, 2013). Da jedoch der Mehrwert für diese empirische Arbeit überwiegt, wurde eine Tagebuchstudie mit Einreichungen von sieben Studierenden zu drei Zeitpunkten durchgeführt, was zu einer Gesamtzahl von 21 Dokumenten führte, die ausgewertet wurden. Es handelt sich dabei um eine Vollerhebung im durchgeführten Seminar.

Die Datenerhebung erfolgte anhand sogenannter Learning Logs. In diesen regelmäßigen Reflexionsaufgaben beantworteten die Studierenden Leitfragen. Die Antworten wurden zu drei verschiedenen Zeitpunkten während des Seminars verfasst und eingereicht. Im ersten Learning Log wurden die Studierenden nach den Emotionen gefragt, die sie haben, wenn sie an den Design-Thinking-Prozess denken. Zudem wurden sie gebeten, ihre Kompetenz einzuschätzen, innovative und tragfähige Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung zu finden und zu beschreiben, wie sie zu dieser Einschätzung kommen. Die ersten Learning Logs wurden innerhalb der ersten zwei Semesterwochen des Sommersemesters 2024, dem Beginn des Seminars, eingereicht.

Die Fragen des zweiten Learning Logs bezogen sich auf die Phase Problemraum erkunden, welche die Studierenden zu diesem Zeitpunkt durchlaufen hatten. Erneut sollten sie ihre Emotionen beschreiben und ihre Kompetenzen einschätzen. Zudem wurde danach gefragt, was ihnen beim Durchlaufen der bisherigen Phasen jeweils schwer und leicht fiel und wo sie einen Kompetenzzuwachs feststellten. Die Learning Logs wurden nach etwa der Hälfte des Semesters eingereicht.

Die dritten Learning Logs wurden zum Ende des Semesters eingereicht, nachdem auch die Phase Lösungsraum erkunden durchlaufen worden war. Die Studierenden schätzten abschließend ihren Kompetenzerwerb ein und begründeten diese Einschätzung. Zudem beurteilten sie den zeitlichen Aufwand und die Handhabbarkeit des Design-Thinking-Prozesses für die Hochschullehre und teilten Änderungsvorschläge mit.

4.2 Datenauswertung anhand der qualitativen Inhaltsanalyse

Die Analyse der 21 Dokumente erfolgte schrittweise während der gesamten Untersuchungsphase anhand einer qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, 2022). Die Kategorien zur Analyse der Handhabbarkeit und zur Einschätzung des zeitlichen Aufwands wurden induktiv gebildet. Die Kategorisierung der erworbenen Kompetenzen wurde deduktiv vorgenommen, wobei die klassische Systematisierung in die Bereiche Fach-, Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz sich im Auswertungsverfahren als effektivste Einteilung herausstellte, da sich eine Beschreibung dieser Kompetenzfacetten deutlich im Material zeigte. Diese klassische Systematisierung ist anschlussfähig an aktuelle Debatten um Kompetenzanforderungen an berufliches Bildungspersonal (z. B. Bonnes et al., 2022; Merkel et al., 2017). Die Codierung erfolgte mit dem Programm MAXQDA. Das Kategoriensystem wurde in einem zirkulären Vorgehen kontinuierlich angepasst.

5 Ergebnisse

Im Folgenden werden die Erkenntnisse hinsichtlich des Kompetenzerwerbs der Studierenden in den verschiedenen Dimensionen (Abschnitte 5.1 bis 5.4) sowie ihre Einschätzungen der Handhabbarkeit und des zeitlichen Aufwands des Seminars (Abschnitt 5.5) vorgestellt.

5.1 Erwerb von Fachkompetenz

Insgesamt hat das durchgeführte Seminarkonzept zu einer positiven Entwicklung der Fachkompetenz der Studierenden geführt. Die Analyse der Lernfortschritte zeigt, dass die Studierenden zu Beginn der Untersuchung in ihren Learning Logs einen klaren Mangel an Fachkompetenz in Bezug auf Design-Thinking und Nachhaltigkeit identifizierten. Die Studierenden stellten Defizite in der notwendigen pädagogischen Fachkompetenz zur Methode sowie deren Anwendung fest. Als Gründe wurden insbesondere fehlende Berührungspunkte im Studium angeführt.

Im Verlauf des Seminars wurden immer wieder Zweifel am erworbenen Wissen geäußert. Zum zweiten Erhebungszeitpunkt wird deutlich, dass „der Design-Thinking-Prozess [nach der ersten Erklärung] noch nicht ganz klar“ war (Learning Log 2_He, S. 2). Hierbei wurden spezifische Probleme angesprochen, die konkret auf das fehlende theoretische Wissen über den Prozess zurückzuführen sind. Diese Unklarheiten führten zu Rückfragen an die Seminarleitung, um die bestehenden Wissenslücken zu schließen.

Die abschließende Evaluation verdeutlichte jedoch eine positive Entwicklung der Fachkompetenz. Eine Person resümierte: „Es ist jetzt klar, was ein Design-Thinking-Prozess ist und was dieser grob beinhaltet“ (Learning Log 3_P, S. 1). Die Teilnehmenden entwickelten im Verlauf des Seminars ein tieferes Verständnis für den theoretischen Prozess, auf dessen Basis sie seine Anwendbarkeit bewerten und kritisch reflektieren können. Erworbene Fachkenntnisse zu Nachhaltigkeit wurden allerdings kaum erwähnt.

5.2 Erwerb von Methodenkompetenz

Zu Beginn der Erhebung stellten die Studierenden Defizite hinsichtlich ihrer Methodenkompetenz fest, wie dieses Zitat zeigt: „Ich schätze meine Kompetenz, innovative und zukunftsfähige Lösungen für nachhaltige Entwicklung zu finden, als sehr gering ein, da ich […] bisher selten die Möglichkeit hatte, diese Kompetenz zu entwickeln“ (Learning Log 1_He, S. 1). Im Verlauf des Seminars rückte die aktive Anwendung des Design-Thinking-Prozesses in den Reflexionen mehr in den Vordergrund. Im zweiten Learning Log wurde positiv hervorgehoben, „dass wir die Kompetenz im Rahmen des Seminars aktiv üben und anwenden können“ (Learning Log 2_He, S. 3). Dies verdeutlicht, dass das praktische Durchlaufen des Prozesses positive Auswirkungen auf die selbst eingeschätzte Methodenkompetenz hat. Die Selbsteinschätzung verbesserte sich bereits im Laufe des Seminars, auch wenn bis zum Schluss weiterhin Entwicklungspotenzial erkennbar war. Die Aussagen zum letzten Erhebungszeitpunkt zeigen, dass die Studierenden einen deutlichen Kompetenzzuwachs erlebten. Ein Beispiel hierfür ist diese Aussage: „Anstatt vorschnell Lösungen zu entwickeln, habe ich gelernt, Probleme sorgfältig einzugrenzen, um die richtigen Fragen zu stellen“ (Learning Log 3_P, S. 1). Die Einschätzung, dass „Iterationen Teil des Prozesses sind und zu einer Lösungsfindung unweigerlich dazu gehören“ (Learning Log 3_G, S. 4) zeigt, dass insbesondere die für Design-Thinking notwendige Haltung erlernt wurde.

5.3 Erwerb von Selbstkompetenz

Zu Beginn der Erhebung äußerten die Studierenden, dass sie aus ihrer „intrinsischen Motivation heraus bereit [sind], nach zukunftsfähigen Lösungen zu suchen“ (Learning Log 1_S, Pos. 11). Dies belegt eine ausgeprägte Motivation und Lernbereitschaft sowie ein hohes Interesse an der Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen. Im Vergleich zu anderen Kompetenzfacetten wurde die Selbstkompetenz zu Beginn des Semesters überwiegend positiv oder zumindest neutral eingeschätzt. Zudem wurde bereits zu Beginn des Semesters das eigene Rollenverständnis thematisiert: „Als künftige Vertreterin des Bildungspersonals sehe ich daher auch die Verantwortung, selbst innovative Ideen zu entwickeln“ (Learning Log 1_S, Pos. 11). Im Verlauf des Projektes entwickelte sich bei den Teilnehmenden ein gesteigertes Bewusstsein über die eigene Rolle in der Nachhaltigkeitstransformation: „Um einen Wandel in der Gesellschaft zu erreichen, braucht es starke Persönlichkeiten“ (Learning Log 2_S, Pos. 13). Die Relevanz des Design-Thinking-Prozesses wird demnach nicht nur als methodisches Instrument, sondern auch im Kontext des persönlichen Rollenverständnisses betrachtet. Zum letzten Erhebungszeitpunkt nahmen die Studierenden eine gesteigerte individuelle Innovationsfähigkeit wahr. Sie beurteilten Kreativität als Stärke für die Entwicklung von Lösungen für eine nachhaltige Zukunft, wie dieses Zitat zeigt: „Für die Entwicklung [wurden] kreative Ideen benötigt“ (Learning Log 3_S, Pos. 18). Dieses Bewusstsein und der selbst eingeschätzte Kompetenzzuwachs ermöglichen den Studierenden, neue und innovative Lösungswege zu finden, und stärkt ihr Vertrauen in ihre eigenen kreativen Fähigkeiten.

5.4 Erwerb von Sozialkompetenz

Bereits zu Beginn des Semesters erfolgte eine durchweg positive Einschätzung der Notwendigkeit, „kreativ in einer Gruppe zu arbeiten“ (Learning Log 1_E, S. 1). Diese anfängliche Einschätzung reflektiert das Bewusstsein der Studierenden für die Bedeutung von Kooperationsfähigkeit als Kompetenzfacette der Sozialkompetenz. Im Verlauf des Seminars schätzten die Studierenden ihre Teamfähigkeit als gut ein, wie dieses Zitat zeigt: „Leicht gefallen ist mir die […] Zusammenarbeit in der Gruppe, da wir eine konstruktive Arbeitsatmosphäre hatten“ (Learning Log 2_He, S. 2). Die Beschreibung einer angenehmen und positiven Interaktion während der Gruppenarbeiten spricht für eine produktive Lernumgebung, in der Konflikte offen angesprochen und gelöst werden konnten. Zudem konnte zum zweiten Erhebungszeitpunkt insbesondere eine stärkere Hervorhebung von Empathie als Facette der Sozialkompetenz verzeichnet werden.

Im Learning Log des dritten Zeitpunkts wird ein gesteigerter „Mut zur Optimierung und Konfliktlösung“ (Learning Log 3_Ha, Pos. 22) beschrieben. Der offene Umgang mit Fehlern und Rückschlägen wurde durch die Gruppenarbeit gefördert. Daneben wurden weitere klassische Facetten der Sozialkompetenz gefördert: „Eine weitere Kompetenz, die ich im Rahmen dieses Prozesses ausgebaut habe, ist die Teamfähigkeit und die kommunikative Kompetenz." (Learning Log 3_He, S. 3).

5.5 Handhabbarkeit und zeitlicher Aufwand

Zu Beginn des Seminars äußerten viele Studierende eine kritische Haltung gegenüber der Sinnhaftigkeit, des Nutzens und der Machbarkeit der Methode. Diese Skepsis resultierte vor allem aus der Unsicherheit über die Anwendbarkeit der Methode. Im Verlauf des Seminars nahm diese kritische Perspektive jedoch ab. Zum zweiten Erhebungszeitpunkt konnte eine zunehmende Vertrautheit und Akzeptanz der Methode sowie Vertrauen in diese aufgrund von positiven Erfahrungen damit festgestellt werden.

Ein zentrales Ergebnis des letzten Erhebungszeitpunkts ist, dass der Prozess mit eingeschränkten zeitlichen Mitteln erfolgreich umgesetzt werden konnte. Die Studierenden empfanden den Prozess im Rahmen des Seminars als sinnvoll, handhabbar und ideal für die Anwendung von Design-Thinking, wie dieses Zitat zeigt: „Wenn sich der Prozess wie in diesem Seminar über das ganze Semester zieht, dann ist er für die Hochschullehre gut handhabbar“ (Learning Log 3_G, S. 5). Die Studierenden betonten die Bedeutung von Gruppenarbeit für die Handhabbarkeit, da die Aufgaben innerhalb ihrer Teams aufgeteilt werden konnten. Diese Kollaboration führte zu einer Reduzierung des individuellen zeitlichen Aufwands und ermöglichte es den Teilnehmenden, ihre spezifischen Stärken einzubringen.

6 Kritische Bilanzierung von Design-Thinking in der hochschulischen Professionalisierung beruflichen Bildungspersonals

Die curriculare Integration von Design-Thinking in die HBNE ist Ausdruck des Anspruchs, Studierende zu Change Makers, also zu reflexiven und handlungsfähigen Akteuren gesellschaftlicher Transformationsprozesse, zu qualifizieren. In diesem Kapitel erfolgt eine kritisch-analytische Einordnung der Befunde mit Fokus auf Professionalisierungsimpulse (Abschnitt 6.1) sowie methodische und konzeptuelle Limitationen (Abschnitt 6.2).

6.1 Professionalisierungsimpulse durch strukturierte Problembearbeitung

Die Ergebnisse weisen auf deutliche, wenn auch ausschließlich selbstberichtete Zuwächse in der Fach- und Methodenkompetenz hin. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Design-Thinking sich als innovatives Lehr-Lern-Format zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener Handlungskompetenz eignet. Insbesondere das Erkunden des Problemraums in mehreren Schritten scheint die Fähigkeit gefördert zu haben, komplexe Herausforderungen systematisch zu strukturieren und iterative Prozesse als festen Bestandteil professionellen Handelns zu akzeptieren. Der mehrfach artikulierte Perspektivwechsel von einer schnellen Lösungsorientierung hin zu einer präzisen Problemdefinition zeigt, dass sich spezifisches professionelles Wissen ausgebildet hat. Dieses zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, unspezifische und dadurch unbehandelbare Lagen in spezifische Probleme zu transformieren, um sie in Bildungssettings behandelbar zu machen (Pfadenhauer & Brosziewski, 2008). Damit adressieren die Ergebnisse die Notwendigkeit, professionelle Problembearbeitungskompetenzen im Kontext komplexer Transformationsanforderungen systematisch zu fördern und theoretisch wie empirisch zu fundieren.

Darüber hinaus legen die Ergebnisse nahe, dass Design-Thinking nicht nur kognitive, sondern auch dispositionale Lernprozesse anstößt. Die zunehmende Akzeptanz von Unsicherheit, Iteration und potenziellem Scheitern verweist auf die Ausbildung eines innovationsbezogenen Mindsets. Für nachhaltigkeitsbezogene Transformationsprozesse, die durch Zielkonflikte, Nichtwissen und Kontingenz gekennzeichnet sind (z. B. Scheunpflug & Costa, 2026), stellt diese Haltung eine zentrale Voraussetzung professionellen Handelns dar. In diesem Zusammenhang greifen die Befunde die Frage auf, wie berufliche Bildung zur aktiven Gestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse beitragen kann und welche Kompetenzen Bildungspersonal hierfür benötigt. Auch die Selbstverortung der Studierenden als zukünftiges Bildungspersonal mit gesellschaftlicher Verantwortung intensiviert sich im Verlauf des Seminars. Diese Entwicklung kann als professionsbezogene Identitätsarbeit gedeutet werden und entspricht dem normativen Anspruch der HBNE, Studierende als Change Maker zu adressieren (Badmann et al., 2026; Heiskanen et al., 2016). Damit wird zugleich die Forderung aufgegriffen, Professionalisierungsprozesse nicht nur kompetenzorientiert, sondern auch im Hinblick auf Haltungen, Werte und Verantwortungsübernahme zu betrachten. Außerdem unterstreicht dies, dass es sich bei Design-Thinking vor allem um ein Mindset handelt (Graves & Fuchs, 2022). Indem zukünftiges berufliches Bildungspersonal ein innovationsbezogenes Mindset entwickelt und sich mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung auseinandersetzt, kann Nachhaltigkeit langfristig in den Lernorten der Berufsbildung verankert werden.

Im Bereich der Sozialkompetenz berichten die Teilnehmenden von Zugewinnen hinsichtlich Teamfähigkeit, kommunikativer Kompetenz und Empathie. Insbesondere die bewusste Auseinandersetzung mit Nutzungsperspektiven scheint dazu beigetragen zu haben, sich stärker in andere hineinzuversetzen. Design-Thinking fungiert damit als strukturierter Rahmen, der kooperative und dialogische Kompetenzen systematisch einfordert. Dies korrespondiert mit den Anforderungen an kollaborative und lernortübergreifende Gestaltungsprozesse, in denen unterschiedliche Akteursgruppen gemeinsam an Lösungen für nachhaltige Entwicklung arbeiten.

Schließlich wird die Methode im Rückblick als handhabbar und zeitlich angemessen eingeschätzt. Die anfängliche Skepsis weicht einer pragmatischen Akzeptanz, was auf eine grundsätzlich gelingende didaktische Rahmung schließen lässt. Für die hochschuldidaktische Diskussion ist dies insofern relevant, als innovative Formate häufig mit erhöhtem Ressourcenaufwand assoziiert werden (z. B. Hufnagl & Annen, 2026). Positiv hervorzuheben ist, dass die entwickelten Prototypen in längerfristige Implementationsprozesse in zwei Unternehmen überführt wurden. Dies bestätigt die Anschlussfähigkeit der Methode an reale institutionelle Kontexte, was wiederum zeigt, dass eine systemische Verankerung sowohl der Ergebnisse des Prozesses als auch der Methode selbst möglich ist. Zugleich verweist dies auf die Bedeutung von Transfer- und Implementationsprozessen zwischen Hochschule und Praxis sowie auf die Notwendigkeit, innovative Lehr-Lern-Formate nachhaltig in institutionelle Strukturen einzubetten. Insgesamt zeigt sich damit, dass Design-Thinking einen konkreten Beitrag zur Weiterentwicklung beruflicher Bildung im Kontext einer sozial-ökologischen Transformation leisten kann.

6.2 Methodische und konzeptionelle Limitationen

Die Befunde sind jedoch vor dem Hintergrund methodischer Restriktionen zu interpretieren. Die empirische Basis der Studie ist kontextuell mit sieben Studierenden, die ein bestimmtes Seminar besucht haben, stark begrenzt. Die vergleichsweise homogene Kohorte von Wirtschaftspädagogik-Studierenden betrifft auch die postulierte Bedeutung von Heterogenität. Obwohl die Literatur interdisziplinäre und diverse Teams als zentrale Innovationsbedingung hervorhebt (Frenz, 2024 sowie Abschnitt 2.2.2), konnten solche nur eingeschränkt realisiert werden. Die positiv berichtete Teamarbeit ist daher nicht notwendigerweise Ausdruck produktiver Diversität, sondern möglicherweise Resultat sozialer Kohäsion innerhalb einer ähnlichen Fachkultur. Auch die Bewertung des zeitlichen Aufwands ist kontextsensitiv zu interpretieren. Die Blockstruktur des Seminars könnte spezifische Konzentrations- und Kooperationsräume eröffnet haben, die in regulären, semesterbegleitenden Formaten schwerer zu realisieren sind (vgl. auch Dohrmann & Nordmeier, 2020). Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere organisatorische Rahmenbedingungen bleibt daher offen.

Zudem beruhen sämtliche Ergebnisse auf Selbsteinschätzungen. Subjektive Kompetenzzuschreibungen sind zwar für professionsbezogene Selbstreflexionsprozesse relevant, erlauben jedoch keine belastbaren Aussagen über tatsächliche Kompetenzentwicklungen. Es fehlen objektivierende Verfahren, etwa performanzbasierte Aufgabenformate oder Fremdeinschätzungen. So bleibt nach wie vor das Desiderat bestehen, inwiefern Design-Thinking als Lehr-Lern-Arrangement tatsächlich nachhaltigkeitsbezogene Handlungskompetenz fördert.

Konzeptionell problematisch erscheint ferner die geringe Sichtbarkeit nachhaltigkeitsbezogener Fachinhalte in den Reflexionen. Obwohl das Seminar im Kontext nachhaltiger Entwicklung situiert ist, fokussieren die Learning Logs primär auf prozessuale und methodische Aspekte. Es besteht die Gefahr einer ‚Methodisierung‘ von Nachhaltigkeit, bei der prozedurale Kreativitätskompetenzen die inhaltliche Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit überlagern.

7 Fazit

Design-Thinking ist eine auf den Menschen ausgerichtete Problemlösungsmethode. Die Methode lotet eine Vielzahl von Möglichkeiten aus, um eine passende Lösung für ein nutzungszentriertes Problem zu generieren (Curedale, 2016). Im vorliegenden Beitrag wurde die Implementierung und Evaluierung eines Design-Thinking-Prozesses in der Hochschulbildung in einem evidenzbasierten Vorgehen analysiert und reflektiert. Des Weiteren wurden das Potenzial von Design-Thinking für Auseinandersetzungen mit Nachhaltigkeit sowie Professionalisierungsimpulse für berufliches Bildungspersonal diskutiert.

Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass Zuwächse nach eigenen Einschätzungen am stärksten bei den Fach- und Methodenkompetenzen verzeichnet wurden. Die Teilnehmenden entwickelten im Zeitverlauf nicht nur ein tieferes Verständnis für die Methode, sondern erlangten auch die Fähigkeit, ihre Anwendbarkeit zu bewerten und kritisch zu reflektieren. Die Studierenden erkannten zum Semesterende einen Mehrwert in der Anwendung von Design-Thinking. Zudem wurde die Fähigkeit, kritisch und strukturiert an Problemstellungen heranzugehen, verbessert. Hier war vermutlich vor allem das strukturierte Erkunden des Problemraums sowie das strenge Vorgehen entlang der einzelnen Phasen hilfreich. Die Durchführung des Prozesses förderte auch die Selbst- und Sozialkompetenz, gleichwohl diese bereits zu Beginn des Moduls als hoch eingeschätzt wurden. Im Zeitverlauf identifizierten sich die Studierenden zunehmend als verantwortliche Mitglieder der Gesellschaft, mit der Pflicht, aktiv zur Förderung nachhaltiger Entwicklung beizutragen.

In Bezug auf die Handhabbarkeit und den zeitlichen Aufwand erkannten die Studierenden zunehmend die Praktikabilität der Methode und empfanden den zeitlichen Aufwand als angemessen. Die anfängliche Skepsis wich einem Verständnis für die Methode als effektives Lehr- und Problemlösungsinstrument. Die gewonnenen Erkenntnisse legen nahe, dass eine angemessene Integration von Design-Thinking in die Hochschullehre die Förderung einer nachhaltigkeitsbezogenen Handlungskompetenz begünstigt, ohne dass dabei der zeitliche Bedarf der Studierenden über das Zumutbare hinausgeht.

Der Beitrag zeigt, dass Design-Thinking sich in der Ausbildung von beruflichem Bildungspersonal dazu eignet, kreative Ideen für eine nachhaltige Entwicklung zu generieren und zukünftige aktive Gestalter:innen einer nachhaltigen Gesellschaft im betrieblichen sowie schulischen Bildungskontext auszubilden. Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Design-Thinking im untersuchten Kontext subjektiv wahrgenommene Professionalisierungsimpulse gegeben hat, insbesondere im Bereich methodischer Strukturierung, kooperativer Problembearbeitung und professionsbezogener Selbstreflexion. Die Methode erscheint grundsätzlich anschlussfähig an die Zielsetzungen der HBNE. Gleichzeitig machen die methodischen Limitationen deutlich, dass Design-Thinking nicht als hinreichendes Transformationsinstrument verstanden werden kann und weitere Forschung in Bezug auf die Kompetenzentwicklung durch Design-Thinking notwendig ist.

Insbesondere der Befund, dass das Wissen zu Nachhaltigkeit in den Learning Logs nur marginal aufgegriffen wurde, wirft Fragen auf, die in zukünftiger Forschung zu klären sind. Unklar bleibt, ob dieses Wissen nicht erworben oder einfach weniger darauf eingegangen wurde. Darüber hinaus besteht das Desiderat, sich mit dem Anstieg der Betonung der Wichtigkeit von Empathie als Facette der Sozialkompetenz nach der entsprechenden Phase des Prozesses im Detail auseinanderzusetzen. Weiterführende Forschung sollte darüber hinaus auf performanzbasierte Kompetenzmessungen sowie Längsschnittdesigns zielen, um die Wirksamkeit der Professionalisierungseffekte zu untersuchen. Darüber hinaus erscheint eine systematische Integration macht- und strukturtheoretischer Ansätze erforderlich, um das Potenzial und die Grenzen von Design-Thinking im Kontext nachhaltiger Entwicklung differenziert zu bestimmen. Design-Thinking ist ein nützliches Instrument, kann jedoch nicht als universelles Heilmittel betrachtet werden. Eine nachhaltige Entwicklung erfordert demnach neben engagierten Individuen insbesondere auch systemische Veränderungen.

Für eine nachhaltigkeitsorientierte Professionalisierung bedarf es neben prozessualer Innovationskompetenzen auch systemanalytische, politische und normativ-reflexive Perspektiven. Um eine nachhaltige Entwicklung zu gestalten, ist es unerlässlich, strukturelle Barrieren zu erkennen (z. B. Subventionen für fossile Energien), Machtverhältnisse zu analysieren (z. B. wie Lobbyismus Nachhaltigkeitsziele blockiert) und systemische Wechselwirkungen zu verstehen. Dazu braucht es eine vernetzte Theorie, die macht- und strukturtheoretische Perspektiven mit dem kreativen Potential von Design-Thinking verbindet, um nicht nur bessere Produkte, sondern auch gerechtere, nachhaltigere Systeme zu schaffen.

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Reflexion der Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften bei einer lernortübergreifenden Verankerung von Beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Lehrkräftebildung

1 Relevanz und Zielsetzung des Beitrags

Ziel des Beitrags ist es die Verankerung von (Beruflicher) Bildung für nachhaltige Entwicklung in der universitären Lehrkräftebildung bzw. im Masterstudium der Wirtschaftspädagogik zu reflektieren. Dabei soll die Arbeit mit lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaft, sowie die darin angelegte Kooperation selbst als sozialer Faktor der gemeinsamen Aushandlung von Nachhaltigkeitsverständnisse fokussiert betrachtet werden. Als Resultat sollen für die beteiligten Akteursgruppen entsprechende Rollenbilder geschlussfolgert werden. In dem hier vorgestellten Seminar wird BBNE als Teil der Unterrichtsentwicklung in der Lehrkräftebildung adressiert.

Die Relevanz des Themas ergibt sich insbesondere aus curricularen Vorgaben. In der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) gibt es zahlreiche bildungspolitischer Vorgaben und Programme (Agenda 2030, Nationale Aktionspläne, KMK-Beschlüsse, Standardberufsbildposition, NIB), die den Diskurs in diesem Themenbereich vorantreiben. In der Förderrichtlinie I im Rahmen des Programms „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)“ des Bundesinstituts für Berufsbildung wird explizit die Schlüsselfunktion des ausbildenden Personals in Betrieben, sowie außer- und überbetrieblichen Bildungseinrichtungen hervorgehoben und nimmt deshalb deren nachhaltigkeitsbezogene Qualifizierung in den Fokus (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2026; Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2023). Demgegenüber weißt das Basiscurriculum für das universitäre Studienfach Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Sektion Berufs‐ und Wirtschaftspädagogik (2014) zwar keine direkten Fundstellen zur Verankerung von BBNE aus. Trotzdem sollte auf Basis der ländergemeinsamen Anforderungen für die Lehrkräftebildung der Kultusministerkonferenz (2024b), des Beschluss der Kultusministerkonferenz (2024c) zur Qualität Beruflicher Schulen, der Empfehlung der Kultusministerkonferenz (2024a) zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule und in Analogie zu dem oben beschriebenen Forschungsprogramm die Verankerung von BBNE in die universitäre Lehrkräfte(aus-)bildung ebenfalls in den Fokus genommen werden.

Die Lehrerbildung in Deutschland wird von der Kultusministerkonferenz (2022, S. 4–15) in drei Phasen, sowie in fünf Kompetenzbereiche strukturiert. Die drei Phasen sind (1) Die universitäre Ausbildung, (2) der Vorbereitungsdienst und (3) Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften. Die drei Kompetenzbereiche sind (1) Unterrichten, (2) Erziehen, (3) Beurteilen & Beraten (4) Innovieren (5) Schulen entwickeln. Das vorgestellte Seminarkonzept ist Teil der universitären Ausbildung, sowie dem Kompetenzbereich „Unterrichten“ zuzuordnen. Professionelle Lerngemeinschaften werden insbesondere zur Kompetenzentwicklung im Bereich Unterricht innerhalb der Lehrerbildung genutzt. Nachdem wir uns im Masterstudium der Wirtschaftspädagogik als Teil der Lehrkräftebildung für das Lehramt an beruflichen Schulen befinden, wird dazu der mögliche Aspekt der Lernortkooperation bzw. der lernortübergreifenden Zusammenarbeit ergänzt. Lernort- und phasenübergreifende professionelle Lerngemeinschaften haben eine Tradition in der Lehrkräftebildung der Berufsbildung (Leppert, 2023, S. 186–189), sowie als Konzept im Diskurs zur Förderung der Digitalisierung an Schulen (Leppert, 2023, S. 186–189; Ludwig & Stegmann, 2024, S. 164–166; Zylka, 2023, S. 10–13). In der aktuellen internationalen Literatur zu professionellen Lerngemeinschaften bzw. Professional Learning Communities wird der Einsatz dieser insbesondere in der Professionalisierung von Lehrkräften im Sprachunterricht insbesondere im Englischunterricht oder multilingualen Formaten diskutiert (Handayani et al., 2025, S. 970; Mahalingappa et al., 2026, S. 1; Yuan et al., 2025, S. 1).

Der Transfer dieser Diskurse auf die lernort- und phasenübergreifende Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften zur Verankerung von BBNE in der Lehrkräftebildung wird als Desiderat und Ausgangspunkt zur systematischen Reflexion eines Umsetzungsbeispiels genutzt.

2 Lernort- und phasenübergreifende professionelle Lerngemeinschaften

2.1 Das Konzept professioneller Lerngemeinschaften

Das Konzept der professionellen Lerngemeinschaften hat nach Bonsen und Rolff (2006, S. 167–168) ihren Ursprung in diversen Schulforschungsprojekten in den USA. Dabei heben sie hervor, dass es sich hier um ein Instrument handelt, das zur Umsetzung eines Professionalisierungsprozesses auf Ebene der Unterrichtsentwicklung im Rahmen der Schul- und Personalentwicklung von Lehrkräften genutzt werden kann. Der Fokus auf die Unterrichtsentwicklung soll durch eine ständige Reflexion von Unterrichtspraxis mit der möglichen Ableitung von Verbesserungen erfolgen. Neben dem von Bonsen und Rolff (2006, S. 167–168) dargestellten Einsatz von professionellen Lerngemeinschaft im Rahmen der Schulentwicklung gibt es wie im Kapitel zur Relevanz und Zielsetzung bereits kurz angedeutet ebenso Projekte, in denen das Konzept in die Lehrkräftebildung integriert wird. Hierfür sollen exemplarisch ein Seminarkonzept zur Anregung von unterrichtsbezogener Zusammenarbeit in der universitären Lehrkräftebildung der Universität Münter nach Steinkühler (2022, S. 108–109), sowie die schulpraktische Ausbildung im Rahmen der norwegischen Lehrkräftebildung, bei der die Zusammenarbeit von Hochschulen und Ausbildungsschulen nach Heggen et al. (2018, S. 398–399) ebenfalls über professionelle Lerngemeinschaften organisiert wird, herangezogen werden. In der deutschen beruflichen Lehrkräftebildung gibt es beispielsweise im Rahmen der Nürnberger Universitätsschule seit 2009 eine Tradition der Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften (Hahn et al., 2024, S. 160–162).

Die Wirkung von professionellen Lerngemeinschaften ist bereits seit dessen Anfängen Gegenstand von Forschung. Hord (1997, S. 33–34), sowie Bonsen und Rolff (2006, S. 168–169) weisen dabei auf folgende Punkte hin:

  • Verringerung der Isolation von Lehrkräften.
  • Erhöhtes Engagement für die Leitbilder und Ziele der Schule sowie größere Motivation, aktiv zu deren Umsetzung und Weiterentwicklung beizutragen.
  • Geteilte Verantwortung für die ganzheitliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler sowie kollektive Verantwortung für deren Lernerfolg.
  • Nachhaltige Lernprozesse, die guten Unterricht und eine hochwertige Unterrichtspraxis kennzeichnen und neues Wissen sowie neue Überzeugungen über Lehren und Lernen hervorbringen.
  • Vertieftes Verständnis der Unterrichtsinhalte sowie der Rolle der Lehrkräfte bei der Unterstützung aller Schülerinnen und Schüler, die angestrebten Lernziele zu erreichen.
  • Höhere Wahrscheinlichkeit, dass Lehrkräfte fachlich gut informiert, beruflich kontinuierlich weiterentwickelt und motiviert sind, ihre Schülerinnen und Schüler zu inspirieren.
  • Größere Arbeitszufriedenheit, höhere Motivation und ein besseres Arbeitsklima sowie geringere Fehlzeiten.
  • Deutliche Fortschritte bei der Anpassung des Unterrichts an die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler; notwendige Veränderungen im Lernprozess werden schneller umgesetzt als an traditionell organisierten Schulen.
  • Höhere Wahrscheinlichkeit, grundlegende und systemische Schulentwicklungsprozesse anzustoßen und erfolgreich umzusetzen.

Aus dem aktuelleren Diskurs über die Wirkung von professionellen Lerngemeinschaften nach Nguyen et al. (2024, S. 99) und Hudson (2024, S. 655–656) werden noch folgende Punkte ergänzt:

  • Veränderung der Schulkultur infolge positiver Entwicklungen in der Unterrichtspraxis.
  • Stärkung der individuellen Selbstwirksamkeit von Lehrkräften sowie der kollektiven Selbstwirksamkeit des Kollegiums
  • Veränderung bestehender Überzeugungen und Einstellungen gegenüber Schülerinnen und Schülern
  • Unterstützung des kollaborativen Lernens und vertrauensvoller Beziehungen zwischen Lehrkräften
  • Unterstützung bei innovativen Veränderungen der Unterrichtspraxis

Bonsen und Rolff (2006, S. 178–179) weisen darauf hin, dass die Effektivität von professionellen Lerngemeinschaften keineswegs allein von dem was unter dem Begriff „Kooperation“ diskutiert wird abhänge, sondern weit mehr Einflussgrößen beinhalte. Deshalb werden in Tabelle 1 relevante Merkmale effektiver professioneller Lerngemeinschaften gegenübergestellt.

Tabelle 1: Merkmale effektiver Professioneller Lerngemeinschaften

Hord (1997, S. 23–25)

Bonsen und Rolff (2006, S. 179)

Hord (2009, S. 42–43)

Courtney et al. (2017, S. 1)

Hudson (2024, S. 652–654)

Nguyen et al. (2024, S. 99–101)

Einbeziehung des Kollegiums in Entscheidungs-prozesse

Reflektierender Dialog

Zusammen­arbeit in der Community in Hinblick auf gemeinsame Ziele

Verantwortungs-übernahme für ihre eigene Arbeit

Unterstützende schulische Strukturen

Unterstützung durch die Führungskraft

Gegenseitige Unterrichts-besuche und kollegiale Beobachtung der Unterrichts­praxis

De-Privatisierung der Unterrichtspraxis

Initiierung durch die Führungskraft

Förderung von Vielfalt und Zu­sammen­arbeit

Gemeinsame Vision und gemeinsame Werte

Vorhandensein von Zeit, Raum, Kommu­­nikation, Technologie und finanziellen Ressourcen

Geeignete räumliche, organisatori­sche, sowie personelle Rahmen-bedingungen

Fokus auf Lernen statt Lehren

Zeit für das Lernen

Gemeinsame Vision

Kollegiales Vertrauen

Fokus auf Lernen und Unterricht

Gemeinsames Lernen des Kollegiums

Zusammen­arbeit

Räumlichkeiten für das Lernen

Ausrichtung auf eine anspruchsvolle professionelle Weiterent­wicklung

Kollaborative Reflexions­praxis

Qualität der kollaborativen Beziehungen

Gemeinsame Vision

Gemeinsame Handlungs-leitende Ziele

Unterstützung bei der Daten­auswertung (im Rahmen der Überprüfung der gemein­samen Ziele)

Konzentration auf Lerner­gebnisse der Schüler, sowie auf gemein­same Heraus­forderungen der Unterrichts­praxis

   
   

Distributed Leadership durch demokra­tische Partizipa­tionsmöglich­keiten der Community-Mitglieder

Kollegiale Unterrichts-beobachtungen (ohne bewertenden Charakter)

   
     

Angemessene zeitliche Ressourcen und angemessene Unterstützung

   

Bei einem Blick auf die in der Forschungsliteratur diskutierten Merkmale von professionellen Lerngemeinschaften fallen einige Gemeinsamkeiten auf, wenngleich die Akzentuierung der einzelnen Determinanten unterschiedlich ausfällt. Für die Reflexion der Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften werden deshalb auf Basis der Merkmale in Tabelle 1 sieben Reflexionskategorien gebildet:

  • Gemeinsame (handlungsleitende) Visionen/Ziele
  • (Vertrauensvolle) Zusammenarbeit in Hinblick auf die Erreichung der gemeinsamen Visionen/Ziele
  • De-Privatisierung der Unterrichtspraxis durch gegenseitige Unterrichtsbesuche und kollegiale Unterrichtsbeobachtungen
  • Gemeinsames Lernen durch eine kollaborative Reflexionspraxis
  • Fokus auf Themen der Unterrichtsentwicklung und des Lernens der Schüler
  • Führungskräfte ermöglichen eine Verantwortungsübernahme der Lerngemeinschaft für ihre eigene Arbeit, sowie Entscheidungs- und Partizipationsmöglichkeiten
  • Unterstützende organisatorische Rahmenbedingungen: Raum, Zeit, Kommunikation, Technologie, personelle und finanzielle Ressourcen, sowie Unterstützung bei der Datenauswertung zur Überprüfung der Zielerreichung

2.2 Lernortübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen der Lehrkräftebildung mit professionellen Lerngemeinschaften

Eine erste Einordnung des Konzeptes der Lernortkooperation in der Berufsbildung gibt Wilbers (2025, S. 691): „Klassische Lernortkooperation ist eine Form der Bildungspartnerschaft, bei der Betrieb, Berufsschule sowie ggf. überbetriebliche Bildungsstätte im Rahmen der Ausbildung im dualen System zusammenarbeiten.“ In dieser einfachen Definition werden Akteure und Zweck der Lernortkooperation dargelegt. Seufert et al. (2025, S. 91–94) spricht im Zusammenhang von Lernortkooperation auch von School-Workplace Connectivity und legt dar, dass sich die Zusammenarbeit der einzelnen Akteure (Berufsschule, Lehrbetrieb, Überbetriebliche Stätten und Angebote) im Rahmen einzelner Digitalisierungswellen hin zu mehr Konnektivität, eingebettet in ein digitales Ökosystem, entwickeln. Bei der Lernortkooperation geht es also um die Beschreibung der strukturierten Zusammenarbeit der einzelnen Lernorte. Gössling et al. (2025, S. 258–260) haben dazu ein Modell über mögliche Stufen der Lernortkooperation und Konnektivität entwickelt.

Abbildung 1: Stufen der Lernortkooperation und Konnektivität (Gössling et al., 2025, S. 259)Abbildung 1: Stufen der Lernortkooperation und Konnektivität (Gössling et al., 2025, S. 259)

Im Folgenden sollen die möglichen Stufen nach Gössling et al. (2025, S. 258–259) kurz eingeführt werden:

Stufe 0 – Implizite Koordiniertheit

Die Lernorte sind ausschließlich institutionell über curriculare Vorgaben und etablierte Routinen miteinander verbunden. Eine direkte Zusammenarbeit des Berufsbildungspersonals auf Ebene der Lernprozesse oder der Organisation findet nicht statt.

Stufe 1 – Sporadisches Informieren

Zwischen schulischen Lehrpersonen und betrieblichen Ausbildenden findet ein anlassbezogener Informationsaustausch statt. Eine darüberhinausgehende gemeinsame Planung oder Zusammenarbeit erfolgt nicht.

Stufe 2 – Defizitorientierte Abstimmung

Die Akteure stimmen sich punktuell zur Bearbeitung konkreter Lerndefizite oder gemeinsamer Ziele ab. Die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt jedoch getrennt an den jeweiligen Lernorten, sodass ein koordiniertes Nebeneinander besteht.

Stufe 3 – Organisatorische Zusammenarbeit

Schule und Betrieb planen und realisieren gemeinsame Aktivitäten, beispielsweise Exkursionen, Gastvorträge oder gemeinsam entwickelte Ausbildungsunterlagen. Diese Kooperation bleibt jedoch auf einzelne Projekte begrenzt und ist nicht in die regulären Lernprozesse integriert.

Stufe 4 – Partnerschaftliche Kooperation mit konnektiven Elementen

Die Zusammenarbeit orientiert sich an einer lernortübergreifenden Begleitung der alltäglichen Lernprozesse. Durch konnektive Elemente, wie beispielsweise lernortintegrierende ePortfolios, werden Lernprozesse in den einzelnen Lernorten systematisch miteinander verknüpft. Dies umfasst auch die Personal- und Organisationsentwicklung.

Im Konzept von Gössling et al. (2025, S. 259) wird die vierte Stufe als ein „Idealmodell“ angedeutet. Dies ist kritisch zu hinterfragen. Denn Faßhauer (2018, S. 481) stellt bereits fest: „Die Realität der Lernortkooperation auf der Meso- und Mikroebene läuft den normativen Ansprüchen dauerhaft hinterher.“. Schwede (2026, S. 46) weist in der Diskussion über Lernortkooperation sogar explizit ein Forschungsdesiderat über den Zusammenhang zwischen Kooperationsintensität und dem Ausbildungserfolg aus. Dabei sollen insbesondere strukturelle Rahmenbedingungen, fehlende Ressourcen und Verbindlichkeit weiter in den Blick genommen werden.

Auch wenn sich das Konzept der Lernortkooperation nur in Teilen in die Lehrkräfteausbildung integrieren lässt, wird diese im vorgestellten Seminar verankert. Dabei sollen schulische und betriebliche Akteure zur projektbezogenen Kooperation mit einer Gruppe Studierender angeregt werden. Dies entspricht im eingeführten Modell zu den Stufen der Lernortkooperation und Konnektivität (s. Abbildung 1) der Stufe 3 „Organisatorische Zusammenarbeit“. Ansätze zur Integration von Lernortkooperation in die universitäre Lehrkräfteausbildung werden bereits in der Praxis umgesetzt und sind darüber hinaus Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Gössling und Vötsch (2025, S. 45) weisen auf das Potenzial von Abschlussarbeiten zum Thema Lernortkooperation als wertvollen Impuls für Schulentwicklungsprozesse hin, wenn diese auch in der Kooperation mit der Praxis entstehen. Kubin und Brutzer (2026, S. 6–9) analysieren in ihrem Beitrag das Potenzial der Verankerung von lernortkooperativen Elementen in der ersten Phase der beruflichen Lehrkräftebildung. Sie sehen insbesondere einen großen Mehrwert bei der Analyse von Arbeitsprozessen für die darauf aufbauende Entwicklung von Lernsituationen, da so die oft fehlende berufliche Praxis der Studierenden, ausgeglichen werden könne. Durch die Einsichten in das praktische Feld, die sich aus der Kooperation mit der betrieblichen Praxis ergebe, werde die berufsdidaktische Urteils- und Gestaltungskompetenz der Studierenden ausgebaut. Darüber hinaus sehen die Autoren darin auch ein Potenzial Querschnittsthemen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu verankern. Außerdem wird im Gliederungspunkt 3 eine entsprechende Tradition des zu betrachtenden Seminars selbst beschrieben.

Für die systematische Reflexion der Zusammenarbeit innerhalb von lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften scheinen ein enges Verständnis von Lernortkooperation, sowie die Stufen der Lernortkooperation und Konnektivität nach Gössling et al. (2025, S. 259) allerdings ungeeignet, da diese eher organisationale Kooperationen fokussieren als Kooperationen einzelner Personen zur gemeinsamen Unterrichtsentwicklung. Deshalb werden die Kooperationsformen von Lehrkräften (s. Tabelle 2) nach Gräsel et al. (2006, S. 209–211) als weitere Reflexionskategorien ergänzt. Die dort beschriebenen drei Kooperationsformen sollen die systematische Reflexion der Zusammenarbeit der beteiligten Lernorte im Rahmen des Seminars strukturieren. Im Folgenden soll deshalb auch von einer lernortübergreifenden Zusammenarbeit zwischen betrieblichen, schulischen und universitären Partnern gesprochen werden, anstatt von Lernortkooperation im eigentlichen Verständnis der Berufsbildung.

Tabelle 2: Vergleich dreier Kooperationsformen von Lehrkräften nach Grosche et al. (2020, S. 464)

Kooperationsform

Beschreibung

Austausch

Unterschiedliche Aufgaben am gleichen Gegenstand/ Austausch von Material und Informationen

Arbeitsteilige Kooperation

Bearbeitung unabhängiger, aber auf gemeinsame Ziele bezogene Arbeitspakete

Kokonstruktive Kooperation

Individuelles Wissen und Können aufeinander beziehen, um neue Kompetenzen & Lösungen zu generieren

In der ebenfalls normativ geführten Diskussion über die Kooperation zwischen Lehrkräften weist Bauer (2004, S. 826) daraufhin, dass Häufigkeit und Intensität der Anlässe für die Zusammenarbeit allein nicht geeignet seien, um „gute“ Kooperation zu beschreiben. Aus seiner Sicht gibt es eine Fülle weiterer Faktoren, die einen Beitrag zur wirksamen Lehrerkooperation leisten (Bauer, 2004, S. 828–829). Diese werden hier allerdings nicht weiter vertieft. Im Rahmen der der Arbeit mit Professionellen Lerngemeinschaften als Konzept der Lehrkräftebildung werfen Bonsen und Rolff (2006, S. 178–179) ebenfalls einen kritischen Blick auf die normativen Erwartungen in Hinblick auf Kooperation von Lehrkräften bzw. Lehrkräfteanwärter. Sieverweisen auf andere Variablen erfolgreicher Zusammenarbeit in diesem Kontext wie sie für diesen Beitrag relevant unter Gliederungspunkt 2.1 als Merkmale effektiver professioneller Lerngemeinschaften zugrunde gelegt werden.

3 Beschreibung des Seminarkonzeptes zu „Lernsituationen gestalten und einsetzen (Schwerpunktthema: Nachhaltigkeit)“

Zur prägnanten und strukturierten Beschreibung des Seminarkonzepts wird das Nürnberger Didaktikmodell nach Wilbers (2026, S. 12) zugrunde gelegt. Es steht in der Tradition des Berliner und Kölner Didaktikmodells. Wilbers (2026, S. 12–13) unterscheidet im Rahmen des darin enthaltenen Strukturmodells die drei Elemente „Kompetenzerwartungen festlegen, Bedingungen analysieren, sowie Methoden & Medien gestalten“.

Bedingungen des Seminars:

Das Seminar ist im Masterstudium der Wirtschaftspädagogik in Nürnberg im Berufs- und wirtschaftspädagogischen Wahlbereich zu verorten. Die Studierenden befinden sich überwiegend im dritten Mastersemester. Damit haben sie in den meisten Fällen die Universitätsschule, die curricular im ersten und zweiten Fachsemester verortet ist, bereits (erfolgreich) absolviert. Daher sollten sie im dritten Fachsemester mit der Arbeit und dem Lernen als Teil von professionellen Lerngemeinschaften vertraut sein.

Abbildung 2: PLG-Konstellationen im Master-Studium der Nürnberger Wirtschaftspädagogik (Leppert, 2023, S. 231)Abbildung 2: PLG-Konstellationen im Master-Studium der Nürnberger Wirtschaftspädagogik (Leppert, 2023, S. 231)

Neben der standortspezifischen Prägung in Hinblick auf die Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften (Hahn et al., 2024, S. 160–162), welche in diesem Seminar sogar phasen- und lernortübergreifend (s. Abbildung 2) ausgestaltet werden, steht das vorgestellte Seminar selbst in der Tradition der Vorgänger. Die grundlegende Konzeption der Lehrveranstaltung erfolgte durch Schirmer (2020, S. 313–314). Ziel war es Gestaltungsprinzipien von kompetenzorientierten Aufgaben an der Wirtschaftsschule in Bayern zu generieren. Danach entwickelte Leppert (2023, S. 229–231) das Seminar für die designbasierte Untersuchung der prozessorientierten Sachanalyse zur digitalen Transformation von Lernsituationen weiter, indem er insbesondere auch die Arbeit mit phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften, um betriebliche Partner ergänzt hat (s. Abbildung 2). Nun wird die Arbeit mit lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften auch mit dem neuen Schwerpunktthema Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung fortgeführt.

Kompetenzerwartungen festlegen:

Ziel des Seminars ist das Gestalten und der Einsatz von Lernsituationen unter Einbezug des Schwerpunktthemas Nachhaltigkeit bzw. Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Dokumentation der geplanten Lernsituation, sowie die Reflexion und Revision dieser, nach dem Einsatz an einer Partnerschule, erfolgt im Rahmen einer Hausarbeit. Die Prüfungsleistung ist von einer Dreiergruppe Studierender zu bewältigen. In Bezug auf die Standards für die Lehrkräftebildung (Kultusministerkonferenz, 2024b, S. 7–8) wird ein Beitrag zu Professionalisierung der Studierenden und Lehrkräfte im Kompetenzbereich „Unterrichten“ geleistet. Darüber hinaus leistet das Konzept einen Beitrag für den Inhaltsbereich des „Beruflichen Lehren und Lernen, Entwickeln“ im Rahmen des Basiscurriculums für das universitäre Studienfach Berufs- und Wirtschaftspädagogik (Sektion Berufs‐ und Wirtschaftspädagogik, 2014, S. 11). Eine ausführliche Modellierung zur Verankerung von Beruflicher Bildung für nachhaltiger Entwicklung im Unterricht mit Lernsituationen an Berufsbildenden Schulen, kann in diesem Beitrag nicht geleistet werden. Ein relevanter Teil des theoretischen Rahmens wird jedoch im Beitrag „Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung an Berufsbilden den Schulen – Ein systematisches Literaturreview zur Didaktik einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung im berufsbezogenen Unterricht“ von Koller und Roth (2026, S. 16–27) dargestellt.

Methoden & Medien gestalten

Die methodische Umsetzung erfolgt mit Hilfe der beschriebenen lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften. Konkret arbeiten hier jeweils drei Studierende, einem schulischen (Lehrkraft) und einem betrieblichen Partner (meist Ausbildungsverantwortliche Person) zusammen. Die betrieblichen Partner werden von den Lehrkräften aus der Klasse, in welcher der Unterricht durchgeführt wird, akquiriert. Dieses methodische Vorgehen soll in Kapitel 5 Ergebnisdarstellung der Auswertung im Beitrag entsprechend Gegenstand der Reflexion sein. Der Arbeits- und Lernprozess erfolgt entlang der vollständigen Handlung, was von den Studierenden im Rahmen einer Hausarbeit zu dokumentieren ist. Darüber hinaus soll in der Entwicklungsphase der Lernsituation mindestens eine Hospitation an der Partnerschule, sowie jeweils ein Gespräch mit den schulischen und betrieblichen Partnern stattfinden. Als Begleitangebot wird neben den für jede Sitzung erstellten PowerPoint-Foliensatz, das Lehrbuch „Wirtschaftsunterricht gestalten“ (Wilbers, 2025), sowie ein Leitfaden und Kriterienkatalog zur Verankerung von BBNE im Unterricht mit Lernsituationen zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wird in jeder Seminarsitzung eine strukturierte Teamreflexion im Rahmen von Retrospektiven durchgeführt. Außerdem werden einige relevante technische Werkzeuge verwendet: Kollaborationstools wie Teams und Zoom, Prozessmodellierungstools wie Lucidchart, sowie digitale Tools in Lernsituationen wie z. B. miroboard. Dabei ist explizit auch die Verwendung von KI-Tools gestattet, solange die Verwendung im Rahmen der Prüfungsleistung transparent dargelegt wird.

4 Methodisches Vorgehen

Neben einer eigenen Reflexion im Rahmen der aus der Literatur gefolgerten Reflexionskategorien, erfolgt eine Reflexion anhand des empirischen Materials (s. Tabelle 3) mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024). Das empirische Material entstand in der dreijährigen Durchführung des oben erläuterten Seminarkonzeptes. Bei den Interviews handelt es sich um leitfadengestützte Interviews nach Helfferich (2011, S. 179–189), welche zur Datenauswertung manuell transkribiert wurden. Die lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften (vgl. Abbildung 2) bestehen aus einer Gruppe von jeweils drei Studierenden, einem schulischen und einem betrieblichen Ansprechpartner. Somit wurden insgesamt 45 Personen befragt. Die Fokusgruppeninterviews dauern i.d.R. ca. 60 min. und die Fokusinterviews mit den schulischen, sowie betrieblichen Ansprechpartnern, jeweils ca. 30 min..

Tabelle 3: Gesamtübersicht des qualitativen Datenmaterials

Datenbasis

WiSe2023/24

WiSe2024/25

WiSe2025/26

Fokusgruppeninterviews mit je 3 Studierenden

3

3

3

Fokusinterviews schulische Partner

3

3

3

Fokusinterviews betriebliche Partner

3

3

3

Protokol: Teaching-Analysis-Polls (nur Studierende)

1

1

1

Die Auswertungsmethode der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) ermöglicht eine systematische, regel- und theoriegeleitete Aufbereitung umfangreicher Datenbestände. Die Codierung des Materials erfolgt in einem kombinierten deduktiv-induktiven Vorgehen, wodurch sowohl theoretisch fundierte Kategorien als auch aus dem Material emergierende Aspekte berücksichtigt werden können. (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 102–103). Zur Strukturierung des Analyseprozesses werden zwei Oberkategorien (OK) mit jeweils differenzierten Subkategorien aus dem theoretischen Rahmen des Beitrages entwickelt (s. Tabelle 4):

OK 1: Lernortübergreifende Zusammenarbeit

OK 2: Professionelle Lerngemeinschaften

Die Auswertung orientiert sich an den Kodierschritten der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse. Diese umfasst die initiale Materialdurchsicht, die Entwicklung und sukzessive Präzisierung des Kategoriensystems, die Codierung des Datenmaterials sowie die anschließende Verdichtung und interpretative Aufbereitung der Ergebnisse. Die Darstellung der Befunde erfolgt im nachfolgenden Kapitel in Form einer narrativen Synthese (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 105–107). Darüber hinaus wird auch ein Kodierleitfaden mit den Spalten „Analysekategorie“, „Kategoriebeschreibung“, „Kodierregel“ (s. Tabelle 4). Auf die Darstellung von Ankerbeispielen wird aufgrund der Gestaltung des Ergebnisteils und Platzgründen verzichtet.

Tabelle 4: Kodierleitfaden

Analysekategorie

Kategorienbeschreibung

Kodierregel

OK 1: Lernortübergreifende Zusammenarbeit

   

UK 1.1: Austausch

Aussagen, die den Austausch von Informationen, Materialien, Erfahrungen oder Meinungen zwischen den Kooperationspartnern beschreiben, ohne dass eine gemeinsame Bearbeitung oder Entwicklung von Lösungen erfolgt.

Codiert werden alle Textstellen, in denen Informationen, Materialien, Erfahrungen oder organisatorische Hinweise zwischen den Beteiligten ausgetauscht werden. Die Bearbeitung des Gegenstands erfolgt unabhängig voneinander; eine gemeinsame Wissenskonstruktion oder arbeitsteilige Aufgabenbearbeitung findet nicht statt. Nicht codiert werden Textstellen, in denen gemeinsame Arbeitsprozesse oder die Entwicklung neuer Lösungen beschrieben werden.

UK 1.2: Arbeitsteilige Kooperation

Aussagen, die eine koordinierte Zusammenarbeit beschreiben, bei der unterschiedliche, voneinander unabhängige Aufgaben oder Arbeitspakete zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels übernommen und anschließend zusammengeführt werden.

Codiert werden Textstellen, in denen die Beteiligten ihre Aufgaben aufteilen, eigenständig bearbeiten und die Ergebnisse zur Zielerreichung zusammenführen. Nicht codiert werden reine Informationsaustausche ohne Aufgabenverteilung sowie ko-konstruktive Arbeitsprozesse, bei denen Lösungen gemeinsam entwickelt werden.

UK 1.3: Kokonstruktive Kooperation

Aussagen, die eine intensive gemeinsame Zusammenarbeit beschreiben, bei der die Beteiligten ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Perspektiven wechselseitig aufeinander beziehen, um gemeinsam neue Erkenntnisse, Kompetenzen oder Lösungen zu entwickeln.

Codiert werden alle Textstellen, in denen Ideen gemeinsam weiterentwickelt, Probleme gemeinsam gelöst oder neues Wissen im gemeinsamen Arbeitsprozess erzeugt wird. Charakteristisch ist die gegenseitige Bezugnahme auf die Beiträge der Beteiligten sowie die gemeinsame Konstruktion von Lösungen. Nicht codiert werden reine Arbeitsteilung oder bloßer Informationsaustausch ohne gemeinsame Wissensentwicklung.

OK 2: Professionelle Lerngemeinschaften

   

UK 2.1: Gemeinsame Vision/Ziele

Aussagen, die sich auf gemeinsam entwickelte, geteilte oder handlungsleitende Visionen, Zielvorstellungen oder Leitbilder der professionellen Lerngemeinschaft beziehen.

Es werden alle Textstellen codiert, in denen gemeinsame Ziele, Visionen, Leitbilder oder ein gemeinsames Verständnis der Zusammenarbeit beschrieben, entwickelt oder reflektiert werden. Nicht codiert werden individuelle Ziele einzelner Personen ohne Bezug zur Lerngemeinschaft

UK 2.2: Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Aussagen zur kooperativen und vertrauensvollen Zusammenarbeit der Mitglieder mit dem Ziel, gemeinsame Visionen und Ziele zu erreichen.

Codiert werden alle Textstellen, die gegenseitige Unterrichtsbesuche, kollegiale Unterrichtsbeobachtungen, Hospitationen oder den Austausch über konkrete Unterrichtspraxis thematisieren. Nicht codiert werden allgemeine Gespräche über Unterricht ohne Bezug zu Beobachtungen oder gegenseitigem Feedback.

UK 2.3: De-Privatisierung der Unterrichtspraxis

Aussagen über die Öffnung der eigenen Unterrichtspraxis durch gegenseitige Hospitationen, Unterrichtsbeobachtungen oder Feedbackprozesse.

Codiert werden alle Textstellen, die gegenseitige Unterrichtsbesuche, kollegiale Unterrichtsbeobachtungen, Hospitationen oder den Austausch über konkrete Unterrichtspraxis thematisieren. Nicht codiert werden allgemeine Gespräche über Unterricht ohne Bezug zu Beobachtungen oder gegenseitigem Feedback.

UK 2.4: Gemeinsamen Lernen durch kollaborative Reflexion

Aussagen, die gemeinsames Lernen der Mitglieder durch Reflexion gemeinsamer Erfahrungen, Ergebnisse oder Herausforderungen beschreiben.

Codiert werden Textstellen, in denen die gemeinsame Reflexion von Unterricht, Erfahrungen, Entwicklungsprozessen oder Arbeitsergebnissen zur Weiterentwicklung der Lerngemeinschaft dargestellt wird. Nicht codiert werden individuelle Reflexionen ohne kollaborativen Bezug.

UK 2.5: Fokus auf Unterrichtsentwicklung

Aussagen, die die Weiterentwicklung des Unterrichts sowie die Förderung des Lernens der Schülerinnen und Schüler als gemeinsamen Schwerpunkt der Lerngemeinschaft thematisieren.

Codiert werden Textstellen, in denen Unterrichtsqualität, Unterrichtsentwicklung, Lernprozesse oder Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler als gemeinsamer Arbeitsgegenstand beschrieben werden. Nicht codiert werden allgemeine Aussagen zur Schulentwicklung ohne Bezug zum Unterricht oder Lernen.

UK 2.6: Verantwortungsübernahme und Partizipation

Aussagen, die beschreiben, wie Führungskräfte Verantwortungsübernahme, Mitbestimmung und eigenständige Entscheidungen der Lerngemeinschaft ermöglichen oder fördern.

Codiert werden Textstellen, die Entscheidungsfreiräume, Partizipation, Delegation von Verantwortung oder unterstützende Führungspraktiken thematisieren. Nicht codiert werden allgemeine Aussagen über Schulleitung ohne Bezug zur Ermöglichung von Verantwortung oder Mitgestaltung.

UK 2.7: Organisatorische Rahmenbedingungen

Aussagen über strukturelle, organisatorische oder materielle Voraussetzungen, die die Arbeit der professionellen Lerngemeinschaft unterstützen.

Codiert werden Textstellen, die zeitliche, räumliche, personelle, finanzielle oder technologische Ressourcen, Kommunikationsstrukturen oder Unterstützung bei der Datennutzung und Evaluation beschreiben. Nicht codiert werden lose Aussagen über Zusammenarbeit, sofern keine organisatorischen Rahmenbedingungen thematisiert werden.

5 Ergebnisse der qualitativen Auswertung

In der Reflexion über die Arbeit mit den lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften (kurz: lp-PLG) im Rahmen der einzelnen Kategorien (s. Tabelle 4) ergeben sich für die einzelnen Akteursgruppen unterschiedliche Rollenverständnisse, die im Folgenden nach den Kategorien gegliedert beschrieben werden sollen. Darüber hinaus reflektiert der Autor, welcher gleichzeitig auch der Seminarleiter ist, auch seine Wahrnehmung der kooperativen Zusammenarbeit.

OK 1: Lernortübergreifende Zusammenarbeit

Zur Beschreibung der lernortübergreifenden Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteursgruppen bzw. Lernorten (Seminarleiter, Dreier-Gruppe Studierender, sowie schulische und betriebliche Ansprechpartner) zur gemeinsamen Unterrichtsentwicklung im Rahmen des Masterseminars „Lernsituationen gestalten (Schwerpunktthema: Nachhaltigkeit)“ werden die Kooperationsformen „Austausch – arbeitsteilige Kooperation – kokonstruktive Kooperation“ unterschieden. Beim Codieren dieser drei betrachteten Kooperationsformen zur Beschreibung der Intensität der hier angelegten lernortübergreifenden Zusammenarbeit ist auffällig, dass die allermeisten Fundstellen nicht über die die Stufe „Austausch“ hinausgehen. Dies ist nach der theoretisch geführten kritischen Reflexion zur Normativität der Kooperation von Lehrerteams allerdings nicht als negativ zu bewerten, sondern lediglich eine Beschreibung der realen Abläufe im Rahmen der Arbeit mit lp-PLGs.

Die intensivste und auch ko-konstruktive Arbeit fand innerhalb der lp-PLGs in den Dreierteams der Studierenden statt. Dies ist nach dem im Seminarkonzept dargestellten Fokus auf diese Akteursgruppe auch dementsprechend gut nachvollziehbar.

„Nee, ich glaube, die intensivste Zusammenarbeit war natürlich intern in unserem Dreierteam.“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

Darüber hinaus fand in den Dreierteams auch teilweise eine arbeitsteilige Kooperation satt:

„Also wir haben uns da ein bisschen aufgeteilt. Wir haben es so gemacht, eine Person war halt dann für die Inhaltsanalyse beziehungsweise die Fachanalyse zuständig und eine andere Person dann für die Prozessanalyse.“ (Interview_Z3_LS02)

Nach der meist guten Vorbereitung gehen die Studierenden im Anschluss auf die schulischen und betrieblichen Partner zu, um das weitere Vorgehen auszuloten.:

„Doch, also die Gruppe, also wir haben uns ja getroffen und die haben sich dann schon vorbereitet und sich quasi schon die schulischen Aspekte geholt oder die schulischen Infos. Haben sich dann mit den Lehrern abgestimmt und haben das selber vorab recherchiert. Und mein Auftrag war es ja dann nur abzugleichen, ob es im Betrieb auch wirklich so abläuft oder ob es da nochmal irgendwelche Differenzen gibt.“ (Interview_Z2_LS02_Betrieb)

Dabei haben die Studierende implizite Erwartungen an die, jeweiligen Ansprechpartner, die sich in den Fragen und dem Austausch widerspiegeln. Zunächst soll die Rolle der Lehrkräfte beleuchtet werden. Diese sind Experten für die didaktische Umsetzung der Lernsituation und geben insbesondere wertvollen Input über die Bedingungen an der Schule und im Klassenzimmer. Deshalb finden die schulischen Partner sich auch in einer beratenden Funktion über diese Themen wieder:

„ Die Lehrkraft an der Schule war natürlich für das Materialkonzipieren, das war so unsere Hauptansprechpartnerin. Mit der es natürlich auch darum ging: Was passiert vor unserer Stunde, was passiert danach? Wie ist die Klasse?“ (Interview_Z2_LS01_Studierende)

„Mhm, hm ganz allgemein bei dem Lernsituationenseminar seh ich ähm meine Rolle eher so als Begleiter, also ich bin da mit im Hintergrund und ich helfe gerne, wenn da der Bedarf ist, aber das ist halt ein Angebot. Wen die Studis sagen, also ich brauch da keinen Input mehr von der Lehrkraft, dann ist das auch okay für mich.“ (Interveiw_Z1_LS03_Schule)

Die betrieblichen Ansprechpartner sind ebenfalls eher in einer beratenden Funktion bei der Analyse der Arbeits- und Geschäftsprozesse, sowie im Rahmen Diskussion zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsideen im Unternehmen, tätig. Dabei sind sie vor allem in der Rolle Feedback über die Praxis- bzw. Realitätstauglichkeit der Ideen zu geben:

„Also da fällt mir ein, der Besuch bei unserem betrieblichen Praxispartner, falls das damit gemeint ist, also da war ja der direkte Bezug zum Unterricht da oder zum Thema des Unterrichts, die Warenvorlage. Und da kam dann auch immer intensiver raus, dass die Lernsituation geschärft wurde, realistischer wurde und eben der Nachhaltigkeitsaspekt oder der BBNE auch noch intensiver umgesetzt werden konnte, weil da noch weitere Ideen dann entstanden sind, die in der Realität schon so mit anderem Namen auftauchen.“ (Interview_Z3_LS02_Studierende)

„Na gut, wir waren Informations- äh Geber und so ein bisschen ähm Realismus-Reinbringer in dieses ganze Thema, würde ich sagen. Die Studierenden haben äh aus einer äh ja, aus einer Brille der Theorie natürlich erstmal das ganze Thema durchleuchtet, allerdings qualitativ schon ziemlich gut und auch ziemlich gut äh durchdacht und wir mussten so ein bisschen links und rechts justieren, damit das Ganze eben auch äh in den realistischen, wirklich umsetzbaren und tagtäglich gelebten ähm Unternehmenspraktiken dann äh ja, so ein bisschen korrigiert wird einfach. Das war unsere Rolle.“ (Interview_Z1_LS02_Betrieb)

Der Austausch zwischen den schulischen und betrieblichen Ansprechpartnern findet insbesondere bei der Akquise der Betriebe statt. Diese werden von den Lehrkräften kontaktiert und zur Kooperation eingeladen. Dabei finden auch erste Absprachen statt:

„Und habe dann ja auf der Suche nach einem betrieblichen Praxispartner [Betrieb] Kontakt aufgenommen und habe da dann auch mit ihr nochmal ein bisschen Brainstorming gemacht.“ (Interview_Z2_LS01_Schule)

Die Rolle des Seminarleiters an der Universität ist eine moderierende und begleitende Rolle über den gesamten Entwicklungsprozess, welcher insbesondere in den Seminarsitzungen mit den Studierenden stattfindet:

„Ich hab ja vorhin auch schon gesagt, dass wir uns ja auch im Seminar oft miteinander austauscht haben, auch mit dir [Seminarleiter]… Du hast uns dabei geholfen, irgendwie so ein bisschen bei der Sache zu bleiben, finde ich und nicht irgendwie komplett abzuschweifen und uns wieder so ein bisschen auf den Punkt zu bringen und da war dein Input auf jeden Fall hilfreich und das Wesentliche im Blick zu behalten.“ (Interview_Z1_LS02_Studierende)

OK 2: Professionelle Lerngemeinschaften

Trotz der vergleichsweisen geringen Kooperationsintensität in Hinblick auf die theoretischen Möglichkeiten, kann im Folgenden die weitestgehende Erfüllung der herausgearbeiteten Merkmalle effektiver professioneller Lerngemeinschaften auch für diesen Kontext belegt werden. Dazu werden ebenfalls entsprechende Stellen aus dem Interviewmaterial (vgl. Tabelle 3) mit den einzelnen Akteursgruppen als Reflexionsgrundlage herangezogen.

Gemeinsame handlungsleitende Visionen/Ziele

Das gemeinsame Ziel im Rahmen des Masterseminars ist es Lernsituationen mit BBNE-Bezug zu entwickeln, durchzuführen und im Anschluss an den Einsatz in der Schule auf Basis einer gemeinsamen Reflexion zu überarbeiten. Die Konkretisierung des gemeinsamen Ziels findet insbesondere bei der gemeinsamen Themenwahl, sowie dem Ausloten des Nachhaltigkeitsbezugs der Unterrichtsstunde, statt. Dabei fällt auf, dass bei der Diskussion über die gemeinsame Zielformulierung teilweise Impulse von den schulischen oder betrieblichen Partnern gegeben werden und von den Studierenden zusammengeführt werden:

„Also unser Praxispartner war die [Betrieb Werbeartikel], die der Artikel Hersteller beziehungsweise Vertrieb und das hat dann unsere Lernsituation insofern schon beeinflusst, dass wir dann das Berufshandeln speziell auf die Werbeartikelbranche quasi gelenkt haben.“ (Interview_Z1_LS01_Studierende)

„Also die Lehrkraft und die Studis, die des Thema gewählt haben“. (Interview_Z1_LS03_Betrieb)

Darüber hinaus ist auch festzuhalten, dass die lp-PLG auch zunächst widersprüchliche Zielvorstellungen auflösen müssen:

„Zwischen Schule und Uni, also den Inhalten, wo wir in der Uni lernen und dann die schulische Realität. Das war für uns, würde ich jetzt sagen, die größte Herausforderung, weil man halt dann Punkte umsetzt, die man im Seminar gelernt hat und die dann aber in der Schule negativ aufgefasst werden.“ (Interview_Z3_LS02_Studierende)

Vertrauensvolle Zusammenarbeit in Hinblick auf die Erreichung der gemeinsamen Visionen/Ziele

In der Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften wird eine vertrauensvolle Zusammenarbeit betont. Welche Rollen die einzelnen Akteure in der Kooperation einnehmen wird in der Hauptkategorie „Lernortübergreifende Zusammenarbeit“ vertieft reflektiert. Hier geht es insbesondere, um die Beschreibung des Vertrauensverhältnisses bzw. den Umgang untereinander bei der Erreichung der gemeinsamen Ziele. Bei der Entwicklung einer Unterrichtsstunde mit BBNE-Bezug profitieren die lp-PLGs insbesondere von Hinweisen über die echten Abläufe und auch die Umsetzung von Nachhaltigkeitsaspekten im Betrieb:

„(…)wir haben uns da diesen Prozess eben überlegt mit dem Verbesserungspotenzial das erkannt wird und waren uns da aber bei der Umsetzung innerhalb von dem Unternehmen nicht ganz sicher und haben das dann aber auch mit äh [Betrieb], also mit unserem Bildungspartner dann besprochen und die haben uns aber suggeriert dass es tatsächlich im Unternehmen eigentlich genauso stattfindet und dann wussten wir da auch dass wir am richtigen Weg sind.“ (Interview_Z1_LS01_Studierende)

„Also ich würd sagen von unseren Praxispartnern da schon echt nochmal gute Einblicke bekommen haben weil die ja auch eine eigene Abteilung nur dafür haben und da konnten wir noch mal konkret nachfragen, wo im Anfrageprozess diese Nachhaltigkeitsaspekte eingeordnet sind sozusagen..,“ (Interview_Z1_LS02_Studierende)

Die Zusammenarbeit innerhalb der lp-PLG ist aber unter der Einschränkung zu interpretieren, dass die intensivste Kooperation, jeweils innerhalb der Dreiergruppen von Studierenden passiert, nachdem dort die teilweise auch unterschiedlichen Rückmeldungen von den einzelnen Akteursgruppen zusammengetragen und diskutiert werden:

„Nee, ich glaube, die intensivste Zusammenarbeit war natürlich intern in unserem Dreierteam.“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

„(…) aber an sich fand ich die Zusammenarbeit super, also es war ein bisschen aufwendiger in der Kommunikation eben wegen den verschiedenen Teilnehmern, aber ansonsten alles super.“ (Interview_Z1_LS01_Schule)

„3 verschiedene Interessensgruppen, die teilweise in Widerspruch stehen: Schule, Unternehmen, [Seminarleiter].“ (TAP_Z1)

Nichtsdestotrotz weisen unabhängig von der Intensität der Kooperation so gut wie alle Akteursgruppen auf den guten Umgang untereinander hin:

„Man wurde herzlich aufgenommen, ähm die Kommunikation zwischen den Parteien war auch äh ohne Probleme, war alles top. Und äh daher war das Konzept am Ende echt erfolgreich von unserer Seite und ähm gab´s auch nichts, wo man sagt, äh würde man nicht nochmal machen.“ (Interview_Z1_LS01_Betrieb)

„Mhm, also die Studierenden ähm sehr positiv erstmal insgesamt. Ja dem Thema sehr offen uns gegenüber sehr offen. Das ist immer mal schön, dass da keine so Schüchternheit erstmal ähm besteht, sondern wirklich ein Dialog von Anfang an und genauso haben wir es empfunden mit der äh Universität, also Ihnen auch immer Kommunikation sehr gut und den Lehrkräften, da hatten wir ja auch schon ein bisschen eine Verbindung, genauso positiv. Ja.“ (Interview_Z1_LS02_Betrieb)

„Also ich hatte da ne ganz tolle Gruppe, die, ich habs ja vorhin schon angesprochen, sehr engagiert war.“ (Interview_Z1_LS02_Schule)

„Vor allem die [Lehrkraft] fand ich richtig cool. Die hat immer richtig schnell geantwortet und so. Die war immer hilfsbereit.“ (Interview_Z2_LS01_Studierende)

„Also wir waren jetzt einmal bei unserem betrieblichen Partner und das war wirklich ein schöner Besuch und ein sehr langer Besuch. Da ist es sich wirklich sehr Zeit genommen worden für uns. Da hat man Powerpoint-Präsentationen vorbereitet, wirklich auf diese Nachhaltigkeitsaspekte eingehend. Ein angehender Fachwirt hat uns den Betrieb gezeigt und ist dann wirklich noch mal zu den Kaffeemaschinen beispielsweise mit uns gegangen. Und da war auch danach so dieses: Wenn ihr noch Fragen habt, wenn ihr noch irgendwas braucht, meldet euch gerne. Also sehr, sehr offen und auch interessiert an uns.“ (Interview_Z3_LS02_Studierende)

Eine betriebliche Partnerin wünscht sich im Rahmen der Zusammenarbeit mehr eingebunden zu werden, da dies als gewinnbringend für alle Beteiligten erlebt wird:

„Man kann immer noch was verbessern. Wie gesagt, ich hätte das gern vielleicht ein bisschen in einem größeren Rahmen gehabt oder ein bisschen weiter vor dem Termin, dass man vielleicht ein bisschen intensiver noch mit denen arbeiten kann. Das hätte ich jetzt zum Beispiel gern gemacht. Aber ja, die Lehrerin, die Frau Behringer war das ja, die ist ja auf mich zugegangen. Wir kennen uns natürlich auch schon lang. Und auch mit Ihnen war das ja gute Zusammenarbeit. Also man kann immer noch was verbessern, aber ja, fand ich schon gut.“ (Interview_Z3_LS02_Betrieb)

De-Privatisierung der Unterrichtspraxis durch gegenseitige Unterrichtsbesuche und kollegiale Unterrichtsbeobachtungen

Die beteiligten Schulen bzw. Lehrkräfte öffnen ihren Unterricht in einer ausgewählten Klasse, indem Sie Hospitationen und die Durchführung der entwickelten Lernsituation der Studierendengruppen zulassen:

„Es gab eine Hospitation glaub ich, wo die Gruppe da war, genau und dann eben nochmal den eigentlichen Unterricht, aber es hat echt sehr gut funktioniert. Von meiner Perspektive aus.“ (Interview_Z1_LS03_Schule)

Dabei erhalten die Studierenden nicht nur die Möglichkeit zu beobachten, sondern auch sich mit der Lehrkraft über die Bedingungen auszutauschen, um für die Entwicklung der Unterrichtsstunde relevante Fragen zu klären:

„Und mit der Lehrkraft: Die war natürlich super wichtig für uns. Die Lehrkraft an der Schule war natürlich für das Materialkonzipieren, das war so unsere Hauptansprechpartnerin. Mit der es natürlich auch darum ging: Was passiert vor unserer Stunde, was passiert danach? Wie ist die Klasse? Sie war natürlich für alles mögliche so sehr, sehr wichtig.“ (Interview_Z2_LS01_Studierende)

„Sie hat uns ja auch nicht irgendwie ein Thema vorgegeben. Sie hat dann einfach gesagt im Kommunikationsbereich, da soll es angesiedelt sein. Aber ich glaube, das ist ja auch nicht der Sinn der Sache, dass er jetzt die [Lehrkraft] da kommt und uns das jetzt alles vorgibt. Ich meine, sie stellt uns die Möglichkeit und wir dürfen uns da ausprobieren. Und das ist ja schon mega cool und hat uns die Materialien ausgedruckt und so. Das gehört ja auch alles zu einer Zusammenarbeit. Und da hat es echt hat das echt super funktioniert. Ja.“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

In Einzelfällen, bei denen es organisatorisch möglich ist, nehmen auch betriebliche Partner der lp-PLG beim Einsatz der Lernsituation an einer Partnerschule teil, was insbesondere in Hinblick auf eine weitere Perspektive in der anschließenden Reflexions- und Feedbackrunde als positiv erlebt wird.

„(…) aber es natürlich auch immer schon schön, wenn der betriebliche Partner auch dabei ist, weil der sieht eine Lernsituation Unterricht noch mal ganz anders als wir jetzt Didaktiker.“ (Interview_Z2_LS03_Schule)

Gemeinsames Lernen durch eine kollaborative Reflexionspraxis

Zur Reflexion des gemeinsamen Lernens wird das Lernen der einzelnen Akteursgruppen gesondert betrachtet. Im Zentrum des universitären Seminars stehen die Dreiergruppen der Studierenden, die in der Interaktion mit Schulen und Betrieben bereits während der Entwicklungsphase Lernprozesse machen. Dabei werden insbesondere Themen wie die vertieft curriculare Analyse beruflicher Handlungsfelder, die Diskussion über didaktische Ansätze in der Praxis, sowie das Thema Nachhaltigkeit bzw. BBNE genannt.

„Ich würde sagen, echt, also ich fand den, also ich fand für die Prozessanalyse, auch weil ich jetzt bisher auch keine Marketing-Erfahrung für, in der ÖPNV-Branche habe, da fand ich tatsächlich mal ganz gut, dass der, dass wir da ein Meeting mit dem [Betrieb] hatten, also der, der betriebliche Vertreter, mit dem wir zusammengearbeitet haben, der da nochmal drüber geschaut hat und uns da positives Feedback geben konnte. Also das fand ich echt hilfreich, persönlich.“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

„Das fand ich sehr schön und auch allgemein das Seminar auch sehr hilfreich für die zukünftige Tätigkeit als Lehrkraft, dass man da auch mit der [Lehrkraft] zusammenarbeiten konnte und auch im Austausch auch mit Ihnen zusammen die Stunde so planen durfte und auch so reflektieren konnte jetzt am Ende.“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

„Mhm. Ich fand auch das Thema der Nachhaltigkeit war bis jetzt in den Seminaren noch nie so intensiv, vor allem bei der Planung der Unterrichtsstunde. So man hat sich wirklich sehr intensiv mit der Planung der Unterrichtsstunde beschäftigt, das fande ich gut. Hilft mir auf jeden Fall auch für zukünftige Unterrichtsvorbereitungen“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

Ebenso setzen Lernprozesse in der kollaborativen Reflexion (insbesondere mit dem Seminarleiter und dem schulischen Partner) nach der Durchführung der Unterrichtsstunde ein, welche im Anschluss im Rahmen der anzufertigenden Hausarbeit noch verarbeitet, werden:

„Ich denke, wie es [die Lehrkraft] dann zum Schluss formuliert hat, das wäre schon der Idealansatz gewesen, dass man sagt, wir wollen nachhaltiger werden, wir machen jetzt die ABC Analyse, damit wir mal die Produkte und Bestandteile unserer Produkte identifizieren, wo es dann am meisten Sinn macht, speziell dann auf Nachhaltigkeit zu achten. Also würde ich die Stunde jetzt nochmal halten, würde ich, glaube ich, auch diesen Ansatz wählen.“ (Interview_Z2_LS03_Studierende)

„Also wir haben danach dann noch Impulse und Feedback bekommen, wie man das Ganze noch hätte ausweiten können. Das müssen wir jetzt dann noch in der Hausarbeit reflektieren, ob das für uns umsetzbar wäre oder wie man das dann noch mit einbauen hätte können.“ (Interview_Z2_LS02_Studierende)

Ein weiterer Punkt ist die Einsicht über den möglichen Nutzen von Lernortkooperationen mit dem Betrieb in der späteren beruflichen Praxis als Lehrkraft:

„Also ich nehme auch noch mit, für mein zukünftiges Lehrer-Dasein, einfach den Kontakt mit den Betrieben suchen, weil die eigentlich ziemlich erfreut darüber sind, wenn sich die Lehrer bei denen melden und einen da sehr unterstützen möchten, weil die, ja, ich glaube, die würden sich mehr den Austausch wünschen und das möchte ich jetzt eigentlich in Zukunft vielleicht dann umsetzen.“ (Interview_Z3_LS02_Studierende)

Aber auch die Lehrkräfte berichten von Lernprozesse insbesondere im Rahmen des Schwerpunktthemas BBNE aber auch über neuere Ansätze zum Unterricht mit Lernsituationen:

„Ich finde die Idee super, also ich habe auch schon vom letzten Mal dann mein Material angepasst. Was nehme ich mit? Also ich möchte gerne weitermachen, wenn ich kann. Wenn die Gruppen so sind wie dieses Jahr und vor zwei Jahren, dann ist das in Ordnung. Und ja, es sind immer wieder mal Anregungen auch für mich, man hat ja trotzdem so sein Material, das so im Großen und Ganzen eigentlich steht. Und das bringt immer noch mal frischen Wind rein, von dem her finde ich das auch ganz gut, diese Zusammenarbeit. Nochmal auf andere Blickwinkel zu kriegen, neue Ideen zu bekommen selber.“ (Interview_Z3_LS01_Schule)

„Erstens mal, ich habe mir mal Gedanken gemacht über Nachhaltigkeit in der Beruflichen, nachhaltige Entwicklung in der Beruflichen Bildung, so rum heißt es. Damit muss ich mich mal auseinandersetzen und vor allem, ich muss mal zugeben, ich meine, diese ganzen Nachhaltigkeitsziele, die es gibt, das ist ja nicht nur hier nachhaltige Produktion und so weiter, da gibt es ja noch ganz vieles. Also das war mir tatsächlich auch nicht bewusst.“ (Interview_Z3_LS02_Schule)

„Und auch natürlich, also ich muss ja schon zugeben, gut wobei das jetzt vielleicht dann auch schon ein bisschen zum Referendariat hingeht, dass jetzt wieder ganz andere Sachen von Aufbau einer Unterrichtsstunde Herangehensweise verlangt sind, als wie ich das damals gelernt habe.“ (Interview_Z3_LS02_Schule)

Die betrieblichen Partner sehen sich dagegen eher als beratenden Bestandteil der lp-PLGs, welche dabei eher weniger gelernt haben wollen:

„Naja, dadurch, dass ich da nur beratend zur Seite stand, würde ich jetzt sagen, habe ich jetzt nicht tatsächlich so wirklich viel dazu gelernt.“ (Interview_Z3_LS01_Betrieb)

Fokus auf Themen der Unterrichtsentwicklung und des Lernens der Schülerinnen und Schüler

Professionelle Lerngemeinschaften haben laut Literatur einen Fokus auf Themen der Unterrichtsentwicklung und des Lernens der Schülerinnen und Schüler, was sich nahezu vollständig mit der Zielsetzung des Seminars überschneidet „Entwicklung, Durchführung, Reflexion & Revision von Lernsituationen mit BBNE-Bezug.

„Mhm. Ich fand auch das Thema der Nachhaltigkeit war bis jetzt in den Seminaren noch nie so intensiv, vor allem bei der Planung der Unterrichtsstunde. So man hat sich wirklich sehr intensiv mit der Planung der Unterrichtsstunde beschäftigt, das fande ich gut. Hilft mir auf jeden Fall auch für zukünftige Unterrichtsvorbereitungen“ (Interview_Z3_LS01_Studierende)

„Also was krass war, also wie [die Lehrkraft] uns geholfen hat. Extrem geholfen, sowohl bei, was machen wir im Unterricht, also was stellt er sich vor im Unterricht, wie bauen wir die Nachhaltigkeit ein, ja, was ist das zentrale Handlungsprodukt.“ (Interview_Z3_LS03_Studierende)

Neben den Themen zur Gestaltung der Unterrichtsstunde insbesondere auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist auch das Lernen der Schüler selbst Teil der Arbeit der lp-PLGs:

„[Die Lehrkraft] hat ja auch zu uns immer von Anfang angesagt, dass er schon auch wert drauf legt, dass wir vor allem halt auch die Selbstkompetenz von Schülern fördern und ähm ich find so im Großen und Ganzen haben wir das schon ganz gut mit einbauen können, so wie es uns halt auch möglich war“ (Interview_Z1_LS02_Studierende)

Führungskräfte ermöglichen eine Verantwortungsübernahme der Lerngemeinschaft für ihre eigene Arbeit, sowie Entscheidungs- und Partizipationsmöglichkeiten

Die Verantwortungsübernahme der Lerngemeinschaft für ihre Arbeit wird durch einen hohen Freiheitsgrad durch den Seminarleiter, der großen Offenheit der Schulleitungen auf der schulischen Seite als auch der verantwortlichen Personen auf der betrieblichen Seite gewährleistet, welche die Kooperation im Rahmen dieses Seminar begrüßen und wohlwollend begleiten.

Die Intensität der Zusammenarbeit wird den lp-PLGs selbst überlassen, weshalb diese zwischen den einzelnen Gruppen etwas variiert. Dabei überlegt jede Gruppe selbst wie viel Rückmeldung bzw. Diskussion sie in Bezug auf die möglichen Schwerpunkte möchte:

„Aber wie gesagt, das ist halt auch von der Vertrauensbasis, das ist dann halt ihre Verantwortung damit umzugehen und sich selber zu überlegen: Wie viel Rückmeldung möchte ich denn?“ (Interview_Z2_LS03_Schule)

Dabei haben auch die einzelnen Akteursgruppen diverse Entscheidungsfreiheiten über die Gestaltung der Arbeit in den lp-PLGs wie z. B. das Hinzuziehen von Kolleginnen und Kollegen:

„Was ich wahrscheinlich in Zukunft machen werde, sollte das nochmal der Fall sein, dass ich entsprechend nochmal von der jeweiligen Fachabteilung jemanden noch mit dazu hole. Ich würde schon behaupten, dass ich mich da im kompletten Unternehmen sehr gut auskenne, aber halt einfach nochmal quasi so eine Absicherung von der Fachabteilung noch mit dazunehmen würde.“ (Interview_Z3_LS01_Betrieb)

Unterstützende organisatorische Rahmenbedingungen: Raum, Zeit, Kommunikation, Technologie, personelle und finanzielle Ressourcen, sowie Unterstützung bei der Datenauswertung zur Überprüfung der Zielerreichung

Es gibt vielfältige Möglichkeit unterstützende organisatorische Rahmenbedingungen für die Arbeit mit lp-PLGs zu schaffen. In der folgenden Auswertung wird sich allerdings auf die im Datenmaterial explizit erläuterten hilfreichen Rahmenbedingungen fokussiert. Neben dem klassischen Kontakt via Mail (Interview_Z3_LS01_Betrieb) wird besonders der Einsatz von MS-Teams als das zentrale digitale Kollaborationstool des Seminars positiv hervorgehoben. Denn die Arbeit mit Teams erleichtert nicht nur die Abstimmungsprozesse zwischen den einzelnen Akteursgruppen erheblich, sondern auch die kollaborative Arbeit an den Unterrichtsmaterialien, welche dort für alle sichtbar und zu jederzeit abrufbar sind:

„Wir haben zwei oder drei Sitzungen gehabt mit den Studierenden und dazwischen hat ja immer ne ähm Kommunikation über den Teamskanal auch stattgefunden, wo kleinere Fragen beantwortet wurden oder ausgetauscht wurden.“ (Interview_Z1_LS02_Betrieb)

„Da gabs auch öfter mal noch Absprachen, auch wenn das nur ne Viertelstunde war oder so, wo sie dann gefragt haben, haben Sie noch kurz Zeit, wir würden das gerne nochmal klären. Dann konnten wir das ganz problemlos über Teams nochmal schnell einrichten, dass wir nochmal kurz gesprochen haben, um Unklarheiten zu klären und so würde ich endlich meine Rolle da sehen. „(Interview_Z1_LS03_Schule)

„Also wir hatten, ich überlege jetzt gerade ob wir zwei Meetings hatten, ich glaube wir hatten tatsächlich nur ein Meeting und haben sonst geschrieben, beziehungsweise es gab einen Teams-Raum in dem ich wiederrum die Unterlagen sehen konnte, aber ich bin nicht sicher.“ (Interview_Z2_LS01_Betrieb

Diese vielen Akteure in den einzelnen lp-PLGs organisatorisch unter gleichermaßen miteinzubeziehen, wird vornehmlich von den Studierenden als Herausforderung beschrieben. Dennoch gelingt dieses Vorhaben in den meisten lp-PLGs zwar in unterschiedlicher aber für die Gruppen erfolgreichen Art und Weise:

„Ich fand es an manchen Ecken immer ein bisschen letztlich stressig, aber schwierig, das in alle Richtungen zu schaukeln, Praxispartner einzubeziehen, unsere Kontaktlehrkraft und ja, also Terminfindung war ja auch ein großes Problem dann irgendwie, wenn so viele Parteien involviert sind. Aber ja, es hat ja funktioniert am Ende.“ (Interview_Z2_LS03_Studierende)

„Viele Termine in der Gruppe und mit externen Partnern zu koordinieren 
• Komplexität der Abstimmungen (Schule, Praxispartner…) [betrifft Termine, zum Teil auch Inhalte].“ (TAP_Z2)

Als eine weitere unterstützende organisatorische Rahmenbedingung wird die moderierende Rolle des Seminarleiters mitangegeben:

„Und von Seiten der Uni. Ja, das ist halt, glaube ich, alles gut organisiert worden einfach. Also wir wussten, also ich als Lehrkraft wusste zumindest, wie der Zeitplan ist, was ich zu tun habe.“ (Interview_Z3_LS02_Schule)

6 Diskussion der Ergebnisse

Die Ergebnisse lassen sich vor dem Hintergrund der im Theorieteil eingeführten Unterscheidung von Austausch, arbeitsteiliger und kokonstruktiver Kooperation nach Gräsel et al. (2006) einordnen. Insgesamt zeigt sich, dass die lernortübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen der betrachteten lernort- und phasenübergreifenden Professionellen Lerngemeinschaften (lp-PLGs) überwiegend durch Kooperationsstufe „Austausch“ gekennzeichnet ist. Die unterschiedlichen Akteursgruppen bringen dabei insbesondere Informationen, fachliche Einschätzungen und praxisbezogenes Wissen in den Entwicklungsprozess ein, während eine gemeinsame Bearbeitung von Aufgaben nur punktuell und kokonstruktive Prozesse vor allem innerhalb der studentischen Dreierteams auftreten. Dies entspricht zugleich der im Seminarkonzept angelegten Rollenverteilung, in der die Studierenden den zentralen Entwicklungsprozess verantworten und schulische sowie betriebliche Akteure primär beratend und begleitend einbezogen werden. Die Einbindung unterschiedlicher externer Expertisen erweitert den Blick im Entwicklungsprozess der Lernsituationen vor allem um didaktische bzw. berufspraktische Perspektiven. Darüber hinaus soll die im Theorieteil herausgearbeitete kritische Perspektive auf eine normative Hierarchisierung von Kooperationsformen ebenfalls nochmal aufgegriffen werden. In Anlehnung an Bauer (2004) sowie Bonsen und Rolff (2006) kann aus dem überwiegenden Auftreten der Kooperationsstufe „Austausch“ nicht unmittelbar auf eine geringere Qualität oder Wirksamkeit der Zusammenarbeit geschlossen werden. Vielmehr ist die Angemessenheit der jeweiligen Kooperationsform im Verhältnis zu Ziel, Aufgabe und organisatorischen Kontext zu betrachten. Die Ergebnisse legen somit nahe, die lernortübergreifende Zusammenarbeit weniger anhand einer vermeintlich optimalen bzw. höchstmöglichen Kooperationsstufe als vielmehr weitergehenden Faktoren zu beurteilen. Dazu können die Ergebnisse zeigen, dass die aus der theoretischen Diskussion abgeleiteten Merkmale effektiver professioneller Lerngemeinschaften, auch in diesem um die lernort- und phasenübergreifende Zusammenarbeit erweiterten Verständnis, umgesetzt werden können.

Besonders interessant ist im Hinblick auf das Schwerpunktthema der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung, welche Rollen die einzelnen Akteursgruppen im Prozess der Unterrichtsentwicklung einnehmen. Denn die einzelnen Akteursgruppen (Seminarleiter, Dreier-Gruppe Studierender, sowie schulische und betriebliche Ansprechpartner) nehmen insbesondere im Aushandlungsprozess um das Nachhaltigkeitsverständnis für die Entwicklung von Lernsituationen mit BBNE-Bezug unterschiedliche Perspektiven und Rollen ein. Die Schlussfolgerungen in Hinblick auf die Rollen der einzelnen Akteursgruppen entstammen aus dem Interviewmaterial (Tabelle 3), sowie den Erfahrungen des Seminarleiters im zu betrachtenden Forschungskontext:

Seminarleiter:

  • Initiator und Koordinator der lernort- und phasenübergreifenden Zusammenarbeit im Rahmen der Lehrkräfteausbildung
  • Impulsgeber über die aktuelle Diskussion zur Didaktik einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung im berufsbezogenen Unterricht
  • Ständiger Feedbackgeber bei den unterschiedlichen Ideen zur Integration von BBNE im Rahmen des Entwicklungsprozesses der Lernsituation
  • Mediator bei auseinanderdivergierenden Perspektiven auf die Umsetzung nachhaltiger Entwicklung in der zu planenden Unterrichtsstunde

Dreier-Gruppe Studierender

  • Die Studierenden haben in diesem Seminar die höchste Arbeitsbelastung, sowie untereinander die intensivste Kooperation aller beteiligten Akteursgruppen
  • Sie generieren auf Basis der Seminarinhalte erste Ideen zur Integration von BBNE in die zu entwickelnde Lernsituationen
  • Sie holen die unterschiedlichen Perspektiven der anderen Akteursgruppen ein
  • Sie erarbeiten in Hinblick auf die Umsetzung von BBNE im berufsbezogenen Unterricht einen Konsens, welcher so weit möglich die Perspektiven jeder Akteursgruppe integriert

Schulische Ansprechpartner:

  • Die Lehrkräfte sind Experten für die didaktische Umsetzung der Lernsituation mit BBNE-Bezug an der Einsatzschule bzw. -klasse
  • Sie achten darauf, dass das neue Querschnittsthema BBNE die regulären Fachinhalte sinnvoll ergänzt und nicht überlagert
  • Sie achten darauf, dass die im Unterricht integrierte Problemstellung nachhaltiger Entwicklung zielgruppenorientiert auf die Schülerschaft abgestimmt ist

Betriebliche Ansprechpartner:

  • Die betrieblichen Ansprechpartner beraten bei der Analyse der zugrundeliegenden Arbeits- und Geschäftsprozesse
  • Sie geben eine realitätsnahe Perspektive auf die Umsetzungsmöglichkeiten im Unternehmen, im Hinblick auf die im Seminar generierten Ideen zur Integration von BBNE im simulierten Berufshandeln (Praxischeck)
  • Sie geben eigene Vorschläge über Umsetzungsmöglichkeiten von BBNE im Unternehmenskontext und nehmen dabei Bezug auf ihre gelebte Praxis

7 Fazit und Ausblick

Das Konzept der lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften zur Verankerung der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung in der ersten Phase bzw. universitären Lehrkräfteausbildung hat sich im vorliegenden Beispiel durchaus bewährt. Eine Limitation des Konzepts ist die Beschränkung auf die Unterrichtsebene auch in Hinblick auf BBNE. Darüber hinaus ist die Arbeit mit lernort- und phasenübergreifenden professionellen Lerngemeinschaften nicht auf die Verankerung von BBNE auf Unterrichtsebene beschränkt, sondern kann auch für andere Themen der Unterrichtsentwicklung herangezogen werden. Außerdem reflektiert der Beitrag den sozialen Faktor der gemeinsamen Aushandlung eines Nachhaltigkeitsverständnis im beschriebenen Kontext und leitet aus den Erfahrungen im Seminar Schlussfolgerungen über die Rolle der jeweiligen Akteursgruppe ab. Die konkrete inhaltliche Diskussion über die Verankerung von BBNE in diversen Lernsituationen wird im Beitrag ausgespart und soll in einer anderen Publikation detailliert in den Blick genommen werden.

Ein derartiges Seminar bzw. Konzept lebt von der Bereitschaft der unterschiedlichen Akteursgruppen aktiv mitzuwirken. Dabei ermöglicht das freiwillige Engagement der beteiligten Schulen und Unternehmen einerseits erst die Durchführung einer solchen Lehrveranstaltung bzw. Erprobung eines solchen Konzepts, andererseits spricht die erlebte Unterstützung für eine hohe praktische Relevanz von Unterrichtsentwicklung, BBNE und lernortübergreifender Zusammenarbeit für die teilnehmenden Praxispartner. Man könnte aufgrund der gemachten Erfahrungen perspektivisch darüber nachdenken das Universitätsseminar um formelle Fortbildungsangebote für das ausbildende Personal an Schulen, sowie Betrieben anzureichern. Die Integration formeller Fortbildungsangebote für die außeruniversitären Akteure, könnte ggf. auch die Kooperationsintensität unter den Akteuren der verschiedenen Lernorte erhöhen. Allerdings geht dies mit einem erhöhten Organisationsaufwand insbesondere für den Seminarleiter einher und sollte nur nachfrageorientiert initiiert werden.

Professionelle Lerngemeinschaften sind außerdem ein Konzept der Schulentwicklung. Einige der Partnerschulen binden die Erkenntnisse aus der gemeinsamen Arbeit auch systematisch in ihre Schulentwicklungsprozesse ein und nutzen dazu teilweise ebenso die Arbeit mit professionellen Lerngemeinschaften. Einen Bericht über die mögliche Verwertbarkeit auf schulischer Seite der Kooperation im Rahmen des Seminarkonzepts geben Dorn und Gencel (2026, S. 9–10) in einem Praxisbeitrag derselben bwpat-Ausgabe.

Literatur

Bauer, K.‑O. (2004). Lehrerinteraktion und -kooperation. In W. Helsper & J. Böhme (Hrsg.), Handbuch der Schulforschung (S. 813–831). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bonsen, M. & Rolff, H.‑G. (2006). Professionelle Lerngemeinschaften von Lehrerinnen und Lehrern. Zeitschrift für Pädagogik, 52(2), 167–184.

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Umsetzung von BBNE und gestaltungsorientierter Berufsbildung in universitärer Fachdidaktik und beruflicher Schule – Praxisbericht Erfahrungen aus einem Kooperationsmodell in der Elektro-/Informationstechnik

1 Einleitung

Soll Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) im Schulkontext umgesetzt werden, so ist es notwendig, diese auch in der Lehrkräfteausbildung zu implementieren. Im Rahmen des Beitrags wollen wir unsere Erfahrungen beim Versuch der Implementierung von BBNE und gestaltungsorientierter Berufsbildung mit den vielfältigen Aspekten der Nachhaltigkeit in die universitäre Fachdidaktik der Elektro-/Informationstechnik teilen.

Dabei profitiert die von uns hier beschriebene Lehrveranstaltung „Fachdidaktik Elektro-/Informationstechnik“ von der Kooperation zwischen Hochschule (Karlsruher Institut für Technologie) und beruflicher Schule (Heinrich-Hertz-Schule), zumal sie gemeinsam von jeweils einer lehrenden Person aus diesen Organisationen angeboten wird.

Im Rahmen des Beitrags beschreiben wir die Erfahrungen bei der ersten Durchführung dieses Ansatzes im Sommersemester 2025. In diesem Durchlauf hat nur eine einzelne Person an der Fachdidaktikveranstaltung teilgenommen. Dementsprechend erlauben die hier gemachten Erfahrungen keine Generalisierung auf alle Studierenden der Ingenieurpädagogik oder auch nur der beruflichen Fachrichtung Elektro-/Informationstechnik. Gleichwohl konnten wir auf Basis sowohl unserer Beobachtungen als auch Rückmeldungen von der studierenden Person Eindrücke bekommen, wo Probleme, Verbesserungspotenziale und Erfolge liegen könnten. Insofern beeinflussen die hier beschriebenen Erfahrungen und Schlussfolgerungen als „Aufmerksamkeitslenker“ wesentlich unsere weitere Arbeit, bei gleichzeitiger Offenheit für Neues und Abweichendes.

Da es sich um einen Erfahrungsbericht handelt, liegt der Fokus des Beitrags stärker auf Praxiserfahrungen und der konkreten Umsetzung als auf dem theoretischen Hintergrund. Auf diesen sei lediglich kurz eingegangen, sodass die Entscheidungen und Gedanken der Lehrenden nachvollzogen werden können.

2 Theoretischer Hintergrund

Zentral haben wir uns an den im Folgenden beschriebenen Forschungsarbeiten und Positionen orientiert:

Nachhaltigkeit betrachten wir als integralen Bestandteil beruflichen Handelns. Berufliches Handeln und berufliche Bildung berühren also grundsätzlich auch Fragen der – ökologischen, ökonomischen und sozialen – Nachhaltigkeit (vgl. dazu z.B. Zurstrassen, 2022, S. 22). Unser Ansatz zielt darauf ab, dass Studierende ihre spätere Klientel dazu befähigen können, im beruflichen Handeln ganz gezielt auch Nachhaltigkeitsaspekte zu erkennen und dort gestaltend zu agieren, um eine nachhaltigere Zukunft zu entwickeln (vgl. dazu z.B. die grundlegenden Überlegungen von Rauner (1995) und Heidegger (2001) sowie die Zusammenfassung von Vollmer (2024) zur gestaltungsorientierten Berufsbildung sowie der BBNE-Ansatz von Vollmer und Kuhlmeier (2024)).

Als Kompetenzstrukturmodell haben wir uns auf das COMET-Modell bezogen, das Nachhaltigkeitskompetenzen im Kompetenzniveau „Ganzheitliche Gestaltungskompetenz“ als Teil der beruflichen Kompetenz beinhaltet (vgl. Abbildung 1) und dadurch an die obenstehenden Ausführungen äußerst anschlussfähig ist. Dadurch soll auch verdeutlicht werden, dass Nachhaltigkeit und Gestaltungskompetenz integrale Bestandteile beruflicher Kompetenz sind, die nicht übersehen werden sollten. Wie wir unten darstellen werden, haben wir das COMET-Modell als „ständigen Begleiter“ verwendet.

Abbildung 1: COMET-Kompetenzstrukturmodell (Rauner, 2023, S. 641)Abbildung 1: COMET-Kompetenzstrukturmodell (Rauner, 2023, S. 641)

Didaktisch-methodisch stützen wir uns auf berufsdidaktische Ansätze, d.h. berufstypische Arbeitsaufgaben und -prozesse sind Ausgangspunkt und Grundlage der Lernsituation (vgl. z.B. Becker, 2024, S. 112-114; Rauner, 2023, S. 199).

Lernsituationen im Lernfeldunterricht werden dabei so entwickelt, dass sie immer eine vollständige Handlung umfassen (Herkner & Pahl, 2018, S. 5) und Offenheit sowie Gestaltungspotenzial beinhalten (Rauner, 2023, S. 140–141). Ohne Gestaltungspotenzial haben Lernende keine Gelegenheit, dieses zu nutzen und dadurch etwas zu lernen. Die Kompetenz in der Bearbeitung der Aufgabe zeigt sich dann nicht an der Passung zu einer Musterlösung, sondern an der Vorgehensweise der Lernenden, den durchlaufenen Abwägungsprozessen und den Begründungen für eine bestimmte Vorgehensweise. Solche Lernaufgaben müssen Lernende herausfordern, aber nicht überfordern, dürfen nicht komplett mit Vorwissen bearbeitbar sein und müssen auf unterschiedlichen Niveaus bearbeitbar sein (Rauner, 2023, S. 326-329)

Wir verbinden hier also diverse theoretische Perspektiven in einem hochschuldidaktischen Ansatz, der die Lehrkompetenz der Studierenden adressiert und sie dazu befähigen soll, einen entsprechenden Unterricht zu gestalten und dabei die zugrundeliegenden Prinzipien, Paradigmen und Deutungsmuster heranzuziehen und in der Entwicklung von Lernsituationen zu nutzen. Wir knüpfen damit an die Arbeit von Vollmer und Kuhlmeier (2024) zu ihrer BBnE-Didaktik an und gehen wie diese von Arbeitsprozessen aus, die dann unter Nachhaltigkeitsaspekten zu reflektieren sind. Genau dies ist in den Lernsituationen, welche die Studierenden entwickeln und umsetzen sollen, zu berücksichtigen. Wir verknüpfen diesen Ansatz – wie oben dargelegt – mit dem COMET-Kompetenzstrukturmodell.

Konsequenterweise haben wir auch die Lehrveranstaltung arbeitsprozessorientiert gestaltet, wobei hier der Arbeitsprozess der Lehrkraft (eine Lernsituation zu entwickeln und entsprechenden Unterricht umzusetzen) das Zentrum der Phasen 2 und 3 der Lehrveranstaltung bildet. Insbesondere die Kooperation zwischen Universität und Schule (als späterem Arbeitsort und zweiter Ausbildungsinstanz) bietet den Studierenden die Möglichkeit, (Lehr-)Praxis zu gestalten und dies sowohl wissenschaftlich-theoretisch als auch unter pragmatischen Gesichtspunkten im Schulkontext zu reflektieren.

3 Umsetzung und Durchführung

3.1 Konzeption der Lehrveranstaltung

Zunächst beschreiben wir hier die Grundkonzeption der Lehrveranstaltung. Dabei wird generell von „Studierenden“ (im Plural) gesprochen, auch wenn an der Lehrveranstaltung letztlich nur eine studierende Person teilgenommen hat.

Zielgruppe: KIT-Studierende im Studiengang „Ingenieurpädagogik“ (Lehramtstyp 5), berufliche Fachrichtung Elektro-/Informationstechnik

Ziel der Veranstaltung: den Lehramtsstudierenden die Kompetenz zu vermitteln,

  • in arbeitsprozessorientierten Lernsituationen nachhaltigkeitsorientierte Gestaltungspotenziale in der Arbeit und den Rahmenbedingungen zu erkennen und zu nutzen sowie
  • arbeitsprozessorientierte Lernsituationen so zu entwickeln und umzusetzen, dass die Schüler:innen darin gefördert werden, nachhaltigkeitsorientierte Gestaltungspotenziale in der beruflichen Arbeit und den Rahmenbedingungen zu erkennen und zu nutzen.

Gliederung der Veranstaltung: Die Lehrveranstaltung gliedert sich in drei Phasen (vgl. dazu auch Abbildung 2).

Abbildung 2: Arbeitsauftrag an Studierenden in Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)Abbildung 2: Arbeitsauftrag an Studierenden in Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)

In Phase 1 durchlaufen die Studierenden zunächst selbst eine arbeitsprozessorientierte Lernsituation mit Gestaltungspotenzialen aus Schüler:innen Perspektive, wie sie in der Berufsschule eingesetzt werden könnte. Dazu bekommen Sie einen Arbeitsauftrag gegeben, der einen offen formulierten Kundenauftrag beinhaltet und Gestaltungsmöglichkeiten in der Bearbeitung ausdrücklich zulässt und erwünscht. Die Bearbeitung schließt mit einer Reflexion über die gewählte Realisierung des Kundenauftrages hinsichtlich des genutzten Gestaltungspotenzials mit besonderem Augenmerk auf Nachhaltigkeitsaspekte. Auf diesen Erfahrungen wird dann in den Phasen 2 und 3 aufgebaut.

Phase 2 beginnt direkt im Anschluss an die Reflexion von Phase 1. Die Studierenden wechseln in die Rolle einer Lehrkraft und reflektieren zusammen mit den Lehrenden des Seminars die didaktischen Prinzipien der zuvor durchlaufenen Lernsituation. Anschließend erhalten sie die Aufgabe, eine eigene Lernsituation zu entwickeln, die in Phase 3 in der Berufsschule eines ausgewählten Berufs eingesetzt wird. Am Ende von Phase 2 erfolgt gemeinsam mit den Lehrenden des Seminars eine Präsentation und ggf. eine Überarbeitung der Lernsituation.

In Phase 3 wird die entwickelte Lernsituation in der Berufsschule umgesetzt. Dabei durchlaufen die Berufsschüler: innen/Auszubildenden die Lernsituation der Studierenden und schließen diese mit einer Reflexion ihrer eigenen Kompetenz und Kompetenzentwicklung ab. Für die Studierenden schließt sich eine Reflexion des Lehrplanungs- und Durchführungsprozesses an.

Die Lehrveranstaltung umfasst zwei SWS, wobei die Sitzungen im Blockformat stattfanden. Dies wurde deshalb, so gestaltet, damit Arbeitsphasen der Studierenden nicht ständig nach 90 Minuten unterbrochen werden. Zu bemerken ist hier, dass die gleiche Zeit zur Vor- und Nachbereitung durch die Studierenden vorgesehen ist. Insgesamt wurden sieben Termine durchgeführt. In Tabelle 1 sind die Sitzungen und die Phasen der Veranstaltung zur Übersicht über die folgenden Ausführungen angegeben (Eine Einheit entspricht dabei 90 Minuten).

Tabelle 1: Übersicht der durchgeführten Lehrveranstaltung

Sitzung
Dauer

Inhalte der Lehrveranstaltung

Phase

Sitzung 1
90 Min

Einführung, Übersicht über das Seminar, Vorkenntnisse, Terminabsprachen

Einführung

Sitzung 2
270 Min

Studierende bearbeiten Arbeitsauftrag aus Perspektive von Berufsschüler:innen auf Ebene von Facharbeiter:innen

Phase 1

Sitzung 3
270 Min

Präsentation der Ergebnisse des Arbeitsauftrages aus SuS Perspektive

Reflexion der Bearbeitung des Arbeitsauftrags und Beurteilung Kompetenzerwerb (SuS-Perspektive)

Reflexion der didaktischen Prinzipien von Arbeitsauftrag und Lernsituation (LK-Perspektive)

Studierende konzipieren eigene Lernsituation

Phase 1

Phase 1

Phase 2

Phase 2

Sitzung 4
270 Min

Studierende konzipieren eigene Lernsituation

Phase 2

Sitzung 5
90 Min

Präsentation der erstellten Lernsituation

Phase 2

Sitzung 6
180 Min

Lernsituation im Unterricht durchführen, von den SuS präsentieren lassen und mit den SuS reflektieren

Phase 3

Sitzung 7
90 Min

Abschlusssitzung und Reflexion

Phase 3

3.2 Einführungsphase der Lehrveranstaltung

Der fachliche Hintergrund der Studierenden ist weitgefächert, auch die Verortung des Seminars im persönlichen Studienablauf ist sehr unterschiedlich Es ist im schlechtesten Fall davon auszugehen, dass keine klassische Berufsausbildung im Berufsfeld der angestrebten Lehrbefähigung vorliegt, andererseits kann genau auch das Gegenteil der Fall sein, so dass die Konzeption der Veranstaltung flexibel auf die zu erwartende Heterogenität der Gruppe ausgelegt sein muss. Am KIT orientieren sich die Curricula der Beruflichen Fachrichtungen stark an den namensgleichen oder -ähnlichen Ingenieurwissenschaften. Auf berufliche Arbeit bezogene Lehrveranstaltungen stellen nur einen geringen Anteil am Studium dar (Zimpelmann, 2017). Damit ist das Verständnis für berufstypische Arbeitsprozesse und das dafür erforderliche Wissen in der Regel eher gering ausgeprägt. Zudem wird das Thema Nachhaltigkeit selten integrativ gelehrt, sodass fachliches Wissen kaum mit Nachhaltigkeitsaspekten verknüpft wird. Die Autoren dieser Arbeit wollen jedoch die große Relevanz dieses Arbeitsprozesswissens für einen guten Unterricht hervorheben. Es liegt auf der Hand, dass dieses Wissen, vor allem bei berufsspezifischen Themen, nicht umfassend in einer Fachdidaktikveranstaltung vermittelt werden kann. Allgemeine, berufsübergreifende Arbeitsprozesse können jedoch exemplarisch bearbeitet werden. Hier bieten sich als Quellen Rahmenlehrpläne und Ausbildungsordnungen an.

In der einführenden Phase der ersten Fachdidaktikveranstaltung, in der die Inhalte und Lernziele der Veranstaltung vorgestellt werden und das Vorwissen der Studierenden aus vorausgegangen Didaktik-Veranstaltungen zusammengetragen wird, wird auch die Definition des Kompetenzbegriff in den Mittelpunkt gestellt und das COMET-Kompetenzstrukturmodell nach Rauner eingeführt. Damit wird ein Kompetenzmodell zu Grunde gelegt, welches eine Messung einer umfassenden beruflicher Handlungskompetenz ermöglicht und insbesondere auch Kompetenzbereiche im Bereich der Nachhaltigkeit umfasst.

Der persönliche Werdegang sowie die beruflichen Erfahrungen der studierenden Person wurden in der Vorstellungsphase ebenfalls thematisiert. Auch wurden die persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Gestaltungsorientierung diskutiert, die jedoch nicht besonders stark ausgeprägt waren.

3.3 Phase 1: Studierende bearbeiten Arbeitsauftrag aus Perspektive von Berufsschüler:innen auf Facharbeiterebene

Da zu erwarten ist, dass die Studierenden mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Erfahrungen aber vermutlich ohne tiefere Erfahrungen mit BBNE und gestaltungsorientierter Pädagogik an der Veranstaltung teilnehmen werden, haben wir uns entschieden, in Phase 1 eine arbeitsprozessorientierte Lernsituation mit Gestaltungspotenzialen durchzuführen: Die Studierenden nehmen dabei die Perspektive als Berufsschüler:in ein und durchlaufen dabei eine vollständige Handlung auf Facharbeiterebene.

Diese Phase ist auch deshalb vorgesehen, weil ansonsten im Studiengang der Ingenieurpädagogik keine entsprechenden Lehrveranstaltungen vorgesehen sind. Die Studierenden studieren ihre berufliche Fachrichtung im Rahmen der Ingenieursstudiengänge und erleben daher die dort üblichen Lernmethoden. (Zimpelmann, 2017) In den berufspädagogischen Anteilen des Studiums werden zwar Arbeitsprozessorientierung und Lernfeldansatz thematisiert, aber weitestgehend aus theoretischer Perspektive. Die Studierenden sollen in dieser Phase erleben, wie Lernen in arbeitsprozessorientierten Lernsituationen vonstattengehen kann. Dabei sollen sie auch berufliche Probleme identifizieren und deren inhärente Nachhaltigkeitsaspekte erkennen. Als positiver Nebeneffekt setzen sie sich zudem noch mit berufsfachlichen Inhalten auseinander, die sie aus dem ingenieurwissenschaftlichen Teil ihres Studiums nicht kennen. Der Schwerpunkt des Seminars liegt aber auf der didaktischen Ebene.

Dieser Phase wird das COMET-Kompetenzstrukturmodell zugrunde gelegt. Es wird den Studierenden vor der Einführung in die Lernsituation vorgestellt und die einzelnen Teilkompetenzen beschrieben, um die Anforderungen und Erwartungen klarzumachen. Zudem wird es auch im Rahmen der Reflexionsphase als Grundlage genutzt, um die Reflexion der Kompetenzen und Kompetenzentwicklung der Studierenden zu strukturieren.

Diese Arbeitsphase ist so gestaltet, dass die Studierenden in der Rolle einer Berufsschülerin bzw. eines Berufsschülers einen beruflichen Arbeitsauftrag ausführen, der einen idealisierten Arbeitsprozess abbildet, welcher als vollständige Handlung durchgeführt wird. Der Arbeitsauftrag sollte so offen formuliert sein, dass vielfältige Lösungsmöglichkeiten entstehen und den Lernenden Wahlmöglichkeiten sowie Gelegenheiten zu Entscheidungen und Abwägungen eröffnet werden. So können sie bei der Bearbeitung der Aufgabe Gestaltungsspielräume im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit nutzen. Die Verbindung von Gestaltungsorientierung und BBNE wird dabei daran sichtbar, dass die berufs-fachliche Aufgabenstellung durch eine gezielte Auswahl geeigneter nachhaltigkeitsorientierter Informationsquellen und Arbeitsmaterialien ergänzt wird. Diese bieten den Lernenden Orientierung, ohne die möglichen Lösungswege vorzugeben.

Dies dient dazu, dass die Studierenden das ihnen vermutlich unbekannte Lernen in arbeitsprozess- und gestaltungsorientierten Lernsituationen erleben, wie es auch für Berufsschüler:innen angedacht wird. Dies wird für den weiteren Verlauf der Veranstaltung nützlich sein.

Der in der betrachteten Lehrveranstaltung konkret zu bearbeitende Arbeitsauftrag ist im Beruf Elektroniker/in Energie- und Gebäudetechnik angesiedelt. (vgl. dazu auch Abbildung 3)

Abbildung 3: Arbeitsauftrag der Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)Abbildung 3: Arbeitsauftrag der Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)

Dieser Beruf ist ein Standardberuf des Berufsfeldes Elektrotechnik und wird im Handwerk ausgebildet. Der Arbeitsauftrag besteht aus einer typischen laienhaften Kundenanfrage, die an einen Elektriker gestellt werden könnte. Da wir nicht von einer beruflichen Vorbildung der studierenden Person als Facharbeiter:in in der Elektrotechnik ausgehen konnten, haben wir den Kundenauftrag als eine konzeptionelle Anfrage gestaltet und kein besonderes Vorwissen vorausgesetzt. Das ermöglichte der studierenden Person, selbst über die Bearbeitungstiefe zu entscheiden und sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren: den Kundenauftrag handlungs- und gestaltungsorientiert sowie unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten zu bearbeiten, ohne sich in fachlichen Details zu verlieren. In dem Arbeitsauftrag war ausdrücklich die Verfolgung verschiedener Lösungsmöglichkeiten mit Abwägung der jeweiligen Vor- und Nachteile gefordert. Die Aufgabe wäre aber auch von beruflich vorgebildeten Personen bearbeitbar gewesen, wobei dann die Bearbeitungstiefe eine andere gewesen wäre (z.B., weil mehr Vorwissen zu bestimmten Bereichen existiert, in die besagte Person sich dann nicht hätte einarbeiten müssen).

Der Kundenauftrag (Abbildung 4) wurde in Form einer Notiz zu einem Kundengespräch formuliert. Aus dieser Notiz wird auch das soziale Umfeld ersichtlich, in das der Auftrag eingebettet ist. Der Auftrag ist bewusst offengehalten, um einen möglichst großen Interpretations- und Lösungsspielraum und damit vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Nachhaltigkeitsanforderungen sind darin implizit angelegt.

Abbildung 4: Kundenauftrag im Arbeitsauftrag der Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)Abbildung 4: Kundenauftrag im Arbeitsauftrag der Phase 1 (Zimpelmann & Toepell, 2025)

Hier wurde als Setting der luxuriöse Ausbau eines Dachgeschosses zu einem Hobbyraum gewählt, der ohne weiteres auch als Wohnraum genutzt werden könnte. Inhaltlich sollte ein Konzept zur Elektroinstallation und Beleuchtung des Hobbyraumes und deren Steuerung erstellt werden. Die Rahmenbedingungen des Auftrags waren durch folgende Materialien bestimmt:

  • bemaßter Grundriss und Seitenansicht des Dachgeschosses,
  • Gesprächsnotiz zu den Wünschen der Kunden.

Durch die Wahl einer Gesprächsnotiz konnte auch das Wertesystem des Kunden implizit vermittelt werden. Dieses kann sich von den Einstellungen der Auftragnehmenden, hier also der studierenden Person, unterscheiden. Dadurch wird ein gesellschaftlicher Bezugsrahmen eröffnet, in dem die Studierenden eine kreative, nachhaltigkeitsorientierte Lösung entwickeln und eine begründete gesellschaftliche Position beziehen können. Flankiert wurde der Kundenauftrag mit arbeitsprozesstypischen Unterlagen, um der studierende Personen Hinweise für mögliche Lösungsvarianten zu geben.

Die Materialsammlung war in drei verschiedene Varianten von Steuerungstechnologien gegliedert, so dass sich daraus unterschiedliche Realisierungen und Bewertungen der Lösungskonzepte ergeben konnten.

  • Materialien Stufe 1: Schalter, Relais, Dimmer Schütze zur festverdrahteten Realisierung
  • Materialien Stufe 2: Intelligente Steuerungen auf Low-Cost-Niveau für den ambitionierten Hobbyelektriker mit dem Produktspektrum Shelly und der proprietären Shelly-Cloud
  • Materialien Stufe 3: Professionelle Gebäudesystemtechnik auf KNX-Standard

Beispiele für mögliche Bewertungskategorien seien Investitionskosten, Betriebskosten, Nachhaltigkeitsaspekte, Nutzerkomfort, datenschutzrechtliche Fragen, Technologieoffenheit.

 Zur Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsaspekten und sozialen Gesichtspunkten wurden folgende Begleitmaterialien herangezogen:

  • diverse Artikel zur Bedeutung von Licht und Beleuchtung, etwa für Leistungsfähigkeit, Unfallvermeidung, Wohlbefinden und Gesundheit,
  • diverse Artikel zur Ökobilanz und Energieeffizienz unterschiedlicher Beleuchtungsvarianten, die Lichtausbeute, Rohstoffbedarf und Schadstoffe thematisieren,
  • diverse Artikel zum sogenannten „Glühlampenverbot“ (Verordnung (EG) Nr. 244/2009),
  • ein diverse Artikel zum Thema Wohnungsmangel.

Insgesamt fokussierten zirka 60% der zur Verfügung gestellten Materialien die Nachhaltigkeitsthematik, wodurch die hohe Bedeutung dieser Aspekte sichtbar wird.

In der betrachteten Lehrveranstaltung wurden die Ergebnisse des offen formulierten Arbeitsauftrages von den Verfassern mit großer Spannung erwartet. Da dieser Arbeitsauftrag an die studierende Person die Lehrveranstaltung eröffnet und sie lediglich an die Thematik heranführen soll, wurden die Ergebnisse nicht in einer ausgearbeiteten Präsentation dargelegt, sondern pragmatisch besprochen. Dies auch deshalb, da kein mangels anderer teilnehmender Personen kein Austausch mit anderen Gruppen über die Inhalte der erarbeiteten Lösung erfolgen konnte.

Auf inhaltlicher Ebene wurde der Auftrag erwartungsgemäß von der studierenden Person in den Teil der Konzeption der elektrischen Steuerungstechnik und den der Beleuchtungsplanung gegliedert.

Bei der Konzeption der Steuerungstechnik wurden die verschiedenen vorgegebenen Vorschläge in der Materialsammlung unter Berücksichtigung von Bewertungskriterien gegeneinander abgewogen. Die dabei zu Grunde gelegten Bewertungskriterien deckten sich zum großen Teil mit denjenigen, die exemplarisch in der Einführungsveranstaltung eingeführt wurden.

In der Beleuchtungsplanung hat sich die studierende Person selbständig mit den entsprechenden Planungsgrundlagen befasst und technisch-normative Fragen erörtert, die von den Verfassern nicht explizit vorgegeben waren. Eine Ausarbeitung einer normgerechten Lichtplanung war aus zeitlichen Gründen nicht möglich, aber das erstellte Konzept war für die Bearbeitung dieses Kundenauftrages ansprechend und eine Auseinandersetzung mit dem Kundenwunsch war deutlich erkennbar. Eine Bearbeitung alternativer Lösungswege und deren Bewertung blieb in diesem Teil leider aus.

In der anschließenden Reflexionsphase werden die Arbeitsergebnisse, die Entscheidungen und deren Begründungen betrachtet und reflektiert.

Dazu wird das COMET-Kompetenzstrukturmodell als Grundlage und Reflexionsanlass herangezogen. Dabei kann mit den Studierenden diskutiert werden, aus welchen Gründen welche Kompetenzen stärker angesprochen werden als andere und wie Aufgabenstellung und Aufgabenverständnis die Bearbeitungstiefe im Sinne der Bearbeitung der höheren Kompetenzstufen beeinflussen. Diese Diskussion ist ebenfalls eine Reflexion über die gestellte Aufgabe und gibt dem Aufgabensteller, also hier den Verfassern als Fachdidaktik-Lehrende, sehr wertvolle Informationen und teilweise auch überraschende Erkenntnisse, die möglicherweise bei der Aufgabenstellung nicht in Betracht gezogen wurden.

In der betrachteten Veranstaltung hat sich die Analyse sowie die Reflexion in der gleichen Sitzung unmittelbar an die Besprechung der Ergebnisse aus SuS -Perspektive angeschlossen. In der Bearbeitung des Arbeitsauftrages konnten die Niveaus der Funktionalen Kompetenz und der Prozessualen Kompetenz des COMET-Kompetenzstrukturmodells gut identifiziert und von der Dimension der Ganzheitlichen Gestaltungskompetenz abgegrenzt werden.

In der Entwicklung des Arbeitsauftrages hatten die Verfasser auch den Einbau weiterer Dachfenster, den Einsatz von Photovoltaik (alternativ oder zusätzlich) sowie die Frage, ob nicht auch eine Umnutzung des Dachgeschosses zur Vermietung im Sinne der Schaffung zusätzlichen Wohnraums als Gestaltungsmöglichkeit in Betracht gezogen, jedoch wurden diese Aspekte von der studierenden Person nicht thematisiert. Auch die durch die Lehrenden zur Verfügung gestellten Materialien zum Themenkomplex Nachhaltigkeit wurden von der studierenden Person nicht verwendet.

Der Kompetenzbereich „Sozialverträglichkeit“ war insofern erkennbar, als die studierende Person auch soziale Aspekte wie z.B. Adaptivität und Gebrauchswert für die Kunden durchaus berücksichtigt hat.

Auf Nachfrage in der abschließenden Reflexion dieser Phase, weshalb Nachhaltigkeitsaspekte nur in geringem Umfang in die Ausarbeitung eingeflossen seien, gab die studierende Person an, sie sei so sehr mit ihren fehlenden berufsfachlichen Vorkenntnissen beschäftigt gewesen, dass kaum Zeit geblieben sei, Aspekte wie Umweltverträglichkeit und Ressourcenschonung zu berücksichtigen. Diese habe sie daher zunächst zurückgestellt..

Tatsächlich entspricht dies der Logik des COMET-Kompetenzstrukturmodells, in dem höhere Kompetenzniveaus auf niedrigeren aufbauen. Sind die unteren Kompetenzstufen noch nicht ausreichend entwickelt, fällt der Aufbau höherer Stufen schwer..

3.4 Studierende konzipieren eigene Unterrichtseinheit

In der nun beginnenden Phase 2 des Fachdidaktik-Seminars besteht die Aufgabe der Studierenden in der Erstellung einer eigenen Lernsituation, die in eine Lern- und Arbeitsaufgabe eingebettet wird. Sie soll sich an den gleichen didaktischen Maßstäben und Grundpositionen orientieren, wie in Phase 1. Phase 2 umfasst dabei Planung, Erstellung und Beurteilung der Lernsituation. Später in Phase 3 des Fachdidaktik-Seminars soll sie – nach eventuell nochmaliger Überarbeitung von Lernsituation und -aufgabe – im Unterricht der Berufsschule umgesetzt werden.

Während die schulorganisatorischen Rahmenbedingungen vorgegeben werden, kann die eigentliche Lernsituation innerhalb des gegebenen Lehrplanbezuges und der zur Verfügung stehenden Zeit frei gestaltet werden.

Zur Übersicht hier zusammengefasst die Eigenschaften dieser zu erstellenden Lernsituation:

Zielgruppe: HHS-Berufsschüler:innen im Berufsfeld Elektrotechnik.

Ziel der Lernsituation: Kompetenzentwicklung als zukünftige Fachkraft im Handwerk, umfassende Handlungskompetenz unter Einbindung nachhaltiger, gestaltungsorientierter Gesichtspunkte.

Methodik der Lernsituation: Bearbeitung eines Arbeitsauftrages durch Auszubildende in Form einer Projektarbeit, die einen typischen Arbeitsprozess einer berufsfeldaffinen Fachkraft abbildet. Dabei wird neben den fachlichen Inhalten auch auf eine selbständige Ausgestaltung sozialer und nachhaltiger Aspekte besonders Wert gelegt. Nach der Erarbeitung folgen eine Präsentationsphase und eine abschließenden Reflexionsphase.

Inhalte des Arbeitsauftrages an die Auszubildenden: Bearbeiten eines konkreten projekthaften Arbeitsauftrages unter Einbeziehung von bisher erlernten Arbeitsprozesswissen, Erschließen weiterer fachliche Inhalte sowie Abwägen von Lösungsvarianten hinsichtlich Nachhaltigkeit, sozialen und wirtschaftlichen Gebrauchswert.

Zu erwartende Voraussetzungen der Auszubildenden: Berufstypisches und ausbildungsjahr-abhängiges Vorwissen, individuelles Arbeitsprozesswissen, Selbstständige Anwendung von Nachhaltigkeitsaspekten wird nicht zu erwarten sein.

Zeitlicher Umfang: 2 Doppelstunden (180 Minuten) für Durchführung, Präsentation und Reflexion

Die Identifikation eines zu Grunde liegenden geeigneten und exemplarischen Arbeitsprozesses haben die Verfasser der studierenden Person überlassen, da in dieser Suche auch eine Identifikation der studierenden Person als Lehrkraft mit dem entsprechenden Ausbildungsberuf stattfindet. Im nächsten Schritt ist passend zu dem gewählten Arbeitsprozess eine geeignete Lernsituation zu entwickeln, die neben ihrer fachlichen Eignung auch Gestaltungspotenziale aufweisen sollte.

Bei der Ausgestaltung der Lernsituation zu einer konkreten Unterrichtseinheit, die Gestaltungsspielräume offenlassen möchte, kommt es sowohl auf die freilassende Formulierung des Arbeitsauftrages als auch auf die geschickte Material- und Quellenauswahl an. Neben der Formulierung des Arbeitsauftrages sollte bereits hier auf die gewünschten Arbeitsergebnisse eingegangen werden und in welcher Form diese präsentiert werden sollen.

Wichtig für die Planung der konkreten Unterrichtsequenz ist schließlich auch die Berücksichtigung des für die Durchführung zur Verfügung stehenden Zeitrahmens.

In der betrachteten Lehrveranstaltung fiel die Wahl auf eine Berufsschulklasse im zweiten Ausbildungsjahr des Berufes Elektroniker/in Gebäudesystemintegration, die zu erstellende Lernsituation sollte im Lernfeld 6: „Gebäudetechnische Systeme analysieren und Änderungen vornehmen“ platziert sein. Dieser Beruf deckt die technischen Schnittstellen des Berufsfeldes Elektrotechnik zu anderen Gebäude-Berufsfeldern wie Heizung/Klima/Lüftung, aber auch Dach- und Fassadentechnik ab, Schwerpunkte liegen dabei auf Gebäudeautomatisierung, Integration regenerativer Energien, E-Mobilität sowie Energiemanagement, in denen sich flächendeckend Themen der Nachhaltigkeit identifizieren lassen können.

Die Berufsschüler:innen dieses neuen Ausbildungsberufes sind an projekthaften und experimentellen Unterricht gewöhnt und stehen modernen Konzepten offen gegenüber. Da dieser Beruf erst vor drei Jahren eingerichtet wurde, sind die Ausbildungszahlen noch gering. Die Klasse hat insgesamt nur sechs Schüler:innen und ist sehr heterogen bezüglich Alter, Erfahrung und Vorbildung. Als Landesfachklasse findet der Unterricht in einem drei-wöchentlichen Rhythmus statt, so dass die Klasse eine Woche in der Berufsschule unterrichtet wird und die Auszubildenden zwei Wochen lang in ihren Betrieben in ganz Baden-Württemberg ausgebildet werden. Die meisten Schüler:innen wohnen für die Zeit der Berufsschule in Karlsruhe, auch dadurch ist das Klassenklima sehr positiv und der Teamgeist der Klasse stark ausgeprägt. Der geplante Stundenumfang betrug zwei Doppelstunden, was später jedoch erweitert wurde. Die Durchführung der Lernsituation war auf den letzten Schulblock terminiert, so dass keine Klassenarbeiten von anderen Fächern kollidieren konnten und der Beurteilungsdruck auf die Klasse niedrig war. Damit war auch die zeitliche Flexibilität gegeben, den Verfassern eine durchgängige Teilnahme an der Durchführung zu ermöglichen.

Nach der Erarbeitung durch die Studierenden erfolgt abschließend eine Präsentation sowie eine gemeinsame Reflexion der Seminar-Lehrenden und der Studierenden über die entwickelten Lernsituation. Dabei sind insbesondere die Begründungen von Abwägungen und Entscheidungen der Studierenden von besonderem Interesse. In diesem Rahmen werden Rückmeldungen gegeben und gegebenenfalls notwendige Anpassungen an der Lernsituation vorgenommen, bevor der Übergang zu Phase 3 erfolgt.

Die Erarbeitung der Lernsituation durch die studierende Person erfolgte teils in der Seminar-Sitzung und teils zu Hause. Die studierende Person hat zügig nach Aufgabenstellung ein interessantes Projekt gefunden, in dem eine Beleuchtungslösung für eine im Umbau befindliche Sporthalle einer Jugendfreizeiteinrichtung erarbeitet werden soll.

Sie hielt sich damit eng an das Thema der selbst durchlaufenen Lernsituation, wenngleich die gewählte Aufgabenstellung deutlich komplexer war. Die studierende Person hatte Kontakte zum Vorstand des Trägervereins, der gerne – mit dem Einverständnis der Schüler:innen – die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen wollte und umfangreiche Materialien der Halle (Fotos, Grundriss usw.) zur Verfügung stellte.

Bezüglich der Beleuchtungsplanung suchte die studierende Person den Austausch mit den Fachlehrenden der Klasse, um sich über die bisher erarbeiteten Methoden und Inhalte im Bereich der Beleuchtungsplanung auszutauschen. Da die Klasse bereits ein professionelles Lichtplanungsprogramm kennengelernt hat, ging die studierende Person davon aus, dass damit eine Bearbeitung einer derartigen Lernsituation unter Verwendung realer Leuchten und ansprechend visualisierter Lichtgestaltung möglich ist.

Trotz entsprechender Rückmeldung seitens der Seminar-Lehrenden sind in der entwickelten Lernsituation die Nachhaltigkeitsaspekte gegenüber dieser aufwändigen Planungsaufgabe in den Hintergrund getreten. Dies zeigte sich bereits in der Liste an Materialien, die für die Lernsituation eingeplant waren.

3.5 Studierende führen die Unterrichtseinheit durch

Um die erarbeitete Lernsituation durchführen zu können, müssen die nötigen Änderungen im Stundenplan der Klasse getätigt und alle Beteiligten informiert werden. Während der Durchführung der Unterrichtseinheit wechseln die Studierenden in die Rolle einer unterrichtenden Person und übernehmen dabei die pädagogische Verantwortung für den weiteren Verlauf. Besonders in Gruppenarbeiten mit offen gehaltenen Arbeitsauftrag sollte zu Rückfragen motiviert werden, falls sich Verständnisschwierigkeiten z.B. mit der Formulierung ergeben und das Fehlen von Detailinformationen ungewohnt erscheint.

Bei den Ergebnispräsentationen der Gruppenarbeit nehmen die Studierenden eine moderierende Rolle ein und sollten die Begründungen zu den gemachten Abwägungen und Entscheidungen der einzelnen Gruppenergebnisse gezielt herausarbeiten, damit schließlich alle Ergebnisse zusammengeführt und miteinander verglichen werden können. Da die Ergebnisse vermutlich je nach Gruppenzusammensetzung unterschiedlich ausfallen werden, ist ein großes Interesse der Klasse an dieser Phase zu erwarten.

In der anschließenden Reflexionsphase reflektieren die Gruppen über den durchlaufenen Arbeitsprozess und der Fokus verschiebt sich auf die prozessuale Betrachtungsebene. Mögliche Leitfragen wie „Wie sind wir vorgegangen“ wenden sich an die Beobachtung des eigenen Prozesses, Leitfragen wie „Wo lagen die Schwierigkeiten“ können sowohl das Aufgabenverständnis als auch das fachliche Verständnis betreffen. Die äußerst naheliegend erscheinende Frage „Was habt ihr gelernt“ eröffnet ein vielfältiges beurteilendes Antwortspektrum. Schließlich ist die Frage „Was würdet ihr nächstes Mal anders machen“ ein zentraler Punkt für die Kompetenzentwicklung der Lernenden.

In der hier betrachteten Lehrveranstaltung wurde die Lernsituation in zwei Gruppen zu je 3 Schüler:innen bearbeitetet. Das COMET-Kompetenzstrukturmodell wurde den Lernenden dabei nicht gezeigt. Anfangs zeigte sich bei einem Teil der Schüler:innen Überforderung mit der ungewohnt offenen Aufgabenstellung, letztlich zeigte sich aber bei allen Schüler:innen eine hohe Beteiligung und Motivation. Teilweise widersprach dies vorherigen Erwartungen, weshalb das Ergebnis als bestärkend angesehen wird. Bzgl. der Vorgehens- und Arbeitsweise zeigten sich bei den Gruppen starke Unterschiede. So ging die „leistungsstärkere Gruppe“ deutlich zielgerichteter vor als die andere Gruppe, welche anfangs große Schwierigkeiten in der Selbstorganisation hatte und unsystematisch vorging.

Auch bei den Gruppenergebnissen zeigten sich Unterschiede im Kompetenzniveau: Die „leistungsstärkere Gruppe“ berücksichtigte mehr Aspekte, die in der Lernsituation angelegt waren, auch nicht explizit Erwähnte (wie z.B. variierenden Sonnenstand im Lauf des Jahres). Sie dachten also von sich aus weiter über die konkrete Aufgabenbeschreibung hinaus. Bei der „leistungsschwächeren Gruppe“ gelang das erst nach einer Intervention der studierenden Person.

In der Reflexionsphase zeigte sich, dass beide Gruppen die Gestaltungspotenziale des Arbeitsauftrags zumindest teilweise genutzt hatten. Nachhaltigkeitsaspekte wurden jedoch von keiner der beiden Gruppen herausgearbeitet, berücksichtigt oder diskutiert. Als Gründe dafür liegen der technisch-fachliche Fokus der Aufgabenstellung, das Fehlen entsprechender nachhaltigkeitsbezogener Materialien und inhaltlicher Bezüge sowie der begrenzte Zeitrahmen nahe. Letzterer wurde durch die zusätzliche Doppelstunde abgemildert.

Beide Gruppen erachteten den Aufgabentypus als vielversprechend, konstruktive Verbesserungsvorschläge waren eine eingeschränktere Materialliste oder ein bereits gegebenes fertiges Gebäudemodell für die Simulation. Insgesamt haben die Schüler:innen eine positive Rückmeldung der Unterrichtseinheit abgegeben und wünschen sich auch zukünftig die Durchführung solcher Lerneinheiten.

3.6 Lehrende reflektieren mit den Studierenden über die durchgeführte Lehrveranstaltung

Zum Ende der Lehrveranstaltung ist eine letzte Reflexionsrunde mit den Studierenden angesetzt, in der zunächst die beendete Unterrichtseinheit und dann die gesamte Veranstaltung betrachtet wird.

Die Reflexion über die beendete, in der Lehrveranstaltung durchgeführte Unterrichtseinheit ergab, dass bei den Schüler:innen die Ebene der Ganzheitlichen Gestaltungskompetenz in den Ergebnissen nicht erreicht worden ist. Darüber hinaus wurde die grundsätzliche Gestaltbarkeit kaum wahrgenommen und sozialpolitische sowie ökologische Aspekte blieben unberücksichtigt. Das überrascht nicht, nachdem diese seitens der studierenden Person nicht aktiv in Form von Materialien adressiert worden waren.

Auch hier spielte die recht knapp bemessene Zeit eine Rolle, auch wenn die eigentlich geplante Doppelstunde auf Wunsch der Schüler:innen um eine weitere Stunde ergänzt wurde. Auch dies spricht dafür, mehr Zeit für solche Lernsituationen einzuplanen. Die Schüler:innen waren generell sehr stark mit dem ungewohnten Format von Aufgabenstellung und Unterricht beschäftigt.

Um diese Art der offenen Aufgabenstellungen in einem projektorientierten Unterricht zu etablieren, wäre eine Hinführung mit mehreren derartige Projektaufgaben bereits im ersten Ausbildungsjahr beginnend nötig.

Für die studierende Person war die Veranstaltung als Einzelperson gegenüber zwei Lehrpersonen sicher herausfordernd. Es ist nachvollziehbar schwierig, bei gering ausgeprägtem berufsfachlichem Arbeitsprozesswissen eine ganzheitliche Gestaltungskompetenz aufzubauen. Hier wurde von der studierenden Person von der „Fokussierung auf das Wesentliche“ gesprochen. Jedoch hat die studierende Person eine authentische Lernsituation entworfen, welche grundsätzlich ganzheitliche Gestaltungspotenziale birgt und möglicherweise in der vermutlichen Lebenswelt der Schüler:innen stattfindet.

Mit der Reflexion der gesamten Lehrveranstaltung schließt sich auch der Handlungskreis für die Verfasser in ihrer Funktion als Lehrende. Der Sonderfall einer Teilnehmerzahl von eins erlaubt keine statistisch valide Bewertung der Rückmeldung, jedoch führte der umso intensivere Austausch mit der studierenden Person zu wertvollen Anregungen und Rückschlüssen. Das Ziel, ganzheitliche Gestaltungskompetenz bei der studierenden Person anzulegen und nachhaltig zu verankern, blieb bei dieser Veranstaltung bei einem Versuch. Jedoch konnte der studierenden Person die Bedeutung der Entwicklung von Gestaltungskompetenz gezeigt werden. Es sollte nicht vergessen werden, dass die studierende Person in der Lehrveranstaltung eine arbeitsprozessorientierte Lernsituation entworfen und im Unterricht umgesetzt hat.

Die beteiligten Schüler:innen haben eine interessante, authentische, offen gestellte Lichtplanungsaufgabe im Team bearbeitet, präsentiert und ihre Ergebnisse verglichen. Auch wenn damit die Stufe der Entwicklung ganzheitlicher Gestaltungskompetenz nicht erreicht wurde, sind jedoch Kompetenzen auf der Ebene der prozessualen Kompetenz im Sinne des COMET-Kompetenzstrukturmodells angesprochen worden.

4 Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der hier betrachtete Einzelfall darauf hinweist, dass Studierende eine höhere berufliche Kompetenz benötigen, wenn sie gestaltungsorientierte Lehre umsetzen sollen. Sie benötigen selbst die unteren Kompetenzniveaus des COMET-Kompetenzstrukturmodell als Fundament, um auf das höchste Niveau der „Ganzheitlichen Gestaltungskompetenz“ zu kommen. Diese Schlussfolgerung basiert sowohl auf den oben beschriebenen Erfahrungen als auch auf der Logik des zugrundeliegenden COMET-Kompetenzstrukturmodells, das eine Hierarchie beinhaltet (Rauner, 2021, S. 115).

Inwiefern sich dies auch in späteren Durchläufen zeigt ist separat zu betrachten. Der hier beschriebene Durchlauf sensibilisiert zumindest für diese Fragestellung bzw. Vermutung.

Insgesamt wird der hier erprobte hochschuldidaktische Ansatz, Nachhaltigkeits- und gestaltungsorientierte Berufsbildung in Lernsituationen zu verankern, die von beruflichen Arbeitsprozessen ausgeht, und dies konstant aus schulpraktischer und wissenschaftlicher Perspektive zu reflektieren und zu bearbeiten, als potenziell zielführend und gewinnbringend eingeschätzt. Auf der Ebene der studierenden Person zeigte sich ein deutliches Verständnis der Möglichkeit, Gestaltungsorientierung und Nachhaltigkeitsbildung integrativ umzusetzen. Allerdings wurde dieses Verständnis nicht handlungsleitend in der Entwicklung und Umsetzung der Lernsituation. Hier sind weitere Erprobungen und Untersuchungen notwendig, weshalb das Konzept weiterverfolgt werden soll.

Die hohe Beteiligung und Motivation der Schüler:innen war teils überraschend und ebenfalls bestärkend. Inwiefern sich dies in weiteren Durchläufen ebenfalls zeigt, ist allerdings noch zu prüfen.

Mit der Lernsituation als „Einzelprojekt“ im Berufsschulunterricht ist es unmöglich, langfristige Entwicklungsprozesse der Schüler:innen nachvollziehen zu können. Auch können Fehler (wie z.B. übersehene Gestaltungspotenziale) kaum als Lernchance genutzt werden, wenn auf die Reflexion am Ende der vollständigen Handlung nicht weitere Lernsituationen folgen, in denen die Schüler:innen ihre Erkenntnisse und eventuelle Ideen zur Optimierung aufgreifen können. Aus diesem Grund wird die Durchführung einer Längsschnittstudie und die Etablierung weiterer Lernsituationen und arbeitsprozessorientierter Lehre in anderen Lehrjahren angestrebt.

Die Binnendifferenzierung war durch die starke Schüler:innen-Zentrierung sowie die Offenheit der Lernsituation leicht möglich. Alle Schüler:innen konnten die Aufgabe auf unterschiedlichen Kompetenzniveaus bearbeiten und Lösungen finden. Damit ist keinesfalls ausgesagt, dass dies für andere Lernsituationen, in anderen Klassen oder bei anderen Studierenden ebenfalls gegeben ist. Hier wären noch weitere Untersuchungen zu den Gestaltungsprinzipien sowie zu potenziellen Hürden und Schwierigkeiten im Unterricht durchzuführen. In Zukunft soll geprüft werden, ob bzw. inwiefern solche Lernsituationen unter Verwendung des COMET- Kompetenzstrukturmodells als Grundlage für Notengebung für „Projektkompetenz“ geeignet sein könnten. Dabei sind auch Lernsituationen ohne Benotungsdruck vorzusehen, um Übungsräume für die Entwicklung von Gestaltungskompetenz zu schaffen

Ein zentrales Problem bestand bei dem hier betrachteten Fall in dem Zeitmangel für die Bearbeitung der Lernsituationen, denn dadurch wurde die Gestaltungsorientierung wegen der Fokussierung auf das vermeintlich Wesentliche konterkariert. Es wäre weiter zu untersuchen, wie genau sich die zur Verfügung stehende Zeit bei solchen Aufgaben auswirkt. Fragen wie „wann wird zu viel Zeit eingeplant?“ oder auch „wie viel Zeit ist notwendig, um den zu intensiver Bearbeitung nötigen Raum zu geben?“ wären separat zu beantworten. Für unsere weitere Arbeit gehen wir aber auf Basis der gesammelten Erfahrungen davon aus, dass mehr Zeit einzuräumen wäre. Selbstredend ist dies kritisch zu prüfen und zu hinterfragen. Unterrichtszeit für solche Projekte zur Verfügung zu stellen stellt allgemein eine schulorganisatorische Herausforderung dar, insbesondere weil dort häufig aufgrund formaler Vorgaben noch auf Lernziele einer Doppelstunde fokussiert wird.

Perspektivisch soll eine inhaltliche Verknüpfung mit dem Gemeinschaftskunde-Unterricht erfolgen. Dabei sollen die im berufsfachlichen Unterricht aufgeworfenen politischen Probleme, die die Berufsarbeit zwar berühren bzw. in ihrem Kontext stattfinden, die aber über die konkrete berufliche Arbeit hinaus gehen bearbeitet werden. Beispielhaft seien hier Fragen der Tarifpolitik, Möglichkeiten des Engagements in unserem demokratischen System sowie politische Aushandlungsprozesse genannt.

Zusammenfassend zeigt sich, dass der eingeschlagene Weg durchaus Potenzial bietet, ausgehend vom beruflichen Handeln Nachhaltigkeits- und Demokratiebildung integriert zu fördern. Inwiefern dieses Potenzial gehoben werden kann und was genau die Gelingensbedingungen sind, bleibt noch zu untersuchen.

Literatur

Becker, M. (2024). Berufsdidaktik. In G. Spöttl & M. Tärre (Hrsg.), Didaktiken der beruflichen und akademischen Aus- und Weiterbildung (S. 111–122). Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-658-44727-4_9

Heidegger, G. (2001). Gestaltungsorientierte Berufsbildung. Entstehungsbedingungen, Weiterentwicklung, gegenwärtige Aktualität. In M. Fischer, G. Heidegger, W. Petersen & G. Spöttl (Hrsg.), Gestalten statt anpassen in Arbeit, Technik und Beruf. Festschrift zum 60. Geburtstag von Felix Rauner. (S. 142–158). Bertelsmann Verlag.

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Über einen Versuch, nachhaltig Bilanz zu ziehen – Hamburger Schulen machen BNE!

1 Einleitung

»Immer häufiger fragen wir uns, ob das, was Menschen lernen, wirklich relevant ist für ihr Leben und ob es dazu beiträgt, das Überleben unseres Planeten zu sichern.« (Stefania Giannini 2021)

Dieses Zitat ist wahrscheinlich aktueller, denn je. Es wurde noch vor der Corona-Pandemie und vor einer möglichen „KI-Revolution“ ausgesprochen. Die Zukunft erscheint seitdem komplexer; die Welt dreht sich scheinbar schneller[1]. Im Interesse unseres eigenen Überlebens müssen wir lernen, nachhaltig in dieser unübersichtlicheren Welt zusammenzuleben. In diesem Kontext ist es notwendig, die Art und Weise zu ändern, wie wir als Individuen und als Gesellschaft denken und handeln. Damit dies geschehen kann, muss sich (auch) Bildung ändern, um eine friedliche und nachhaltige Welt für das Überleben und den Wohlstand heutiger und künftiger Generationen zu schaffen (UNESCO, 2021, S. III). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) ist dabei ein wichtiger Baustein, um die gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu verstehen, zu begleiten sowie selbstwirksam zu handeln und handlungsfähig zu bleiben. Der Hamburger Masterplan BNE 2030 formuliert für diesen Baustein, basierend für die berufliche Bildungslandschaft, u.a. folgendes Ziel: „Die berufsbildenden Schulen verstehen BNE im Rahmen ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung als Aufgabe der ganzen Schulgemeinschaft und der beteiligten Partner“ (Masterplan BNE, 2021, S. 26).

Mittlerweile sind fast fünf Jahre vergangen – Zeit für eine Bilanz! Die Professur für Berufspädagogik an der Otto-von-Guericke-Universität begleitet den Masterplan BNE 2030 seit 2021. Der vorgeschlagene Beitrag setzt an den Erfahrungen aus dieser wissenschaftlichen Begleitung an, indem zunächst der Hamburger Masterplan BNE 2030 sowie ein konkretes Teilforschungsprojekt der wissenschaftlichen Begleitung vorgestellt werden (1). Daran anschließend wird der Whole School Approach (WSA) Ansatz vorgestellt; er ermöglicht für Menschen in Ausbildung eine glaubhafte und nachvollziehbare Ausrichtung des Lernangebotes auf Nachhaltigkeit und dies bedeutet, dass sich auch die Schule selbst als nachhaltige Organisation betrachtet und entwickelt (Reich, 2024). Der Anspruch besteht darin, (B)BNE in den Schulalltag sowie alle Lernfelder sowie Ergänzungsfächer zu integrieren, diese stärker untereinander und mit einem nachhaltigen gesamtinstitutionellen Ansatz zu verbinden (Holst & Hantke, 2023, S. 14). (B)BNE ist somit eine ganzheitliche Querschnittsaufgabe der Schulentwicklung, die für alle Bildungsprozesse eine hohe Relevanz besitzt und die strukturelle Verankerung von Nachhaltigkeit in der Schulorganisation und im Schulalltag fokussiert (Holst & Hantke, 2023, S. 12) (2). Im Folgenden Kapitel wird die Methodologie des Teilprojektes der wissenschaftlichen Begleitung vorgestellt: Mit Leitfadeninterviews, einer qualitativen Interviewanalyse nach Kuckartz (2022) sowie einer quantitativen Erhebung wurden und werden umfangreiche Daten erhoben, um Inputs, Outputs, Outcomes (und Impacts) qualitativ auszuwerten und im Kontext der strukturellen Verankerung von (B)BNE zu interpretieren (3). Im weiteren Verlauf werden die ersten Ergebnisse dieser insgesamt dreiteiligen Längsschnittuntersuchung an fünf Hamburger Schulen dargestellt, in den Gesamtkontext des Hamburger Masterplans sowie innerhalb der Wirkungsorientierung eingeordnet (vgl. PHINEO, 2021, 5–6). Anhand der fünf Fälle sowie der drei Erhebungszeiträume bis 2029/2030 wird im Laufe der Zeit ein Bild entstehen, wie BNE an den jeweiligen Schulen gedacht, gelebt und erfolgreich umgesetzt wird[2], welche Ressourcen zur Verfügung stehen, welche Unterstützungsstrukturen bestehen, was zielführend ist, welche Gelingensbedingungen vorliegen, wie Herausforderungen wahrgenommen werden und diesen begegnet wird, und wo auch Grenzen sowie mögliche systemische blinde Flecken vorzufinden sind (4). In einem Fazit werden die bisherigen Ergebnisse reflektiert, zur Diskussion gestellt und mögliche Herausforderungen für die Arbeit bis 2030 benannt (5).

2 Der Masterplan BNE 2030 der Freien und Hansestadt Hamburg

Der Freien und Hansestadt Hamburg hat als erste Großstadt und erstes Bundesland in Deutschland einen „Masterplan BNE 2030“ auf den Weg gebracht, durch den BNE in allen Bildungsbereichen systematisch verankert werden soll (Bundesregierung, 2023). Der Hamburger Senat hat am 2.August 2016 die Umsetzung des „Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in Hamburg beschlossen und die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) mit der Entwicklung eines Aktionsplans BNE für Hamburg beauftragt.

2.1 Relevanz und Rahmung der (beruflichen) Bildung für nachhaltige Entwicklung

Ausgehend von der UN-Dekade BNE (2005–2014) und dem anschließenden Weltaktionsprogramm (2015–2019) wurde mit BNE 2030 ein neues internationales Rahmenprogramm auf den Weg gebracht. Es wurde vom 206. UNESCO-Exekutivrat sowie der 40. UNESCO-Generalkonferenz beschlossen und später von der 74. UN-Generalversammlung anerkannt. Ziel von BNE 2030 ist es, den Weg des Weltaktionsprogramms konsequent fortzuführen: Bildung und Lernen sollen so ausgerichtet werden, dass sie nachhaltige Entwicklung wirksam unterstützen – mit einem klaren Bezug auf die Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) (UNESCO, 2021).

Dabei ist BNE 2030 insbesondere mit SDG 4 verknüpft, das chancengerechte und hochwertige Bildung sowie lebenslanges Lernen für alle betont – vor allem mit dem SDG-Unterziel 4.7. Zugleich wirkt BNE als Querschnittsansatz in alle weiteren SDGs hinein und stärkt eine Bildungsperspektive, die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft ins Zentrum rückt (UNESCO, 2021).

Ebenso hebt die Kultusministerkonferenz (KMK) im Orientierungsrahmen Globale Entwicklung hervor, wie zentral Bildungsqualität gerade unter Bedingungen multipler globaler Krisen ist: Schule soll demnach ein tragfähiges Fundament für zukunftsfähige Entwicklung sichern (KMK, 2016, S. 16).

2.2 Die Bedeutung für die (Hamburger) Bildungslandschaft

Der Hamburger Masterplan BNE 2030 ist, wie bereits zuvor erwähnt, der Hamburger Beitrag zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms der UNESCO. Der Masterplan BNE 2030 ist in sechs Bildungsbereiche sowie einen übergeordneten Bereich eingeteilt; insgesamt liegen 20 Handlungsfelder, 40 Ziele und 97 Maßnahmen vor, die das Ziel haben, BNE in der Hamburger Bildungslandschaft strukturell zu verankern (Masterplan BNE, 2030; 2021).

Mit direktem Bezug zur Hamburger Bildungslandschaft formuliert der Masterplan BNE 2030 im Bereich der Arbeitsgruppe III (Berufliche Bildung) unter Handlungsfeld 1 (BNE als Aufgabe der beruflichen Bildung) Ziel 2: Die berufsbildenden Schulen verstehen BNE im Rahmen ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung als Aufgabe der ganzen Schulgemeinschaft und der beteiligten Partner (Masterplan BNE, 2021, S. 26).

Um dieses Ziel zu erreichen, sollen Schulen BNE schrittweise und nachhaltig als Aufgabe der ganzen Schule in ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung implementieren, denn „Bildung für nachhaltige Entwicklung ist Aufgabe der beruflichen Bildung und damit der ganzen Schulgemeinschaft und ihrer außerschulischen Partner […]“ (Masterplan BNE, 2021, S. 26).

Ebenso formuliert der Masterplan in Bezug auf die Allgemeinbildung (Arbeitsgruppe II (AG Schule)) unter Handlungsfeld 1 (BNE als Aufgabe der ganzen Schule) Ziel 2: Die Hamburger Schulen verstehen im Rahmen ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozesse BNE als Aufgabe der ganzen Schule und aller beteiligten Gruppen (Masterplan BNE, 2021, S. 21). BNE als Aufgabe der ganzen Schule meint (ebd.):

„Es geht darum, Nachhaltige Entwicklung auf allen Ebenen schulischer Bildung und Erziehung ganzheitlich und systemisch zu verankern (Whole School Approach). Das betrifft die Tätigkeitsfelder aller, die in und für Schule Verantwortung tragen. Schulen leisten damit einen Beitrag zu einer Nachhaltigkeitskultur, der über die Schulen selbst hinausreichen und auch auf gesellschaftlicher Ebene wirksam werden kann.“

Der Hamburger Masterplan BNE 2030 formuliert damit einen klaren Anspruch: Bildung für nachhaltige Entwicklung soll nicht punktuell oder projektbasiert, sondern strukturell und systemisch im Sinne eines WSA verankert werden. Schulen werden als zentrale Akteure gesellschaftlicher Transformation adressiert und zugleich in die Verantwortung genommen, nachhaltige Entwicklung als Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft zu verstehen. Offen bleibt jedoch, wie dieser Anspruch im schulischen Alltag konkret aufgegriffen, interpretiert und umgesetzt wird (oder werden kann).

An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an. Er begibt sich auf eine empirische Spurensuche an fünf Hamburger Schulen, um Antworten zu finden.

2.3 Wir machen jetzt BNE! – eine Spurensuche in fünf Fällen

An der Umsetzung des Hamburger Masterplans BNE 2030 sind eine Vielzahl behördlicher sowie zivilgesellschaftlicher Akteurinnen und Akteure beteiligt; ebenso ist für den gesamten Umsetzungsprozess seit dem 01.01.2022 eine wissenschaftliche Einrichtung beauftragt worden, die Evaluation durchzuführen und die Projektgruppe „Hamburg lernt Nachhaltigkeit“ (HLN) sowie die Koordinierungsstelle zu beraten, denn der gesamte Prozess der Umsetzung des Masterplans BNE 2030 soll in seinen Auswirkungen, der Qualität und seiner Wirksamkeit auf die Hamburger Bildungsbereiche begleitet und erforscht werden (Masterplan BNE, 2021, S. 12).

Vor diesem Hintergrund und im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung wurde das Teilprojekt „Wir machen jetzt BNE! - Eine Spurensuche in fünf Fällen. Schulentwicklung im Längsschnitt: eine qualitative Fallstudie an Hamburger Schulen“ gestartet, welches die Grundlage für die folgenden Ansichten, Ergebnisse usw. darstellt. Während der Laufzeit des Projektes werden eine Stadtteilschule, ein Gymnasium sowie drei (+eine)[3] Berufsschulen in drei Erhebungszeiträumen (2025, 2027 und 2029/2030) interviewt und begleitet. Ein Schwerpunkt ist die Untersuchung, inwiefern und unter welchen Bedingungen Nachhaltige Entwicklung auf allen Ebenen schulischer Bildung (und Erziehung) ganzheitlich und systemisch verankert werden kann (Whole School Approach).

3 Der Whole School Approach für eine (B)BNE

Um als Gesellschaft nachhaltig zusammenzuleben, ist es essenziell, unser Denken und Handeln zu transformieren. Dies erfordert auch eine Veränderung in der Bildung, um eine nachhaltige und friedliche Zukunft zu sichern (UNESCO, 2021, III). In einer sich schnell verändernden Welt kann die Idee einer Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) von entscheidender Bedeutung sein. Die Entwicklung einer Bildungseinrichtung kann durch BBNE so gestaltet werden, dass sie anpassungsfähig, transparent und zeitgemäß bleibt. Die Ausrichtung im Sinne einer BBNE befähigt Schulen, zukünftige Herausforderungen und individuelle Bedürfnisse zu meistern (vgl. Kuhlmeier et al., 2024; Kuhlmeier et al., 2025, S. 41–44).

Ein wichtiger Ansatz zur Implementierung von BBNE ist der Whole School Approach. Dieser Ansatz fördert partizipative und gemeinschaftliche Initiativen, um die Lernkultur, Schulstruktur sowie Führungs- und Entwicklungsstrategien nachhaltig zu verändern. Glaubwürdige zeitgemäße Bildung orientiert sich an Nachhaltigkeit, was bedeutet, dass Schulen auch als nachhaltige Organisationen agieren müssen. Das Ziel ist es, dass die Prinzipien der Nachhaltigkeit im Alltag gelebt werden (Holst & Hantke, 2023, S. 14). BBNE kann daher kein zusätzliches Thema oder sogar ein zusätzliches Unterrichtsfach darstellen, sondern fließt integrativ in alle Lernfelder und Fächer ein. So verstanden ist BBNE ein durchdringendes Element der Schulentwicklung, denn so Holst & Hanke (2025): „Nachhaltigkeit ist kein Status, sondern ein fortwährender und gemeinsamer Lernprozess. Eine Schulentwicklung zu Nachhaltigkeit im Sinne eines WSA ist partizipativ und damit ein Lernraum für Demokratie und Mitgestaltung“ (Holst & Hantke, 2025, S. 16).

Im Rahmen des WSAs wird die Schule zu einem Vorbild und gleichzeitig zu einem Raum für Experimente und Lernen, welcher sich an fünf Handlungsfeldern orientiert:

Lernkultur: Der Wandel hin zu einer nachhaltigen Bildungsinstitution beeinflusst direkt die Lehrmethoden. Ziel ist es, berufliche Kompetenzen mit ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit zu verknüpfen (Kuhlmeier & Vollmer, 2018, S. 138–140.; KMK, 2021, S. 14). Lehrende sind dabei die Begleiter der Lernenden. Lernende sollen selbstständig und kollaborativ wirken, wodurch sie bedeutende Erfahrungen der Selbstwirksamkeit sammeln können (Zierer et al., 2023, S. 87). Das Ziel ist eine handlungsorientierte, innovative Pädagogik, um Lernende in die Lage zu versetzen, Wissen und Bewusstsein zu entwickeln, um im Sinne einer nachhaltigen Transformation der Gesellschaft zu handeln (UNESCO, 2021, S. 7–11.).

Schulkultur: Die sich wandelnde Lernkultur bringt eine Weiterentwicklung der Schulkultur mit sich, die durch wertschätzende Interaktion, positives Feedback und Fehlerkulturen geprägt ist. Inklusion und Diversität werden als Chancen gesehen, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern (Wansing, 2015, S. 53). Ebenso entsteht eine (neue) Form der Kommunikation über nachhaltige Entwicklung (Holst & Hantke, 2025, S. 16).

Lern- und Lebensraum: Ein Ziel ist u.a. eine klimaneutrale Schule bis 2030 (UNESCO, 2021). Dies umfasst nachhaltige Architektur und die Ermutigung der Schüler*innen, aktiv an der Transformation ihrer Bildungsumgebung mitzuwirken (Holst & Hantke, 2025, S. 16).

Führung und Schulentwicklung: Eine kollegiale Führungskultur fördert demokratische Entscheidungsprozesse und erlaubt eine transformative Schulentwicklung. Eine erfolgreiche Umsetzung gelingt, indem Vorbildfunktionen übernommen und neue Strukturen initiiert werden (Oestereich & Schröder, 2020, S. 20). Alles sind involviert, denn Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortung – für die Leitung (Vorbildfunktion) sowie für alle Beteiligten (Holst & Hantke, 2025, S. 16).

Gesellschaftliche Wirkung (Impact): Schulen sollen externe Partnerschaften pflegen, um lokale bis globale Bildungslandschaften zur Nachhaltigkeit mitzugestalten. Dieses Engagement wird durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit unterstützt, die den nachhaltigen Wandel fördert. Ziel ist es, dass Schulen durch Ressourcen und Leistungen konkrete gesellschaftliche Veränderungen bewirken und nachhaltige Netzwerke aufbauen.

4 Methodologie sowie erste Zugänge ins Feld

Übergeordnet folgt das Projekt dem Grundkonzept längsschnittlich angelegter Fallstudien sowie eines qualitativ dominierten Mixed-Methods-Forschungsansatzes und versucht u.a. auf folgende Forschungsfragen wirkungsorientierte (Input, Output, Outcome, (Impact)) Antworten zu finden:

  • „Wie gelingt die strukturelle Verankerung von BNE sowie die Umsetzung des Whole School Approach an Hamburger Schulen?“
  • „Was sind Gelingensbedingungen und Herausforderungen?“
  • „Welche (Aus-)Wirkungen zeigen sich bei Akteuren und in den schulsystematischen Strukturen?“

Kern ist dabei, wie bereits erwähnt, die Untersuchung, inwiefern und unter welchen Bedingungen Nachhaltige Entwicklung auf allen Ebenen schulischer Bildung (und Erziehung) ganzheitlich und systemisch (konstante Unterrichts- und Schulentwicklung (auch) im Sinne des WSA) verankert werden kann – denn: am Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung orientieren sich Schulleben, Organisation und Schulmanagement (Masterplan, 2021, S. 21). Bedingungen meint hier also sowohl Gelingensbedingungen als auch Herausforderungen: Ambivalenzen (zum Beispiel Widersprüche zwischen Anspruch und schulischem Alltag), Grenzen (Ressourcen) sowie blinde Flecken innerhalb des Systems.

Für dieses mehrdimensionale Analysevorhaben eignet sich ein Mixed-Methods-Ansatz: Die Fallstudien, welche primär auf leitfadengestützte Gruppeninterviews mit den schulischen Akteur*innen basieren, stehen im Zentrum der Forschung und werden durch die quantitative Befragung („harte“ Zahlen, Daten, Fakten) sowie eine Dokumentenanalyse ergänzt, denn so Kuckartz (2014): „Die Behauptung ist: Man gewinnt durch Mixed-Methods, d. h., man kann ein komplexes Problem besser verstehen, wenn man beide Seiten beleuchtet, die quantitative des Zählens und die qualitative des Sinnverstehens“ (Kuckartz, 2014, S. 53).

Im Wesentlichen ist dieser Mixed-Methods-Ansatz – laut Creswell und Plano Clark – als paralleles Design (convergent design (Basisform)), bei dem parallel zueinander qualitative und quantitative Daten erhoben werden, zu definieren. Die Daten selbst werden unabhängig voneinander ausgewertet und erst im Rahmen der Interpretation zusammengeführt (Schreier et al., 2023, S. 349). Die Integration der Daten, Ergebnisse und Schlussfolgerungen kann in frühen Projektphasen oder in der Schlussphase des Projektes erfolgen (Kuckartz, 2014, S. 33). Aufgrund der Einbettung in das Grundkonzept der Fallstudie liegt darüber hinaus eine komplexere Anwendung der zuvor beschriebenen Basisform vor - nämlich: durch die Integration eines Mixed Methods mit einem anderen, in der Methodenliteratur bereits etablierten Design (Schreier et al., 2023, S. 349).

4.1 Fallstudienstruktur und Zugang zum Feld

Das Fallstudiendesign kennzeichnet sich im Sinne der qualitativen empirischen Sozialforschung durch einen „komplexe[n] und hinsichtlich der Wahl der Datenerhebungsmethoden offene[n] Forschungsansatz“ (Borchardt & Göthlich, 2009, S. 33; vgl. hierzu ausführlich in: Schulze, 2021, S. 144). Diese Ausgangssituation ist für dieses Teilprojekt zielführend, um zum einen die zuvor geschilderte Komplexität in Bezug auf die strukturelle Verankerung von BNE und die Umsetzung eines WSA multiperspektivisch zu betrachten und zum anderen die Forschungsfragen qualitativ, erkenntnisgewinnend und in geeigneter Weise beantworten zu können.

Die differenzierte Analyse der fünf Fälle ermöglicht sowohl im laufenden als auch zukünftigen Prozess ein fallorientiertes Vorgehen sowie die Anwendung von Strategien zur Auswertung und Interpretation der Daten und Ergebnisse – es wird nunmehr versucht, den einzelnen Fall multimethodisch in seiner Komplexität während des gesamten Analyseprozesses zu untersuchen (Schulze, 2021, S. 145). Dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein ganzheitliches und tieferes Verständnis – auch und vor allem in Bezug auf die Gemeinsamkeiten und der Unterschiede – für den Prozess der strukturellen Verankerung von BNE und die Umsetzung des WSA an den einzelnen Fallschulen.

Nun bleibt die Frage zu klären, wie die Fallschulen ausgewählt wurden? Diesem Prozess liegt eine bewusste, kommunikative sowie kriteriengeleitete Auswahl zu Grunde, sodass präzise geklärt werden konnte, „[…] in welchem Feld, unter Nutzung welchen Feldzugangs und vermittelt durch welche Kontaktpersonen geforscht werden kann […]“ (Atteslander, 2008, S. 90). Ziel war es, Typen von Fällen auszuwählen, die zum einen zur Erreichung des Forschungsziels beitragen und sich zum anderen anhand bestimmter Merkmale ähneln oder unterscheiden lassen. Diese lassen sich wie folgt beschreiben:

  • Die Schulen sind Teil des im Hamburger Schulsystems.
  • Die allgemeinbildenden Schulen sind teilnehmende Schulen im Rahmen des Pilotprojektes der AG Schule.
  • Sowohl mindestens eine Stadtteilschule als auch ein Gymnasium sind auszuwählen.
  • Die berufsbildenden Schulen sind Schulen, die in Absprache mit dem Hamburger Institut für Berufliche Bildung (Referatsleiter BBNE) Interesse bekunden.
  • Die berufsbildenden Schulen sind aus dem wirtschaftlichen als auch aus dem gewerblich-technischen Bereich zu wählen.
  • Für alle Schulen gilt: Mindestens ein Teil der (erweiterten) Schulleitung, die Koordination für BNE oder die/ der BNE-Beauftragte (o. ä. Funktionsstellen) und Schüler*innen sind Teilnehmende der Gruppeninterviews über drei Erhebungszeiträume.

Atteslander (2008) stellt dazu fest, dass bei den Forscher*innen die Felderschließung, der Feldzugang und die Feldarbeit ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Flexibilität, Empathie und Mut vorrausetzen und sie eine soziale sowie fachliche Kompetenz genauso aufbringen müssen wie ein hohes Maß an praktischem Engagement (Atteslander, 2008, S. 91). Hinzugefügt werden sollte noch eine ausgeprägt hohe Frustrationstoleranz sowie eine ausreichende Portion Optimismus (mehr dazu in Kapitel 5.3).

4.2 Quantitative Erhebung

Im Rahmen der ersten Erhebungswelle wurde eine standardisierte Onlinebefragung durchgeführt. Ziel dieser Erhebung war es, strukturelle Rahmenbedingungen – insbesondere im Bereich des Inputs, also der personellen, zeitlichen und finanziellen Ressourcen – systematisch zu erfassen und damit die qualitativen Befunde zu kontextualisieren. Die quantitative Erhebung erhebt keinen Anspruch auf eine Stichprobe im statistischen Sinne, sondern soll eine strukturierte Innensicht auf jeweiligen Fallschulen ermöglichen. So „gewinnt“ die qualitativ-dominierende Forschung an Qualität, wenn auch zahlenmäßige Angaben gemacht werden, durch die Kontextualisierung ergibt sich ein besseres Verständnis der untersuchten Fälle; das Wissen und die Erkenntnisse, die das Forschungsprojekt liefert, sind umfangreicher, mehrperspektivischer und dadurch vollständiger (Kuckartz, 2014, S. 54). Dadurch ermöglicht die quantitative Erhebung eine differenzierte Betrachtung von Ressourcenlagen und organisatorischen Voraussetzungen und unterstützt im weiteren Verlauf die fallvergleichende Analyse, die Formulierung der Ergebnisse sowie die Schlussfolgerungen.

Der Fragebogen wurde digital (www.edkimo.com) umgesetzt und richtete sich an zentrale schulische Akteur*innen (BNE-Beauftragte/ Koordinator*innen für BNE, Abteilungsleitungen mit Querschnitt) der jeweiligen Fallschulen. Inhaltlich gliederte sich die Onlinebefragung in vier Bereiche:

  1. Ressourcen (z. B. personelle Zuständigkeiten, Deputate, Budgetfragen, Fortbildungsangebote)
  2. Strukturen (z. B. Verankerung im Leitbild, Einbindung von Gremien, Entscheidungsprozesse)
  3. Akteure (z. B. Koordinationsverantwortung, Beteiligung verschiedener Gruppen)
  4. Unterstützungsbedarf (Wunschäußerungen)

Die Items wurden überwiegend als Mehrfachauswahl- oder Skalenfragen konzipiert, ergänzt durch einzelne Freitextfelder.

4.3 Qualitative, leitfadengestützte Gruppeninterviews

Zentraler Bestandteil der Datenerhebung innerhalb dieses Forschungsprojektes sind teilstrukturierte, leitfadengestützte Gruppeninterviews. In der Befragung sind qualitative, leitfadengestützte Interviews eine weit verbreitete, ausdifferenzierte sowie methodologisch gut ausgearbeitete Methode, um qualitative Daten zu erheben (Helfferich, 2014, S. 559). Bei der Befragung von Gruppen werden nicht nur die Fragen des Forschenden beantwortet, sondern die teilnehmenden Personen stellen sich möglicherweise selbst gegenseitig Fragen und interagieren im Verlauf des Interviews untereinander (Atteslander, 2008, S. 131). Es kann eine eigene Dynamik entstehen – auch in Einzelinterviews - und daher ist es wichtig, sich darüber bewusst zu werden, „wie und mit welcher Begründung das Sprechen […] der interviewten Person[en] beeinflusst und gesteuert wird, indem in den Interviewablauf interveniert […]wird“ (Helfferich, 2014, S. 559f). Dabei unterstütz der Interviewleitfaden, als eine vorab vereinbarte und systematisch angewandte Vorgabe zur Gestaltung des Interviewablaufs. Dies beschreibt Helfferich (2014) wie folgt:

„Er kann sehr unterschiedlich angelegt sein […]. Der Leitfaden beruht auf der bewussten methodologischen Entscheidung, eine maximale Offenheit (die alle Möglichkeiten der Äußerungen zulässt) aus Gründen des Forschungsinteresses oder der Forschungspragmatik einzuschränken. Die Erstellung eines Leitfadens folgt dem Prinzip „So offen wie möglich, so strukturierend wie nötig“. (Helfferich, 2014, S. 560)

Durch diese Überlegungen und die damit einhergehende (gedanklichen) Vorstrukturierung des Leitfaden und des Ablaufs kann vermieden werden, in für das Forschungsinteresse nicht relevante Themenbereiche abzugleiten (Buddeberg, 2014, S. 141).

Für den Leitfaden der Gruppeninterviews wurden daher offen formulierte (Haupt-)Fragen konzipiert. Eingeleitet wurde das Gespräch durch die Frage, was für die befragten Menschen „gute BNE“ ist. Danach wurden die Fragen entlang der Wirkungsorientierung und somit in den Dimensionen Input, Output und Outcome entwickelt. Die Dimension Impact wurde nicht (direkt) im Rahmen der ersten Erhebungswelle thematisiert, da ein (messbarer) Impact und somit eine gesellschaftliche Wirkung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht im Fokus der Forschung steht. Im Kontext der teilnehmenden Fallschulen bedeutet Wirkungsorientierung, dass die schulischen Projekte, Angebote, Vorhaben und/ oder Maßnahmen darauf ausgelegt sind, Wirkungen bei den Zielgruppen (Menschen im System Schule) zu erzielen (PHINEO, 2021, S. 5–7). Wie sind „Wirkungen“ zu verstehen? Wirkungen sind zunächst einmal Veränderungen. Veränderungen, die auf verschiedensten Wirkungsebenen wirken, zum Beispiel: Veränderungen von Fähigkeiten, Veränderungen im Verhalten sowie von der Lebenslage der Zielgruppen (ebd.). Wirkungen, die diese zuvor beschriebenen Veränderungen bei den Zielgruppen erwirken, werden als Outcomes bezeichnet und diese ergeben sich in Folge von Leistungen (schulische Projekte, Vorhaben, Maßnahmen, Umsetzungen usw.). Inputs und Outputs selbst sind noch keine Wirkungen, aber sie sind essenzielle Voraussetzungen, um überhaupt Wirkungen zu erreichen – und daher zwingend Teil der Forschung (ebd.). Abschließende Frage im Rahmen der ersten Gruppeninterviews war stets ein Blick nach vorne (zum nächsten Erhebungszeitraum): was sich in den nächsten zwei Jahren verändert hat und welche Vorhaben angegangen wurden? Danach wurden die Daten transkribiert und für die Inhaltsanalyse vorbereitet.

In Bezug auf die Auswertung des vorliegenden (und zukünftig zu erhebenden) Datenmaterial wurde eine inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt (Kuckartz, 2022, S. 129). Das Codieren des Materials in mehreren Durchläufen erfolgt(e) zunächst deduktiv (Wirkungsorientierung, schulische Entwicklungsfelder: Unterrichts-, Personal- und Organisationsentwicklung, etc.), anschließend induktiv (zwei Zyklen zur Subkategorienbildung)[4] - um weitere und notwendige Subkategorien (Kommunikation, externe Partner etc.) zu entwickeln und spezifische Aspekte detaillierter abbilden zu können. Dieses Vorgehen ermöglicht ein inhaltanalytisches Verfahren, welches für die fünf Fallstudien, verteilt auf drei Erhebungszeiträume, zielführende sowie notwendige und ausreichend qualitative Daten liefert (Kuckartz, 2022, S. 132-143). Die kodierten Textsegmente wurden/ werden momentan[5] vertieft analysiert, indem weitere zentrale Kernaussagen innerhalb der Kategorien herausgearbeitet wurden/ werden. Die Kodierung erfolgt mithilfe der Software f4 und f4x.

5 Erste Ergebnisse - über einen Versuch, nachhaltig Bilanz zu ziehen

Im Folgenden werden erste und ausgewählte Ergebnisse der Analyse rekonstruktiv sowie evaluativ dargestellt. Rekonstruktiv meint die Deutungsmuster der befragten Personen, wie zum Beispiel „gute BNE“, Partizipation, Wirkung, Steuerung und Implementation im Datenmaterial beschrieben wurde und wie sie fallbezogen zu verstehen sind. Vor diesem Hintergrund meint evaluativ die Herausarbeitung von Gelingensbedingungen und Herausforderungen, welche im Rahmen der Interviews von den Befragten benannt bzw. in der Auswertung analysiert wurden. Die Darstellung folgt dem im Interviewleitfaden angelegten Fokus entlang der Wirkungsorientierung.

Im Rahmen dieses Beitrags wird der Fokus auf zentrale sowie exemplarische Aussagen gelegt und ausgewählte Ergebnisse, die das Gesamtvorhaben nachvollziehbar beschreiben, hervorgehoben.

5.1 Erste Ergebnisse der Interviews anhand der Wirkungsorientierung

„Gute BNE“ wird von allen Befragten nicht als enges Umweltthema, sondern als breiterer Rahmen nachhaltiger Entwicklung definiert. Dies wird von den Interviewten explizit formuliert:

„[…] dass dieses BNE-Thema nicht nur Umwelt ist […]. sondern eben auch Soziales und auch den Umgang miteinander […].“ (I1aTN2, Z. 3).

BNE wird demnach als Befähigung zur reflektierten Entscheidung und zum bewussten Handeln beschrieben – vor allem auch über das Wissen um Konsequenzen des persönlichen Handelns für die eigene und zukünftige Generationen:

 „[…] Ausbeutung von Arbeitskräften […]. Dass die Schüler wissen…, welche Auswirkungen das hat […].“ (I1aTN3, Z. 4).

„Gute BNE“ erscheint damit für die befragten Schulen weniger als zusätzliches Themenfeld, sondern als eine systemische Querschnittsaufgabe, in welcher die Schüler*innen im Zentrum stehen – ganz im Sinne eines WSA. Bildung, Wissen und Perspektive sollen dazu beitragen, u.a. Entscheidungen informierter zu treffen und Zusammenhänge (ökonomisch, ökologisch und sozial) nicht auszublenden:

„Gute BNE ist eine Bildung, die alle erreicht. Die vor allen Dingen die Schüler*innen an der Schule abholt und sie in ihren Interessen begleitet, so dass sie ihre Zukunft gewinnbringend gestalten können.“ (I5aTN1, Z. 6).

„Also für mich wäre es: Bildung auf Augenhöhe zwischen Lehrerschaft und Schülerschaft. Und das vor einem großen Horizont. Einen allumfassenden (Blick), also nicht nur auf eine berufliche Schiene und technologisch eingegrenzt, sondern weltoffen. Immer den Blick im recht und links im Tun und Handeln.“ (I4aTN3, Z. 5)

„Für mich ist eine gute BNE das erste Wort, und zwar Bildung. Wir sind eine Bildungseinrichtung und die Bildungseinrichtung hat mit Schülern zu tun und Schülerinnen. Und wir müssen einfach gucken, dass die Schülerinnen und Schüler immer im Zentrum sind und dass wir sie mitnehmen, sozusagen. […] Ohne die Schüler und Schülerinnen macht es keinen Sinn. […]“ (I2aTN3, Z. 4).

BNE wird deutlich als Querschnittsaufgabe wahrgenommen, die soziale Teilhabe und (Bildungs-)Gerechtigkeit als zentrale Bestandteile nachhaltiger Entwicklung versteht. „Gute BNE“ wird nicht nur programmatisch und projektbasiert betrachtet, sondern es wird darauf hingewiesen, dass BNE strategisch und strukturell im System verankert werden muss:

„Für mich ist eine gute BNE, wenn sie strategisch implementiert ist, in einem Schulsystem und nicht immer gefühlsorientiert läuft. Gefühlsorientierung ist wichtig, aber wenn das strategische Element zu gering kommt, dann denkt man nicht zielorientiert, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. (I2aTN1, Z. 2)

Eng mit dem Verständnis „guter BNE“ verknüpft ist in allen Interviews die Vorstellung, dass Partizipation und Teilhabe nicht nur ein gewünschtes Beiwerk, sondern Qualitätsmerkmale für eine gelungene BNE und die Umsetzung des WSA sind. Lernen gelingt vor allem über Mitmachen, Erproben und Verantwortungsübernahme:

„Also ich finde, es ist wichtig, dass man solche Sachen behandelt, zum Beispiel im Unterricht oder aber auch durch solche Projekttage wie zum Beispiel den BNE Tag. Und dass es auch Ämter gibt, wie zum Beispiel den Umweltsprecher, die wir ja alle sind. Insofern finde ich es wichtig, dass die Schüler auch eine gute Einbindung damit haben und nicht nur vorne eine Lehrkraft steht und denen dann was erzählt, sondern dass die Schüler auch das gemeinsam miterleben können und ausprobieren können und so.“ (I1aTN1, Z. 2)

Zu ergänzen ist, dass zwar alle Schulen Partizipation und Teilhabe als wichtiges Element wahrnehmen, eine Schule ihre Schüler*innen bisher nicht aktiv in die Planung etc. von BNE Maßnahmen einbindet. Partizipation und Teilhabe werden nicht nur in Bezug auf das Lernen definiert, sondern auch stark in Bezug auf vorhandene Ressourcen und organisatorisch gedacht. In einem Interview wird der Wunsch nach Partizipation konkret und unmittelbar an Räume geknüpft. Partizipation wird zugleich als Ziel bzw. Gelingensbedingung sowie als alltägliche Herausforderung (strukturelle Einschränkungen) mit Konfliktpotenzial sichtbar:

„Wir sind so geprägt von der Situation der zwei Standorte und hier könnt ihr euch ja nur sehr bedingt entfalten, sage ich mal. Wir dürfen hier wirklich nicht mal nichts an die Wand machen. Gar nichts. Was nicht bösartig, sondern das Gebäude ist denkmalgeschützt. Es ist top in Schuss. Und da ist natürlich klar, dass wir uns hier, dass wir hier entsprechende Vorgaben haben und die Kinder sind schon einigermaßen eingeschränkt.“ (I1aTN4, Z. 214)

„ […] die größten Probleme sind Raum und Ort. Also ihr könntet alles machen, wenn ihr einen richtigen Ort hättet. […] Bürokratie. […] Wenn es um Anschaffungen oder irgendwelche Einkäufe geht. Das geht nicht. Einfach mal schnell unterwegs und man fährt ins Bauhaus und holt was, sondern das muss alles über das Sekretariat laufen. (I1aTN3, Z. 215)

Kritisch betrachtet wird die Frage, wie breite Teilhabe tatsächlich gelingt. Die Daten enthalten Hinweise darauf, dass Beteiligung in vielen Bereichen zwar gewollt ist, aber nicht automatisch entsteht und die Menschen im System nicht gleichermaßen aktiviert werden können. Besonders deutlich wird dies, wo sehr geringe kollegiale Beteiligung im Rahmen einer Evaluation des Umwelttages benannt wird:

„Ja, also ich habe schon mindestens zwei Umfragen am Anfang gemacht, um auch Bedarf zu klären. Aber Beteiligung gleich null oder vielleicht ein, zwei Kollegen von (…). Wir sind jetzt hier 160 Kollegen […]. Es ist schwierig. Die Ressourcen sind knapp.“ (I5aTN2, Z. 310)

Hier zeigt sich eine Spannung zwischen normativem Anspruch und der erlebten Realität, die andere Schulen ebenfalls thematisieren. Diese Spannung wird durch die Themen Sichtbarkeit und Kommunikation in Bezug auf BNE verstärkt. Diese Themen gelten als Bedingung bzw. wichtige Voraussetzung, um Beteiligung zu ermöglichen sowie BNE Aktivitäten in der Organisation sichtbar zu machen – auch als Multiplikationseffekt:

„[…] Da können wir in der Kommunikation sicherlich noch mehr machen. Glaube ich auch notwendigerweise, weil öfter mal die Frage kommt, was macht man eigentlich so? Womit beschäftigen wir uns? (…) Da könnte man tatsächlich auch dran arbeiten, um da noch mal das in die Breite trägt. Wobei (in) die Breite tragen immer so eine Sache ist. Wenn man so in dieses Teams (Microsoft Teams) hineinschreitet wie (in) so einen großen Wald manchmal. […] Also ich kriege vielleicht die ersten drei Bäume, aber den Rest des Waldes kriege ich nicht erreicht.“ (I3aTN2, Z. 173)

In derselben Diskussion wird diese Spannung als konkreter Frust gerahmt:

„[…]. Weil (Denn) mich nervt dieses (Kommunikationssetting), dass das im digitalen Nirwana landet. […].“ (I3aTN3, Z. 182)

Insgesamt zeigt sich, dass bestimme BNE Aktivitäten im System zwar vorhanden sind/ sein können, aber nicht gleichermaßen sichtbar bzw. präsent sind. Somit sind sie nicht auffindbar und keineswegs kollektiv anschlussfähig. Sie bleiben dadurch abhängig von einzelnen engagierten Menschen, schaffen keine breite Akzeptanz (Output: Akzeptanz bei den Zielgruppen) und können somit auch keine Wirkung erzielen (Outcome).

Wirkung wird in den Interviews als wichtige Faktor „guter BNE“ beschrieben – zugleich aber auch als methodisch und organisatorisch herausfordernd definiert. Dies bezieht sich vor allem auf Evaluationsmaßnahmen, wiederkehrenden Feedbackschleifen oder Befragungen an Schulabgänger*innen: „Wie lässt sich Wirkung messen?“, „Woran können wir festmachen, ob sich das Verhalten unserer Schüler*innen geändert hat?“ oder „Wie zufrieden sind unsere Schüler*innen (mit den Angeboten)?“

„Wir waren aber auf einem sehr, sehr guten Weg und sind von dem Pfad halt so ein bisschen weggekommen. Und das war auch immer das, was die Umweltgutachter gesagt haben. Wie messen Sie Ihre Wirkung? […] Wo bleiben Ihre Abgänger? Was nehmen die mit von dem, was Sie hier praktisch gelernt haben? […] Aber es wäre natürlich interessant, das herauszufinden. Aber da haben wir halt an bestimmten Stellen auch gedacht in der Schule. Unser Kerngeschäft ist Unterricht, und wir müssen gucken, wie setzen wir unsere beschränkten Ressourcen für bestimmte Dinge ein. […] schön, wenn man mal eine Rückmeldung kriegt und einige in den beruflichen Bereichen hängengeblieben sind […]. (I2aTN2, Z. 241)

„Es ist ja wirklich (schade); das finde ich auch interessant und also welche Wirkung dann im Schülerverhalten quasi sichtbar wird. Und es ist eigentlich viel zu wenig auf dem Schirm jetzt eigentlich auch bei mir. […]. Aber ja, es ist schon auch nicht so leicht, weil auch will man das überhaupt, so ein Schülerverhalten direkt zu messen? […] Und für mich ist es aber so (…). Naja, eigentlich müsste man schon, um überhaupt quasi zielorientiert zu arbeiten. (I5aTN2, Z. 329)

Gleichzeit wird deutlich, dass eine Investition (Ressource) in Evaluations- oder Feedbackmaßnahmen zielführend sind und lohnende, wertschätzende sowie positive Rückmeldungen ermöglichen. Zuallerletzt sind dies essenzielle Bedingungen und Beteiligungsformen für eine gelebte Partizipation (an Schule):

„Und in der Abgängerbefragung haben wir es (BNE) auch drin und […] die Werte sind gestiegen in den letzten Jahren, dass wir als nachhaltige Schule wahrgenommen werden. Oder hat man sich während seiner Zeit hier an nachhaltigen Projekten engagiert? Die Werte sind hochgegangen. (I2aTN5, Z. 242)

„Was haben wir noch? Eine feste Feedbackstruktur bei uns an der Schule. Die wiederholt sich auch gerade (für) Lehrer*innen. Feedback zum Thema Unterricht, zum Thema Inhalte. Das ist ritualisiert. Zweimal im Jahr findet das statt, sind Feedbackwochen, wo die Schüler*innen alles sagen können, alles niederschreiben können und wir Bezug darauf nehmen können […].“ (I5aTN1, Z. 325)

Wirkung (messen) wird weder abgelehnt noch als unwichtig beschrieben, sondern sie steht in einer offensichtlichen Ambivalenz zur Ressourcenfrage und dem Kerngeschäft Unterricht. Das Thema wird oftmals pragmatisch „bearbeitet“ und als herausfordernd beschrieben, andererseits wird die Notwendigkeit in Bezug auf Zielklarheit sowie Orientierung (für schulische Entwicklungsprozesse) anerkannt. Ebenso gilt: Orientierung und Zielklarheit auf allen Ebenen der Schulentwicklung werden in den Interviews gezielt mit der Schulleitung – als Steuerungsorgan, als Impulsgeber*in und Vorbild – verbunden. Zielklarheit wird zudem auch als curricularer Anspruch formuliert – etwa als schulische Roadmap für BNE Themen: „Zielklarheit ist notwendig, um (a) Orientierung zu schaffen, (b) Ressourcen strategisch einzusetzen sowie (c) strukturelle Verankerung von BNE zu ermöglichen.“

Damit endet die Ergebnisdarstellung an dieser Stelle bewusst, da eine umfassendere Aufarbeitung sämtlicher Ergebnisse den Rahmen des vorliegenden Artikels überschreiten würde. Zugleich verdichtet sich das Bild von „guter BNE“ nicht allein als pädagogischer Anspruch, sondern bewusst als schulweite Entwicklungsaufgabe. Die Interviews machen deutlich, dass u.a. Partizipation und strategische Entwicklung nicht nur „Wunsch“, sondern zentrale Voraussetzungen einer gelingenden Implementierung von BNE in der Praxis darstellen.

5.2 In Kürze zusammengefasst: mögliche Gelingensbedingungen

Die ersten Ergebnisse zeigen, dass sich die fünf Schulen sehr unterschiedlich auf den Weg gemacht haben und an verschiedenen Punkten ihrer schulischen Entwicklung stehen – an berufsbildenden Schulen auch bedingt durch die jeweiligen spezifischen Berufsbilder, die Neuordnung dieser Berufe sowie traditionell gewachsenen Strukturen. Prinzipiell haben alle Schulen ein ähnliches und konkretes Bild einer „guten und gelungenen“ BNE – deutlich im Kontrast zu Erfahrungen während der wissenschaftlichen Begleitung des Masterplans in Bezug auf eine „unübersichtliche und heterogene Vielfalt der Verständnisse von BNE“ (vgl. Michelsen, 2011).

Deutlich wurde ebenso, dass viel von der (erweiterten) Schulleitung abhängig ist, die sowohl als Vorbild fungieren muss, und auch als Ermöglichungs- und Legitimationsinstanz Wirkung entfalten und die notwendigen Impulse geben kann, denn Nachhaltigkeit bedeutet Verantwortung – für die Leitung wie für alle Beteiligten (Holst & Hantke, 2025, S. 16). Partizipation wird von den befragten Schulen als Schlüsselfaktor bezeichnet, passend zu den Ansprüchen eines WSA (ebd.) Wo – und das zeigt sich in den Interviews – Partizipation aktiv und bewusst gelebt und ermöglicht wird, entsteht ein (neuer) Lern- und (Teil-)Lebensraum, in welchem sich Schüler*innen und Lehrkräfte auf Augenhöhe begegnen (können) und welcher einen positiven Effekt auf das Schulklima hat sowie als Katalysator für strukturelle Verankerung von BNE wirken kann. Dies ist in vielerlei Hinsicht zielführend und wirkt sich u.a. positiv aus, um weitere Lehrkräfte für ein Engagement im Bereich BNE zu motivieren (Grundmann, 2016, S. 65).

Der strukturellen Verankerung einer BNE förderlich sind von den Schulen eingesetzte (oder geplante) Gremien (Steuergruppen, Klimaräte usw.) sowie Arbeitsgruppen (Nachhaltigkeitsteams, RUK-Teams, Schulentwicklungsgruppen usw.), die gelebter Teil der Schulkultur und fester Bestandteil des Systems sind. Besonders wirksam oder von den Befragten als wirksam empfunden sind diese Gremien/ Arbeitsgruppen, wenn sowohl Lehrer*innen als auch Schüler*innen sowie andere, der Schule angehörige Personengruppen Teil davon sind. Das dies förderlich ist, ist zwar keine neue Erkenntnis – „als besonders förderliche Faktoren für die Ausbreitung von BNE in Schulen werden vor allem die Schulleitung, […] sowie schulische Gremien wahrgenommen.“ (vgl. Rode, 2005, S. 83-85) –, sie bekommt durch den Anspruch auf (maximale) Partizipation jedoch eine andere Dynamik.

BNE-Aktivitäten eingebettet in wiederkehrende Projekttage, Projektwochen, Vorhabenwochen oder andere Formate sowie Bewerbungen auf „Auszeichnungen“ oder Plaketten (Umweltschule (in Europa), Klimaschule (Plus), Fair Trade Schule, School for Earth) unterstützen die interviewten Schulen dabei, BNE nach und nach für die Schulgemeinschaft sichtbarer zu machen und das Thema strukturell zu verankern. Diese schulinternen Impulse sind von besonderer Bedeutung, um weitere Lehrer*innen für eine Mitarbeit im Bereich BNE zu gewinnen (vgl. Grundmann, 2016, S. 65).

Alle Schulen haben relevante Stellen (BNE-Koordination, BNE Beauftragte, Beauftragte für Nachhaltigkeitsmanagement) geschaffen bzw. diese nach behördlichen Empfehlungen besetzt und diese Personen bekommen alle (zeitliche) Entlastungen in Form von Deputaten – dies zeigt zwar die Relevanz des Themas und gleichzeitig auch deutliche Ambivalenzen: alle Schulen empfinden, dass die zeitliche Ressource zu gering ist, um BNE breiter und strukturierter in der Schule zu verankern. Ebenso sind sich alle Schulen einig, dass – wie oben beschrieben – partizipative Gremien und Arbeitsgruppen der BNE-Verankerung förderlich sind und dennoch haben nur zwei der fünf Schulen solche Gremien/ Arbeitsgruppen bisher strukturell implementiert – und selbst diese sind (nicht immer) so partizipativ, wie es gedacht und gewünscht ist. Genannte Gründe hierfür sind (auch) der Mangel an zeitlicher sowie humaner Ressource sowie weitere Herausforderungen.

5.3 Herausforderungen und Stolpersteine – ein kritischer Blick

Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Teilnahme an der Erhebung auf freiwilliger Basis beruht, es sich nicht um eine repräsentative Zufallsauswahl handelt, und davon auszugehen ist, dass diese Schulen ein erhöhtes Engagement auszeichnen. Dies gilt sowohl in Bezug auf Bildung für nachhaltige Entwicklung als auch in Bezug auf generelle Schulentwicklungsprozesse mit erhöhter Innovationsbereitschaft. Generell war es herausfordernd, Schulen zu finden, die sich bereit erklärt haben, an den Gruppeninterviews teilzunehmen. Vor diesem Hintergrund ist von einer Positivselektion auszugehen, die dennoch – wie sich zeigen wird – Ambivalenzen, Grenzen sowie blinde Flecken innerhalb des Systems thematisieren. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Schulen Ambitionen haben und sich auf den Weg gemacht haben, BNE nachhaltig und strukturell zu verankern. Der Anspruch ist hoch und es zeigen sich klare Herausforderungen, Hemmnisse sowie Stolpersteine, mit welchen die Schulen tagtäglich konfrontiert sind. Diese ersten Ergebnisse sind daher nicht im Sinne statistischer Repräsentativität zu verstehen. Vielmehr zielt die Untersuchung auf eine analytische Generalisierung: Aus der zuvor beschriebenen „Spurensuche in fünf Fällen“ werden Muster, Spannungsverhältnisse und Gelingensbedingungen rekonstruiert, die für vergleichbare schulische Entwicklungsprozesse bedeutsam sein können. Es gilt: wenn selbst Schulen mit erkennbarem BNE-Interesse auf begrenzte Ressourcen, herausfordernde Beteiligungsstrukturen und weitere Schwierigkeiten verweisen, deutet dies auf Herausforderungen hin, die über die Einzelfälle hinausweisen.

Um den Punkt von oben aufzugreifen: die Schulen haben relevante Stellen geschaffen. Diese Menschen sind engagierte und motivierte Lehrer*innen, denen das Thema Nachhaltigkeit (oftmals) eine Herzensangelegenheit ist. Diese Personen sind in Arbeitsgruppen aktiv, welche sich mit dem Thema BNE beschäftigen und sie stoßen häufig an (systemische) Grenzen: die Auswertung der Interviews und der Befragung zeigen, dass die Ressourcen knapp sind. Es fehlt an Zeit und Geld. Manchmal auch an Anerkennung. Die kollegiale Teilhabe für das Thema gelingt nicht immer – was durchaus frustrierend sein kann – und ebenso ist der partizipative Gedanke manchmal (noch) mehr Wunsch als Realität: sowohl die Einbindung der Schüler*innen(-Vertretungen) als auch die Einbindung der (erweiterten) Schulleitung in BNE-Themen widerspricht oftmals den eigenen Ansprüchen. So besteht auch das Risiko, dass BNE als „Zusatzaufgabe“ einzelner Engagierter bleibt. Eine „Zusatzaufgabe“ kann nie eine strukturelle Verankerung im Sinne eines WSA bedeuten und die gewünschte strategische Implementierung bliebe somit aus – um bei den Worten eines Teilnehmenden zu bleiben: man läuft gefühlsorientiert, man denkt nicht zielorientiert, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen.

Alle befragten Schulen sind sich diesen Herausforderungen und Stolpersteinen durchaus bewusst und sie konnten bereits in Kapitel 4.1 in Auszügen dargestellt werden: Sei es die Kommunikationsstruktur (über BNE) oder die Bürokratie („nachhaltige Entscheidungen (z. B. Beschaffung) sind nicht immer möglich, aufgrund von behördlichen Vorgaben in Bezug auf Vertragspartner, Preise etc.). Seien es die beschriebenen organisatorischen Herausforderungen im Rahmen von Evaluations- und Feedbackprozessen. Seien es die Themen (exemplarisch) „Künstliche Intelligenz“, „Digitalisierung“ oder „Inklusion“, die ebenso wichtige Eckpunkt im Schulentwicklungsprozess darstellen. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht immer die Aufmerksamkeit bekommen kann, die sich die Schulen – zumindest im Rahmen dieser Interviews – wünschen.

Damit für die Schulen Nachhaltigkeit (zukünftig) kein Status wird/ bleibt und die Schulentwicklung zu Nachhaltigkeit im Sinne eines WSA (maximal) partizipativ ist/ wird und einen Raum für Demokratie und Mitgestaltung ermöglicht, wird es notwendig sein, fortwährend und gemeinsam den Lernraum BNE zu erfahren, zu erleben und den Lernprozess partizipativ zu gestalten (vgl. Holst & Hantke, 2025, S. 16).

Wie es für die beteiligten Schulen weitergeht, wird sich im Laufe des Forschungsprojektes zeigen; zwei Erhebungszeiträume bis 2029/2030 sind durchzuführen, auszuwerten und zu analysieren. Ebenso ist für 2027/2028 ein Workshopformat für die beteiligten Schulen angedacht, um gemeinsam an Indikatoren und Kriterien zur Wirkung von BNE zu arbeiten. Es wird sich zeigen, welche Schulentwicklungs- bzw. Handlungsfelder (vgl. Kapitel 2) sowie Vorhaben bzw. Maßnahmen auf dem Weg zur BNE-Schule prioritär oder gar unverzichtbar anzusehen sind, welche Strategie die Schulen verfolgen und welche (neuen oder bekannten) Herausforderungen, Stolpersteine und Schwierigkeiten im strukturellen, systemischen Verankerungsprozess auftreten werden, wie diesen begegnet wird und wie sie möglicherweise gelöst werden und welche Rolle den verschiedenen schulischen Akteur*innen dabei zukommt (vgl. Grundmann, 2016, S. 65). Die Ambitionen und der Wunsch sind vorhanden, wichtige Schritte wurden gemacht, und um den Blick in die Zukunft mit den Worten aus dem Datenmaterial abzuschließen:

„Also es ist sehr, sehr abstrakt. Aber Nachhaltigkeit wird nicht als Belastung gesehen, sondern als Gewinn.“ (I2aTN4, Z. 267)

Was bisher noch nicht erwähnt wurde und im weiteren Verlauf der Forschung auch fokussiert wird, sind Interviews mit der Schulaufsicht sowie dem Landesinstitut, da diese beiden Institutionen an der (erfolgreichen) Umsetzung der Maßnahmen sowie am Erreichen der Ziele beteiligt sind bzw. Einfluss darauf haben (Masterplan BNE, 2030).

Ebenso soll hier abschließend erwähnt werden, dass der Anspruch zwischen den Formulierungen im Rahmen des Masterplans BNE 2030 und der schulischen Realität kritisch zu betrachten ist. Zum Beispiel in der oben thematisierten Ressourcenfrage: die Schulaufsicht benötigt keine zusätzlichen Ressourcen, um das Thema BNE in die Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit den Schulen aufzunehmen. Gebraucht werden aber die beteiligten Schulleitungen, die diese Vereinbarungen gemeinsam mit der Schulaufsicht treffen – und so Ressourcen in ihren Schulen freisetzen (Masterplan BNE, 2030: AG Schule, S. 12).

6 Resümee

Es konnte gezeigt werden, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht als punktuelle Zusatzaufgabe, sondern als umfassende Schulentwicklungsaufgabe verstanden werden muss und von den befragten Schulen verstanden wird. Eine strukturelle Verankerung von BNE kann nur dann gelingen, wenn Nachhaltigkeit als Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft gedacht und im Sinne eines Whole School Approach umgesetzt wird – dieses Verständnis teilen alle befragten Schulen.

Die bisherigen Ergebnisse machen sichtbar, dass ein gemeinsames Verständnis von „guter“ und gelungener BNE vorhanden ist: Partizipation, strategische Steuerung, sichtbare Verantwortung der (erweiterten) Schulleitung sowie verbindliche Gremien oder Arbeitsgruppen und gewachsene Strukturen erweisen sich als zentrale Gelingensbedingungen. Gleichzeitig zeigen die Fallstudien, dass zwischen dem normativen Anspruch und der schulischen Realität erhebliche Spannungen bestehen. Begrenzte Zeitressourcen, fehlende personelle Kapazitäten, konkurrierende Entwicklungsaufgaben und unzureichend abgesicherte Beteiligungsstrukturen erschweren eine nachhaltige und systemische Verankerung. Die Ergebnisse besitzen keine statistische Repräsentativität, zeigen wohl aber analytische Aussagekraft für typische Bedingungen, Ambivalenzen und Grenzen einer BNE-orientierten Schulentwicklung im Sinne des Whole School Approach.

Ein wirksamer Outcome – und wünschenswerter Impact – kann gelingen, wenn die Thematik nicht vom Engagement Einzelner abhängt, sondern organisatorisch, kulturell und strategisch in Schule umgesetzt und verstanden wird. Die vorliegenden Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, welche Bedingungen innerhalb der Schulen hierfür förderlich sind, machen aber zugleich auf blinde Flecken und strukturelle Grenzen aufmerksam. Die weiteren Erhebungszeiträume bis 2029/2030 werden zeigen, welche Handlungsansätze sich langfristig als tragfähig erweisen und wie Schulen BNE als Teil einer zukunftsfähigen Bildungs- und Schulkultur weiterentwickeln können.

Erklärung zur Nutzung generativer KI im Schreibprozess

Bei der Erstellung dieser Arbeit haben die Autoren ChatGPT (5.4 Thinking) zur Verbesserung von Sprache, Lesbarkeit und Struktur eingesetzt. Nach der Nutzung des Tools haben die Autoren die Inhalte geprüft und übernehmen die volle Verantwortung für den Inhalt der Veröffentlichung.

Bei der Erstellung des Abstracts haben die Autoren ChatGPT (5.4 Thinking) mit folgendem Prompt verwendet, um zwei Vorschläge (sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache) zu erhalten und diese gemeinsam zu diskutieren: „Konzipiere für unseren Beitrag zwei Vorschläge für ein Abstract (sowohl auf deutsch und auf englisch). Die maximale Wörteranzahl soll 130-150 betragen. Wir benötigen zwei Aufschläge, die die Leser*innen dazu einladen, unseren Beitrag zu lesen. Das Abstract darf gerne zeitgemäße Storytelling-Elemente nutzen, um eine Neugier bei den Leser*innen zu wecken.“

Literatur

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[1] VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität), RUPT (rapide, unvorhersehbar, paradox, verworren) oder BANI (brüchig, ängstlich, nicht-linear, unbegreiflich) sind bekannte Begriffe/ Schlagworte, die die Welt, in welcher wir leben und lernen versuchen zu beschreiben (https://www.vuca-welt.de/vuca-bani-rupt-tuna/).

[2] Während der wissenschaftlichen Begleitung des Masterplans fällt immer wieder eine „unübersichtliche und heterogene Vielfalt der Verständnisse von BNE“ auf (vgl. Michelsen, 2011).

[3] Als Abteilungsleiter für Organisationsentwicklung und Transformation an einer Hamburger Berufsschule ist der Co-Autor dieses Beitrags selbst in Prozesse der Schulentwicklung und der Implementierung von (B)BNE eingebunden. Diese Nähe zum Forschungsfeld wird nicht als methodischer Nachteil, sondern als potenzielle Ressource im Sinne einer feldnahen, reflexiven Forschungsperspektive verstanden. Zugleich werden mögliche Verzerrungen durch systematische Selbstreflexion, transparente Dokumentation und methodische Triangulation im Rahmen der Arbeit berücksichtigt.

[4] Momentan wird der zweite Subzyklus durchlaufen.

[5] Dies ist aufgrund des zweiten Subzyklus ein notwendiges Vorgehen.

Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung: Umsetzung in der Fortbildung von Lehrkräften und an Berufsbildenden Schulen in Hamburg

1 Einführung

Die Dringlichkeit einer Transformation der Wirtschaft hin zu einer nachhaltigen Entwicklung ist weitgehend unbestritten. Dies wird auch darin deutlich, dass die Weltgemeinschaft die Agenda 2030 mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen verabschiedet hat (vgl. UN 2015). Bildung schafft dabei wesentliche Voraussetzungen für eine nachhaltigkeitsorientierte Transformation. Unterstützt durch zahlreiche Strategien und Programme wie z.B. die UNECE-Strategie „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (UNECE, 2005), die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005-2014), das Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2015-2019) (UNESCO, 2014) oder auch das aktuelle UNESCO-Programm „ESD for 2030“ ist mittlerweile auf internationaler Ebene ein umfassender bildungspolitischer Rahmen für BNE[1] geschaffen worden (UNESCO, 2019). Im Nationalen Aktionsplan BNE (Nationale Plattform 2017) sind die internationalen Beschlüsse für die (Berufs-)Bildung in der Bundesrepublik konkretisiert worden. Diese werden in den Bundesländern durch eigene Initiativen auf die regionale Ebene heruntergebrochen (vgl. FHH, 2021; MEKUN SH, 2021).

In allen Programmen bzw. Strategien werden die Lehrenden als Multiplikator*innen für die Verbreitung des Nachhaltigkeitsgedankens in allen Bildungsgängen erachtet. Im Nationalen Aktionsplan BNE werden sie z.B. als „Change Agents“ benannt (Nationale Plattform, 2017, S. 29). Dieser Gedanke wird auch in Hamburg aufgegriffen. Im dortigen Masterplan BNE 2030 kommt dies in Ziel 2 des berufsbildenden Bereichs wie folgt zum Ausdruck: „Die berufsbildenden Schulen verstehen BNE im Rahmen ihrer Schul- und Unterrichtsentwicklung als Aufgabe der ganzen Schulgemeinschaft und der beteiligten Partner“. Und in der dazugehörigen Maßnahme 3 heißt es: „Hierzu gehört auch die Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern u. a. mittels Angebote des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung“ (FHH, 2021, S. 26).

Die bildungspolitischen Leitlinien zur Bildung für nachhaltige Entwicklung sind in den Lehrplanvorgaben der Berufsschule bereits seit längerem implizit angelegt und prägen deren Bildungsziel. Mit der aktuellen KMK-Handreichung für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen ist unmissverständlich vorgegeben, dass die Berufsschule die Schüler und Schülerinnen „zur Erfüllung der Aufgaben im Beruf sowie zur nachhaltigen Mitgestaltung der Arbeitswelt und der Gesellschaft in sozialer, ökonomischer, ökologischer und individueller Verantwortung, insbesondere vor dem Hintergrund sich wandelnder Anforderungen, befähigt“ (KMK, 2021, S. 14). Durch die modernisierte Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ ist BBNE[2] auch für die betriebliche Berufsausbildung verpflichtend (vgl. BIBB, 2021). Damit ist für die duale Berufsausbildung die strukturelle Verknüpfung mit der Leitidee der Nachhaltigkeit vorgegeben.

Im Rahmen des Monitorings zur BNE in Deutschland kommen Grund & Brock (2022) allerdings zum Ergebnis, dass das erklärte Ziel einer umfassenden und querschnittsartigen Verankerung von BNE in der Schulpraxis aktuell noch nicht erreicht ist: „Nur ein sehr kleiner Teil der jungen Menschen gibt an, dass Nachhaltigkeit in ihrer Bildungseinrichtung in jedem Fach (2,5 %; davon der größte Teil Studierende) bzw. von allen Lehrpersonen thematisiert wird (5 % der jungen Menschen)“ (Grund & Brock, 2022, S. 11). Sowohl Lernende als auch Lehrende wünschen sich eine verstärkte Umsetzung von BBNE: „Aus Sicht der Lehrkräfte würde ein idealer Unterricht in fast der Hälfte der Unterrichtszeit (M = 49 %, SD = 29 %) Nachhaltigkeitsbezüge aufweisen“ (ebd.). Dabei wünschen sich Berufsschullehrkräfte (55 %) im Vergleich zu Lehrkräften allgemeinbildender Schulen (48 %) etwas mehr Nachhaltigkeitsbezüge im Unterricht (vgl. Grund & Brock, 2022, S. 11).

Obwohl berufsbildungspolitische Rahmenbedingungen für BBNE geschaffen wurden und die Relevanz von Nachhaltigkeit bei Lernenden und Lehrenden erkannt ist, gibt es zahlreiche Hindernisse bei der Umsetzung von BBNE in der Schulpraxis. Neben konkurrierenden Bildungsgesichtspunkten (Stichworte: Integration und Individuelle Förderung sowie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz u.a.m.), unzureichenden Fortbildungen, fehlenden Unterrichtsmaterialien oder mangelnder Unterstützung durch Schulleitungen oder Kolleginnen und Kollegen liegt eine große Herausforderung in der didaktisch-methodischen Aufbereitung eines nachhaltigkeitsintegrierten berufsfachlichen Unterrichts. In einer Studie mit Berufsschullehrkräften wurde offengelegt, dass es ihnen besonders schwerfällt, nachhaltigkeitsorientierte Lernziele und Themen des beruflichen Unterrichts wissenschaftsorientiert, situationsbezogen und persönlichkeitszentriert zu identifizieren (vgl. Schütt-Sayed, 2020, S. 446). Die fachdidaktische Fähigkeit, nachhaltigkeitsorientierte, fächerübergreifende Themen mit sehr spezifischen berufsbezogenen Inhalten zu verknüpfen, stellt Lehrkräfte demnach vor eine herausfordernde Aufgabe.

Diese Situation wurde zum Anlass genommen, eine BBNE-Handreichung zu entwickeln, die den Lehrkräften eine praxisgerechte didaktische Hilfestellung bietet. Sie ist ein konkretes Produkt des vom Hamburger Masterplan BNE 2030 geförderten Projektes „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung in der Fortbildung von Berufsschullehrkräften verankern (BBnE-FoBi)“. Diese Handreichung wird im Folgenden als „Hamburger BBNE-Werkzeugkasten“ (vgl. Kuhlmeier et al., 2024) bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein didaktisches Instrument, das Lehrkräften als Hilfestellung bei der Überarbeitung bzw. Neukonzeption beruflicher Lernsituationen dient und ihnen die Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens im eigenen Unterricht ohne großen Vorbereitungsaufwand ermöglicht.

Nachfolgend werden zunächst der Entwicklungsprozess des Werkzeugkastens und seine wesentlichen Bestandteile erläutert. Anschließend werden die wesentlichen Ergebnisse einer Erprobung an drei Hamburger Berufsschulen vorgestellt.

2 Grundlagen der Entwicklung einer praxisorientierten Handreichung zur Fortbildung von Lehrkräften beruflicher Schulen

Grundlage für die Entwicklung des Werkzeugkastens sind Erkenntnisse und Vorarbeiten im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung von BBNE-Modellversuchsreihen des Bundesinstituts für Berufsbildung (u.a. Kuhlmeier et al., 2014; Melzig et al., 2021; Ansmann et al., 2023). Obgleich die in den Modellversuchen entwickelten Instrumente fast ausschließlich im „Lernort Betrieb“ entwickelt und erprobt wurden, lassen sich wesentliche Aspekte auch auf den „Lernort Berufsschule“ übertragen, da aktuell an beiden Lernorten ähnliche didaktische Prinzipien verfolgt werden. Die berufsschulischen Lernsituationen orientieren sich gemäß des Lernfeldkonzepts an den konkreten Arbeits- und Geschäftsprozessen der Ausbildungsbetriebe. Daher kann zum Beispiel die didaktische Analyse von Arbeitsprozessen in Bezug auf nachhaltigkeitsrelevante Inhalte an beiden Lernorten nach gleichlautenden Fragestellungen erfolgen (s. Abschnitt 5.4). Auch die der Ausbildung an beiden Lernorten zugrundeliegende handlungsorientierte Didaktik und die Orientierung am „Modell der vollständigen Handlung“ erleichtert die Adaption didaktisch-methodischer Elemente, die im Kontext betrieblicher Bildung entwickelt wurden, für den Berufsschulunterricht.

Allerdings werden in der Handreichung auch spezifische Anforderungen berufsschulischer Bildung berücksichtigt. Diese zeigen sich zum Beispiel in der systematischen, nach Phasen strukturierten Planung eines Unterrichtsentwurfs zum Einstieg in die Leitidee einer nachhaltigen Entwicklung (s. Abschnitt 5.3) sowie in den Rahmenbedingungen zur Schaffung eines „nachhaltigen Lernorts Berufsschule“ (s. Abschnitt 4.5). 

Ausgangspunkt der konzeptionellen Überlegungen für die Handreichung waren die „Didaktischen Leitlinien“ (Kastrup et al., 2012; Vollmer & Kuhlmeier, 2014), die zunächst im Kontext der Modellversuche aufgestellt und zum sogenannten „Hamburger Ansatz einer BBNE-Didaktik“ weiterentwickelt wurden (Kuhlmeier & Vollmer, 2018; Vollmer & Kuhlmeier, 2024). Der Grundgedanke ist, dass BBNE kein „Extra-Thema“ ist, sondern ein „Unterrichtsprinzip“, weil die Nachhaltigkeitsorientierung integraler Bestandteil der Ausbildung und des beruflichen Handelns ist. Insofern sind konkrete berufliche Handlungssituationen induktiver Ausgangspunkt für eine BBNE und nicht die deduktive Ableitung der abstrakten Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung. Die aktuell anerkannten berufspädagogisch-didaktischen Prinzipien, wie Handlungs-, Kompetenz- oder Arbeitsprozessorientierung bilden die Grundlage für nachhaltigkeitsorientiertes Lehren und Lernen. Allerdings braucht es Anhaltspunkte, Werte und Orientierungen, um die Auszubildenden in die Lage zu versetzen, über die Folgen beruflichen Handelns zu reflektieren, d.h., über die Mitwirkung an einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung nachzudenken und das künftige Berufshandeln daran auszurichten.

Abbildung 1: Operationalisierung des NachhaltigkeitsbegriffsAbbildung 1: Operationalisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs

Ein weit verbreitetes Modell zur Veranschaulichung der Nachhaltigkeitsidee ist das „Dreieck der Nachhaltigkeit“, mit dem zum Ausdruck gebracht werden soll, dass es sowohl um ökologische als auch um ökonomische und soziale Nachhaltigkeitsziele geht, die nicht immer widerspruchsfrei in Einklang gebracht werden können. Im Unterricht ist es daher sinnvoll zu diskutieren, welche Zielkonflikte in konkreten Problemstellungen bestehen. In diesem Zusammenhang ist auch zu diskutieren, inwieweit sich die Nachhaltigkeitsziele hierarchisch ordnen lassen, was in der Agenda 2030 zwar nicht angelegt ist, aber den aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs kennzeichnet. Eine solche Erweiterung findet seinen Ausdruck im „Vorrangmodell“ (LPB, 2023) sowie im „Hochzeitstortenmodell“ der Nachhaltigkeit (BMUKN, 2024). Diese Modelle beruhen darauf, dass die Zielbereiche Ökonomie, Ökologie und Soziales nicht gleichgewichtig nebeneinander stehen, sondern eine Rangfolge bilden, mit den ökologischen Zielen als den grundlegenden, gefolgt von den sozialen und ökonomischen Zielen. Diese Hierarchisierung beruht auf dem Gedanken, dass eine intakte Biosphäre das Fundament für die Erreichung aller gesellschaftlichen Ziele bildet und eine stabile Gesellschaft wiederum Voraussetzung für die Erreichung der wirtschaftlichen Ziele ist.

Als Strategien zur Zielerreichung werden vielfach die „Managementregeln der Nachhaltigkeit“ angeführt. Effizienz zielt auf geringstmöglichem Material- und Energieeinsatz, Konsistenz auf generelle Berücksichtigung natürlicher Kreisläufe (z.B. die Nutzung nachwachsender Rohstoffe und regenerativer Energien), Suffizienz auf die konsequente Orientierung an der Befriedigung „echter“ Bedürfnisse der Menschen und den Verzicht auf nicht-notwendige Ressourcennutzung (IZT, 2018).

3 Konzeptualisierung des Hamburger BBNE-Werkzeugkastens

Das Hauptziel der Konzeptualisierung des Werkzeugkastens bestand darin, BBNE dauerhaft in der Lehrer*innen-Fortbildung für Berufliche Schulen in Hamburg zu implementieren. Dieser Prozess war in drei Schritte eingeteilt:

  1. Zunächst wurde eine theoriebasierte empirische Exploration vorgenommen, indem an allen 30 berufsbildenden Schule in Hamburg eine Vollerhebung zum aktuellen Stand der Umsetzung einer „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE)“ sowie zu den Bedarfen in Bezug auf eine Weiterentwicklung der BBNE durchgeführt wurde. Diese Online-Umfrage mit 27 Fragen diente dazu, insbesondere die gegenwärtige und zukünftige Relevanz von Nachhaltigkeit für die Schulen sowie die aktuelle Praxis der BBNE im Unterricht, vor allem im Rahmen der dualen Berufsausbildung, zu erfassen. Darüber hinaus wurden konkrete Bedarfe in allen Bereichen der Schulentwicklung, d. h. in Bezug auf die Organisations-, Personal- und Unterrichtsentwicklung, erhoben. Die Auswertung erfolgte im Rahmen einer deskriptiven Statistik. Die Ergebnisse zum Status Quo der BBNE-Praxis und zu den geäußerten Bedarfen bildeten die Grundlage für die Konzeptentwicklung des Werkzeugkastens.
  2. Daran anschließend wurde zunächst ein erster Entwurf des Werkzeugkastens erarbeitet. Sowohl die Ergebnisse der Umfrage als auch die theoretischen Erkenntnisse, u.a. aus der langjährigen Befassung mit dem wissenschaftlichen Diskurs zur BBNE haben Einzug in die Konzeptentwicklung gehalten.
  3. Schließlich wurde der Werkzeugkasten von ca. 20 Expertinnen und Experten (Lehrkräfte aus berufsbildenden Schulen, Ausbilder*innen des Studienseminars) mit Blick auf die praktische Umsetzbarkeit und Handhabbarkeit im Rahmen einer Gruppendiskussion diskutiert und weiterentwickelt. Dieser Workshop lieferte wesentliche Impulse zur Finalisierung der einzelnen Werkzeuge. Eine Erprobung der Elemente des „Hamburger Werkzeugkastens BBNE“ fand darüber hinaus im Sommersemester 2023 mit angehenden Berufsschullehrkräften im Rahmen eines Seminars im Masterstudium Lehramt an Berufsbildenden Schulen an der Universität Hamburg statt.

3.1 Ergebnisse der Umfrage

Grundsätzlich ergab die Auswertung der Befragung der Hamburger Berufsschulen (N=30), dass eine hohe Relevanz für die Umsetzung von BBNE in der Schule gesehen wird. Viele der Befragten gaben an, bereits einiges im Sinne der Nachhaltigkeit an ihrer Berufsschule umzusetzen. Beispielhaft wurden Projekte genannt wie Umwelt-AG, Umwelttag, Wahlpflichtkurse (z.B. „Betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement“), Viva con Agua-Projekte, Wettbewerbe von Schülerideen, Papierloses Klassenzimmer, Teilnahme an Wettbewerben und Zertifizierungen (z.B. Umweltschule, Klimaschule oder Energiehoch4[3]) und anderes mehr. Auffällig ist, dass es sich hierbei überwiegend um Maßnahmen handelt, die wenig mit dem eigentlichen Beruf, das heißt mit der Ausbildung beruflicher Handlungskompetenz zu tun haben. Darüber hinaus decken sich die Ergebnisse zu den Bedarfen mit den Vermutungen der Autoren, dass sich die Lehrkräfte Unterstützung bei der unterrichtlichen Umsetzung von Nachhaltigkeit in beruflichen Lernsituationen wünschen. Auch der in der Literatur häufig erwähnte „Whole Institution Approach“ wurde gewünscht, d.h. dass sich die gesamte Schule auf den Weg einer nachhaltigen Organisation machen möge.

Konkret gaben von den 30 Befragten 21 an, dass Nachhaltigkeit bereits eine erklärte Strategie der Schulentwicklung ist. Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit bei knapp der Hälfte der befragten Schulen (N=14) im Leitbild der Schule verankert. In der überwiegenden Mehrheit der Schulen sind Nachhaltigkeitsbeauftragte (N=23) benannt. Häufig sind diese jedoch für den Bereich der Organisationsentwicklung zuständig, z.B. als Beauftragte für die EMAS-Zertifizierung[4]. Insbesondere die Ressourcen-, Umwelt- und Klimaschutz-Initiative (RUK) in Hamburg hat zu einer verstärkten Beschäftigung mit dem Thema „Reduzierung des Ressourcenverbrauchs“ in den Hamburger Berufsschulen geführt[5]. Auch hier stehen die Organisationsentwicklung bzw. das Umweltmanagement der Berufsschule im Vordergrund. Ein wesentliches Entwicklungsfeld wurde von den Befragten im Bereich des Beschaffungswesens der Schulen gesehen. Hier besteht allerdings die Problematik, dass bestehende Rahmenverträge der Stadt Hamburg eingehalten werden müssen und die Schulen nur begrenzte Handlungsoptionen haben.

Die von den Akteuren der Berufsschule genannten Bedarfe waren vielfältig. Es wurden Maßnahmen gewünscht, wie die Einführung eines nachhaltigen Gebäudemanagements oder die Anpassung des Beschaffungswesens, um nachhaltige Produktalternativen bestellen zu können. Außerdem wurde ein besonderer Bedarf darin gesehen, BBNE als festen Bestandteil in die Gestaltung von Lernfeldern und Lernsituationen zu integrieren.

In diesem Zusammenhang wurde von einigen Befragten erwähnt, dass die Herausforderung hinsichtlich der Nachhaltigkeitsorientierung bei der Unterrichtsentwicklung zum Teil in der fehlenden Qualifizierung der Lehrkräfte liegt. Gewünscht wurden daher prozessbegleitende Unterrichtsentwicklungsprojekte, zentral zur Verfügung gestellte nachhaltigkeitsorientierte Unterrichtsmaterialien, Freiräume bei der Integration von Nachhaltigkeitsthemen in Prüfungen, zeitliche und finanzielle Ressourcen für die Überarbeitung von Curricula, Unterstützung bei der Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in Curricula und Unterricht sowie Fortbildungen bzw. Hilfestellungen durch das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI Hamburg).[6] Fortbildungsbedarf sahen die Befragten vor allem in der Verknüpfung der Leitidee der Nachhaltigkeit mit berufsspezifischen Themen, Best-Practice-Beispielen zu den SDGs, Inhalten und Methoden zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsthemen und zur Weiterentwicklung der Schulkultur sowie in der Förderung einer nachhaltigkeitsorientierten Haltung bei allen Bildungsakteuren.

3.2 Ergebnisse der Expertenworkshops

Die Rückmeldungen der Expert*innen im Workshop bezogen sich sowohl auf Aspekte bezüglich des Inhalts als auch der Struktur des BBNE Werkzeugkastens. So wurde beispielsweise eine geänderte Reihenfolge der Module und als Einstieg ein Text zu den Grundlagen der BBNE vorgeschlagen. Außerdem sollte über Querbezüge zwischen den einzelnen Modulen der „rote Faden“ noch etwas deutlicher werden und es wurde der Wunsch nach einem Glossar geäußert, in dem zentrale Begriffe erläutert werden.

Generell zielt der Werkzeugkasten darauf ab, Lehrkräfte zu unterstützen, bestehende Lehr-/Lernsituationen eigenständig in Richtung BBNE weiterzuentwickeln oder neue zu entwickeln. Damit wird an die zuvor von den befragten Lehrkräften geäußerten Bedarfe angeknüpft.

Die Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeit ist hier nicht als ein „Thema“ gedacht, mit dem sich Lernende einmalig und isoliert vom normalen Berufsschulunterricht z.B. in einer Projektwoche beschäftigen. Vielmehr ist die Intention, die Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, mit ihren Schüler*innen eigenständig nachhaltige Ziele, Inhalte und Themen in unmittelbarem Berufsbezug zu bearbeiten. Ziel ist es, bei den Auszubildenden Kompetenzen für nachhaltiges berufliches Handeln als zentrale Säule beruflicher Handlungskompetenz zu fördern. Gleichzeitig werden die Lehrkräfte durch die Anwendung in ihrer fachdidaktischen Kompetenz weiter qualifiziert.

Die vorangegangene Bestandsanalyse hat gezeigt, dass Lehrkräfte unterschiedliche Vorerfahrungen und Kenntnisse in Bezug auf eine BBNE haben. Deshalb sollte den Lehrkräften ermöglicht werden, die Handreichung individuell nach ihren Bedürfnissen zu nutzen.

4 Konzept zur Verankerung der Leitidee der Nachhaltigkeit im beruflichen Unterricht

Im BBNE-Werkzeugkasten wird ein fünfschrittiges Konzept zur Verankerung der Leitidee der Nachhaltigkeit im beruflichen Unterricht vorgeschlagen.

4.1 Schritt 1: Nachhaltigkeitsrelevante Aspekte im beruflichen Handeln identifizieren

Weil Berufsarbeit, d. h. die Herstellung von Produkten und die Erbringung von Dienstleistungen immer die Inanspruchnahme von Ressourcen erfordert und unvermeidlich das eigene Umfeld und das anderer Menschen verändern, ist es sinnvoll, diese Zusammenhänge dem beruflichen Lernen zugrunde zu legen. Dieser Gedanke liegt auch dem Konzept der Handreichung zugrunde (vgl. Kastrup et al., 2012; Vollmer & Kuhlmeier, 2024). Ausgangspunkt des beruflichen Lernens zur Befähigung einer nachhaltigkeitsorientierten Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft ist demnach nicht die abstrakte und normativ begründete Leitidee der nachhaltigen Entwicklung, sondern das berufliche Handeln, wobei dieses unter Berücksichtigung von individuellen und betrieblichen Interessen mit politischen, d. h. nachhaltigkeitsbezogenen Rahmen­setzungen in Verbindung zu bringen ist (Abb. 1 - I).

Abbildung 2: Ziel der BBNE und die Verknüpfung praktischen Berufshandelns mit der Leitidee der Nachhaltigkeit (eigene Darstellung)Abbildung 2: Ziel der BBNE und die Verknüpfung praktischen Berufshandelns mit der Leitidee der Nachhaltigkeit (eigene Darstellung)

Vor diesem Hintergrund geht es im ersten Schritt darum, berufliches Handeln daraufhin zu analysieren, inwieweit dabei Entscheidungen zwischen einer nachhaltigen oder nicht-nachhaltigen Lösungsoption zu treffen sind. Insofern sind konkrete Handlungsfelder und Handlungssituationen aus dem Erfahrungsfeld der Jugendlichen im Ausbildungsbetrieb zum Ausgangspunkt für nachhaltigkeitsorientiertes Lernen zu machen. Diese sollten im Zusammenhang mit ihren Erwartungen, Wünschen, Unklarheiten und Befürchtungen bezüglich ihrer beruflichen Zukunft stehen, um ihnen nachhaltigkeitsorientierte Mitwirkungsperspektiven aufzuzeigen, sie bei der Entwicklung ihrer Berufsidentität zu unterstützen und sie zu bestärken, ihre weiteren Entscheidungen bewusst zu treffen und in die Tat umzusetzen.

4.2 Schritt 2: Curricula und Lernsituationen analysieren

Um den Lehrenden Spielräume zu bieten und eigene Schwerpunkte zu setzen, sind die Rahmenlehrpläne bewusst offen formuliert. Diese Freiheit sollte daher auch im Rahmen der schulinternen Curriculumentwicklung in Bezug auf die BBNE genutzt werden. Durch eine modernisierte Standardberufsbildposition ist auch die betriebliche Ausbildung verbindlich mit der Leitidee der Nachhaltigkeit verknüpft worden, die für alle Berufe gleichermaßen und über die gesamte Ausbildungszeit hinweg gelten und auch prüfungsrelevant sind. Damit kann die BBNE auch in der Lernortkooperation zukünftig eine größere Rolle spielen.

Für die Analyse von Curricula und Lernsituationen wurden Kategorien aus der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung abgeleitet, die auch im Unterricht von den Lernenden zur Reflektion ihrer Arbeitsplanungen angewendet können.

Abbildung 3: Ableitung und Anwendung nachhaltigkeitsspezifischer Analysekategorien (eigene Darstellung)Abbildung 3: Ableitung und Anwendung nachhaltigkeitsspezifischer Analysekategorien (eigene Darstellung)

Diese fünf Analysekategorien zur Umsetzung von BBNE im Unterricht wurden für die Zielgruppen Lehrkräfte und Lernende weiter operationalisiert und für eine vereinfachte und pragmatische Anwendung in Form von 20 Analysefragen konkretisiert.

4.3 Schritt 3: Kompetenzziele bestimmen

Durch die Bestimmung von Kompetenzzielen wird benannt, wozu die Jugendlichen am Ende eines Arbeitsauftrages in der Lage sein sollen. Dabei setzt sich die Handlungskompetenz aus Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz zusammen.

Bezogen auf ein nachhaltigkeitsorientiertes Berufshandeln bedeutet dies, dass Auszubildende in die Lage versetzt werden sollen, in einem beruflichen Sachgebiet nachhaltigkeitsbezogen urteils- und handlungsfähig zu sein, mit anderen gemeinsam nachhaltig und sozial verantwortlich im Beruf handeln zu können sowie ein berufliches Selbstverständnis zu entwickeln, das nachhaltiges Handeln einschließt. Abbildung 3 zeigt am Beispiel lebensmittelproduzierender Berufe, wie die Beschreibung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzziele für eine bestimmte berufliche Tätigkeit erfolgen kann. Dabei sind die einzelnen Felder der Matrix durch detaillierte Kompetenzziele zu konkretisieren.

Abbildung 4: Strukturmatrix zur Bestimmung nachhaltigkeitsrelevanter beruflichen Kompetenzen am Beispiel der Lebensmittelproduktion (n. Kastrup et al., 2021, S. 26)Abbildung 4: Strukturmatrix zur Bestimmung nachhaltigkeitsrelevanter beruflichen Kompetenzen am Beispiel der Lebensmittelproduktion (n. Kastrup et al., 2021, S. 26)

Diese Matrix bildet drei Ebenen ab, die die Gestaltungsspielräume und die Verantwortlichkeiten berücksichtigen. Auf der Ebene der unmittelbaren Arbeitsprozesse sind die Gestaltungsspielräume für Facharbeiter*innen und Auszubildende am größten. Demgegenüber liegen Entscheidungen zur geschäftlichen Ausrichtung eines Unternehmens bei der Leitungsebene, die wiederum durch politische und rechtliche Rahmensetzungen sowie gesellschaftliche Entwicklungen bestimmt werden. Vor diesem Hintergrund ist die Verantwortungsübertragung für nachhaltiges Handeln im Beruf auf den Einzelnen zu relativieren. Einerseits dürfen Lernende nicht mit unrealistischen Anforderungen an das eigene Handeln und die eigene Verantwortlichkeit für eine nachhaltige Entwicklung überfordert und frustriert werden. Und andererseits sind die – wenn auch begrenzten – Einflussmöglichkeiten, die Einzelne auf nachhaltigkeitsrelevante unternehmerische und politische Entscheidungen haben (können), aufzuzeigen.

4.4 Schritt 4: Didaktisch-methodische Umsetzung planen

Für die methodische Gestaltung des Lernens gilt, dass Lernen dann erfolgreich ist, wenn es Bezüge zum eigenen Leben (oder zur Biografie anderer Menschen) aufweist, wenn es sinnliche Erfahrungen ermöglicht und es in Gemeinschaft mit anderen Lernenden stattfindet. Im Lernprozess können wiederum unterschiedliche Aktivitäten stattfinden: Recherchieren von Informationen, simulierendes Erproben in der Lernumgebung oder praktisches Handeln und gestaltende Mitwirkung an realen Arbeitsaufgaben. In Kombination der unterschiedlichen Herangehensweisen lässt sich folgende Matrix zur didaktisch-methodischen Umsetzung von BBNE erstellen:

Abbildung 5: Orientierungsrahmen für die methodische Umsetzung von BBNE (n. Casper et al., 2023, S. 189)Abbildung 5: Orientierungsrahmen für die methodische Umsetzung von BBNE (n. Casper et al., 2023, S. 189)

4.5 Schritt 5: Berufliche Schulen zu nachhaltigen Lernorten weiterentwickeln

Für die dauerhafte Implementierung einer nachhaltigkeitsorientierten Berufsbildung ist über die Ausrichtung von Lernsituationen und Arbeitsaufträgen hinaus auch die Gestaltung des Lernortes berufliche Schule selbst von Bedeutung. Ihre volle Innovationskraft entfalten Lernorte, wenn sie ganzheitlich als nachhaltige Institution von den dort Lernenden wahrgenommen werden.

Durch eine authentisch-nachhaltige Umgebung wird die Befähigung der Lernenden zur nachhaltigen Mitgestaltung wesentlich unterstützt. Eine solch ganzheitlich nachhaltige Ausrichtung einer Schule wird als Whole School Approach (WSA) oder Whole Institution Approach bezeichnet. Dazu zählen beispielsweise:

  • Organisationsentwicklung mit verbindlich verankertem Nachhaltigkeitsleitbild, darauf ausgerichtetem Entwicklungsprinzip und partizipativer Beteiligung und Verantwortungsübernahme aller Beschäftigten (Träger, Leitung, Kollegium, Mitarbeitende, Lernende).
  • Gebäude und Infrastruktur der Schule als von den Lernenden ganzheitlich wahrnehmbarer nachhaltiger Lernort, in dem die Beschaffung, die Reinigung, die Pflege der Außenanlage, die Energieversorgung, das Essensangebot in der Mensa, die Arbeitsbedingungen u.a.m. an den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet sind.
  • Personalentwicklung durch die Schaffung z.B. von Funktionsstellen für Nachhaltigkeitsbeauftragte und Fortbildungsangebote zur BBNE.
  • Unterrichtsentwicklung mit dem Ziel einer strukturellen Verknüpfung der Lerninhalte mit der Leitidee einer nachhaltigen Entwicklung als obligatorisches Element von Teambesprechungen und in der schulinternen Curriculumarbeit.

Abbildung 6: Whole Institution Approach zur Entwicklung nachhaltiger Lernorte in beruflichen Bildungseinrichtungen (Kuhlmeier et al., 2024, S. 19, n. Greenpeace, 2023, S. 17)Abbildung 6: Whole Institution Approach zur Entwicklung nachhaltiger Lernorte in beruflichen Bildungseinrichtungen (Kuhlmeier et al., 2024, S. 19, n. Greenpeace, 2023, S. 17)

5 Struktur und Inhalt des BBNE-Werkzeugkastens

Weil die Umfrage verdeutlicht hat, dass Lehrkräfte unterschiedliche Vorerfahrungen und Kenntnisse in Bezug auf eine BBNE haben, ist die Handreichung für die Fortbildung der Lehrkräfte als ein Werkzeugkasten mit modularem Aufbau konzipiert worden, aus dem sich die Interessenten nach ihren Bedarfen bedienen können. D.h., das Werkzeugkasten-Konzept sieht vor, dass die unterschiedlichen Planungs- und Reflexionsinstrumente nicht linear durchgearbeitet bzw. genutzt werden müssen, sondern bedarfsgerecht flexible Hilfestellung bieten.

So können BBNE-erfahrene Lehrkräfte, die bereits eine ganz bestimmte Lernsituation zur nachhaltigkeitsorientierten Überarbeitung ins Auge gefasst haben, im Sinne eines Schnelleinstiegs mit dem vierten Werkzeug „Analysefragen zur Unterrichtsplanung“ beginnen und ihren Unterricht damit weiterentwickeln. Hingegen die Lehrkräfte, die sich zum ersten Mal mit der Umsetzung von BBNE im Unterricht beschäftigen und zu Beginn erst einmal eine Einführung benötigen, können sich mit dem ersten Werkzeug „In fünf Schritten zu BBNE – Hinweise zur Umsetzung in der Berufsschule“ informieren, um sich das zunächst erforderliche Hintergrundwissen anzueignen.

Die Intention, Berufsschullehrkräfte zu unterstützen, bestehende und neue Lernsituationen auf Nachhaltigkeit auszurichten, sowie empirische Erkenntnisse aus der Modellversuchsbegleitung und theoretische Bezüge führten zu sieben praxisorientierten und leicht anwendbaren Instrumenten, die in diesem Werkzeugkasten zusammengefasst sind. Die Werkzeuge sind bewusst pragmatisch für den Einstieg in BBNE konzipiert. Ziel war es, dass die Lehrkräfte den Schüler*innen nicht nur Wissen über Nachhaltigkeit vermitteln, sondern sie zum konkreten nachhaltigen Handeln im Berufsalltag befähigen und motivieren.

5.1 Werkzeug 1: In fünf Schritten zur BBNE –Hinweise zur Umsetzung in der Berufsschule

Das erste Werkzeug enthält die Erläuterungen und Begründungen der vorgenannten, dem Werkzeugkasten zugrundeliegende Vorgehensweise in fünf Schritten zur strukturellen Verankerung der Leitidee der Nachhaltigkeit im beruflichen Unterricht (s. Abbildung 3). BBNE wird dabei eingebettet in den curricularen, bildungspolitischen und theoretischen Kontext der aktuellen Berufspädagogik. Die fünf Schritte sind als Anleitung gedacht, bestehende oder neue Lernsituationen mit Bezug auf die Leitidee der Nachhaltigkeit zu entwickeln oder zu überarbeiten. Dieses Werkzeug beinhaltet keine ausführlichen pädagogischen Theoriebezüge und Literaturexzerpte, sondern es werden vor allem praxisorientierte und leicht anzuwendende Umsetzungsschritte erläutert.

Abbildung 7: Überblick über die fünf Schritte zur Planung und Durchführung der BBNE (Kuhlmeier et al., 2024, S. 11)Abbildung 7: Überblick über die fünf Schritte zur Planung und Durchführung der BBNE (Kuhlmeier et al., 2024, S. 11)

5.2 Werkzeug 2: Didaktische Handlungsregeln zur BBNE

Das zweite Werkzeug benennt und begründet einige allgemeine Regeln für die didaktische Gestaltung der BBNE im Berufsschulunterricht hinsichtlich der Fragen: Was sollte grundsätzlich beachtet werden, damit Schüler*innen sich motiviert mit dem Gedanken einer nachhaltigen Entwicklung in der Berufsausbildung auseinandersetzen? Wie kann generell eine nachhaltigkeitsbezogene berufliche Handlungskompetenz gefördert werden? Und was hat sich in bisherigen BBNE-Lernprozessen bewährt? Damit soll verdeutlicht werden, dass Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) von einer Didaktik der Handlungsorientierung ausgeht. Das bedeutet, dass praxis- und erfahrungsorientiertes Lernen zentral bleiben. Es müssen keine grundlegend neuen Unterrichtskonzepte entwickelt werden. Vielmehr können die bestehenden durch die Anwendung der in diesem Werkzeug vorliegenden zehn didaktischen Handlungsregeln weiterentwickelt werden.

Abbildung 8: Handlungsregeln zur BBNE (Kuhlmeier, Pillmann-Wesche, Schütt-Sayed & Vollmer 2024, S. 18)Abbildung 8: Handlungsregeln zur BBNE (Kuhlmeier, Pillmann-Wesche, Schütt-Sayed & Vollmer 2024, S. 18)

5.3 Werkzeug 3: Einstiegsunterricht in die Leitidee einer nachhaltigen Entwicklung

In diesem Werkzeug wird ein möglicher Einstieg vorgestellt, um Auszubildende mit der Leitidee einer nachhaltigen Entwicklung vertraut zu machen und mit ihrer künftigen Berufsarbeit in Verbindung zu bringen. Es enthält auch Medien und Materialien für die praktische Umsetzung und ermöglicht den Lehrkräften, ohne viel Aufwand in die Leitidee der nachhaltigen Entwicklung mit der Agenda 2030 einzuführen und auf die nachhaltigkeitsbezogene Planung beruflichen Handelns vorzubereiten. Mögliche Schwierigkeiten bei der Umsetzung der neuen Erkenntnisse im Ausbildungsbetrieb werden angesprochen und Verhaltensvorschläge für den Umgang mit Widerständen vorgestellt.

5.4 Werkzeug 4: Analysefragen zur Unterrichtsplanung

Das Werkzeug „Analysefragen zur Unterrichtsplanung“ ist ein wesentlicher Kern des Konzepts und beinhaltet einen Fragenkatalog, der dazu dient, eine nachhaltigkeitsorientierte Unterrichtsplanung zu unterstützen und vorhandene Lernsituationen entsprechend weiterzuentwickeln. Die Fragen basieren auf o.g. fünf Analysekategorien, die aus der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung abgeleitet wurden.

Für die praktische Umsetzung wurden 20 Fragen zur didaktischen Analyse von beruflichen Lerninhalten formuliert, um die Nachhaltigkeitsprinzipien in die berufliche Bildung zu integrieren.

Tabelle 1: Leitfragen für die Identifizierung nachhaltigkeitsrelevanter Inhalte
(Kuhlmeier et al., 2024, S. 38–39)

Zeitliche Dimension (intergenerationelle Gerechtigkeit)

1. Welche Auswirkungen hat das Ergebnis der beruflichen Handlung auf das Leben zukünftiger Generationen?

2. Welchen Beitrag leistet die individuelle berufliche Handlung zur nachhaltigen Entwicklung und wie kann darüber ein entsprechendes Berufsethos und eine nachhaltige Berufsidentität entwickelt werden?

Räumliche Dimension (intragenerationelle Gerechtigkeit)

3. Welche Auswirkungen hat die berufliche Handlung auf das Leben von anderen Menschen lokal, national, global?

4. Inwieweit werden die Grundsätze von Fairness und Gerechtigkeit in den Handelsbeziehungen beachtet?

Systemische Dimension (Ökologie, Ökonomie und Soziales)

5. Welche Auswirkungen hat die berufliche Handlung auf die Ökonomie, die Ökologie und das Soziale? Inwieweit gibt es nachhaltigere Handlungsalternativen?

6. Ist mit der beruflichen Handlung eine Belastung der Umweltmedien Wasser, Boden, Luft verbunden? Welche Alternativen gibt es dazu?

7. Hat die berufliche Handlung problematische Wirkungen auf das Ökosystem? Wenn ja: welche Alternativen gibt es?

8. Ist mit der beruflichen Handlung ein Verbrauch begrenzter Ressourcen verbunden? Welche Alternativen gibt es?

9. Spielt in der beruflichen Handlung der Aspekt der externalisierten Kosten eine Rolle? Wie kann das Missverhältnis zwischen privater Gewinnmaximierung und der Abwälzung der Belastungen auf die Allgemeinheit überwunden werden?

10. Ermöglicht die berufliche Handlung eine Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld zwischen kurzfristigen Ausgaben (jetzt die möglicherweise günstige Lösung wählen) und langfristigen Investitionen (nachhaltiger und auf die Dauer ggf. wirtschaftlicher)?

11. Welche Aspekte ergeben sich in der beruflichen Handlung in Bezug auf Arbeits- und Gesundheitsschutz?

12. Welche Aspekte ergeben sich in der beruflichen Handlung in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit und die Berücksichtigung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen (alte Menschen und Kinder, Menschen mit Behinderung etc.)?

13. Welchen Beitrag leistet die berufliche Handlung zur Verbesserung der Lebensverhältnisse?

14. Ergeben sich Konflikte oder Dilemmata in Bezug auf Nachhaltigkeitsziele in der beruflichen Handlung?

Strategische Dimension (Handlungsprinzipien)

15. Inwieweit trägt die berufliche Handlung tatsächlich dazu bei, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen? Gibt es nachhaltigere Möglichkeiten diese Bedürfnisse zu befriedigen? (Suffizienz)

16. Inwieweit spielen für die berufliche Handlung eine Kreislaufwirtschaft oder die Nutzung nachwachsender Rohstoffe eine Rolle? Können Aspekte der beruflichen Handlung naturverträglicher gestaltet werden (Konsistenz)?

17. Inwieweit kann im Rahmen der beruflichen Handlung eine gleiche Wirkung mit weniger Mitteleinsatz erzielt werden? (Effizienz)?

Produkt- und Prozessdimension (Lebenszyklen und Lieferketten)

18. Welche Bezüge bestehen in der beruflichen Handlung zur (globalen) Lieferkette? Wie können die für das eigene Berufshandeln in der globalisierten Wirtschaft relevanten Bezüge zu weltweiten Produktionsorten mit ihren Arbeitsbedingungen und Transportwegen verdeutlicht werden?

19. Inwieweit werden in Bezug auf die verwendeten Materialien alle Phasen von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung/zum Recycling berücksichtigt (z. B. Produktlebenszyklusanalyse)?

20. Inwieweit wird bei der Herstellung, Beschaffung oder Verwendung von Produkten die Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit berücksichtigt?

5.5 Werkzeug 5: Checkliste für Schüler*innen: Wie handele ich nachhaltig im Beruf?

Das fünfte Werkzeug wendet sich gezielt an die Auszubildenden. Mit der Checkliste, die sich direkt aus den Dimensionen der Nachhaltigkeit und den 20 Fragen aus Werkzeug 4 ableitet, können Berufsschüler*innen selbstständig überprüfen, ob und wie sie in Lernsituationen und in ihrem beruflichen Alltag nachhaltig handeln und wo diesbezüglich Verbesserungspotenzial vorhanden ist. Die Nutzung der Checkliste soll den Auszubildenden zudem die Sinnhaftigkeit und Wertschätzung nachhaltiger Arbeit bewusst machen.

5.6 Werkzeug 6: Plakat „Wege zu einem nachhaltigen Berufshandeln“

Bei diesem Plakat handelt es sich um eine grafische Überblicksdarstellung der Checkliste, die verschiedene Merkmale einer nachhaltigen Berufsarbeit visualisiert.

Abbildung 9: Plakat für den Lernraum (Kuhlmeier, Pillmann-Wesche, Schütt-Sayed & Vollmer 2024, S. 48)Abbildung 9: Plakat für den Lernraum (Kuhlmeier, Pillmann-Wesche, Schütt-Sayed & Vollmer 2024, S. 48)

5.7 Werkzeug 7: Sammlung von Lernmaterialien zur BBNE

Das Werkzeug 7 umfasst – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – eine kommentierte Liste von didaktischen Materialien für die BBNE, die zum Download im Internet bereitstehen. Diese mehr als 170 Seiten umfassende Zusammenstellung soll die Lehrenden bei der Unterrichtsplanung unterstützen und ihnen einen Überblick über Bildungsmaterialien mit Bezug zur BBNE geben. Die Sammlung enthält sowohl vollständige Unterrichtsentwürfe als auch Lern- und Begleitmaterialien, die von den Lehrkräften für ihre Planung eingesetzt werden können. Kurzgefasste Informationen über deren Umfang, inhaltliche Kurzbeschreibungen und didaktische Hinweise können den sogenannten „Steckbriefen“ entnommen werden. Diese sind entsprechend der beruflichen Fachrichtungen gemäß KMK-Vorgaben geordnet (vgl. KMK, 2024), sodass sie übersichtlich für den Lernfeldunterricht zugänglich sind. Außerdem sind Ausbildungsberufe und Unterrichtsfächer angegeben, um die Nutzung weiter zu erleichtern. Da einige Materialien für mehrere berufliche Fachrichtungen und Ausbildungsberufe nutzbar sind, ist darüber hinaus die Schlagwortsuche in dem PDF-Dokument sinnvoll. Zum Teil können Materialien auch berufsübergreifend im Unterrichtsfach „Wirtschaft und Gesellschaft“ eingesetzt werden.

Abbildung 10: Beispielhafter Ausschnitt aus der Materialsammlung (Kuhlmeier et al., 2024, S. 170)Abbildung 10: Beispielhafter Ausschnitt aus der Materialsammlung (Kuhlmeier et al., 2024, S. 170)

5.8 A-Z Glossar zum Werkzeugkasten und Literaturhinweise

Zusätzlich zu den hier vorgestellten sieben Werkzeugen enthält der Werkzeugkasten ein umfangreiches Glossar zu einschlägigen Begriffen des Nachhaltigkeitsdiskurses sowie ein Verzeichnis ausgewählter Literatur. Damit wird einem in den Expertenworkshops geäußertem Wunsch entsprochen.

6 Erprobung und Evaluation an beruflichen Schulen

Eine Erprobung des Werkzeugkastens im Rahmen schulischer Curriculumentwicklung fand an drei Hamburger Berufsschulen statt. An allen drei Berufsschulen waren Koordinator*innen für nachhaltige Entwicklung beteiligt, die sich engagiert für die Verankerung von BBNE an ihren Schulen einsetzten. Darüber hinaus nahmen an allen drei Schulen auch die jeweils zuständigen Abteilungsleitungen an den Arbeitstreffen teil, die ebenfalls die Entwicklung am BBNE-Curriculum unterstützten. Die Anzahl der teilnehmenden Lehrkräfte schwankte zwischen den verschiedenen Arbeitstreffen. An einer Berufsschule nahmen auch betriebliche Ausbilder*innen und Schüler*innen an einigen Treffen teil. Insgesamt beteiligten sich sieben Lernfeldteams an der Projektarbeit.

Zunächst wurde in einem Vorgespräch mit den Nachhaltigkeitsbeauftragten und Abteilungsleitungen der schulische Bedarf ermittelt und das weitere Vorgehen abgesprochen. An den Schulen fanden jeweils vier Präsenztermine statt, in denen die Projektgruppe den Arbeitsprozess zur Entwicklung von BBNE-Lernsituationen moderierte und unterstützte. Der Ablauf dieser Workshops verlief dabei nach diesem Muster:

  • Im ersten Workshop wurden als „Kick-Off-Veranstaltung“ mit einer Präsentation die Grundlagen der BBNE erläutert und der „BBNE-Werkzeugkasten“ vorgestellt. Als einführende Übung wurden mit Hilfe einer Matrix für jeden der beteiligten Berufe in Kleingruppenarbeit spezifische Nachhaltigkeitsinhalte ermittelt.
  • Im zweiten Workshop wurde auf der Ebene der Lernfelder weitergearbeitet. Die Teilnehmenden benannten deren wesentlichen beruflichen Handlungssituationen. Außerdem wurde ein „Steckbrief“ für Lernsituationen erstellt, in den die in der ersten Arbeitssitzung ermittelten nachhaltigkeitsrelevanten Inhalte eingeordnet wurden.
  • Im dritten Workshop wurden die fachlichen Inhalte der Lernsituationen (sowohl technische, als auch arbeitsorganisatorische und kommunikative Aspekte des Berufshandelns) differenziert herausgearbeitet und im Hinblick auf nachhaltigkeitsrelevante Inhalte analysiert.
  • Abschließend wurde im vierten Workshop der Stand der Arbeiten präsentiert und das weitere Vorgehen insbesondere im Hinblick auf die Verbreitung der BBNE in der gesamten Schule diskutiert.

Die Evaluation des Beratungs- und Begleitungsprozesses erfolgte einerseits formativ, in dem der Prozess kontinuierlich entsprechend der gemachten Erfahrungen neujustiert wurde. Alle Gruppensitzungen wurden protokolliert, um den Stand der Arbeiten und der Prozessverlauf dokumentiert sowie Konsequenzen für die Anpassung des geplanten Vorgehens formuliert wurden.

Eine summative Evaluation erfolgte zum Ende der schulinternen Projektphase und diente der Qualitätssicherung sowie der Überprüfung der Zielerreichung. Durch qualitative Interviews, die eine nicht am Prozess beteiligte, externe Person mit den Beteiligten geführt hat, wurde das Projekt aus Sicht der Teilnehmenden und der Beratenden evaluiert. Abschließend wurden die „Lessons Learned“ ermittelt, um die Gelingensbedingungen für einen zukünftigen Transfer in die Breite der Hamburger Berufsschulen zu bestimmen. Aus der Auswertung lassen sich folgende drei zentrale Ergebnisse ableiten:

  1. Für die beteiligten Lehrkräfte war der konzentrierte Austausch zur Nachhaltigkeit im Rahmen des Lernfeldes nach eigenem Bekunden ein wichtiger Ertrag. Durch die moderierten Diskussionen öffnete sich der Blick und es folgte die Erkenntnis, dass jedes Lernfeld nachhaltige Aspekte beinhaltet,
  2. Nach den Erfahrungen der Berater hängt der Erfolg des Vorgehens stark vom Schulklima, dem Engagement von Lehrkräften, der Unterstützung durch Schul- und Abteilungsleitungen sowie BBNE-Beauftragte ab, aber auch von den gegebenen Rahmenbedingungen in Bezug auf zeitliche Entlastungen.
  3. Insgesamt hatte das Projekt den Effekt, dass das bisher diffuse Konstrukt BBNE nun nicht nur als ein dringliches, sondern auch als ein machbares Thema erkannt wurde, für das der Werkzeugkasten hilfreiche didaktische Mittel bereithält.

Schließlich wurde aus diesen und weiteren Ergebnissen, die im Rahmen des Beratungs- und Begleitungsprozesses gewonnen wurden, ein grundsätzlicher Verfahrensvorschlag für die strukturelle Verankerung von BBNE an Berufsschulen entwickelt. Dieser unterscheidet – je nach spezifischem Bedarf einer Berufsschule – zwischen einem „großen, einem mittleren und einem kleinen Modell“, je nachdem, ob von Beginn an die gesamte Schule, nur eine Abteilung oder lediglich ein Lernfeldteam an der Arbeit beteiligt wird. Für jede Variante wird ein Ablaufplan vorgeschlagen und es werden Gelingensbedingungen benannt und begründet. Diese beziehen sich beispielsweise auf die Verbindlichkeit der Absprachen zur Kooperation, den Umgang mit zu antizipierenden Widerständen im Kollegium, die notwendige Unterstützung durch Schul- und Abteilungsleitungen oder die gezielte Ermutigung und Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen, die hier Pionierarbeit leisten. Dieser Verfahrensvorschlag wird allen Hamburger Berufsschulen unterbreitet und demnächst auch online zugänglich sein.

7 Fazit und Ausblick

Mit dem Werkzeugkasten ist ein praxisorientiertes Instrument für Lehrkräfte zur Umsetzung von BBNE entwickelt worden. Er ist im Internet öffentlich zugänglich und kann von allen Interessierten als PDF-Dokument heruntergeladen werden.[7] Das Instrument ist auf seine Praxistauglichkeit mit Lehrkräften bei der konkreten Planung von Lernsituationen an drei beruflichen Pilotschulen erprobt worden. Die dabei gewonnenen Erfahrungen wurden systematisch evaluiert, um daraus auf andere Schulen übertragbare Vorschläge für eine strukturelle Implementierung von BBNE zu gewinnen. Derzeit steht die Umsetzung an weiteren Hamburger Berufsschulen an.

Außerdem ist aktuell eine adaptierte Version des BBNE-Werkzeugkastens für die betriebliche Ausbildung entwickelt worden (Kuhlmeier et al., 2026). In dieser Praxishandreichung wird an Beispielen aufgezeigt, wie im Rahmen der bewährten Ausbildungspraxis Lernaufgaben so akzentuiert werden können, dass sie den Zielen und den durch die aktualisierte Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ gesetzten Vorgaben zu einer an Nachhaltigkeit orientierten Berufsausbildung gerecht werden.

Ein besonderes Potenzial für die BBNE wird in der Kooperation der Lernorte Betrieb und Berufsschule gesehen. Dies wird in einem aktuellen Positionspapier des „Forums Berufsbildung“ der Nationalen Plattform BNE hervorgehoben (BMBFSFJ 2025). In einem aktuellen Projekt im Rahmen des „Hamburger Masterplans BNE 2030“ werden hierzu empirische Erhebungen vorgenommen und Vorschläge für die Praxis der Lernortkooperation erarbeitet. Eine Veröffentlichung ist Ende 2026 vorgesehen. Weitere Aktivitäten im Kontext des Hamburger Masterplans BNE 2030 zielen darauf ab, die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung und die Anwendung des BBNE-Werkzeugkastens auch in der ersten Phase der Berufsschullehrkräftebildung zu verankern. Im Teilstudiengang der Erziehungswissenschaften wurden diesbezüglich schon erste positive Erfahrungen im Masterstudiengang in einem Seminar des Wahlpflichtbereichs sowie in einem Begleitseminar zum Kernpraktikum gemacht. Dabei zeigten sich die Studierenden sehr an dem aufgezeigten Instrumenten zur Umsetzung von BBNE interessiert.

An der TU Hamburg wird gegenwärtig im Teilstudiengang der gewerblich-technischen Wissenschaften ebenfalls ein Lehrveranstaltungskonzept zur BBNE erarbeitet. Hier liegt der Schwerpunkt in einem Seminar zur konstruktiven Produktgestaltung darauf, dass Alltagsprodukte demontiert und technisch umfassend analysiert werden. Im Rahmen einer Ökobilanz bzw. Lebenszyklusanalyse werden die einzelnen Komponenten untersucht und die Geräte abschließend bewertet. Auch Aspekte im Bereich der Reparaturfreundlichkeit und des Energieverbrauchs im Betrieb fließen in die Analyse mit ein.

Sowohl der „Werkzeugkasten für einen nachhaltigkeitsorientierten Berufsschulunterricht“, als auch dessen Pendant für die betriebliche Ausbildung „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung in der Praxis – Umsetzung in Ausbildungsbetrieben“ stehen im Sinne eines über die Grenzen Hamburgs hinaus angestrebten Transfers online allen Interessierten zur Verfügung. Ein Transfer der BBNE auf weitere berufliche Aus- und Fortbildungseinrichtungen sowie Schulformen steht derzeit noch aus, wobei eine Übertragung der BBNE auf Produktionsschulen bereits angebahnt ist (Mertens & Vollmer, 2025).

Die Gestaltungsvorschläge der bisher veröffentlichten Handreichungen für die Berufsbildungspraxis sind notwendigerweise recht abstrakt gehalten, da hier die gesamte Breite der Ausbildungsberufe anvisiert wird. An einer Konkretisierung der BBNE auf der Ebene beruflicher Fachrichtungen wird gegenwärtig gearbeitet. Eine entsprechende Buchreihe, die sich insbesondere an Lehrkräfte beruflicher Schulen in der ersten, zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung richtet, wird voraussichtlich Anfang 2027 im Verlag wbv Media erscheinen.

Die Herausforderung für die Berufsbildungspraktiker besteht jedoch weiterhin darin, die didaktischen Konzepte an die spezifischen Bedingungen der jeweiligen Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe anzupassen und dort umzusetzen. Für diese Arbeit „vor Ort“ können die hier vorgestellten Instrumente eine Hilfestellung bieten – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Literatur

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BIBB – Bundesinstitut für Berufsbildung (Hrsg.) (2021). Vier sind die Zukunft. Digitalisierung. Nachhaltigkeit. Recht. Sicherheit. Die modernisierten Standardberufsbildpositionen anerkannter Ausbildungsberufe. BIBB. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/17281

BMBFSFJ – Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (2025). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung durch Lernortkooperationen zwischen Betrieb und Schule stärken. https://www.bne-portal.de/bne/shareddocs/downloads/files/f-bb-papier-lernortkooperationen.pdf?__blob=publicationFile&v=2

BMUKN – Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (2024). Das „Hochzeitstortenmodell“. https://www.bundesumweltministerium.de/themen/nachhaltigkeit/integriertes-umweltprogramm-2030/planetare-belastbarkeitsgrenzen

Casper, M., Kastrup, J. & Noelle-Krug, M. (2023). Lebendiges Lernen mit kreativen und erfahrungsbasierten Methoden zur didaktischen Umsetzung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. In M. Ansmann, J. Kastrup & W. Kuhlmeier (Hrsg.), Berufliche Handlungskompetenz für nachhaltige Entwicklung. Die Modellversuche in Lebensmittelhandwerk und -industrie. Leverkusen. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/18613

Deutscher Bundestag (2017). Nationaler Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Stellungnahme der Bundesregierung. Drucksache 18/13679. https://www.bne-portal.de/bne/de/nationaler-aktionsplan/nationaler-aktionsplan.html

FHH – Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.) (2021). Hamburger Masterplan BNE 2030: Strategie zur strukturellen Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Hamburg, Behörde für Umwelt Klima Energie und Agrarwirtschaft Abteilung Naturschutz. https://www.hamburg.de/resource/blob/170304/dd3302f2217c5d88883de28f97035712/masterplan-bne-data.pdf

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KMK – Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2024). Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.10.2008 i. d. F. vom 08.02.2024). https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2008/2008_10_16-Fachprofile-Lehrerbildung.pdf

Kuhlmeier, W., Mohorič, A. & Vollmer, Th. (Hrsg.) (2014). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Modellversuche 2010 – 2013: Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Ausblicke. Bertelsmann. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/7453

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MEKUN SH – Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein (2021). Landesstrategie Bildung für nachhaltige Entwicklung. https://www.schleswig-holstein.de/DE/fachinhalte/B/bne/Downloads/bneStrategie.pdf?__blob=publicationFile&v=2.

Melzig, C., Kuhlmeier, W. & Kretschmer, S. (Hrsg.) (2021). Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Die Modellversuche 2015–2019 auf dem Weg vom Projekt zur Struktur. Budrich. https://www.bibb.de/dienst/publikationen/de/16974

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UN – Generalversammlung der Vereinten Nationen (2015). Transforming our World: The Agenda 2030 for Sustainable Development. Resolution der Generalversammlung, verabschiedet am 1. September 2015. A/RES/69/315. https://digitallibrary.un.org/record/3923923?v=pdf

UNECE – Wirtschaftskommission für Europa (2005). UNECE-Strategie über die Bildung für nachhaltige Entwicklung. https://unece.org/fileadmin/DAM/env/esd/strategytext/strategyingerman.pdf  

UNESCO – United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (2014). UNESCO Roadmap for Implementing the Global Action Programme on Education for Sustainable Development. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000230514

UNESCO – United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (2019). Framework for the Implementation of Education for Sustainable Development (ESD) beyond 2019. https://www.bne-portal.de/bne/shareddocs/downloads/files/40-c-23-esd.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Vollmer, Th. & Kuhlmeier, W. (2014). Strukturelle und curriculare Verankerung der Beruflichen Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. In W. Kuhlmeier, A. Mohorič & Th. Vollmer (Hrsg.), Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. Modellversuche 2010 – 2013: Erkenntnisse, Schlussfolgerungen und Ausblicke (S. 197–225). Bertelsmann.

Vollmer, Th. & Kuhlmeier, W. (2024). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung unter didaktischen Gesichtspunkten – der Hamburger Ansatz einer BBnE-Didaktik. In G. Spöttl & M. Tärre (Hrsg.), Didaktiken der beruflichen und akademischen Aus- und Weiterbildung – Rückblick, Bestandsaufnahme und Perspektiven (S. 649–660). Springer.

[1] BNE steht für Bildung für nachhaltige Entwicklung und bezieht auf sich die Breite aller Bildungsbereiche, von der frühkindlichen Erziehung bis hin zur akademischen Bildung, schließt also die Berufsbildung mit ein.

[2] BBNE steht für Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung und bezieht sich auf alle beruflichen Bildungsbereiche, von der Ausbildungsvorbereitung bis hin zur beruflichen Fort- und Weiterbildung.

[3] siehe https://www.energie4.hamburg/

[4] siehe https://www.emas.de/

[5] siehe https://hibb.hamburg.de/fokusthemen/klimaschutz/

[6] siehe https://li.hamburg.de/

[7] Zunächst auf der Homepage der Klimastiftung Hamburg (https://cloud.klimaschutzstiftung-hamburg.de/index.php/s/p2BXKENEqoCdL3F?dir=undefined&openfile=70157) und des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (https://hibb.hamburg.de/document/werkzeugkasten-bbne/). Mittlerweile ist der Werkzeugkasten auf zahleichen Homepages von Institutionen, die sich für BBNE engagieren, downloadbar.

„Vom grünen Add-On zum Betriebssystem“ – Nachhaltige Transformation in der betrieblichen Ausbildung gestalten. Erkenntnisse aus einem Umsetzungsprojekt im Programm „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)“

1 Kontext

Dieser Beitrag handelt von einem Perspektivwechsel auf Nachhaltige Entwicklung in Unternehmen, der im Projekt BBNE-EcoNet wahrgenommen wurde. Wir beschreiben ihn als „Vom grünen Add-On zum Betriebssystem“ und diskutieren die Auswirkungen für die Berufsbildung für Nachhaltige Entwicklung (BBNE). Wie viele Unternehmen diesen Perspektivwechsel bereits vollzogen oder begonnen haben und wie viele nicht, ist aktuell nicht zu nennen. Die Erkenntnisse aus dem Projekt zeigen darüber hinaus, dass der Perspektivwechsel mit der in der Literatur beschriebene aktuellen Transformation einhergeht.

Mit dem Förderprogramm „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) soll Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) in ausbildenden Betrieben verankert werden. Es fördert Umsetzungsprojekte, wie „BBNE-EcoNet: Nachhaltig im Beruf. Netzwerk für die deutsche Wirtschaft“ um BBNE systematisch in die Breite zu tragen. Im Zentrum dieses Projektes steht die Qualifizierung von ausbildendem Personal in Betrieben und verbundenen Lernorten sowie die Aktivierung von Weiterbildungsanbietern als Multiplikatoren.

Die folgenden Ausführungen basieren zum einen auf den Erfahrungen aus dem Projekt. Hier wurden von Juli 2024 bis Juni 2026 durch ca. 150 Qualifizierungsmaßnahmen ca. 1.800 Personen erreicht. Diese Personen stammen aus Unternehmen, Berufsschulen, Bildungsanbietern, Behörden, NGOs und Vereinen. Die Qualifizierungen adressierten Unternehmen verschiedener Branchen und Nachhaltigkeitserfahrungen – von Betrieben, die erste Zugänge zur BBNE suchten, bis hin zu Unternehmen mit bereits strategisch verankerter Nachhaltigkeit. Dadurch konnten Perspektiven aus unterschiedlichen betrieblichen Kontexten in die Projekterfahrungen einfließen. Zusätzlich zu dem dadurch im Projekt geschaffenen Erfahrungswissen kommen als Grundlage für diesen Artikel annähernd 30 Sondierungsgespräche, die mit Unternehmen und einigen anderen Akteuren wie Berufs(fach)schulen und Ausbildungswerkstätten geführt wurden. Die Sondierungsgespräche wurden anhand eines Leitfadens geführt und protokolliert. Anonymisierte Erkenntnisse aus diesen Gesprächen sind für eine Veröffentlichung in Vorbereitung. Auch elf Design-Thinking-Prozesse mit Weiterbildungsanbietern zur strategischen Einbindung von BBNE-Angeboten tragen zu Einsichten des aktuellen Ist-Zustandes und der Reflexion bei. Fundierte Literaturrecherchen aus Forschung und Praxis ordneten die Projektergebnisse und Planungen ein. Die Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) im Sinne von SDG 4.7 „Bildung für nachhaltige Entwicklung und globale Bürgerschaft“ hat in Deutschland lange und tiefe Wurzeln in der Umwelt- und Klimapädagogik, welche sich zusammen mit der Umweltschutzbewegung entwickelte. Kern war die Verantwortungsethik angesichts des menschlichen Tuns (vgl. Jonas, 1979) sowie das systemische Denken als Grundlage für den Umgang mit ökologischer Komplexität (vgl. Vester, 1999). Eine weitere, ebenfalls lange gewachsene Tradition – häufig aus dem kirchlichen Kontext der Hilfe für Unterprivilegierte, der christlichen Nächstenliebe – stammt aus der entwicklungspolitischen Bildung, dem Globalen Lernen und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit Nord-Süd-Ungleichheiten, kolonialen bzw. postkolonialen Machtverhältnissen und ethisch-moralischer Handlungsmotivation (vgl. Scheunpflug & Seitz, 1993). Diese dominanten Traditionslinien der deutschen BNE – Umweltbildung, Globales Lernen und Denken – scheinen durch eine gemeinsame motivationale Grundstruktur geprägt: altruistischer Verzicht der Privilegierten als ethischer Imperativ, der nur als Zusatz zum Alltag („Add-On“), nicht als dessen Grundmuster („Betriebssystem“) und daher leicht als Zumutung statt Selbstverständnis empfunden werden kann (vgl. Overwien & Rode, 2013). Diese Perspektive prägte zur Verabschiedung der Agenda 2030 durch die UN im Jahr 2015 weitestgehend die deutsche Sicht (vgl. Kater-Wettstädt, 2015). Wenig Beachtung fanden dabei die positiven, die gestaltenden Anteile der 17 Sustainable Development Goals (SDGs), auch wenn sie als Zukunftsforschung, Futurologie, politische Bildung (vgl. Jungk & Müllert, 1981; Haan & Harenberg, 1999; Klafki, 1985) ebenfalls solide deutsche Wurzeln haben. Gemeint sind damit die lebensverbessernden, -bejahenden Teile von Nachhaltiger Entwicklung, vornehmlich der sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit. Mit viel Aufwand wurde seit 2015 die BNE in Deutschland vorangetrieben, um dem SDG 4.7 „Bildung für nachhaltige Entwicklung und globale Bürgerschaft“ gerecht zu werden, blieb jedoch zunächst bei der Perspektive der tradierten Akteure (vgl. Singer-Brodowski, 2016). In akademischen Kreisen wurde dies durchaus kritisch debattiert (vgl. unter vielen anderen Scheunpflug & Schröck, 2002), erreichte aber nicht den öffentlich wahrgenommenen Mainstream „grüne, globale Nachhaltigkeit“ mit dem oben erwähnten geforderten Altruismus.

Der Backlash in der öffentlichen Wahrnehmung von Nachhaltiger Entwicklung richtet sich nach unserer Erfahrung in erster Linie gegen diese tradierte Perspektive der „grünen, globalen Nachhaltigkeit“ als eines altruistischen Verzichts aus ethischen Gründen.  Im Kontext des  unternehmerischen Handelns wandelt sich jedoch die Einordnung von Nachhaltigkeit fundamental. In den Qualifizierungen und Sondierungsgesprächen wurde Nachhaltige Entwicklung als ein Konzept vermittelt und verstanden, das den Rahmen für Gestaltungskompetenzen, vernetztes Denken, soziale Entwicklungen und Transformation setzt.  Ökologische und altruistische Bezüge wurden zwar weiterhin wahrgenommen, vor allem bei der jüngeren Generation, der Denkraum hat sich jedoch sichtlich erweitert. Das ist nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass mit der Vermittlung der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit und den SDGs die umfassenden Bezüge zu Wirtschaft und Gesellschaft deutlich wurden.

Eine analoge Verbreiterung der Perspektive auf BNE in der allgemeinen Bildung, also das Einführen von Nachhaltiger Entwicklung als Grundmuster der Zukunftsbewältigung – oder wie wir titeln „Vom grünen Add-On zum Betriebssystem“ – stockt hingegen (vgl. Holst et al., 2024; News4teachers, 2026). Die Gründe für das Beharren auf der eingeschränkten Sichtweise der „grünen, globalen Nachhaltigkeit“ in der Allgemeinen Bildung mögen vielfältig sein, haben jedoch in aller Regel etwas mit der Struktur der Allgemeinbildung zu tun, welche ihre Vorgaben von der Gesellschaft – mit dem erwähnten Mainstream „grüne, globale Nachhaltigkeit“ – über die Politik und Kultusministerien bekommen (vgl. Fend, 2009). BBNE, also die Berufsbildung, jedoch ist auch bestimmt durch die Bedürfnisse und Vorgaben der Unternehmen und damit deren Perspektive auf Zukunft (de Haan et al., 2021).

Der genannte Perspektivwechsel lässt sich zugespitzt mit einer Gegenprobe darstellen:

Welche Unternehmung möchte schnell vergehen?

Tatsächlich ist dies der Gegenpol zu einer auf Dauer angelegten Entwicklung einer Unternehmung, also dem Wortsinn nach einer nachhaltigen Entwicklung. Unternehmen und in ihnen Verantwortliche verstehen diese Polarität im Kontext der Nachhaltigen Entwicklung des Geschäftsumfeldes, also der Gesellschaft, welche weltweit in der Agenda 2030 manifestiert ist. Sie verstehen diese Polarität in Anbetracht von Investitionsentscheidungen mit Planungshorizonten von bis zu 50 Jahren und darüber hinaus (Exploration von Ölfeldern, Bergbau, Energiewirtschaft, Infrastruktur, Kaianlagen, Agrarflächen, Fischgründe …). Systemdenken hat sich seit den 1950ern etabliert (vgl. Vester, 1999) und ist seit den 1970ern als zu fördernde Kompetenz nicht nur im Managementkontext, sondern in der Breite der Bildung als Forderung fest verankert (vgl. Senge, 1990). Vor allem in den Sondierungsgesprächen mit Betrieben wurde die Notwendigkeit einer zukunftsgerichteten Systemperspektive über alle Unternehmensgrößen und Entscheidungsebenen hinweg hervorgehoben.  Hinzu kommt die Einsicht durch disruptive Vorgänge der letzten Jahre, dass die sehr stabilen Zeiten der letzten Jahrzehnte vorbei sind. Unternehmen registrieren die Transformation und beginnen darauf zu reagieren. Zerweck et al. (2026) zeigen wie sehr ältere Paradigmen der Betriebswirtschaft neu hinterfragt werden. So wird z.B. das Primat der Rentabilitätsorientierung dem (wiederentdeckten) Primat des Überlebenshintangestellt– Rentabilität bleibt notwendiges Mittel, verliert aber seine Vorrangstellung.

Wenn sich Unternehmen also für die Transformation rüsten, richten sie sich dabei zunehmend an Nachhaltigkeitsprinzipien aus. Sowohl reaktive als auch proaktive Bewältigungsstrategien zielen im Umgang mit Transformation darauf ab, Entwicklungen nachhaltig zu gestalten, um das Überleben erhaltenswerter Systeme und Zivilisationsanteile als notwendige Grundlage von Unternehmen in möglichen Zukünften zu sichern. Nachhaltigkeit ist daher strategischer Selbstzweck von Unternehmen und muss als solcher in ihnen verankert werden. An dieser Stelle treten Weiterbildungserfordernisse zu Tage. Mehrere aktuelle Untersuchungen belegen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Nachhaltigkeitsengagement von Unternehmen und ihrem Weiterbildungsbedarf. Die IW‑Weiterbildungserhebung 2023 zeigt, dass ökologische Nachhaltigkeit und Digitalisierung zentrale Treiber für neue Qualifikationsanforderungen sind; Unternehmen, die sich intensiver mit nachhaltigen Maßnahmen beschäftigen, berichten häufiger von zusätzlichem Weiterbildungsbedarf, um Transformationsprozesse erfolgreich umzusetzen (Köhne-Finster & Seyda, 2024). Auch die TÜV‑Weiterbildungsstudie 2024 unterstreicht, dass die Klimakrise und der Druck zu nachhaltigem Wirtschaften neue Kompetenzen erfordern und damit den Bedarf an Fortbildungen in Unternehmen weiter erhöhen (TÜV-Verband e. V., 2024). Eine wissenschaftliche Analyse in der Zeitschrift für Weiterbildungsforschung bestätigt diesen Befund: Die sozio‑ökologische Transformation beeinflusst nicht nur die Berufsbildung, sondern ist ohne gezielte betriebliche Weiterbildung kaum realisierbar, wodurch ein wechselseitiger Verstärkungseffekt entsteht (Baum et al., 2024). Ergänzend zeigt eine Auswertung des BIBB‑Betriebspanels, dass Nachhaltigkeit in Betrieben zunehmend als Kompetenzthema verstanden wird und entsprechende Weiterbildungsaktivitäten an Bedeutung gewinnen (Mohr, 2024).

Der vorliegende Beitrag versteht sich als theoretisch informierte Reflexion von Praxiserfahrungen im Sinne einer Umsetzungsforschung. Er erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, sondern auf eine systematisch begründete, durch Literatur triangulierte Interpretation der gewonnenen Erkenntnisse. Die im Beitrag formulierten fünf Leitfragen wurden im Verlauf der projektbegleitenden Auswertung entwickelt. Sie verdichten wiederkehrende Themen und Herausforderungen, die sich in den Sondierungsgesprächen (30), den Qualifizierungsmaßnahmen (150), den Design-Thinking-Prozessen mit Weiterbildungsanbietern (11) sowie den fachlichen Diskussionen auf Tagungen und Netzwerktreffen zeigten. Die Leitfragen dienen somit als heuristische Struktur einer theorieinformierten Reflexion im Sinne der Umsetzungsforschung.

2 Wie stellen sich Unternehmen vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen zu den Themen der nachhaltigen Entwicklung?

Deutschland scheint traditionell eher eine ordnungspolitische Kultur in Bezug auf die Einbindung von Unternehmen in gesamtgesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen zu haben. Der internationale Zugang zum Thema der Einbindung von Unternehmen unterscheidet sich, wie beispielhaft die Bewegung „Inner Development Goals (IDG) – a non-profit initiative committed to fostering inner development towards more sustainable futures“ zeigt. Die Einbindung erfolgt mittels intensiven Einsatzes von Unternehmen für den gesamtgesellschaftlichen Wandel zu einer Nachhaltigen Entwicklung. Die genannte Initiative baut auf Netzwerkarbeit, um nötige Kompetenzen zur Bewältigung der Transformation zur Nachhaltigen Entwicklung in Unternehmen, Organisationen, Körperschaften aufzubauen. Sie tut dies abseits von ordnungspolitischen Vorgaben, auch im Sinne, dass diese nicht ausreichten. Zu den Gründungs- und Unterstützerunternehmen zählen internationale Größen, aber auch europäische, bzw. deutsche, wie Telekom, BMW-Foundation, Merck, Novartis, IKEA, Haufe Akademie u.a. Laut Eigenaussage umfasst das Partnernetzwerk Unternehmen mit 1,2 Millionen Beschäftigten, 450 Milliarden € Gewinn und 2,3 Billionen € Markkapitalisierung (Inner Development Goals – Inner Growth for Outer Change, 2026). In Workshops mit Ausbildenden wurde mehrfach thematisiert, dass das eigene Unternehmen Nachhaltigkeit zunehmend nicht deshalb verfolgt, weil politische Vorgaben dies verlangen, sondern weil es Nachhaltige Entwicklung als strategische Voraussetzung für die eigene Zukunftsfähigkeit begreift und sich entsprechend als aktiver Gestalter versteht. Vor allem die soziale Nachhaltigkeit und damit verbundenen Vorteile der Mitarbeitergewinnung und -bindung rufen das höchste Interesse hervor. Der Workshop „Azubis gewinnen - Teamkultur gestalten: Impulse für eine moderne und nachhaltige Ausbildung“ wurde mehrfach angeboten und konnte hohe Teilnehmendenzahlen verzeichnen. Hier wurden Themen wie Kommunikation, Mitbestimmung, Verantwortung, Engagement und Gesundheit am Arbeitsplatz vorgestellt und in Übungen reflektiert. Für die Teilnehmenden erweiterte sich vor allem der Horizont auf die sozialen Aspekte Nachhaltiger Entwicklung und deren konkreter Mehrwert für das Unternehmen.

Die Deutsche Situation mit Bezug zum Wandel in Unternehmungen wurde im Rahmen eines Symposiums „Kompetenzentwicklung unter Transformationsdruck: Neue Gestaltungsfelder betrieblicher Weiterbildung“ auf der Jahrestagung der DGfE Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik 2025 anhand von vier Projekten am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) diskutiert. Die Erkenntnisse des Symposiums werden in Zerweck et al. (2026) gezeigt. Als zentraler Wandel in der Einstellung der Unternehmen ist die Anpassung an die begonnene Transformation zu sehen. Der Charakter der Transformation wird als multi-dimensional und aktuell ungerichtet verstanden, gekennzeichnet durch gleichzeitige, vielfältige Herausforderungen. Unternehmen reagieren auf ein als höchst unkalkulierbar wahrgenommenes Geschäftsumfeld der Zukunft mit Maßnahmen der Resilienz und der Antizipation des zukünftigen Geschäftsfeldes (vgl. Zerweck et al., 2025). Hier nehmen die Agenda 2030 und ihre SDGs eine entscheidende Rolle ein. Nachhaltige Entwicklung, übersetzt in langfristige Entwicklungsziele der Weltpolitik und eingeschrieben in konkrete Absichtserklärungen einzelner Staaten und Staatenverbünde, wird als valider Orientierungsrahmen mit vielfältigen Szenarien und als Grundlage für eigenes Handeln genommen.

Zerweck et al. (2026) zeigen zudem anhand von Unternehmensbeispielen und Forschungsprojekten des f-bb, dass Unternehmen Nachhaltige Entwicklung zunehmend auf der normativen Ebene ihrer Unternehmensführung verankern – nicht als externe Compliance-Anforderung, sondern als strategische Orientierung angesichts eines hochdynamischen Transformationsumfelds. Dabei verschiebt sich das Paradigma vom kurzfristigen Return on Investment hin zum langfristigen Überleben, von reiner Effizienz hin zu Resilienz. Unternehmen, die Nachhaltige Entwicklung so als „Leitstern" nutzen, können Weiterbildungsbedarfe antizipativ – also bevor konkrete Defizite sichtbar werden – aus strategischen Zielen ableiten, und gestalten betriebliche Bildung damit auf drei Ebenen: normativ durch Wertsetzung, strategisch durch Kompetenzmodelle und taktisch-operativ durch konkrete Qualifizierungsmaßnahmen.

Sicher gilt dieser als Wertewandel beschreibbare Perspektivwechsel (noch) nicht für alle Unternehmen, vor allem nicht gleichermaßen für unterschiedliche Unternehmensgrößen und Branchen. In der Nahrungsmittelbranche (vgl. Pricewaterhouse Coopers, 2025), dem Tourismus (vgl. Schmücker et al., 2025) und der Bekleidungsbranche (vgl. Abbate et al., 2023; Stamm et al., 2019, S. 39–42) ist die Orientierung an nachhaltiger Entwicklung durch vielfältige Kundenwünsche, die unmittelbare Gefährdung der Rohstoffquellen (u.a. durch den Klimawandel und Erschöpfung der Ressourcen) sowie die Aufmerksamkeit der Kund*innen für Herstellungsbedingungen jedoch bereits ein durchgängiges Thema, wenn auch nach Kundensegmenten differenziert. Viele dieser Marktforderungen stellen sich jedoch als Hygienefaktoren – im Sinne Herzbergs im Kano-Modell als Basis-Merkmale auf Produkte übertragen – dar und lassen sich daher nur schwer in Geschäftsmodellen monetär beziffern, bzw. konkreten Ausgabebereitschaften von Kund*innen gegenüberstellen,

In der Versicherungsbranche gilt Nachhaltigkeit hingegen bereits als Paradigma, wie unter anderem auf der SIC – Sustainable Insurance Convention 2025 zu erfahren war. Bereits 1973 warnte Munich Re vor dem Klimawandel und seinen Folgen. Henri de Castries brachte 2015 als damaliger CEO der AXA Group die Problematik auf den Punkt: „Eine Welt mit 4 Grad Erwärmung ist nicht versicherbar.“ Die Aussage scheint zum Identifikationssatz der Branche erhoben worden zu sein (vgl. Hutterer, 2025).

Der Sustainability Transformation Monitor (Reppmann et al., 2026) beschreibt für Deutschland eine Situation, in der 70 % der Unternehmen eine Verantwortung für Nachhaltige Entwicklung auf Vorstands- bzw. Geschäftsführungsebene verankert haben und ein Nachhaltigkeitsmanagement weiterhin die Regel ist, gleichzeitig aber 83 % bei dem Thema Nachhaltigkeit keinen klaren Business Case in ihrem Unternehmen sehen. Der Monitor bildet jedoch eher die klassische Vorstellung von Nachhaltigkeit im Bereich Umwelt, Klima und Energie ab. Das große Feld der sozialen Nachhaltigkeit, ist jedoch nur schwer monetär in Business Cases zu integrieren und zahlt eher auf Mitarbeitenden- und Geschäftsfeldentwicklung ein.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Unternehmen Nachhaltigkeit zunehmend als integralen Bestandteil ihrer langfristigen Wertschöpfung und Risikosteuerung begreifen und ihre Geschäftsmodelle entsprechend transformieren, von einem grünen Add-On zum Betriebssystem der Unternehmen (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Der Perspektivwechsel zu einer integralen Nachhaltigkeitsvorstellung lässt sich auch am Wandel der Modelle der Nachhaltigkeit mit Bezug zu den drei Bereichen zeigen: Vom Drei-Säulenmodell (links) über das drei Felder- oder Dimensionen-Modell (Mitte) zum integrativen Nachhaltigkeitsmodell (rechts) (Quelle: eigene Darstellung nach Enquete-Kommission, 1998; Giddings et al., 2002; Ott & Döring, 2011)Abbildung 1: Der Perspektivwechsel zu einer integralen Nachhaltigkeitsvorstellung lässt sich auch am Wandel der Modelle der Nachhaltigkeit mit Bezug zu den drei Bereichen zeigen: Vom Drei-Säulenmodell (links) über das drei Felder- oder Dimensionen-Modell (Mitte) zum integrativen Nachhaltigkeitsmodell (rechts) (Quelle: eigene Darstellung nach Enquete-Kommission, 1998; Giddings et al., 2002; Ott & Döring, 2011)

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Qualifizierungsangebote im Projekt auch bedarfsgerecht entwickelt werden. Aufbauend auf den Grundlagen der BBNE wurden Workshops zielgruppenspezifisch an unterschiedliche Voraussetzungen und Branchen angepasst. So entstanden unter anderem Formate für Ausbildende in kaufmännischen Berufen, für das produzierende Gewerbe, therapeutischen Berufen sowie für Unternehmen mit unterschiedlichen Entwicklungsständen im Bereich Nachhaltigkeit – von Organisationen mit ersten Berührungspunkten bis hin zu Unternehmen mit bereits etablierter Nachhaltigkeitsstrategie.

3 Welche Herausforderungen bestehen bei der strategischen Umsetzung und Verankerung von BBNE?

Die in Kapitel zwei beschriebene normative Neuausrichtung von Unternehmen hin zu Nachhaltiger Entwicklung als strategischem Orientierungsrahmen ist für viele Betriebe (selbst jener, die die Neuausrichtung vollziehen) noch kein selbstverständlicher Ausgangspunkt für Kompetenzentwicklung im Sinne von BBNE.

Ein hier anzumerkender Effekt ist die Verankerung von Nachhaltiger Entwicklung in Teilen von Unternehmen als Berichtserstattung: diese wird auch genutzt, um ordnungspolitischen oder Kunden-Vorgaben zu genügen, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing damit zu machen oder andere Effekte mit dem Ergebnis der Berichterstattung zu erzielen. Auch die Veränderungswirkung der Berichterstattung nach innen ist hierunter zu zählen, also Veränderungen, die betrieben werden, um eine bessere Berichterstattung zu erhalten. Diese durchaus positiven und gewollten Auswirkungen der Berichterstattung wirken sich aber nicht auf BBNE aus, allenfalls im konkreten Kontext der Berichterstattung selbst. So berichteten die Weiterbildungsanbieter in den Design-Thinking Prozessen vor allem von bestehenden Qualifizierungen zur Erstellung der Nachhaltigkeitsberichte, aufgrund der Nachfrage von Unternehmen. Auswirkungen auf die allgemeine Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten zum Thema Nachhaltige Entwicklung wurden in diesem Zusammenhang nicht berichtet. Diese kommen erst zustande, wenn Nachhaltige Entwicklung als Teil der Unternehmensstrategie angenommen wird. Dies ist jedoch nur eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung für BBNE.

Denn darüber hinaus zeigt sich aus den Sondierungsgesprächen in BBNE-EcoNet, dass zwischen dem grundsätzlichen Bekenntnis zur Nachhaltigkeit und ihrer konkreten Verankerung in Ausbildung und Weiterbildung erhebliche Lücken bestehen. Eine zentrale Herausforderung liegt dabei in der Ebenenlogik selbst: Wie Zerweck et al. (2026) zeigen, fehlt es insbesondere bei KMU häufig an strategischer Orientierung – auf operativer Ebene ist der Wille zur Weiterbildung durchaus vorhanden, es fehlen jedoch Überlegungen dazu, wer sich mit welchem Ziel weiterbilden sollte und wie dies mit übergeordneten Unternehmenszielen zusammenhängt. Ohne eine bewusste normative Setzung und ein darauf aufbauendes aktives Kompetenzmanagement bleibt BBNE damit ein reaktives Thema. Unternehmen geraten so in die Defensive: Sie reagieren auf Entwicklungen, statt sie durch antizipative Kompetenzentwicklung aktiv mitzugestalten und BBNE umgekehrt zur Transformation zu nutzen. Dies betrifft nicht nur BBNE, sondern generell Kompetenzentwicklung für die Transformation (Zerweck et al., 2025). Die entscheidende Herausforderung liegt damit in der normativen Verankerung von Nachhaltiger Entwicklung, aber nicht nur, sondern auch in der aktiven Übersetzung auf den Zwischenebenen – ohne diese bleibt selbst ein aufrichtiges Bekenntnis ohne Wirkung auf die Kompetenzentwicklung.

Eine weitere Herausforderung, die sich im Projekt deutlich zeigte, betrifft das Selbstverständnis von BBNE im Betrieb: Solange Nachhaltigkeit als „grünes Add-on“ verstanden wird, das bestehende Ausbildungsinhalte ergänzt, bleibt ihre Integration in betriebliche Lernprozesse strukturell begrenzt. Die Verankerung als „Betriebssystem“ – also als querschnittliche Grundlage unternehmerischen Handelns – erfordert demgegenüber einen Kulturwandel, der über einzelne Bildungsmaßnahmen hinausgeht und die normative sowie strategische Ebene des Unternehmens einschließt. Berufsbildungspersonal steht dabei vor der Aufgabe, BBNE nicht nur inhaltlich zu vermitteln, sondern in betriebliche Strategieprozesse einzubetten. Nach den Projekterfahrungen sind Ausbildende dafür in den wenigsten Fällen ausreichend qualifiziert und institutionell gestützt.

In den Sondierungsgesprächen  berichteten Unternehmensvertreter*innen von einem pragmatischen Umgang mit dieser Herausforderung: Einige Unternehmen setzen BBNE bei Auszubildenden gezielt als Türöffner ein, um die bestehende Belegschaft insgesamt für das Thema Nachhaltige Entwicklung zu sensibilisieren. Die Ausbildung fungiert dabei als Einstiegspunkt, von dem aus Impulse für die taktische und strategische Ebene des Unternehmens ausgehen – mit dem Ziel, dort nötige Kompetenzentwicklung anzustoßen. Dieser „Bottom-up“-Moment innerhalb einer eigentlich „Top-down“-Logik zeigt, wie vielschichtig die Verankerungsprozesse in der Praxis verlaufen und welche strategische Bedeutung, aber auch Herausforderung der Ausbildung dabei zukommen kann.

Eine weitere Herausforderung ist die fachspezifische Umsetzung von BBNE: Gerade die Berufsbildung hat gegenüber der Allgemeinen Bildung den Vorteil, Menschen nah am Tun zu erreichen. Dafür muss sich aber BBNE ebenfalls konkret an diesem Tun orientieren, also fachspezifisch werden. Eine grundsätzliche, überfachliche BBNE ist als Initiator, auf Metaebene für Berufsbildende nötig. Hier konnte das Projekt BBNE-EcoNet bei Ausbildungsverantwortlichen und Weiterbildungsanbietern viel anstoßen, z. B. durch Design Thinking Prozesse bei Weiterbildungseinrichtungen BBNE-Angebote initiieren oder Ausbildende und Prüfende durch Vorträge und Workshops für das Thema öffnen. Auf dieser Basis können Berufsbildende fachspezifische Anwendungen und Aufgaben für BBNE ableiten. Das Projekt „Nachhaltigkeit in Versicherungs- und Beratungsberufen“ (NaVeBb) – ebenfalls im Förderprogramm „Nachhaltig im Beruf – zukunftsorientiert ausbilden (NIB)“ – zeigt z. B. durch eine Fokussierung auf konkrete Berufe – hier Kaufmann/frau für Versicherungen und Finanzanlagen und Steuerfachangestellte/r –, wie solch eine fachspezifische Umsetzung funktionieren kann (BWV, 2026).

4 Wie wird BBNE als Basis für Innovation und Transformation bei Menschen und auch in Organisationen verstanden? Warum ist diese Perspektive bereits in der Ausbildung relevant?

Innovation entsteht nicht allein durch technologische Impulse, sondern durch veränderte Denk‑ und Handlungsmuster, die systemisches Verständnis, antizipatives Entscheiden und die Fähigkeit zur Reflexion einschließen (UNESCO, 2017). Unternehmen erkennen zunehmend, dass Transformationsfähigkeit eine personale wie organisationale Kompetenz ist, die nur dann wirksam wird, wenn sie breit verankert und kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Gerade in der beruflichen Erstausbildung gewinnt diese Perspektive besondere Relevanz. Hier werden grundlegende professionelle Habitusformen, Problemlösestrategien und Zukunftsbilder geprägt, die später das Handeln in betrieblichen Kontexten bestimmen. Auszubildende agieren als frühe Träger neuer organisationaler Logiken und können Impulse in bestehende Strukturen hineintragen – ein Effekt, der im Austausch mit Unternehmen mehrfach berichtet wurde. Die Ausbildung fungiert damit als strategischer Hebel, um nachhaltigkeitsbezogene Kompetenzen nicht nur zu vermitteln, sondern in der Breite der Organisation zu verankern. Sie schafft Räume, in denen junge Menschen systemische Zusammenhänge erkennen, Zielkonflikte reflektieren und nachhaltigkeitsorientierte Lösungswege erproben können. In einer Situation, in der Unternehmen sich auf ein hochdynamisches, vielfach ungerichtetes Transformationsumfeld einstellen müssen, wird BBNE so zu einem zentralen Baustein organisationaler Innovationskulturen. Die frühzeitige Integration dieser Perspektive in die Ausbildung trägt dazu bei, Transformationsfähigkeit nicht reaktiv, sondern antizipativ aufzubauen und nachhaltige Entwicklung als selbstverständlichen Bestandteil beruflicher Professionalität zu etablieren.

Auszubildende haben oft konkrete Vorstellungen, wie sich das eigene Unternehmen stärker mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen kann. Das Format „Mission Nachhaltigkeit: deine Rolle im globalen und sozialen Wandel“ richtet sich explizit an Azubis und ihre Ausbildende aller Branchen. Nach einer Auseinandersetzung mit Nachhaltiger Entwicklung, den Rahmenbedingungen in der Ausbildung und rechtlichen Grundlagen wurde der Fokus auf die Förderung der Gestaltungskompetenz gelegt. Azubis sammelten Ideen entlang der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit, die im Betrieb weiterverfolgt werden sollten. Viele davon machen den Lernort Betrieb nachhaltiger: Nutzung Solar- oder Windenergie, konsequentere Mülltrennung, mehr Bäume, ein Insektenhotel. Viele Ideen bewegen sich aber auch im sozialen Miteinander, wie z. B. gesunde Mittagspausen, Bewegung im Team, Kommunikationstrainings, soziales Engagement oder in der Einsparung von Energie und Ressourcen wie z.B. Hinweise zum Ausschalten von Geräten und Licht, sparsamer Umgang mit Material. Die Ideen sind eine Mischung zwischen kleinen handhabbaren Projekten, die Azubis mit der Unterstützung der Ausbilder*innen selbst angehen können, und größeren Visionen, die an Fach- und Führungskräfte gerichtet sind. Wichtig ist, der Ideenfindung im Anschluss auch Raum und Möglichkeit für die Umsetzung zu geben. Andernfalls sinkt die Motivation sich aktiv im Unternehmen zu beteiligen.

5 Welche Kompetenzen für Nachhaltigkeit sollten in der Ausbildung verankern werden? Welche Qualifizierungsformate haben sich bewährt?

Die Bemühungen Deutschlands für das SDG-Unterziel 4.7 „Bildung für nachhaltige Entwicklung und globale Bürgerschaft“ und auch bereits vor der Verabschiedung der Agenda 2030 und ihrer SDGs 2015 für den Themenkomplex sind unbenommen und tragen Früchte: Die Kenntnis junger Menschen über die Agenda 2030, die Notwendigkeit die planetaren Grenzen einzuhalten, also einer Nachhaltigen Entwicklung, den SDGs etc. pp. ist heute deutlich ausgeprägter und weitet sich auch über die ökologische Dimension hinaus, wie das Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometer 2025 zeigt. Sein Untertitel schreibt: „Sozioökonomische Themen gewinnen die Oberhand“ (Kress, 2025). Laut des Barometers ist Nachhaltigkeitsbewusstsein bei Jugendlichen seit 2011 – der Veröffentlichung des ersten Greenpeace Nachhaltigkeitsbarometers – nachweislich stark gewachsen und in Schulen deutlich breiter verankert. Gleichzeitig fühlen sich jedoch nur je nach befragter Gruppe (Schüler*innen, Studierende und Auszubildende) rund 17 % bis 27 % gut auf ihre Zukunft vorbereitet. Nachhaltigkeit sei als Thema angekommen, aber junge Menschen sind frustriert, u. a. wegen mangelnder Aussicht auf Handlungsoptionen. Auch jüngeren Ausbildenden und Akteur*innen bei Weiterbildungsanbietern sind die grundlegenden Begriffe und Fakten eher bekannt als Älteren, so die Erfahrung aus den Workshops und Design-Thinking-Prozessen. Es mangelt weniger an Wissen, aber an Handlungsbefähigung, auch um aus der Frustration herauszuführen.

Die Kompetenzvermittlung für Nachhaltige Entwicklung in der Ausbildung kann sich also bezüglich des Wissens (also die Faktenvermittlung) teilweise auf eine Wiederholung von bereits behandeltem Schulwissen zurücknehmen und sich stärker auf die Kompetenzvermittlung im Sinne von Handlungsbefähigung konzentrieren.

Die Gestaltungskompetenz nach de Haan (2008) bietet hierfür einen etablierten Rahmen: Sie bündelt in zwölf Teilkompetenzen die Fähigkeiten, die notwendig sind, um Zukunft aktiv mitzugestalten – darunter vorausschauendes Denken, das Erkennen und Verstehen globaler Zusammenhänge, interdisziplinäres Handeln, die Fähigkeit zur Partizipation und Kooperation sowie die Reflexion eigener Leitbilder und Werte. Die UNESCO (2017) konkretisiert ähnliche Anforderungen in acht Schlüsselkompetenzen für Nachhaltige Entwicklung: Systemdenken, Antizipation, Normativität, Strategieentwicklung, Kollaboration, kritisches Denken, Selbstreflexion und integriertes Problemlösen. Beiden Ansätzen gemeinsam sind dabei vor allem drei Kompetenzbereiche: erstens die Fähigkeit, in komplexen, vernetzten Systemen zu denken und zu handeln; zweitens die Fähigkeit zur Antizipation – also zukünftige Entwicklungen vorauszudenken und daraus Handlungsoptionen abzuleiten; und drittens die Reflexions- und Kooperationsfähigkeit als Grundlage für kollektives, verantwortungsvolles Handeln. Diese Kompetenzen sind nicht durch Wissensvermittlung allein erreichbar, sondern erfordern erfahrungsbasierte, handlungsorientierte Lernformen.

Ausbildende, vor allem jene, die in ihrer eigenen Bildung nicht mit den Themen der Nachhaltigen Entwicklung in Kontakt kamen, müssen sich also nicht nur mit den zu vermittelnden Fakten beschäftigen, sondern fragen, ob sie jene Handlungskompetenzen selbst besitzen und vor allem weitergeben können. Größere Unternehmen berichten in Sondierungsgesprächen selbstverständlich von regelmäßigen, verpflichtenden Weiterbildungen für ihre Ausbildenden. Viele KMU hingegen besitzen solche Verfahren nicht und die einmal erworbene Ausbildungsberechtigung ist an keine fortlaufende Weiterbildungspflicht gebunden.

Als eine Konsequenz aus dem vorgenannten wurde im Projekt der Azubi-Workshop „Mission Nachhaltigkeit: deine Rolle im globalen und sozialen Wandel“ entwickelt, der sich an Azubis und ihre Ausbildenden richtet. Durch die Beteiligung der Ausbildenden des Betriebs, werden diese für das Thema aktiviert und lernen, BBNE später selbstständig in den Betrieb zu tragen. Das eigentliche Ziel des Workshops ist es daher ausdrücklich, die Ausbildenden zu bilden.

6 Welche Netzwerk- und Kooperationsstrukturen sind notwendig, um den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen (innerhalb und außerhalb der jeweiligen Domänen Betrieb, Berufsschule, Bildungsträger und den damit verbundenen Lernorten)?

Nachhaltige Entwicklung ist ein komplexes, systemisches Thema, dessen Bewältigung die Zusammenarbeit verschiedener Lernorte zwingend voraussetzt, da keiner von ihnen die dafür notwendigen Kompetenzen allein vermitteln kann. Netzwerk‑ und Kooperationsstrukturen eröffnen Zugang zu vielfältigen Wissensbeständen, die für Transformationsprozesse zentral sind, und schaffen Resonanzräume, in denen neue Ideen erprobt, reflektiert und weiterentwickelt werden können. Gleichzeitig erhöhen sie die Verbindlichkeit gemeinsamen Handelns, weil abgestimmte Ziele und kooperative Maßnahmen die Umsetzung von BBNE in der Breite erleichtern. Dabei stehen neben Betrieben auch Berufsschulen, Weiterbildungsanbieter und Multiplikatoren im Fokus.

Betriebe benötigen interne Lern‑ und Austauschformate, in denen Ausbildungsverantwortliche, Nachhaltigkeitsbeauftragte, Fachabteilungen und strategische Ebenen gemeinsam an Zukunftsfragen arbeiten. Solche „interdisziplinären Lernräume“ schaffen die Voraussetzung, Nachhaltigkeit nicht als isoliertes Thema, sondern als Querschnittsaufgabe zu verstehen. Berufsschulen profitieren von schulübergreifenden Fachnetzwerken, die Curricula, Unterrichtsmaterialien und fachspezifische BBNE‑Ansätze gemeinsam weiterentwickeln oder fächerübergreifenden Projekten. Bildungsträger benötigen wiederum Kooperationsverbünde, um Bedarfe aus der Praxis frühzeitig zu erkennen und Weiterbildungsangebote adaptiv auszurichten.

Die Kooperationen zwischen den Lernorten und Netzwerkpartnern ermöglichen es, unterschiedliche Logiken – betriebliche Wertschöpfung, pädagogische Professionalität, regulatorische Anforderungen – miteinander in Beziehung zu setzen. Besonders wirksam sind:

  • Regionale BBNE‑Cluster lassen sich als kooperative Entwicklungsräume beschreiben, in denen Unternehmen, berufliche Schulen, Kammern, Verbände sowie zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam an der systematischen Verankerung nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzen arbeiten. Sie fungieren als regionale Innovationsstrukturen, die den Austausch zwischen den beteiligten Akteursgruppen fördern, praxisnahe Lösungsansätze entwickeln und Transformationsprozesse in Wirtschaft und Bildung unterstützen. Durch die Bündelung unterschiedlicher Perspektiven entstehen synergetische Effekte, die sowohl die curricularen Entwicklungen in der beruflichen Bildung als auch nachhaltigkeitsorientierte betriebliche Veränderungsprozesse vorantreiben.

Ein exemplarisches Modell hierfür stellt das Projekt BBNE Hubs dar, das ebenfalls im Rahmen der NIB Förderlinie umgesetzt wird. Die Hubs (Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Schleswig-Holstein) dienen als regionale Knotenpunkte, die Vernetzungsprozesse strukturieren, Qualifizierungsangebote für Lehr- und Ausbildungspersonal bereitstellen und Betriebe bei der Integration nachhaltigkeitsbezogener Inhalte in Ausbildungs- und Arbeitsprozesse unterstützen. Im Austausch berichten sie über die Initiierung von Modellvorhaben, Analyse regionaler Bedarfe und die Entwicklung darauf abgestimmter Unterstützungsformate. Damit tragen sie wesentlich dazu bei, nachhaltige Berufsbildung als Querschnittsaufgabe in regionalen Bildungs- und Wirtschaftsstrukturen zu etablieren.

  • Lernortkooperationen zwischen Betrieben, Berufsschulen und weiteren Bildungsakteuren gelten als zentraler Hebel, um Berufliche Bildung systematisch im Sinne nachhaltiger Entwicklung weiterzuentwickeln. Die Bewältigung komplexer Anforderungen nachhaltigkeitsorientierter Transformationsprozesse gelingt nur dann, wenn Lernorte ihre jeweiligen Perspektiven, Ressourcen und Expertise bündeln. Das BNE-Partnernetzwerk Berufliche Bildung, eingebettet in den Nationalen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Deutschland, fördert daher intensiv Lernortkooperationen, insbesondere zwischen Berufsschulen und Betrieben. In einem Positionspapier legten sie 2025 Empfehlungen für die Stärkung von Lernortkooperationen fest (BNE-Forum Berufliche Bildung, 2025). Durch abgestimmte Curricula, gemeinsame Projekte und kontinuierliche Kommunikation entstehen kohärente Lernarrangements, die Auszubildenden ermöglichen, Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe entlang realer Wertschöpfungsprozesse zu verstehen. Lernortkooperationen fördern zudem die Entwicklung von Gestaltungskompetenzen, indem sie Lernenden authentische Handlungssituationen eröffnen, in denen ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig stärken sie die Professionalität des Bildungspersonals, da Lehrkräfte und Ausbildende voneinander lernen, didaktische Innovationen teilen und gemeinsam neue Formen nachhaltigkeitsbezogener Kompetenzentwicklung erproben. Insgesamt tragen Lernortkooperationen damit maßgeblich dazu bei, BBNE strukturell zu verankern, institutionelle Silos aufzubrechen und die duale Ausbildung auf die Anforderungen einer sozial‑ökologischen Transformation auszurichten.
  • Branchenbezogene Netzwerke, wie das Projekt KARE (Kompetenzen aufbauen für die Kreislaufwirtschaft) stärken Unternehmen und Beschäftigte darin, die Prinzipien der Nachhaltigen Entwicklung branchenspezifisch (in KARE die Kunststoffwirtschaft) praktisch umzusetzen. Von ressourcenschonenden Produktionsprozessen bis hin zu neuen Geschäftsmodellen, die z. B. bei der Kreislaufwirtschaft auf Wiederverwendung, Reparatur und Recycling setzen. Branchenbezogene Netzwerke ermöglichen den Austausch von Erfahrungen, Best-Practices und technischem Know-how. Durch die Bündelung von Perspektiven entlang ganzer Wertschöpfungsketten entstehen gemeinsame Standards, innovative Kooperationen und ein stärkeres Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung. Solche Netzwerke wirken damit wie Katalysatoren: Sie beschleunigen Lernprozesse, schaffen Vertrauen zwischen Akteuren und tragen dazu bei, dass nachhaltige Lösungen schneller in die Breite gelangen.

7 Fazit

Die Kapitel zwei bis sechs haben gezeigt, dass der Perspektivwechsel von Unternehmen hin zu Nachhaltiger Entwicklung als strategischem Selbstzweck weitreichende Konsequenzen für BBNE hat: Sie muss sich von einer reaktiven, wissensorientierten Ergänzung hin zu einem antizipativen, handlungsbefähigenden Ansatz betrieblicher Kompetenzentwicklung wandeln. Dazu muss sie auf normativer, strategischer und operativer Ebene verankert sein. Dafür braucht es qualifiziertes Berufsbildungspersonal, fachspezifische Umsetzungsformate und tragfähige Kooperationsstrukturen zwischen den Lernorten.

Die Ausrichtung von Unternehmen an Nachhaltiger Entwicklung ist nicht die Umsetzung von politischen Vorgaben im Sinne von ideologischen Strömungen. Vielmehr ist es die Konsequenz der seit den 1960er Jahren gereiften Erkenntnisse im Bereich systemisches Verständnis, Funktionsweise des planetaren Systems und Implikationen des menschlichen Handelns auf dieses System, wobei explizit soziale Systeme Teil des Gesamtsystems sind. Es ist auch die Konsequenz die Erkenntnisse auf individuelle Unternehmen anzuwenden. Die globalen SDGs und ihre regionalen Übersetzungen (auf die staatliche und lokale Ebene) sind dabei Leitplanken für Unternehmen, ebenso wie die bereits existierenden und zu erwarteten Ordnungsmaßnahmen (z. B. Gesetze). Die Transformation der Gesellschaft zu einem Handeln, das die planetaren Grenzen respektiert, ist unerlässlich, so die UN und Völkerrechtslage. Unternehmen, die das verstehen, nutzen die Transformation zur Prosperität und damit Nachhaltige Entwicklung als Betriebssystem. Sie nutzen BBNE aktiv, um ihre Belegschaft nicht nur mitzunehmen, sondern als Motor hierfür einzusetzen. Unternehmen sind unterschiedlich schnell darin, diese Veränderungen zu beginnen und zu vollziehen, auch abhängig der Branche und Klientel. Die Änderung der Perspektiven erfolgt in hohem Tempo und ist von der Forschung bisher quantitativ kaum nachvollzogen. BBNE ist jedoch nicht geeignet Unternehmen oder besser Entscheider von der Nachhaltigen Entwicklung zu „überzeugen“, sondern diese höchstens zu informieren und die Gestaltung in der betrieblichen Praxis einzuüben und zu fördern. Unternehmen, die Nachhaltige Entwicklung nicht adaptieren, weil sie ihr langfristiges Überleben nicht in den Blick nehmen, drohen durch die Transformation der Marktbereinigung gegenüber zu stehen.

Die dargestellten Ergebnisse beruhen auf einem Umsetzungsprojekt und erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität. Die Erkenntnisse basieren auf Sondierungsgesprächen, Reflexionen aus Qualifizierungsmaßnahmen sowie Erfahrungen aus der Projektarbeit und wurden theoriegeleitet interpretiert. Aussagen über die Verbreitung einzelner Entwicklungen in Unternehmen lassen sich daraus nicht ableiten. Weitere empirische Untersuchungen sollten prüfen, in welchem Umfang sich die beschriebenen Perspektivwechsel in unterschiedlichen Branchen und Unternehmensgrößen nachweisen lassen.

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Gelingensbedingungen und Hemmnisse bei der Umsetzung von BBNE an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Eine empirische Untersuchung mit der Fokussierung auf die beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik und Farbtechnik & Raumgestaltung.

1 Problemstellung

Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch den Klimawandel wurden in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene internationale Zielsetzungen entwickelt, um ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen zu begegnen. Dazu zählen unter anderem die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (2015). Diese globalen Zielsetzungen verfolgen das Ziel, nachhaltige Entwicklungsprozesse zu fördern und langfristig eine lebenswerte und zukunftsfähige Gesellschaft zu ermöglichen. Auch knapp ein Jahrzehnt nach ihrer Einführung bleibt der Klimawandel nichtsdestotrotz mit seinen weitreichenden Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft eine weiterhin reale und dringend anzunehmende Herausforderung (IPCC, 2023).

Um nachhaltige Lösungsansätze nicht nur zu entwickeln, sondern auch gesellschaftlich umzusetzen, ist ein breites gesellschaftliches Bewusstsein sowie entsprechendes Handeln erforderlich. Bildung kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Mit dem vierten Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen (2015), das eine hochwertige Bildung für alle Menschen anstrebt, soll die Fähigkeit der Gesellschaft gestärkt werden, nachhaltige Entwicklungsprozesse zu verstehen, kritisch zu reflektieren und aktiv mitzugestalten. In diesem Zusammenhang gilt Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) als zentraler Ansatz zur Förderung nachhaltigkeitsbezogener Handlungskompetenzen.

Auch in Deutschland wurden verschiedene bildungspolitische Maßnahmen entwickelt, um BNE stärker in Bildungsstrukturen zu integrieren. In Niedersachsen trat beispielsweise 2021 der BNE-Erlass in Kraft, der Schulen dazu auffordert, Bildung für nachhaltige Entwicklung stärker in schulische Strukturen und Unterrichtsprozesse zu integrieren und unter anderem BNE-Beauftragte für die Unterstützung dieser Umsetzungsstrukturen zu benennen (Niedersächsisches Kultusministerium, 2021). Bundesweit stellen für die berufliche Bildung zudem die seit dem 01. August 2021 geltenden Standardberufsbildpositionen einen wichtigen Schritt dar. Diese sehen vor, dass unter anderem Aspekte des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit verbindlich in allen neu geordneten Ausbildungsberufen berücksichtigt werden müssen (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2021). Zudem werden im Rahmen des Bundesinstituts für Berufsbildung Förderprogramme, Modellversuchsprogramme und Verbundprojekte entwickelt, gefördert und dargestellt (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2026). Es zeigt sich jedoch, dass die bestehenden Maßnahmen bislang nur begrenzt auf die spezifischen Anforderungen der beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik & Raumgestaltung ausgerichtet sind. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Notwendigkeit, den aktuellen Stand der BBNE-Umsetzung in den beruflichen Fachrichtungen des Bauwesens näher zu untersuchen.

Daher wird im Rahmen dieses Artikels in der beruflichen Bildung mit Fokus auf die beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik und Farbtechnik & Raumgestaltung angesetzt. Es wird untersucht, wie der Stand der beruflichen Bildung im Bereich des Bauwesens ist, um Ansätze zur Implementierung der beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung benennen und fördern zu können. Dabei wird folgender Forschungsfrage nachgegangen: Welche Ansatzpunkte braucht die berufliche Bildung, um Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Ausbildungsberufe des Bauwesens zu implementieren?

Zur Beantwortung dieser Frage wurden im Rahmen einer qualitativen empirischen Untersuchung 25 Lehrkräfte an zwölf berufsbildenden Schulen Niedersachsens befragt. Aus zeitlichen Gründen werden für die vorliegende Analyse lediglich zehn Interviews mit Lehrkräften aus den Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik & Raumgestaltung mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet und anschließend in den aktuellen Forschungsstand eingeordnet.

2 Forschungsstand

Im Rahmen der systematischen Literaturrecherche von Ohlwein (2025) wurde der in diesem Artikel identischen Forschungsfrage Welche Ansatzpunkte braucht die berufliche Bildung, um BBNE in die Ausbildungsberufe des Bauwesens zu integrieren? nachgegangen. Dabei wurden 1.091 empirische, theoretische, bilanzierende, informative und praxisbezogene Veröffentlichungen gesichtet und ausgewertet. Im Zuge dessen konnten vier Bereiche ausgewiesen werden, welche für die Implementierung von BBNE in die berufliche Bildung des Bauwesens berücksichtigt werden müssen: die Kompetenzanforderungen, didaktische Ausrichtung, Lernräume & Lernorte sowie Transferstrategien:

Abbildung 1

In Bezug auf die Kompetenzanforderungen zeigt die Analyse von Ohlwein (2025) eine notwendige Erweiterung der beruflichen Handlungskompetenz um System- und Gestaltungskompetenz (Maßmann, 2021) sowie Reflexions- und Partizipationsfähigkeit (Kuhlmeier & Vollmer, 2018; Schlömer, et al., 2017; Kuhlmeier & Zopff, 2023). Ein zentraler Aspekt ist die Auseinandersetzung mit den drei Nachhaltigkeitsstrategien: Effizienz (bsp. Ressourcenschonung), Konsistenz (bsp. naturverträgliche Stoffkreisläufe) und Suffizienz (bsp. maßvoller Verbrauch) (Reichwein, 2015; Schlömer, et al., 2017). Während Effizienz und Konsistenz oft auf technischen Innovationen beruhen, erfordert Suffizienz eine Verhaltensänderung, wie die Veränderung des Konsums und des eigenen Verhaltens (Stengel, 2011). Derzeit dominiert die Effizienzstrategie. Eine Verschiebung hin zum Ausgleich der Strategien und somit zur Vertiefung der Suffizienz in verantwortungsvollem Handeln ist jedoch dringend erforderlich (Reichwein, 2015; Schlömer, et al., 2017).

Abbildung 2

Ein wesentliches Ergebnis der systematischen Literaturrecherche von Ohlwein (2025) ist, dass Nachhaltigkeit in der Ausbildung nicht als bloßer Zusatz, sondern als inhaltliche und methodische Leitlinie verstanden werden muss. Dabei werden beispielsweise regelmäßig BBNE-Schwerpunkte, wie ökologische Schlüsselprobleme, in die Lernsituationen integriert, welche an die beruflichen Prozesse angepasst sind (Kuhlmeier & Vollmer, 2018). Grundlegend dafür ist die Formulierung nachhaltigkeitsorientierter Lernziele (Kuhlmeier & Zopff, 2023) und die Integration von partizipativen Gestaltungsaufgaben, wie etwa realen Reparatur- oder Sanierungsprozessen (Schönbeck & Hulsch, 2024; Röben, 2024). Durch derartige Aufgaben wird die Selbstwirksamkeit der Lernenden in Bezug auf die Mitgestaltung und Verantwortungsübernahme des nachhaltigen Wandels gestärkt. Ein Beispiel im Bauwesen ist dafür beispielsweise die ganzheitliche Arbeit an denkmalgeschützten Gebäuden (Zopff, 2022).

Abbildung 3

Realobjekte, wie beispielsweise die soeben genannte energetische Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes, bieten Erfahrungsräume, in denen historische Bauweisen mit moderner Technik verknüpft werden (Zopff, 2022; Kuhlmeier & Zopff, 2023). Wenn solche physischen Räume mit digitalen Formaten ergänzen werden, wird nachhaltiges Handeln zusätzlich in hybriden Lernumgebungen erlebbar (Zopff, 2022). Nowatschin (2023) betont die Offenheit, Flexibilität und Dynamik als Mehrwert für didaktisch optimierte Lernräume der Nachhaltigkeit. In Bezug auf das praxisbezogene Beispiel der BBS I Uelzen betont Nowatschin (2023, S. 51), dass nachhaltige Räume (in energetischer und didaktischer Hinsicht) notwendig sind, um nachhaltiges Denken und Handeln zu fördern. Die Gestaltung von Lernumgebungen werden auch im Sinne des Whole Institution Approaches betont, bei welchem die Ausgestaltung der Lernräume selbst in jeglicher Hinsicht nachhaltig sein müssen (Mertineit, 2019). Holst et al. (2024) betonen, dass im Zuge des Whole Institution Approaches hochwertige Bildung für nachhaltige Entwicklung dann stattfindet, wenn Wissen nicht nur vermittelt wird, sondern die Institution selbst - und damit auch die Lernräume - als lebendiges Vorbild dienen.

Abbildung 4

Damit die Integration der BBNE dauerhaft gelingt, bedarf es verbindlicher Transferstrategien. Ein entscheidender Hebel ist die Aufnahme von Nachhaltigkeitsaspekten in die Ordnungsmittel (Curricula und Rahmenlehrpläne) (Kuhlmeier & Vollmer, 2018) sowie die Steigerung der Prüfungsrelevanz (Reichwein, 2015). Bisher bleiben BBNE-Inhalte oft unverbindlich und hängen stark von der individuellen Motivation einzelner Lehrkräfte ab (Harms, 2023). Eine vertiefte Verankerung in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen ist daher essenziell, um die Dringlichkeit des Themas zu verdeutlichen.

Zusätzlich wird die Bedeutung von systematischen Umsetzungsstrukturen betont (Schlömer, et al., 2017; Nowatschin, 2023), wie beispielsweise Handlungspläne und Checklisten (Hackel, 2023). Im Zuge dessen entwickelten Schütt-Sayed et al. (2023) ein auf Indikatoren basiertes Messinstrument, um den Status quo der BBNE-Umsetzung regelmäßig zu überprüfen und Anreize für eine Intensivierung zu schaffen.

Der Transfererfolg kann zudem maßgeblich durch Netzwerke und Kooperationen zwischen Schulen, Betrieben, der Politik und Hochschulen unterstützt werden (Nowatschin, 2023). Externe Partnerschaften fördern den Austausch von Good-Practice-Beispielen und steigern die Ausbildungsqualität (Hamade, 2024). Bei Kooperationen nimmt die Partizipation der einzelnen Akteur*innen eine Doppelrolle ein und kann die individuelle Selbstwirksamkeit stärken: Auszubildende gestalten Prozesse in Bezug auf Nachhaltigkeit aktiv mit (z. B. durch Projektarbeit), während Lehrende Verantwortung in der Entwicklung und Durchführung von nachhaltigkeitsbezogenen Modulen übernehmen (Kuhlmeier & Zopff, 2023).

3 Methode: Qualitative Befragung

Der Beitrag basiert auf einem qualitativen Forschungsdesign und orientiert sich methodologisch an der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz & Rädiker (2022) und ist explorativ, interpretativ sowie systematisch angelegt. Ziel ist es, subjektive Verständnisse, Hemmnisse, Handlungsbedarfe sowie Praxisbeispiele zur Umsetzung von BBNE in den beruflichen Fachrichtungen der Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik & Raumgestaltung an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen zu rekonstruieren und im Hinblick auf die Forschungsfrage auszuwerten. Dabei wird ein aus dem Material heraus gebildetes Kategoriensystems (Kodierleitfaden) erstellt.

Der qualitative Zugang wurde gewählt, da die Fragestellung auf Erfahrungen, Bewertungen und institutionell eingebettetes Handlungswissen von Lehrkräften abzielt, welche sich zunächst explorativ über leitfadengestützte Expert*inneninterviews erfassen lassen (Kuckartz & Rädiker, 2022)

3.1 Stichprobe

Die Einordnung als Expert*innen erfolgt in Anlehnung an Meuser & Nagel (2002), da die Befragten über institutions- und handlungsbezogenes Sonderwissen verfügen. Zudem besitzen sie gemäß Misoch (2019) Betriebs- und Kontextwissen über schulische Strukturen und Prozesse. Als Expert*innen wurden Lehrkräfte an niedersächsischen berufsbildenden Schulen definiert, die in den beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik oder Farbtechnik & Raumgestaltung unterrichten und einen Bezug zu BBNE aufweisen. Dazu zählen BBNE-Beauftragte, BBNE-Ansprechpersonen, Mitglieder schulischer BBNE-Teams sowie BBNE-interessierte bzw. BBNE-engagierte Lehrkräfte ohne formale Funktion. Die erweiterte Stichprobe auf Lehrkräfte ohne formale BBNE-Funktionen ermöglicht eine umsetzungsnahe Perspektive auf schulische Realitäten.

Insgesamt wurden 25 Lehrkräfte an zwölf niedersächsischen berufsbildenden Schulen befragt. Da die 25 Interviews aus zeitlichen Gründen nicht vollständig bis zum Schreiben des Artikels ausgewertet werden konnten, wurden die Interviews für die Analyse ausgewählt, die in der Bautechnik, Holztechnik oder Farbtechnik & Raumgestaltung zu verorten sind. Lehrkräfte, die zudem befragt wurden, deren Interviews aber nicht im Zuge des Artikels ausgewertet werden konnten, sind Lehrkräfte aus anderen beruflichen Fachrichtungen wie der Metalltechnik, Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaft. Auch BBNE-Beauftragte ohne eine berufliche Fachrichtung und Schulsozialarbeiter*innen wurden befragt und konnten nicht in diesem Artikel ausgewertet werden. Für diesen Artikel wurden somit zehn Interviews (W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A) aus zehn Schulen ausgewählt: vier Lehrkräfte aus der Bautechnik, drei aus der Holztechnik und drei aus der Farbtechnik & Raumgestaltung. Die Rollen der Befragten reichen von BBNE-Beauftragten (n = 2) über BBNE-Ansprechpersonen (n = 1) und Lehrkräfte, die an BBNE-Treffen teilnehmen (n = 1), bis zu engagierten Lehrkräften ohne formale BBNE-Zuständigkeit (n = 6). Auf Grundlage des Niedersächsischen Kultusministerium (2024) konnten insgesamt 65 niedersächsische Schulen mit den beruflichen Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik und/oder Farbtechnik & Raumgestaltung identifiziert werden. Die zehn im Rahmen dieser qualitativen Untersuchung befragten Schulen entsprechen damit in Bezug auf die niedersächsischen Schulen einer Stichprobengröße von etwa 15%.

3.2 Interviewleitfaden, Interviewdurchführung und Transkription

Die Datenerhebung ist in sechs Abschlussarbeiten sowie das Promotionsvorhaben der Autorin eingebettet. Die Datenerhebung durch die leitfadengestützte Expert*inneninterviews erfolgte zwischen 2024 und 2026. Die Interviews verbinden Leitfadenstruktur mit narrativen Frageformen, um sowohl Vergleichbarkeit als auch individuelle Erfahrungsberichte zu ermöglichen.

Der Interviewleitfaden wurde aus der Forschungsfrage sowie den Zielsetzungen des niedersächsischen BNE-Erlasses (Niedersächsisches Kultusministerium, 2021) entwickelt und umfasst vier Themenbereiche: Verständnis von Nachhaltigkeit, organisatorische Veränderungen seit dem Erlass, inhaltliche Veränderungen, Unterstützungsbedarfe und Zukunftsperspektiven sowie einen offenen Abschluss. Der Interviewleitfaden wird im Folgenden mit den Leitfragen dargestellt. Aus Platzgründen wurden die Nachfragen und Aufrechterhaltungsfragen nicht abgebildet:

Teil I Begriffsklärung

Zum Einstieg würde ich Sie bitten, einmal den Begriff der Nachhaltigkeit nach Ihrer Auffassung zu definieren.

Es gibt die 17 Ziele der Vereinten Nationen, die neben dem Erhalt der Umwelt auch die Förderung der Gleichberechtigung anstrebt. Wie sehen Sie die berufliche Bildung in der Verantwortung in Bezug auf diese Ziele?

Teil II Organisatorische Veränderungen

Was für Aufgaben kamen hier an ihrer Schule seit dem Erlass von 2021 auf die Schule zu?

Konnten gewisse Aspekte und Aufgaben schon angegangen bzw. eventuell schon umgesetzt werden?

Wo treten vermehrt Komplikationen auf?

Vor welcher Herausforderung stehen Sie derzeit?

Wie sieht der Plan für die Umsetzung weiterer Anpassung bezüglich der neuen Vorgaben aus?

Was denken Sie, wie lange der Prozess der Umsetzung der verschiedenen Auflagen dauern wird?

Teil III Inhaltliche Veränderungen

Wie stark beeinflusst der Wandel der Vorgaben aber auch, und vor allem, der Wandel des Klimas den Lehrinhalt?

Sind Lehrkräfte aus Ihrer Sicht ausreichend auf die Integration von Nachhaltigkeit vorbereitet?

In welchen Bereichen wird Nachhaltigkeit aus Ihrer Sicht an Ihrer Schule schon erfolgreich integriert?

In welchen Themenbereichen konnte Nachhaltigkeit derzeit noch nicht von Lehrkräften umgesetzt worden?

Teil IV Wünsche und Ziele

Wo sehen Sie die Möglichkeit der gemeinsamen Entwicklung von Ideen und Umsetzung?

Was sehen Sie für das nächste Jahr als den wichtigsten Schritt bezüglich der sozial-ökologischen Transformation für die Schule an?

Wo sehen Sie derzeit den größten Forschungsbedarf?

Wo sehen Sie den Stand der Schule in 5 Jahren?

Teil V Abschluss

Haben Sie noch ein offenes Thema, was Sie ansprechen möchten?

Die Interviews wurden leitfadenorientiert und offen geführt (Gläser & Laudel, 2010). Die Transkription erfolgte regelgeleitet nach Kuckartz und Rädiker (2022) sowie Claussen et al. (2020). Die Interviews wurden wörtlich transkribiert, anonymisiert, mit Zeilennummern versehen und strukturiert dokumentiert, um Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Analyse sicherzustellen.

3.3 Auswertungsverfahren

3.3.1 Kodierung der Daten

In methodischer Anlehnung an Kuckartz & Rädiker (2022) wurde das Datenmaterial in MAXQDA zunächst explorativ gelesen und vorstrukturiert. Anschließend wurden ausschließlich induktiv und somit anhand des Datenmaterials Kategorien gebildet. Begünstigt wurde dies durch die offenen Fragen des Interviewleitfadens, bei denen die Lehrkräfte frei über Herausforderungen, Bedarfe, Wünsche und Zukunftsperspektiven berichten konnten. Bei der Kodierung wurden Textstellen bei Bedarf mehreren Kategorien zugeordnet, wenn sie unterschiedliche, klar abgrenzbare Aspekte enthielten. Dieses Mehrfachkodieren nach Kuckartz & Rädiker (2022) wurde bewusst eingesetzt, um Zusammenhänge darstellen zu können.

Die Datenerhebung wurde bis zur theoretischen Sättigung fortgeführt (Kuckartz & Rädiker, 2022, S. 92). Für die analysierte Teilstichprobe zeigte sich ab dem achten Interview eine Sättigung zentraler Kategorien; im weiteren Material traten lediglich Variationen konkreter Beispiele und fachrichtungsspezifischer Ausprägungen auf.

3.3.2 Ergebnisdarstellung: Kodierleitfaden

Die Ergebnisdarstellung orientiert sich an der Kategoriendarstellung nach Kuckartz & Rädiker (2024, S. 29). Insgesamt konnten 1.048 Interviewabschnitte den induktiv gebildeten Kategorien zugeordnet werden. Dabei wurden fünf Hauptkategorien identifiziert und 43 Subkategorien entwickelt, die in einem Kodierleitfaden (Tabelle 1) mit Definitionen, Kodierregeln und Ankerbeispielen beschrieben werden. Zur Erhöhung der Transparenz wurden sowohl die Anzahl der Nennungen (n) als auch die Lehrkräfte angegeben, die Aussagen tätigten, welche den jeweiligen Kategorien zugeordnet werden konnten (b):

Tabelle 1: Kodierleitfaden

Subjektive Verständnisse und wahrgenommene Rahmenbedingungen von BBNE an berufsbildenden Schulen (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 173)

Subkategorie

Definition

Kodierregel

Ankerbeispiel

Lehrkräfte definieren und interpretieren Nachhaltigkeit, BBNE und die gesellschaftliche Rolle beruflicher Bildung
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A;
n = 134)

Aussagen von Lehrkräften zu ihrem Verständnis von Nachhaltigkeit und BBNE sowie zur gesellschaftlichen Rolle der beruflichen Bildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung.

Kodiert werden Aussagen, in denen Lehrkräfte Nachhaltigkeit, BBNE oder die gesellschaftliche Verantwortung beruflicher Bildung definieren, beschreiben oder bewerten.

[Nachhaltigkeit ist] ein sehr vielschichtiger Begriff. Denn Nachhaltigkeit bedeutet ja nicht nur, dass wir Ausbildungen so umstellen, dass möglichst ökologisch sinnvoll – für die Farbtechnik zum Beispiel mit ökologischen Baustoffen – gearbeitet wird oder, oder. Sondern Nachhaltigkeit in der Bildung bedeutet auch, dass wir Ressourcen, auch unsere Lehrkräfte und so weiter, sinnvoll einsetzen, dass wir uns sinnvoll vernetzen und dass wir sinnvoll in die Zukunft schauen.“ (E, Z. 15-20)

Lehrkräfte nehmen die Akzeptanz und Beteiligungsbereitschaft der Schüler*innen gegenüber BBNE wahr
(b = W, S, G, E; n = 14)

Aussagen von Lehrkräften zur wahrgenommenen Einstellung, Motivation und Beteiligung der Schüler*innen gegenüber BBNE-Themen und -Projekten.

Kodiert werden Aussagen, in denen Lehrkräfte beschreiben oder bewerten, wie Schülerinnen und Schüler auf BBNE reagieren oder sich daran beteiligen.

„Wenn so klar ist, ich habe jetzt meinen Standardstoff abgearbeitet und ich habe noch ein bisschen Zeit, dann fülle ich immer solche Stunden mit [Nachhaltigkeit] ein. Das finden die Schüler meistens auch immer ganz gut.“ (W, Z. 125-128)

Lehrkräfte bewerten das Nachhaltigkeitsengagement & die Möglichkeiten von Ausbildungsbetrieben
(b = W, S, K, G; n = 9)

Aussagen von Lehrkräften zur Bedeutung, Umsetzung und Motivation von Nachhaltigkeit in Ausbildungsbetrieben.

Kodiert werden Aussagen, in denen Lehrkräfte das Nachhaltigkeitsengagement oder die Rolle von Ausbildungsbetrieben im Kontext von BBNE beschreiben oder bewerten.

„Das ist auch das Problem mit der Konkurrenzbildung der Berufsbildenden Schulen, wenn man sich zu viel um was Anderes kümmert, dann sagen die Betrieb: ‚Ihr macht zu wenig für die Theorie.‘ Aber ich glaube schon, dass es bei vielen Betrieben auf offene Ohren stößt, weil sich auch viele Betrieben durch die gesetzlichen Vorgaben an Nachhaltigkeit und Co. gekoppelt sind.“ (S, Z. 377-382)

Lehrkräfte nehmen curriculare und gesetzliche Vorgaben zur BBNE-Umsetzung wahr und bewerten deren Praxistauglichkeit
(b = S, Q, N, M, K, G, B; n = 16)

Aussagen von Lehrkräften zur Wahrnehmung und Bewertung curricularer oder gesetzlicher Vorgaben zur Umsetzung von BBNE.

Kodiert werden Aussagen, in denen Lehrkräfte Vorgaben zur BBNE-Umsetzung erwähnen oder deren Umsetzbarkeit bewerten.

„Also auf die Schule zugekommen ist da [seit dem BNE-Erlass] erstmal nichts, außer dass man eine BNE-Ansprechperson ausgesucht hat. Das war ich.“ (Q, Z. 73-74)

 

Hemmnisse & Herausforderungen bei der Umsetzung von BBNE an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 285)

Subkategorie

Definition

Kodierregel

Ankerbeispiel

Strukturelle Dysfunktionen des Bildungssystems erschweren die Weiterentwicklung von BBNE (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 59)

Aussagen zu systemischen Strukturproblemen des Bildungswesens, die BBNE-Umsetzung erschweren.

Kodiert werden Aussagen zu übergeordneten Fehlstrukturen, unklaren Zuständigkeiten, fehlenden Schnittstellen, Überlastung oder schwer umsetzbaren Rahmenbedingungen des Systems.

„Ich glaube, dass das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte an der Berufsschule nicht so transparent ist. Das liegt aber an diesem Tool, von diesen Nibis. (W, Z. 364-366) […] Weil zurzeit ist es so, du gehst auf die Plattform, meldest dich an und suchst eigenständig. Und wenn du da nicht das richtige Schlagwort hast, dann kommt auch nichts. Also du musst da auch wieder sehr viel Zeit und Muße investieren, um dich selber fortbilden zu können. “ (W, Z. 377-380)

Zeitliche Ressourcenknappheit begrenzt die schulische Implementierung von BBNE erheblich
(b = W, S, Q, N, M, G, E, B, A; n = 31)

Aussagen zu fehlender Zeit als zentrales Hemmnis der BBNE-Umsetzung.

Kodiert werden Aussagen, in denen Zeitmangel bei Lehrkräften, BBNE-Beauftragten oder Schüler*innen als Problem benannt wird.

„Also ich könnte sicherlich als BNE-Ansprechpartner noch präsenter sein und noch mehr einfordern und noch mehr organisieren. Aber das ist ja auch eine freiwillige Stelle, die man noch on top macht. Also man hat ja noch seinen eigenen Job, sag ich mal. Und es gibt jetzt keinen, der auch irgendwie eine Stelle für sowas hätte, Stunden oder so was. Also man könnte vielleicht ein bisschen Stunden bekommen, aber das steht ja in keinem Verhältnis. Also sicherlich könnte man-, aber der BNE-Ansprechpartner ist halt eigentlich nur der Ansprechpartner und nicht der Umsetzer, sage ich mal.“ (Q, Z. 196-203)

Unzureichende institutionelle Strukturen und fehlende schulische Unterstützung hemmen BBNE-Initiativen
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B; n = 68)

Aussagen zu fehlenden schulischen Strukturen, Konzepten oder Unterstützungssystemen für BBNE.

Kodiert werden Aussagen zu mangelnder Verankerung, fehlender Unterstützung durch Schulleitung, fehlenden Konzepten, Leitfäden oder institutionellen Impulsen.

„Da war jetzt so eine Nachhaltigkeitsgruppe oder BNE-Gruppe, kann man das auch sagen, mit vielen Ideen und am Anfang hatten wir auch viel Power und Energie. Und dann haben wir zwei Jahre gebraucht, um hier eine Mülltrennung an der Schule durchzusetzen. Die jetzt auch immer noch nicht funktioniert…Ich habe jetzt nie das Gefühl gehabt, dass jetzt von der Schulleitung kam: ‚Hey, wir müssen das jetzt unbedingt machen.‘ Wir sind oft wirklich ins Leere gelaufen. Und dadurch ist dann halt so der Effekt auch, dass man dann irgendwann noch sagt: ‚Boah, die ganze Arbeit jetzt und nichts kommt rum.’.“ (Q, Z. 77-88)

Bestehende schulische Strukturen und Generationskonflikte erschweren Veränderungen zugunsten von BBNE
(b = Q, N, M, E, B; n = 5)

Aussagen zu Widerständen gegenüber Veränderungen bestehender Schulstrukturen oder Inhalte.

Kodiert werden Aussagen, in denen tradierte Strukturen, langsame Veränderungsprozesse oder Generationenkonflikte als Hindernis beschrieben werden.

„Also ich glaube, da gibt es ganz viel zu tun. Und ich finde es auch gut, dass es Beauftragte dafür gibt und dass es auch kleine Projekte gibt, die einem das immer mal wieder bewusstmachen. Aber es ist halt hier wirklich strukturell schon sehr schwierig.“ (M, Z. 112-125)

Unzureichende Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte erschwert die Umsetzung von BBNE
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, A; n = 26)

Aussagen zu fehlender Aus- und Weiterbildung oder Vorbereitung der Lehrkräfte im Bereich BBNE.

Kodiert werden Aussagen, die mangelndes Wissen, unpassende Fortbildungsangebote oder fehlende Vorbereitung auf BBNE als Problem beschreiben.

„Nein. Also da gibt es viele [Lehrkräfte], die nicht [auf Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung vorbereitet] sind, definitiv nicht sind.“ (G, Z.278)

Unzureichend ausgebaute Kooperationen erschweren die Umsetzung von BBNE
(b = S, Q, N, K, G, E, B; n = 16)

Aussagen zu unzureichender oder erschwerter Zusammenarbeit mit anderen Akteur*innen.

Kodiert werden Aussagen, in denen Kooperationen als zu gering, unpassend, schwierig oder zeitlich kaum umsetzbar beschrieben werden.

„Aktuell [sind BBNE-Kooperationen mit Betrieben] schwierig, da viele Betriebe aktuell eher wirtschaftliche Probleme haben und da die Nachhaltigkeit eher in den Hintergrund rückt.“ (S, Z. 376-377)

Fehlende Austausch- und Kommunikationsplattformen behindern den Wissenstransfer zu BBNE (b = S, Q, E; n = 3)

Aussagen zu fehlenden Austausch- und Kommunikationsstrukturen für BBNE.

Kodiert werden Aussagen, die fehlende Plattformen oder Möglichkeiten des teaminternen oder teamübergreifenden Austauschs benennen.

„Ne, gibt keinen [Pool an gemeinsam erarbeiteten Lehrmitteln, die handlungsorientiert aufgebaut sind und in denen auch BNE schon integriert ist]. Also ich kann jetzt hier nur von dem Baubereich ganz dezidiert sprechen. Wir sind eine Riesenschule mit fast 3.000 Schülern und über 150 Lehrkräfte. Es mag sein, dass es in anderen Abteilungen super funktioniert. Ich habe das noch nicht so mitgekriegt. Aber in der Bauabteilung haben wir das auf jeden Fall nicht.“ (Q, Z. 390-398)

Mangel an aufbereiteten Inhalten und fachspezifischen Lehrmitteln zu BBNE hinderlich (b = S, N, B, A; n = 4)

Aussagen zu fehlenden, veralteten oder unzureichenden BBNE-bezogenen Inhalten und Materialien.

Kodiert werden Aussagen zu veralteten Lehrbüchern, fehlenden Lernmaterialien oder unzureichend behandelten Nachhaltigkeitsinhalten.

„[Erleichtern würde es meine Arbeit] sicherlich auch durch Lehrmittel, Bücher, die diesen Aspekt in jeder Lernsituation auch behandeln und berücksichtigen. Das ist nämlich nicht der Fall. Also wir benutzen die Lehrbücher viel und da fehlt der Aspekt [Nachhaltigkeit] gänzlich.“ (B, Z. 442-444)

vielfältige schulische Herausforderungen reduzieren die Priorisierung von BBNE (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, A; n = 33)

Aussagen zu konkurrierenden Themen und Problemlagen, die BBNE verdrängen.

Kodiert werden Aussagen, in denen andere schulische, gesellschaftliche oder technische Herausforderungen Vorrang vor BBNE erhalten.

„Wenn dafür einfach Zeit und Luft wäre im Unterricht. Aber unsere Pläne sind so vollgestopft, die curricularen Vorgaben, dass man ja gar nicht nach rechts und links springen kann, weil man sonst einen Stoff gar nicht schafft.“ (M, Z. 346-349)

Stark heterogene Lerngruppen und begrenzter Nachhaltigkeitsbezug der Schüler*innen stellen pädagogische Herausforderungen bei Umsetzung von BBNE dar (b = W, S, N, M, K, G, B, A; n = 25)

Aussagen zu lernseitigen Voraussetzungen, die BBNE erschweren.

Kodiert werden Aussagen, die Heterogenität, Sprachunterschiede, geringe Kompetenzen oder geringe BBNE-Akzeptanz bei Schüler*innen als Herausforderung benennen.

„Gute Schüler sind sicherlich in einigen Sachen auch besser geworden. Selbstorganisationen und alles Mögliche, aber die schwachen Schüler, da kriegen wir jetzt die Rechnung. Das ist schon sehr, sehr extrem. Dieser Bereich ist bei uns auch gewachsen, also alle Schüler, die ohne Schulabschluss kommen oder mit Förderschulabschlüssen, das wird immer mehr. Schüler werden auch eher durch ihr Verhalten, Arbeitssozialverhalten, müssen die von den Schulen gehen und kommen dann zu uns. Also dieser Bereich, das hat sich stark verändert.“ (K, Z. 524-531)

Strukturelle und organisatorische Probleme im nachhaltigen Gebäudemanagement der Schule behindern BBNE (b = S, M, K, G; n = 15)

Aussagen zu Hindernissen bei nachhaltiger Ausgestaltung und Bewirtschaftung des Schulgebäudes.

Kodiert werden Aussagen zu baulichen, organisatorischen oder trägerbezogenen Problemen beim nachhaltigen Gebäudemanagement.

„Es ist natürlich bei 1.000 Schülern im Gebäude relativ schwierig, eine saubere Mülltrennung zu realisieren. Aber das wurde nach und nach immer mehr verfolgt. Klappt auch einigermaßen unterdessen zumindest in den Werkstattbereichen. In den Klassenräumen, das ist immer noch nicht umsetzbar.“ (S, Z. 97-100)

 

Handlungsbedarfe und erforderliche Unterstützungs- und Entwicklungsmaßnahmen für BBNE
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 519)

Subkategorie

Definition

Kodierregel

Ankerbeispiel

Neue strukturelle Rahmenbedingungen schaffen und zeitliche Ressourcen für BBNE bereitstellen
(b = W, S, N, M, G, E, B; n = 19)

Aussagen zu notwendigen strukturellen Voraussetzungen für gelingende BBNE-Umsetzung.

Kodiert werden Aussagen, die neue Strukturen, Konzepte, Zeiträume oder organisatorische Bedingungen für BBNE fordern.

„Zu viele Fortbildungen pro Jahr bringen den einzelnen Lehrer nach vorne, sorgen aber für eine Mehrbelastung der Kollegen. Weil die Unterrichtsstunden sollen ja im Idealfall nicht ausfallen, das heißt, irgendjemand anders übernimmt es…Daher sind wir schon angehalten-, wir kriegen sehr viele Fortbildungen genehmigt. Und eigentlich gibt es auch fast nie wirklich große Probleme, weil wir das versuchen, intern anders zu regeln. Aber es wäre schon ganz gut, dass das so abläuft, dass eine gleichmäßige Entlastung für alle darstellt.“ (S, Z. 336-345)

Finanzielle Förderstrukturen für BBNE-Projekte ausbauen und vereinfachen (b = S, Q, N, E, A; n = 16)

Aussagen zum Bedarf an finanziellen Ressourcen für BBNE.

Kodiert werden Aussagen, die finanzielle Förderung, leichtere Mittelvergabe oder Investitionen für BBNE als notwendig beschreiben.

„Ich wäre zum Beispiel auch ein Fan davon, wenn die Landesschulbehörde mehr Geld investieren würde in persönliches Coaching. …Als
Referendar wirst du einmal intensiv gecoacht und angeguckt und bewertet und du kriegst auch, wenn du einen guten Studienseminarleiter hast, enormen Impulse, ganz wahnsinnig viel. Und danach wirst du im schlimmsten Fall 40 Jahre lang nicht mehr angeguckt. Das kann passieren. Und ich sag mal, wenn jetzt, unsere Schule hat ungefähr 100 Kollegen, hättest du einen Coach pro Schule, dann wäre das ein Prozent mehr Lohnkosten. Und du hättest einen signifikanten Unterschied in Bezug auf Unterrichtsqualität.“ (N, Z. 518-527)

Rolle und koordinierende Aufgaben der BBNE-Beauftragten in der Schule stärken
(b = Q, N, M, E, A; n = 15)

Aussagen zu Funktionen und Tätigkeiten der BBNE-Beauftragten in der Schule.

Kodiert werden Aussagen, die konkrete Aufgaben der BBNE-Beauftragten bei Koordination, Kommunikation, Unterstützung und Organisation beschreiben.

„Ich bin ja relativ früh als BNE-Beauftragte hier an der Schule berufen worden, in Anführungsstrichen, weil das einfach auch in unserer Schulleitung ein ziemlich wichtiges Thema ist.“ (E, Z. 91-93)

Erste schulische Implementationsschritte nach dem BNE-Erlass identifizieren, initiieren und umsetzen
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 44)

Aussagen zu ersten Maßnahmen und Reaktionen im Anschluss an den BNE-Erlass.

Kodiert werden Aussagen, die unmittelbare Schritte, Folgen oder erste schulische Maßnahmen nach dem Erlass thematisieren.

„Ich [habe] mich mit der Schulleitung hingesetzt, [wir] sind zusammen den BNE-Erlass durchgegangen. Und dann gab es auch mal eine Übersicht über die sieben Bereiche, …die Fachbegriffe hatten wir uns dann mal angeguckt. Wir haben geguckt, wo stehen wir aktuell? Was haben wir schon in der Schule? Wo geht das schon richtig hin letztendlich?“ (A, Z. 216-221)

Sichtbarkeit schulischer BBNE-Projekte durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit erhöhen
(b = S, M, B, A; n = 12)

Aussagen zur stärkeren Sichtbarmachung von BBNE-Aktivitäten in der Schule.

Kodiert werden Aussagen, die Öffentlichkeitsarbeit, Präsentation oder interne Sichtbarkeit von BBNE-Projekten als wichtiges Ziel benennen.

„Die Umsetzung und was als Einzelprodukt rauskommt aus den verschiedenen Veranstaltungen, das ist für die einen Kollegen noch nicht so sichtbar gewesen. Wird aber immer sichtbarer, da wir jetzt verschiedene andere Projekte halt haben, wie den Schulgarten und Co., da werden jetzt-, da entstehen jetzt die Früchte daraus.“ (S, Z. 186-190)

Professionelle Kompetenzen der Lehrkräfte zur Umsetzung von BBNE weiterentwickeln (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 36)

Aussagen zu Fähigkeiten und Haltungen von Lehrkräften, die für BBNE erforderlich sind.

Kodiert werden Aussagen, die pädagogische, personale oder kooperative Kompetenzen der Lehrkraft als wichtig für BBNE beschreiben.

„Also ich glaube, die größte Baustelle ist diese fehlende Selbstwirksamkeit. Wenn man die erreichen könnte, dann bräuchte man vielleicht auch gar nicht den Rahmen von außen, sondern dann würden viele der Kollegen auch was machen, weil sie merken, das hat ja einen Effekt.“ (Q, Z. 173-177)

Systematische Fortbildungsangebote & Entwicklungsmöglichkeiten zur BBNE-Implementierung bereitstellen (b = W, S, Q, N, G, E, B, A; n = 27)

Aussagen zur Bedeutung von Fortbildungen für die Umsetzung von BBNE.

Kodiert werden Aussagen, die Fortbildungsangebote, Qualifizierung, Informationszugänge oder Hilfestellungen für Lehrkräfte fordern oder beschreiben.

„Fortbildungsgebot… ist halt wie so eine Qualle, weil es eben so sehr viele unterschiedliche Bereiche betrifft. Ich fände es sinnvoll, wenn etwas strukturierter auch die [BBNE-]Implementierung in den Schulen stattfinden würde. Also wenn nicht gesagt werden würde: ‚Okay, Schulen, guckt, wie ihr es am besten unterbringen könnt’, sondern wenn dort etwas, so ein gewisser Baukasten zur Verfügung gestellt werden würde. Sodass nicht alle Schulen sich ihr eigenes BBNE-Konzept erstellen müssten.“ (E, Z. 424-430)

Nachhaltigkeitsbezogene Handlungskompetenzen der Schüler*innen gezielt fördern (b = W, S, G, B, A; n = 15)

Aussagen zu Kompetenzen, die Schüler*innen im Sinne von BBNE entwickeln sollen.

Kodiert werden Aussagen, die nachhaltigkeitsbezogene Handlungskompetenzen der Schüler*innen benennen.

„Aber da soll es dann darum gehen, dass wir denen so ein bisschen erste Hilfe beibringen, weil die ganz oft keinen Erste-Hilfe-Kurs machen. Dann möchten wir sie aufklären im Sinne von Sexualität. Wir möchten sie im Sinne der Gesundheit und gesunder Ernährung aufklären. Wir möchten-, also ich beherrsche die Gebärdensprache. Wir wollen ihnen zum Beispiel auch ein bisschen Gebärdenbasics beibringen. Also es gibt ganz viele Themen, wo wir sagen, die sind ganz, ganz wichtig und die müssen die Schülerinnen und Schüler wissen. Und die brauchen wir auch zum Leben und auch zum nachhaltigen Leben in allen Bereichen.“ (G, Z. 448-455)

Kooperationen und Netzwerke mit schulischen und außerschulischen Partnern ausbauen
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 93)

Aussagen zu gewünschten oder notwendigen Kooperationsformen zur BBNE-Umsetzung.

Kodiert werden Aussagen, die schulinterne, schulübergreifende oder externe Kooperationen als sinnvoll oder notwendig darstellen.

„Angedacht war eben, dass man auch eine Datenbank anlegt, wo eben die unterschiedlichen Projekte auch abgelegt sind, sodass man nicht immer wieder das Rad neu erfinden muss, dass man Kontaktdaten entsprechend austauschen kann und so weiter. Weil wir sind ja nun eine sehr weit verstreute Schule. Wir haben unterschiedliche Standorte, wir haben hier den großen Standort mit ganz vielen unterschiedlichen Abteilungen.“ (E, Z. 178-183)

Unterstützungsstrukturen durch Politik, Verwaltung und Bildungsinstitutionen stärken (b = S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 35)

Aussagen zu erhoffter Unterstützung durch externe Akteur*innen und Steuerungsebenen.

Kodiert werden Aussagen, die Unterstützung, Vorgaben, Impulse oder Verantwortung von Land, Stadt, Hochschulen oder Studienseminaren thematisieren.

„…dass man so eine gewisse vorgegebene Struktur hat, wie BBNE an Schulen implementiert wird, das wäre schon durchaus sinnvoll. Also, dass BBNE da nicht nur Vorschläge zu gibt, wie man das eventuell machen könnte, sondern dass es da auch so gewisse grundlegende Dinge gibt, wo man dann auch ein Finger drauflegen kann und sagen kann, ja, das ist überhaupt mit so und so vielen Arbeitsstunden belegt“ (E, Z. 445-449)

Lernkultur und schulische Lernstrukturen im Sinne von BBNE weiterentwickeln
(b = W, S, Q, K, G, E, B, A; n = 18)

Aussagen zu Veränderungen von Lernformen, Lernräumen und Unterrichtsstrukturen im Sinne von BBNE.

Kodiert werden Aussagen, die offene Lernräume, Selbststeuerung, technische Ausstattung oder neue Unterrichtsstrukturen fordern.

„Ja, auch Lernkonzepte wie gelernt wird also selbstständiger, die Verantwortung den Lernenden frühzeitig anlernen - zu übertragen. Sozusagen die klassische Frontalunterricht-Situation eher weniger, sondern eher Lernkonzepte, die offen sind, in denen die Lernenden sozusagen ihre TO-DOs haben und den Prozess freier gestalten können. Das ist sehr unterschiedlich, je nach Klasse und je nach Schulform. Aber in den Fachstufen geht das auf jeden Fall. So arbeiten wir auch schon, aber das kann noch weiter ausgebaut werden.“ (B, Z. 562-568)

BBNE-Themen systematisch in Unterricht und Prüfungsleistungen integrieren (b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A;
n = 160)

Aussagen zu konkreten Nachhaltigkeitsthemen und deren Einbindung in den Unterricht.

Kodiert werden Aussagen, die Inhalte, Themenfelder oder Formen der Thematisierung von BBNE im Unterricht beschreiben.

„Und nachher in der Prüfung-, die Prüfungen sind-, die ändern sich mittlerweile auch ein bisschen. Aber da ist der harte Fokus immer noch, ja, so wie es vor 10, 15 Jahren war, sag ich mal. Da ist dieses Nachhaltigkeitsthema dann vielleicht mal in einer Aufgabe irgendwie so angehaucht drin. Was dann auch nicht dazu führt, dass jeder sagt: ‚Ich mach jetzt ganz viel Nachhaltigkeit im Unterricht.’.“ (Q, Z. 58-63)

Ressourcenschonende Maßnahmen und nachhaltiges Schulmanagement fördern (b = W, S, Q, M, K, G, B, A; n = 29)

Aussagen zu Maßnahmen an der Schule, die auf Ressourcen-schonung abzielen.

Kodiert werden Aussagen, die bauliche, organisatorische oder handlungsbezogene Maßnahmen zur Ressourceneinsparung an der Schule thematisieren.

„Wir recyceln zwar viel, aber manche Dinge muss man dann zum Beispiel auch mal überdenken und neue Maschinen kaufen oder ähnliches, um auch da vielleicht wieder energieeffizienter zu arbeiten und und und.“ (G, Z. 215-217)

 

Bereits erfolgreich etablierte Umsetzungsmaßnahmen und Praxisbeispiele der BBNE
(b = W, S, Q, N, M, K, G, E, B, A; n = 52)

Subkategorie

Definition

Kodierregel

Ankerbeispiel

Erste schulische BBNE-Maßnahmen wurden vor dem BNE-Erlass initiiert (b = S, G, A; n = 4)

Aussagen zu bereits vor dem niedersächsischen BNE-Erlass (2021) realisierten BBNE-bezogenen Maßnahmen.

Kodiert werden Aussagen, die erfolgreiche Nachhaltigkeitsmaßnahmen der Schule aus der Zeit vor dem Erlass beschreiben.

„Es gab natürlich die ersten größeren Versuche. Das war halt die Mülltrennung. Das ist natürlich bei 1.000 Schülern im Gebäude relativ schwierig, eine saubere Mülltrennung zu realisieren. Aber das wurde nach und nach immer mehr verfolgt. Klappt auch einigermaßen unterdessen zumindest in den Werkstattbereichen. In den Klassenräumen, das ist immer noch nicht umsetzbar.“ (S, Z. 96-99)

Auszeichnung der Schule als Umweltschule als sichtbares Nachhaltigkeitsengagement (b = Q; n = 1)

Aussagen zur erfolgreichen Auszeichnung der Schule als Umweltschule.

Kodiert werden Aussagen, die die Benennung oder Anerkennung als Umweltschule thematisieren.

„Umweltschule in Europa. Das Label haben wir jetzt “ (Q, Z. 146)

Erfolgreiche Entwicklung und Implementierung eines schulischen BBNE-Konzepts (b = N; n = 2)

Aussagen zur gelungenen Erarbeitung eines schulischen BBNE-Konzepts.

Kodiert werden Aussagen, die die Entwicklung oder Fertigstellung eines BBNE-Konzepts als Erfolg darstellen.

„Also das Thema Nachhaltigkeit ist durch das bei uns implementierte Konzept mit Sicherheit vorangetrieben worden, ist stärker in den Vordergrund gerückt, auch sag ich mal, wenn wir Kolleginnen und Kollegen öfters mal auch schimpfen oder sagen wir halt das Wort Nachhaltigkeit schon teilweise so ein bisschen spöttisch schon im Pausenraum behandeln, aber da passiert schon eine ganze Menge.“ (N, Z. 499-503)

Institutionelle Verankerung von BBNE im Schulprogramm
(b = N; n = 1)

Aussagen zur erfolgreichen Verankerung von BBNE im Schulprogramm.

Kodiert werden Aussagen, die die Aufnahme von BBNE in das Schulprogramm als gelungene Maßnahme beschreiben.

„An unserer Berufsschule ist das Thema Nachhaltigkeit sozusagen im Schulprogramm manifestiert. Mit anderen Worten, wir haben praktisch, nicht das Rad neu erfunden haben, aber wir haben im Prinzip ein QM, ein Qualitätsmanagement, das von jedem Bildungsgang, von jeder Klasse, von jeder Abteilung einfordert, ein Nachhaltigkeitsprojekt je Schuljahr durchzuführen.“ (N, Z. 171-175)

Gründung und erfolgreiche Durchführung einer nachhaltigkeitsorientierten Schülerfirma
(b = G; n = 3)

Aussagen zur Einrichtung und Wirkung einer Schülerfirma im BBNE-Kontext.

Kodiert werden Aussagen, die die Gründung, Aktivitäten oder Wirkungen einer Schülerfirma als gelungenes Praxisbeispiel beschreiben.

„Wir haben halt [in der Nähe] ein Fastfoodrestaurant. Also es ist besser geworden, muss ich dazu sagen, seitdem wir jetzt wieder die Schülerfirma auch bei uns haben. Wenn ich Müll sammeln muss freitags, haben wir deutlich weniger Fastfood-Müll beispielsweise.“ (G, Z. 347-349)

Fachbereiche mit erfolgreich integrierten BBNE-Inhalten im Unterricht
(b = W, S, Q, M, K, G, B, A; n = 13)

Aussagen zu Fachbereichen, in denen BBNE als besonders gut umgesetzt wahrgenommen wird.

Kodiert werden Aussagen, die einzelne Fachrichtungen oder Bereiche als positives Beispiel der BBNE-Umsetzung benennen.

„Ja, also wir haben bei uns Lehrmittel generell soweit optimiert, dass wir unterdessen, wenn es geht, nachhaltige und einheimische Produkte nur noch verwenden, sowie dass wir auch den Einsatz von Kunststoffen und Co., die wir halt nicht sauber recyceln können, so gut wie abgeschafft haben.“ (S, 233-236)

Integration aktueller Forschungsergebnisse zu Materialien in den Unterricht (b = S; n = 1)

Aussagen zur gelungenen Einbindung aktueller materialbezogener Forschung in den Unterricht.

Kodiert werden Aussagen, die die erfolgreiche Integration ökologischer Forschungsthemen zu Materialien in den Unterricht beschreiben.

„Also die Forschung im Sinne der längeren Nutzbarkeit und der Nachhaltigkeit ist, glaube ich, schon relativ gut gegeben. Die setzt sich ja auch in der Praxis um.“ (S, Z. 298-300)

Installation und Nutzung einer Solaranlage zur nachhaltigen Energieversorgung der Schule (b = W; n = 2)

Aussagen zur Installation einer Solaranlage als gelungene Nachhaltigkeitsmaßnahme.

Kodiert werden Aussagen, die die Solaranlage der Schule als erfolgreich umgesetztes Beispiel nennen.

„Und wir haben selber auch Solar, um selber Strom zu erzeugen für die Heizung“ (W, Z. 189-190)

Reduzierung des Papierverbrauchs durch nachhaltige Schulorganisation (b = S; n = 2)

Aussagen zur erfolgreichen Reduktion des Papierverbrauchs an der Schule.

Kodiert werden Aussagen, die papiersparende Maßnahmen oder deren positive Wirkung beschreiben.

„Wir haben zugesehen, den Papierverbrauch möglichst stark zu reduzieren. Nachteil ist dadurch jetzt ein bisschen der Stromverbrauch gestiegen, weil die Elektrogeräte dementsprechend mehr Strom benötigen und dauerhaften Strom benötigen. Das ist halt einer der Sachen. Wir sehen zu, dass wir möglichst wenig für die Tonne produzieren, in sowohl Papierform als auch Stückzahlen. Um einfach diesen Umweltaspekt im Vordergrund zu halten. Und das ist doch einer der größten Punkte, die sich wirklich verändert haben.“ (S, Z. 80-87)

Schulische Projekte dienen als Best-Practice-Beispiele für BBNE
(n = W, Q, N, K, E, A;
n = 23)

Aussagen zu Projekten, die als besonders gelungene BBNE-Praxis wahrgenommen werden.

Kodiert werden Aussagen, die konkrete schulische, fachliche oder pädagogische Projekte als erfolgreiches Beispiel der BBNE-Umsetzung beschreiben.

„Wir haben jetzt sogar Kollegen, die gesagt haben: ‚[Die zuvor angelegte Blühwiese der Schule] ist cool. Wir bauen da jetzt mit Fachpraxisklassen ein Insektenhotel hin’.“ (Q, Z. 132-134)

 

Geschätzte und erhoffte Entwicklungsperspektiven innerhalb der nächsten 1-5 Jahre zur BBNE-Umsetzung an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen (b = W, Q, N, M, K, G, E, B; n = 19)

Subkategorie

Definition

Kodierregel

Ankerbeispiel

Zeitliche Entwicklung der BBNE-Implementierung wird als schwer prognostizierbar eingeschätzt
(b = W, M; n = 3)

Aussagen, in denen zukünftige Entwicklungen von BBNE zeitlich nicht abschätzbar erscheinen.

Kodiert werden Aussagen, die keine konkrete zeitliche Einschätzung der weiteren BBNE-Entwicklung zulassen.

„Weil das [den geschätzten Stand in fünf Jahren] kann man gar nicht beantworten, weil wir sind heute alle in diese Richtung und morgen müssen wir aber in diese und übermorgen eigentlich in diese Richtung laufen.“ (M, Z. 431-432)

Kurzfristig erwartete Fortschritte der BBNE-Umsetzung innerhalb eines Jahres
(b = E, B; n = 2)

Aussagen zu erwarteten BBNE-Entwicklungen innerhalb eines Jahres.

Kodiert werden Aussagen, die konkrete Fortschritte oder Veränderungen innerhalb der nächsten zwölf Monate beschreiben.

„Also wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich sagen, fürs nächste Jahr würde ich mir wünschen, dass BBNE an Schulen mit einem Budget ausgestattet wird, aus dem heraus Schulen agieren können.“ (E, Z. 491-493)

Schaffung einer nachhaltigeren Esskultur an der Schule als mittelfristige Fortschritte der BBNE-Umsetzung innerhalb von zwei bis vier Jahren
(b = G; n = 1)

Aussagen zu erwarteten Entwicklungen von BBNE im mittelfristigen Zeitraum.

Kodiert werden Aussagen, die Fortschritte oder Veränderungen für einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren einschätzen.

„Ich persönlich fände es sehr gut, wenn wir eshinkriegen würden, dass wir zumindest an dem kleinen Standort beispielsweise eine andere Esskultur schaffen würden, die zum einen das Miteinander fördert, da sind wirnämlich auch dran, so ein Projekt irgendwie zu machen, aber zum anderen auch den nahelegt, eben nicht immer zu McDonalds zu gehen, sondern eben mal was in die Brotdose zu packen, was mitzunehmen, frische Sachen zu essen, anstatt Abgepacktes zu essen und so, und wenn man das als Schule schafft, wo ich weiß, dass viele Kollegen von uns sich das wünschen, dann wäre das schon mal, glaube ich, ein ganz großer Schritt, um die Schülerinnen und Schüler für das ganze Thema mehr zu sensibilisieren.“ (G, Z. 573-581)

Langfristig erwartete Entwicklungen und strukturelle Fortschritte innerhalb der nächsten fünf Jahre und länger (b = W, N, M, K, G, E, B; n = 10)

Aussagen zu langfristiger erwarteter Entwicklung von BBNE in einem Zeitraum bis fünf Jahre und länger.

Kodiert werden Aussagen, die erwartete Fortschritte, Hoffnungen oder Entwicklungspotenziale für die nächsten fünf Jahre oder länger benennen.

„Ich hoffe natürlich, dass mit den neuen, jungen Lehrkräften viel mehr BNE kommt, weil sie das im Studium hatten.“ (W, Z. 479-480)

BBNE wird als Work & Progress verstanden: langfristiger, kontinuierlicher Entwicklungsprozess
(b = Q, N, G; n = 3)

Aussagen, die BBNE als fortlaufenden und nie abgeschlossenen Entwicklungsprozess verstehen.

Kodiert werden Aussagen, die BBNE als dauerhaft weiterzuentwickelnden, offenen Prozess beschreiben.

„Ich glaube nicht, dass das [BBNE] jemals fertig sein wird. Das ist ja ein Prozess. Der Weg ist das Ziel.“ (N, Z. 350-351)

4 Ergebnisse

4.1 Auswertung und Einordnung der Ergebnisse in den Stand der Forschung

Die entwickelten Kategorien wurden fortlaufend im Hinblick auf ihre Relevanz für die Forschungsfrage „Welche Ansatzpunkte braucht die berufliche Bildung, um Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Ausbildungsberufe des Bauwesens zu implementieren?“ geprüft, um die analytische Bedeutung für das Erkenntnisinteresse zu reflektieren (Kuckartz & Rädiker, 2024). Die Auswertung der zehn Interviews zeigt ein differenziertes Bild der Umsetzung von BBNE an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen und wird nun dargestellt und auf die vier Bereiche von Ohlwein (2025) übertragen. Die didaktische Ausrichtung wird diesbezüglich – anders als in Ohlwein (2025) - als Grundlage für die Kompetenzanforderungen, Lernräume & Lernorte und Transferstrategien gesehen.

Kompetenzanforderungen

Im Rahmen der Interviews wurde zunächst das Verständnis von Nachhaltigkeit und BBNE erfragt. Die Definition von Nachhaltigkeit fällt dabei unterschiedlich aus: 20% (n =2) der Befragten sehen ökologische Nachhaltigkeit als primären Fokus der BBNE, während 10% (n = 1) die soziale Dimension stärker betonen. 60% (n = 6) der Befragten betrachten hingegen alle drei Dimensionen – ökologisch, sozial und ökonomisch – als gleichwertig. Eine Person (10%) hat sich nicht geäußert. Auffällig ist, dass keine Lehrkraft die ökonomische Dimension in der beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung als primäre Perspektive nennt. Dies steht im Kontrast zu der Aufforderung einer gleichmäßigen Thematisierung der drei Dimensionen nach Reichwein (2015) und Schlömer et al. (2017), unterstreicht jedoch gleichzeitig die Beobachtung, dass in der Praxis einzelne Dimensionen und Strategien im Vordergrund stehen (Reichwein, 2015; Schlömer et al., 2017).

Neben den klassischen Nachhaltigkeitsdimensionen wurde von Lehrkraft E ein zusätzlicher Aspekt benannt, welcher gesondert hervorgehoben werden muss: der Umgang mit Wissen.

Also, dass das ein Wissen sein muss, das sie auch später, in späteren Jahren auch noch anwenden können. Das ist für mich so der Inbegriff von beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung. Also dass man in der Berufsbildung guckt, dass das, was wir jetzt beibringen, auch noch in zehn Jahren aktuell und sinnvoll ist und die Menschen auch in der Zeit noch weiterbringt. (E, Z. 26-30)

Nachhaltige berufliche Handlungskompetenz hängt auch davon ab, Wissen langfristig anwenden und an neue Herausforderungen anpassen zu können. Stomporowski (2024) plädiert dafür, rein fachdisziplinäre Begrenzungen aufzuheben und globale Herausforderungen stärker und dauerhaft in die berufliche Bildung zu integrieren. Dadurch soll die berufliche Bildung dazu beitragen, Lernende auf veränderte Lebensbedingungen vorzubereiten und langfristig einen Beitrag zum ökologischen Gleichgewicht leisten zu können. Dabei werden von Kuhlmeier & Vollmer (2018) das Ausrichtung der Lernsituationen auf fachspezifische ökologische Schlüsselprobleme zum Setzen didaktischer Schwerpunkte betont – welches eng mit der didaktischen Ausrichtung verbunden ist. Notwendig sind somit Kompetenzformulierungen, die die gesellschaftliche Verantwortung in beruflichen Handlungsbereiche integriert und somit eine nachhaltige berufliche Handlungskompetenz ermöglicht.

In Bezug auf die Bautechnik, Holztechnik und Farbtechnik & Raumgestaltung müssen somit zunächst berufliche Handlungsbereiche und -Situationen analysiert und strukturiert mit den Auswirkungen auf die Lebenswelt und der eigenen Wirksamkeit dieser in Verbindung gesetzt werden. Als strukturelle Implementation der Aspekte der Nachhaltigkeit in die beruflichen Prozesse (und somit auch in die Kompetenzanforderungen der Fachkräfte) kann beispielsweise das Verfahren nach Bretschneider et al. (2020, S. 55) herangezogen werden.

Lehrkraft W beschreibt dabei, dass Nachhaltigkeit als individueller Lern- und Entwicklungsprozess verstanden werden kann. Lehrkraft W beschreibt diesen Prozess wie folgt:

„Ich persönlich glaube, dass Nachhaltigkeit ein Konzept ist, was nur Leute betrifft, die darüber nachdenken. Und es ist ein Konzept, was sich entwickelt. Man fängt klein an für sich. Und wenn man dann bei sich gewisse Formen gefunden hat, wie man nachhaltig handeln, leben und agieren kann, dann kann man das weiter ausbauen. Aber ich finde nicht, dass es etwas ist, was einfach so daherkommt. Ich finde, es wächst mit einem selbst.“ (W26, Z. 27–32)

Auch diese Aussage betont erneut die Notwendigkeit der aktiven Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit im eigenen Handlungsbereich. Ergänzend betont Maßmann (2021) die Notwendigkeit einer Erweiterung beruflicher Handlungskompetenz durch überfachliche Dimensionen: die Gestaltungs- und Systemkompetenz. Auch Reflexions- und Partizipationsfähigkeit werden als zu integrierende überfachliche Dimension genannt und müssen bei der Formulierung von Kompetenzanforderungen berücksichtigt werden (Kuhlmeier & Vollmer, 2018; Schlömer, et al., 2017; Kuhlmeier & Zopff, 2023).

Lernräume & Lernorte

Die Förderung von nachhaltiger Handlungsfähigkeit benötigt neben angepassten Kompetenzformulierungen und der damit einhergehenden didaktischen Ausrichtung für kompetenzfördernde Strukturen auch den notwendigen Raum. Diesbezüglich sieht Mertineit (2019) den Whole Institution Approach als ein Konzept zur ganzheitlichen Integration von BBNE in Räumen der beruflichen Bildung. Als didaktisches Leitprinzip zielt dieser Ansatz darauf ab, Schulen so zu gestalten, dass nachhaltigkeitsbezogene Lernprozesse auf allen Ebenen institutionell verankert werden und Lernende Raum und die Zeit erhalten, nachhaltige berufliche Handlungskompetenz zu entwickeln (Mertineit, 2019). Dabei werden von Nowatschin (2023) sowohl didaktisch als auch energetisch optimierte und offene, flexible und dynamische Lernräume und Lernumgebungen gefordert, welche das Erfahren und Erleben nachhaltigen Handelns ermöglicht. Im Rahmen der Befragung der Lehrkräfte wurde in Bezug auf die didaktische Ausrichtung der Lernräume von Lehrkraft Q (10%) bewertungsfreie Zeiten für Schüler*innen zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit eingebracht. Zudem haben die Lehrkräfte B und A (20%) die Eigenleistung und Lehrkraft A, B und W (30%) das selbstständige Beschaffen von Informationen durch Schüler*innen als notwendige Faktoren zur Förderung der Selbstwirksamkeit und von BBNE betont. Damit einher geht die Aussage der Lehrkraft W (10%), dass das eigenständige und begründete Treffen von Entscheidungen in fachspezifischen Prozessen für nachhaltige berufliche Handlungskompetenz relevant ist. Der Ausbau selbstgesteuerter Lernprozesse wird dabei explizit von den Lehrkräften W, S, K, E und B (50%) genannt. Die Notwendigkeit neuer Konzepte und Lernformen wird beispielhaft an der Aussage von Lehrkraft S deutlich:

Schule muss sich verändern, da sich unsere Schülerinnen und Schüler massiv verändern. Wir müssen vom klassischen Kaiserreich, alle in einer Reihe, Unterricht um acht und vorne bellt einer, hinten hören sie zu, weggehen zum strukturierten, gemanagten Lernprozess, wo Schülerinnen und Schüler selbstständig lernen, Informationen zu erarbeiten und einzusortieren.“ (S, Z. 421–427)

Insgesamt wurden von den Lehrkräften W, S, K, E und B projektorientierte Lernformate mit dem Fokus auf das Selbstlernkonzept als geeignete Möglichkeit genannt, nachhaltigkeitsbezogene Themen praxisnah in den Unterricht zu integrieren.

Als Beispiel für projektorientierte Lernformate können in der beruflichen Bildung des Bauwesens reale Gebäude, beispielsweise denkmalgeschützte Gebäude, als praxisnahe Lernorte herangezogen werden. Dabei können Bau- und Sanierungsprozesse aktiv mit Ansätzen zur Bewältigung von globalen und regionalen Herausforderungen verknüpft werden (Kuhlmeier & Zopff, 2023; Zopff, 2022). Im Zuge dessen können punktuell und direkt vor Ort alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit (soziale, ökologische und ökonomische) am Realobjekt untersucht, reflektiert, optimiert und umgesetzt werden. Beispielsweise kann, wie von Vogel (2024) vorgeschlagen, die Ökobilanz und eine Produktlinienanalyse untersucht werden. Im Rahmen der Umfrage wurde von den Lehrkräften W & Q angegeben, das jeweilige Schulgebäude bereits als Realobjekt für fachspezifische nachhaltige Prozesse in Lernsituationen zu verwenden.

Best-Practice-Beispiele von Lernräumen & Lernorten

Bei der Angabe von den Lehrkräften W & Q über die Nutzung des jeweiligen Schulgebäudes als anschauliches Objekt für die berufsspezifischen Lernsituationen wurde das Gebäude zur Bewertung der Dämmung des Gebäudes in Bezug auf den Wandaufbau und die Materialien analysiert (W) und die aktiven Instandhaltungsmaßnahmen des Gebäudes wurden durch die Lerngruppen umgesetzt (Q).

Jedoch wird deutlich, dass erfolgreiche Praxisbeispiele bislang eher punktuell vorhanden sind. Lediglich 23 Nennungen von insgesamt 60% (n = 6) der Befragten konnten der Kategorie Schulische Projekte dienen als Best-Practice-Beispiele für BBNE zugeordnet werden, welche neben der Nutzung von Realobjekten (n = 2) auch das Durchführen von Selbstlernkonzepten (n = 3) und von BBNE-Projekten (n = 18) beinhaltet. Bei den 18 durchgeführten Projekten können 50% (n = 9) der Projekte den Praxisbeispielen über allgemeine Nachhaltigkeit zugeordnet werden und weitere 50% (n = 9) fachspezifischen Projekten. Ein fachspezifisches Beispiel wird von der Lehrkraft E genannt: In einer (rein schulischen) Berufsfachschule wurde ein fester Projekttag eingeführt, an dem Lernende über mehrere Wochen hinweg selbstorganisiert an einem eigens ausgewählten Nachhaltigkeitsprojekt arbeiten. Der Projekttag entstand ursprünglich aus Mangel an Lehrkräften und somit stundenplantechnischen Gründen, wird jedoch genutzt, um eigenständige Problemlösungsprozesse zu fördern und Nachhaltigkeit praxisnah zu bearbeiten. Die Lehrkraft beschreibt die Akzeptanz des Konzepts durch die Schüler*innen wie folgt:

Bei den Schülern kommt es gut an, die finden das prima, das in der Tat. Natürlich auch, weil sie jetzt nicht acht Stunden durcharbeiten an dem Projekttag, das kommt auch noch dazu, aber die finden auch das Konzept gut, dass sie mal selbstständig arbeiten sollen. (E, Z. 276-279)

Dabei ist zu betonen, dass die Planung und Umsetzung dieses Projektes stark auf der Eigeninitiative der Lehrkraft beruht, da die Vorbereitung und Begleitung nicht als reguläre Unterrichtszeit angerechnet wird:

Es ist Mehrarbeit, für die es keine Stunden gibt, weil es halt eben kein Unterricht im eigentlichen Sinne ist. Das heißt, ich bereite das, was die Leute an diesen Projekttagen machen, bereite ich irgendwie in meinen anderen Unterrichtsstunden vor, sehe zu, dass ich die irgendwie zwischendurch mal an den Laden kriege, komme dann selber halt in die Schule, um da nochmal beratend tätig zu sein oder so. Also das ist viel auf Eigeninitiative tatsächlich in dem Fall. (E, Z.271-276)

Diese Rahmenbedingungen sind in Bezug auf die flächendeckende Umsetzung kritisch einzuordnen und werden später in Bezug auf die Transferstrategien nochmal genauer betrachtet.

In Bezug auf die aufgeführten Best-Practice-Beispiele in den Interviews ist neben der Nutzung von lokalen Realgebäuden als Lerngegenstand oder der Einführung von offenen Lernkonzepte, der Ort Schule als unterstützende Bildungsstätte aufgeführt worden. Dabei können Schüler*innen unterstützt werden, Schüler*innenfirmen zu gründen, welche sich dem Lösen von gesellschaftlichen Problemen widmen. Firmen von Schüler*innen ermöglichen praxisorientierte Lernprozesse, in denen Lernende eigenverantwortlich und gemeinschaftlich handeln. Dabei setzen sie sich aktiv mit den ökologischen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen ihres Handelns auseinander. Durch die praktische Arbeit können theoretische Inhalte fachübergreifend erprobt und kritisch auf ihre Umsetzbarkeit im beruflichen Alltag überprüft werden. Gleichzeitig fördern solche geschützten Lernumgebungen die Entwicklung von Verantwortungsbewusstsein, beruflichen und sozialen Kompetenzen sowie eines nachhaltigkeitsorientierten unternehmerischen Denkens (Nowatschin, 2023). Im Rahmen der Befragungen der zehn Lehrkräfte berichtet eine Lehrkraft (G) von der Gründung und erfolgreichen Durchführung einer nachhaltigkeitsorientierten Firma von Schüler*innen. Die Auswirkungen der Firma sind direkt im Schullalltag sichtbar:

„Wir haben halt [in der Nähe] ein Fastfoodrestaurant. Also es ist besser geworden, muss ich dazu sagen, seitdem wir jetzt wieder die Schülerfirma auch bei uns haben. Wenn ich Müll sammeln muss freitags, haben wir deutlich weniger Fastfood-Müll.“ (G, Z. 347-349)

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Förderung der Partizipation von Akteur*innen eines Lernortes zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen kann. Mertineit (2019) plädiert auf Grundlage des Nationalen Aktionsplans (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017) dafür, dass Bildungseinrichtungen selbst praktizieren müssen und so nachhaltige Lernorte entwickelt werden. Dabei können auch außerhalb einer Schüler*innenfirma konkrete gesellschaftliche Probleme aus der lokalen Umgebung aufgegriffen werden, um fachspezifische berufliche Handlungssituationen mit globalen Nachhaltigkeitsfragen zu verbinden (Mertineit, 2019). Es ist somit notwendig, dass Lernende in das aktive Umsetzen von eigenen Ideen kommen und dass die Schule der Ort für diese Erprobung und das Reflektieren dieser Ausführungen darstellt. Die Institution Schule muss den Raum und die Zeit für diese Handlungen stellen, um angehende Fachkräfte die Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen, die beim Einordnen und Lösen von beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen in Bezug auf alle Dimensionen der Nachhaltigkeit notwendig sind.

Transferstrategien

Dies wirft nun die Frage auf, wie der Transfer von derartigen Best-Practice-Beispielen, Lernräumen und Kompetenzanforderungen auf eine breite Fläche von Lernsituationen und Lernprozessen transferiert werden kann. Das eben genannte Beispiel von Lehrkraft E (ein fester BBNE-Projekttag in der schulischen Berufsfachschule) verdeutlicht neben den Potenzialen des Ansatzes (Raum für Gestaltung, und Partizipation zur Förderung der Selbstwirksamkeit und nachhaltigen Handlungskompetenz) die derzeitigen Rahmenbedingungen: Es besteht Zeitmangel aufgrund des Lehrkräftemangels und Strukturen. Derartige Erprobungen von neuen Lernformaten erfordern in den derzeitigen schulischen Strukturen Eigeninitiative der Lehrkräfte. Insgesamt berichten 80% (n = 8) der Lehrkräfte, dass die Umsetzung von BBNE häufig auf der Freiwilligkeit und Eigeninitiative einzelner Kolleg*innen beruht. Diese Situation weist auf strukturelle Defizite innerhalb des Bildungssystems hin. Harms (2023) zeigt in ihrer Studie, in der sechs Berufsschullehrkräfte aus dem Bereich der Anlagenmechaniker*in für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik befragt wurden, dass Lehrkräfte zwar häufig motiviert sind, nachhaltigkeitsbezogene Inhalte in den Unterricht zu integrieren, im Schulalltag jedoch auf strukturelle Barrieren stoßen. Dazu zählen unter anderem dauerhafte Überlastung, fehlende Unterstützung oder Akzeptanz im Kollegium sowie unzureichende Fortbildungsangebote. Stimmen die institutionellen Rahmenbedingungen – etwa hinsichtlich Zeitressourcen oder personeller Ausstattung – nicht, kann individuelle Motivation allein die Umsetzung neuer Konzepte nicht gewährleisten (Harms, 2023).

Auch die Befragung der Lehrkräfte aus den beruflichen Fachrichtungen der Bautechnik, Holztechnik und Farbtechnik & Raumgestaltung weisen darauf hin: Ein wesentlicher Faktor besteht auch laut Lehrkraft G darin, dass BBNE-bezogene Aktivitäten häufig nicht als Arbeitszeit angerechnet werden und daher zusätzlich zum regulären Unterrichtsaufwand erfolgen. Dadurch entsteht eine Situation, in der die Umsetzung von BBNE stark von der Motivation und persönlicher Kapazitäten einzelner Lehrkräfte abhängig ist.

Zeitmangel und fehlende Ressourcen werden von 90% (n = 9) der Befragten genannt. Von 40% (n = 4) wird explizit eine stärkere zeitliche Anrechnung von BBNE-bezogenen Aufgaben gefordert. Sechs der zehn Lehrkräfte berichten, dass für die Entwicklung nachhaltigkeitsbezogener Unterrichtsinhalte oder Projekte kaum zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen.

Als Herausforderung werden neben der zeitlichen Ressource der Lehrkräfte vor allem unzureichende institutionelle Strukturen inkl. fehlender schulischer Unterstützung (genannt von 90% der Lehrkräfte) und strukturelle Dysfunktionen im Bildungssystem (genannt von allen befragten Lehrkräften) dargestellt. Von den Lehrkräften M, K und B wird in der Subkategorie Unterstützungsstrukturen durch Politik, Verwaltung und Bildungsinstitutionen stärken gefordert, dass Vorgaben mit konkreten Umsetzungsmöglichkeiten dargelegt werden sollten. Dies geht mit einer konkreten Hilfestellung bei der Erstellung von BBNE-Konzepten (n = 1; Lehrkraft E) einher. Als Unterstützung wird zudem das Schaffen von strukturellen Rahmenbedingungen (wie die Stärkung der Schule durch Sozialarbeiter*innen oder das Freistellen der Lehrkräfte für die Ausarbeitung und Implementierung von neuen Konzepten und Themen) in der Subkategorie: Neue strukturelle Rahmenbedingungen schaffen und zeitliche Ressourcen für BBNE bereitstellen (n = 7) und das Ausbauen und Vereinfachen von finanziellen Förderstrukturen für BBNE-Projekte in der Subkategorie: Finanzielle Förderstrukturen für BBNE-Projekte ausbauen und vereinfachen (n = 5) genannt. 70% (n = 7) der Befragten nennen finanzielle Rahmenbedingungen als grundlegendes Hindernis. 40% (n = 4) fordern explizit vom Bund, Land und der Stadt einfachere und stärkere Finanzierung zur Umsetzung von BBNE in den berufsbildenden Schulen. Diese Ausführung der Probleme in Bezug auf die Finanzierung verdeutlicht, dass (fachspezifische) Fördermittel zur Verfügung gestellt werden müssen und in den Schulen erfolgreich kommuniziert und bei der Beantragung der Fördermittel unterstützt werden müssen. Derzeit werden Fördermittel in der beruflichen Bildung unter anderem beim Bundesinstitut für Berufsbildung (2026) aufgelistet. Dort werden verschiedene Förderprogramme, Modellversuchsprogramme und Verbundprojekte zur BBNE entwickelt, gefördert und dokumentiert. Zu den Förderprogrammen zählt beispielsweise das Programm NIB, das die sozial-ökologische Transformation in Betrieben unterstützt (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2024). Insgesamt wird jedoch deutlich, dass insbesondere fachspezifische Plattformen und Netzwerke für die Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik & Raumgestaltung bislang eingeschränkt vorhanden sind.

Als Lösungsansatz zur strukturellen Implementierung von BBNE an Schulen wird von dem BNE-Erlass (Niedersächsisches Kultusministerium, 2021) die Ernennung einer/eines BBNE-Beauftragten gefordert. Im Rahmen der Befragung gaben 20% (n = 2) der befragten Lehrkräfte an, dass es an ihrer Schule keine offiziell benannte BBNE-beauftragte Lehrkraft gibt bzw. dass ihnen ein*e BBNE-Beauftragte*r nicht bekannt ist. Eine der in dieser Befragung berücksichtigten zehn Schulen weist lediglich eine BBNE-Ansprechperson auf, die nach eigenen Angaben über weniger zeitliche Ressourcen verfügt als offiziell benannte BBNE-Beauftragte (Q). Die Auswahl der BBNE-Beauftragten an den befragten Schulen erfolgte zunächst durch die Schulleitung. Dabei wurde die Einrichtung der Stelle zunächst von der Schulleitung initiiert und anschließend innerhalb des Kollegiums – in Abstimmung mit der Schulleitung – entschieden, welche Lehrkraft diese Aufgabe übernimmt (Q, E, A). Im Zuge der BBNE-Beauftragten wird von der BBNE-beauftragten Lehrkraft E eine klare und für ganz Niedersachsen geltende Aufgabenbeschreibung gefordert. Dadurch könnte ein transparenter Rahmen für die Besetzung und Ausgestaltung der Stelle geschaffen und kommuniziert werden. Im BNE-Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums (2021, S. 4) wird lediglich genannt, dass die Besetzung der Stelle die Unterstützung der Schulleitung bei der Umsetzung von BBNE beinhaltet.

In Bezug auf die Schulleitung wird das Engagement und die Haltung der Schulleitung von 30% (n = 3) als entscheidend für die Motivation der Lehrkräfte zum Organisieren und Umsetzen von BBNE dargestellt: Unterstützende Schulleitungen können entsprechende Initiativen und dementsprechend die Energie und Selbstwirksamkeit der betreffenden Lehrkräfte fördern (S, N), während eine geringe Priorisierung von BBNE oder fehlende Wertschätzung gegenüber den Aktivitäten engagierter Lehrkräfte zu Demotivation führen kann, insbesondere wenn deren Engagement dadurch kaum sichtbare Wirkung oder Anerkennung erfährt (Q). Bei Lehrkraft Q führte dies dazu, dass das zunächst engagierte BBNE-Team die Arbeit einstellte. Eine stetige und zielführende Vorbereitung von Führungskräften in Bezug auf BBNE ist somit notwendig. Andernfalls kann der zuvor genannte ganzheitliche Whole Institution Approach nur mit unnötigen Rückschlägen oder aber überhaupt nicht umgesetzt werden.

Neben den institutionellen Strukturen und finanziellen Rahmenbedingungen sind auch die allgemeinen Vorgaben mit der Implementierung von BBNE in die Lernsituationen in Verbindung zu bringen. Von den Lehrkräften W und Q wird ein geringer Fokus auf Nachhaltigkeit in (Abschluss-) Prüfungen genannt und somit die derzeit vorherrschende Priorisierung von fachspezifischen Inhalten ohne Nachhaltigkeit begründet. Zudem wird von 70% (n = 7) der Lehrkräfte angegeben, dass allgemeiner Unterricht und die inhaltliche Vorbereitung auf die Prüfungen als wichtiger angesehen werden als die Planung und Umsetzung von BBNE. Auch Reichwein (2015) kam in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass nachhaltigkeitsbezogene Inhalte bislang häufig nur einen unverbindlichen Charakter besitzen und oftmals nur eine geringe oder sogar gar keine Prüfungsrelevanz aufweisen. Eine konsequente, flächendeckende und strukturelle Verankerung entsprechender Inhalte in Curricula sowie in Prüfungs- und Bewertungsformaten ist dringend erforderlich. Im Rahmen der Befragung wird dies auch deutlich: Es konnten 160 Aussagen von allen zehn befragten Lehrkräften der Kategorie BBNE-Themen systematisch in Unterricht und Prüfungsleistungen integrieren zugeordnet werden. Diese häufige und von allen befragten Lehrkräften ausgeführte Darlegung verdeutlicht den Bedarf an struktureller Integration in die Prüfungen.

In Bezug auf die Verbindlichkeit von Nachhaltigkeit in den Lernsituationen müssen auch die Ordnungsmittel betrachtet werden. Die Überarbeitung der jeweiligen Ordnungsmittel wird von Kuhlmeier & Vollmer (2018) und Vollmer (2019) als notwendig eingeordnet. Bei den für diesen Artikel befragten Lehrkräften ergab sich ein konträres Stimmungsbild. In der Subkategorie Lehrkräfte nehmen curriculare und gesetzliche Vorgaben zur BBNE-Umsetzung wahr und bewerten deren Praxistauglichkeit zeigte sich, dass zwei der zehn Lehrkräfte (S & N) insbesondere offene Vorgaben positiv bewerteten. Gleichzeitig gaben 40% der Befragten an (Lehrkräfte Q, M, K, B), dass der BNE-Erlass (2021) keine akute Auswirkung auf die fachspezifischen Umsetzungen von BBNE gehabt habe. Zudem gibt Lehrkraft B an, dass die Einstellung der Akteur*innen ausschlaggebender ist als formale Vorgaben wie der BNE-Erlass (2021). Dahingehend wird von Harms (2023) jedoch genau aus diesem Grund die Notwendigkeit von BBNE-Verbindlichkeit in Ordnungsmitteln gefordert, sodass die Motivation der individuellen Lehrkräfte nicht von der Thematisierung von BBNE abhängig ist. Diesbezüglich wird von den Lehrkräften S, Q, N und M (40%) erläutert, dass die Vorgaben und Ideen zur Umsetzung von BBNE an der eigenen Schule vorhanden sind, dass jedoch die Umsetzung schwierig sei. Daraus ergibt sich, dass nicht die Anpassung der Ordnungsmittel im Vordergrund stehen muss, sondern die Unterstützung der Lehrkräfte bei den Herausforderungen der Umsetzung von BBNE.

Als ein Ansatz zur Unterstützung bei der ganzheitlichen Implementierung von BBNE wurden Indikatoren von Schütt-Sayed et al. (2023) entwickelt. Dabei können die Indikatoren, wie normative Vorgaben, Kompetenzorientierung, Prüfungen, Partizipation und Lernortkooperationen, regelmäßig und systematisch in der Schule überprüft werden. Somit können Defizite wahrgenommen und Gelingensbedingungen zur erfolgreichen Verankerung von BBNE erprobt werden. Im Rahmen der Befragung gaben 70% (n=7) an, dass ihnen kein grundlegendes Konzept der eigenen Schule bekannt ist. Die Bereitstellung von vorgefertigten und individuell anpassbaren Konzepten und Indikatorenlisten können eine Möglichkeit zur Bewältigung der Umsetzungsprobleme darstellen.

Ein weiteres zentrales Thema, welches in den Interviews deutlich wurde, betrifft die Bedeutung von Kooperationen für die Umsetzung von BBNE. Wie zu Beginn des Artikels verdeutlicht wurde, bestehen aktive Verbundprojekte und Netzwerke für den Austausch und zur Kooperation in Bezug auf BBNE. Dennoch zeigt die Befragung der zehn Lehrkräfte, dass derzeit geringe Kooperationen bei den Befragten in Bezug auf BBNE umgesetzt werden (n = 4). Lehrkraft G (10%) gab an, dass die Teilnahme an Kooperationen zeitlich schwierig ist. 30% (n=3) gaben an, dass Austausch- und Kommunikationsplattformen fehlen und somit den Wissenstransfer zu BBNE behindern. Im Zuge dessen wird von 40% (n=4) der Befragten bemängelt, dass ihnen die fachspezifischen BBNE-Lehrmittel und BBNE-Inhalte fehlen. Im Allgemeinen spielen im dualen System Kooperationen zwischen Schulen, Betrieben und überbetrieblichen Lernorten eine entscheidende Rolle (KMK, 2021, S. 6). Nagel (2021; 2022) hebt hervor, dass eine systematische Analyse beruflicher Handlungsprozesse in Betrieben als Gegenstand für eine gelingende Lernortkooperation zwischen Schule und Betrieb verwendet werden kann. Dabei können nachhaltigkeitsbezogene Inhalte gezielt in berufliche Handlungs- und Reflexionsprozesse integriert werden. Auch Lehrkraft B betont, dass nachhaltigkeitsbezogene Inhalte nur dann wirksam vermittelt werden können, wenn schulische Lernprozesse mit betrieblichen Erfahrungen der Auszubildenden gelungen in Beziehung gesetzt werden können und diese aufeinander abgestimmt sind. Dabei beschreibt B eine Erfahrung in Bezug auf Nachhaltigkeit in der dualen Ausbildung der Holztechnik:

„Wir sind ja im dualen System. Und die Ausbildung setzt sich zusammen aus der Schule und den Betrieben. Und wenn wir dann hier [in der Schule] darüber sprechen, dass es wichtig ist, den und den Werkstoff zu verwenden, dann haben wir ja sozusagen immer die andere Seite, nämlich den Betrieb oder die Erfahrung aus den Betrieben der Auszubildenden. Und die sagen dann ‚Ja, aber in unserem Betrieb machen wir das so und so und da achten wir da gar nicht drauf.‘ Und das ist ganz häufig schwierig damit umzugehen. Es ist so ein bisschen wie so ein Totschlagargument.“ (B24, Z. 249–259).

Dies verdeutlicht, dass unterschiedliche Ausführungsprozesse zwischen schulischem Lernen und betrieblicher Praxis zu Spannungsfeldern führen können. Gleichzeitig sehen 40% (n = 4) der Befragten in einer intensiveren Lernortkooperation großes Potenzial für die Integration nachhaltiger Inhalte. Lehrkraft B betont, dass nachhaltige Bauprozesse häufig erst in der praktischen Anwendung sichtbar werden, weshalb der erfolgreiche Austausch zwischen Schule und Betrieb eine zentrale Rolle für die Entwicklung nachhaltiger beruflicher Handlungskompetenz spielt. Auch Redhammer et al. (2022) unterstreichen Lernortkooperationen als wesentliches Element von BBNE.

Neben Kooperationen mit Betrieben betonen alle befragten Lehrkräfte die Bedeutung schulinterner Zusammenarbeit. Besonders Kooperationen zum Austausch von Materialien und Erfahrungen innerhalb der Schule werden als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung von BBNE beschrieben. 60% (n = 6) der Befragten wünschen sich eine Plattform zum Austausch der Materialien, Projekterfahrungen und Konzepten.

Zudem sehen 30% (n = 3) der Befragten Potenzial in schulübergreifenden Netzwerken. Solche Netzwerke könnten dazu beitragen, dass bereits entwickelte Konzepte oder Unterrichtsmaterialien stärker verbreitet werden und Schulen voneinander lernen können, anstatt ähnliche Ansätze mehrfach neu zu entwickeln.

Auch Kooperationen mit Hochschulen und Studienseminaren werden als relevant eingestuft. 50% (n = 5) der Lehrkräfte betonen, dass nachhaltigkeitsbezogene Themen stärker in die Lehrkräfteausbildung integriert werden sollten und gleichzeitig praxisbezogene Erfahrungen aus der schulischen Praxis in wissenschaftliche Diskurse eingebracht werden müssen. Lehrkraft N weist daraufhin, dass finanzierte und in Schulen integrierte Coachingstrukturen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität inklusive dessen Vorbereitung und Nachbereitung in Bezug auf BBNE beitragen können. Dahingehend betonen Vogel (2024), Stomporowski (2024), Fogolin (2024), Maßmann (2021) und Hamade (2024) die zentrale Bedeutung einer systematischen Aus- und Fortbildung von Lehrkräften im Kontext von BBNE. Nach Vogel (2024) ist es dabei insbesondere erforderlich, dass Lehrkräfte ihr eigenes Fachwissen im Hinblick auf die Bedeutung für nachhaltige Entwicklung reflektieren, einordnen und kritisch bewerten können. Darüber hinaus wird hervorgehoben, dass BBNE strukturiert und ganzheitlich in die Lehrkräftebildung integriert werden muss (Grundmann et al., 2024; Schütt-Sayed, 2019). Dies umfasst zudem eine Erweiterung bestehender Kompetenzanforderungen, bei der Nachhaltigkeit als Prinzip verbindlich in die Standards der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften aufgenommen wird (Schütt-Sayed, 2019). In Bezug auf die Fortbildungen beschreibt Lehrkraft W die Zugänglichkeit zu dem Fortbildungsangebot jedoch als intransparent:

„Ich glaube, dass das Fortbildungsangebot für Lehrkräfte an der Berufsschule nicht so transparent ist. Das liegt aber an diesem Tool, von diesen Nibis. (W, Z. 364-366) […] Weil zurzeit ist es so, du gehst auf die Plattform, meldest dich an und suchst eigenständig. Und wenn du da nicht das richtige Schlagwort hast, dann kommt auch nichts. Also du musst da auch wieder sehr viel Zeit und Muße investieren, um dich selber fortbilden zu können.“ (W, Z. 377-380)

Insgesamt wird von 40% befragten Lehrkräften (n = 4) geäußert, dass dysfunktionale Strukturen, wie impraktikable Webseiten und die Verteilung der Informationen zu den Fortbildungen auf verschiedenen Webseiten, die Lehrkräftefortbildung zu BBNE erschweren. Eine gebündelte und anwendungsfreundliche Aufbereitung der Angebote ist somit zielführend. Zudem wird im Rahmen der Subkategorie Unzureichende Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte erschwert die Umsetzung von BBNE von Lehrkraft A ein fehlender BBS-Fokus bei BBNE-Fortbildungen als hinderlich angesehen. Fachspezifische Fortbildungen sind notwendig: Maßmann (2021) spricht von der Notwendigkeit, die Fort- und Weiterbildungsstruktur zu stärken. Hamade (2024) sieht dabei in der Lehrkräftebildung große Verantwortung, da Lehrkräfte in den beruflichen Fachrichtungen als Multiplikatoren für BBNE dienen.

4.2 Gütekriterien

Die vorliegende Untersuchung orientiert sich an den Gütekriterien qualitativer Forschung nach Kuckartz & Rädiker (2022, S. 235) sowie Miles und Huberman (1994). Zur Sicherstellung der methodischen Nachvollziehbarkeit sowie der Qualität und Transparenz der Ergebnisse wird das Vorgehen anhand der Kriterien Glaubwürdigkeit, Übertragbarkeit, Verlässlichkeit und Bestätigbarkeit reflektiert.

Glaubwürdigkeit (interne Validität)
Die Analyse basiert auf leitfadengestützten Expert*inneninterviews, die Vergleichbarkeit der Aussagen ermöglichen und zugleich individuelle Perspektiven berücksichtigen. Der Interviewleitfaden wurde aus der Forschungsfrage sowie den Zielsetzungen des niedersächsischen BNE-Erlasses (Niedersächsisches Kultusministerium, 2021) entwickelt und damit an den bildungspolitischen Kontext angebunden. Die Datenauswertung erfolgte iterativ und zirkulär, indem Kategorien in mehreren Durchgängen geprüft, verdichtet und miteinander in Beziehung gesetzt wurden. Der induktiv entwickelte Kodierleitfaden wurde zudem mit dem Forschungsstand zu BBNE abgeglichen.

Übertragbarkeit (externe Validität)
Die Untersuchung fokussiert die Implementierung von BBNE in den Fachrichtungen Bautechnik, Holztechnik sowie Farbtechnik & Raumgestaltung an berufsbildenden Schulen in Niedersachsen. Befragt wurden Lehrkräfte aus zehn Schulen mit unterschiedlichen Rollen im BBNE-Kontext (BBNE-Beauftragte, BBNE-Ansprechpersonen, Mitglieder von BBNE-Teams sowie BBNE-interessierte Lehrkräfte). Dadurch entsteht eine vielfältige Perspektive auf schulische Umsetzungsprozesse. Eine weitere Übertragbarkeit kann künftig durch die Einbeziehung der zusätzlichen 15 Interviews vertieft werden.

Verlässlichkeit (Reliabilität)
Die Interviews wurden anhand eines einheitlichen Leitfadens durchgeführt und regelgeleitet transkribiert. Die Transkriptionsregeln orientieren sich an Kuckartz & Rädiker (2022) sowie Claussen, et al. (2020). Die Analyse erfolgte systematisch mit MAXQDA. Das Kategoriensystem wurde schrittweise entwickelt, überprüft und in einem Kodierleitfaden dokumentiert. Die Datenerhebung wurde bis zur inhaltlichen Sättigung fortgeführt; ab dem achten Interview traten keine neuen grundlegenden Kategorien mehr auf.

Bestätigbarkeit (Objektivität)
Die Kategorienbildung wurde im Team reflektiert und diskutiert, wodurch einseitige Interpretationen reduziert wurden. Ein transparenter Kodierleitfaden mit Definitionen, Kodierregeln und Ankerbeispielen erhöht zusätzlich die Nachvollziehbarkeit der Zuordnung von Textstellen zu den jeweiligen Kategorien.

5 Fazit und Ausblick

Die explorative Untersuchung zeigt, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung an den befragten berufsbildenden Schulen zwar thematisiert wird, jedoch bislang nur begrenzt strukturell verankert ist und häufig auf dem Engagement einzelner Lehrkräfte beruht. Als zentrale Voraussetzung für eine nachhaltige Implementierung werden stabile institutionelle Rahmenbedingungen wie Zeitressourcen für Lehrkräfte, finanzielle Unterstützung, zugängliche Lehrmaterialien sowie praxisnahe Fortbildungs- und Coachingangebote deutlich. Zudem besteht ein deutlicher Bedarf an Austausch- und Kooperationsstrukturen, etwa durch schulinterne und schulübergreifende Netzwerke sowie Kooperationen mit Betrieben, Hochschulen und weiteren Akteur*innen der beruflichen Bildung. Nachhaltigkeitsbezogene Inhalte werden derzeit überwiegend projektorientiert umgesetzt und seltener flächendeckend in reguläre Lernsituationen integriert.

Neben den identifizierten zentralen Handlungsschritten für die Weiterentwicklung von BBNE in der beruflichen Bildung lassen sich zudem notwendige Schritte für die Forschung zur Implementierung von BBNE im Bauwesen ableiten:

  • Zum einen sollten die im Rahmen dieser Studie erhobenen weiteren 15 Interviews, die Lehrkräfte aus anderen beruflichen Fachrichtungen sowie weitere schulische Akteur*innen umfassen, in zukünftigen Analysen berücksichtigt werden, um zusätzliche Perspektiven auf die Umsetzung von BBNE zu gewinnen. Zudem bietet eine breitere Stichprobe das Potenzial, bereits erfolgreich durchgeführte Best-Practice-Modelle zu untersuchen und breit zugänglich zu machen.
  • Zum anderen bietet der entwickelte Kodierleitfaden eine geeignete Grundlage für weiterführende quantitative Untersuchungen. Eine niedersachsenweite Befragung von Lehrkräften berufsbildender Schulen könnte dazu beitragen, die identifizierten Umsetzungsbedingungen systematisch zu überprüfen und ein breiteres Stimmungsbild zur Integration von BBNE zu erfassen. Dabei müssen neben BBNE-engagierten Lehrkräften auch Lehrkräfte ohne bisherigen Bezug zu BBNE einbezogen werden, um die Ergebnisse auf eine breitere und repräsentative Grundlage zu stellen.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung, dass BBNE in der beruflichen Bildung bereits an Schulen thematisiert wird, jedoch mit Unterstützung aller beteiligten Akteur*innen noch stärker strukturell verankert werden muss. Eine erfolgreiche Integration erfordert daher nicht nur neue Unterrichtsinhalte, sondern auch eine Weiterentwicklung institutioneller Rahmenbedingungen, der Lernkultur und der Kooperationen im Bildungssystem.

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Bedingungen erfolgreicher BBNE-Implementierung im Kontext von Schulentwicklung und Professionellen Lerngemeinschaften – ein Praxisbeispiel

1 Einleitung und Problemstellung

Das Thema Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) nimmt zunehmend an Bedeutung im Kontext ökologischer, ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Aspekte zu und wird entscheidend für erfolgreiche Transformationsprozesse in naher Zukunft in einer VUKA-Welt sein. VUKA ist ein Akronym für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität (Wilbers, 2025, S. 680-681).

Vor diesem Hintergrund haben sowohl viele Interessentengruppen als auch die Schulen ein großes Interesse die BBNE im Unterricht erfolgreich, ganzheitlich und zügig zu implementieren, so dass das Bildungsziel die Schülerinnen und Schüler zu befähigen nicht nur in beruflichen, sondern auch in allen Lebenssituationen Aufgaben nachhaltig, verantwortungsvoll sowie zukunftsorientiert zu lösen, umgesetzt wird.

In der Schulpraxis wurde oft deutlich, dass die Implementation dieser umfangreichen und komplexen Aufgabe viele Hindernisse beinhaltet und von vielen Gelingensbedingungen abhängig ist. Dabei ist die Schulentwicklung ein Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg der Umsetzung und muss ganzheitlich betrachtet und langfristig geplant werden. Hierzu zählen die Aspekte Unterrichts-, Personal-, Organisations-, Kooperation- sowie Technologieentwicklung. Des Weiteren ist die Rolle und Unterstützung der Schulleitung, der mittleren Ebene und der Steuergruppe im Sinne des distrubuted Leadership entscheidend, um BBNE in der Schule erfolgreich umzusetzen. Ein besonderer und intensiverer Fokus sollte auch in die Kooperation gelegt werden, da interne und externe Kooperationen, wie etwa Professionelle Lehrkräfteteams oder Zusammenarbeit mit Ausbildungsbetrieben, für die Implementierung und Entwicklung von BBNE-Zielen elementar sind.

In diesem Beitrag werden nun diese oben genannten Aspekte exemplarisch in Bezug auf die Berufliche Schule 2 in Nürnberg aufgezeigt, wie sie das Thema BBNE implementiert und damit verbundene Herausforderungen bewältigt hat und weiterhin bewältigt. Zunächst wird auf die Erläuterung von zentralen Konzepten eingegangen, um einen theoretischen Rahmen zu schaffen. Anschließend wird die Berufliche Schule 2 und ihre Rahmenbedingungen in Nürnberg kurz vorgestellt. Im weiteren Kapitel werden Umsetzungsbeispiele zu BBNE als Best-Practice aufgeführt. Diese Erfahrungen werden als Gelingensbedingungen im vorletzten Kapitel herausgearbeitet und kritisch reflektiert. Daraufhin wird ein Fazit im Hinblick auf mögliche Transfer- und Entwicklungsherausforderungen diskutiert und ein Ausblick für weitere BBNE-Projekte skizziert.

2 Theoretischer Bezugsrahmen: BBNE, Schulentwicklung und Professionelle Lerngemeinschaften

2.1 Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE)

Die Begriffsbestimmung „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ wurde erstmals auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahre 1992 getätigt. Der Bildung wurde eine zentrale Rolle zugewiesen und ein Schlüssel zu befähigen alle Menschen in unserer globalisierten Welt aktiv, eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst zu gestalten (Kultusministerkonferenz, 2023, S. 3). Dort wurde auch von allen Staaten die nachhaltige Entwicklung als ein globales Ziel von größter Dringlichkeit anerkannt. Die Anfänge der BNE gehen jedoch auf die 70´er Jahre zurück (UNESCO & Deutsche UNESCO-Kommission, 2021, S. 66). 2015 wurde das UNESCO-Weltaktionsprogramm nachhaltige Entwicklung ins Leben gerufen, in dem die 17 Ziele (Sustainable Development Goals, SDGs) der Agenda 2030 definiert und an alle Staaten, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und jede und jeden Einzelnen gerichtet wurden (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, n.d.). Zu den vielschichtigen und komplexen Zielen, die gemäß der Verabschiedung bis 2030 erreicht werden sollen, gehören unter anderem die Bewältigung von Armut und Hunger sowie das Gewährleisten von Ernährungssicherheit und Gesundheit, die Umsetzung von Maßnahmen zur Verfügbarkeit und nachhaltigen Bewirtschaftung von Wasser, die Entwicklung nachhaltiger Konsum- und Produktionsstrukturen; der Schutz, die Wiederherstellung und die nachhaltige Nutzung von Landökosystemen, der Erhalt und die nachhaltige Nutzung von Ozeanen, Meeren und Meeresressourcen, Maßnahmen gegen den Klimawandel sowie die Stärkung und Gestaltung von friedlichen, inklusiven und offenen Gesellschaften (Kultusministerkonferenz, 2023, S. 3). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) verknüpft die Prinzipien der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und vermittelt damit wesentliche Kompetenzen für ein nachhaltiges Handeln in Beruf und Alltag. Hierzu zählen etwa die Bereiche ressourcenschonende Produktion und Dienstleistungen oder Recycling von Abfallprodukten.

Die Verankerung der BNE- bzw. BBNE-Ziele wurde sukzessiv im Bildungssystem in mehreren Schritten und in mehreren Ebenen durchgeführt, da sie als komplexe, übergeordnete Querschnittsaufgabe verstanden wird. Zu einigen relevanten Orientierungsdokumenten für die Schulen zählen beispielsweise die „Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule“, Ausbildungsordnungen, Rahmenlehrpläne und Lehrpläne bzw. Lehrplanrichtlinien für die einzelnen Schularten bzw. Berufe oder Handreichungen, welche stetig angepasst und weiterentwickelt werden (Holst, 2022, Kultusministerkonferenz, 2023, Schreiber & Siege, 2016).

Die Einführung und Implementierung von BBNE als Anbahnung eines innovativen Kompetenzbereiches kann nur unter Berücksichtigung schulischer Entwicklungsprozesse gelingen. Daher werden nun die Themen Schulentwicklung und Innovationen kurz beleuchtet.

2.2 Schulentwicklung und Innovationen

Schulentwicklung und Innovationen sind Bereiche, welche im schulischen Kontext miteinander verwoben sind. Schulentwicklung ohne Innovationen sowie Innovationen ohne Schulentwicklung ist schwer vorstellbar. Wenn Berufliche Schulen – wie oben ausgeführt – das fach- und klassenübergreifende Querschnittsthema BBNE systematisch implementieren möchten, so müssen sie in diesen Bereichen Kompetenzen vorweisen, um erfolgreich zu handeln.

Schulentwicklung wird in dieser Veröffentlichung, als konstante, intentionale und systematisch-positive (Weiter-) Entwicklung der Einzelschule, die als lernende Organisation im Systemzusammenhang reflexiv agiert, verstanden (Rolff, 1998, Bohl, 2009).

In der Literatur finden sich viele Theorien und Modelle zur Schulentwicklung, welche ihren Schwerpunkt unterschiedlich lagern und somit thematische Elemente vielfältig in den Fokus rücken. So lassen sich Theorien lokalisieren, die die Akteure, Schulkultur oder die Organisation und Steuerung im Vordergrund stellen (Bohl, 2020, S. 101). Als eines der häufigsten systematischen Schulentwicklungsmodelle wurde im deutschsprachigen Raum das Drei-Wege-Modell als pädagogische Schulentwicklung von Rolff (1998) zitiert bzw. in der Praxis berücksichtigt. Das Modell bezieht sich auf verschiedenen Theorien, wie etwa Systemtheorie oder Organisationstheorie.

Im Zentrum des Drei-Wege-Schulentwicklungsmodells werden die Lernprozesse und -fortschritte der Schülerinnen und Schüler betrachtet. Um diese ganzheitlich und systematisch weiterzuentwickeln, bedarf es die Betrachtung und Bearbeitung bzw. Entwicklung der drei Dimensionen: Unterrichtsentwicklung (UE), Personalentwicklung (PU) und Organisationsentwicklung (OE). In der UE-Dimension werden die Verbesserung der Lehr-Lernprozessen und die dazugehörigen Rahmenbedingungen betrachtet. So gehören die Punkte Lernkultur, didaktisch-methodische Innovationen oder Evaluation der Lernprozesse hierzu. Die zweite Dimension stellt die Personalentwicklung (PE) dar, welche sich mit der Handlungs- und Kompetenzentwicklung der schulischen Akteure beschäftigt. Lehrkräftefortbildung, kollegiale Hospitation, Mitarbeiter- und Zielvereinbarungsgespräche, aber auch Teamarbeit fallen in diese Dimension. Die Dritte Dimension nimmt Bezug auf die Organisationsentwicklung (OE) und berücksichtigt die Schule als System und Organisationseinheit. Diesbezüglich werden beispielsweise Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen, Verwaltungsarbeiten oder Stundenplanorganisation analysiert und weiterentwickelt. Diese Dimensionen werden im Modell als interdependent betrachtet und implizieren somit, dass Schulentwicklung nur unter Berücksichtigung aller Dimensionen erfolgreich betrieben werden kann, welche sich gegenseitig beeinflussen. Somit ist etwa UE ohne PE oder PE ohne OE nicht zielführend (Rolff, 2007, S. 31).

Das Modell von Rolff wurde allerdings auch kritisiert und als unscharf bezeichnet, beispielsweise seien individuelle und subjektive Orientierung nicht berücksichtigt oder in der theoretischen Breite allgemein zu beschränkt (Bohl, 2020, S. 103–104). Des Weiteren werden wichtige und zukunftsträchtige Themenfelder oder Dimensionen wie externe und interne Kooperationen und Technologieentwicklungen nicht ausreichend fokussiert. Diese können jedoch in Bezug auf digitale Transformationen entscheidende Faktoren darstellen. Eickelmann und Gerick erweitern das Schulentwicklungsmodell von Rolff, in dem sie die zwei Dimensionen Kooperations- und Technologieentwicklung aufnehmen (Fünf-Wege-Modell, siehe Abbildung 1). In der Kooperationsentwicklung (KE) sollen alle internen und externen Kooperationsprozesse betrachtet und verbessert werden, wie etwas Kooperation mit Eltern, Betrieben oder Lehrkräfteteams bzw. Professionelle Lerngemeinschaften. Die Dimension Technologieentwicklung (TE) dagegen beinhaltet die Bereiche wie Entwicklung von IT-Infrastruktur oder Laborausstattungen etc. (Eickelmann & Gerick, 2017, Kultusministerkonferenz, 2021, S. 16-20).

Abbildung 1: Fünf-Wege-Modell der Schulentwicklung (in Anlehnung an Kultusministerkonferenz, 2021, S. 16)Abbildung 1: Fünf-Wege-Modell der Schulentwicklung (in Anlehnung an Kultusministerkonferenz, 2021, S. 16)

Wie bereits erwähnt, ist systematische Schulentwicklung mit Innovation, Change-Prozessen und somit mit Wandel stark verbunden, welcher von vielen Faktoren abhängt (Capaul, 2023, S. 573–581). In der Literatur wird zum einen der Begriff Innovation unterschiedlich und zum anderen werden Begriffe teilweise synonym verwendet (Rürup, 2011, S. 10). Unter Innovation (lateinisch: innovare) wird das Schaffen von Neuem verstanden (Glück, 2015, S. 3). Es gibt viele Definitionen – je nach Disziplin–, die beispielsweise Organisation, Produkt oder Personal ins Zentrum stellten (Capaul, 2023, S. 577–579). Goldenbaum definiert Schulinnovationen wie folgt: „Schulinnovationen als sozial-gesellschaftliche Innovationen stellen neue, zielgerichtete, intendierte und geplante Maßnahmen dar, die Veränderungen bzw. Verbesserungen im schulischen Bildungssystem (Makroebene), in der Einzelschule (Mesoebene) und/oder in sozialen Interaktionen (Mikroebene) herbeiführen (sollen)“ (2013, S. 151). Die praktische Umsetzung von Innovationen wird in der Forschung häufig mit dem Begriff Implementation beschrieben (Goldenbaum, 2013, S. 152).

Wie oben beschrieben, ist die Dimension der Kooperationsentwicklung fundamental für das Gelingen von Schulentwicklungsprozesse und letztlich auch für die Implementierung von Innovationen. In dieser Dimension fällt auch die Kooperation der Lehrkräfteteams. Dies zeigte sich auch im praktischen Fall der Beruflichen Schule 2 und wird daher als theoretischer Rahmen betrachtet.

2.3 Professionelle Lerngemeinschaften (PLG)

Professionelle Lerngemeinschaften sind eine Form der Kooperation zwischen Lehrkräften. Spieß beschreibt den Begriff Kooperation: „Kooperation ist gekennzeichnet durch den Bezug auf andere, auf gemeinsam zu erreichende Ziele bzw. Aufgaben, sie ist intentional, kommunikativ und bedarf des Vertrauens. Sie setzt eine gewisse Autonomie voraus und ist der Norm von Reziprozität verpflichtet (2004, S. 199).“ Kullmann definiert schulische und unterrichtliche Kooperation als alle Formen der Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, die sich auf die didaktisch-pädagogische oder organisatorische Vorbereitung, Durchführung oder Evaluation von Unterricht beziehen und Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler oder Gäste einbeziehen (2009, S. 10).

Kooperationen von Lehrkräften können je nach Kontext unterschiedlich gestaltet werden und unterschiedlich intensiv sein. Gräsel et al. unterscheiden drei Stufen: Austausch, arbeitsteilige Kooperation und Kokonstruktion. Die Kooperationsart Austausch zeichnet sich durch geringe Verbindlichkeit zwischen den Lehrkräften aus, welche nur Materialien oder Erfahrungen austauschen. Die kooperierenden Lehrkräfte haben keine gemeinsamen Ziele und gemeinsame (pädagogische) Normen. Der Zeitaufwand der Kooperation und Interdependenz ist hier am niedrigsten („low cost“). In der arbeitsteiligen Kooperation sind gemeinsame Ziele und Planungen vorhanden und Aufgaben sind somit strukturiert, um sie verteilen zu können. Die Autonomie ist in dieser Form geringer, da die Gesamtergebnisse bzw. Ziele von den Kooperationspartnern abhängen. Die Kokonstruktion ist die intensivste Kooperationsform und ist besonders bei der Schulentwicklung und Innovationen am effektivsten. Die kooperierenden Lehrkräfte teilen ihr Wissen und synthesieren es so, dass sie die Aufgaben gemeinsam und am besten lösen. Sie haben gemeinsame Ziele, Normen sowie hohes gegenseitiges Vertrauen und intensive Kommunikation. Allerdings ist die Autonomie in dieser Kooperationsform am niedrigsten und der zeitliche Aufwand der Zusammenarbeit am höchsten („high cost“) (2006, S. 209-211).

Einer der intensivsten Kooperationen im schulischen sowie unterrichtlichen Setting im Sinne der Kokonstruktion ist die Professionelle Lerngemeinschaften (PLG). PLGs können durch folgende Merkmale gekennzeichnet werden: Sie pflegen einen reflektierten Dialog, verstehen Unterricht nicht als „Privatangelegenheit“, haben einen gemeinsamen Fokus auf die Schülerinnen und Schüler und verschieben damit die Perspektive vom Lehren hin zum Lernen, teilen gemeinsame Werte und Normen und arbeiten intensiv zusammen (Newman, 1994, Kruse et al., 1995, Bonsen & Rolff, 2006, S. 170).

In PLGs entwickeln Lehrkräfte gemeinsam eine forschende Haltung gegenüber der Schulpraxis und übernehmen eine kollektive Verantwortung für das Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie klären gemeinsame Erwartungen und verbessern Lehr- und Lernprozesse, indem sie kokonstruktive Formen der Zusammenarbeit pflegen. Professionelle Lerngemeinschaften sind essenziell für ein lernendes Schulsystem, da sie den Erfahrungs- und Wissensaustausch fördern und damit nicht nur die professionelle Entwicklung einzelner Akteurinnen und Akteure, sondern auch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Schule als System unterstützen (Sliwka & Klopsch, 2024, S. 192).

Im nächsten Kapitel werden die Strukturen und Rahmenbedingungen der Beruflichen Schule 2 in Nürnberg kurz vorgestellt.

3 Organisatorische Strukturen und institutionelle Rahmenbedingungen der kommunalen Beruflichen Schule 2 Nürnberg (B2)

Die B2 vereint drei Schularten: Berufsschule, Berufsfachschule und Fachschule. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler absolviert eine Ausbildung im dualen System. Derzeit besuchen insgesamt ca. 1.970 Schülerinnen und Schüler die Schule, davon etwa 40 die Berufsfachschule, 1.550 die Berufsschule und 380 die Fachschule. An der Schule sind rund 100 Lehrkräfte in Voll- und Teilzeit beschäftigt. Die Schule ist auf zwei Standorte verteilt (Fürther Straße und Schoppershof), die jeweils von stellvertretenden Schulleitungen geführt werden; die Gesamtverantwortung liegt bei der Schulleitung. Sie gliedert sich weiterhin in acht Fachbereiche bzw. Abteilungen, die jeweils von der mittleren Ebene (Fachbetreuerinnen und Fachbetreuer bzw. Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter) betreut werden.

Eine weitere Besonderheit der Schule besteht darin, dass die mittlere Ebene neben unterrichtsfachlichen und unterrichtsorganisatorischen Aufgaben zusätzlich für Organisations-sowie Personalentwicklungs- und Beschaffungsaufgaben innerhalb der Abteilungen zuständig ist. Damit übernimmt sie eine zentrale Führungsfunktion für die Schul- und Unterrichtsentwicklung in den jeweiligen Abteilungen (Beutl et al., 2021, Wilbers, 2015). Die mittlere Ebene an der B2 wurde im Rahmen eines Schulversuches im Jahre 2015 eingeführt, evaluiert und sukzessiv optimiert (Horneber & Wilbers, 2021).

Ein weiteres zentrales Steuerungs- und Managementgremium in Bezug auf verteilte Führung (distributed Leadership), das neben der Schulleitung und der mittlere Ebene für die Koordination der Schul- und Unterrichtsentwicklung verantwortlich ist, stellt die Steuergruppe dar. Diese Gruppe steuert, koordiniert, kommuniziert und evaluiert abteilungsübergreifend sämtliche Qualitätsmanagement- und Entwicklungsprozesse der Gesamtschule. Der Qualitätsmanagementgruppe gehören freiwillige Lehrkräfte, Mitglieder der mittleren Ebene, die Personalvertretung, die Schulleitung sowie die Schulsozialpädagogik an. Darüber hinaus sind die Organisationsstrukturen überwiegend so angelegt, dass Lehrkräfte in Teams zusammenarbeiten und dabei im Sinne der Kokonstruktion bzw. professioneller Lerngemeinschaften (PLG) miteinander kooperieren (Gräsel et al., 2006, S. 209-211, Sliwka & Klopsch, 2024, S. 192).

Die Unterrichtsorganisation wird an der B2 überwiegend nach dem Modulkonzept realisiert. In diesem Konzept werden die Lernfelder der jeweiligen Berufe sequenziell in Form von Modulen unterrichtet. Module werden dabei als strukturierte Lerneinheiten bzw. Bausteine verstanden, die aus den jeweiligen Lernfeldern abgeleitet sind und darauf abzielen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Sinne beruflicher Handlungskompetenz systematisch zu vermitteln. Lernfelder hingegen sind thematisch abgegrenzte Einheiten, die den Unterricht in der Berufsausbildung strukturieren und die für einen bestimmten Ausbildungsberuf relevanten Inhalte und Kompetenzen bündeln. Sie orientieren sich an beruflichen Handlungsfeldern, die die Auszubildenden nach ihrer Ausbildung, als Facharbeiterinnen und Facharbeiter in der beruflichen Praxis bewältigen müssen (Hoffmann et al., 2024, S. 9, Wilbers, 2025, S. 519).

Im Rahmen dieses Modulsystems arbeiten die Lehrerinnen- und Lehrertandems eng zusammen, indem sie gemeinsam die Planung, Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts übernehmen. Nach jeder Unterrichtseinheit reflektieren sie ihre Erfahrungen und entwickeln den Unterricht kontinuierlich weiter. Dieser fortlaufende Dialog und die intensive Zusammenarbeit stärken nicht nur das Coachingsystem, sondern fördern auch die persönliche und berufliche Entwicklung der beteiligten Lehrkräfte.

Die B2 hat in der Vergangenheit erfolgreich an mehreren Modellversuchen teilgenommen, darunter etwa „Profil 21“ (Stiftung Bildungspakt Bayern, 2012). Darüber hinaus wurde die Schule mit dem Deutschen Lehrerpreis im Bereich „Innovation“ ausgezeichnet. Somit hat sie breite Erfahrungen in Implementation von Innovationsmaßnahmen.

4 Umsetzungsprojekte und -beispiele an der Beruflichen Schule 2 Nürnberg

Im Folgenden werden ausgewählte Umsetzungsbeispiele bzw. Unterrichtsprojekte zur BBNE vorgestellt. Hierbei soll auch auf den Unterschied zwischen BNE und BBNE eingegangen werden. Die Implementierungsstrategien sowie deren Herausforderungen werden im nächsten Kapitel „Kritische Würdigung: Herausforderungen und Gelingensbedingugnen“ beschrieben.

4.1 Unterscheidung BNE und BBNE

BNE stellt den Ansatz dar an allgemeinbildenden Schulen ein Verständnis von nachhaltigem Handeln und dessen Einfluss auf die natürlichen Ressourcen zu schulen. Sie berücksichtigt die gesellschaftliche bzw. politische Verantwortung und die übergreifende Leitidee der nachhaltigen Entwicklung im Hinblick auf intra- und intergenerative Gerechtigkeit, ethische Einsichten, problemorientierte Analysen, handlungsstrategische Perspektiven sowie die dauerhafte und gerechte Gewährleistung menschlicher Bedürfnisse.(Patrick Hilse et al., 2022, S. 24) Hier geht es besonders um Themen wie nachhaltiger Konsum, Energiesparen, nachhaltige Fortbewegung und Gerechtigkeit gegenüber verschiedenen Geschlechtern und Glaubenseinstellungen. BBNE hingegen integriert die BNE nicht nur im Berufsschulkontext (Lehrplan) sondern auch in die betriebliche Ausbildung (Ausbildungsordnung) und die Prüfungskultur (Prüfungsordnung). Hier steht nicht mehr nur das individuelle nachhaltige Handeln im Fokus sondern es beinhaltet Geschäfts- und Arbeitsprozesse und damit berufliche Tätigkeiten .(Patrick Hilse et al., 2022, S. 24). Auszubildende sollen über die Teilnahme an praxisnahen Projekten nachhaltiges Ressourcenmanagement und Wirtschaften im betrieblichen Kontext lernen. Im Rahmen des Whole School Approach (WSA) sind folgende Aktionsfelder zur Entwicklung einer BBNE an beruflichen Schulen herausgearbeitet(Jorrit Holst et al., 2025, S. 17):

  • Eine Organisationskultur der Nachhaltigkeit
  • Partizipative und proaktive Steuerung
  • BBNE in Lehrplan und Unterricht
  • Nachhaltige Bildungslandschaft und Netzwerke
  • Nachhaltiger Betrieb
  • Fortbildung und Personalentwicklung
  • Aktive Kommunikation zu Nachhaltigkeit

4.2 Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftspädagogik Lehrstuhl der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Seit drei Jahren begleitet Frau Constanze Dorn Studenten des Wirtschaftspädagogik Lehrstuhls der FAU Erlangen-Nürnberg. Einerseits im Rahmen des Seminars von Herrn Alexander Koller zum Thema BBNE in Lernsituationen. Andererseits diente sie auch schon als Praxispartner bei Masterarbeiten.

Im Seminar von Herrn Koller entwickeln die Studentengruppen eine Unterrichtseinheit zu einem BBNE-Thema und suchen sich hierfür einen Aspekt aus dem Lehrplan des Berufes aus. In unserem Fall sind das Fachkräfte im Fahrbetrieb. Danach stimmen sie ihre Ideen mit uns als Lehrkraft und dem Ausbilder der VAG als Praxispartner ab. Im Dezember gibt es einen Termin an der Universität, an dem die Studentengruppen ihren Lehrkräften und Praxispartner ihren Unterrichtsentwurf vorstellen und gemeinsam wird über den Entwurf diskutiert. Meist im Januar/Februar findet dann der Unterrichtsversuch statt. Die Lernenden erfahren in dieser praktischen Unterrichtseinheit wie weitgefächert das Thema Nachhaltigkeit in ihrem Betrieb angegangen werden kann und wie leicht sie darauf Einfluss nehmen können. Herr Koller und die betreuende Lehrkraft beobachten diesen und reflektieren anschließend gemeinsam mit der Studentengruppe die Stunde. Im Rahmen dieses Seminars entwickelt Herr Koller einen Leitfaden inklusive Kontrollbogen zur Einarbeitung von BBNE-Themen in Lernsituationen auch hier stehen wir Lehrkräfte als Ansprechpartner und kritische Stimme zur Verfügung. Somit sorgt die B2 im Rahmen des WSA für eine nachhaltige Bildungslandschaft und den Aufbau von Netzwerken auf allen Seiten.

4.3 Unterrichtsbeispiel zu BBNE

Vor vier Jahren durften wir einen Studenten des Wipäd-Lehrstuhls bei seiner Masterarbeit zum Thema BBNE im Unterricht begleiten. Er erstellte einen Fragebogen zu den 17 SDGs und führte diesen mit der Klasse durch. Somit wurde das Wissen und die eigene Einschätzung durch die Lernenden zu den SDGs sichtbar gemacht. Damit bildete dieser Fragebogen die Basis für ein Projekt im Unterrichtsmodul Kundenservice des Ausbildungsberufes Fachkraft im Fahrbetrieb (FIF) 11. Klasse zum Thema “Nachhaltigkeit in Verkehrsunternehmen”. Gemeinsam mit der Lehrkraft wurde ein Marktforschungsfragebogen zur Nutzung des ÖPNVs und dessen Stärken und Schwächen entworfen. Dieser wurde in vier Klassen aus anderen Abteilungen durchgeführt und anschließend von der Klasse ausgewertet. Auf Grund der Befragungsergebnisse entwickelte die Klasse in Gruppen kurze Präsentationen, Spiele oder Filme, um zu zeigen wie nachhaltig Verkehrsunternehmen arbeiten und dies nicht nur bezogen auf die CO2-Reduktion sondern auch im Mitarbeitermanagement, der Fuhrparkplanung und weiteren. Nachdem alle Handlungsprodukte fertiggestellt waren, bauten die Lernenden in der Aula einen Marktplatz der Ideen auf. Dieser wurde von den Klassen besucht, welche an der Befragung teilgenommen haben. Diese erhielten einen Feedbackbogen auf dem sie einerseits die Handlungsprodukte der FIF11 bewerteten und andererseits reflektierten, was sie Neues über Nachhaltigkeit im ÖPNV gelernt haben und inwiefern dies ihr Nutzungsverhalten beeinflusst. Die Ergebnisse wurden von der Lehrkraft zusammengefasst und der Klasse in der Reflexionsstunde präsentiert. Auch der Student besuchte den Marktplatz der Ideen und führte im Anschluss noch Interviews mit jeweils einem Gruppenmitglied aus jeder Gruppe durch. In diesem Projekt konnte bei der FIF11 der Kompetenzerwerb im Rahmen von Präsentations- und Beratungsmethoden sowie Konfliktlösungsstrategien ausgebaut werden. Gleichzeitig erhielten die Klassen der anderen Abteilungen eine Wissenserweiterung zur Nachhaltigkeit in ÖPNV-Unternehmen.

Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse, die den Beruf Industriemechanikerin und. Industriemechaniker erlernen, bearbeiten das Modul „Planen und Realisieren technischer Systeme“. In diesem Modul müssen sie in Teams ein technisches System, konkret eine „Bestückungsmaschine“, planen, konstruieren und berechnen. Ziel dieses technischen Systems ist es, eine Hobelmaschine in einer bestimmten Taktzeit mit Vierkantholzbalken zu bestücken, die anschließend bearbeitet bzw. gehobelt werden. In diesem Projekt werden gezielt folgende SDGs berücksichtigt: „Industrie, Innovation und Infrastruktur“, „Nachhaltiger Konsum und Produktion“, „Maßnahmen zum Klimaschutz“ sowie „Partnerschaften zur Erreichung der Ziele“. Somit müssen die Schülerinnen und Schüler unter anderem ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeitsthemen berücksichtigen. Die Schülerinnen und Schüler müssen in Teamarbeit unter anderem folgende Fragen beantworten: Welche Materialien verwende ich im Hinblick auf Nachhaltigkeit, den Energiebedarf bei der Materialherstellung und den Leichtbau? Wie viel Energie benötigt meine Bestückungsmaschine und wie könnte sie effizienter werden? Welche Schmierstoffe werden benötigt und in welcher Menge? Wie aufwendig wird die spätere Instandhaltung sein? Nach der Erarbeitungsphase der Dokumente präsentieren die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse vor der gesamten Klasse. Im Plenum werden die Inhalte, wertgeschätzt, kritisch reflektiert und gemeinsam weiterentwickelt. Als Abschluss des Moduls wird eine Exkursion zu einem Ausbildungsbetrieb durchgeführt, um praktische Einblicke zu gewinnen und die Verbindung zwischen Theorie und Praxis zu vertiefen.

Diese Beispiele zeigen, wie sich BBNE bezogen auf den WSA im Unterricht berufsbezogen integrieren lässt.

4.4 Food-Map an der Fürther Straße

An der Fürther Straße steht den Jugendlichen eine sehr große Auswahl an Lokalen, Supermärkten, Bäckereien und Imbissen zur Verfügung. Im Rahmen eines Nachhaltigkeitsprojektes wurde mit Schülern und Schülerinnen aus der Abteilung Verkehr ein Food-Map entwickelt. Diese steht den Lehrkräften zum Ausdrucken und Aufhängen in ihren Klassenzimmern zur Verfügung. In dieser Karte sind alle Essensmöglichkeiten nummerisch eingetragen. Neben der Karte befindet sich eine Tabelle mit den Namen der betreffenden Geschäfte und einem QR-Code. Über diesen QR-Code können Bewertungen zu Preis-/Leistungsverhältnis, Geschmack, Kartenzahlung, einer Einschätzung inwiefern das Essen gesund ist, die Erfüllung besonderer Ernährungsbedürfnisse (vegan, vegetarisch, glutenfrei, halal, laktosefrei) und eine Gesamtbewertung abgerufen werden. Es besteht auch die Möglichkeit den Klassen eine zusätzliche Liste mit QR-Codes zur Verfügung zu stellen, so dass sie selbst die Geschäfte bewerten können. Entstanden ist dieses Projekt, um den Schülern und Schülerinnen Alternativen zum täglich Metzgerbesuch, Pizzadienst oder Döner-Laden aufzuzeigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, nach ihren Kriterien eine Auswahl der Geschäfte zu treffen. Deswegen wurden bewusst Preis und gesundes Essen im Kriterienkatalog aufgenommen. Durch dieses Projekt konnten die Schüler und Schülerinnen eine hohe Selbstwirksamkeit erfahren und haben außerdem etwas für die Schulgemeinschaft bewirkt. Diese Food-Map kann von allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft über Jahre hinweg genutzt werden. Das stellt eine proaktive Teilhabe für die erstellenden Schülerinnen und Schüler dar.

Für dieses Schuljahr konnte eine Salatbar, welche in der Nähe der Schule ist, als externer Partner für eine Kooperation gewonnen werden. Hier erhalten Schüler und Schülerinnen ein Gericht bestehend aus Pasta und Salat zu einem um einen Euro reduzierten Preis unter Vorlage eines Essencoupons, den sie von der Klassenleitung erhalten. Das Restaurant bezieht seine Produkte regional und bietet eine gute und gesunde Alternative zu typischen Fast Food. Durch die Regionalität und Frische der verarbeiteten Lebensmittel liegt die Salatbar finanziell oft nicht in der Preisklasse unserer Schülerschaft. Durch diesen Gutschein erleben sie, dass die Preisgestaltung sehr vom Kauf der Ware abhängt. Kurze Lieferketten, gute Qualität und faire Löhne bedeuten eben oft auch einen höheren Preis für den Endverbraucher. Dadurch findet eine aktive Kommunikation/Auseinandersetzung zum Thema Nachhaltigkeit statt.

4.5 Mini-Fortbildungen für Schülerinnen und Schüler

Abteilungsübergreifend wurde ein Konzept entwickelt und erprobt, um der Schülerschaft der B2 während der Schulzeit die Möglichkeit zu geben sich weiterzubilden. Sie dürfen dafür ihren eigentlichen Unterricht verlassen. Dadurch das sie nicht nach dem Unterricht bleiben müssen soll eine höhere Akzeptanz erreicht werden. Bei Nachweis über eine bestimmte Anzahl besuchter Fortbildungen erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Zertifikat zu ihrem Zeugnis dazu. Dieses kann beim Ausbildungsbetrieb vorgelegt werden, um ein außerschulisches und außerbetriebliches Interesse an Weiterbildungen zu zeigen.

Folgende Rahmenbedingungen sind vorgegeben:

  • Keine Fortbildungen am Montag oder Freitag
  • Fortbildungen erst ab 9:30 Uhr
  • Dauer eine Fortbildung maximal 45 Minuten
  • Bei Leistungsnachweisen in der Stunde keine Teilnahme an Fortbildung möglich
  • Klassenleitung kann Schülerin oder Schüler von Teilnahme an Fortbildungen ausschließen, wenn Verhalten nicht angemessen ist

Die Fortbildungen werden aktuell von interessierten Lehrkräften in ihrer unterrichtsfreien Zeit (Freistunden bzw. vor oder nach dem eigenen Unterricht) angeboten. Dabei richten sich die Themen nach individuellen Interessen der Lehrkräfte. In der Erprobungsphase gab es aus folgenden Themenbereichen verschiedene Fortbildungen:

  • Körperliche und geistige Gesundhaltung
  • Umgang mit Geld
  • 3-D Druck

Anfänglich fand die Anmeldung der Schülerinnen und Schüler über Microsoft-Forms statt. Dies erwies sich als sehr unpraktisch, da nach der Anmeldung nicht mehr ersichtlich war, wo man sich angemeldet hatte, wann es stattfand und in welchem Raum. Deswegen sind wir auf WebUntis (Schulverwaltungs- und Stundenplansoftware) umgestiegen. Wir haben dort Kurse angelegt. Somit konnte auch jede vortragende Lehrkraft sehen, wie viele Schülerinnen und Schüler zu ihrem Termin kommen und gegebenenfalls Material im Nachgang verteilen.

Da wir mit der Pilotphase erst im zweiten Halbjahr gestartet sind und auch nur eine der drei Blockphasen ausgewählt haben, erfolgte die Information an die Schülerschaft einerseits über die Klassenleitung. Diese erhielt einen QR-Code, welcher im Klassenzimmer ausgehängt wurde. Dahinter fanden die Schülerinnen und Schüler ein Sway mit den wichtigsten Informationen zu den Mini-Fobis und auch dem Anmeldeprozess. Andererseits besitzt die Schule in der Fürther Straße einen Monitor im Eingangsbereich um über aktuelle Themen zu informieren. Dort wurde der QR-Code auch in der gewählten Blockphase gezeigt.

Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler erhielten zur Dokumentation einen Laufzettel. Dort mussten sie Datum, Thema und Lehrkraft der besuchten Fortbildung eintragen. Wenn Sie mindestens drei Fortbildungen besucht hatten, konnten sie den Zettel der betreuenden Lehrkraft in das Fach legen lassen. Diese erstellte dann das Zertifikat und gab es an die Klassenleitung weiter. Das Zertifikat wurde dann am Ende des Schuljahres mit dem Zeugnis ausgehändigt.

Die Lehrkräfte waren angehalten, am Ende ihrer Fortbildung von den anwesenden Schülerinnen und Schülern ein kurzes Feedback einzuholen. In Rücksprache mit der betreuenden Lehrkraft zeichnete sich ein durchweg positives Bild aus Sicht der Schülerschaft und auch der Lehrkräfte. Deswegen war klar, dass das Konzept etwas überarbeitet und im neuen Schuljahr fortgesetzt werden soll.

Gesagt getan. Die Mini-Fobis sollen im Schuljahr 2025/2026 über alle Blöcke hinweg angeboten werden. So dass alle Lernenden der B2 die Möglichkeit haben, das Angebot zu nutzen. Die zwei federführenden Lehrkräfte überarbeiteten das Sway (Fortbildungsbeschreibung), führten eine Abfrage im Kollegium durch (Wer könnte welches Thema zu welchen Terminen anbieten?) Es konnten wieder einige alte und auch neue Kollegen und Kolleginnen als Dozenten gewonnen werden. Es wurden Kurs in WebUntis angelegt. Und dann ging es nach den Herbstferien 2025 los. Jede Lehrkraft erhielt ein ausgedrucktes Plakat mit der Bitte dieses in ihrem Klassenzimmer aufzuhängen und die Klassen über das Angebot zu informieren. Auf dem Plakat ist ein QR-Code. Dieser führt zum Sway, wo die Schülerinnen und Schüler erfahren, wie das Fortbildungskonzept funktioniert und wie man sich anmeldet. In der ersten Woche lief es wie erwartet. Doch seitdem fanden keine Anmeldungen seitens der Schüler mehr statt. Es erging ein wiederholter Aufruf an die Lehrkräfte nochmals Werbung zu machen. Durch die Blockbeschulung reicht es nicht, nur einmal davon zu erzählen, sondern es muss in jedem Block wiederholt werden. Wir hoffen die Anmeldezahlen steigen wieder. Es wäre schade, wenn dieses tolle Projekt im Sand verläuft.

Die Mini-Fobis stellen für die Schülerschaft eine Möglichkeit des lebenslangen Lernens auch außerhalb des eigenen Berufes dar. Sie ermöglichen den Blick über den Tellerrand und das Befassen mit Themen, die man sonst vielleicht nicht angegangen wäre. Auf lange Sicht soll auch die Möglichkeit bestehen, dass Schüler eigene Themen als Fortbildung anbieten. Somit ist der Besuch einer Mini-Fobi aktuell auch ein Lernen am Beispiel. Wie strukturiere ich eine Fortbildung, welches Thema wähle ich, welches Material stelle ich zur Verfügung. Für die berufliche Entwicklung kann dies insofern von Relevanz sein, da Schülerinnen und Schüler unserer Schule im späteren Arbeitsleben auch Ausbilder werden können und somit für die Ausbildung und Weiterbildung auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit zuständig sind. Im Rahmen des WSA können die Schülerinnen und Schüler hier proaktive entscheiden, welche Fortbildung sie besuchen wollen und können auf lange Frist partizipativ eigene Themen gestalten.

4.6 Schaukästen in der Kfz-Abteilung

Unsere Schule ist auf – wie erwähnt – zwei Standorte aufgeteilt, bedingt durch die Notwendigkeit von verschiedenen Werkstätten für die unterschiedlichen Ausbildungsberufe. Wir haben die Kfz-Abteilung und die Rudolf-Diesel-Fachschule in Schoppershof. Die Abteilungen Fertigungstechnik 1 und 2, die Grundstufe und die Abteilung Verkehr befinden sich in der Fürther Straße. Am Standort der Kfz-Abteilung gibt es Schaukästen auf den Gängen. Diese sollen nun sukzessive (ein Schaukasten pro Jahr) mit Nachhaltigkeitsthemen gestaltet werden. Ein erster wurde bereits im letzten Schuljahr zum Thema „Augen auf beim Autokauf“ erneuert. Er entstand im Rahmen einer Schülerfortbildung und soll den Jugendlichen Informationen geben, welche Aspekte; außer der Preis; zu beachten sind, wenn sie sich ihr erstes Auto kaufen. Für viele unserer Schüler und Schülerinnen steht dieses Thema im Laufe ihrer Ausbildung an und somit können sie daraus auch einen langfristigen Nutzen ziehen.

Für weitere Schaukästen könnten zum Beispiel die Themen Antriebstechnologien und ihre Nachhaltigkeit, Hersteller und Nachhaltigkeit, nachhaltige Entsorgung von Betriebsstoffen oder Preisgestaltung der Dienstleistung angegangen werden. Somit schließt sich der Kreis zur Arbeitswelt der Schülerschaft in der Kfz-Abteilung. Auch das ist wieder ein Beispiel für die Implementierung von BBNE im berufsbezogenen Unterricht.

5 Kritische Würdigung: Herausforderungen und Gelingensbedingungen

Die oben dargestellten ausgewählten Unterrichtsbeispiele und -projekte im Kontext von BBNE lassen erahnen, dass Schulentwicklung im Hinblick auf Innovation und Implementierung keine kurzfristige, lineare oder monoperspektivische Handlung darstellt, sondern ein komplexes, langfristig angelegtes, mehrdimensionales, konfliktreiches und sorgfältig vorzubereitendes Vorhaben ist.

In diesem Zusammenhang wurde im Implementierungsprozess deutlich, dass die Berücksichtigung des Schulentwicklungsmodells nach Rolff (2007) beziehungsweise der Erweiterung durch Eickelmann und Gerick (2017) im Rahmen der Implementierung an der B2 bewährt hat. Eine erfolgreiche Implementierung von BBNE in allen Fachbereichen und damit als ganzheitlicher Schulentwicklungsprozess ist nur durch die konsequente Berücksichtigung und Verzahnung aller Dimensionen (UE, PE, OE, KE und TE) möglich. Diese werden nun im Rahmen der Implementationsprozesse erläutert:

In der UE bestand die anfängliche Herausforderung darin, geeignete Strategien zu entwickeln, um das Thema BBNE als integratives Konzept kohärent, aufbauend und fächerübergreifend in die einzelnen Fächer und Lernfeldinhalte zu integrieren. Dabei zeigte sich, dass das Modulkonzept eine deutliche Erleichterung darstellt, da die Integration von BBNE-Themen strukturierter organisiert und im Rahmen klar abgegrenzter, handlungs- und kompetenzorientierter Module systematisch implementiert werden konnte. BBNE an der Berufsschule sichtbar zu machen, ist eine große Herausforderung. Im Kollegium stößt man immer wieder auf das Problem, dass BBNE nur als Umweltschutz und Energiesparen gesehen wird. Die viel weiterreichenden SDGs sind den meisten nicht vertraut oder werden nicht richtig in den Kontext eingeordnet. Dies erfordert viel Aufklärungsarbeit und selbst dann, kann man nicht alle überzeugen.

Die PLGs mussten hier nicht nur intern zusammenarbeiten, in dem sie die Inhalte reflektieren, Maßnahmen planen, durchführen und evaluieren nach dem PDCA-Zyklus (Plan, Do, Check & Act), sondern mit anderen PLGs aus anderen (Fach-) Bereichen und Klassenstufen absprechen und koordinieren. Hinzu kam die zeitliche Ressourcenbelastung, da viele Lehrkräfte neben ihrer Unterrichtsverpflichtungen auch andere Projekte und Vorhaben weiterverfolgen mussten. Die Kommunikation und Entwicklungsprozesse waren nicht nur mit schulinternen Partnern, sondern auch schulextern, wie etwa mit den Kooperationshochschulen oder Lehrkräftefortbildungsinstitutionen zu harmonisieren. Die Koordination und Kommunikation mussten gut geplant und durchgeführt sein.

Zwar arbeitet das BBNE-Team als PLG, aber einige andere sind – vor allem abteilungsübergreifend – nicht bereit Material zu teilen. Immer wieder erfolgt der Hinweis, erfolgreich durchgeführte Stunden zu teilen und anderen über das BBNE-Team zur Verfügung zu stellen. Die Resonanz ist teilweise gering. Obwohl sich solches Material gerade auch für fachfremde Vertretungsstunden besonders anbieten würde.

Bis zum heutigen Tag baut BBNE auf Motivation, Veränderungsbereitschaft und die Freude daran etwas Neues auszuprobieren. Deswegen wird es nicht möglich sein, dass ganze Kollegium mit der gleichen Hingabe mitzunehmen. Ziel muss eine permanente Implementierung im Unterrichtsalltag sein, welche durch fach- und abteilungsübergreifende Projekte erweitert werden kann.

Ein weiteres Problem in unseren Augen sehen wir in der Wertigkeit von BNE. Bis heute gibt es an den Schulen in Nürnberg den Umweltbeauftragten statt den BNE-Beauftragten. Hier würden wir unbedingt eine Neubenennung vorschlagen, denn BNE hat deutlich mehr Facetten als Umwelt. Außerdem würden wir die Position mit einer verpflichtenden Teilnahme an mindestens zwei Workshops oder Arbeitskreisen zum Thema BNE oder BBNE verbinden. Oder es muss selbst ein Workshop für interessierte Lehrkräfte organisiert werden. Damit wird aus einem Titel eine Aufgabe und somit übernehmen diese Funktion eher Personen, die bereit sind etwas zu verändern.

Im Bereich der PE war es wichtig zu eruieren, ob bei den Lehrkräften Fortbildungsbedarfe bestehen. Dies festzustellen ist nicht trivial, da die Selbsteinschätzung der eigenen Kompetenzen bei Innovationsvorhaben prinzipiell nicht reibungslos funktioniert, zumal nicht nur fachliche, sondern auch methodische Kompetenzen entscheidend sein können. Neben Auskünften aus der Selbsteinschätzung war daher auch der Austausch im Team der PLG von Bedeutung. Die Mitglieder der PLGs gaben sich gegenseitig Feedback und sprachen Empfehlungen aus. Dieser Prozess war von Wertschätzung und Sensibilität geprägt, um die Beziehungsebene nicht negativ zu beeinflussen.

Des Weiteren wirkte auch die mittlere Ebene unterstützend mit. In kollegialen Entwicklungsgesprächen (KEG) sowie durch die Teilnahme an Teamsitzungen konnten gemeinsam Handlungspotenziale im Hinblick auf Fortbildungsmöglichkeiten entwickelt werden. KEG werden als Personalentwicklungsinstrument eingesetzt und in Form institutionalisierter, strukturierter und wiederkehrender Gespräche zwischen Lehrkräften und der mittleren Ebene sowie teilweise zwischen PLG und der mittleren Ebene geführt. Ergänzend wurden schulweite Fortbildungskonzepte umgesetzt, die vom BBNE-Team und der QM-Steuergruppe organisiert wurden. Somit kamen die Ideen für Fortbildungen bzw. Fortbildungsbedarfe von unterschiedlichen Akteuren und Gruppen in der Schule. Die Schulleitung war in allen zentralen Prozessen eingebunden und führte hierzu u.a. Entwicklungsgespräche mit den Mitgliedern der mittleren Ebene. Das Instrument des KEG erwies sich dabei als sehr wirksam. Die Fortbildungsanbieter waren die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP), die zentrale Einrichtung für Lehrerfortbildung und Führungskräfteschulung in Bayern, sowie das Institut für Pädagogik und Schulpsychologie in Nürnberg (IPSN). Auch die Materialien und Informationsquellen des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung waren für die Fortbildung der Lehrkräfte dienlich. Darüber hinaus wurden externe Referentinnen und Referenten für schulinterne Fortbildungen des gesamten Kollegiums organisiert.

In der OE des BBNE-Implementierungsprozesses waren mehrere Gruppen und Führungspersonen beteiligt (siehe Abbildung 2). Die zentralen Gruppen, die für die schulweite Organisation zuständig waren, zum einen die Steuergruppe und zum anderen die BBNE-Gruppe. Sie übernahmen in dieser Architektur für die gesamte Schule die Organisation und Koordination der Schulentwicklungs- und Implementierungsprozesse. Hierzu organisierten sie schulweite Workshops, Sitzungen, Informations- und Fortbildungsveranstaltungen sowie Evaluationsmaßnahmen nach dem PDCA-Prinzip. Sie informierten das Kollegium in Anfangs- und Abschlusskonferenzen.

Die Organisation in den Fachbereichen bzw. Abteilungen wurde hingegen von der mittleren Ebene übernommen, die eng mit der Steuer- und der BBNE-Gruppe kooperierte und teilweise selbst Mitglied dieser Gruppen war. In den Fachbereichen bzw. Abteilungen wiederum wurden die einzelnen Implementierungs- und Umsetzungsaufgaben von den PLG übernommen. Wichtig war dabei, dass der Prozess nicht ausschließlich top-down, sondern auch bottom-up gestaltet wurde. Des Weiteren wurde festgestellt, dass die Beteiligten über gute Projektmanagementinstrumente verfügen sollten, beispielsweise im Bereich des Zeitmanagements oder der Strukturierung von Maßnahmen, um den Prozess konfliktärmer und effektiver zu gestalten.

Abbildung 2: Prozess- und Implementierungsebenen in der Schule (eigene Darstellung)Abbildung 2: Prozess- und Implementierungsebenen in der Schule (eigene Darstellung)

Im Bereich der KE im Kontext der BBNE-Implementierung war es wichtig, nicht nur die internen Beteiligten zu betrachten und zu unterstützen, sondern auch externe Partner einzubeziehen. Wie bereits ausgeführt, lag die Verantwortung für die Kooperationsentwicklung – die eng mit der Organisationsentwicklung verknüpft ist – bei der Steuergruppe, der BBNE-Gruppe sowie der mittleren Ebene. Diese Akteure waren auch für die Zusammenarbeit mit externen Partnern zuständig und koordinierten sämtliche Kooperationsprozesse, beispielsweise Fortbildungsveranstaltungen.

Die PLGs fungierten dabei als ausführende Einheiten und wiesen die intensivsten Kooperationsstrukturen auf. Darüber hinaus zeigte sich, dass Unterstützungsangebote im Bereich der Konfliktlösung, Mediation oder – bei Bedarf – der Moderation von Sitzungen hilfreich sein können. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die mittlere Ebene gefordert. Kooperationen mit Hochschulen oder anderen Schulen wurden überwiegend von der Schulleitung oder der BBNE-Gruppe initiiert.

Insgesamt erwies sich die Kooperation mit externen Partnern (z.B. mit der FAU) als sehr bereichernd und impulsgebend und unterstützte den erfolgreichen Implementierungsprozess in hohem Maße. Zugleich wurde deutlich, dass die Entstehung von Parallelstrukturen in der Kooperation mit externen Partnern vermieden werden sollte, da diese zu Konflikten und Intransparenz führen können, was den Prozess verlangsamt oder negativ beeinflusst.

Die Dimension TE war für das Vorhaben BBNE ebenfalls von zentraler Bedeutung. TE wurde in mehreren Bereichen und unterschiedlichen Kontexten berücksichtigt. So wurden Unterrichtsprojekte digitalisiert, um die Lernvoraussetzungen sowie individuelles und selbstgesteuertes Lernen der Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Darüber hinaus wurden Labore und Experimentiergegenstände im Kontext von BBNE beschafft und in den Unterricht integriert. Im Bereich der internen und externen Kooperation wurden digitale Tools, wie Microsoft Teams, eingesetzt, um Organisations- und Kommunikationsstrukturen zu unterstützen. Externe Kooperationspartner übernahmen Unterrichtseinheiten oder ermöglichten den Schülerinnen und Schülern Exkursionen. Dadurch erweiterten sich die Handlungsräume, und der Unterricht wurde praxisnäher und interessanter. Dieser Prozess war teilweise sehr zeitaufwendig und erforderte eine enge Abstimmung. Des Weiteren sind (finanzielle) Ressourcen für die Umsetzung elementar.

6 Fazit und Ausblick

Ziel des Beitrags war es, exemplarisch aufzuzeigen, wie BBNE an einer einzelnen Schule systematisch und nachhaltig implementiert werden kann und welche Gelingensbedingungen dabei eine Rolle spielen. Aus den Ausführungen wird deutlich, dass dieses Vorhaben hochkomplex ist und von zahlreichen Gelingensbedingungen sowie weiteren Einflussfaktoren abhängt.

Wie bereits ausgeführt, kann die Implementierung von BBNE nur dann systematisch, ganzheitlich und nachhaltig erfolgen, wenn alle Schulentwicklungsdimensionen UE, PE, OE, KE und TE bzw. WSA-Ansatz berücksichtigt und sinnvoll miteinander verzahnt werden. Dabei zeigte sich erneut, dass die Organisationsarchitektur der Schule für den gesamten Prozess von entscheidender Bedeutung ist.

Im gesamtschulischen Bereich im Sinne von Distributed Leadership fungierten die Steuergruppe und die BBNE-Gruppe sowohl als organisatorische Instanzen als auch als zentrale Treiber der Entwicklung. In den Fachbereichen bzw. Abteilungen zeigte sich, dass insbesondere die mittlere Ebene und die PLGs bei der Implementierung, das heißt in den operativen Handlungen – vor allem im Bereich der Unterrichtsentwicklung –, eine entscheidende Rolle einnehmen. Die mittlere Ebene kann dabei die PLGs gezielt unterstützen und förderliche Strukturen schaffen, die deren Arbeit stärken.

Darüber hinaus wurde deutlich, dass auch die Schulkultur für Implementierungsprozesse von großer Bedeutung ist. Aspekte wie Fehlerkultur oder die Beziehungsebene stellen hierbei zentrale Gelingensbedingungen dar. Innovationen gehen häufig mit Unsicherheiten, zusätzlichem Aufwand und Belastungen einher. Diese Herausforderungen können nur gemeinsam und mit einem ausgeprägten Teamgeist bewältigt werden. Überzeugung und Motivation spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. In den Abteilungen bzw. Lehrerteams erwiesen sich diese Aspekte bzw. Kompetenzen teilweise als bedeutsamer als reine Fachkompetenz.

Vor dem Hintergrund der VUKA-Welt sind Schulleitungen gefordert, Verantwortung abzugeben und geteilte Führungsstrukturen im Sinne von Distributed Leadership zu etablieren. Sowohl die Schulleitung als auch die mittlere Ebene müssen durch ihr Verhalten, ihre Visionen und ihr Engagement Vorbild für das Kollegium sein. Dies zeigte sich mehrfach im Verlauf der Implementierungsprozesse von BBNE.

Abschließend ist festzuhalten, dass BBNE ein dynamischer Themengegenstand ist, der nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann. Schulen und Kollegien müssen BBNE vielmehr als einen wandlungsfähigen und kontinuierlichen Entwicklungsprozess verstehen, der regelmäßig reflektiert, angepasst und weiterentwickelt wird. BBNE ist bereits heute von hoher Relevanz und wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Schulen sind daher aufgefordert, BBNE mit geeigneten didaktischen und organisatorischen Maßnahmen im Unterricht flexibel zu verankern, um entsprechende Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern systematisch anzubahnen.

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Nachhaltige Verstetigung der Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“ – eine kritisch-konstruktive Bilanz

1 Einleitung: Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung – Transfer als Herausforderung von Bildungsinnovationen

Die Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise stellt eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar (Radtke, 2021). Insbesondere der Klimawandel und die damit verbundene Notwendigkeit einer umfassenden Energiewende führen zu tiefgreifenden Veränderungen in Wirtschaft, Arbeitswelt und Qualifikationsanforderungen (Blohm, 2021; Düsterlho et al., 2019). Für die berufliche Bildung ergibt sich daraus die Aufgabe, Fach- und Führungskräfte zu befähigen, nachhaltigkeitsbezogene Transformationsprozesse aktiv mitzugestalten.

Vor diesem Hintergrund hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Diskurs um eine Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) etabliert (vgl. DUK, 2014; Friese & Münk, 2023; Melzig, Kuhlmeier & Kretschmer, 2021; Michaelis & Berding, 2022). Ziel dieses Ansatzes ist es, Nachhaltigkeit systematisch in berufliche Lernprozesse zu integrieren und berufliche Handlungskompetenzen zu fördern, die ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen nachhaltiger Entwicklung gleichermaßen berücksichtigen (BIBB, 2021).

Innovative Ansätze der BBNE werden vielfach in Modellversuchen und Förderprogrammen entwickelt und unter Praxisbedingungen erprobt (BMBF, 2023; Kuhlmeier et al., 2014; Melzig et al., 2021; Melzig & Hemkes, 2024; Sloane, 1992). Obwohl diese Projekte wichtige Impulse für Reform- und Innovationsprozesse geben (Diettrich, 2013, S. 93), bleiben ihre Ergebnisse häufig auf den ursprünglichen Projektkontext beschränkt. Die nachhaltige Verstetigung und Übertragung in andere institutionelle und organisationale Zusammenhänge bildet daher eine zentrale Herausforderung (vgl. Euler & Sloane, 1998; Melzig & Hemkes, 2024; Naeve-Stoß et al., 2025; Nickolaus & Schnurpel, 2001; Nickolaus et al., 2010; Sloane, 2007; Schlömer et al., 2024;).

In der Transferforschung wird dieser Prozess zunehmend als komplexer Kommunikations- und Transformationsprozess verstanden (Euler & Sloane, 2025). Transfer bedeutet demnach nicht die einfache Übertragung von Wissen oder Innovationen von einem Kontext in einen anderen. Vielmehr werden neue Konzepte in unterschiedlichen organisatorischen und sozialen Rahmenbedingungen aufgenommen, interpretiert und angepasst. Vor allem in partizipativ angelegten Transfervorhaben verändern Innovationen sich im Zuge ihrer Anwendung und werden durch die beteiligten Akteurinnen und Akteure weiterentwickelt (Gräsel, 2010, S. 15). Gerade im Kontext einer (partizipativen) BBNE zeigt sich, dass die Implementierung innovativer Ansätze in bestehende Strukturen der beruflichen Bildung anspruchsvoll ist. Unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen, Akteursinteressen und Ressourcenlagen beeinflussen, ob und in welcher Form Innovationen übernommen werden (Schlömer et al., 2024, S. 173). Partizipative Transferprozesse müssen daher aktiv gestaltet werden und erfordern Kooperationen, Netzwerke sowie kontinuierliche Weiterentwicklung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Bildungsinnovationen im Kontext der BBNE nachhaltig verstetigt und in unterschiedliche Praxiszusammenhänge übertragen werden können. Ein Beispiel für eine solche Innovation ist die Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“, die im Rahmen des Teilprojekts Inno-Lab BBEW[1] des dtec.bw-Forschungsprojekts „Kompetenzen für die digitale Arbeitswelt (KoDiA) – Ertüchtigung zur Digitalisierung“ (Neusius & Schulz, 2022) entwickelt und erprobt wurde. Das Weiterbildungsformat zielt darauf ab, Fach- und Führungskräfte dabei zu unterstützen, Kompetenzen für die Gestaltung der Energiewende zu entwickeln.

Während bisherige Untersuchungen insbesondere die Konzeption, Durchführung und Evaluation der Zukunftswerkstatt in den Blick genommen haben (vgl. Schlicht, 2025; Jandl et al., 2025), richtet sich der Fokus des vorliegenden Beitrags auf die Transfer- und Verstetigungsprozesse. Im Zentrum steht die Frage, wie Elemente des entwickelten Formats in unterschiedliche Kontexte übertragen werden und welche Bedingungen diesen Prozess fördern oder erschweren.

Der Beitrag verfolgt dabei eine kritisch-konstruktive Perspektive auf den Transferprozess der Zukunftswerkstatt. Auf der Grundlage explorativer Interviews mit zentralen Transferakteurinnen und -akteuren wird untersucht, wie sich der Übergang von der Projektphase zur Transferphase gestaltet hat, welche Formen der Weiterentwicklung und Anpassung des Formats beobachtet werden können und welche Herausforderungen sich im Prozess der Verstetigung ergeben. Ziel ist es, aus der Analyse des Fallbeispiels übertragbare Erkenntnisse für den Transfer von BBNE-Innovationen abzuleiten.

2 Transfer von Bildungsinnovationen – theoretische Perspektiven

2.1 Transfer als zentrale Herausforderung innovationsorientierter Berufsbildung

Wie einleitend skizziert, entfalten die Ergebnisse innovationsorientierter Modell- und Förderprojekte häufig nur begrenzte Wirkung über den ursprünglichen Projektkontext hinaus (vgl. u. a. Kuhlmeier et al., 2014; Melzig et al., 2021; Melzig & Hemkes, 2024; Nickolaus & Schnurpel, 2001; Nickolaus et al., 2010). Die Forschung zu Innovations- und Transferprozessen zeigt dabei, dass die Verbreitung und Verstetigung von Bildungsinnovationen keineswegs automatisch erfolgt (Daniel-Söltenfuß, 2025). Vielmehr handelt es sich um komplexe Prozesse, die durch institutionelle Rahmenbedingungen, organisationale Strukturen, verfügbare Ressourcen sowie durch die Interessen und Handlungsmöglichkeiten beteiligter Akteurinnen und Akteure beeinflusst werden (Gräsel, 2010, S.12; Schlömer et al. 2024, S. 173–175). Innovationen entfalten ihre Wirkung daher nicht allein durch ihre konzeptionelle Qualität, sondern wesentlich auch durch die Bedingungen ihrer Aufnahme und Nutzung in unterschiedlichen Praxiszusammenhängen.

Vor diesem Hintergrund hat sich in der Transferforschung ein Perspektivwechsel vollzogen. Das betrifft insbesondere innovationsorientierte Projekte im Kontext einer BBNE. Nachhaltigkeitsbezogene Bildungsinnovationen greifen häufig tief in bestehende berufliche Praktiken, Organisationsstrukturen und Qualifikationsanforderungen ein. Ihre Implementierung erfordert daher nicht nur didaktische Anpassungen, sondern oftmals auch organisationale Lernprozesse sowie neue Formen der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Akteursgruppen (Kaiser & Gießler, 2025).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Bildungsinnovationen über den ursprünglichen Projektkontext hinaus wirksam werden können und welche Faktoren Transferprozesse fördern oder behindern. Zur Beantwortung dieser Frage ist ein genauerer Blick auf theoretische Perspektiven der Transferforschung erforderlich.

2.2 Transferverständnisse in der Berufsbildungsforschung

In der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung existieren unterschiedliche Verständnisse davon, was unter „Transfer“ zu verstehen ist. Diese verschiedenen Perspektiven spiegeln zugleich unterschiedliche theoretische Zugänge zu Innovationsprozessen in der beruflichen Bildung wider.

Frühere Transferkonzepte gingen häufig von einem eher linearen Verständnis aus. Transfer wurde dabei vor allem als Weitergabe oder Übertragung von Wissen, Konzepten oder Materialien aus einem Entwicklungs- oder Forschungsprojekt in andere Praxiszusammenhänge verstanden (Nickolaus & Schnurpel, 2001, S. 42; Diettrich, 2013, S. 99). In dieser Perspektive wird Transfer häufig als letzte Phase eines Innovationsprozesses betrachtet, die auf die Entwicklung und Erprobung neuer Konzepte folgt. Ziel ist es, die im Projekt entstandenen Ergebnisse zu verbreiten und deren Nutzung in weiteren Kontexten zu ermöglichen. Ein solches Verständnis findet sich insbesondere in der frühen Modellversuchsforschung, in der Transfer häufig mit Maßnahmen der Verbreitung verbunden wurde, etwa durch Handreichungen, Publikationen, Fortbildungsangebote oder Informationsveranstaltungen (vgl. Nickolaus & Schnurpel, 2001; Nickolaus et al., 2010). Transfer erscheint in dieser Perspektive vor allem als Frage der Dissemination, also der Weitergabe von Projektergebnissen an potenzielle Nutzerinnen und Nutzer.

Im Verlauf der Transferforschung hat sich jedoch zunehmend gezeigt, dass eine solche Sichtweise zu kurz greift. Diettrich (2013, S. 99) verweist darauf, dass Innovationen selten unverändert von einem Kontext in einen anderen übernommen werden. Vielmehr werden neue Konzepte in den jeweiligen organisationalen und sozialen Kontexten interpretiert, angepasst und weiterentwickelt (Diettrich, 2013, S. 99). Transfer ist daher weniger als einfache Übertragung zu verstehen, sondern vielmehr als Prozess der Rezeption und Transformation von Innovationen.

Vor diesem Hintergrund wurde in der neueren Transferforschung ein stärker prozess- und akteursbezogenes Verständnis von Transfer entwickelt. Euler und Sloane (2025) sprechen in diesem Zusammenhang von Transfer als „unterstützter Rezeption des Neuen“. Innovationen werden demnach nicht einfach übernommen, sondern in neuen Kontexten aufgegriffen, interpretiert und in bestehende Strukturen integriert. Dabei verändern sich Innovationen häufig im Zuge ihrer Anwendung und werden durch die beteiligten Akteurinnen und Akteure weiterentwickelt. Dieses Verständnis hebt insbesondere die Bedeutung sozialer Interaktionen und organisationaler Rahmenbedingungen hervor. Transferprozesse werden maßgeblich durch die beteiligten Akteurinnen und Akteure gestaltet, die Innovationen bewerten, interpretieren und an ihre jeweiligen Handlungskontexte anpassen. Damit rücken Fragen der Kooperation, der Kommunikation sowie der organisationalen Einbettung stärker in den Mittelpunkt der Analyse.

Auch in neueren Arbeiten zur Modellversuchsforschung wird Transfer zunehmend als langfristiger Transformationsprozess verstanden, der nicht erst am Ende eines Projektes beginnt, sondern bereits während der Entwicklung und Erprobung von Innovationen angelegt sein sollte (Diettrich, 2013, S. 99; Schlömer et al., 2024, S. 167). Transfer ist demnach nicht nur eine Phase nach der Innovation, sondern ein integraler Bestandteil von Innovationsprozessen.

Insgesamt zeigt sich somit ein Wandel im Transferverständnis innerhalb der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung: von einem eher linearen Disseminationsmodell hin zu einem prozessualen Verständnis von Transfer als sozialem und organisationalem Transformationsprozess. Diese Perspektive bildet auch den theoretischen Hintergrund für die Analyse der Transfer- und Verstetigungsprozesse der Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“, die im weiteren Verlauf des Beitrags untersucht werden.

3 Die Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“

3.1 Entstehung und Ziele

Die Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“ entstand im Kontext des Teilprojekts Inno-Lab BBEW innerhalb des Forschungsprojekts „Kompetenzen für die digitale Arbeitswelt (KoDiA) – Ertüchtigung zur Digitalisierung“. Dieses Projekt ist am dtec.bw – Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr – angesiedelt und verfolgt das Ziel, innovative Bildungsformate zur Förderung von Kompetenzen in digitalen und transformationsbezogenen Arbeitskontexten zu entwickeln (Neusius & Schulz, 2022).

Vor dem Hintergrund der Transformation des Energiesystems und der damit verbundenen Veränderungen in Arbeits- und Qualifikationsanforderungen entstand die Idee, ein Weiterbildungsformat zu entwickeln, das Fach- und Führungskräfte der Energiewirtschaft dabei unterstützt, komplexe Zusammenhänge der Energiewende zu verstehen und aktiv an Transformationsprozessen mitzuwirken (Schlicht, 2025). Das Projekt verfolgte dabei mehrere zentrale Zielsetzungen: Erstens sollte ein didaktisches Konzept entwickelt werden, das fachliche und überfachliche Kompetenzen im Kontext nachhaltiger Transformation fördert. Zweitens sollte ein Lernformat entstehen, das kollaborative Innovationsprozesse unterstützt und Teilnehmende dazu befähigt, eigene Ideen und Projekte im Kontext der Energiewende zu entwickeln. Drittens sollte untersucht werden, inwieweit solche Lernarrangements geeignet sind, Lern- und Innovationsprozesse miteinander zu verbinden (Schlicht et al., 2024).

An der Entwicklung und Umsetzung der Zukunftswerkstatt waren verschiedene Akteursgruppen beteiligt. Neben Wissenschaftler:innen aus der Berufs- und Wirtschaftspädagogik wirkten Expert:innen aus der Energiewirtschaft sowie Teilnehmende aus unterschiedlichen Organisationen des Energiesektors mit. Diese Zusammenarbeit ermöglichte es, wissenschaftliche Perspektiven mit praktischen Erfahrungen aus der Energiewirtschaft zu verbinden und das Format an realen Herausforderungen der Energiewende auszurichten.

Innerhalb des Gesamtprojekts nahm die Zukunftswerkstatt eine zentrale Rolle ein. Sie fungierte als experimentelles Lehr-Lern-Arrangement, in dem didaktische Konzepte erprobt und gleichzeitig innovative Lösungsansätze für Herausforderungen der Energiewende entwickelt werden konnten. Die Zukunftswerkstatt bildete damit einen zentralen Baustein der projektbezogenen Entwicklungs- und Erprobungsphase (Schlicht, 2025).

3.2 Konzeption der Zukunftswerkstatt

Didaktisch ist die Zukunftswerkstatt als komplexes Lehr-Lern-Arrangement konzipiert, das Lern- und Innovationsprozesse miteinander verschränkt. Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass nachhaltigkeitsbezogene Transformationsprozesse nicht allein durch Wissensvermittlung bewältigt werden können, sondern vielmehr reflexive, kollaborative und kreative Lernprozesse erfordern (Schlicht et al., 2024). Das Konzept kombiniert verschiedene Methoden und Lernformate. Eine zentrale Rolle spielt die Problembearbeitung in interdisziplinären Teams. Die Teilnehmenden bearbeiten dabei reale Herausforderungen der Energiewende und entwickeln gemeinsam Lösungsansätze, die sowohl technische als auch organisatorische und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigen. Ergänzend werden Design-Thinking-Ansätze eingesetzt, um kreative Problemlösungsprozesse zu unterstützen und innovative Ideen zu entwickeln (Schlicht et al., 2024).

Die Zukunftswerkstatt in ihrem Ursprungsformat wird als Blended Learning arbeitsintegriert umgesetzt und ist auf einen Zeitraum von vier Monaten angelegt (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: Ablauf der Zukunftswerkstatt als Blended Learning-Arrangement (Quelle: Schlicht, 2025, S. 293, Abb. 4).Abbildung 1: Ablauf der Zukunftswerkstatt als Blended Learning-Arrangement (Quelle: Schlicht, 2025, S. 293, Abb. 4).

Gestartet wird mit einem Online-Auftakt. Danach folgt der Kick-off als Präsenzveranstaltung mit Exkursion. Anschließend erarbeiten sich die Teilnehmenden (in Tandems) die Inhalte von sieben Online-Modulen und treffen sich alle zwei Wochen in Online-Workshops. Dabei werden (Reflexions-)Elemente zum fairen Zusammenarbeiten iterativ zwischen den Modulen aufgegriffen. Die Abschlussveranstaltung findet wieder in Präsenz statt.

Der Ausgangs- und Bezugspunkt des Lernens ist eine reale, komplexe Problemstellung, die von den Teilnehmenden kollaborativ zu bearbeiten ist. Sie wird beim Kick-off entdeckt und über den gesamten Weiterbildungszeitraum bearbeitet. Die Teilnehmenden erhalten den Auftrag, für eine Zukunftsstadt „Utopia“ (a) eine Vision dafür zu entwickeln, wie sie bis 2035 klimaneutral gestaltet werden kann sowie (b) eine Transformationsstrategie zu formulieren, wie die Vision Realität werden kann. Utopia ist eine fiktive Stadt mit realitätsnahen Merkmalen und kann auf viele Städte in Deutschland übertragen werden.

Damit die Teilnehmenden einen Lösungsansatz generieren können, müssen sie sich in Einzel- oder Tandemarbeit mit den Inhalten der sieben Online-Module auseinandersetzen, die mithilfe der Lernplattform ILIAS in Form einer „Wissensbibliothek“ aufbereitet sind. Sowohl in die Vision als auch in die Transformationsstrategie fließen dann Aspekte zum Ausbau erneuerbarer Energien, zum Ausbau erneuerbarer Wärmeversorgung, zum Ausbau intelligenter Netze, zu Fragen der Energieeffizienz, Energiespeicherung, fairen Zusammenarbeit sowie zur Nachhaltigkeit und Digitalisierung ein.

Ein weiteres zentrales Element stellt die lernprozessbegleitende Reflexion dar. Durch strukturierte Reflexionsphasen und mithilfe des Kursbuches „Energizer“ (Schlicht et al., 2025) werden die Teilnehmenden dazu angeregt, ihre Lernprozesse sowie die entwickelten Ideen kritisch zu reflektieren und in Beziehung zu ihren beruflichen Kontexten zu setzen. Zudem können lernprozessbegleitende Entwicklungsgespräche dabei helfen, individuelle Lernziele zu klären, Lernfortschritte sichtbar zu machen und Transfermöglichkeiten in die berufliche Praxis zu identifizieren (Adam et al., 2025).

Die Zielgruppe der Zukunftswerkstatt bilden Fach- und Führungskräfte aus der Energiewirtschaft sowie angrenzenden Bereichen. Viele dieser Akteur:innen stehen in ihrem beruflichen Alltag vor der Herausforderung, technologische Entwicklungen, regulatorische Veränderungen und gesellschaftliche Erwartungen im Kontext der Energiewende miteinander zu verbinden. Die Zukunftswerkstatt bietet ihnen einen Raum, um diese Herausforderungen gemeinsam zu analysieren und neue Perspektiven für ihre berufliche Praxis zu entwickeln (Schlicht, 2025).

3.3 Übergang vom Projekt zur Verstetigung

Nach der Entwicklungs- und Erprobungsphase (07/2022-12/2024) stellte sich zunehmend die Frage, inwieweit das Format der Zukunftswerkstatt über den ursprünglichen Projektkontext hinaus genutzt und weiterentwickelt werden kann. Wie in vielen innovationsorientierten Forschungsprojekten wurde damit der Übergang vom Projekt zur Verstetigung zu einer zentralen Herausforderung.

Bereits während der Projektlaufzeit wurden erste Überlegungen zum Transfer und zur langfristigen Nutzung des Formats angestellt. Dabei ging es insbesondere darum, mögliche Einsatzfelder für die Zukunftswerkstatt zu identifizieren und zu prüfen, in welchen Kontexten das didaktische Konzept weitergeführt werden könnte. Diskutiert wurden unter anderem Einsatzmöglichkeiten in der Hochschullehre, in der beruflichen Weiterbildung sowie in kooperativen Lernformaten zwischen Wissenschaft und Praxis.

Seit Projektverlängerung (01/2025-12/2026) werden verschiedene Transferaktivitäten realisiert, um das Konzept der Zukunftswerkstatt in unterschiedlichen institutionellen Kontexten zu erproben und zu verstetigen. Dazu gehören beispielsweise die Integration einzelner Elemente des Formats in Lehrveranstaltungen, die Nutzung der Methode in Weiterbildungsangeboten sowie die Zusammenarbeit mit Praxispartnern aus der Energiewirtschaft. In diesen neuen Kontexten wird das Konzept teilweise angepasst und weiterentwickelt, um den jeweiligen organisationalen Rahmenbedingungen gerecht zu werden.

Insgesamt werden Transferprozesse in fünf Transferfeldern adressiert: Das erste Transferfeld bezieht sich auf die Ausgestaltung einer Lehrveranstaltung als Zukunftswerkstatt im Wahlpflichtbereich des neuen Masterstudiengangs „Nachhaltigkeit und Klimabildung“ der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Es handelt sich hierbei in Anlehnung an die Transfertypologie von Bauer et al. (2025, S. 4) um einen temporalen Transfer beim eigenen Projektträger. Der Transferprozess wird seit Juni 2025 systematisch vorangetrieben. Im Sommersemester 2027 wird die Zukunftswerkstatt das erste Mal im Rahmen einer Master-Veranstaltung (im Wahlpflichtbereich) umgesetzt. Ziel ist es, das Format der Veranstaltung fest im Curriculum des Studiengangs zu verankern.

Das zweite Transferfeld umfasst – im Sinne eines regionalen Transfers (Bauer et al., 2025, S. 4.) – die Nutzung der Zukunftswerkstatt durch die Lausitzer Energie Bergbau AG für die berufliche Qualifizierung von Fach- und Führungskräften der Energiewirtschaft. Auch dieser Transferprozess wird seit Juni 2025 systematisch umgesetzt. Im Sommer 2026 wird eine Train-the-Trainer-Schulung realisiert, in der Multiplikator:innen auf die Umsetzung der Zukunftswerkstatt in der Lausitzer Region vorbereitet werden. Ziel ist es, eine regional angepasste Zukunftswerkstatt ab Frühjahr 2027 zu erproben und fest im Weiterbildungsangebot der Lausitzer Energie Bergbau AG zu verankern.

Im dritten Transferfeld werden regional und lateral (Bauer et al., 2025, S. 4) Komponenten der Zukunftswerkstatt im InnoVET-Plus Projekt learn.SHK (Laufzeit 09/2024-12/2027) in eine „Lernortschmiede“ – ein Format für Lernortkooperation – überführt (Schwehm et al., 2025). Dieser Transferprozess erfolgt im Anschluss an eine Bedarfsanalyse im SHK-Handwerk und läuft seit Juni 2025. Ziel ist es, Elemente der Zukunftswerkstatt im neuen Format zu integrieren und zu verstetigen.

Im vierten Transferfeld geht es um die Mitgestaltung der Transformation im Sicherheitsbereich. Hier werden seit Januar 2025 Komponenten der Zukunftswerkstatt vertikal und lateral (Bauer et al., 2025, S. 4) auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Einsatzkräften übertragen. Auch hier fand im Februar 2026 eine Train-the-Trainer-Schulung mit Multiplikator:innen statt, um die Komponenten im Lehrgangsbetrieb von Einsatzkräften breit anzuwenden und zu verstetigen.

Das fünfte Transferfeld befindet sich in Planung. Hier geht es im Transformationsprojekt E2K (Laufzeit 01/2026-12/2028) um die vertikale Weiterentwicklung der Zukunftswerkstatt zu einem KI-gestützten Energieforum für kleine und mittlere Unternehmen. Im Rahmen dieses Anschlussprojektes wird u. a. ebenfalls eine Train-the-Trainer-Schulung als Mittel zur Unterstützung der Verstetigung umgesetzt.

An diesen Transferprozessen sind unterschiedliche Akteursgruppen beteiligt. Neben den ursprünglich am Projekt beteiligten Wissenschaftler:innen wirken neue Partner aus Hochschulen, Unternehmen und Bildungsorganisationen mit. Die Transferaktivitäten basieren damit auf einem Netzwerk unterschiedlicher Akteur:innen, die das Konzept der Zukunftswerkstatt in ihren jeweiligen Kontexten aufgreifen und weiterentwickeln.

Der Übergang vom Projekt zur Verstetigung kann somit als offener Prozess verstanden werden, in dem das ursprünglich entwickelte Lehr-Lern-Arrangement in unterschiedlichen Kontexten erprobt, angepasst und weiterentwickelt wird. Diese Dynamik entspricht der in der Transferforschung beschriebenen Perspektive, wonach Innovationen im Zuge ihrer Anwendung verändert und durch die beteiligten Akteur:innen neu interpretiert werden (Euler & Sloane, 2025).

Vor diesem Hintergrund bildet die Zukunftswerkstatt einen geeigneten Fall, um Transfer- und Verstetigungsprozesse von Bildungsinnovationen im Kontext der BBNE zu untersuchen. Im folgenden Kapitel wird daher das methodische Vorgehen dargestellt, mit dem die bisherigen Transferprozesse empirisch rekonstruiert werden.

4 Fallstudie: Methodisches Vorgehen

4.1 Forschungsdesign

Ziel der Untersuchung ist es, die aktuellen Transfer- und Verstetigungsprozesse der Zukunftswerkstatt in unterschiedlichen Kontexten der Berufsbildung zu rekonstruieren. Sie folgt dem Design einer explorativen qualitativen Fallstudie. Fallstudien eignen sich insbesondere dann, wenn komplexe soziale Prozesse in ihrem realen Kontext untersucht werden sollen (Borchardt & Göthlich, 2007). Sie ermöglichen es, Zusammenhänge zwischen Akteur:innen, organisationalen Rahmenbedingungen und konkreten Handlungspraktiken differenziert zu analysieren.

Im vorliegenden Beitrag steht die Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“ als einzelner Fall im Mittelpunkt. Der Fall ist insofern analytisch relevant, als er einen Übergang von der projektförmigen Entwicklung einer Bildungsinnovation zu deren Transfer und möglicher Verstetigung in unterschiedlichen Kontexten der Berufsbildung repräsentiert. Damit bietet er die Möglichkeit, Transferprozesse empirisch zu rekonstruieren und mit theoretischen Perspektiven der Transferforschung zu verknüpfen.

Analysiert werden die Wahrnehmung der Bildungsinnovation, die Gestaltung der Transferprozesse sowie die von den Beteiligten wahrgenommenen Gelingensbedingungen und Herausforderungen. Die Untersuchung verfolgt damit einen rekonstruktiven Ansatz, der darauf abzielt, subjektive Deutungen der Beteiligten sichtbar zu machen und daraus Erkenntnisse über die Dynamik von Transfer- und Verstetigungsprozessen zu gewinnen.

Die Wahl eines explorativen Designs erscheint insbesondere deshalb sinnvoll, weil die Transferaktivitäten der Zukunftswerkstatt noch relativ neu sind und bislang nur begrenzte empirische Erkenntnisse über deren Verlauf vorliegen. Qualitative Fallstudien bieten in solchen Situationen die Möglichkeit, erste systematische Einsichten in komplexe Transformationsprozesse zu gewinnen.

4.2 Datenerhebung

Die Datenerhebung erfolgte in Form explorativer leitfadengestützter Interviews mit zentralen Akteur:innen aus unterschiedlichen Transferkontexten der Zukunftswerkstatt. Leitfadengestützte Interviews eignen sich besonders für explorative Forschungsdesigns, da sie einerseits eine strukturierte Erhebung zentraler Themenbereiche ermöglichen, andererseits aber ausreichend Offenheit für individuelle Perspektiven und Erfahrungen der Interviewpartner:innen bieten.

Insgesamt wurden sechs Interviews (n = 6) mit Personen geführt, die an Transfer- oder Verstetigungsprozessen der Zukunftswerkstatt beteiligt sind. Die Auswahl der Interviewpartner:innen erfolgte gezielt nach dem Prinzip des kriterialen Samplings, um unterschiedliche Perspektiven auf die Transferaktivitäten abzubilden. Das heißt, es wurden zum einen drei Wissenschaftler:innen ausgewählt, die im Projekt an der Entwicklung, Erprobung und Evaluation der Zukunftswerkstatt beteiligt und anschließend in den Transfer in den Feldern drei (Handwerk), vier (Sicherheitskontext) und fünf (KMU) im Rahmen von Folgeprojekten involviert waren bzw. sind. Zum anderen wurde drei Wissenschaftler:innen interviewt, die nicht in der Entwicklungsphase mitgewirkt haben, sondern deren Aufgabe es ausschließlich ist, im neuen Kontext eins (Studiengang), zwei (Lausitz) und drei (Handwerk) Komponenten der Zukunftswerkstatt weiterzuentwickeln und in Zusammenarbeit mit Partnern der Berufsbildungspraxis in die Anwendung zu bringen. Auf diese Weise ist es auch möglich, Erkenntnisse zum Transfer in Abhängigkeit vom Grad der „Involviertheit im Entwicklungsprozess“ zu gewinnen (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Überblick über die Interviews

Interview-Nr.

Transferfeld

Grad der Involviertheit

I1

Eins: Studiengang

gering

I2

Vier: Sicherheitskontext

hoch

I3

Drei: Handwerk

hoch

I4

Drei: Handwerk

gering

I5

Fünf: KMU

hoch

I6

Zwei: Lausitz

gering

Die Interviews orientierten sich an einem halbstrukturierten Leitfaden, der auf Grundlage der Transferforschung entwickelt wurde. Thematische Schwerpunkte des Leitfadens sind unter anderem:

  • Wahrnehmung und Bewertung der Zukunftswerkstatt als Bildungsinnovation,
  • Erfahrungen mit der Übertragung des Formats in neue Kontexte,
  • Gestaltung und Organisation der Transferprozesse,
  • Wahrgenommene Gelingensbedingungen und Barrieren,
  • Anpassung, Re-Kontextualisierung und Veränderung des Formats,
  • Perspektiven für eine langfristige Verstetigung.

Die Interviews (mit einer durchschnittlichen Länge von 35 Minuten) wurden aufgezeichnet, vollständig transkribiert und anschließend für die qualitative Analyse aufbereitet.

4.3 Datenauswertung

Die Auswertung der Interviews erfolgte mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2022). Diese Methode ermöglicht eine systematische und nachvollziehbare Analyse qualitativer Daten, indem Textmaterial schrittweise strukturiert und kategorisiert wird.

Die Entwicklung der Auswertungskategorien orientierte sich sowohl an theoretischen Konzepten der Transferforschung als auch an den empirischen Fragestellungen der Studie. Ausgangspunkt bildeten zentrale Aspekte von Transfer- und Implementationsprozessen, wie sie in der Literatur beschrieben werden (vgl. Gräsel, 2010; Euler & Sloane, 2025). Die Kategorien wurden zunächst deduktiv aus der Theorie abgeleitet und im Verlauf der Analyse durch induktiv entwickelte Unterkategorien ergänzt. Im Analyseprozess wurden insbesondere folgende thematische Kategorien berücksichtigt:

  • Wahrnehmung der Innovation (z. B. welche Aspekte der Zukunftswerkstatt als neu oder innovativ wahrgenommen werden),
  • Transferstrategien (z. B. Formen der Weitergabe, Anpassung oder Integration des Formats in neue Kontexte),
  • Gelingensbedingungen (z. B. unterstützende Netzwerke, institutionelle Ressourcen oder engagierte Akteur:innen),
  • Barrieren und Herausforderungen (z. B. organisatorische Hürden, Ressourcenprobleme oder fehlende strukturelle Unterstützung),
  • Transformation und Anpassung (z. B. Veränderungen des Formats im Zuge der Übertragung in neue Kontexte),
  • Perspektiven der Verstetigung (z. B. Einschätzungen zur langfristigen institutionellen Verankerung der Zukunftswerkstatt).

Durch diese Kategorienstruktur konnte das Interviewmaterial systematisch ausgewertet und zugleich eine Verbindung zu zentralen theoretischen Konzepten der Transferforschung hergestellt werden. Auf dieser Grundlage werden im folgenden Kapitel die zentralen Ergebnisse der Analyse dargestellt und entlang zentraler Aspekte von Transfer- und Verstetigungsprozessen strukturiert präsentiert.

5 Ergebnisse: Transfer und Verstetigung der Zukunftswerkstatt

5.1 Wahrnehmung der Zukunftswerkstatt als Innovation

In allen Interviews wird die Zukunftswerkstatt als innovatives Bildungsformat wahrgenommen. Besonders hervorgehoben wird die Integration unterschiedlicher didaktischer Elemente zu einem komplexen Lehr-Lern-Arrangement. Die Befragten beschreiben die Kombination aus digitalen Lernangeboten, kreativen Problemlösungsmethoden, kollaborativen Arbeitsformen sowie individueller Lernprozessbegleitung als charakteristisch für das Format. Eine Interviewperson beschreibt diese Struktur folgendermaßen:

„Ich finde, dass es viele verschiedene Elemente sehr gut zu einem Ganzen verbindet – digitale Lernumgebung, Coachingprozesse, Design-Thinking-Workshops und begleitende Lernmaterialien.“ (I5)

Mehrere Interviewpartner:innen betonen außerdem die Verknüpfung von fachlicher Expertise und kreativen Problemlösungsprozessen als Besonderheit des Formats. So hebt eine Person hervor:

„Die Kombination aus fundierten Inhalten zur Energiewirtschaft und kreativen Methoden wie Design Thinking macht das Format besonders.“ (I1)

Als innovativ wird zudem wahrgenommen, dass das Format offene, kreative Denkprozesse ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven zusammenführt. Eine Interviewperson beschreibt dies als zentrales Alleinstellungsmerkmal:

„Ein Alleinstellungsmerkmal ist, dass verschiedene innovative Problemlösungsmethoden verbunden werden und Raum für kreative Ideenentwicklung und Perspektivenaustausch entsteht.“ (I6).

Diese Wahrnehmung entspricht grundlegenden Annahmen der Transferforschung, wonach Innovationen in der Praxis häufig zunächst über ihre wahrgenommenen Mehrwerte und Besonderheiten rezipiert werden (Gräsel, 2010, S. 10). Zugleich zeigt sich, dass die Zukunftswerkstatt von den Befragten nicht als einzelnes Instrument, sondern als komplexes didaktisches Arrangement interpretiert wird.

Zwischenfazit: Die Zukunftswerkstatt wird von den beteiligten Akteur:innen als innovative Kombination fachlicher, methodischer und organisationaler Elemente wahrgenommen. Diese Wahrnehmung bildet eine wichtige Voraussetzung für Transferprozesse, da Innovationen erst dann rezipiert werden können, wenn sie von potenziellen Anwender:innen als relevant und anschlussfähig erkannt werden. Die Daten zeigen hierbei keine Unterschiede bei stark und gering involvierten Akteur:innen.

5.2 Transferstrategien

Die Interviews zeigen, dass der Transfer der Zukunftswerkstatt nicht als lineare Übertragung eines fertigen Konzepts erfolgt. Vielmehr lässt sich ein modularer und kontextsensitiver Transfer beobachten. In allen fünf Transferfeldern werden einzelne Elemente der Zukunftswerkstatt übernommen und an neue organisatorische oder didaktische Rahmenbedingungen angepasst. Ein Beispiel hierfür ist die Umgestaltung des Formats für den Hochschulkontext, bei der aus einer berufsbegleitenden Weiterbildung (mit insgesamt ca. 120 Stunden Lernzeit) ein universitärer Kurs mit Phasen aus Selbststudium und wöchentlicher Präsenzzeit (insgesamt ca. 120 Stunden Lernzeit) entwickelt wird.

„Die Zukunftswerkstatt, die eigentlich auf Berufstätige ausgelegt ist, wird so verändert, dass sie in einem Semesterseminar mit Studierenden umgesetzt werden kann.“ (I1)

Der lokale Transfer innerhalb des Projektträgers gestaltete sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen:

„Auf der technischen Ebene ging es darum, für die Studierenden einen Zugang zu den Online-Modulen einzurichten. Auf der Materialebene wurden der Energizer an die Zielgruppe angepasst; und auf der organisatorischen Ebene habe ich das Format an die andere Zeitstruktur einer Semesterveranstaltung angepasst.“ (I1)

Herausfordernd wurde dabei wahrgenommen:

„Es ging darum ein Seminar zu schaffen, das möglichst viele Aspekte vom Ursprungskonzept integriert, aber auch irgendwie mutig zu sein, ein paar Sachen an die andere Zielgruppe und die Semesterstruktur anzupassen.“ (I1)

In anderen Kontexten werden vor allem einzelne didaktische Elemente übernommen. Dazu gehören insbesondere Methoden aus dem Design Thinking, Lernprozessbegleitung oder spezifische Materialien der Zukunftswerkstatt. Eine Interviewperson beschreibt dies folgendermaßen:

„Wir greifen auf konzeptionelle Elemente zurück – zum Beispiel Lernmodule oder die Entwicklungsgespräche – und passen sie an unseren Kontext an … , entwickeln sie aber auch weiter – zum Beispiel auch KI-gestützt.“ (I3).

Auch im Sicherheitskontext erfolgt der Transfer eher komponentenbezogen. Dort werden einzelne Methoden oder Materialien übernommen, während andere Teile des Formats reduziert oder verändert werden:

„Einzelne Anteile wie das Train-the-Trainer-Konzept oder der Energizer werden übernommen, aber in deutlich reduzierter fachlicher Tiefe.“ (I2).

Herauszustellen ist dabei: In fünf von vier Transferfeldern wird eine Train-the-Trainer-Schulung von Multiplikator:innen umgesetzt, um den Transfer zu fördern. Zudem wird eine Bedarfsanalyse als zentraler Ausgangspunkt und Gelingensbedingung herausgestellt:

„Ich erachte eine Bedarfsanalyse als essenziellen Startpunkt, und zwar eine partizipative Bedarfsanalyse, so dass nicht nur uns, sondern auch den Teilnehmenden klar ist, wo der Bedarf liegt.“ (I5)

Zwischenfazit: Der Transfer der Zukunftswerkstatt erfolgt überwiegend modular und selektiv. Statt einer vollständigen Übernahme des Formats werden einzelne Elemente adaptiert und neu kombiniert. Transfer erscheint damit als kontextspezifischer Rekonfigurationsprozess. Auch hier spielt der Grad der Involviertheit keine Rolle.

5.3 Gelingensbedingungen

Die Interviews verweisen auf mehrere Faktoren, die den Transfer der Zukunftswerkstatt begünstigen. Als eine wichtige Gelingensbedingung werden die erfolgreichen Erprobungen der Zukunftswerkstatt herausgestellt:

„Es war wichtig, dass sie im Projekt zweimal erfolgreich erprobt wurde und damit ein fertiges Konzept stand und nicht ein unfertiges Stückwerk übergeben wurde. Damit konnte ich anfangen, den Transfer umzusetzen.“ (I1)

Ein weiterer zentraler Erfolgsfaktor ist die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen und Akteursgruppen. Transferprozesse werden häufig an Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Bildungseinrichtungen und Praxisorganisationen gestaltet. Eine Interviewperson beschreibt diese Kooperation als wesentlich für den Transfer:

„Ich arbeite mit verschiedenen Projektpartnern zusammen, die unterschiedlichen Organisationen angehören und verschiedene Aufgaben im Transfer übernehmen. […] Wir haben uns über einen Rahmenplan, Ziele und Strukturen für den Transfer verständigt, einzelne Elemente der Zukunftswerkstatt durchpriorisiert, uns einen fixen Termin für regelmäßigen Austausch definiert und klare Zuständigkeiten und Aufgaben verteilt – die regelmäßige Kommunikation war essenziell.“ (I6)

Als wichtig werden zudem personelle Ressourcen und engagierte Akteur:innen hervorgehoben. Mehrere Interviewpartner:innen betonen die Bedeutung von Personen, die Transferprozesse aktiv koordinieren und weiterentwickeln. Darüber hinaus spielen vorhandene konzeptionelle Grundlagen eine wichtige Rolle:

„Es wurden von den Konzeptor:innen gut strukturiert viele Dokumente und Ordner mit Materialien hinterlassen. Ich habe mir anhand von Protokollen, Planungen, Stundenverlaufsplänen und Fotoprotokollen ein Bild darüber gemacht, wie die Erprobungen liefen und dann anhand der Eindrücke probiert, das zu übertragen.“ (I1)

Zudem erleichtern die bereits entwickelten Module, Methoden und Materialien der Zukunftswerkstatt den Transfer, da sie als Ausgangspunkt für Anpassungen dienen können:

„Erleichtert hat den Transfer, dass die Zukunftswerkstatt aus vielen Komponenten besteht (z. B. Exkursionen, Workshops mit Expert:innen, ein modular gestalteter Online-Kurs, ein Kursbuch), sodass ich schauen konnte, welche Komponenten übertragen werden konnten oder vielleicht auch ein wenig zusammengekürzt werden mussten.“ (I1)

Schließlich wird auch die Netzwerkstruktur des Projekts als unterstützend beschrieben. Durch bestehende Kooperationen zwischen Hochschulen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen entstehen Möglichkeiten, das Format in unterschiedliche Praxisfelder zu übertragen.

Diese Befunde decken sich mit Erkenntnissen der Modellversuchsforschung, die Transferprozesse stark von Akteursnetzwerken, institutionellen Kooperationen und vorhandenen Transferstrukturen abhängig sieht (Nickolaus et al. 2010, S. 49; Schlömer et al., 2024, S. 173).

Zwischenfazit: Transferprozesse werden insbesondere durch institutionelle Netzwerke, engagierte Akteur:innen sowie vorhandene Materialien und Konzepte unterstützt. Transfer erweist sich damit als sozial und organisatorisch eingebetteter Prozess. Insbesondere die Befragten mit geringem Grad der Involviertheit betonen die Wichtigkeit von begleitenden Materialien und Konzepten für die Entwicklung eines Verständnisses über den Transfergegenstand.

5.4 Barrieren und Herausforderungen

Neben förderlichen Faktoren werden in den Interviews auch verschiedene Herausforderungen des Transfers deutlich. Eine zentrale Schwierigkeit besteht in der Übertragung komplexer didaktischer Arrangements in neue organisatorische Kontexte. Die Kombination aus digitalen Lernangeboten, kollaborativen Methoden und Lernprozessbegleitung erfordert erhebliche organisatorische Abstimmung.

Auch technische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen können Transferprozesse erschweren. Eine Interviewperson verweist beispielsweise auf Fragen der digitalen Plattform:

„Die Frage, auf welcher Plattform man die digitalen Inhalte gut abbilden kann, hat mich von Anfang an beschäftigt.“ (I5)

Auch kulturelle Unterschiede zwischen Zielgruppen können Herausforderungen darstellen. So wird berichtet, dass bestimmte Methoden – etwa kreative Design-Thinking-Elemente – nicht in allen Kontexten gleichermaßen akzeptiert werden:

„Bei einigen Akteuren kam das Arbeiten mit Legosteinen oder spielerischen Methoden nicht so gut an.“ (I4)

Darüber hinaus wird deutlich, dass Transferprozesse häufig zeit- und ressourcenintensiv sind. Die Anpassung eines bestehenden Formats an neue Zielgruppen oder organisatorische Strukturen erfordert zusätzliche konzeptionelle Arbeit. In vier von fünf Transferfeldern benötigten die Transferprozesse mindestens ein Jahr bis zur ersten Erprobung im neuen Kontext. Zu gewährleisten ist dies vor allem durch Projektverlängerungen und nahtlose Anschlussprojekte mit Schwerpunktsetzung auf den Transfer.

Diese Beobachtungen bestätigen zentrale Befunde der Transferforschung, wonach institutionelle Rahmenbedingungen, Organisationskulturen und Ressourcenlagen maßgeblich beeinflussen, ob und wie Innovationen übernommen werden (Gräsel, 2010, S. 12).

Zwischenfazit: Transferprozesse werden durch organisatorische, technische und kulturelle Faktoren beeinflusst. Insbesondere komplexe Lehr-Lern-Arrangements erfordern umfangreiche Anpassungsleistungen, um in unterschiedlichen Kontexten implementiert werden zu können. Die Zukunftswerkstatt befindet sich derzeit in einer Übergangsphase zwischen Projektinnovation und institutioneller Verstetigung. Ob und in welchem Umfang eine langfristige Verankerung gelingt, hängt wesentlich von institutionellen Rahmenbedingungen und Transferstrukturen ab.

5.5 Gesamtinterpretation der Transferprozesse

Die empirischen Befunde bestätigen zentrale Annahmen der Transferforschung und stehen auch im Einklang von Erkenntnissen aus Transfermodellprojekten der BBNE-Forschung (Melzig & Hemkes, 2024; Schlömer et al., 2024). Die Zukunftswerkstatt wird von den beteiligten Akteur:innen nicht als statisches Format übernommen, sondern in unterschiedlichen organisationalen Kontexten neu interpretiert und angepasst. Dabei lassen sich drei charakteristische Muster des Transfers identifizieren:

(1) Modularisierung der Innovation: Der Transfer erfolgt überwiegend über einzelne Komponenten des Formats. Methoden, Materialien oder didaktische Prinzipien der Zukunftswerkstatt werden in unterschiedlichen Kontexten selektiv übernommen und in bestehende Strukturen integriert.

(2) Kontextualisierung und Rekonfiguration: Die übernommenen Elemente werden an neue Zielgruppen, organisatorische Rahmenbedingungen und institutionelle Logiken angepasst. Dadurch entstehen unterschiedliche Varianten der ursprünglichen Innovation. Zu einem ähnlichen Ergebnis in der BBNE-Forschung kommen Angerhöfer et al. (2024).

(3) Netzwerkbasierter Transfer: Transferprozesse werden maßgeblich durch Kooperationen zwischen verschiedenen Organisationen sowie durch engagierte Einzelpersonen getragen. Die Weitergabe der Innovation erfolgt somit weniger über formale Implementationsstrategien als über bestehende Netzwerke und persönliche Initiativen. Kommunikation und Kooperation scheinen wichtige Erfolgsfaktoren für den Transfer von BBNE-Konzepten zu sein (Beer & Alder, 2024).

Diese Muster entsprechen Befunden der Modellversuchsforschung, nach denen Transferprozesse stark von Akteursnetzwerken, institutionellen Kontexten und organisationalen Ressourcen abhängig sind (Nickolaus et al., 2010, S. 49). Zugleich zeigt sich, dass die Zukunftswerkstatt im Transferprozess selbst transformiert wird. Die Innovation wird nicht reproduziert, sondern im Zuge ihrer Anwendung weiterentwickelt. Damit bestätigt sich eine zentrale Annahme der Transferforschung: Innovationen verändern sich im Prozess ihrer Rezeption und Anwendung (Euler & Sloane, 2025).

Der Transfer der Zukunftswerkstatt kann somit als adaptiver Innovationsprozess beschrieben werden, in dem sich das ursprüngliche Format in unterschiedlichen Praxisfeldern weiterentwickelt. Transfer bedeutet in diesem Zusammenhang nicht die Verbreitung eines stabilen Konzepts, sondern die kontextspezifische Weiterentwicklung einer didaktischen Innovation.

6 Diskussion: Nachhaltige Verstetigung zwischen Anspruch und Realität

Die Ergebnisse der Interviewstudie ermöglichen eine differenzierte Betrachtung der bisherigen Transfer- und Verstetigungsprozesse der Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“. Im Folgenden werden die empirischen Befunde im Lichte zentraler Erkenntnisse der Transfer- und Modellversuchsforschung diskutiert. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Bedeutung organisationaler Kontexte sowie strukturelle Herausforderungen der Verstetigung von Bildungsinnovationen.

6.1 Bedeutung sozialer und organisationaler Kontexte

Ein zentraler Befund betrifft die Bedeutung sozialer und organisationaler Rahmenbedingungen für Transferprozesse. Die Interviews zeigen deutlich, dass die Übernahme und Weiterentwicklung der Zukunftswerkstatt stark von institutionellen Kontexten, organisationalen Strukturen und vorhandenen Ressourcen abhängt.

In den untersuchten Transferfeldern – etwa Hochschullehre, Handwerk oder regionalen Transformationsprojekten – unterscheiden sich sowohl Zielgruppen als auch organisatorische Rahmenbedingungen erheblich. Diese Unterschiede führen dazu, dass einzelne Elemente der Zukunftswerkstatt unterschiedlich interpretiert und eingesetzt werden. So werden beispielsweise kreative Methoden wie Design Thinking in einigen Kontexten positiv aufgenommen, während sie in anderen Kontexten zunächst auf Skepsis stoßen.

Diese Beobachtungen bestätigen Befunde der Transferforschung, wonach Innovationen stets in bestehende organisationale Strukturen (z. B. Netzwerke) eingebettet werden müssen. Gräsel (2010, S. 12) betont, dass Transferprozesse stark von lokalen Kontextbedingungen beeinflusst werden. Auch Diettrich (2013, S. 99) sowie Schlömer et al. (2024) zeigen im Kontext der Modellversuchsforschung, dass institutionelle Rahmenbedingungen, Ressourcenverfügbarkeit und organisationales Lernen entscheidende Faktoren für die Verbreitung von Innovationen darstellen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Transferprozesse nicht allein durch die Qualität eines Konzepts bestimmt werden. Vielmehr hängt ihre Umsetzung maßgeblich davon ab, ob Innovationen an bestehende Strukturen anschlussfähig sind und von den beteiligten Organisationen aktiv aufgegriffen werden.

6.2 Typische Transferprobleme von Modellprojekten

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen zugleich typische Herausforderungen, die in der Modellversuchsforschung – auch im Kontext der BBNE – seit Langem beschrieben werden. Insbesondere zeigt sich eine Spannung zwischen der Projektlogik innovationsorientierter Förderprogramme und der langfristigen Verstetigung von Innovationen.

Modellprojekte schaffen häufig experimentelle Räume, in denen neue Konzepte entwickelt und erprobt werden können. Gleichzeitig sind sie jedoch zeitlich begrenzt und an spezifische Förderstrukturen gebunden. Dadurch entsteht häufig eine Situation, in der innovative Ansätze zwar erfolgreich erprobt werden, ihre langfristige Implementierung in reguläre Strukturen jedoch unsicher bleibt.

Diese Problematik wird in der Modellversuchsforschung wiederholt beschrieben. Nickolaus, und Schnurpel (2001) zeigen, dass viele Bildungsinnovationen aus Modellprojekten zwar kurzfristige Innovationseffekte erzeugen, ihre nachhaltige Verankerung jedoch häufig an institutionellen Rahmenbedingungen scheitert. Auch in der vorliegenden Studie wird deutlich, dass einzelne Elemente der Zukunftswerkstatt zwar in unterschiedlichen Kontexten weitergeführt werden, eine umfassende strukturelle Verankerung jedoch bislang nur in Ansätzen erkennbar ist.

Diese Ambivalenz zwischen Innovationsförderung und nachhaltiger Implementierung stellt eine zentrale Herausforderung für Transferprozesse im Bereich der beruflichen Bildung dar.

6.3 Rolle von Netzwerken und Interaktion

Neben institutionellen Rahmenbedingungen wird in den Interviews die Bedeutung von Netzwerken und persönlichen Beziehungen für Transferprozesse deutlich. Mehrere Interviewpartner:innen betonen, dass Transferaktivitäten maßgeblich durch engagierte Einzelpersonen der Berufsbildungspraxis sowie durch bestehende Kooperationen zwischen Organisationen vorangetrieben werden.

Diese Beobachtung entspricht interaktionsorientierten Ansätzen der Innovationsforschung. Kaiser und Gießler (2025) betonen, dass Innovation und Transfer in der beruflichen Bildung häufig in kooperativen Prozessen entstehen, in denen Akteur:innen aus unterschiedlichen Institutionen gemeinsam neue Lösungen entwickeln und erproben. Netzwerke fungieren dabei als zentrale Plattformen für Wissensaustausch, Kooperation und gemeinsame Weiterentwicklung von Innovationen.

Auch in der vorliegenden Studie zeigt sich, dass Transferprozesse wesentlich durch solche Interaktionsprozesse getragen werden. Engagierte Akteur:innen übernehmen eine zentrale Rolle bei der Initiierung und Koordination von Transferaktivitäten. Gleichzeitig verdeutlichen die Interviews, dass solche personengebundenen Prozesse auch Risiken bergen können, wenn Transfer stark von einzelnen Individuen abhängt.

6.4 Ambivalenzen der Verstetigung

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen schließlich eine grundlegende Ambivalenz von Transferprozessen. Einerseits zeigen die Interviews, dass die Zukunftswerkstatt in unterschiedlichen Kontexten aufgegriffen und weiterentwickelt wird. Andererseits bleibt ihre langfristige institutionelle Verankerung bislang begrenzt. Es zeigt sich gegenwärtig insbesondere, dass es spezifischer Anstrengungen bedarf, in den jeweiligen Transfer- und Verstetigungskontexten Teilnehmende für BBNE-Angebote zu akquirieren. Das betrifft sowohl die Zukunftswerkstatt in der Lausitz, die Zukunftswerkstatt in der Hochschule, die lernortverbindende Lernortschmiede im Handwerk als auch das KI-gestützte Energieforum für kleine und mittlere Unternehmen. Marketing und Akquise von Teilnehmenden sind Aufgabenfelder, die in der Transferforschung im Allgemeinen und im Kontext der BBNE im Speziellen bisher weniger stark im Fokus stehen (Schlömer et al. 2024, S. 177).

Diese Ambivalenz spiegelt eine zentrale Herausforderung der BBNE wider. Während innovative Bildungsformate zunehmend entwickelt und erprobt werden, stellt ihre nachhaltige Integration in bestehende Strukturen der beruflichen Bildung eine komplexe Aufgabe dar. Transferprozesse bewegen sich damit häufig im Spannungsfeld zwischen projektbasierter Innovation und institutioneller Verstetigung – und brauchen Zeit – wie es die Fallstudie zur Zukunftswerkstatt zeigt.

Insgesamt verdeutlicht die Analyse, dass der Transfer der Zukunftswerkstatt als offener und dynamischer Prozess verstanden werden muss, in dem Innovationen in unterschiedlichen Kontexten weiterentwickelt werden. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine nachhaltige Verstetigung solcher Innovationen langfristige institutionelle Strategien und stabile personelle, organisationale und finanzielle Transferstrukturen (einschließlich Marketingbudgets) erfordert. Diese Einschätzungen entsprechen Erkenntnissen der Modellversuchsforschung, wonach die eigentliche Herausforderung vieler Innovationsprojekte nicht in der Entwicklung neuer Konzepte liegt, sondern in deren langfristiger Verankerung in Praxisstrukturen (Nickolaus & Schnurpel, 2001; Nickolaus et al. 2010).

7 Fazit und Implikationen für den Transfer von BBNE-Innovationen

Die Analyse der Transferprozesse der Zukunftswerkstatt „Die Energiewende mitgestalten“ ermöglicht eine erste Bilanz der Herausforderungen und Potenziale bei der Verstetigung von Bildungsinnovationen im Kontext einer BBNE. Die Fallstudie zeigt, wie sich der Übergang einer BBNE-Innovation von der projektförmigen Entwicklung in eine noch offene Transfer- und Verstetigungsphase vollzieht. Aus den Befunden lassen sich drei übergreifende Implikationen ableiten: Erstens wird deutlich, dass Transferprozesse eine frühzeitige strategische Planung erfordern. Transfer sollte nicht erst am Ende eines Projekts beginnen, sondern bereits während der Entwicklungsphase mitgedacht werden. Zweitens zeigt sich die zentrale Bedeutung von Netzwerken und intermediären Akteur:innen. Kooperationen zwischen Wissenschaft, Bildungseinrichtungen und Praxisorganisationen können wichtige Voraussetzungen für die Weiterentwicklung und Verbreitung von Innovationen schaffen. Drittens wird deutlich, dass eine nachhaltige Verstetigung von Bildungsinnovationen eine institutionelle Einbettung voraussetzt. Langfristige Implementierung gelingt nur dann, wenn innovative Konzepte in organisatorische Strukturen, Curricula oder Weiterbildungsprogramme integriert und durch Marketingmaßnahmen flankiert werden.

Transfer erweist sich damit als sozial eingebetteter und organisationsbezogener Prozess (Bauer et al., 2025). Für die Zukunftswerkstatt ist die Verstetigung noch nicht abgeschlossen; ihr weiterer Verlauf wird zeigen, inwieweit die begonnenen Transferaktivitäten dauerhaft institutionell verankert werden können.

Hinweis zur Nutzung generativer KI

Bei der Entstehung und sprachlichen Überarbeitung dieses Beitrags kam ChatGPT/Business (OpenAI) zum Einsatz. Die Autorin verantwortet sämtliche inhaltliche Entscheidungen sowie die Prüfung der Quellen und Zitate. Die Offenlegung orientiert sich an Porsdam Mann et al. (2024).

Literatur

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[1]    Die Autorin bedankt sich für die Förderung bei dtec.bw – Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr. Das dtec.bw ist ein von den Universitäten der Bundeswehr Hamburg und München gemeinsam getragenes wissenschaftliches Zentrum und Bestandteil des Konjunkturprogramms der Bundesregierung zur Überwindung der COVID-19-Krise. Es unterliegt der akademischen Selbstverwaltung. Die Mittel, mit dem das dtec.bw ausgestattet wurde, werden an beiden Universitäten der Bundeswehr zur Finanzierung von Forschungsprojekten und Projekten zum Wissens- und Technologietransfer eingesetzt.